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The Project Gutenberg eBook of Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 1
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Title: Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 1
Author: Johann Wolfgang von Goethe
Release date: September 1, 2000 [eBook #2335]
Most recently updated: April 3, 2015
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/2335
Credits: This etext was prepared by Michael Pullen
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM MEISTERS LEHRJAHRE — BAND 1 ***
This etext was prepared by Michael Pullen,
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Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 1
Johann Wolfgang von Goethe
Erstes Buch
Erstes Kapitel
Das Schauspiel dauerte sehr lange. Die alte Barbara trat einigemal
ans Fenster und horchte, ob die Kutschen nicht rasseln wollten. Sie
erwartete Marianen, ihre schöne Gebieterin, die heute im Nachspiele,
als junger Offizier gekleidet, das Publikum entzückte, mit größerer
Ungeduld als sonst, wenn sie ihr nur ein mäßiges Abendessen
vorzusetzen hatte; diesmal sollte sie mit einem Paket überrascht
werden, das Norberg, ein junger, reicher Kaufmann, mit der Post
geschickt hatte, um zu zeigen, daß er auch in der Entfernung seiner
Geliebten gedenke.
Barbara war als alte Dienerin, Vertraute, Ratgeberin, Unterhändlerin
und Haushälterin in Besitz des Rechtes, die Siegel zu eröffnen, und
auch diesen Abend konnte sie ihrer Neugierde um so weniger widerstehen,
als ihr die Gunst des freigebigen Liebhabers mehr als selbst Marianen
am Herzen lag. Zu ihrer größten Freude hatte sie in dem Paket ein
feines Stück Nesseltuch und die neuesten Bänder für Marianen, für sich
aber ein Stück Kattun, Halstücher und ein Röllchen Geld gefunden. Mit
welcher Neigung, welcher Dankbarkeit erinnerte sie sich des abwesenden
Norbergs! Wie lebhaft nahm sie sich vor, auch bei Marianen seiner im
besten zu gedenken, sie zu erinnern, was sie ihm schuldig sei und was
er von ihrer Treue hoffen und erwarten müsse.
Das Nesseltuch, durch die Farbe der halbaufgerollten Bänder belebt,
lag wie ein Christgeschenk auf dem Tischchen; die Stellung der Lichter
erhöhte den Glanz der Gabe, alles war in Ordnung, als die Alte den
Tritt Marianens auf der Treppe vernahm und ihr entgegeneilte. Aber
wie sehr verwundert trat sie zurück, als das weibliche Offizierchen,
ohne auf die Liebkosungen zu achten, sich an ihr vorbeidrängte, mit
ungewöhnlicher Hast und Bewegung in das Zimmer trat, Federhut und
Degen auf den Tisch warf, unruhig auf und nieder ging und den
feierlich angezündeten Lichtern keinen Blick gönnte.
"Was hast du, Liebchen?" rief die Alte verwundert aus. "Um 's Himmels
willen, Töchterchen, was gibt's? Sieh hier diese Geschenke! Von wem
können sie sein, als von deinem zärtlichsten Freunde? Norberg schickt
dir das Stück Musselin zum Nachtkleide; bald ist er selbst da; er
scheint mir eifriger und freigebiger als jemals."
Die Alte kehrte sich um und wollte die Gaben, womit er auch sie
bedacht, vorweisen, als Mariane, sich von den Geschenken wegwendend,
mit Leidenschaft ausrief: "Fort! Fort! heute will ich nichts von
allem diesen hören; ich habe dir gehorcht, du hast es gewollt, es sei
so! Wenn Norberg zurückkehrt, bin ich wieder sein, bin ich dein,
mache mit mir, was du willst, aber bis dahin will ich mein sein, und
hättest du tausend Zungen, du solltest mir meinen Vorsatz nicht
ausreden. Dieses ganze Mein will ich dem geben, der mich liebt und
den ich liebe. Keine Gesichter! Ich will mich dieser Leidenschaft
überlassen, als wenn sie ewig dauern sollte."
Der Alten fehlte es nicht an Gegenvorstellungen und Gründen; doch da
sie in fernerem Wortwechsel heftig und bitter ward, sprang Mariane auf
sie los und faßte sie bei der Brust. Die Alte lachte überlaut. "Ich
werde sorgen müssen", rief sie aus, "daß sie wieder bald in lange
Kleider kommt, wenn ich meines Lebens sicher sein will. Fort, zieht
Euch aus! Ich hoffe, das Mädchen wird mir abbitten, was mir der
flüchtige Junker Leids zugefügt hat; herunter mit dem Rock und immer
so fort alles herunter! Es ist eine unbequeme Tracht, und für Euch
gefährlich, wie ich merke. Die Achselbänder begeistern Euch."
Die Alte hatte Hand an sie gelegt, Mariane riß sich los. "Nicht so
geschwind!" rief sie aus, "ich habe noch heute Besuch zu erwarten."
"Das ist nicht gut", versetzte die Alte. "Doch nicht den jungen,
zärtlichen, unbefiederten Kaufmannssohn?"--"Eben den", versetzte
Mariane.
"Es scheint, als wenn die Großmut Eure herrschende Leidenschaft werden
wollte", erwiderte die Alte spottend; "Ihr nehmt Euch der Unmündigen,
der Unvermögenden mit großem Eifer an. Es muß reizend sein, als
uneigennützige Geberin angebetet zu werden."
"Spotte, wie du willst. Ich lieb ihn! ich lieb ihn! Mit welchem
Entzücken sprech ich zum erstenmal diese Worte aus! Das ist diese
Leidenschaft, die ich so oft vorgestellt habe, von der ich keinen
Begriff hatte. Ja, ich will mich ihm um den Hals werfen! ich will ihn
fassen, als wenn ich ihn ewig halten wollte. Ich will ihm meine ganze
Liebe zeigen, seine Liebe in ihrem ganzen Umfang genießen."
"Mäßigt Euch", sagte die Alte gelassen, "mäßigt Euch! Ich muß Eure
Freude durch ein Wort unterbrechen: Norberg kommt! in vierzehn Tagen
kommt er! Hier ist sein Brief, der die Geschenke begleitet hat."
"Und wenn mir die Morgensonne meinen Freund rauben sollte, will ich
mir's verbergen. Vierzehn Tage! Welche Ewigkeit! In vierzehn Tagen,
was kann da nicht vorfallen, was kann sich da nicht verändern!"
Wilhelm trat herein. Mit welcher Lebhaftigkeit flog sie ihm entgegen!
mit welchem Entzücken umschlang er die rote Uniform! drückte er das
weiße Atlaswestchen an seine Brust! Wer wagte hier zu beschreiben,
wem geziemt es, die Seligkeit zweier Liebenden auszusprechen! Die
Alte ging murrend beiseite, wir entfernen uns mit ihr und lassen die
Glücklichen allein.
I. Buch, 2. Kapitel
Zweites Kapitel
Als Wilhelm seine Mutter des andern Morgens begrüßte, eröffnete sie
ihm, daß der Vater sehr verdrießlich sei und ihm den täglichen Besuch
des Schauspiels nächstens untersagen werde. "Wenn ich gleich selbst",
fuhr sie fort, "manchmal gern ins Theater gehe, so möchte ich es doch
oft verwünschen, da meine häusliche Ruhe durch deine unmäßige
Leidenschaft zu diesem Vergnügen gestört wird. Der Vater wiederholt
immer wozu es nur nütze sei? Wie man seine Zeit nur so verderben
könne?"
"Ich habe es auch schon von ihm hören müssen", versetzte Wilhelm, "und
habe ihm vielleicht zu hastig geantwortet; aber um 's Himmels willen,
Mutter! ist denn alles unnütz, was uns nicht unmittelbar Geld in den
Beutel bringt, was uns nicht den allernächsten Besitz verschafft?
Hatten wir in dem alten Hause nicht Raum genug? und war es nötig, ein
neues zu bauen? Verwendet der Vater nicht jährlich einen ansehnlichen
Teil seines Handelsgewinnes zur Verschönerung der Zimmer? Diese
seidenen Tapeten, diese englischen Mobilien, sind sie nicht auch
unnütz? Könnten wir uns nicht mit geringeren begnügen? Wenigstens
bekenne ich, daß mir diese gestreiften Wände, diese hundertmal
wiederholten Blumen, Schnörkel, Körbchen und Figuren einen durchaus
unangenehmen Eindruck machen. Sie kommen mir höchstens vor wie unser
Theatervorhang. Aber wie anders ist's, vor diesem zu sitzen! Wenn
man noch so lange warten muß, so weiß man doch, er wird in die Höhe
gehen, und wir werden die mannigfaltigsten Gegenstände sehen, die uns
unterhalten, aufklären und erheben."
"Mach es nur mäßig", sagte die Mutter, "der Vater will auch abends
unterhalten sein; und dann glaubt er, es zerstreue dich, und am Ende
trag ich, wenn er verdrießlich wird, die Schuld. Wie oft mußte ich
mir das verwünschte Puppenspiel vorwerfen lassen, das ich euch vor
zwölf Jahren zum Heiligen Christ gab und das euch zuerst Geschmack am
Schauspiele beibrachte!"
"Schelten Sie das Puppenspiel nicht, lassen Sie sich Ihre Liebe und
Vorsorge nicht gereuen! Es waren die ersten vergnügten Augenblicke,
die ich in dem neuen, leeren Hause genoß; ich sehe es diesen
Augenblick noch vor mir, ich weiß, wie sonderbar es mir vorkam, als
man uns, nach Empfang der gewöhnlichen Christgeschenke, vor einer Türe
niedersetzen hieß, die aus einem andern Zimmer hereinging. Sie
eröffnete sich; allein nicht wie sonst zum Hin- und Widerlaufen, der
Eingang war durch eine unerwartete Festlichkeit ausgefüllt. Es baute
sich ein Portal in die Höhe, das von einem mystischen Vorhang verdeckt
war. Erst standen wir alle von ferne, und wie unsere Neugierde größer
ward, um zu sehen, was wohl Blinkendes und Rasselndes sich hinter der
halb durchsichtigen Hülle verbergen möchte, wies man jedem sein
Stühlchen an und gebot uns, in Geduld zu warten.
So saß nun alles und war still; eine Pfeife gab das Signal, der
Vorhang rollte in die Höhe und zeigte eine hochrot gemalte Aussicht in
den Tempel. Der Hohepriester Samuel erschien mit Jonathan, und ihre
wechselnden wunderlichen Stimmen kamen mir höchst ehrwürdig vor. Kurz
darauf betrat Saul die Szene, in großer Verlegenheit über die
Impertinenz des schwerlötigen Kriegers, der ihn und die Seinigen
herausgefordert hatte. Wie wohl ward es mir daher, als der
zwerggestaltete Sohn Isai mit Schäferstab, Hirtentasche und Schleuder
hervorhüpfte und sprach: "Großmächtigster König und Herr! es
entfalle keinem der Mut um deswillen; wenn Ihre Majestät mir erlauben
wollen, so will ich hingehen und mit dem gewaltigen Riesen in den
Streit treten."--Der erste Akt war geendet und die Zuschauer höchst
begierig zu sehen, was nun weiter vorgehen sollte; jedes wünschte, die
Musik möchte nur bald aufhören. Endlich ging der Vorhang wieder in
die Höhe. David weihte das Fleisch des Ungeheuers den Vögeln unter
dem Himmel und den Tieren auf dem Felde; der Philister sprach Hohn,
stampfte viel mit beiden Füßen, fiel endlich wie ein Klotz und gab der
ganzen Sache einen herrlichen Ausschlag. Wie dann nachher die
Jungfrauen sangen: "Saul hat tausend geschlagen, David aber
zehntausend!", der Kopf des Riesen vor dem kleinen Überwinder
hergetragen wurde und er die schöne Königstochter zur Gemahlin erhielt,
verdroß es mich doch bei aller Freude, daß der Glücksprinz so
zwergmäßig gebildet sei. Denn nach der Idee vom großen Goliath und
kleinen David hatte man nicht verfehlt, beide recht charakteristisch
zu machen. Ich bitte Sie, wo sind die Puppen hingekommen? Ich habe
versprochen, sie einem Freunde zu zeigen, dem ich viel Vergnügen
machte, indem ich ihn neulich von diesem Kinderspiel unterhielt."
"Es wundert mich nicht, daß du dich dieser Dinge so lebhaft erinnerst:
denn du nahmst gleich den größten Anteil daran. Ich weiß, wie du mir
das Büchlein entwendetest und das ganze Stück auswendig lerntest; ich
wurde es erst gewahr, als du eines Abends dir einen Goliath und David
von Wachs machtest, sie beide gegeneinander perorieren ließest, dem
Riesen endlich einen Stoß gabst und sein unförmliches Haupt auf einer
großen Stecknadel mit wächsernem Griff dem kleinen David in die Hand
klebtest. Ich hatte damals so eine herzliche mütterliche Freude über
dein gutes Gedächtnis und deine pathetische Rede, daß ich mir sogleich
vornahm, dir die hölzerne Truppe nun selbst zu übergeben. Ich dachte
damals nicht, daß es mir so manche verdrießliche Stunde machen sollte."
"Lassen Sie sich's nicht gereuen", versetzte Wilhelm; "denn es haben
uns diese Scherze manche vergnügte Stunde gemacht."
Und mit diesem erbat er sich die Schlüssel, eilte, fand die Puppen und
war einen Augenblick in jene Zeiten versetzt, wo sie ihm noch belebt
schienen, wo er sie durch die Lebhaftigkeit seiner Stimme, durch die
Bewegung seiner Hände zu beleben glaubte. Er nahm sie mit auf seine
Stube und verwahrte sie sorgfältig.
I. Buch, 3. Kapitel
Drittes Kapitel
Wenn die erste Liebe, wie ich allgemein behaupten höre, das Schönste
ist, was ein Herz früher oder später empfinden kann, so müssen wir
unsern Helden dreifach glücklich preisen, daß ihm gegönnt ward, die
Wonne dieser einzigen Augenblicke in ihrem ganzen Umfange zu genießen.
Nur wenig Menschen werden so vorzüglich begünstigt, indes die meisten
von ihren frühern Empfindungen nur durch eine harte Schule geführt
werden, in welcher sie, nach einem kümmerlichen Genuß, gezwungen sind,
ihren besten Wünschen entsagen und das, was ihnen als höchste
Glückseligkeit vorschwebte, für immer entbehren zu lernen.
Auf den Flügeln der Einbildungskraft hatte sich Wilhelms Begierde zu
dem reizenden Mädchen erhoben; nach einem kurzen Umgange hatte er ihre
Neigung gewonnen, er fand sich im Besitz einer Person, die er so sehr
liebte, ja verehrte: denn sie war ihm zuerst in dem günstigen Lichte
theatralischer Vorstellung erschienen, und seine Leidenschaft zur
Bühne verband sich mit der ersten Liebe zu einem weiblichen Geschöpfe.
Seine Jugend ließ ihn reiche Freuden genießen, die von einer
lebhaften Dichtung erhöht und erhalten wurden. Auch der Zustand
seiner Geliebten gab ihrem Betragen eine Stimmung, welche seinen
Empfindungen sehr zu Hülfe kam; die Furcht, ihr Geliebter möchte ihre
übrigen Verhältnisse vor der Zeit entdecken, verbreitete über sie
einen liebenswürdigen Anschein von Sorge und Scham, ihre Leidenschaft
für ihn war lebhaft, selbst ihre Unruhe schien ihre Zärtlichkeit zu
vermehren; sie war das lieblichste Geschöpf in seinen Armen.
Als er aus dem ersten Taumel der Freude erwachte und auf sein Leben
und seine Verhältnisse zurückblickte, erschien ihm alles neu, seine
Pflichten heiliger, seine Liebhabereien lebhafter, seine Kenntnisse
deutlicher, seine Talente kräftiger, seine Vorsätze entschiedener. Es
ward ihm daher leicht, eine Einrichtung zu treffen, um den Vorwürfen
seines Vaters zu entgehen, seine Mutter zu beruhigen und Marianens
Liebe ungestört zu genießen. Er verrichtete des Tags seine Geschäfte
pünktlich, entsagte gewöhnlich dem Schauspiel, war abends bei Tische
unterhaltend und schlich, wenn alles zu Bette war, in seinen Mantel
gehüllt, sachte zu dem Garten hinaus und eilte, alle Lindors und
Leanders im Busen, unaufhaltsam zu seiner Geliebten.
"Was bringen Sie?" fragte Mariane, als er eines Abends ein Bündel
hervorwies, das die Alte in Hoffnung angenehmer Geschenke sehr
aufmerksam betrachtete. "Sie werden es nicht erraten", versetzte
Wilhelm.
Wie verwunderte sich Mariane, wie entsetzte sich Barbara, als die
aufgebundene Serviette einen verworrenen Haufen spannenlanger Puppen
sehen ließ. Mariane lachte laut, als Wilhelm die verworrenen Drähte
auseinanderzuwickeln und jede Figur einzeln vorzuzeigen bemüht war.
Die Alte schlich verdrießlich beiseite.
Es bedarf nur einer Kleinigkeit, um zwei Liebende zu unterhalten, und
so vergnügten sich unsre Freunde diesen Abend aufs beste. Die kleine
Truppe wurde gemustert, jede Figur genau betrachtet und belacht.
König Saul im schwarzen Samtrocke mit der goldenen Krone wollte
Marianen gar nicht gefallen; er sehe ihr, sagte sie, zu steif und
pedantisch aus. Desto besser behagte ihr Jonathan, sein glattes Kinn,
sein gelb und rotes Kleid und der Turban. Auch wußte sie ihn gar
artig am Drahte hin und her zu drehen, ließ ihn Reverenzen machen und
Liebeserklärungen hersagen. Dagegen wollte sie dem Propheten Samuel
nicht die mindeste Aufmerksamkeit schenken, wenn ihr gleich Wilhelm
das Brustschildchen anpries und erzählte, daß der Schillertaft des
Leibrocks von einem alten Kleide der Großmutter genommen sei. David
war ihr zu klein und Goliath zu groß; sie hielt sich an ihren Jonathan.
Sie wußte ihm so artig zu tun und zuletzt ihre Liebkosungen von der
Puppe auf unsern Freund herüberzutragen, daß auch diesmal wieder ein
geringes Spiel die Einleitung glücklicher Stunden ward.
Aus der Süßigkeit ihrer zärtlichen Träume wurden sie durch einen Lärm
geweckt, welcher auf der Straße entstand. Mariane rief der Alten, die,
nach ihrer Gewohnheit noch fleißig, die veränderlichen Materialien
der Theatergarderobe zum Gebrauch des nächsten Stückes anzupassen
beschäftigt war. Sie gab die Auskunft, daß eben eine Gesellschaft
lustiger Gesellen aus dem Italienerkeller nebenan heraustaumle, wo sie
bei frischen Austern, die eben angekommen, des Champagners nicht
geschont hätten.
"Schade", sagte Mariane, "daß es uns nicht früher eingefallen ist, wir
hätten uns auch was zugute tun sollen."
"Es ist wohl noch Zeit", versetzte Wilhelm und reichte der Alten einen
Louisdor hin. "Verschafft Sie uns, was wir wünschen, so soll Sie's
mit genießen."
Die Alte war behend, und in kurzer Zeit stand ein artig bestellter
Tisch mit einer wohlgeordneten Kollation vor den Liebenden. Die Alte
mußte sich dazusetzen; man aß, trank und ließ sich's wohl sein.
In solchen Fällen fehlt es nie an Unterhaltung. Mariane nahm ihren
Jonathan wieder vor, und die Alte wußte das Gespräch auf Wilhelms
Lieblingsmaterie zu wenden. "Sie haben uns schon einmal", sagte sie,
"von der ersten Aufführung eines Puppenspiels am Weihnachtsabend
unterhalten; es war lustig zu hören. Sie wurden eben unterbrochen,
als das Ballett angehen sollte. Nun kennen wir das herrliche Personal,
das jene großen Wirkungen hervorbrachte."
"Ja", sagte Mariane, "erzähle uns weiter, wie war dir's zumute?"
"Es ist eine schöne Empfindung, liebe Mariane", versetzte Wilhelm,
"wenn wir uns alter Zeiten und alter unschädlicher Irrtümer erinnern,
besonders wenn es in einem Augenblick geschieht, da wir eine Höhe
glücklich erreicht haben, von welcher wir uns umsehen und den
zurückgelegten Weg überschauen können. Es ist so angenehm,
selbstzufrieden sich mancher Hindernisse zu erinnern, die wir oft mit
einem peinlichen Gefühle für unüberwindlich hielten, und dasjenige,
was wir jetzt entwickelt sind, mit dem zu vergleichen, was wir damals
unentwickelt waren. Aber unaussprechlich glücklich fühl ich mich
jetzt, da ich in diesem Augenblicke mit dir von dem Vergangnen rede,
weil ich zugleich vorwärts in das reizende Land schaue, das wir
zusammen Hand in Hand durchwandern können."
"Wie war es mit dem Ballett?" fiel die Alte ihm ein. "Ich fürchte, es
ist nicht alles abgelaufen, wie es sollte."
"O ja", versetzte Wilhelm, "sehr gut! Von jenen wunderlichen Sprüngen
der Mohren und Mohrinnen, Schäfer und Schäferinnen, Zwerge und
Zwerginnen ist mir eine dunkle Erinnerung auf mein ganzes Leben
geblieben. Nun fiel der Vorhang, die Türe schloß sich, und die ganze
kleine Gesellschaft eilte wie betrunken und taumelnd zu Bette; ich
weiß aber wohl, daß ich nicht einschlafen konnte, daß ich noch etwas
erzählt haben wollte, daß ich noch viele Fragen tat und daß ich nur
ungern die Wärterin entließ, die uns zur Ruhe gebracht hatte.
Den andern Morgen war leider das magische Gerüste wieder verschwunden,
der mystische Schleier weggehoben, man ging durch jene Türe wieder
frei aus einer Stube in die andere, und so viel Abenteuer hatten keine
Spur zurückgelassen. Meine Geschwister liefen mit ihren Spielsachen
auf und ab, ich allein schlich hin und her, es schien mir unmöglich,
daß da nur zwo Türpfosten sein sollten, wo gestern so viel Zauberei
gewesen war. Ach, wer eine verlorne Liebe sucht, kann nicht
unglücklicher sein, als ich mir damals schien!"
Ein freudetrunkner Blick, den er auf Marianen warf, überzeugte sie,
daß er nicht fürchtete, jemals in diesen Fall kommen zu können.
I. Buch, 4. Kapitel
Viertes Kapitel
"Mein einziger Wunsch war nunmehr", fuhr Wilhelm fort, "eine zweite
Aufführung des Stücks zu sehen. Ich lag der Mutter an, und diese
suchte zu einer gelegenen Stunde den Vater zu bereden; allein ihre
Mühe war vergebens. Er behauptete, nur ein seltenes Vergnügen könne
bei den Menschen einen Wert haben, Kinder und Alte wüßten nicht zu
schätzen, was ihnen Gutes täglich begegnete.
Wir hätten auch noch lange, vielleicht bis wieder Weihnachten, warten
müssen, hätte nicht der Erbauer und heimliche Direktor des Schauspiels
selbst Lust gefühlt, die Vorstellung zu wiederholen und dabei in einem
Nachspiele einen ganz frisch fertig gewordenen Hanswurst zu
produzieren.
Ein junger Mann von der Artillerie, mit vielen Talenten begabt,
besonders in mechanischen Arbeiten geschickt, der dem Vater während
des Bauens viele wesentliche Dienste geleistet hatte und von ihm
reichlich beschenkt worden war, wollte sich am Christfeste der kleinen
Familie dankbar erzeigen und machte dem Hause seines Gönners ein
Geschenk mit diesem ganz eingerichteten Theater, das er ehmals in
müßigen Stunden zusammengebaut, geschnitzt und gemalt hatte. Er war
es, der mit Hülfe eines Bedienten selbst die Puppen regierte und mit
verstellter Stimme die verschiedenen Rollen hersagte. Ihm ward nicht
schwer, den Vater zu bereden, der einem Freunde aus Gefälligkeit
zugestand, was er seinen Kindern aus Überzeugung abgeschlagen hatte.
Genug, das Theater ward wieder aufgestellt, einige Nachbarskinder
gebeten und das Stück wiederholt.
Hatte ich das erstemal die Freude der Überraschung und des Staunens,
so war zum zweiten Male die Wollust des Aufmerkens und Forschens groß.
Wie das zugehe, war jetzt mein Anliegen. Daß die Puppen nicht selbst
redeten, hatte ich mir schon das erstemal gesagt; daß sie sich nicht
von selbst bewegten, vermutete ich auch; aber warum das alles doch so
hübsch war und es doch so aussah, als wenn sie selbst redeten und sich
bewegten, und wo die Lichter und die Leute sein möchten, diese Rätsel
beunruhigten mich um desto mehr, je mehr ich wünschte, zugleich unter
den Bezauberten und Zauberern zu sein, zugleich meine Hände verdeckt
im Spiel zu haben und als Zuschauer die Freude der Illusion zu
genießen.
Das Stück war zu Ende, man machte Vorbereitungen zum Nachspiel, die
Zuschauer waren aufgestanden und schwatzten durcheinander. Ich
drängte mich näher an die Türe und hörte inwendig am Klappern, daß man
mit Aufräumen beschäftigt sei. Ich hub den untern Teppich auf und
guckte zwischen dem Gestelle durch. Meine Mutter bemerkte es und zog
mich zurück; allein ich hatte doch soviel gesehen, daß man Freunde und
Feinde, Saul und Goliath und wie sie alle heißen mochten, in einen
Schiebkasten packte, und so erhielt meine halbbefriedigte Neugierde
frische Nahrung. Dabei hatte ich zu meinem größten Erstaunen den
Lieutenant im Heiligtume sehr geschäftig erblickt. Nunmehr konnte
mich der Hanswurst, sosehr er mit seinen Absätzen klapperte, nicht
unterhalten. Ich verlor mich in tiefes Nachdenken und war nach dieser
Entdeckung ruhiger und unruhiger als vorher. Nachdem ich etwas
erfahren hatte, kam es mir erst vor, als ob ich gar nichts wisse, und
ich hatte recht: denn es fehlte mir der Zusammenhang, und darauf kommt
doch eigentlich alles an."
I. Buch, 5. Kapitel
Fünftes Kapitel
"Die Kinder haben", fuhr Wilhelm fort, "in wohleingerichteten und
geordneten Häusern eine Empfindung, wie ungefähr Ratten und Mäuse
haben mögen: sie sind aufmerksam auf alle Ritzen und Löcher, wo sie zu
einem verbotenen Naschwerk gelangen können; sie genießen es mit einer
solchen verstohlnen, wollüstigen Furcht, die einen großen Teil des
kindischen Glücks ausmacht.
Ich war vor allen meinen Geschwistern aufmerksam, wenn irgend ein
Schlüssel steckenblieb. Je größer die Ehrfurcht war, die ich für die
verschlossenen Türen in meinem Herzen herumtrug, an denen ich wochen-
und monatelang vorbeigehen mußte und in die ich nur manchmal, wenn die
Mutter das Heiligtum öffnete, um etwas herauszuholen, einen
verstohlnen Blick tat, desto schneller war ich, einen Augenblick zu
benutzen, den mich die Nachlässigkeit der Wirtschafterinnen manchmal
treffen ließ.
Unter allen Türen war, wie man leicht erachten kann, die Türe der
Speisekammer diejenige, auf die meine Sinne am schärfsten gerichtet
waren. Wenig ahnungsvolle Freuden des Lebens glichen der Empfindung,
wenn mich meine Mutter manchmal hineinrief, um ihr etwas heraustragen
zu helfen, und ich dann einige gedörrte Pflaumen entweder ihrer Güte
oder meiner List zu danken hatte. Die aufgehäuften Schätze
übereinander umfingen meine Einbildungskraft mit ihrer Fülle, und
selbst der wunderliche Geruch, den so mancherlei Spezereien
durcheinander aushauchten, hatte so eine leckere Wirkung auf mich, daß
ich niemals versäumte, sooft ich in der Nähe war, mich wenigstens an
der eröffneten Atmosphäre zu weiden. Dieser merkwürdige Schlüssel
blieb eines Sonntagmorgens, da die Mutter von dem Geläute übereilt
ward und das ganze Haus in einer tiefen Sabbatstille lag, stecken.
Kaum hatte ich es bemerkt, als ich etlichemal sachte an der Wand hin-
und herging, mich endlich still und fein andrängte, die Türe öffnete
und mich mit einem Schritt in der Nähe so vieler langgewünschter
Glückseligkeit fühlte. Ich besah Kästen, Säcke, Schachteln, Büchsen,
Gläser mit einem schnellen, zweifelnden Blicke, was ich wählen und
nehmen sollte, griff endlich nach den vielgeliebten gewelkten Pflaumen,
versah mich mit einigen getrockneten Äpfeln und nahm genügsam noch
eine eingemachte Pomeranzenschale dazu: mit welcher Beute ich meinen
Weg wieder rückwärtsglitschen wollte, als mir ein paar nebeneinander
stehende Kasten in die Augen fielen, aus deren einem Drähte, oben mit
Häkchen versehen, durch den übel verschlossenen Schieber heraushingen.
Ahnungsvoll fiel ich darüber her; und mit welcher überirdischen
Empfindung entdeckte ich, daß darin meine Helden- und Freudenwelt
aufeinandergepackt sei! Ich wollte die obersten aufheben, betrachten,
die untersten hervorziehen; allein gar bald verwirrte ich die leichten
Drähte, kam darüber in Unruhe und Bangigkeit, besonders da die Köchin
in der benachbarten Küche einige Bewegungen machte, daß ich alles, so
gut ich konnte, zusammendrückte, den Kasten zuschob, nur ein
geschriebenes Büchelchen, worin die Komödie von David und Goliath
aufgezeichnet war, das obenauf gelegen hatte, zu mir steckte und mich
mit dieser Beute leise die Treppe hinauf in eine Dachkammer rettete.
Von der Zeit an wandte ich alle verstohlenen einsamen Stunden darauf,
mein Schauspiel wiederholt zu lesen, es auswendig zu lernen und mir in
Gedanken vorzustellen, wie herrlich es sein müßte, wenn ich auch die
Gestalten dazu mit meinen Fingern beleben könnte. Ich ward darüber in
meinen Gedanken selbst zum David und Goliath. In allen Winkeln des
Bodens, der Ställe, des Gartens, unter allerlei Umständen studierte
ich das Stück ganz in mich hinein, ergriff alle Rollen und lernte sie
auswendig, nur daß ich mich meist an den Platz der Haupthelden zu
setzen pflegte und die übrigen wie Trabanten nur im Gedächtnisse
mitlaufen ließ. So lagen mir die großmütigen Reden Davids, mit denen
er den übermütigen Riesen Goliath herausforderte, Tag und Nacht im
Sinne; ich murmelte sie oft vor mich hin, niemand gab acht darauf als
der Vater, der manchmal einen solchen Ausruf bemerkte und bei sich
selbst das gute Gedächtnis seines Knaben pries, der von so wenigem
Zuhören so mancherlei habe behalten können.
Hierdurch ward ich immer verwegener und rezitierte eines Abends das
Stück zum größten Teile vor meiner Mutter, indem ich mir einige
Wachsklümpchen zu Schauspielern bereitete. Sie merkte auf, drang in
mich, und ich gestand.
Glücklicherweise fiel diese Entdeckung in die Zeit, da der Lieutenant
selbst den Wunsch geäußert hatte, mich in diese Geheimnisse einweihen
zu dürfen. Meine Mutter gab ihm sogleich Nachricht von dem
unerwarteten Talente ihres Sohnes, und er wußte nun einzuleiten, daß
man ihm ein Paar Zimmer im obersten Stocke, die gewöhnlich leer
standen, überließ, in deren einem wieder die Zuschauer sitzen, in dem
andern die Schauspieler sein, und das Proszenium abermals die Öffnung
der Türe ausfüllen sollte. Der Vater hatte seinem Freunde das alles
zu veranstalten erlaubt, er selbst schien nur durch die Finger zu
sehen, nach dem Grundsatze, man müsse die Kinder nicht merken lassen,
wie lieb man sie habe, sie griffen immer zu weit um sich; er meinte,
man müsse bei ihren Freuden ernst scheinen und sie ihnen manchmal
verderben, damit ihre Zufriedenheit sie nicht übermäßig und übermütig
mache."
I. Buch, 6. Kapitel
Sechstes Kapitel
"Der Lieutenant schlug nunmehr das Theater auf und besorgte das Übrige.
Ich merkte wohl, daß er die Woche mehrmals zu ungewöhnlicher Zeit
ins Haus kam, und vermutete die Absicht. Meine Begierde wuchs
unglaublich, da ich wohl fühlte, daß ich vor Sonnabends keinen Teil an
dem, was zubereitet wurde, nehmen durfte. Endlich erschien der
gewünschte Tag. Abends um fünf Uhr kam mein Führer und nahm mich mit
hinauf. Zitternd vor Freude trat ich hinein und erblickte auf beiden
Seiten des Gestelles die herabhängenden Puppen in der Ordnung, wie sie
auftreten sollten; ich betrachtete sie sorgfältig, stieg auf den Tritt,
der mich über das Theater erhub, so daß ich nun über der kleinen Welt
schwebte. Ich sah nicht ohne Ehrfurcht zwischen die Brettchen
hinunter, weil die Erinnerung, welche herrliche Wirkung das Ganze von
außen tue, und das Gefühl, in welche Geheimnisse ich eingeweiht sei,
mich umfaßten. Wir machten einen Versuch, und es ging gut.
Den andern Tag, da eine Gesellschaft Kinder geladen war, hielten wir
uns trefflich, außer daß ich in dem Feuer der Aktion meinen Jonathan
fallen ließ und genötigt war, mit der Hand hinunterzugreifen und ihn
zu holen: ein Zufall, der die Illusion sehr unterbrach, ein großes
Gelächter verursachte und mich unsäglich kränkte. Auch schien dieses
Versehn dem Vater sehr willkommen zu sein, der das große Vergnügen,
sein Söhnchen so fähig zu sehen, wohlbedächtig nicht an den Tag gab,
nach geendigtem Stücke sich gleich an die Fehler hing und sagte, es
wäre recht artig gewesen, wenn nur dies oder das nicht versagt hätte.
Mich kränkte das innig, ich ward traurig für den Abend, hatte aber am
kommenden Morgen allen Verdruß schon wieder verschlafen und war in dem
Gedanken selig, daß ich, außer jenem Unglück, trefflich gespielt habe.
Dazu kam der Beifall der Zuschauer, welche durchaus behaupteten:
obgleich der Lieutenant in Absicht der groben und feinen Stimme sehr
viel getan habe, so peroriere er doch meist zu affektiert und steif;
dagegen spreche der neue Anfänger seinen David und Jonathan
vortrefflich; besonders lobte die Mutter den freimütigen Ausdruck, wie
ich den Goliath herausgefordert und dem Könige den bescheidenen Sieger
vorgestellt habe.
Nun blieb zu meiner größten Freude das Theater aufgeschlagen, und da
der Frühling herbeikam und man ohne Feuer bestehen konnte, lag ich in
meinen Frei- und Spielstunden in der Kammer und ließ die Puppen wacker
durcheinanderspielen. Oft lud ich meine Geschwister und Kameraden
hinauf; wenn sie aber auch nicht kommen wollten, war ich allein oben.
Meine Einbildungskraft brütete über der kleinen Welt, die gar bald
eine andere Gestalt gewann.
Ich hatte kaum das erste Stück, wozu Theater und Schauspieler
geschaffen und gestempelt waren, etlichemal aufgeführt, als es mir
schon keine Freude mehr machte. Dagegen waren mir unter den Büchern
des Großvaters die "Deutsche Schaubühne" und verschiedene
italienisch-deutsche Opern in die Hände gekommen, in die ich mich sehr
vertiefte und jedesmal nur erst vorne die Personen überrechnete und
dann sogleich ohne weiteres zur Aufführung des Stückes schritt. Da
mußte nun König Saul in seinem schwarzen Samtkleide den Chaumigrem,
Cato und Darius spielen; wobei zu bemerken ist, daß die Stücke niemals
ganz, sondern meistenteils nur die fünften Akte, wo es an ein
Totstechen ging, aufgeführt wurden.
Auch war es natürlich, daß mich die Oper mit ihren mannigfaltigen
Veränderungen und Abenteuern mehr als alles anziehen mußte. Ich fand
darin stürmische Meere, Götter, die in Wolken herabkommen, und, was
mich vorzüglich glücklich machte, Blitze und Donner. Ich half mir mit
Pappe, Farbe und Papier, wußte gar trefflich Nacht zu machen, der
Blitz war fürchterlich anzusehen, nur der Donner gelang nicht immer,
doch das hatte so viel nicht zu sagen. Auch fand sich in den Opern
mehr Gelegenheit, meinen David und Goliath anzubringen, welches im
regelmäßigen Drama gar nicht angehen wollte. Ich fühlte täglich mehr
Anhänglichkeit für das enge Plätzchen, wo ich so manche Freude genoß;
und ich gestehe, daß der Geruch, den die Puppen aus der Speisekammer
an sich gezogen hatten, nicht wenig dazu beitrug.
Die Dekorationen meines Theaters waren nunmehr in ziemlicher
Vollkommenheit; denn daß ich von Jugend auf ein Geschick gehabt hatte,
mit dem Zirkel umzugehen, Pappe auszuschneiden und Bilder zu
illuminieren, kam mir jetzt wohl zustatten. Um desto weher tat es mir,
wenn mich gar oft das Personal an Ausführung großer Sachen hinderte.
Meine Schwestern, indem sie ihre Puppen aus- und ankleideten, erregten
in mir den Gedanken, meinen Helden auch nach und nach bewegliche
Kleider zu verschaffen. Man trennte ihnen die Läppchen vom Leibe,
setzte sie, so gut man konnte, zusammen, sparte sich etwas Geld,
kaufte neues Band und Flittern, bettelte sich manches Stückchen Taft
zusammen und schaffte nach und nach eine Theatergarderobe an, in
welcher besonders die Reifröcke für die Damen nicht vergessen waren.
Die Truppe war nun wirklich mit Kleidern für das größte Stück versehen,
und man hätte denken sollen, es würde nun erst recht eine Aufführung
der andern folgen; aber es ging mir, wie es den Kindern öfter zu gehen
pflegt: sie fassen weite Plane, machen große Anstalten, auch wohl
einige Versuche, und es bleibt alles zusammen liegen. Dieses Fehlers
muß ich mich auch anklagen. Die größte Freude lag bei mir in der
Erfindung und in der Beschäftigung der Einbildungskraft. Dies oder
jenes Stück interessierte mich um irgendeiner Szene willen, und ich
ließ gleich wieder neue Kleider dazu machen. Über solchen Anstalten
waren die ursprünglichen Kleidungsstücke meiner Helden in Unordnung
geraten und verschleppt worden, daß also nicht einmal das erste große
Stück mehr aufgeführt werden konnte. Ich überließ mich meiner
Phantasie, probierte und bereitete ewig, baute tausend Luftschlösser
und spürte nicht, daß ich den Grund des kleinen Gebäudes zerstört
hatte."
Während dieser Erzählung hatte Mariane alle ihre Freundlichkeit gegen
Wilhelm aufgeboten, um ihre Schläfrigkeit zu verbergen. So scherzhaft
die Begebenheit von einer Seite schien, so war sie ihr doch zu einfach
und die Betrachtungen dabei zu ernsthaft. Sie setzte zärtlich ihren
Fuß auf den Fuß des Geliebten und gab ihm scheinbare Zeichen ihrer
Aufmerksamkeit und ihres Beifalls. Sie trank aus seinem Glase, und
Wilhelm war überzeugt, es sei kein Wort seiner Geschichte auf die Erde
gefallen. Nach einer kleinen Pause rief er aus, "Es ist nun an dir,
Mariane, mir auch deine ersten jugendlichen Freuden mitzuteilen. Noch
waren wir immer zu sehr mit dem Gegenwärtigen beschäftigt, als daß wir
uns wechselseitig um unsere vorige Lebensweise hätten bekümmern können.
Sage mir: unter welchen Umständen bist du erzogen? Welche sind die
ersten lebhaften Eindrücke, deren du dich erinnerst?"
Diese Fragen würden Marianen in große Verlegenheit gesetzt haben, wenn
ihr die Alte nicht sogleich zu Hülfe gekommen wäre. "Glauben Sie
denn", sagte das kluge Weib, "daß wir auf das, was uns früh begegnet,
so aufmerksam sind, daß wir so artige Begebenheiten zu erzählen haben
und, wenn wir sie zu erzählen hätten, daß wir der Sache auch ein
solches Geschick zu geben wüßten?"
"Als wenn es dessen bedürfte!" rief Wilhelm aus. "Ich liebe dieses
zärtliche, gute, liebliche Geschöpf so sehr, daß mich jeder Augenblick
meines Lebens verdrießt, den ich ohne sie zugebracht habe. Laß mich
wenigstens durch die Einbildungskraft teil an deinem vergangenen Leben
nehmen! Erzähle mir alles, ich will dir alles erzählen. Wir wollen
uns wo möglich täuschen und jene für die Liebe verlornen Zeiten
wiederzugewinnen suchen."
"Wenn Sie so eifrig darauf bestehen, können wir Sie wohl befriedigen",
sagte die Alte. "Erzählen Sie uns nur erst, wie Ihre Liebhaberei zum
Schauspiele nach und nach gewachsen sei, wie Sie sich geübt, wie Sie
so glücklich zugenommen haben, daß Sie nunmehr für einen guten
Schauspieler gelten können. Es hat Ihnen dabei gewiß nicht an
lustigen Begebenheiten gemangelt. Es ist nicht der Mühe wert, daß wir
uns zur Ruhe legen, ich habe noch eine Flasche in Reserve; und wer
weiß, ob wir bald wieder so ruhig und zufrieden zusammensitzen?"
Mariane schaute mit einem traurigen Blick nach ihr auf, den Wilhelm
nicht bemerkte und in seiner Erzählung fortfuhr.
I. Buch, 7. Kapitel
Siebentes Kapitel
"Die Zerstreuungen der Jugend, da meine Gespanschaft sich zu vermehren
anfing, taten dem einsamen, stillen Vergnügen Eintrag. Ich war
wechselsweise bald Jäger, bald Soldat, bald Reiter, wie es unsre
Spiele mit sich brachten: doch hatte ich immer darin einen kleinen
Vorzug vor den andern, daß ich imstande war, ihnen die nötigen
Gerätschaften schicklich auszubilden. So waren die Schwerter meistens
aus meiner Fabrik; ich verzierte und vergoldete die Schlitten, und ein
geheimer Instinkt ließ mich nicht ruhen, bis ich unsre Miliz ins
Antike umgeschaffen hatte. Helme wurden verfertiget, mit papiernen
Büschen geschmückt, Schilde, sogar Harnische wurden gemacht, Arbeiten,
bei denen die Bedienten im Hause, die etwa Schneider waren, und die
Nähterinnen manche Nadel zerbrachen.
Einen Teil meiner jungen Gesellen sah ich nun wohlgerüstet; die
übrigen wurden auch nach und nach, doch geringer, ausstaffiert, und es
kam ein stattliches Korps zusammen. Wir marschierten in Höfen und
Gärten, schlugen uns brav auf die Schilde und auf die Köpfe; es gab
manche Mißhelligkeit, die aber bald beigelegt war.
Dieses Spiel, das die andern sehr unterhielt, war kaum etlichemal
getrieben worden, als es mich schon nicht mehr befriedigte. Der
Anblick so vieler gerüsteten Gestalten mußte in mir notwendig die
Ritterideen aufreizen, die seit einiger Zeit, da ich in das Lesen
alter Romane gefallen war, meinen Kopf anfüllten.
"Das befreite Jerusalem", davon mir Koppens Übersetzung in die Hände
fiel, gab meinen herumschweifenden Gedanken endlich eine bestimmte
Richtung. Ganz konnte ich zwar das Gedicht nicht lesen; es waren aber
Stellen, die ich auswendig wußte, deren Bilder mich umschwebten.
Besonders fesselte mich Chlorinde mit ihrem ganzen Tun und Lassen.
Die Mannweiblichkeit, die ruhige Fülle ihres Daseins taten mehr
Wirkung auf den Geist, der sich zu entwickeln anfing, als die
gemachten Reize Armidens, ob ich gleich ihren Garten nicht verachtete.
Aber hundert- und hundertmal, wenn ich abends auf dem Altan, der
zwischen den Giebeln des Hauses angebracht ist, spazierte, über die
Gegend hinsah und von der hinabgewichenen Sonne ein zitternder Schein
am Horizont heraufdämmerte, die Sterne hervortraten, aus allen Winkeln
und Tiefen die Nacht hervordrang und der klingende Ton der Grillen
durch die feierliche Stille schrillte, sagte ich mir die Geschichte
des traurigen Zweikampfs zwischen Tankred und Chlorinden vor.
Sosehr ich, wie billig, von der Partei der Christen war, stand ich
doch der heidnischen Heldin mit ganzem Herzen bei, als sie unternahm,
den großen Turm der Belagerer anzuzünden. Und wie nun Tankred dem
vermeinten Krieger in der Nacht begegnet, unter der düstern Hülle der
Streit beginnt und sie gewaltig kämpfen!--Ich konnte nie die Worte
aussprechen:
"Allein das Lebensmaß Chlorindens ist nun voll,
Und ihre Stunde kommt,
in der sie sterben soll!",
daß mir nicht die Tränen in die Augen kamen, die reichlich flossen,
wie der unglückliche Liebhaber ihr das Schwert in die Brust stößt, der
Sinkenden den Helm löst, sie erkennt und zur Taufe bebend das Wasser
holt.
Aber wie ging mir das Herz über, wenn in dem bezauberten Walde
Tankredens Schwert den Baum trifft, Blut nach dem Hiebe fließt und
eine Stimme ihm in die Ohren tönt, daß er auch hier Chlorinden
verwunde, daß er vom Schicksal bestimmt sei, das, was er liebt,
überall unwissend zu verletzen!
Es bemächtigte sich die Geschichte meiner Einbildungskraft so, daß
sich mir, was ich von dem Gedichte gelesen hatte, dunkel zu einem
Ganzen in der Seele bildete, von dem ich dergestalt eingenommen war,
daß ich es auf irgendeine Weise vorzustellen gedachte. Ich wollte
Tankreden und Reinalden spielen und fand dazu zwei Rüstungen ganz
bereit, die ich schon gefertiget hatte. Die eine, von dunkelgrauem
Papier mit Schuppen, sollte den ernsten Tankred, die andere, von
Silber- und Goldpapier, den glänzenden Reinald zieren. In der
Lebhaftigkeit meiner Vorstellung erzählte ich alles meinen Gespanen,
die davon ganz entzückt wurden und nur nicht wohl begreifen konnten,
daß das alles aufgeführt, und zwar von ihnen aufgeführt werden sollte.
Diesen Zweifeln half ich mit vieler Leichtigkeit ab. Ich disponierte
gleich über ein paar Zimmer in eines benachbarten Gespielen Haus, ohne
zu berechnen, daß die alte Tante sie nimmermehr hergeben würde; ebenso
war es mit dem Theater, wovon ich auch keine bestimmte Idee hatte,
außer daß man es auf Balken setzen, die Kulissen von geteilten
spanischen Wänden hinstellen und zum Grund ein großes Tuch nehmen
müsse. Woher aber die Materialien und Gerätschaften kommen sollten,
hatte ich nicht bedacht.
Für den Wald fanden wir eine gute Auskunft: wir gaben einem alten
Bedienten aus einem der Häuser, der nun Förster geworden war, gute
Worte, daß er uns junge Birken und Fichten schaffen möchte, die auch
wirklich geschwinder, als wir hoffen konnten, herbeigebracht wurden.
Nun aber fand man sich in großer Verlegenheit, wie man das Stück, eh
die Bäume verdorrten, zustande bringen könne. Da war guter Rat teuer!
Es fehlte an Platz, am Theater, an Vorhängen. Die spanischen Wände
waren das einzige, was wir hatten.
In dieser Verlegenheit gingen wir wieder den Lieutenant an, dem wir
eine weitläufige Beschreibung von der Herrlichkeit machten, die es
geben sollte. Sowenig er uns begriff, so behilflich war er, schob in
eine kleine Stube, was sich von Tischen im Hause und der Nachbarschaft
nur finden wollte, aneinander, stellte die Wände darauf, machte eine
hintere Aussicht von grünen Vorhängen, die Bäume wurden auch gleich
mit in die Reihe gestellt.
Indessen war es Abend geworden, man hatte die Lichter angezündet, die
Mägde und Kinder saßen auf ihren Plätzen, das Stück sollte angehn, die
ganze Heldenschar war angezogen; nun spürte aber jeder zum erstenmal,
daß er nicht wisse, was er zu sagen habe. In der Hitze der Erfindung,
da ich ganz von meinem Gegenstande durchdrungen war, hatte ich
vergessen, daß doch jeder wissen müsse, was und wo er es zu sagen habe;
und in der Lebhaftigkeit der Ausführung war es den übrigen auch nicht
beigefallen: sie glaubten, sie würden sich leicht als Helden
darstellen, leicht so handeln und reden können wie die Personen, in
deren Welt ich sie versetzt hatte. Sie standen alle erstaunt, fragten
sich einander, was zuerst kommen sollte, und ich, der ich mich als
Tankred vornean gedacht hatte, fing, allein auftretend, einige Verse
aus dem Heldengedichte herzusagen an. Weil aber die Stelle gar zu
bald ins Erzählende überging und ich in meiner eignen Rede endlich als
dritte Person vorkam, auch der Gottfried, von dem die Sprache war,
nicht herauskommen wollte, so mußte ich unter großem Gelächter meiner
Zuschauer eben wieder abziehen: ein Unfall, der mich tief in der Seele
kränkte. Verunglückt war die Expedition; die Zuschauer saßen da und
wollten etwas sehen. Gekleidet waren wir; ich raffte mich zusammen
und entschloß mich kurz und gut, "David und Goliath" zu spielen.
Einige der Gesellschaft hatten ehemals das Puppenspiel mit mir
aufgeführt, alle hatten es oft gesehn; man teilte die Rollen aus, es
versprach jeder, sein Bestes zu tun, und ein kleiner drolliger Junge
malte sich einen schwarzen Bart, um, wenn ja eine Lücke einfallen
sollte, sie als Hanswurst mit einer Posse auszufüllen, eine Anstalt,
die ich, als dem Ernste des Stückes zuwider, sehr ungern geschehen
ließ. Doch schwur ich mir, wenn ich nur einmal aus dieser
Verlegenheit gerettet wäre, mich nie, als mit der größten Überlegung,
an die Vorstellung eines Stücks zu wagen."
I. Buch, 8. Kapitel
Achtes Kapitel
Mariane, vom Schlaf überwältigt, lehnte sich an ihren Geliebten, der
sie fest an sich drückte und in seiner Erzählung fortfuhr, indes die
Alte den Überrest des Weins mit gutem Bedachte genoß.
"Die Verlegenheit", sagte er, "in der ich mich mit meinen Freunden
befunden hatte, indem wir ein Stück, das nicht existierte, zu spielen
unternahmen, war bald vergessen. Meiner Leidenschaft, jeden Roman,
den ich las, jede Geschichte, die man mich lehrte, in einem
Schauspiele darzustellen, konnte selbst der unbiegsamste Stoff nicht
widerstehen. Ich war völlig überzeugt, daß alles, was in der
Erzählung ergötzte, vorgestellt eine viel größere Wirkung tun müsse;
alles sollte vor meinen Augen, alles auf der Bühne vorgehen. Wenn uns
in der Schule die Weltgeschichte vorgetragen wurde, zeichnete ich mir
sorgfältig aus, wo einer auf eine besondere Weise erstochen oder
vergiftet wurde, und meine Einbildungskraft sah über Exposition und
Verwicklung hinweg und eilte dem interessanten fünften Akte zu. So
fing ich auch wirklich an, einige Stücke von hinten hervor zu
schreiben, ohne daß ich auch nur bei einem einzigen bis zum Anfange
gekommen wäre.
Zu gleicher Zeit las ich, teils aus eignem Antrieb, teils auf
Veranlassung meiner guten Freunde, welche in den Geschmack gekommen
waren, Schauspiele aufzuführen, einen ganzen Wust theatralischer
Produktionen durch, wie sie der Zufall mir in die Hände führte. Ich
war in den glücklichen Jahren, wo uns noch alles gefällt, wo wir in
der Menge und Abwechslung unsre Befriedigung finden. Leider aber ward
mein Urteil noch auf eine andere Weise bestochen. Die Stücke gefielen
mir besonders, in denen ich zu gefallen hoffte, und es waren wenige,
die ich nicht in dieser angenehmen Täuschung durchlas; und meine
lebhafte Vorstellungskraft, da ich mich in alle Rollen denken konnte,
verführte mich zu glauben, daß ich auch alle darstellen würde;
gewöhnlich wählte ich daher bei der Austeilung diejenigen, welche sich
gar nicht für mich schickten, und, wenn es nur einigermaßen angehn
wollte, wohl gar ein paar Rollen.
Kinder wissen beim Spiele aus allem alles zu machen; ein Stab wird zur
Flinte, ein Stückchen Holz zum Degen, jedes Bündelchen zur Puppe und
jeder Winkel zur Hütte. In diesem Sinne entwickelte sich unser
Privattheater. Bei der völligen Unkenntnis unserer Kräfte unternahmen
wir alles, bemerkten kein quid pro quo und waren überzeugt, jeder müsse
uns dafür nehmen, wofür wir uns gaben. Leider ging alles einen so
gemeinen Gang, daß mir nicht einmal eine merkwürdige Albernheit zu
erzählen übrigbleibt. Erst spielten wir die wenigen Stücke durch, in
welchen nur Mannspersonen auftreten; dann verkleideten wir einige aus
unserm Mittel und zogen zuletzt die Schwestern mit ins Spiel. In
einigen Häusern hielt man es für eine nützliche Beschäftigung und lud
Gesellschaften darauf. Unser Artillerielieutenant verließ uns auch
hier nicht. Er zeigte uns, wie wir kommen und gehen, deklamieren und
gestikulieren sollten; allein er erntete für seine Bemühung meistens
wenig Dank, indem wir die theatralischen Künste schon besser als er zu
verstehen glaubten.
Wir verfielen gar bald auf das Trauerspiel: denn wir hatten oft sagen
hören und glaubten selbst, es sei leichter, eine Tragödie zu schreiben
und vorzustellen, als im Lustspiele vollkommen zu sein. Auch fühlten
wir uns beim ersten tragischen Versuche ganz in unserm Elemente; wir
suchten uns der Höhe des Standes, der Vortrefflichkeit der Charaktere
durch Steifheit und Affektation zu nähern und dünkten uns durchaus
nicht wenig; allein vollkommen glücklich waren wir nur, wenn wir recht
rasen, mit den Füßen stampfen und uns wohl gar vor Wut und
Verzweiflung auf die Erde werfen durften.
Knaben und Mädchen waren in diesen Spielen nicht lange beisammen, als
die Natur sich zu regen und die Gesellschaft sich in verschiedene
kleine Liebesgeschichten zu teilen anfing, da denn meistenteils
Komödie in der Komödie gespielt wurde. Die glücklichen Paare drückten
sich hinter den Theaterwänden die Hände auf das zärtlichste; sie
verschwammen in Glückseligkeit, wenn sie einander, so bebändert und
aufgeschmückt, recht idealisch vorkamen, indes gegenüber die
unglücklichen Nebenbuhler sich vor Neid verzehrten und mit Trotz und
Schadenfreude allerlei Unheil anrichteten.
Diese Spiele, obgleich ohne Verstand unternommen und ohne Anleitung
durchgeführt, waren doch nicht ohne Nutzen für uns. Wir übten unser
Gedächtnis und unsern Körper und erlangten mehr Geschmeidigkeit im
Sprechen und Betragen, als man sonst in so frühen Jahren gewinnen kann.
Für mich aber war jene Zeit besonders Epoche, mein Geist richtete
sich ganz nach dem Theater, und ich fand kein größer Glück, als
Schauspiele zu lesen, zu schreiben und zu spielen.
Der Unterricht meiner Lehrer dauerte fort; man hatte mich dem
Handelsstand gewidmet und zu unserm Nachbar auf das Comptoir getan;
aber eben zu selbiger Zeit entfernte sich mein Geist nur gewaltsamer
von allem, was ich für ein niedriges Geschäft halten mußte. Der Bühne
wollte ich meine ganze Tätigkeit widmen, auf ihr mein Glück und meine
Zufriedenheit finden.
Ich erinnere mich noch eines Gedichtes, das sich unter meinen Papieren
finden muß, in welchem die Muse der tragischen Dichtkunst und eine
andere Frauengestalt, in der ich das Gewerbe personifiziert hatte,
sich um meine werte Person recht wacker zanken. Die Erfindung ist
gemein, und ich erinnere mich nicht, ob die Verse etwas taugen; aber
ihr sollt es sehen, um der Furcht, des Abscheues, der Liebe und der
Leidenschaft willen, die darin herrschen. Wie ängstlich hatte ich die
alte Hausmutter geschildert mit dem Rocken im Gürtel, mit Schlüsseln
an der Seite, Brillen auf der Nase, immer fleißig, immer in Unruhe,
zänkisch und haushältisch, kleinlich und beschwerlich! Wie kümmerlich
beschrieb ich den Zustand dessen, der sich unter ihrer Rute bücken und
sein knechtisches Tagewerk im Schweiße des Angesichtes verdienen
sollte!
Wie anders trat jene dagegen auf! Welche Erscheinung ward sie dem
bekümmerten Herzen! Herrlich gebildet, in ihrem Wesen und Betragen
als eine Tochter der Freiheit anzusehen. Das Gefühl ihrer selbst gab
ihr Würde ohne Stolz; ihre Kleider ziemten ihr, sie umhüllten jedes
Glied, ohne es zu zwängen, und die reichlichen Falten des Stoffes
wiederholten wie ein tausendfaches Echo die reizenden Bewegungen der
Göttlichen. Welch ein Kontrast! Und auf welche Seite sich mein Herz
wandte, kannst du leicht denken. Auch war nichts vergessen, um meine
Muse kenntlich zu machen. Kronen und Dolche, Ketten und Masken, wie
sie mir meine Vorgänger überliefert hatten, waren ihr auch hier
zugeteilt. Der Wettstreit war heftig, die Reden beider Personen
kontrastierten gehörig, da man im vierzehnten Jahre gewöhnlich das
Schwarze und Weiße recht nah aneinander zu malen pflegt. Die Alte
redete, wie es einer Person geziemt, die eine Stecknadel aufhebt, und
jene wie eine, die Königreiche verschenkt. Die warnenden Drohungen
der Alten wurden verschmäht; ich sah die mir versprochenen Reichtümer
schon mit dem Rücken an: enterbt und nackt übergab ich mich der Muse,
die mir ihren goldnen Schleier zuwarf und meine Blöße bedeckte.-Hätte
ich denken können, o meine Geliebte!" rief er aus, indem er Marianen
fest an sich drückte, "daß eine ganz andere, eine lieblichere Gottheit
kommen, mich in meinem Vorsatz stärken, mich auf meinem Wege begleiten
würde; welch eine schönere Wendung würde mein Gedicht genommen haben,
wie interessant würde nicht der Schluß desselben geworden sein! Doch
es ist kein Gedicht, es ist Wahrheit und Leben, was ich in deinen
Armen finde; laß uns das süße Glück mit Bewußtsein genießen!"
Durch den Druck seines Armes, durch die Lebhaftigkeit seiner erhöhten
Stimme war Mariane erwacht und verbarg durch Liebkosungen ihre
Verlegenheit: denn sie hatte auch nicht ein Wort von dem letzten Teile
seiner Erzählung vernommen, und es ist zu wünschen, daß unser Held für
seine Lieblingsgeschichten aufmerksamere Zuhörer künftig finden möge.
I. Buch, 9. Kapitel
Neuntes Kapitel
So brachte Wilhelm seine Nächte im Genusse vertraulicher Liebe, seine
Tage in Erwartung neuer seliger Stunden zu. Schon zu jener Zeit, als
ihn Verlangen und Hoffnung zu Marianen hinzog, fühlte er sich wie neu
belebt, er fühlte, daß er ein anderer Mensch zu werden beginne; nun
war er mit ihr vereinigt, die Befriedigung seiner Wünsche ward eine
reizende Gewohnheit. Sein Herz strebte, den Gegenstand seiner
Leidenschaft zu veredeln, sein Geist, das geliebte Mädchen mit sich
emporzuheben. In der kleinsten Abwesenheit ergriff ihn ihr Andenken.
War sie ihm sonst notwendig gewesen, so war sie ihm jetzt
unentbehrlich, da er mit allen Banden der Menschheit an sie geknüpft
war. Seine reine Seele fühlte, daß sie die Hälfte, mehr als die
Hälfte seiner selbst sei. Er war dankbar und hingegeben ohne Grenzen.
Auch Mariane konnte sich eine Zeitlang täuschen; sie teilte die
Empfindung seines lebhaften Glücks mit ihm. Ach! wenn nur nicht
manchmal die kalte Hand des Vorwurfs ihr über das Herz gefahren wäre!
Selbst an dem Busen Wilhelms war sie nicht sicher davor, selbst unter
den Flügeln seiner Liebe. Und wenn sie nun gar wieder allein war und
aus den Wolken, in denen seine Leidenschaft sie emportrug, in das
Bewußtsein ihres Zustandes herabsank, dann war sie zu bedauern. Denn
Leichtsinn kam ihr zu Hülfe, solange sie in niedriger Verworrenheit
lebte, sich über ihre Verhältnisse betrog oder vielmehr sie nicht
kannte; da erschienen ihr die Vorfälle, denen sie ausgesetzt war, nur
einzeln: Vergnügen und Verdruß lösten sich ab, Demütigung wurde durch
Eitelkeit, und Mangel oft durch augenblicklichen Überfluß vergütet;
sie konnte Not und Gewohnheit sich als Gesetz und Rechtfertigung
anführen, und so lange ließen sich alle unangenehmen Empfindungen von
Stunde zu Stunde, von Tag zu Tage abschütteln. Nun aber hatte das
arme Mädchen sich Augenblicke in eine bessere Welt hinübergerückt
gefühlt, hatte wie von oben herab aus Licht und Freude ins öde,
Verworfene ihres Lebens heruntergesehen, hatte gefühlt, welche elende
Kreatur ein Weib ist, das mit dem Verlangen nicht zugleich Liebe und
Ehrfurcht einflößt, und fand sich äußerlich und innerlich um nichts
gebessert. Sie hatte nichts, was sie aufrichten konnte. Wenn sie in
sich blickte und suchte, war es in ihrem Geiste leer, und ihr Herz
hatte keinen Widerhalt. Je trauriger dieser Zustand war, desto
heftiger schloß sich ihre Neigung an den Geliebten fest; ja die
Leidenschaft wuchs mit jedem Tage, wie die Gefahr, ihn zu verlieren,
mit jedem Tage näherrückte.
Dagegen schwebte Wilhelm glücklich in höheren Regionen, ihm war auch
eine neue Welt aufgegangen, aber reich an herrlichen Aussichten. Kaum
ließ das Übermaß der ersten Freude nach, so stellte sich das hell vor
seine Seele, was ihn bisher dunkel durchwühlt hatte. "Sie ist dein!
Sie hat sich dir hingegeben! Sie, das geliebte, gesuchte, angebetete
Geschöpf, dir auf Treu und Glauben hingegeben; aber sie hat sich
keinem Undankbaren überlassen." Wo er stand und ging, redete er mit
sich selbst; sein Herz floß beständig über, und er sagte sich in einer
Fülle von prächtigen Worten die erhabensten Gesinnungen vor. Er
glaubte den hellen Wink des Schicksals zu verstehen, das ihm durch
Marianen die Hand reichte, sich aus dem stockenden, schleppenden
bürgerlichen Leben herauszureißen, aus dem er schon so lange sich zu
retten gewünscht hatte. Seines Vaters Haus, die Seinigen zu verlassen
schien ihm etwas Leichtes. Er war jung und neu in der Welt, und sein
Mut, in ihren Weiten nach Glück und Befriedigung zu rennen, durch die
Liebe erhöht. Seine Bestimmung zum Theater war ihm nunmehr klar; das
hohe Ziel, das er sich vorgesteckt sah, schien ihm näher, indem er an
Marianens Hand hinstrebte, und in selbstgefälliger Bescheidenheit
erblickte er in sich den trefflichen Schauspieler, den Schöpfer eines
künftigen Nationaltheaters, nach dem er so vielfältig hatte seufzen
hören. Alles, was in den innersten Winkeln seiner Seele bisher
geschlummert hatte, wurde rege. Er bildete aus den vielerlei Ideen
mit Farben der Liebe ein Gemälde auf Nebelgrund, dessen Gestalten
freilich sehr ineinanderflossen; dafür aber auch das Ganze eine desto
reizendere Wirkung tat.
I. Buch, 10. Kapitel
Zehntes Kapitel
Er saß nun zu Hause, kramte unter seinen Papieren und rüstete sich zur
Abreise. Was nach seiner bisherigen Bestimmung schmeckte, ward
beiseite gelegt; er wollte bei seiner Wanderung in die Welt auch von
jeder unangenehmen Erinnerung frei sein. Nur Werke des Geschmacks,
Dichter und Kritiker, wurden als bekannte Freunde unter die Erwählten
gestellt; und da er bisher die Kunstrichter sehr wenig genutzt hatte,
so erneuerte sich seine Begierde nach Belehrung, als er seine Bücher
wieder durchsah und fand, daß die theoretischen Schriften noch meist
unaufgeschnitten waren. Er hatte sich, in der völligen Überzeugung
von der Notwendigkeit solcher Werke, viele davon angeschafft und mit
dem besten Willen in keines auch nur bis in die Hälfte sich
hineinlesen können.
Dagegen hatte er sich desto eifriger an Beispiele gehalten und in
allen Arten, die ihm bekannt worden waren, selbst Versuche gemacht.
Werner trat herein, und als er seinen Freund mit den bekannten Heften
beschäftigt sah, rief er aus: "Bist du schon wieder über diesen
Papieren? Ich wette, du hast nicht die Absicht, eins oder das andere
zu vollenden! Du siehst sie durch und wieder durch und beginnst
allenfalls etwas Neues."
"Zu vollenden ist nicht die Sache des Schülers, es ist genug, wenn er
sich übt."
"Aber doch fertigmacht, so gut er kann."
"Und doch ließe sich wohl die Frage aufwerfen, ob man nicht eben gute
Hoffnung von einem jungen Menschen fassen könne, der bald gewahr wird,
wenn er etwas Ungeschicktes unternommen hat, in der Arbeit nicht
fortfährt und an etwas, das niemals einen Wert haben kann, weder Mühe
noch Zeit verschwenden mag."
"Ich weiß wohl, es war nie deine Sache, etwas zustande zu bringen, du
warst immer müde, eh es zur Hälfte kam. Da du noch Direktor unsers
Puppenspiels warst, wie oft wurden neue Kleider für die
Zwerggesellschaft gemacht, neue Dekorationen ausgeschnitten? Bald
sollte dieses, bald jenes Trauerspiel aufgeführt werden, und höchstens
gabst du einmal den fünften Akt, wo alles recht bunt durcheinanderging
und die Leute sich erstachen."
"Wenn du von jenen Zeiten sprechen willst, wer war denn schuld, daß
wir die Kleider, die unsern Puppen angepaßt und auf den Leib
festgenäht waren, heruntertrennen ließen und den Aufwand einer
weitläufigen und unnützen Garderobe machten? Warst du's nicht, der
immer ein neues Stück Band zu verhandeln hatte, der meine Liebhaberei
anzufeuern und zu nützen wußte?"
Werner lachte und rief aus: "Ich erinnere mich immer noch mit Freuden,
daß ich von euren theatralischen Feldzügen Vorteil zog wie Lieferanten
vom Kriege. Als ihr euch zur Befreiung Jerusalems rüstetet, machte
ich auch einen schönen Profit wie ehemals die Venezianer im ähnlichen
Falle. Ich finde nichts vernünftiger in der Welt, als von den
Torheiten anderer Vorteil zu ziehen."
"Ich weiß nicht, ob es nicht ein edleres Vergnügen wäre, die Menschen
von ihren Torheiten zu heilen."
"Wie ich sie kenne, möchte das wohl ein eitles Bestreben sein. Es
gehört schon etwas dazu, wenn ein einziger Mensch klug und reich
werden soll, und meistens wird er es auf Unkosten der andern."
"Es fällt mir eben recht der 'Jüngling am Scheidewege' in die Hände",
versetzte Wilhelm, indem er ein Heft aus den übrigen Papieren
herauszog, "das ist doch fertig geworden, es mag übrigens sein, wie es
will."
"Leg es beiseite, wirf es ins Feuer!" versetzte Werner. "Die
Erfindung ist nicht im geringsten lobenswürdig; schon vormals ärgerte
mich diese Komposition genug und zog dir den Unwillen des Vaters zu.
Es mögen ganz artige Verse sein; aber die Vorstellungsart ist
grundfalsch. Ich erinnere mich noch deines personifizierten Gewerbes,
deiner zusammengeschrumpften, erbärmlichen Sibylle. Du magst das Bild
in irgendeinem elenden Kramladen aufgeschnappt haben. Von der
Handlung hattest du damals keinen Begriff; ich wüßte nicht, wessen
Geist ausgebreiteter wäre, ausgebreiteter sein müßte als der Geist
eines echten Handelsmannes. Welchen Überblick verschafft uns nicht
die Ordnung, in der wir unsere Geschäfte führen! Sie läßt uns
jederzeit das Ganze überschauen, ohne daß wir nötig hätten, uns durch
das Einzelne verwirren zu lassen. Welche Vorteile gewährt die
doppelte Buchhaltung dem Kaufmanne! Es ist eine der schönsten
Erfindungen des menschlichen Geistes, und ein jeder gute Haushalter
sollte sie in seiner Wirtschaft einführen."
"Verzeih mir", sagte Wilhelm lächelnd, "du fängst von der Form an, als
wenn das die Sache wäre; gewöhnlich vergeßt ihr aber auch über eurem
Addieren und Bilanzieren das eigentliche Fazit des Lebens."
"Leider siehst du nicht, mein Freund, wie Form und Sache hier nur eins
ist, eins ohne das andere nicht bestehen könnte. Ordnung und Klarheit
vermehrt die Lust zu sparen und zu erwerben. Ein Mensch, der übel
haushält, befindet sich in der Dunkelheit sehr wohl; er mag die Posten
nicht gerne zusammenrechnen, die er schuldig ist. Dagegen kann einem
guten Wirte nichts angenehmer sein, als sich alle Tage die Summe
seines wachsenden Glückes zu ziehen. Selbst ein Unfall, wenn er ihn
verdrießlich überrascht, erschreckt ihn nicht; denn er weiß sogleich,
was für erworbene Vorteile er auf die andere Waagschale zu legen hat.
Ich bin überzeugt, mein lieber Freund, wenn du nur einmal einen
rechten Geschmack an unsern Geschäften finden könntest, so würdest du
dich überzeugen, daß manche Fähigkeiten des Geistes auch dabei ihr
freies Spiel haben können."
"Es ist möglich, daß mich die Reise, die ich vorhabe, auf andere
Gedanken bringt."
"O gewiß! Glaube mir, es fehlt dir nur der Anblick einer großen
Tätigkeit, um dich auf immer zu dem Unsern zu machen; und wenn du
zurückkommst, wirst du dich gern zu denen gesellen, die durch alle
Arten von Spedition und Spekulation einen Teil des Geldes und
Wohlbefindens, das in der Welt seinen notwendigen Kreislauf führt, an
sich zu reißen wissen. Wirf einen Blick auf die natürlichen und
künstlichen Produkte aller Weltteile, betrachte, wie sie wechselsweise
zur Notdurft geworden sind! Welch eine angenehme, geistreiche
Sorgfalt ist es, alles, was in dem Augenblicke am meisten gesucht wird
und doch bald fehlt, bald schwer zu haben ist, zu kennen, jedem, was
er verlangt, leicht und schnell zu verschaffen, sich vorsichtig in
Vorrat zu setzen und den Vorteil jedes Augenblickes dieser großen
Zirkulation zu genießen! Dies ist, dünkt mich, was jedem, der Kopf
hat, eine große Freude machen wird."
Wilhelm schien nicht abgeneigt, und Werner fuhr fort: "Besuche nur
erst ein paar große Handelsstädte, ein paar Häfen, und du wirst gewiß
mit fortgerissen werden. Wenn du siehst, wie viele Menschen
beschäftigt sind; wenn du siehst, wo so manches herkommt, wo es
hingeht, so wirst du es gewiß auch mit Vergnügen durch deine Hände
gehen sehen. Die geringste Ware siehst du im Zusammenhange mit dem
ganzen Handel, und eben darum hältst du nichts für gering, weil alles
die Zirkulation vermehrt, von welcher dein Leben seine Nahrung zieht."
Werner, der seinen richtigen Verstand in dem Umgange mit Wilhelm
ausbildete, hatte sich gewöhnt, auch an sein Gewerbe, an seine
Geschäfte mit Erhebung der Seele zu denken, und glaubte immer, daß er
es mit mehrerem Rechte tue als sein sonst verständiger und geschätzter
Freund, der, wie es ihm schien, auf das Unreellste von der Welt einen
so großen Wert und das Gewicht seiner ganzen Seele legte. Manchmal
dachte er, es könne gar nicht fehlen, dieser falsche Enthusiasmus
müsse zu überwältigen und ein so guter Mensch auf den rechten Weg zu
bringen sein. In dieser Hoffnung fuhr er fort: "Es haben die Großen
dieser Welt sich der Erde bemächtiget, sie leben in Herrlichkeit und
Überfluß. Der kleinste Raum unsers Weltteils ist schon in Besitz
genommen, jeder Besitz befestigt, Ämter und andere bürgerliche
Geschäfte tragen wenig ein; wo gibt es nun noch einen rechtmäßigeren
Erwerb, eine billigere Eroberung als den Handel? Haben die Fürsten
dieser Welt die Flüsse, die Wege, die Häfen in ihrer Gewalt und nehmen
von dem, was durch- und vorbeigeht, einen starken Gewinn: sollen wir
nicht mit Freuden die Gelegenheit ergreifen und durch unsere Tätigkeit
auch Zoll von jenen Artikeln nehmen, die teils das Bedürfnis, teils
der Übermut den Menschen unentbehrlich gemacht hat? Und ich kann dir
versichern, wenn du nur deine dichterische Einbildungskraft anwenden
wolltest, so könntest du meine Göttin als eine unüberwindliche
Siegerin der deinigen kühn entgegenstellen. Sie führt freilich lieber
den Ölzweig als das Schwert; Dolch und Ketten kennt sie gar nicht:
aber Kronen teilet sie auch ihren Lieblingen aus, die, es sei ohne
Verachtung jener gesagt, von echtem, aus der Quelle geschöpftem Golde
und von Perlen glänzen, die sie aus der Tiefe des Meeres durch ihre
immer geschäftigen Diener geholt hat."
Wilhelmen verdroß dieser Ausfall ein wenig, doch verbarg er seine
Empfindlichkeit; denn er erinnerte sich, daß Werner auch seine
Apostrophen mit Gelassenheit anzuhören pflegte. Übrigens war er billig
genug, um gerne zu sehen, wenn jeder von seinem Handwerk aufs beste
dachte; nur mußte man ihm das seinige, dem er sich mit Leidenschaft
gewidmet hatte, unangefochten lassen.
"Und dir", rief Werner aus, "der du an menschlichen Dingen so
herzlichen Anteil nimmst, was wird es dir für ein Schauspiel sein,
wenn du das Glück, das mutige Unternehmungen begleitet, vor deinen
Augen den Menschen wirst gewährt sehen! Was ist reizender als der
Anblick eines Schiffes, das von einer glücklichen Fahrt wieder anlangt,
das von einem reichen Fange frühzeitig zurückkehrt! Nicht der
Verwandte, der Bekannte, der Teilnehmer allein, ein jeder fremde
Zuschauer wird hingerissen, wenn er die Freude sieht, mit welcher der
eingesperrte Schiffer ans Land springt, noch ehe sein Fahrzeug es ganz
berührt, sich wieder frei fühlt und nunmehr das, was er dem falschen
Wasser entzogen, der getreuen Erde anvertrauen kann. Nicht in Zahlen
allein, mein Freund, erscheint uns der Gewinn; das Glück ist die
Göttin der lebendigen Menschen, und um ihre Gunst wahrhaft zu
empfinden, muß man leben und Menschen sehen, die sich recht lebendig
bemühen und recht sinnlich genießen."
I. Buch, 11. Kapitel
Elftes Kapitel
Es ist nun Zeit, daß wir auch die Väter unsrer beiden Freunde näher
kennenlernen; ein paar Männer von sehr verschiedener Denkungsart,
deren Gesinnungen aber darin übereinkamen, daß sie den Handel für das
edelste Geschäft hielten und beide höchst aufmerksam auf jeden Vorteil
waren, den ihnen irgend eine Spekulation bringen konnte. Der alte
Meister hatte gleich nach dem Tode seines Vaters eine kostbare
Sammlung von Gemälden, Zeichnungen, Kupferstichen und Antiquitäten ins
Geld gesetzt, sein Haus nach dem neuesten Geschmacke von Grund aus
aufgebaut und möbliert und sein übriges Vermögen auf alle mögliche
Weise gelten gemacht. Einen ansehnlichen Teil davon hatte er dem
alten Werner in die Handlung gegeben, der als ein tätiger Handelsmann
berühmt war und dessen Spekulationen gewöhnlich durch das Glück
begünstigt wurden. Nichts wünschte aber der alte Meister so sehr, als
seinem Sohne Eigenschaften zu geben, die ihm selbst fehlten, und
seinen Kindern Güter zu hinterlassen, auf deren Besitz er den größten
Wert legte. Zwar empfand er eine besondere Neigung zum Prächtigen, zu
dem, was in die Augen fällt, das aber auch zugleich einen innern Wert
und eine Dauer haben sollte. In seinem Hause mußte alles solid und
massiv sein, der Vorrat reichlich, das Silbergeschirr schwer, das
Tafelservice kostbar; dagegen waren die Gäste selten, denn eine jede
Mahlzeit ward ein Fest, das sowohl wegen der Kosten als wegen der
Unbequemlichkeit nicht oft wiederholt werden konnte. Sein Haushalt
ging einen gelassenen und einförmigen Schritt, und alles, was sich
darin bewegte und erneuerte, war gerade das, was niemandem einigen
Genuß gab.
Ein ganz entgegengesetztes Leben führte der alte Werner in einem
dunkeln und finstern Hause. Hatte er seine Geschäfte in der engen
Schreibstube am uralten Pulte vollendet, so wollte er gut essen und
womöglich noch besser trinken, auch konnte er das Gute nicht allein
genießen: neben seiner Familie mußte er seine Freunde, alle Fremden,
die nur mit seinem Hause in einiger Verbindung standen, immer bei
Tische sehen; seine Stühle waren uralt, aber er lud täglich jemanden
ein, darauf zu sitzen. Die guten Speisen zogen die Aufmerksamkeit der
Gäste auf sich, und niemand bemerkte, daß sie in gemeinem Geschirr
aufgetragen wurden. Sein Keller hielt nicht viel Wein, aber der
ausgetrunkene ward gewöhnlich durch einen bessern ersetzt.
So lebten die beiden Väter, welche öfter zusammenkamen, sich wegen
gemeinschaftlicher Geschäfte beratschlagten und eben heute die
Versendung Wilhelms in Handelsangelegenheiten beschlossen.
"Er mag sich in der Welt umsehen", sagte der alte Meister, "und
zugleich unsre Geschäfte an fremden Orten betreiben; man kann einem
jungen Menschen keine größere Wohltat erweisen, als wenn man ihn
zeitig in die Bestimmung seines Lebens einweiht. Ihr Sohn ist von
seiner Expedition so glücklich zurückgekommen, hat seine Geschäfte so
gut zu machen gewußt, daß ich recht neugierig bin, wie sich der
meinige beträgt; ich fürchte, er wird mehr Lehrgeld geben als der
Ihrige."
Der alte Meister, welcher von seinem Sohne und dessen Fähigkeiten
einen großen Begriff hatte, sagte diese Worte in Hoffnung, daß sein
Freund ihm widersprechen und die vortrefflichen Gaben des jungen
Mannes herausstreichen sollte. Allein hierin betrog er sich; der alte
Werner, der in praktischen Dingen niemandem traute als dem, den er
geprüft hatte, versetzte gelassen: "Man muß alles versuchen; wir
können ihn ebendenselben Weg schicken, wir geben ihm eine Vorschrift,
wonach er sich richtet; es sind verschiedene Schulden einzukassieren,
alte Bekanntschaften zu erneuern, neue zu machen. Er kann auch die
Spekulation, mit der ich Sie neulich unterhielt, befördern helfen;
denn ohne genaue Nachrichten an Ort und Stelle zu sammeln, läßt sich
dabei wenig tun."
"Er mag sich vorbereiten", versetzte der alte Meister, "und so bald
als möglich aufbrechen. Wo nehmen wir ein Pferd für ihn her, das sich
zu dieser Expedition schickt?"
"Wir werden nicht weit danach suchen. Ein Krämer in H***, der uns
noch einiges schuldig, aber sonst ein guter Mann ist, hat mir eins an
Zahlungs Statt angeboten; mein Sohn kennt es, es soll ein recht
brauchbares Tier sein."
"Er mag es selbst holen, mag mit dem Postwagen hinüberfahren, so ist
er übermorgen beizeiten wieder da, man macht ihm indessen den
Mantelsack und die Briefe zurechte, und so kann er zu Anfang der
künftigen Woche aufbrechen."
Wilhelm wurde gerufen, und man machte ihm den Entschluß bekannt. Wer
war froher als er, da er die Mittel zu seinem Vorhaben in seinen
Händen sah, da ihm die Gelegenheit ohne sein Mitwirken zubereitet
worden! So groß war seine Leidenschaft, so rein seine Überzeugung, er
handle vollkommen recht, sich dem Drucke seines bisherigen Lebens zu
entziehen und einer neuen, edlern Bahn zu folgen, daß sein Gewissen
sich nicht im mindesten regte, keine Sorge in ihm entstand, ja daß er
vielmehr diesen Betrug für heilig hielt. Er war gewiß, daß ihn Eltern
und Verwandte in der Folge für diesen Schritt preisen und segnen
sollten, er erkannte den Wink eines leitenden Schicksals an diesen
zusammentreffenden Umständen.
Wie lang ward ihm die Zeit bis zur Nacht, bis zur Stunde, in der er
seine Geliebte wiedersehen sollte! Er saß auf seinem Zimmer und
überdachte seinen Reiseplan, wie ein künstlicher Dieb oder Zauberer in
der Gefangenschaft manchmal die Füße aus den festgeschlossenen Ketten
herauszieht, um die Überzeugung bei sich zu nähren, daß seine Rettung
möglich, ja noch näher sei, als kurzsichtige Wächter glauben.
Endlich schlug die nächtliche Stunde; er entfernte sich aus seinem
Hause, schüttelte allen Druck ab und wandelte durch die stillen Gassen.
Auf dem großen Platze hub er seine Hände gen Himmel, fühlte alles
hinter und unter sich; er hatte sich von allem losgemacht. Nun dachte
er sich in den Armen seiner Geliebten, dann wieder mit ihr auf dem
blendenden Theatergerüste, er schwebte in einer Fülle von Hoffnungen,
und nur manchmal erinnerte ihn der Ruf des Nachtwächters, daß er noch
auf dieser Erde wandle.
Seine Geliebte kam ihm an der Treppe entgegen, und wie schön! wie
lieblich! In dem neuen weißen Negligè empfing sie ihn, er
glaubte sie noch nie so reizend gesehen zu haben. So weihte sie das
Geschenk des abwesenden Liebhabers in den Armen des gegenwärtigen ein,
und mit wahrer Leidenschaft verschwendete sie den ganzen Reichtum
ihrer Liebkosungen, welche ihr die Natur eingab, welche die Kunst sie
gelehrt hatte, an ihren Liebling, und man frage, ob er sich glücklich,
ob er sich selig fühlte.
Er entdeckte ihr, was vorgegangen war, und ließ ihr im allgemeinen
seinen Plan, seine Wünsche sehen. Er wolle unterzukommen suchen, sie
alsdann abholen, er hoffe, sie werde ihm ihre Hand nicht versagen.
Das arme Mädchen aber schwieg, verbarg ihre Tränen und drückte den
Freund an ihre Brust, der, ob er gleich ihr Verstummen auf das
günstigste auslegte, doch eine Antwort gewünscht hätte, besonders da
er sie zuletzt auf das bescheidenste, auf das freundlichste fragte, ob
er sich denn nicht Vater glauben dürfe. Aber auch darauf antwortete
sie nur mit einem Seufzer, einem Kusse.
I. Buch, 12. Kapitel
Zwölftes Kapitel
Den andern Morgen erwachte Mariane nur zu neuer Betrübnis; sie fand
sich sehr allein, mochte den Tag nicht sehen, blieb im Bette und
weinte. Die Alte setzte sich zu ihr, suchte ihr einzureden, sie zu
trösten; aber es gelang ihr nicht, das verwundete Herz so schnell zu
heilen. Nun war der Augenblick nahe, dem das arme Mädchen wie dem
letzten ihres Lebens entgegengesehen hatte. Konnte man sich auch in
einer ängstlichern Lage fühlen? Ihr Geliebter entfernte sich, ein
unbequemer Liebhaber drohte zu kommen, und das größte Unheil stand
bevor, wenn beide, wie es leicht möglich war, einmal zusammentreffen
sollten.
"Beruhige dich, Liebchen", rief die Alte, "verweine mir deine schönen
Augen nicht! Ist es denn ein so großes Unglück, zwei Liebhaber zu
besitzen? Und wenn du auch deine Zärtlichkeit nur dem einen schenken
kannst, so sei wenigstens dankbar gegen den andern, der, nach der Art,
wie er für dich sorgt, gewiß dein Freund genannt zu werden verdient."
"Es ahnte meinem Geliebten", versetzte Mariane dagegen mit Tränen,
"daß uns eine Trennung bevorstehe; ein Traum hat ihm entdeckt, was wir
ihm so sorgfältig zu verbergen suchen. Er schlief so ruhig an meiner
Seite. Auf einmal höre ich ihn ängstliche, unvernehmliche Töne
stammeln. Mir wird bange, und ich wecke ihn auf. Ach! mit welcher
Liebe, mit welcher Zärtlichkeit, mit welchem Feuer umarmt' er mich!
"O Mariane!" rief er aus, "welchem schrecklichen Zustande hast du mich
entrissen! Wie soll ich dir danken, daß du mich aus dieser Hölle
befreit hast? Mir träumte", fuhr er fort, "ich befände mich, entfernt
von dir, in einer unbekannten Gegend; aber dein Bild schwebte mir vor;
ich sah dich auf einem schönen Hügel, die Sonne beschien den ganzen
Platz; wie reizend kamst du mir vor! Aber es währte nicht lange, so
sah ich dein Bild hinuntergleiten, immer hinuntergleiten; ich streckte
meine Arme nach dir aus, sie reichten nicht durch die Ferne. Immer
sank dein Bild und näherte sich einem großen See, der am Fuße des
Hügels weit ausgebreitet lag, eher ein Sumpf als ein See. Auf einmal
gab dir ein Mann die Hand; er schien dich hinaufführen zu wollen, aber
leitete dich seitwärts und schien dich nach sich zu ziehen. Ich rief,
da ich dich nicht erreichen konnte, ich hoffte dich zu warnen. Wollte
ich gehen, so schien der Boden mich festzuhalten; konnt ich gehen, so
hinderte mich das Wasser, und sogar mein Schreien erstickte in der
beklemmten Brust."--So erzählte der Arme, indem er sich von seinem
Schrecken an meinem Busen erholte und sich glücklich pries, einen
fürchterlichen Traum durch die seligste Wirklichkeit verdrängt zu
sehen."
Die Alte suchte soviel möglich durch ihre Prose die Poesie ihrer
Freundin ins Gebiet des gemeinen Lebens herunterzulocken und bediente
sich dabei der guten Art, welche Vogelstellern zu gelingen pflegt,
indem sie durch ein Pfeifchen die Töne derjenigen nachzuahmen suchen,
welche sie bald und häufig in ihrem Garne zu sehen wünschen. Sie
lobte Wilhelmen, rühmte seine Gestalt, seine Augen, seine Liebe. Das
arme Mädchen hörte ihr gerne zu, stand auf, ließ sich ankleiden und
schien ruhiger. "Mein Kind, mein Liebchen", fuhr die Alte
schmeichelnd fort, "ich will dich nicht betrüben, nicht beleidigen,
ich denke dir nicht dein Glück zu rauben. Darfst du meine Absicht
verkennen, und hast du vergessen, daß ich jederzeit mehr für dich als
für mich gesorgt habe? Sag mir nur, was du willst; wir wollen schon
sehen, wie wir es ausführen."
"Was kann ich wollen?" versetzte Mariane; "ich bin elend, auf mein
ganzes Leben elend; ich liebe ihn, der mich liebt, sehe, daß ich mich
von ihm trennen muß, und weiß nicht, wie ich es überleben kann.
Norberg kommt, dem wir unsere ganze Existenz schuldig sind, den wir
nicht entbehren können. Wilhelm ist sehr eingeschränkt, er kann
nichts für mich tun."
"Ja, er ist unglücklicherweise von jenen Liebhabern, die nichts als
ihr Herz bringen, und eben diese haben die meisten Prätensionen."
"Spotte nicht! Der Unglückliche denkt sein Haus zu verlassen, auf das
Theater zu gehen, mir seine Hand anzubieten."
"Leere Hände haben wir schon viere."
"Ich habe keine Wahl", fuhr Mariane fort, "entscheide du! Stoße mich
da oder dorthin, nur wisse noch eins: wahrscheinlich trag ich ein Pfand
im Busen, das uns noch mehr aneinanderfesseln sollte; das bedenke und
entscheide: wen soll ich lassen? Wem soll ich folgen?"
Nach einigem Stillschweigen rief die Alte: "Daß doch die Jugend immer
zwischen den Extremen schwankt! Ich finde nichts natürlicher, als
alles zu verbinden, was uns Vergnügen und Vorteil bringt. Liebst du
den einen, so mag der andere bezahlen; es kommt nur darauf an, daß wir
klug genug sind, sie beide auseinanderzuhalten."
"Mache, was du willst, ich kann nichts denken; aber folgen will ich."
"Wir haben den Vorteil, daß wir den Eigensinn des Direktors, der auf
die Sitten seiner Truppe stolz ist, vorschützen können. Beide
Liebhaber sind schon gewohnt, heimlich und vorsichtig zu Werke zu
gehen. Für Stunde und Gelegenheit will ich sorgen; nur mußt du
hernach die Rolle spielen, die ich dir vorschreibe. Wer weiß, welcher
Umstand uns hilft. Käme Norberg nur jetzt, da Wilhelm entfernt ist!
Wer wehrt dir, in den Armen des einen an den andern zu denken? Ich
wünsche dir zu einem Sohne Glück; er soll einen reichen Vater haben."
Mariane war durch diese Vorstellungen nur für kurze Zeit gebessert.
Sie konnte ihren Zustand nicht in Harmonie mit ihrer Empfindung, ihrer
Überzeugung bringen; sie wünschte diese schmerzlichen Verhältnisse zu
vergessen, und tausend kleine Umstände mußten sie jeden Augenblick
daran erinnern.
I. Buch, 13. Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Wilhelm hatte indessen die kleine Reise vollendet und überreichte, da
er seinen Handelsfreund nicht zu Hause fand, das Empfehlungsschreiben
der Gattin des Abwesenden. Aber auch diese gab ihm auf seine Fragen
wenig Bescheid; sie war in einer heftigen Gemütsbewegung und das ganze
Haus in großer Verwirrung.
Es währte jedoch nicht lange, so vertraute sie ihm (und es war auch
nicht zu verheimlichen), daß ihre Stieftochter mit einem Schauspieler
davongegangen sei, mit einem Menschen, der sich von einer kleinen
Gesellschaft vor kurzem losgemacht, sich im Orte aufgehalten und im
Französischen Unterricht gegeben habe. Der Vater, außer sich vor
Schmerz und Verdruß, sei ins Amt gelaufen, um die Flüchtigen verfolgen
zu lassen. Sie schalt ihre Tochter heftig, schmähte den Liebhaber, so
daß an beiden nichts Lobenswürdiges übrigblieb, beklagte mit vielen
Worten die Schande, die dadurch auf die Familie gekommen, und setzte
Wilhelmen in nicht geringe Verlegenheit, der sich und sein heimliches
Vorhaben durch diese Sibylle gleichsam mit prophetischem Geiste voraus
getadelt und gestraft fühlte. Noch stärkern und innigern Anteil mußte
er aber an den Schmerzen des Vaters nehmen, der aus dem Amte zurückkam,
mit stiller Trauer und halben Worten seine Expedition der Frau
erzählte und, indem er nach eingesehenem Briefe das Pferd Wilhelmen
vorführen ließ, seine Zerstreuung und Verwirrung nicht verbergen
konnte.
Wilhelm gedachte sogleich das Pferd zu besteigen und sich aus einem
Hause zu entfernen, in welchem ihm unter den gegebenen Umständen
unmöglich wohl werden konnte; allein der gute Mann wollte den Sohn
eines Hauses, dem er so viel schuldig war, nicht unbewirtet und ohne
ihn eine Nacht unter seinem Dache behalten zu haben, entlassen.
Unser Freund hatte ein trauriges Abendessen eingenommen, eine unruhige
Nacht ausgestanden und eilte frühmorgens, so bald als möglich sich von
Leuten zu entfernen, die, ohne es zu wissen, ihn mit ihren Erzählungen
und Äußerungen auf das empfindlichste gequält hatten.
Er ritt langsam und nachdenkend die Straße hin, als er auf einmal eine
Anzahl bewaffneter Leute durchs Feld kommen sah, die er an ihren
weiten und langen Röcken, großen Aufschlägen, unförmlichen Hüten und
plumpen Gewehren, an ihrem treuherzigen Gange und dem bequemen Tragen
ihres Körpers sogleich für ein Kommando Landmiliz erkannte. Unter
einer alten Eiche hielten sie stille, setzten ihre Flinten nieder und
lagerten sich bequem auf dem Rasen, um eine Pfeife zu rauchen.
Wilhelm verweilte bei ihnen und ließ sich mit einem jungen Menschen,
der zu Pferde herbeikam, in ein Gespräch ein. Er mußte die Geschichte
der beiden Entflohenen, die ihm nur zu sehr bekannt war, leider noch
einmal, und zwar mit Bemerkungen, die weder dem jungen Paare noch den
Eltern sonderlich günstig waren, vernehmen. Zugleich erfuhr er, daß
man hierher gekommen sei, die jungen Leute wirklich in Empfang zu
nehmen, die in dem benachbarten Städtchen eingeholt und angehalten
worden waren. Nach einiger Zeit sah man von ferne einen Wagen
herbeikommen, der von einer Bürgerwache mehr lächerlich als
fürchterlich umgeben war. Ein unförmlicher Stadtschreiber ritt voraus
und komplimentierte mit dem gegenseitigem Aktuarius (denn das war der
junge Mann, mit dem Wilhelm gesprochen hatte) an der Grenze mit großer
Gewissenhaftigkeit und wunderlichen Gebärden, wie es etwa Geist und
Zauberer, der eine inner-, der andere außerhalb des Kreises, bei
gefährlichen nächtlichen Operationen tun mögen.
Die Aufmerksamkeit der Zuschauer war indes auf den Bauerwagen
gerichtet, und man betrachtete die armen Verirrten nicht ohne
Mitleiden, die auf ein paar Bündeln Stroh beieinander saßen, sich
zärtlich anblickten und die Umstehenden kaum zu bemerken schienen.
Zufälligerweise hatte man sich genötigt gesehen, sie von dem letzten
Dorfe auf eine so unschickliche Art fortzubringen, indem die alte
Kutsche, in welcher man die Schöne transportierte, zerbrochen war.
Sie erbat sich bei dieser Gelegenheit die Gesellschaft ihres Freundes,
den man, in der Überzeugung, er sei auf einem kapitalen Verbrechen
betroffen, bis dahin mit Ketten beschwert nebenhergehen lassen. Diese
Ketten trugen denn freilich nicht wenig bei, den Anblick der
zärtlichen Gruppe interessanter zu machen, besonders weil der junge
Mann sie mit vielem Anstand bewegte, indem er wiederholt seiner
Geliebten die Hände küßte.
"Wir sind sehr unglücklich!" rief sie den Umstehenden zu; "aber nicht
so schuldig, wie wir scheinen. So belohnen grausame Menschen treue
Liebe, und Eltern, die das Glück ihrer Kinder gänzlich vernachlässigen,
reißen sie mit Ungestüm aus den Armen der Freude, die sich ihrer nach
langen, trüben Tagen bemächtigte!"
Indes die Umstehenden auf verschiedene Weise ihre Teilnahme zu
erkennen gaben, hatten die Gerichte ihre Zeremonien absolviert; der
Wagen ging weiter, und Wilhelm, der an dem Schicksal der Verliebten
großen Teil nahm, eilte auf dem Fußpfade voraus, um mit dem Amtmanne,
noch ehe der Zug ankäme, Bekanntschaft zu machen. Er erreichte aber
kaum das Amthaus, wo alles in Bewegung und zum Empfang der Flüchtlinge
bereit war, als ihn der Aktuarius einholte und durch eine umständliche
Erzählung, wie alles gegangen, besonders aber durch ein weitläufiges
Lob seines Pferdes, das er erst gestern vom Juden getauscht, jedes
andere Gespräch verhinderte.
Schon hatte man das unglückliche Paar außen am Garten, der durch eine
kleine Pforte mit dem Amthause zusammenhing, abgesetzt und sie in der
Stille hineingeführt. Der Aktuarius nahm über diese schonende
Behandlung von Wilhelmen ein aufrichtiges Lob an, ob er gleich
eigentlich dadurch nur das vor dem Amthause versammelte Volk necken
und ihm das angenehme Schauspiel einer gedemütigten Mitbürgerin
entziehen wollte.
Der Amtmann, der von solchen außerordentlichen Fällen kein
sonderlicher Liebhaber war, weil er meistenteils dabei einen und den
andern Fehler machte und für den besten Willen gewöhnlich von
fürstlicher Regierung mit einem derben Verweise belohnt wurde, ging
mit schweren Schritten nach der Amtsstube, wohin ihm der Aktuarius,
Wilhelm und einige angesehene Bürger folgten.
Zuerst ward die Schöne vorgeführt, die, ohne Frechheit, gelassen und
mit Bewußtsein ihrer selbst hereintrat. Die Art, wie sie gekleidet
war und sich überhaupt betrug, zeigte, daß sie ein Mädchen sei, die
etwas auf sich halte. Sie fing auch, ohne gefragt zu werden, über
ihren Zustand nicht unschicklich zu reden an.
Der Aktuarius gebot ihr zu schweigen und hielt seine Feder über dem
gebrochenen Blatte. Der Amtmann setzte sich in Fassung, sah ihn an,
räusperte sich und fragte das arme Kind, wie ihr Name heiße und wie
alt sie sei.
"Ich bitte Sie, mein Herr", versetzte sie, "es muß mir gar wunderbar
vorkommen, daß Sie mich um meinen Namen und mein Alter fragen, da Sie
sehr gut wissen, wie ich heiße und daß ich so alt wie Ihr ältester
Sohn bin. Was Sie von mir wissen wollen und was Sie wissen müssen,
will ich gern ohne Umschweife sagen.
Seit meines Vaters zweiter Heirat werde ich zu Hause nicht zum besten
gehalten. Ich hätte einige hübsche Partien tun können, wenn nicht
meine Stiefmutter aus Furcht vor der Ausstattung sie zu vereiteln
gewußt hätte. Nun habe ich den jungen Melina kennenlernen, ich habe
ihn lieben müssen, und da wir die Hindernisse voraussahen, die unserer
Verbindung im Wege stunden, entschlossen wir uns, miteinander in der
weiten Welt ein Glück zu suchen, das uns zu Hause nicht gewährt schien.
Ich habe nichts mitgenommen, als was mein eigen war; wir sind nicht
als Diebe und Räuber entflohen, und mein Geliebter verdient nicht, daß
er mit Ketten und Banden belegt herumgeschleppt werde. Der Fürst ist
gerecht, er wird diese Härte nicht billigen. Wenn wir strafbar sind,
so sind wir es nicht auf diese Weise."
Der alte Amtmann kam hierüber doppelt und dreifach in Verlegenheit.
Die gnädigsten Ausputzer summten ihm schon um den Kopf, und die
geläufige Rede des Mädchens hatte ihm den Entwurf des Protokolls
gänzlich zerrüttet. Das Übel wurde noch größer, als sie bei
wiederholten ordentlichen Fragen sich nicht weiter einlassen wollte,
sondern sich auf das, was sie eben gesagt, standhaft berief.
"Ich bin keine Verbrecherin", sagte sie. "Man hat mich auf
Strohbündeln zur Schande hierhergeführt; es ist eine höhere
Gerechtigkeit, die uns wieder zu Ehren bringen soll."
Der Aktuarius hatte indessen immer ihre Worte nachgeschrieben und
flüsterte dem Amtmanne zu: er solle nur weitergehen; ein förmliches
Protokoll würde sich nachher schon verfassen lassen.
Der Alte nahm wieder Mut und fing nun an, nach den süßen Geheimnissen
der Liebe mit dürren Worten und in hergebrachten, trockenen Formeln
sich zu erkundigen.
Wilhelmen stieg die Röte ins Gesicht, und die Wangen der artigen
Verbrecherin belebten sich gleichfalls durch die reizende Farbe der
Schamhaftigkeit. Sie schwieg und stockte, bis die Verlegenheit selbst
zuletzt ihren Mut zu erhöhen schien.
"Seien Sie versichert", rief sie aus, "daß ich stark genug seien würde,
die Wahrheit zu bekennen, wenn ich auch gegen mich selbst sprechen
müßte; sollte ich nun zaudern und stocken, da sie mir Ehre macht? Ja,
ich habe ihn von dem Augenblicke an, da ich seiner Neigung und seiner
Treue gewiß war, als meinen Ehemann angesehen; ich habe ihm alles
gerne gegönnt, was die Liebe fordert und was ein überzeugtes Herz
nicht versagen kann. Machen Sie nun mit mir, was Sie wollen. Wenn
ich einen Augenblick zu gestehen zauderte, so war die Furcht, daß mein
Bekenntnis für meinen Geliebten schlimme Folgen haben könnte, allein
daran Ursache."
Wilhelm faßte, als er ihr Geständnis hörte, einen hohen Begriff von
den Gesinnungen des Mädchens, indes sie die Gerichtspersonen für eine
freche Dirne erkannten und die gegenwärtigen Bürger Gott dankten, daß
dergleichen Fälle in ihren Familien entweder nicht vorgekommen oder
nicht bekannt geworden waren.
Wilhelm versetzte seine Mariane in diesem Augenblicke vor den
Richterstuhl, legte ihr noch schönere Worte in den Mund, ließ ihre
Aufrichtigkeit noch herzlicher und ihr Bekenntnis noch edler werden.
Die heftigste Leidenschaft, beiden Liebenden zu helfen, bemächtigte
sich seiner. Er verbarg sie nicht und bat den zaudernden Amtmann
heimlich, er möchte doch der Sache ein Ende machen, es sei ja alles so
klar als möglich und bedürfe keiner weitern Untersuchung.
Dieses half so viel, daß man das Mädchen abtreten, dafür aber den
jungen Menschen, nachdem man ihm vor der Türe die Fesseln abgenommen
hatte, hereinkommen ließ. Dieser schien über sein Schicksal mehr
nachdenkend. Seine Antworten waren gesetzter, und wenn er von einer
Seite weniger heroische Freimütigkeit zeigte, so empfahl er sich
hingegen durch Bestimmtheit und Ordnung seiner Aussage.
Da auch dieses Verhör geendiget war, welches mit dem vorigen in allem
übereinstimmte, nur daß er, um das Mädchen zu schonen, hartnäckig
leugnete, was sie selbst schon bekannt hatte, ließ man auch sie
endlich wieder vortreten, und es entstand zwischen beiden eine Szene,
welche ihnen das Herz unsers Freundes gänzlich zu eigen machte.
Was nur in Romanen und Komödien vorzugehen pflegt, sah er hier in
einer unangenehmen Gerichtsstube vor seinen Augen: den Streit
wechselseitiger Großmut, die Stärke der Liebe im Unglück.
"Ist es denn also wahr", sagte er bei sich selbst, "daß die
schüchterne Zärtlichkeit, die vor dem Auge der Sonne und der Menschen
sich verbirgt und nur in abgesonderter Einsamkeit, in tiefem
Geheimnisse zu genießen wagt, wenn sie durch einen feindseligen Zufall
hervorgeschleppt wird, sich alsdann mutiger, stärker, tapferer zeigt
als andere, brausende und großtuende Leidenschaften?"
Zu seinem Troste schloß sich die ganze Handlung noch ziemlich bald.
Sie wurden beide in leidliche Verwahrung genommen, und wenn es möglich
gewesen wäre, so hätte er noch diesen Abend das Frauenzimmer zu ihren
Eltern hinübergebracht. Denn er setzte sich fest vor, hier ein
Mittelsmann zu werden und die glückliche und anständige Verbindung
beider Liebenden zu befördern.
Er erbat sich von dem Amtmanne die Erlaubnis, mit Melina allein zu
reden, welche ihm denn auch ohne Schwierigkeit verstattet wurde.
I. Buch, 14. Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Das Gespräch der beiden neuen Bekannten wurde gar bald vertraut und
lebhaft. Denn als Wilhelm dem niedergeschlagnen Jüngling sein
Verhältnis zu den Eltern des Frauenzimmers entdeckte, sich zum Mittler
anbot und selbst die besten Hoffnungen zeigte, erheiterte sich das
traurige und sorgenvolle Gemüt des Gefangnen, er fühlte sich schon
wieder befreit, mit seinen Schwiegereltern versöhnt, und es war nun
von künftigem Erwerb und Unterkommen die Rede.
"Darüber werden Sie doch nicht in Verlegenheit sein", versetzte
Wilhelm; "denn Sie scheinen mir beiderseits von der Natur bestimmt, in
dem Stande, den Sie gewählt haben, Ihr Glück zu machen. Eine
angenehme Gestalt, eine wohlklingende Stimme, ein gefühlvolles Herz!
Können Schauspieler besser ausgestattet sein? Kann ich Ihnen mit
einigen Empfehlungen dienen, so wird es mir viel Freude machen."
"Ich danke Ihnen von Herzen", versetzte der andere; "aber ich werde
wohl schwerlich davon Gebrauch machen können, denn ich denke, wo
möglich nicht auf das Theater zurückzukehren."
"Daran tun Sie sehr übel", sagte Wilhelm nach einer Pause, in welcher
er sich von seinem Erstaunen erholt hatte; denn er dachte nicht anders,
als daß der Schauspieler, sobald er mit seiner jungen Gattin befreit
worden, das Theater aufsuchen werde. Es schien ihm ebenso natürlich
und notwendig, als daß der Frosch das Wasser sucht. Nicht einen
Augenblick hatte er daran gezweifelt und mußte nun zu seinem Erstaunen
das Gegenteil erfahren.
"Ja", versetzte der andere, "ich habe mir vorgenommen, nicht wieder
auf das Theater zurückzukehren, vielmehr eine bürgerliche Bedienung,
sie sei auch, welche sie wolle, anzunehmen, wenn ich nur eine erhalten
kann."
"Das ist ein sonderbarer Entschluß, den ich nicht billigen kann; denn
ohne besondere Ursache ist es niemals ratsam, die Lebensart, die man
ergriffen hat, zu verändern, und überdies wüßte ich keinen Stand, der
so viel Annehmlichkeiten, so viel reizende Aussichten darböte, als den
eines Schauspielers."
"Man sieht, daß Sie keiner gewesen sind", versetzte jener.
Darauf sagte Wilhelm: "Mein Herr, wie selten ist der Mensch mit dem
Zustande zufrieden, in dem er sich befindet! Er wünscht sich immer
den seines Nächsten, aus welchem sich dieser gleichfalls heraussehnt."
"Indes bleibt doch ein Unterschied", versetzte Melina, "zwischen dem
Schlimmen und dem Schlimmern; Erfahrung, nicht Ungeduld macht mich so
handeln. Ist wohl irgend ein Stückchen Brot kümmerlicher, unsicherer
und mühseliger in der Welt? Beinahe wäre es ebensogut, vor den Türen
zu betteln. Was hat man von dem Neide seiner Mitgenossen und der
Parteilichkeit des Direktors, von der veränderlichen Laune des
Publikums auszustehen! Wahrhaftig, man muß ein Fell haben wie ein Bär,
der in Gesellschaft von Affen und Hunden an der Kette herumgeführt
und geprügelt wird, um bei dem Tone eines Dudelsacks vor Kindern und
Pöbel zu tanzen."
Wilhelm dachte allerlei bei sich selbst, was er jedoch dem guten
Menschen nicht ins Gesicht sagen wollte. Er ging also nur von ferne
mit dem Gespräch um ihn herum. Jener ließ sich desto aufrichtiger und
weitläufiger heraus.--"Täte es nicht not", sagte er, "daß ein Direktor
jedem Stadtrate zu Füßen fiele, um nur die Erlaubnis zu haben, vier
Wochen zwischen der Messe ein paar Groschen mehr an einem Orte
zirkulieren zu lassen. Ich habe den unsrigen, der soweit ein guter
Mann war, oft bedauert, wenn er mir gleich zu anderer Zeit Ursache zu
Mißvergnügen gab. Ein guter Akteur steigert ihn, die schlechten kann
er nicht loswerden; und wenn er seine Einnahme einigermaßen der
Ausgabe gleichsetzen will, so ist es dem Publikum gleich zuviel, das
Haus steht leer, und man muß, um nur nicht gar zugrunde zu gehen, mit
Schaden und Kummer spielen. Nein, mein Herr! da Sie sich unsrer, wie
Sie sagen, annehmen mögen, so bitte ich Sie, sprechen Sie auf das
ernstlichste mit den Eltern meiner Geliebten! Man versorge mich hier,
man gebe mir einen kleinen Schreiber- oder Einnehmerdienst, und ich
will mich glücklich schätzen."
Nachdem sie noch einige Worte gewechselt hatten, schied Wilhelm mit
dem Versprechen, morgen ganz früh die Eltern anzugehen und zu sehen,
was er ausrichten könne. Kaum war er allein, so mußte er sich in
folgenden Ausrufungen Luft machen: "Unglücklicher Melina, nicht in
deinem Stande, sondern in dir liegt das Armselige, über das du nicht
Herr werden kannst! Welcher Mensch in der Welt, der ohne innern Beruf
ein Handwerk, eine Kunst oder irgendeine Lebensart ergriffe, müßte
nicht wie du seinen Zustand unerträglich finden? Wer mit einem
Talente zu einem Talente geboren ist, findet in demselben sein
schönstes Dasein! Nichts ist auf der Erde ohne Beschwerlichkeit! Nur
der innere Trieb, die Lust, die Liebe helfen uns Hindernisse
überwinden, Wege bahnen und uns aus dem engen Kreise, worin sich
andere kümmerlich abängstigen, emporheben. Dir sind die Bretter
nichts als Bretter, und die Rollen, was einem Schulknaben sein Pensum
ist. Die Zuschauer siehst du an, wie sie sich selbst an Werkeltagen
vorkommen. Dir könnte es also freilich einerlei sein, hinter einem
Pult über linierten Büchern zu sitzen, Zinsen einzutragen und Reste
herauszustochern. Du fühlst nicht das zusammenbrennende,
zusammentreffende Ganze, das allein durch den Geist erfunden,
begriffen und ausgeführt wird; du fühlst nicht, daß in den Menschen
ein besserer Funke lebt, der, wenn er keine Nahrung erhält, wenn er
nicht geregt wird, von der Asche täglicher Bedürfnisse und
Gleichgültigkeit tiefer bedeckt und doch so spät und fast nie erstickt
wird. Du fühlst in deiner Seele keine Kraft, ihn aufzublasen, in
deinem eignen Herzen keinen Reichtum, um dem Erweckten Nahrung zu
geben. Der Hunger treibt dich, die Unbequemlichkeiten sind dir
zuwider, und es ist dir verborgen, daß in jedem Stande diese Feinde
lauern, die nur mit Freudigkeit und Gleichmut zu überwinden sind. Du
tust wohl, dich in jene Grenzen einer gemeinen Stelle zu sehnen; denn
welche würdest du wohl ausfüllen, die Geist und Mut verlangt! Gib
einem Soldaten, einem Staatsmanne, einem Geistlichen deine Gesinnungen,
und mit ebensoviel Recht wird er sich über das Kümmerliche seines
Standes beschweren können. Ja, hat es nicht sogar Menschen gegeben,
die von allem Lebensgefühl so ganz verlassen waren, daß sie das ganze
Leben und Wesen der Sterblichen für ein Nichts, für ein kummervolles
und staubgleiches Dasein erklärt haben? Regten sich lebendig in
deiner Seele die Gestalten wirkender Menschen, wärmte deine Brust ein
teilnehmendes Feuer, verbreitete sich über deine ganze Gestalt die
Stimmung, die aus dem Innersten kommt, wären die Töne deiner Kehle,
die Worte deiner Lippen lieblich anzuhören, fühltest du dich genug in
dir selbst, so würdest du dir gewiß Ort und Gelegenheit aufsuchen,
dich in andern fühlen zu können."
Unter solchen Worten und Gedanken hatte sich unser Freund ausgekleidet
und stieg mit einem Gefühle des innigsten Behagens zu Bette. Ein
ganzer Roman, was er an der Stelle des Unwürdigen morgenden Tages tun
würde, entwickelte sich in seiner Seele, angenehme Phantasien
begleiteten ihn in das Reich des Schlafes sanft hinüber und überließen
ihn dort ihren Geschwistern, den Träumen, die ihn mit offenen Armen
aufnahmen und das ruhende Haupt unsers Freundes mit dem Vorbilde des
Himmels umgaben.
Am frühen Morgen war er schon wieder erwacht und dachte seiner
vorstehenden Unterhandlung nach. Er kehrte in das Haus der
verlassenen Eltern zurück, wo man ihn mit Verwunderung aufnahm. Er
trug sein Anbringen bescheiden vor und fand gar bald mehr und weniger
Schwierigkeiten, als er vermutet hatte. Geschehen war es einmal, und
wenngleich außerordentlich strenge und harte Leute sich gegen das
Vergangene und Nichtzuändernde mit Gewalt zu setzen und das Übel
dadurch zu vermehren pflegen, so hat dagegen das Geschehene auf die
Gemüter der meisten eine unwiderstehliche Gewalt, und was unmöglich
schien, nimmt sogleich, als es geschehen ist, neben dem Gemeinen
seinen Platz ein. Es war also bald ausgemacht, daß der Herr Melina
die Tochter heiraten sollte; dagegen sollte sie wegen ihrer Unart kein
Heiratsgut mitnehmen und versprechen, das Vermächtnis einer Tante noch
einige Jahre gegen geringe Interessen in des Vaters Händen zu lassen.
Der zweite Punkt, wegen einer bürgerlichen Versorgung, fand schon
größere Schwierigkeiten. Man wollte das ungeratene Kind nicht vor
Augen sehen, man wollte die Verbindung eines hergelaufenen Menschen
mit einer so angesehenen Familie, welche sogar mit einem
Superintendenten verwandt war, sich durch die Gegenwart nicht
beständig aufrücken lassen; man konnte ebensowenig hoffen, daß die
fürstlichen Kollegien ihm eine Stelle anvertrauen würden. Beide
Eltern waren gleich stark dagegen, und Wilhelm, der sehr eifrig dafür
sprach, weil er dem Menschen, den er geringschätzte, die Rückkehr auf
das Theater nicht gönnte und überzeugt war, daß er eines solchen
Glückes nicht wert sei, konnte mit allen seinen Argumenten nichts
ausrichten. Hätte er die geheimen Triebfedern gekannt, so würde er
sich die Mühe gar nicht gegeben haben, die Eltern überreden zu wollen.
Denn der Vater, der seine Tochter gerne bei sich behalten hätte,
haßte den jungen Menschen, weil seine Frau selbst ein Auge auf ihn
geworfen hatte, und diese konnte in ihrer Stieftochter eine glückliche
Nebenbuhlerin nicht vor Augen leiden. Und so mußte Melina wider
seinen Willen mit seiner jungen Braut, die schon größere Lust bezeigte,
die Welt zu sehen und sich der Welt sehen zu lassen, nach einigen
Tagen abreisen, um bei irgendeiner Gesellschaft ein Unterkommen zu
finden.
I. Buch, 15. Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Glückliche Jugend! Glückliche Zeiten des ersten Liebesbedürfnisses!
Der Mensch ist dann wie ein Kind, das sich am Echo stundenlang ergötzt,
die Unkosten des Gespräches allein trägt und mit der Unterhaltung
wohl zufrieden ist, wenn der unsichtbare Gegenpart auch nur die
letzten Silben der ausgerufenen Worte wiederholt.
So war Wilhelm in den frühern, besonders aber in den spätern Zeiten
seiner Leidenschaft für Marianen, als er den ganzen Reichtum seines
Gefühls auf sie hinübertrug und sich dabei als einen Bettler ansah,
der von ihren Almosen lebte. Und wie uns eine Gegend reizender, ja
allein reizend vorkommt, wenn sie von der Sonne beschienen wird, so
war auch alles in seinen Augen verschönert und verherrlicht, was sie
umgab, was sie berührte.
Wie oft stand er auf dem Theater hinter den Wänden, wozu er sich das
Privilegium von dem Direktor erbeten hatte! Dann war freilich die
perspektivische Magie verschwunden, aber die viel mächtigere Zauberei
der Liebe fing erst an zu wirken. Stundenlang konnte er am
schmutzigen Lichtwagen stehen, den Qualm der Unschlittlampen einziehen,
nach der Geliebten hinausblicken und, wenn sie wieder hereintrat und
ihn freundlich ansah, sich in Wonne verloren dicht an dem Balken und
Lattengerippe in einen paradiesischen Zustand versetzt fühlen. Die
ausgestopften Lämmchen, die Wasserfälle von Zindel, die pappenen
Rosenstöcke und die einseitigen Strohhütten erregten in ihm liebliche
dichterische Bilder uralter Schäferwelt. Sogar die in der Nähe
häßlich erscheinenden Tänzerinnen waren ihm nicht immer zuwider, weil
sie auf einem Brette mit seiner Vielgeliebten standen. Und so ist es
gewiß, daß Liebe, welche Rosenlauben, Myrtenwäldchen und Mondschein
erst beleben muß, auch sogar Hobelspänen und Papierschnitzeln einen
Anschein belebter Naturen geben kann. Sie ist eine so starke Würze,
daß selbst schale und ekle Brühen davon schmackhaft werden.
Solch einer Würze bedurft es freilich, um jenen Zustand leidlich, ja
in der Folge angenehm zu machen, in welchem er gewöhnlich ihre Stube,
ja gelegentlich sie selbst antraf.
In einem feinen Bürgerhause erzogen, war Ordnung und Reinlichkeit das
Element, worin er atmete, und indem er von seines Vaters Prunkliebe
einen Teil geerbt hatte, wußte er in den Knabenjahren sein Zimmer, das
er als sein kleines Reich ansah, stattlich auszustaffieren. Seine
Bettvorhänge waren in große Falten aufgezogen und mit Quasten
befestigt, wie man Thronen vorzustellen pflegt; er hatte sich einen
Teppich in die Mitte des Zimmers und einen feinern auf den Tisch
anzuschaffen gewußt; seine Bücher und Gerätschaften legte und stellte
er fast mechanisch so, daß ein niederländischer Maler gute Gruppen zu
seinen Stilleben hätte herausnehmen können. Eine weiße Mütze hatte er
wie einen Turban zurechtgebunden und die Ärmel seines Schlafrocks nach
orientalischem Kostüme kurz stutzen lassen. Doch gab er hiervon die
Ursache an, daß die langen, weiten Ärmel ihn im Schreiben hinderten.
Wenn er abends ganz allein war und nicht mehr fürchten durfte, gestört
zu werden, trug er gewöhnlich eine seidene Schärpe um den Leib, und er
soll manchmal einen Dolch, den er sich aus einer alten Rüstkammer
zugeeignet, in den Gürtel gesteckt und so die ihm zugeteilten
tragischen Rollen memoriert und probiert, ja in ebendem Sinne sein
Gebet kniend auf dem Teppich verrichtet haben.
Wie glücklich pries er daher in früheren Zeiten den Schauspieler, den
er im Besitz so mancher majestätischen Kleider, Rüstungen und Waffen
und in steter Übung eines edlen Betragens sah, dessen Geist einen
Spiegel des Herrlichsten und Prächtigsten, was die Welt an
Verhältnissen, Gesinnungen und Leidenschaften hervorgebracht,
darzustellen schien. Ebenso dachte sich Wilhelm auch das häusliche
Leben eines Schauspielers als eine Reihe von würdigen Handlungen und
Beschäftigungen, davon die Erscheinung auf dem Theater die äußerste
Spitze sei, etwa wie ein Silber, das vom Läuterfeuer lange
herumgetrieben worden, endlich farbig-schön vor den Augen des
Arbeiters erscheint und ihm zugleich andeutet, daß das Metall nunmehr
von allen fremden Zusätzen gereiniget sei.
Wie sehr stutzte er daher anfangs, wenn er sich bei seiner Geliebten
befand und durch den glücklichen Nebel, der ihn umgab, nebenaus auf
Tische, Stühle und Boden sah. Die Trümmer eines augenblicklichen,
leichten und falschen Putzes lagen, wie das glänzende Kleid eines
abgeschuppten Fisches, zerstreut in wilder Unordnung durcheinander.
Die Werkzeuge menschlicher Reinlichkeit, als Kämme, Seife, Tücher,
waren mit den Spuren ihrer Bestimmung gleichfalls nicht versteckt.
Musik, Rollen und Schuhe, Wäsche und italienische Blumen, Etuis,
Haarnadeln, Schminktöpfchen und Bänder, Bücher und Strohhüte, keines
verschmähte die Nachbarschaft des andern, alle waren durch ein
gemeinschaftliches Element, durch Puder und Staub, vereinigt. Jedoch
da Wilhelm in ihrer Gegenwart wenig von allem andern bemerkte, ja
vielmehr ihm alles, was ihr gehörte, sie berührt hatte, lieb werden
mußte, so fand er zuletzt in dieser verworrenen Wirtschaft einen Reiz,
den er in seiner stattlichen Prunkordnung niemals empfunden hatte. Es
war ihm--wenn er hier ihre Schnürbrust wegnahm, um zum Klavier zu
kommen, dort ihre Röcke aufs Bette legte, um sich setzen zu können,
wenn sie selbst mit unbefangener Freimütigkeit manches Natürliche, das
man sonst gegen einen andern aus Anstand zu verheimlichen pflegt, vor
ihm nicht zu verbergen suchte--es war ihm, sag ich, als wenn er ihr
mit jedem Augenblicke näher würde, als wenn eine Gemeinschaft zwischen
ihnen durch unsichtbare Bande befestigt würde.
Nicht ebenso leicht konnte er die Aufführung der übrigen Schauspieler,
die er bei seinen ersten Besuchen manchmal bei ihr antraf, mit seinen
Begriffen vereinigen. Geschäftig im Müßiggange, schienen sie an ihren
Beruf und Zweck am wenigsten zu denken; über den poetischen Wert eines
Stückes hörte er sie niemals reden und weder richtig noch unrichtig
darüber urteilen; es war immer nur die Frage: "Was wird das Stück
machen? Ist es ein Zugstück? Wie lange wird es spielen? Wie oft
kann es wohl gegeben werden?" und was Fragen und Bemerkungen dieser
Art mehr waren. Dann ging es gewöhnlich auf den Direktor los, daß er
mit der Gage zu karg und besonders gegen den einen und den andern
ungerecht sei, dann auf das Publikum, daß es mit seinem Beifall selten
den rechten Mann belohne, daß das deutsche Theater sich täglich
verbessere, daß der Schauspieler nach seinen Verdiensten immer mehr
geehrt werde und nicht genug geehrt werden könne. Dann sprach man
viel von Kaffeehäusern und Weingärten und was daselbst vorgefallen,
wieviel irgendein Kamerad Schulden habe und Abzug leiden müsse, von
Disproportion der wöchentlichen Gage, von Kabalen einer Gegenpartei;
wobei denn doch zuletzt die große und verdiente Aufmerksamkeit des
Publikums wieder in Betracht kam und der Einfluß des Theaters auf die
Bildung einer Nation und der Welt nicht vergessen wurde.
Alle diese Dinge, die Wilhelmen sonst schon manche unruhige Stunde
gemacht hatten, kamen ihm gegenwärtig wieder ins Gedächtnis, als ihn
sein Pferd langsam nach Hause trug und er die verschiedenen Vorfälle,
die ihm begegnet waren, überlegte. Die Bewegung, welche durch die
Flucht eines Mädchens in eine gute Bürgerfamilie, ja in ein ganzes
Städtchen gekommen war, hatte er mit Augen gesehen; die Szenen auf der
Landstraße und im Amthause, die Gesinnungen Melinas, und was sonst
noch vorgegangen war, stellten sich ihm wieder dar und brachten seinen
lebhaften, vordringenden Geist in eine Art von sorglicher Unruhe, die
er nicht lange ertrug, sondern seinem Pferde die Sporen gab und nach
der Stadt zu eilte.
Allein auch auf diesem Wege rannte er nur neuen Unannehmlichkeiten
entgegen. Werner, sein Freund und vermutlicher Schwager, wartete auf
ihn, um ein ernsthaftes, bedeutendes und unerwartetes Gespräch mit ihm
anzufangen.
Werner war einer von den geprüften, in ihrem Dasein bestimmten Leuten,
die man gewöhnlich kalte Leute zu nennen pflegt, weil sie bei Anlässen
weder schnell noch sichtlich auflodern; auch war sein Umgang mit
Wilhelmen ein anhaltender Zwist, wodurch sich ihre Liebe aber nur
desto fester knüpfte: denn ungeachtet ihrer verschiedenen Denkungsart
fand jeder seine Rechnung bei dem andern. Werner tat sich darauf
etwas zugute, daß er dem vortrefflichen, obgleich gelegentlich
ausschweifenden Geist Wilhelms mitunter Zügel und Gebiß anzulegen
schien, und Wilhelm fühlte oft einen herrlichen Triumph, wenn er
seinen bedächtlichen Freund in warmer Aufwallung mit sich fortnahm.
So übte sich einer an dem andern, sie wurden gewohnt, sich täglich zu
sehen, und man hätte sagen sollen, das Verlangen, einander zu finden,
sich miteinander zu besprechen, sei durch die Unmöglichkeit, einander
verständlich zu werden, vermehrt worden. Im Grunde aber gingen sie
doch, weil sie beide gute Menschen waren, nebeneinander, miteinander
nach einem Ziel und konnten niemals begreifen, warum denn keiner den
andern auf seine Gesinnung reduzieren könne.
Werner bemerkte seit einiger Zeit, daß Wilhelms Besuche seltner wurden,
daß er in Lieblingsmaterien kurz und zerstreut abbrach, daß er sich
nicht mehr in lebhafte Ausbildung seltsamer Vorstellungen vertiefte,
an welcher sich freilich ein freies, in der Gegenwart des Freundes
Ruhe und Zufriedenheit findendes Gemüt am sichersten erkennen läßt.
Der pünktliche und bedächtige Werner suchte anfangs den Fehler in
seinem eignen Betragen, bis ihn einige Stadtgespräche auf die rechte
Spur brachten und einige Unvorsichtigkeiten Wilhelms ihn der Gewißheit
näher führten. Er ließ sich auf eine Untersuchung ein und entdeckte
gar bald, daß Wilhelm vor einiger Zeit eine Schauspielerin öffentlich
besucht, mit ihr auf dem Theater gesprochen und sie nach Hause
gebracht habe; er wäre trostlos gewesen, wenn ihm auch die nächtlichen
Zusammenkünfte bekannt geworden wären, denn er hörte, daß Mariane ein
verführerisches Mädchen sei, die seinen Freund wahrscheinlich ums Geld
bringe und sich noch nebenher von dem unwürdigsten Liebhaber
unterhalten lasse.
Sobald er seinen Verdacht soviel möglich zur Gewißheit erhoben,
beschloß er einen Angriff auf Wilhelmen und war mit allen Anstalten
völlig in Bereitschaft, als dieser eben verdrießlich und verstimmt von
seiner Reise zurückkam.
Werner trug ihm noch denselbigen Abend alles, was er wußte, erst
gelassen, dann mit dem dringenden Ernste einer wohldenkenden
Freundschaft vor, ließ keinen Zug unbestimmt und gab seinem Freunde
alle die Bitterkeiten zu kosten, die ruhige Menschen an Liebende mit
tugendhafter Schadenfreude so freigebig auszuspenden pflegen. Aber
wie man sich denken kann, richtete er wenig aus. Wilhelm versetzte
mit inniger Bewegung, doch mit großer Sicherheit: "Du kennst das
Mädchen nicht! Der Schein ist vielleicht nicht zu ihrem Vorteil, aber
ich bin ihrer Treue und Tugend so gewiß als meiner Liebe."
Werner beharrte auf seiner Anklage und erbot sich zu Beweisen und
Zeugen. Wilhelm verwarf sie und entfernte sich von seinem Freunde
verdrießlich und erschüttert wie einer, dem ein ungeschickter Zahnarzt
einen schadhaften festsitzenden Zahn gefaßt und vergebens daran
geruckt hat.
Höchst unbehaglich fand sich Wilhelm, das schöne Bild Marianens erst
durch die Grillen der Reise, dann durch Werners Unfreundlichkeit in
seiner Seele getrübt und beinahe entstellt zu sehen. Er griff zum
sichersten Mittel, ihm die völlige Klarheit und Schönheit
wiederherzustellen, indem er nachts auf den gewöhnlichen Wegen zu ihr
hineilte. Sie empfing ihn mit lebhafter Freude; denn er war bei
seiner Ankunft vorbeigeritten, sie hatte ihn diese Nacht erwartet, und
es läßt sich denken, daß alle Zweifel bald aus seinem Herzen
vertrieben wurden. Ja, ihre Zärtlichkeit schloß sein ganzes Vertrauen
wieder auf, und er erzählte ihr, wie sehr sich das Publikum, wie sehr
sich sein Freund an ihr versündiget.
Mancherlei lebhafte Gespräche führten sie auf die ersten Zeiten ihrer
Bekanntschaft, deren Erinnerung eine der schönsten Unterhaltungen
zweier Liebenden bleibt. Die ersten Schritte, die uns in den
Irrgarten der Liebe bringen, sind so angenehm, die ersten Aussichten
so reizend, daß man sie gar zu gern in sein Gedächtnis zurückruft.
Jeder Teil sucht einen Vorzug vor dem andern zu behalten, er habe
früher, uneigennütziger geliebt, und jedes wünscht in diesem
Wettstreite lieber überwunden zu werden als zu überwinden.
Wilhelm wiederholte Marianen, was sie schon so oft gehört hatte, daß
sie bald seine Aufmerksamkeit von dem Schauspiel ab und auf sich
allein gezogen habe, daß ihre Gestalt, ihr Spiel, ihre Stimme ihn
gefesselt; wie er zuletzt nur die Stücke, in denen sie gespielt,
besucht habe, wie er endlich aufs Theater geschlichen sei, oft, ohne
von ihr bemerkt zu werden, neben ihr gestanden habe; dann sprach er
mit Entzücken von dem glücklichen Abende, an dem er eine Gelegenheit
gefunden, ihr eine Gefälligkeit zu erzeigen und ein Gespräch
einzuleiten.
Mariane dagegen wollte nicht Wort haben, daß sie ihn so lange nicht
bemerkt hätte; sie behauptete, ihn schon auf dem Spaziergange gesehen
zu haben, und bezeichnete ihm zum Beweis das Kleid, das er am selbigen
Tage angehabt; sie behauptete, daß er ihr damals vor allen andern
gefallen und daß sie seine Bekanntschaft gewünscht habe.
Wie gern glaubte Wilhelm das alles! Wie gern ließ er sich überreden,
daß sie zu ihm, als er sich ihr genähert, durch einen
unwiderstehlichen Zug hingeführt worden, daß sie absichtlich zwischen
die Kulissen neben ihn getreten sei, um ihn näher zu sehen und
Bekanntschaft mit ihm zu machen, und daß sie zuletzt, da seine
Zurückhaltung und Blödigkeit nicht zu überwinden gewesen, ihm selbst
Gelegenheit gegeben und ihn gleichsam genötigt habe, ein Glas Limonade
herbeizuholen.
Unter diesem liebevollen Wettstreit, den sie durch alle kleinen
Umstände ihres kurzen Romans verfolgten, vergingen ihnen die Stunden
sehr schnell, und Wilhelm verließ völlig beruhigt seine Geliebte mit
dem festen Vorsatze, sein Vorhaben unverzüglich ins Werk zu richten.
I. Buch, 16. Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Was zu seiner Abreise nötig war, hatten Vater und Mutter besorgt; nur
einige Kleinigkeiten, die an der Equipage fehlten, verzögerten seinen
Aufbruch um einige Tage. Wilhelm benutzte diese Zeit, um an Marianen
einen Brief zu schreiben, wodurch er die Angelegenheit endlich zur
Sprache bringen wollte, über welche sie sich mit ihm zu unterhalten
bisher immer vermieden hatte. Folgendermaßen lautete der Brief:
"Unter der lieben Hülle der Nacht, die mich sonst in deinen Armen
bedeckte, sitze ich und denke und schreibe an dich, und was ich sinne
und treibe, ist nur um deinetwillen. O Mariane! mir, dem
glücklichsten unter den Männern, ist es wie einem Bräutigam, der
ahnungsvoll, welch eine neue Welt sich in ihm und durch ihn entwickeln
wird, auf den festlichen Teppichen steht und während der heiligen
Zeremonien sich gedankenvoll lüstern vor die geheimnisreichen Vorhänge
versetzt, woher ihm die Lieblichkeit der Liebe entgegensäuselt.
Ich habe über mich gewonnen, dich in einigen Tagen nicht zu sehen; es
war leicht in Hoffnung einer solchen Entschädigung, ewig mit dir zu
sein, ganz der Deinige zu bleiben! Soll ich wiederholen, was ich
wünsche? Und doch ist es nötig; denn es scheint, als habest du mich
bisher nicht verstanden.
Wie oft habe ich mit leisen Tönen der Treue, die, weil sie alles zu
halten wünscht, wenig zu sagen wagt, an deinem Herzen geforscht nach
dem Verlangen einer ewigen Verbindung. Verstanden hast du mich gewiß:
denn in deinem Herzen muß ebender Wunsch keimen; vernommen hast du
mich in jedem Kusse, in der anschmiegenden Ruhe jener glücklichen
Abende. Da lernt ich deine Bescheidenheit kennen, und wie vermehrte
sich meine Liebe! Wo eine andere sich künstlich betragen hätte, um
durch überflüssigen Sonnenschein einen Entschluß in dem Herzen ihres
Liebhabers zur Reife zu bringen, eine Erklärung hervorzulocken und ein
Versprechen zu befestigen, eben da ziehst du dich zurück, schließest
die halbgeöffnete Brust deines Geliebten wieder zu und suchst durch
eine anscheinende Gleichgültigkeit deine Beistimmung zu verbergen;
aber ich verstehe dich! Welch ein Elender müßte ich sein, wenn ich an
diesen Zeichen die reine, uneigennützige, nur für den Freund besorgte
Liebe nicht erkennen wollte! Vertraue mir und sei ruhig! Wir gehören
einander an, und keins von beiden verläßt oder verliert etwas, wenn
wir füreinander leben.
Nimm sie hin, diese Hand! feierlich noch dies überflüssige Zeichen!
Alle Freuden der Liebe haben wir empfunden, aber es sind neue
Seligkeiten in dem bestätigten Gedanken der Dauer. Frage nicht, wie?
Sorge nicht! Das Schicksal sorgt für die Liebe, und um so gewisser,
da Liebe genügsam ist.
Mein Herz hat schon lange meiner Eltern Haus verlassen; es ist bei dir,
wie mein Geist auf der Bühne schwebt. O meine Geliebte! Ist wohl
einem Menschen so gewährt, seine Wünsche zu verbinden, wie mir? Kein
Schlaf kommt in meine Augen, und wie eine ewige Morgenröte steigt
deine Liebe und dein Glück vor mir auf und ab.
Kaum daß ich mich halte, nicht auffahre, zu dir hinrenne und mir deine
Einwilligung erzwinge und gleich Morgen frühe weiter in die Welt nach
meinem Ziele hinstrebe.--Nein, ich will mich bezwingen! Ich will nicht
unbesonnen törichte, verwegene Schritte tun; mein Plan ist entworfen,
und ich will ihn ruhig ausführen.
Ich bin mit Direktor Serlo bekannt, meine Reise geht gerade zu ihm, er
hat vor einem Jahre oft seinen Leuten etwas von meiner Lebhaftigkeit
und Freude am Theater gewünscht, und ich werde ihm gewiß willkommen
sein; denn bei eurer Truppe möchte ich aus mehr als einer Ursache
nicht eintreten; auch spielt Serlo so weit von hier, daß ich anfangs
meinen Schritt verbergen kann. Einen leidlichen Unterhalt finde ich
da gleich; ich sähe mich in dem Publiko um, lerne die Gesellschaft
kennen und hole dich nach.
Mariane, du siehst, was ich über mich gewinnen kann, um dich gewiß zu
haben; denn dich so lange nicht zu sehen, dich in der weiten Welt zu
wissen! recht lebhaft darf ich mir's nicht denken. Wenn ich mir dann
aber wieder deine Liebe vorstelle, die mich vor allem sichert, wenn du
meine Bitte nicht verschmähst, ehe wir scheiden, und du mir deine Hand
vor dem Priester reichst, so werde ich ruhig gehen. Es ist nur eine
Formel unter uns, aber eine so schöne Formel, der Segen des Himmels zu
dem Segen der Erde. In der Nachbarschaft, im Ritterschaftlichen, geht
es leicht und heimlich an.
Für den Anfang habe ich Geld genug; wir wollen teilen, es wird für uns
beide hinreichen; ehe das verzehrt ist, wird der Himmel weiterhelfen.
Ja, Liebste, es ist mir gar nicht bange. Was mit so viel Fröhlichkeit
begonnen wird, muß ein glückliches Ende erreichen. Ich habe nie
gezweifelt, daß man sein Fortkommen in der Welt finden könne, wenn es
einem Ernst ist, und ich fühle Mut genug, für zwei, ja für mehrere
einen reichlichen Unterhalt zu gewinnen. Die Welt ist undankbar,
sagen viele; ich habe noch nicht gefunden, daß sie undankbar sei, wenn
man auf die rechte Art etwas für sie zu tun weiß. Mir glüht die ganze
Seele bei dem Gedanken, endlich einmal aufzutreten und den Menschen in
das Herz hineinzureden, was sie sich so lange zu hören sehnen. Wie
tausendmal ist es freilich mir, der ich von der Herrlichkeit des
Theaters so eingenommen bin, bang durch die Seele gegangen, wenn ich
die Elendesten gesehen habe sich einbilden, sie könnten uns ein großes,
treffliches Wort ans Herz reden! Ein Ton, der durch die Fistel
gezwungen wird, klingt viel besser und reiner; es ist unerhört, wie
sich diese Bursche in ihrer groben Ungeschicklichkeit versündigen.
Das Theater hat oft einen Streit mit der Kanzel gehabt; sie sollten,
dünkt mich, nicht miteinander hadern. Wie sehr wäre zu wünschen, daß
an beiden Orten nur durch edle Menschen Gott und Natur verherrlicht
würden! Es sind keine Träume, meine Liebste! Wie ich an deinem
Herzen habe fühlen können, daß du in Liebe bist, so ergreife ich auch
den glänzenden Gedanken und sage--ich will's nicht aussagen, aber
hoffen will ich, daß wir einst als ein Paar gute Geister den Menschen
erscheinen werden, ihre Herzen aufzuschließen, ihre Gemüter zu
berühren und ihnen himmlische Genüsse zu bereiten, so gewiß mir an
deinem Busen Freuden gewährt waren, die immer himmlisch genannt werden
müssen, weil wir uns in jenen Augenblicken aus uns selbst gerückt,
über uns selbst erhaben fühlen.
Ich kann nicht schließen; ich habe schon zuviel gesagt und weiß nicht,
ob ich dir schon alles gesagt habe, alles, was dich angeht: denn die
Bewegung des Rades, das sich in meinem Herzen dreht, sind keine Worte
vermögend auszudrücken.
Nimm dieses Blatt indes, meine Liebe! Ich habe es wieder durchgelesen
und finde, daß ich von vorne anfangen sollte; doch enthält es alles,
was du zu wissen nötig hast, was dir Vorbereitung ist, wenn ich bald
mit Fröhlichkeit der süßen Liebe an deinen Busen zurückkehre. Ich
komme mir vor wie ein Gefangener, der in einem Kerker lauschend seine
Fesseln abfeilt. Ich sage gute Nacht meinen sorglos schlafenden
Eltern!--Lebe wohl, Geliebte! Lebe wohl! Für diesmal schließ ich;
die Augen sind mir zwei-, dreimal zugefallen; es ist schon tief in der
Nacht."
I. Buch, 17. Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Der Tag wollte nicht endigen, als Wilhelm, seinen Brief schön gefaltet
in der Tasche, sich zu Marianen hinsehnte; auch war es kaum düster
geworden, als er sich wider seine Gewohnheit nach ihrer Wohnung
hinschlich. Sein Plan war: sich auf die Nacht anzumelden, seine
Geliebte auf kurze Zeit wieder zu verlassen, ihr, eh er wegginge, den
Brief in die Hand zu drücken und, bei seiner Rückkehr in tiefer Nacht
ihre Antwort, ihre Einwilligung zu erhalten oder durch die Macht
seiner Liebkosungen zu erzwingen. Er flog in ihre Arme und konnte
sich an ihrem Busen kaum wieder fassen. Die Lebhaftigkeit seiner
Empfindungen verbarg ihm anfangs, daß sie nicht wie sonst mit
Herzlichkeit antwortete; doch konnte sie einen ängstlichen Zustand
nicht lange verbergen; sie schützte eine Krankheit, eine Unpäßlichkeit
vor; sie beklagte sich über Kopfweh, sie wollte sich auf den Vorschlag,
daß er heute nacht wiederkommen wolle, nicht einlassen. Er ahnte
nichts Böses, drang nicht weiter in sie, fühlte aber, daß es nicht die
Stunde sei, ihr seinen Brief zu übergeben. Er behielt ihn bei sich,
und da verschiedene ihrer Bewegungen und Reden ihn auf eine höfliche
Weise wegzugehen nötigten, ergriff er im Taumel seiner ungenügsamen
Liebe eines ihrer Halstücher, steckte es in die Tasche und verließ
wider Willen ihre Lippen und ihre Türe. Er schlich nach Hause, konnte
aber auch da nicht lange bleiben, kleidete sich um und suchte wieder
die freie Luft.
Als er einige Straßen auf und ab gegangen war, begegnete ihm ein
Unbekannter, der nach einem gewissen Gasthofe fragte; Wilhelm erbot
sich, ihm das Haus zu zeigen; der Fremde erkundigte sich nach dem
Namen der Straße, nach den Besitzern verschiedener großen Gebäude, vor
denen sie vorbeigingen, sodann nach einigen Polizeieinrichtungen der
Stadt, und sie waren in einem ganz interessanten Gespräche begriffen,
als sie am Tore des Wirtshauses ankamen. Der Fremde nötigte seinen
Führer, hineinzutreten und ein Glas Punsch mit ihm zu trinken;
zugleich gab er seinen Namen an und seinen Geburtsort, auch die
Geschäfte, die ihn hierhergebracht hätten, und ersuchte Wilhelmen um
ein gleiches Vertrauen. Dieser verschwieg ebensowenig seinen Namen
als seine Wohnung.
"Sind Sie nicht ein Enkel des alten Meisters, der die schöne
Kunstsammlung besaß?" fragte der Fremde.
"Ja, ich bin's. Ich war zehn Jahre, als der Großvater starb, und es
schmerzte mich lebhaft, diese schönen Sachen verkaufen zu sehen."
"Ihr Vater hat eine große Summe Geldes dafür erhalten."
"Sie wissen also davon?"
"O ja, ich habe diesen Schatz noch in Ihrem Hause gesehen. Ihr
Großvater war nicht bloß ein Sammler, er verstand sich auf die Kunst,
er war in einer frühern, glücklichen Zeit in Italien gewesen und hatte
Schätze von dort mit zurückgebracht, welche jetzt um keinen Preis mehr
zu haben wären. Er besaß treffliche Gemälde von den besten Meistern;
man traute kaum seinen Augen, wenn man seine Handzeichnungen durchsah;
unter seinen Marmorn waren einige unschätzbare Fragmente; von Bronzen
besaß er eine sehr instruktive Suite; so hatte er auch seine Münzen
für Kunst und Geschichte zweckmäßig gesammelt; seine wenigen
geschnittenen Steine verdienten alles Lob; auch war das Ganze gut
aufgestellt, wenngleich die Zimmer und Säle des alten Hauses nicht
symmetrisch gebaut waren."
"Sie können denken, was wir Kinder verloren, als alle die Sachen
heruntergenommen und eingepackt wurden. Es waren die ersten traurigen
Zeiten meines Lebens. Ich weiß noch, wie leer uns die Zimmer vorkamen,
als wir die Gegenstände nach und nach verschwinden sahen, die uns von
Jugend auf unterhalten hatten und die wir ebenso unveränderlich
hielten als das Haus und die Stadt selbst."
"Wenn ich nicht irre, so gab Ihr Vater das gelöste Kapital in die
Handlung eines Nachbars, mit dem er eine Art Gesellschaftshandel
einging."
"Ganz richtig! und ihre gesellschaftlichen Spekulationen sind ihnen
wohl geglückt; sie haben in diesen zwölf Jahren ihr Vermögen sehr
vermehrt und sind beide nur desto heftiger auf den Erwerb gestellt;
auch hat der alte Werner einen Sohn, der sich viel besser zu diesem
Handwerke schickt als ich."
"Es tut mir leid, daß dieser Ort eine solche Zierde verloren hat, als
das Kabinett Ihres Großvaters war. Ich sah es noch kurz vorher, ehe
es verkauft wurde, und ich darf wohl sagen, ich war Ursache, daß der
Kauf zustande kam. Ein reicher Edelmann, ein großer Liebhaber, der
aber bei so einem wichtigen Handel sich nicht allein auf sein eigen
Urteil verließ, hatte mich hierher geschickt und verlangte meinen Rat.
Sechs Tage besah ich das Kabinett, und am siebenten riet ich meinem
Freunde, die ganze geforderte Summe ohne Anstand zu bezahlen. Sie
waren als ein munterer Knabe oft um mich herum; Sie erklärten mir die
Gegenstände der Gemälde und wußten überhaupt das Kabinett recht gut
auszulegen."
"Ich erinnere mich einer solchen Person, aber in Ihnen hätte ich sie
nicht wiedererkannt."
"Es ist auch schon eine geraume Zeit, und wir verändern uns doch mehr
oder weniger. Sie hatten, wenn ich mich recht erinnere, ein
Lieblingsbild darunter, von dem Sie mich gar nicht weglassen wollten."
"Ganz richtig! es stellte die Geschichte vor, wie der kranke
Königssohn sich über die Braut seines Vaters in Liebe verzehrt."
"Es war eben nicht das beste Gemälde, nicht gut zusammengesetzt, von
keiner sonderlichen Farbe, und die Ausführung durchaus manieriert."
"Das verstand ich nicht und versteh es noch nicht; der Gegenstand ist
es, der mich an einem Gemälde reizt, nicht die Kunst."
"Da schien Ihr Großvater anders zu denken; denn der größte Teil seiner
Sammlung bestand aus trefflichen Sachen, in denen man immer das
Verdienst ihres Meisters bewunderte, sie mochten vorstellen, was sie
wollten; auch hing dieses Bild in dem äußersten Vorsaale, zum Zeichen,
daß er es wenig schätzte."
"Da war es eben, wo wir Kinder immer spielen durften und wo dieses
Bild einen unauslöschlichen Eindruck auf mich machte, den mir selbst
Ihre Kritik, die ich übrigens verehre, nicht auslöschen könnte, wenn
wir auch jetzt vor dem Bilde stünden. Wie jammerte mich, wie jammert
mich noch ein Jüngling, der die süßen Triebe, das schönste Erbteil,
das uns die Natur gab, in sich verschließen und das Feuer, das ihn und
andere erwärmen und beleben sollte, in seinem Busen verbergen muß, so
daß sein Innerstes unter ungeheuren Schmerzen verzehrt wird! Wie
bedaure ich die Unglückliche, die sich einem andern widmen soll, wenn
ihr Herz schon den würdigen Gegenstand eines wahren und reinen
Verlangens gefunden hat!"
"Diese Gefühle sind freilich sehr weit von jenen Betrachtungen
entfernt, unter denen ein Kunstliebhaber die Werke großer Meister
anzusehen pflegt; wahrscheinlich würde Ihnen aber, wenn das Kabinett
ein Eigentum Ihres Hauses geblieben wäre, nach und nach der Sinn für
die Werke selbst aufgegangen sein, so daß Sie nicht immer nur sich
selbst und Ihre Neigung in den Kunstwerken gesehen hätten."
"Gewiß tat mir der Verkauf des Kabinetts gleich sehr leid, und ich
habe es auch in reifern Jahren öfters vermißt; wenn ich aber bedenke,
daß es gleichsam so sein mußte, um eine Liebhaberei, um ein Talent in
mir zu entwickeln, die weit mehr auf mein Leben wirken sollten, als
jene leblosen Bilder je getan hätten, so bescheide ich mich dann gern
und verehre das Schicksal, das mein Bestes und eines jeden Bestes
einzuleiten weiß."
"Leider höre ich schon wieder das Wort Schicksal von einem jungen
Manne aussprechen, der sich eben in einem Alter befindet, wo man
gewöhnlich seinen lebhaften Neigungen den Willen höherer Wesen
unterzuschieben pflegt."
"So glauben Sie kein Schicksal? Keine Macht, die über uns waltet und
alles zu unserm Besten lenkt?"
"Es ist hier die Rede nicht von meinem Glauben, noch der Ort,
auszulegen, wie ich mir Dinge, die uns allen unbegreiflich sind,
einigermaßen denkbar zu machen suche; hier ist nur die Frage, welche
Vorstellungsart zu unserm Besten gereicht. Das Gewebe dieser Welt ist
aus Notwendigkeit und Zufall gebildet; die Vernunft des Menschen
stellt sich zwischen beide und weiß sie zu beherrschen; sie behandelt
das Notwendige als den Grund ihres Daseins; das Zufällige weiß sie zu
lenken, zu leiten und zu nutzen, und nur, indem sie fest und
unerschütterlich steht, verdient der Mensch, ein Gott der Erde genannt
zu werden. Wehe dem, der sich von Jugend auf gewöhnt, in dem
Notwendigen etwas Willkürliches finden zu wollen, der dem Zufälligen
eine Art von Vernunft zuschreiben möchte, welcher zu folgen sogar eine
Religion sei. Heißt das etwas weiter, als seinem eignen Verstande
entsagen und seinen Neigungen unbedingten Raum geben? Wir bilden uns
ein, fromm zu sein, indem wir ohne Überlegung hinschlendern, uns durch
angenehme Zufälle determinieren lassen und endlich dem Resultate eines
solchen schwankenden Lebens den Namen einer göttlichen Führung geben."
"Waren Sie niemals in dem Falle, daß ein kleiner Umstand Sie
veranlaßte, einen gewissen Weg einzuschlagen, auf welchem bald eine
gefällige Gelegenheit Ihnen entgegenkam und eine Reihe von
unerwarteten Vorfällen Sie endlich ans Ziel brachte, das Sie selbst
noch kaum ins Auge gefaßt hatten? Sollte das nicht Ergebenheit in das
Schicksal, Zutrauen zu einer solchen Leitung einflößen?"
"Mit diesen Gesinnungen könnte kein Mädchen ihre Tugend, niemand sein
Geld im Beutel behalten; denn es gibt Anlässe genug, beides
loszuwerden. Ich kann mich nur über den Menschen freuen, der weiß,
was ihm und andern nütze ist, und seine Willkür zu beschränken
arbeitet. Jeder hat sein eigen Glück unter den Händen, wie der
Künstler eine rohe Materie, die er zu einer Gestalt umbilden will.
Aber es ist mit dieser Kunst wie mit allen; nur die Fähigkeit dazu
wird uns angeboren, sie will gelernt und sorgfältig ausgeübt sein."
Dieses und mehreres wurde noch unter ihnen abgehandelt; endlich
trennten sie sich, ohne daß sie einander sonderlich überzeugt zu haben
schienen, doch bestimmten sie auf den folgenden Tag einen Ort der
Zusammenkunft.
Wilhelm ging noch einige Straßen auf und nieder; er hörte Klarinetten,
Waldhörner und Fagotte, es schwoll sein Busen. Durchreisende
Spielleute machten eine angenehme Nachtmusik. Er sprach mit ihnen,
und um ein Stück Geld folgten sie ihm zu Marianens Wohnung. Hohe
Bäume zierten den Platz vor ihrem Hause, darunter stellte er seine
Sänger; er selbst ruhte auf einer Bank in einiger Entfernung und
überließ sich ganz den schwebenden Tönen, die in der rasenden Nacht um
ihn säuselten. Unter den holden Sternen hingestreckt, war ihm sein
Dasein wie ein goldner Traum. "Sie hört auch diese Flöten", sagte er
in seinem Herzen; "sie fühlt, wessen Andenken, wessen Liebe die Nacht
wohlklingend macht; auch in der Entfernung sind wir durch diese
Melodien zusammengebunden, wie in jeder Entfernung durch die feinste
Stimmung der Liebe. Ach! zwei liebende Herzen, sie sind wie zwei
Magnetuhren; was in der einen sich regt, muß auch die andere mit
bewegen, denn es ist nur eins, was in beiden wirkt, eine Kraft, die
sie durchgeht. Kann ich in ihren Armen eine Möglichkeit fühlen, mich
von ihr zu trennen? Und doch, ich werde fern von ihr sein, werde
einen Heilort für unsere Liebe suchen und werde sie immer mit mir
haben.
Wie oft ist mir's geschehen, daß ich, abwesend von ihr, in Gedanken an
sie verloren, ein Buch, ein Kleid oder sonst etwas berührte und
glaubte, ihre Hand zu fühlen, so ganz war ich mit ihrer Gegenwart
umkleidet. Und jener Augenblicke mich zu erinnern, die das Licht des
Tages wie das Auge des kalten Zuschauers fliehen, die zu genießen
Götter den schmerzlosen Zustand der reinen Seligkeit zu verlassen sich
entschließen dürften!--Mich zu erinnern?--Als wenn man den Rausch des
Taumelkelchs in der Erinnerung erneuern könnte, der unsere Sinne, von
himmlischen Banden umstrickt, aus aller ihrer Fassung reißt.--Und ihre
Gestalt--" Er verlor sich im Andenken an sie, seine Ruhe ging in
Verlangen über, er umfaßte einen Baum, kühlte seine heiße Wange an der
Rinde, und die Winde der Nacht saugten begierig den Hauch auf, der aus
dem reinen Busen bewegt hervordrang. Er fühlte nach dem Halstuch, das
er von ihr mitgenommen hatte, es war vergessen, es steckte im vorigen
Kleide. Seine Lippen lechzten, seine Glieder zitterten vor Verlangen.
Die Musik hörte auf, und es war ihm, als wär er aus dem Elemente
gefallen, in dem seine Empfindungen bisher emporgetragen wurden.
Seine Unruhe vermehrte sie, da seine Gefühle nicht mehr von den
sanften Tönen genährt und gelindert wurden. Er setzte sich auf ihre
Schwelle nieder und war schon mehr beruhigt. Er küßte den messingen
Ring, womit man an ihre Türe pochte, er küßte die Schwelle, über die
ihre Füße aus- und eingingen, und erwärmte sie durch das Feuer seiner
Brust. Dann saß er wieder eine Weile stille und dachte sie hinter
ihren Vorhängen, im weißen Nachtkleide mit dem roten Band um den Kopf,
in süßer Ruhe und dachte sich selbst so nahe zu ihr hin, daß ihm
vorkam, sie müßte nun von ihm träumen. Seine Gedanken waren lieblich
wie die Geister der Dämmerung; Ruhe und Verlangen wechselten in ihm;
die Liebe lief mit schaudernder Hand tausendfältig über alle Saiten
seiner Seele; es war, als wenn der Gesang der Sphären über ihm stille
stünde, um die leisen Melodien seines Herzens zu belauschen.
Hätte er den Hauptschlüssel bei sich gehabt, der ihm sonst Marianens
Türe öffnete, er würde sich nicht gehalten haben, würde ins Heiligtum
der Liebe eingedrungen sein. Doch er entfernte sich langsam,
schwankte halb träumend unter den Bäumen hin, wollte nach Hause und
ward immer wieder umgewendet; endlich, als er's über sich vermochte,
ging und an der Ecke noch einmal zurücksah, kam es ihm vor, als wenn
Marianens Türe sich öffnete und eine dunkle Gestalt sich herausbewegte.
Er war zu weit, um deutlich zu sehen, und eh er sich faßte und recht
aufsah, hatte sich die Erscheinung schon in der Nacht verloren; nur
ganz weit glaubte er sie wieder an einem weißen Hause vorbeistreifen
zu sehen. Er stund und blinzte, und ehe er sich ermannte und
nacheilte, war das Phantom verschwunden. Wohin sollt er ihm folgen?
Welche Straße hatte den Menschen aufgenommen, wenn es einer war?
Wie einer, dem der Blitz die Gegend in einem Winkel erhellte, gleich
darauf mit geblendeten Augen die vorigen Gestalten, den Zusammenhang
der Pfade in der Finsternis vergebens sucht, so war's vor seinen Augen,
so war's in seinem Herzen. Und wie ein Gespenst der Mitternacht, das
ungeheure Schrecken erzeugt, in folgenden Augenblicken der Fassung für
ein Kind des Schreckens gehalten wird und die fürchterliche
Erscheinung Zweifel ohne Ende in der Seele zurückläßt, so war auch
Wilhelm in der größten Unruhe, als er, an einen Eckstein gelehnt, die
Helle des Morgens und das Geschrei der Hähne nicht achtete, bis die
frühen Gewerbe lebendig zu werden anfingen und ihn nach Hause trieben.
Er hatte, wie er zurückkam, das unerwartete Blendwerk mit den
triftigsten Gründen beinahe aus der Seele vertrieben; doch die schöne
Stimmung der Nacht, an die er jetzt auch nur wie an eine Erscheinung
zurückdachte, war auch dahin. Sein Herz zu letzen, ein Siegel seinem
wiederkehrenden Glauben aufzudrücken, nahm er das Halstuch aus der
vorigen Tasche. Das Rauschen eines Zettels, der herausfiel, zog ihm
das Tuch von den Lippen; er hob auf und las:
"So hab ich dich lieb, kleiner Narre! Was war dir auch gestern?
Heute nacht komm ich zu dir. Ich glaube wohl, daß dir's leid tut, von
hier wegzugehen; aber habe Geduld; auf die Messe komm ich dir nach.
Höre, tu mir nicht wieder die schwarzgrünbraune Jacke an, du siehst
drin aus wie die Hexe von Endor. Hab ich dir nicht das weiße
Negligè darum geschickt, daß ich ein weißes Schäfchen in meinen
Armen haben will? Schick mir deine Zettel immer durch die alte
Sibylle; die hat der Teufel selbst zur Iris bestellt."
Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Wilhelm Meisters Lehrjahre-Buch 1"
von Johann Wolfgang von Goethe.
*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM MEISTERS LEHRJAHRE — BAND 1 ***
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Title: Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 2
Author: Johann Wolfgang von Goethe
Release date: September 1, 2000 [eBook #2336]
Most recently updated: April 3, 2015
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/2336
Credits: This etext was prepared by Michael Pullen
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM MEISTERS LEHRJAHRE — BAND 2 ***
This etext was prepared by Michael Pullen,
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Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 2
Johann Wolfgang von Goethe
Zweites Buch
Erstes Kapitel
Jeder, der mit lebhaften Kräften vor unsern Augen eine Absicht zu
erreichen strebt, kann, wir mögen seinen Zweck loben oder tadeln, sich
unsre Teilnahme versprechen; sobald aber die Sache entschieden ist,
wenden wir unser Auge sogleich von ihm weg; alles, was geendigt, was
abgetan daliegt, kann unsre Aufmerksamkeit keineswegs fesseln,
besonders wenn wir schon frühe der Unternehmung einen übeln Ausgang
prophezeit haben.
Deswegen sollen unsre Leser nicht umständlich mit dem Jammer und der
Not unsers verunglückten Freundes, in die er geriet, als er seine
Hoffnungen und Wünsche auf eine so unerwartete Weise zerstört sah,
unterhalten werden. Wir überspringen vielmehr einige Jahre und suchen
ihn erst da wieder auf, wo wir ihn in einer Art von Tätigkeit und
Genuß zu finden hoffen, wenn wir vorher nur kürzlich so viel, als zum
Zusammenhang der Geschichte nötig ist, vorgetragen haben.
Die Pest oder ein böses Fieber rasen in einem gesunden, vollsaftigen
Körper, den sie anfallen, schneller und heftiger, und so ward der arme
Wilhelm unvermutet von einem unglücklichen Schicksale überwältigt, daß
in einem Augenblicke sein ganzes Wesen zerrüttet war. Wie wenn von
ungefähr unter der Zurüstung ein Feuerwerk in Brand gerät und die
künstlich gebohrten und gefüllten Hülsen, die, nach einem gewissen
Plane geordnet und abgebrannt, prächtig abwechselnde Feuerbilder in
die Luft zeichnen sollten, nunmehr unordentlich und gefährlich
durcheinander zischen und sausen: so gingen auch jetzt in seinem Busen
Glück und Hoffnung, Wollust und Freuden, Wirkliches und Geträumtes auf
einmal scheiternd durcheinander. In solchen wüsten Augenblicken
erstarrt der Freund, der zur Rettung hinzueilt, und dem, den es trifft,
ist es eine Wohltat, daß ihn die Sinne verlassen.
Tage des lauten, ewig wiederkehrenden und mit Vorsatz erneuerten
Schmerzens folgten darauf; doch sind auch diese für eine Gnade der
Natur zu achten. In solchen Stunden hatte Wilhelm seine Geliebte noch
nicht ganz verloren; seine Schmerzen waren unermüdet erneuerte
Versuche, das Glück, das ihm aus der Seele entfloh, noch festzuhalten,
die Möglichkeit desselben in der Vorstellung wieder zu erhaschen,
seinen auf immer abgeschiedenen Freuden ein kurzes Nachleben zu
verschaffen. Wie man einen Körper, solange die Verwesung dauert,
nicht ganz tot nennen kann, solange die Kräfte, die vergebens nach
ihren alten Bestimmungen zu wirken suchen, an der Zerstörung der Teile,
die sie sonst belebten, sich abarbeiten; nur dann, wenn sich alles
aneinander aufgerieben hat, wenn wir das Ganze in gleichgültigen Staub
zerlegt sehen, dann entsteht das erbärmliche, leere Gefühl des Todes
in uns, nur durch den Atem des Ewiglebenden zu erquicken.
In einem so neuen, ganzen, lieblichen Gemüte war viel zu zerreißen, zu
zerstören, zu ertöten, und die schnellheilende Kraft der Jugend gab
selbst der Gewalt des Schmerzens neue Nahrung und Heftigkeit. Der
Streich hatte sein ganzes Dasein an der Wurzel getroffen. Werner, aus
Not sein Vertrauter, griff voll Eifer zu Feuer und Schwert, um einer
verhaßten Leidenschaft, dem Ungeheuer, ins innerste Leben zu dringen.
Die Gelegenheit war so glücklich, das Zeugnis so bei der Hand, und
wieviel Geschichten und Erzählungen wußt er nicht zu nutzen. Er
trieb's mit solcher Heftigkeit und Grausamkeit Schritt vor Schritt,
ließ dem Freunde nicht das Labsal des mindesten augenblicklichen
Betruges, vertrat ihm jeden Schlupfwinkel, in welchen er sich vor der
Verzweiflung hätte retten können, daß die Natur, die ihren Liebling
nicht wollte zugrunde gehen lassen, ihn mit Krankheit anfiel, um ihm
von der andern Seite Luft zu machen.
Ein lebhaftes Fieber mit seinem Gefolge, den Arzeneien, der
überspannung und der Mattigkeit; dabei die Bemühungen der Familie, die
Liebe der Mitgebornen, die durch Mangel und Bedürfnisse sich erst
recht fühlbar macht, waren so viele Zerstreuungen eines veränderten
Zustandes und eine kümmerliche Unterhaltung. Erst als er wieder
besser wurde, das heißt, als seine Kräfte erschöpft waren, sah Wilhelm
mit Entsetzen in den qualvollen Abgrund eines dürren Elendes hinab,
wie man in den ausgebrannten, hohlen Becher eines Vulkans
hinunterblickt.
Nunmehr machte er sich selbst die bittersten Vorwürfe, daß er nach so
großem Verlust noch einen schmerzenlosen, ruhigen, gleichgültigen
Augenblick haben könne. Er verachtete sein eigen Herz und sehnte sich
nach dem Labsal des Jammers und der Tränen.
Um diese wieder in sich zu erwecken, brachte er vor sein Andenken alle
Szenen des vergangenen Glücks. Mit der größten Lebhaftigkeit malte er
sie sich aus, strebte wieder in sie hinein, und wenn er sich zur
möglichsten Höhe hinaufgearbeitet hatte, wenn ihm der Sonnenschein
voriger Tage wieder die Glieder zu beleben, den Busen zu heben schien,
sah er rückwärts auf den schrecklichen Abgrund, labte sein Auge an der
zerschmetternden Tiefe, warf sich hinunter und erzwang von der Natur
die bittersten Schmerzen. Mit so wiederholter Grausamkeit zerriß er
sich selbst; denn die Jugend, die so reich an eingehüllten Kräften ist,
weiß nicht, was sie verschleudert, wenn sie dem Schmerz, den ein
Verlust erregt, noch so viele erzwungene Leiden zugesellt, als wollte
sie dem Verlornen dadurch noch erst einen rechten Wert geben. Auch
war er so überzeugt, daß dieser Verlust der einzige, der erste und
letzte sei, den er in seinem Leben empfinden könne, daß er jeden Trost
verabscheute, der ihm diese Leiden als endlich vorzustellen unternahm.
II. Buch, 2. Kapitel
Zweites Kapitel
Gewöhnt, auf diese Weise sich selbst zu quälen, griff er nun auch das
übrige, was ihm nach der Liebe und mit der Liebe die größten Freuden
und Hoffnungen gegeben hatte, sein Talent als Dichter und Schauspieler,
mit hämischer Kritik von allen Seiten an. Er sah in seinen Arbeiten
nichts als eine geistlose Nachahmung einiger hergebrachten Formen,
ohne innern Wert; er wollte darin nur steife Schulexerzitien erkennen,
denen es an jedem Funken von Naturell, Wahrheit und Begeisterung fehle.
In seinen Gedichten fand er nur ein monotones Silbenmaß, in welchem,
durch einen armseligen Reim zusammengehalten, ganz gemeine Gedanken
und Empfindungen sich hinschleppten; und so benahm er sich auch jede
Aussicht, jede Lust, die ihn von dieser Seite noch allenfalls hätte
wieder aufrichten können.
Seinem Schauspielertalente ging es nicht besser. Er schalt sich, daß
er nicht früher die Eitelkeit entdeckt, die allein dieser Anmaßung zum
Grunde gelegen. Seine Figur, sein Gang, seine Bewegung und
Deklamation mußten herhalten; er sprach sich jede Art von Vorzug,
jedes Verdienst, das ihn über das Gemeine emporgehoben hätte,
entscheidend ab und vermehrte seine stumme Verzweiflung dadurch auf
den höchsten Grad. Denn wenn es hart ist, der Liebe eines Weibes zu
entsagen, so ist die Empfindung nicht weniger schmerzlich, von dem
Umgange der Musen sich loszureißen, sich ihrer Gemeinschaft auf immer
unwürdig zu erklären und auf den schönsten und nächsten Beifall, der
unsrer Person, unserm Betragen, unsrer Stimme öffentlich gegeben wird,
Verzicht zu tun.
So hatte sich denn unser Freund völlig resigniert und sich zugleich
mit großem Eifer den Handelsgeschäften gewidmet. Zum Erstaunen seines
Freundes und zur größten Zufriedenheit seines Vaters war niemand auf
dem Comptoir und der Börse, im Laden und Gewölbe tätiger als er;
Korrespondenz und Rechnungen, und was ihm aufgetragen wurde, besorgte
und verrichtete er mit größtem Fleiß und Eifer. Freilich nicht mit
dem heitern Fleiße, der zugleich dem Geschäftigen Belohnung ist, wenn
wir dasjenige, wozu wir geboren sind, mit Ordnung und Folge verrichten,
sondern mit dem stillen Fleiße der Pflicht, der den besten Vorsatz
zum Grunde hat, der durch überzeugung genährt und durch ein innres
Selbstgefühl belohnt wird; der aber doch oft, selbst dann, wenn ihm
das schönste Bewußtsein die Krone reicht, einen vordringenden Seufzer
kaum zu ersticken vermag.
Auf diese Weise hatte Wilhelm eine Zeitlang sehr emsig fortgelebt und
sich überzeugt, daß jene harte Prüfung vom Schicksale zu seinem Besten
veranstaltet worden. Er war froh, auf dem Wege des Lebens sich
beizeiten, obgleich unfreundlich genug, gewarnt zu sehen, anstatt daß
andere später und schwerer die Mißgriffe büßen, wozu sie ein
jugendlicher Dünkel verleitet hat. Denn gewöhnlich wehrt sich der
Mensch so lange, als er kann, den Toren, den er im Busen hegt, zu
verabschieden, einen Hauptirrtum zu bekennen und eine Wahrheit
einzugestehen, die ihn zur Verzweiflung bringt.
So entschlossen er war, seinen liebsten Vorstellungen zu entsagen, so
war doch einige Zeit nötig, um ihn von seinem Unglücke völlig zu
überzeugen. Endlich aber hatte er jede Hoffnung der Liebe, des
poetischen Hervorbringens und der persönlichen Darstellung mit
triftigen Gründen so ganz in sich vernichtet, daß er Mut faßte, alle
Spuren seiner Torheit, alles, was ihn irgend noch daran erinnern
könnte, völlig auszulöschen. Er hatte daher an einem kühlen Abende
ein Kaminfeuer angezündet und holte ein Reliquienkästchen hervor, in
welchem sich hunderterlei Kleinigkeiten fanden, die er in bedeutenden
Augenblicken von Marianen erhalten oder derselben geraubt hatte. Jede
vertrocknete Blume erinnerte ihn an die Zeit, da sie noch frisch in
ihren Haaren blühte; jedes Zettelchen an die glückliche Stunde, wozu
sie ihn dadurch einlud; jede Schleife an den lieblichen Ruheplatz
seines Hauptes, ihren schönen Busen. Mußte nicht auf diese Weise jede
Empfindung, die er schon lange getötet glaubte, sich wieder zu bewegen
anfangen? Mußte nicht die Leidenschaft, über die er, abgeschieden von
seiner Geliebten, Herr geworden war, in der Gegenwart dieser
Kleinigkeiten wieder mächtig werden? Denn wir merken erst, wie
traurig und unangenehm ein trüber Tag ist, wenn ein einziger
durchdringender Sonnenblick uns den aufmunternden Glanz einer heitern
Stunde darstellt.
Nicht ohne Bewegung sah er daher diese so lange bewahrten Heiligtümer
nacheinander in Rauch und Flamme vor sich aufgehen. Einigemal hielt
er zaudernd inne und hatte noch eine Perlenschnur und ein flornes
Halstuch übrig, als er sich entschloß, mit den dichterischen Versuchen
seiner Jugend das abnehmende Feuer wieder aufzufrischen.
Bis jetzt hatte er alles sorgfältig aufgehoben, was ihm, von der
frühsten Entwicklung seines Geistes an, aus der Feder geflossen war.
Noch lagen seine Schriften in Bündel gebunden auf dem Boden des
Koffers, wohin er sie gepackt hatte, als er sie auf seiner Flucht
mitzunehmen hoffte. Wie ganz anders eröffnete er sie jetzt, als er
sie damals zusammenband!
Wenn wir einen Brief, den wir unter gewissen Umständen geschrieben und
gesiegelt haben, der aber den Freund, an den er gerichtet war, nicht
antrifft, sondern wieder zu uns zurückgebracht wird, nach einiger Zeit
eröffnen, überfällt uns eine sonderbare Empfindung, indem wir unser
eignes Siegel erbrechen und uns mit unserm veränderten Selbst wie mit
einer dritten Person unterhalten. Ein ähnliches Gefühl ergriff mit
Heftigkeit unsern Freund, als er das erste Paket eröffnete und die
zerteilten Hefte ins Feuer warf, die eben gewaltsam aufloderten, als
Werner hereintrat, sich über die lebhafte Flamme verwunderte und
fragte, was hier vorgehe.
"Ich gebe einen Beweis", sagte Wilhelm, "daß es mir Ernst sei, ein
Handwerk aufzugeben, wozu ich nicht geboren ward"; und mit diesen
Worten warf er das zweite Paket in das Feuer. Werner wollte ihn
abhalten, allein es war geschehen.
"Ich sehe nicht ein, wie du zu diesem Extrem kommst", sagte dieser.
"Warum sollen denn nun diese Arbeiten, wenn sie nicht vortrefflich
sind, gar vernichtet werden?"
"Weil ein Gedicht entweder vortrefflich sein oder gar nicht existieren
soll; weil jeder, der keine Anlage hat, das Beste zu leisten, sich der
Kunst enthalten und sich vor jeder Verführung dazu ernstlich in acht
nehmen sollte. Denn freilich regt sich in jedem Menschen ein gewisses
unbestimmtes Verlangen, dasjenige, was er sieht, nachzuahmen; aber
dieses Verlangen beweist gar nicht, daß auch die Kraft in uns wohne,
mit dem, was wir unternehmen, zustande zu kommen. Sieh nur die Knaben
an, wie sie jedesmal, sooft Seiltänzer in der Stadt gewesen, auf allen
Planken und Balken hin und wider gehen und balancieren, bis ein
anderer Reiz sie wieder zu einem ähnlichen Spiele hinzieht. Hast du
es nicht in dem Zirkel unsrer Freunde bemerkt? Sooft sich ein
Virtuose hören läßt, finden sich immer einige, die sogleich dasselbe
Instrument zu lernen anfangen. Wie viele irren auf diesem Wege herum!
Glücklich, wer den Fehlschluß von seinen Wünschen auf seine Kräfte
bald gewahr wird!"
Werner widersprach; die Unterredung ward lebhaft, und Wilhelm konnte
nicht ohne Bewegung die Argumente, mit denen er sich selbst so oft
gequält hatte, gegen seinen Freund wiederholen. Werner behauptete, es
sei nicht vernünftig, ein Talent, zu dem man nur einigermaßen Neigung
und Geschick habe, deswegen, weil man es niemals in der größten
Vollkommenheit ausüben werde, ganz aufzugeben. Es finde sich ja so
manche leere Zeit, die man dadurch ausfüllen und nach und nach etwas
hervorbringen könne, wodurch wir uns und andern ein Vergnügen bereiten.
Unser Freund, der hierin ganz anderer Meinung war, fiel ihm sogleich
ein und sagte mit großer Lebhaftigkeit:
"Wie sehr irrst du, lieber Freund, wenn du glaubst, daß ein Werk,
dessen erste Vorstellung die ganze Seele füllen muß, in unterbrochenen,
zusammengegeizten Stunden könne hervorgebracht werden. Nein, der
Dichter muß ganz sich, ganz in seinen geliebten Gegenständen leben.
Er, der vom Himmel innerlich auf das köstlichste begabt ist, der einen
sich immer selbst vermehrenden Schatz im Busen bewahrt, er muß auch
von außen ungestört mit seinen Schätzen in der stillen Glückseligkeit
leben, die ein Reicher vergebens mit aufgehäuften Gütern um sich
hervorzubringen sucht. Sieh die Menschen an, wie sie nach Glück und
Vergnügen rennen! Ihre Wünsche, ihre Mühe, ihr Geld jagen rastlos,
und wonach? Nach dem, was der Dichter von der Natur erhalten hat,
nach dem Genuß der Welt, nach dem Mitgefühl seiner selbst in andern,
nach einem harmonischen Zusammensein mit vielen oft unvereinbaren
Dingen.
Was beunruhiget die Menschen, als daß sie ihre Begriffe nicht mit den
Sachen verbinden können, daß der Genuß sich ihnen unter den Händen
wegstiehlt, daß das Gewünschte zu spät kommt und daß alles Erreichte
und Erlangte auf ihr Herz nicht die Wirkung tut, welche die Begierde
uns in der Ferne ahnen läßt. Gleichsam wie einen Gott hat das
Schicksal den Dichter über dieses alles hinübergesetzt. Er sieht das
Gewirre der Leidenschaften, Familien und Reiche sich zwecklos bewegen,
er sieht die unauflöslichen Rätsel der Mißverständnisse, denen oft nur
ein einsilbiges Wort zur Entwicklung fehlt, unsäglich verderbliche
Verwirrungen verursachen. Er fühlt das Traurige und das Freudige
jedes Menschenschicksals mit. Wenn der Weltmensch in einer
abzehrenden Melancholie über großen Verlust seine Tage hinschleicht
oder in ausgelassener Freude seinem Schicksale entgegengeht, so
schreitet die empfängliche, leichtbewegliche Seele des Dichters wie
die wandelnde Sonne von Nacht zu Tag fort, und mit leisen übergängen
stimmt seine Harfe zu Freude und Leid. Eingeboren auf dem Grund
seines Herzens wächst die schöne Blume der Weisheit hervor, und wenn
die andern wachend träumen und von ungeheuren Vorstellungen aus allen
ihren Sinnen geängstiget werden, so lebt er den Traum des Lebens als
ein Wachender, und das Seltenste, was geschieht, ist ihm zugleich
Vergangenheit und Zukunft. Und so ist der Dichter zugleich Lehrer
Wahrsager, Freund der Götter und der Menschen. Wie! willst du, daß er
zu einem kümmerlichen Gewerbe heruntersteige? Er, der wie ein Vogel
gebaut ist, um die Welt zu überschweben, auf hohen Gipfeln zu nisten
und seine Nahrung von Knospen und Früchten, einen Zweig mit dem andern
leicht verwechselnd, zu nehmen, er sollte zugleich wie der Stier am
Pfluge ziehen, wie der Hund sich auf eine Fährte gewöhnen oder
vielleicht gar, an die Kette geschlossen, einen Meierhof durch sein
Bellen sichern?"
Werner hatte, wie man sich denken kann, mit Verwunderung zugehört.
"Wenn nur auch die Menschen", fiel er ihm ein, "wie die Vögel gemacht
wären und, ohne daß sie spinnen und weben, holdselige Tage in
beständigem Genuß zubringen könnten! Wenn sie nur auch bei Ankunft
des Winters sich so leicht in ferne Gegenden begäben, dem Mangel
auszuweichen und sich vor dem Froste zu sichern!"
"So haben die Dichter in Zeiten gelebt, wo das Ehrwürdige mehr erkannt
ward", rief Wilhelm aus, "und so sollten sie immer leben. Genugsam in
ihrem Innersten ausgestattet, bedurften sie wenig von außen; die Gabe,
schöne Empfindungen, herrliche Bilder den Menschen in süßen, sich an
jeden Gegenstand anschmiegenden Worten und Melodien mitzuteilen,
bezauberte von jeher die Welt und war für den Begabten ein reichliches
Erbteil. An der Könige Höfen, an den Tischen der Reichen, vor den
Türen der Verliebten horchte man auf sie, indem sich das Ohr und die
Seele für alles andere verschloß, wie man sich seligpreist und
entzückt stillesteht, wenn aus den Gebüschen, durch die man wandelt,
die Stimme der Nachtigall gewaltig rührend hervordringt! Sie fanden
eine gastfreie Welt, und ihr niedrig scheinender Stand erhöhte sie nur
desto mehr. Der Held lauschte ihren Gesängen, und der überwinder der
Welt huldigte einem Dichter, weil er fühlte, daß ohne diesen sein
ungeheures Dasein nur wie ein Sturmwind vorüberfahren würde; der
Liebende wünschte sein Verlangen und seinen Genuß so tausendfach und
so harmonisch zu fühlen, als ihn die beseelte Lippe zu schildern
verstand; und selbst der Reiche konnte seine Besitztümer, seine
Abgötter, nicht mit eigenen Augen so kostbar sehen, als sie ihm vom
Glanz des allen Wert fühlenden und erhöhenden Geistes beleuchtet
erschienen. Ja, wer hat, wenn du willst, Götter gebildet, uns zu
ihnen erhoben, sie zu uns herniedergebracht, als der Dichter?"
"Mein Freund", versetzte Werner nach einigem Nachdenken, "ich habe
schon oft bedauert, daß du das, was du so lebhaft fühlst, mit Gewalt
aus deiner Seele zu verbannen strebst. Ich müßte mich sehr irren,
wenn du nicht besser tätest, dir selbst einigermaßen nachzugeben, als
dich durch die Widersprüche eines so harten Entsagens aufzureiben und
dir mit der einen unschuldigen Freude den Genuß aller übrigen zu
entziehen."
"Darf ich dir's gestehen, mein Freund",versetzte der andre, "und wirst
du mich nicht lächerlich finden, wenn ich dir bekenne, daß jene Bilder
mich noch immer verfolgen, sosehr ich sie fliehe, und daß, wenn ich
mein Herz untersuche, alle frühen Wünsche fest, ja noch fester als
sonst darin haften? Doch was bleibt mir Unglücklichem gegenwärtig
übrig? Ach, wer mir vorausgesagt hätte, daß die Arme meines Geistes
so bald zerschmettert werden sollten, mit denen ich ins Unendliche
griff und mit denen ich doch gewiß ein Großes zu umfassen hoffte, wer
mir das vorausgesagt hätte, würde mich zur Verzweiflung gebracht haben.
Und noch jetzt, da das Gericht über mich ergangen ist, jetzt, da ich
die verloren habe, die anstatt einer Gottheit mich zu meinen Wünschen
hinüberführen sollte, was bleibt mir übrig, als mich den bittersten
Schmerzen zu überlassen? O mein Bruder", fuhr er fort, "ich leugne
nicht, sie war mir bei meinen heimlichen Anschlägen der Kloben, an den
eine Strickleiter befestigt ist; gefährlich hoffend schwebt der
Abenteurer in der Luft, das Eisen bricht, und er liegt zerschmettert
am Fuße seiner Wünsche. Es ist auch nun für mich kein Trost, keine
Hoffnung mehr! Ich werde", rief er aus, indem er aufsprang, "von
diesen unglückseligen Papieren keines übriglassen." Er faßte abermals
ein paar Hefte an, riß sie auf und warf sie ins Feuer. Werner wollte
ihn abhalten, aber vergebens. "Laß mich!" rief Wilhelm, "was sollen
diese elenden Blätter? Für mich sind sie weder Stufe noch
Aufmunterung mehr. Sollen sie übrigbleiben, um mich bis ans Ende
meines Lebens zu peinigen? Sollen sie vielleicht einmal der Welt zum
Gespötte dienen, anstatt Mitleiden und Schauer zu erregen? Weh über
mich und über mein Schicksal! Nun verstehe ich erst die Klagen der
Dichter, der aus Not weise gewordnen Traurigen. Wie lange hielt ich
mich für unzerstörbar, für unverwundlich, und ach! nun seh ich, daß
ein tiefer früher Schade nicht wieder auswachsen, sich nicht wieder
herstellen kann; ich fühle, daß ich ihn mit ins Grab nehmen muß. Nein!
keinen Tag des Lebens soll der Schmerz von mir weichen, der mich noch
zuletzt umbringt, und auch ihr Andenken soll bei mir bleiben, mit mir
leben und sterben, das Andenken der Unwürdigen--ach, mein Freund! wenn
ich von Herzen reden soll--der gewiß nicht ganz Unwürdigen! Ihr Stand,
ihre Schicksale haben sie tausendmal bei mir entschuldigt. Ich bin
zu grausam gewesen, du hast mich in deine Kälte, in deine Härte
unbarmherzig eingeweiht, meine zerrütteten Sinne gefangengehalten und
mich verhindert, das für sie und für mich zu tun, was ich uns beiden
schuldig war. Wer weiß, in welchen Zustand ich sie versetzt habe, und
erst nach und nach fällt mir's aufs Gewissen, in welcher Verzweiflung,
in welcher Hülflosigkeit ich sie verließ! War's nicht möglich, daß
sie sich entschuldigen konnte? War's nicht möglich? Wieviel
Mißverständnisse können die Welt verwirren, wieviel Umstände können
dem größten Fehler Vergebung erflehen!--Wie oft denke ich mir sie, in
der Stille für sich sitzend, auf ihren Ellenbogen gestützt.--"Das ist",
sagt sie, "die Treue, die Liebe, die er mir zuschwur! Mit diesem
unsanften Schlag das schöne Leben zu endigen, das uns verband!""--Er
brach in einen Strom von Tränen aus, indem er sich mit dem Gesichte
auf den Tisch warf und die übergebliebenen Papiere benetzte.
Werner stand in der größten Verlegenheit dabei. Er hatte sich dieses
rasche Auflodern der Leidenschaft nicht vermutet. Etlichemal wollte
er seinem Freunde in die Rede fallen, etlichemal das Gespräch
woandershin lenken, vergebens! er widerstand dem Strome nicht. Auch
hier übernahm die ausdauernde Freundschaft wieder ihr Amt. Er ließ
den heftigsten Anfall des Schmerzens vorüber, indem er durch seine
stille Gegenwart eine aufrichtige, reine Teilnehmung am besten sehen
ließ, und so blieben sie diesen Abend; Wilhelm ins stille Nachgefühl
des Schmerzens versenkt und der andere erschreckt durch den neuen
Ausbruch einer Leidenschaft, die er lange bemeistert und durch guten
Rat und eifriges Zureden überwältigt zu haben glaubte.
II. Buch, 3. Kapitel
Drittes Kapitel
Nach solchen Rückfällen pflegte Wilhelm meist nur desto eifriger sich
den Geschäften und der Tätigkeit zu widmen, und es war der beste Weg,
dem Labyrinthe, das ihn wieder anzulocken suchte, zu entfliehen.
Seine gute Art, sich gegen Fremde zu betragen, seine Leichtigkeit,
fast in allen lebenden Sprachen Korrespondenz zu führen, gaben seinem
Vater und dessen Handelsfreunde immer mehr Hoffnung und trösteten sie
über die Krankheit, deren Ursache ihnen nicht bekannt geworden war,
und über die Pause, die ihren Plan unterbrochen hatte. Man beschloß
Wilhelms Abreise zum zweitenmal, und wir finden ihn auf seinem Pferde,
den Mantelsack hinter sich, erheitert durch freie Luft und Bewegung,
dem Gebirge sich nähern, wo er einige Aufträge ausrichten sollte.
Er durchstrich langsam Täler und Berge mit der Empfindung des größten
Vergnügens. überhangende Felsen, rauschende Wasserbäche, bewachsene
Wände, tiefe Gründe sah er hier zum erstenmal, und doch hatten seine
frühsten Jugendträume schon in solchen Gegenden geschwebt. Er fühlte
sich bei diesem Anblicke wieder verjüngt; alle erduldeten Schmerzen
waren aus seiner Seele weggewaschen, und mit völliger Heiterkeit sagte
er sich Stellen aus verschiedenen Gedichten, besonders aus dem "Pastor
fido" vor, die an diesen einsamen Plätzen scharenweis seinem
Gedächtnisse zuflossen. Auch erinnerte er sich mancher Stellen aus
seinen eigenen Liedern, die er mit einer besondern Zufriedenheit
rezitierte. Er belebte die Welt, die vor ihm lag, mit allen Gestalten
der Vergangenheit, und jeder Schritt in die Zukunft war ihm voll
Ahnung wichtiger Handlungen und merkwürdiger Begebenheiten.
Mehrere Menschen, die aufeinanderfolgend hinter ihm herkamen, an ihm
mit einem Gruße vorbeigingen und den Weg ins Gebirge, durch steile
Fußpfade, eilig fortsetzten, unterbrachen einigemal seine stille
Unterhaltung, ohne daß er jedoch aufmerksam auf sie geworden wäre.
Endlich gesellte sich ein gesprächiger Gefährte zu ihm und erzählte
die Ursache der starken Pilgerschaft.
"Zu Hochdorf", sagte er, "wird heute abend eine Komödie gegeben, wozu
sich die ganze Nachbarschaft versammelt."
"Wie!" rief Wilhelm, "in diesen einsamen Gebirgen, zwischen diesen
undurchdringlichen Wäldern hat die Schauspielkunst einen Weg gefunden
und sich einen Tempel aufgebaut? und ich muß zu ihrem Feste
wallfahrten?"
"Sie werden sich noch mehr wundern", sagte der andere, "wenn Sie hören,
durch wen das Stück aufgeführt wird. Es ist eine große Fabrik in dem
Orte, die viel Leute ernährt. Der Unternehmer, der sozusagen von
aller menschlichen Gesellschaft entfernt lebt, weiß seine Arbeiter im
Winter nicht besser zu beschäftigen, als daß er sie veranlaßt hat,
Komödie zu spielen. Er leidet keine Karten unter ihnen und wünscht
sie auch sonst von rohen Sitten abzuhalten. So bringen sie die langen
Abende zu, und heute, da des Alten Geburtstag ist, geben sie ihm zu
Ehren eine besondere Festlichkeit."
Wilhelm kam zu Hochdorf an, wo er übernachten sollte, und stieg bei
der Fabrik ab, deren Unternehmer auch als Schuldner auf seiner Liste
stand.
Als er seinen Namen nannte, rief der Alte verwundert aus: "Ei, mein
Herr, sind Sie der Sohn des braven Mannes, dem ich so viel Dank und
bis jetzt noch Geld schuldig bin? Ihr Herr Vater hat so viel Geduld
mit mir gehabt, daß ich ein Bösewicht sein müßte, wenn ich nicht eilig
und fröhlich bezahlte. Sie kommen eben zur rechten Zeit, um zu sehen,
daß es mir Ernst ist."
Er rief seine Frau herbei, welche ebenso erfreut war, den jungen Mann
zu sehen; sie versicherte, daß er seinem Vater gleiche, und bedauerte,
daß sie ihn wegen der vielen Fremden die Nacht nicht beherbergen könne.
Das Geschäft war klar und bald berichtigt; Wilhelm steckte ein
Röllchen Gold in die Tasche und wünschte, daß seine übrigen Geschäfte
auch so leicht gehen möchten.
Die Stunde des Schauspiels kam heran, man erwartete nur noch den
Oberforstmeister, der endlich auch anlangte, mit einigen Jägern
eintrat und mit der größten Verehrung empfangen wurde.
Die Gesellschaft wurde nunmehr ins Schauspielhaus geführt, wozu man
eine Scheune eingerichtet hatte, die gleich am Garten lag. Haus und
Theater waren, ohne sonderlichen Geschmack, munter und artig genug
angelegt. Einer von den Malern, die auf der Fabrik arbeiteten, hatte
bei dem Theater in der Residenz gehandlangt und hatte nun Wald, Straße
und Zimmer, freilich etwas roh, hingestellt. Das Stück hatten sie von
einer herumziehenden Truppe geborgt und nach ihrer eigenen Weise
zurechtgeschnitten. So wie es war, unterhielt es. Die Intrige, daß
zwei Liebhaber ein Mädchen ihrem Vormunde und wechselsweise sich
selbst entreißen wollen, brachte allerlei interessante Situationen
hervor. Es war das erste Stück, das unser Freund nach einer so langen
Zeit wieder sah; er machte mancherlei Betrachtungen. Es war voller
Handlung, aber ohne Schilderung wahrer Charaktere. Es gefiel und
ergötzte. So sind die Anfänge aller Schauspielkunst. Der rohe Mensch
ist zufrieden, wenn er nur etwas vorgehen sieht; der gebildete will
empfinden, und Nachdenken ist nur dem ganz ausgebildeten angenehm.
Den Schauspielern hätte er hie und da gerne nachgeholfen; denn es
fehlte nur wenig, so hätten sie um vieles besser sein können.
In seinen stillen Betrachtungen störte ihn der Tabaksdampf, der immer
stärker und stärker wurde. Der Oberforstmeister hatte bald nach
Anfang des Stücks seine Pfeife angezündet, und nach und nach nahmen
sich mehrere diese Freiheit heraus. Auch machten die großen Hunde
dieses Herrn schlimme Auftritte. Man hatte sie zwar ausgesperrt;
allein sie fanden bald den Weg zur Hintertüre herein, liefen auf das
Theater, rannten wider die Akteurs und gesellten sich endlich durch
einen Sprung über das Orchester zu ihrem Herrn, der den ersten Platz
im Parterre eingenommen hatte.
Zum Nachspiel ward ein Opfer dargebracht. Ein Porträt, das den Alten
in seinem Bräutigamskleide vorstellte, stand auf einem Altar, mit
Kränzen behangen. Alle Schauspieler huldigten ihm in demutvollen
Stellungen. Das jüngste Kind trat, weiß gekleidet, hervor und hielt
eine Rede in Versen, wodurch die ganze Familie und sogar der
Oberforstmeister, der sich dabei an seine Kinder erinnerte, zu Tränen
bewegt wurde. So endigte sich das Stück, und Wilhelm konnte nicht
umhin, das Theater zu besteigen, die Aktricen in der Nähe zu besehen,
sie wegen ihres Spiels zu loben und ihnen auf die Zukunft einigen Rat
zu geben.
Die übrigen Geschäfte unsers Freundes, die er nach und nach in größern
und kleinern Gebirgsorten verrichtete, liefen nicht alle so glücklich
noch so vergnügt ab. Manche Schuldner baten um Aufschub, manche waren
unhöflich, manche leugneten. Nach seinem Auftrage sollte er einige
verklagen; er mußte einen Advokaten aufsuchen, diesen instruieren,
sich vor Gericht stellen und was dergleichen verdrießliche Geschäfte
noch mehr waren.
Ebensoschlimm erging es ihm, wenn man ihm eine Ehre erzeigen wollte.
Nur wenig Leute fand er, die ihn einigermaßen unterrichten konnten;
wenige, mit denen er in ein nützliches Handelsverhältnis zu kommen
hoffte. Da nun auch unglücklicherweise Regentage einfielen und eine
Reise zu Pferd in diesen Gegenden mit unerträglichen Beschwerden
verknüpft war, so dankte er dem Himmel, als er sich dem flachen Lande
wieder näherte und am Fuße des Gebirges in einer schönen und
fruchtbaren Ebene, an einem sanften Flusse, im Sonnenscheine ein
heiteres Landstädtchen liegen sah, in welchem er zwar keine Geschäfte
hatte, aber eben deswegen sich entschloß, ein paar Tage daselbst zu
verweilen, um sich und seinem Pferde, das von dem schlimmen Wege sehr
gelitten hatte, einige Erholung zu verschaffen.
II. Buch, 4. Kapitel--1
Viertes Kapitel
Als er in einem Wirtshause auf dem Markte abtrat, ging es darin sehr
lustig, wenigstens sehr lebhaft zu. Eine große Gesellschaft
Seiltänzer, Springer und Gaukler, die einen starken Mann bei sich
hatten, waren mit Weib und Kindern eingezogen und machten, indem sie
sich auf eine öffentliche Erscheinung bereiteten, einen Unfug über den
andern. Bald stritten sie mit dem Wirte, bald unter sich selbst; und
wenn ihr Zank unleidlich war, so waren die äußerungen ihres Vergnügens
ganz und gar unerträglich. Unschlüssig, ob er gehen oder bleiben
sollte, stand er unter dem Tore und sah den Arbeitern zu, die auf dem
Platze ein Gerüst aufzuschlagen anfingen.
Ein Mädchen, das Rosen und andere Blumen herumtrug, bot ihm ihren Korb
dar, und er kaufte sich einen schönen Strauß, den er mit Liebhaberei
anders band und mit Zufriedenheit betrachtete, als das Fenster eines
an der Seite des Platzes stehenden andern Gasthauses sich auftat und
ein wohlgebildetes Frauenzimmer sich an demselben zeigte. Er konnte
ungeachtet der Entfernung bemerken, daß eine angenehme Heiterkeit ihr
Gesicht belebte. Ihre blonden Haare fielen nachlässig aufgelöst um
ihren Nacken; sie schien sich nach dem Fremden umzusehen. Einige Zeit
darauf trat ein Knabe, der eine Frisierschürze umgegürtet und ein
weißes Jäckchen anhatte, aus der Türe jenes Hauses, ging auf Wilhelmen
zu, begrüßte ihn und sagte: "Das Frauenzimmer am Fenster läßt Sie
fragen, ob Sie ihr nicht einen Teil der schönen Blumen abtreten
wollen?"--"Sie stehn ihr alle zu Diensten", versetzte Wilhelm, indem
er dem leichten Boten das Bouquet überreichte und zugleich der Schönen
ein Kompliment machte, welches sie mit einem freundlichen Gegengruß
erwiderte und sich vom Fenster zurückzog.
Nachdenkend über dieses artige Abenteuer ging er nach seinem Zimmer
die Treppe hinauf, als ein junges Geschöpf ihm entgegensprang, das
seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein kurzes seidnes Westchen mit
geschlitzten spanischen ärmeln, knappe lange Beinkleider mit Puffen
standen dem Kinde gar artig. Lange schwarze Haare waren in Locken und
Zöpfen um den Kopf gekräuselt und gewunden. Er sah die Gestalt mit
Verwunderung an und konnte nicht mit sich einig werden, ob er sie für
einen Knaben oder für ein Mädchen erklären sollte. Doch entschied er
sich bald für das letzte und hielt sie auf, da sie bei ihm vorbeikam,
bot ihr einen guten Tag und fragte sie, wem sie angehöre, ob er schon
leicht sehen konnte, daß sie ein Glied der springenden und tanzenden
Gesellschaft sein müsse. Mit einem scharfen schwarzen Seitenblick sah
sie ihn an, indem sie sich von ihm losmachte und in die Küche lief,
ohne zu antworten.
Als er die Treppe hinaufkam, fand er auf dem weiten Vorsaale zwei
Mannspersonen, die sich im Fechten übten oder vielmehr ihre
Geschicklichkeit aneinander zu versuchen schienen. Der eine war
offenbar von der Gesellschaft, die sich im Hause befand, der andere
hatte ein weniger wildes Ansehn. Wilhelm sah ihnen zu und hatte
Ursache, sie beide zu bewundern, und als nicht lange darauf der
schwarzbärtige, nervige Streiter den Kampfplatz verließ, bot der
andere mit vieler Artigkeit Wilhelmen das Rapier an.
"Wenn Sie einen Schüler", versetzte dieser, "in die Lehre nehmen
wollen, so bin ich wohl zufrieden, mit Ihnen einige Gänge zu wagen."
Sie fochten zusammen, und obgleich der Fremde dem Ankömmling weit
überlegen war, so war er doch höflich genug zu versichern, daß alles
nur auf übung ankomme; und wirklich hatte Wilhelm auch gezeigt, daß er
früher von einem guten und gründlichen deutschen Fechtmeister
unterrichtet worden war.
Ihre Unterhaltung ward durch das Getöse unterbrochen, mit welchem die
bunte Gesellschaft aus dem Wirtshause auszog, um die Stadt von ihrem
Schauspiel zu benachrichtigen und auf ihre Künste begierig zu machen.
Einem Tambour folgte der Entrepreneur zu Pferde, hinter ihm eine
Tänzerin auf einem ähnlichen Gerippe, die ein Kind vor sich hielt, das
mit Bändern und Flintern wohl herausgeputzt war. Darauf kam die
übrige Truppe zu Fuß, wovon einige auf ihren Schultern Kinder, in
abenteuerlichen Stellungen, leicht und bequem dahertrugen, unter denen
die junge, schwarzköpfige, düstere Gestalt Wilhelms Aufmerksamkeit
aufs neue erregte.
Pagliasso lief unter der andringenden Menge drollig hin und her und
teilte mit sehr begreiflichen Späßen, indem er bald ein Mädchen küßte,
bald einen Knaben pritschte, seine Zettel aus und erweckte unter dem
Volke eine unüberwindliche Begierde, ihn näher kennenzulernen.
In den gedruckten Anzeigen waren die mannigfaltigen Künste der
Gesellschaft, besonders eines Monsieur Narziß und der Demoiselle
Landrinette herausgestrichen, welche beide als Hauptpersonen die
Klugheit gehabt hatten, sich von dem Zuge zu enthalten, sich dadurch
ein vornehmeres Ansehn zu geben und größere Neugier zu erwecken.
Während des Zuges hatte sich auch die schöne Nachbarin wieder am
Fenster sehen lassen, und Wilhelm hatte nicht verfehlt, sich bei
seinem Gesellschafter nach ihr zu erkundigen. Dieser, den wir
einstweilen Laertes nennen wollen, erbot sich, Wilhelmen zu ihr
hinüber zu begleiten. "Ich und das Frauenzimmer", sagte er lächelnd,
"sind ein paar Trümmer einer Schauspielergesellschaft, die vor kurzem
hier scheiterte. Die Anmut des Orts hat uns bewogen, einige Zeit hier
zu bleiben und unsre wenige gesammelte Barschaft in Ruhe zu verzehren,
indes ein Freund ausgezogen ist, ein Unterkommen für sich und uns zu
suchen."
Laertes begleitete sogleich seinen neuen Bekannten zu Philinens Türe,
wo er ihn einen Augenblick stehenließ, um in einem benachbarten Laden
Zuckerwerk zu holen. "Sie werden mir es gewiß danken", sagte er,
indem er zurückkam, "daß ich Ihnen diese artige Bekanntschaft
verschaffe."
Das Frauenzimmer kam ihnen auf ein Paar leichten Pantöffelchen mit
hohen Absätzen aus der Stube entgegengetreten. Sie hatte eine
schwarze Mantille über ein weißes Neglige geworfen, das, eben weil es
nicht ganz reinlich war, ihr ein häusliches und bequemes Ansehn gab;
ihr kurzes Röckchen ließ die niedlichsten Füße von der Welt sehen.
"Sein Sie mir willkommen!" rief sie Wilhelmen zu, "und nehmen Sie
meinen Dank für die schönen Blumen." Sie führte ihn mit der einen
Hand ins Zimmer, indem sie mit der andern den Strauß an die Brust
drückte. Als sie sich niedergesetzt hatten und in gleichgültigen
Gesprächen begriffen waren, denen sie eine reizende Wendung zu geben
wußte, schüttete ihr Laertes gebrannte Mandeln in den Schoß, von denen
sie sogleich zu naschen anfing. "Sehn Sie, welch ein Kind dieser
junge Mensch ist!" rief sie aus, "er wird Sie überreden wollen, daß
ich eine große Freundin von solchen Näschereien sei, und er ist's, der
nicht leben kann, ohne irgend etwas Leckeres zu genießen."
"Lassen Sie uns nur gestehn", versetzte Laertes, "daß wir hierin, wie
in mehrerem, einander gern Gesellschaft leisten. Zum Beispiel", sagte
er, "es ist heute ein sehr schöner Tag; ich dächte, wir führen
spazieren und nähmen unser Mittagsmahl auf der Mühle."--"Recht gern",
sagte Philine, "wir müssen unserm neuen Bekannten eine kleine
Veränderung machen." Laertes sprang fort, denn er ging niemals, und
Wilhelm wollte einen Augenblick nach Hause, um seine Haare, die von
der Reise noch verworren aussahen, in Ordnung bringen zu lassen. "Das
können Sie hier!" sagte sie, rief ihren kleinen Diener, nötigte
Wilhelmen auf die artigste Weise, seinen Rock auszuziehen, ihren
Pudermantel anzulegen und sich in ihrer Gegenwart frisieren zu lassen.
"Man muß ja keine Zeit versäumen", sagte sie; "man weiß nicht, wie
lange man beisammen bleibt."
Der Knabe, mehr trotzig und unwillig als ungeschickt, benahm sich
nicht zum besten, raufte Wilhelmen und schien so bald nicht fertig
werden zu wollen. Philine verwies ihm einigemal seine Unart, stieß
ihn endlich ungeduldig hinweg und jagte ihn zur Türe hinaus. Nun
übernahm sie selbst die Bemühung und kräuselte die Haare unsers
Freundes mit großer Leichtigkeit und Zierlichkeit, ob sie gleich auch
nicht zu eilen schien und bald dieses, bald jenes an ihrer Arbeit
auszusetzen hatte, indem sie nicht vermeiden konnte, mit ihren Knien
die seinigen zu berühren und Strauß und Busen so nahe an seine Lippen
zu bringen, daß er mehr als einmal in Versuchung gesetzt ward, einen
Kuß darauf zu drücken.
Als Wilhelm mit einem kleinen Pudermesser seine Stirne gereinigt hatte,
sagte sie zu ihm: "Stecken Sie es ein, und gedenken Sie meiner dabei."
Es war ein artiges Messer; der Griff von eingelegtem Stahl zeigte
die freundlichen Worte: "Gedenkt mein". Wilhelm steckte es zu sich,
dankte ihr und bat um die Erlaubnis, ihr ein kleines Gegengeschenk
machen zu dürfen.
Nun war man fertig geworden. Laertes hatte die Kutsche gebracht, und
nun begann eine sehr lustige Fahrt. Philine warf jedem Armen, der sie
anbettelte, etwas zum Schlage hinaus, indem sie ihm zugleich ein
munteres und freundliches Wort zurief.
Sie waren kaum auf der Mühle angekommen und hatten ein Essen bestellt,
als eine Musik vor dem Hause sich hören ließ. Es waren Bergleute, die
zu Zither und Triangel mit lebhaften und grellen Stimmen verschiedene
artige Lieder vortrugen. Es dauerte nicht lange, so hatte eine
herbeiströmende Menge einen Kreis um sie geschlossen, und die
Gesellschaft nickte ihnen ihren Beifall aus den Fenstern zu. Als sie
diese Aufmerksamkeit gesehen, erweiterten sie ihren Kreis und schienen
sich zu ihrem wichtigsten Stückchen vorzubereiten. Nach einer Pause
trat ein Bergmann mit einer Hacke hervor und stellte, indes die andern
eine ernsthafte Melodie spielten, die Handlung des Schürfens vor.
Es währte nicht lange, so trat ein Bauer aus der Menge und gab jenem
pantomimisch drohend zu verstehen, daß er sich von hier hinwegbegeben
solle. Die Gesellschaft war darüber verwundert und erkannte erst den
in einen Bauer verkleideten Bergmann, als er den Mund auftat und in
einer Art von Rezitativ den andern schalt, daß er wage, auf seinem
Acker zu hantieren. Jener kam nicht aus der Fassung, sondern fing an,
den Landmann zu belehren, daß er recht habe, hier einzuschlagen, und
gab ihm dabei die ersten Begriffe vom Bergbau. Der Bauer, der die
fremde Terminologie nicht verstand, tat allerlei alberne Fragen,
worüber die Zuschauer, die sich klüger fühlten, ein herzliches
Gelächter aufschlugen. Der Bergmann suchte ihn zu berichten und
bewies ihm den Vorteil, der zuletzt auch auf ihn fließe, wenn die
unterirdischen Schätze des Landes herausgewühlt würden. Der Bauer,
der jenem zuerst mit Schlägen gedroht hatte, ließ sich nach und nach
besänftigen, und sie schieden als gute Freunde voneinander; besonders
aber zog sich der Bergmann auf die honorabelste Art aus diesem Streite.
"Wir haben", sagte Wilhelm bei Tische, "an diesem kleinen Dialog das
lebhafteste Beispiel, wie nützlich allen Ständen das Theater sein
könnte, wie vielen Vorteil der Staat selbst daraus ziehen müßte, wenn
man die Handlungen, Gewerbe und Unternehmungen der Menschen von ihrer
guten, lobenswürdigen Seite und in dem Gesichtspunkte auf das Theater
brächte, aus welchem sie der Staat selbst ehren und schützen muß.
Jetzt stellen wir nur die lächerliche Seite der Menschen dar; der
Lustspieldichter ist gleichsam nur ein hämischer Kontrolleur, der auf
die Fehler seiner Mitbürger überall ein wachsames Auge hat und froh zu
sein scheint, wenn er ihnen eins anhängen kann. Sollte es nicht eine
angenehme und würdige Arbeit für einen Staatsmann sein, den
natürlichen, wechselseitigen Einfluß aller Stände zu überschauen und
einen Dichter, der Humor genug hätte, bei seinen Arbeiten zu leiten?
Ich bin überzeugt, es könnten auf diesem Wege manche sehr
unterhaltende, zugleich nützliche und lustige Stücke ersonnen werden."
"Soviel ich", sagte Laertes, "überall, wo ich herumgeschwärmt bin,
habe bemerken können, weiß man nur zu verbieten, zu hindern und
abzulehnen; selten aber zu gebieten, zu befördern und zu belohnen.
Man läßt alles in der Welt gehn, bis es schädlich wird; dann zürnt man
und schlägt drein."
"Laßt mit den Staat und die Staatsleute weg", sagte Philine, "ich kann
mir sie nicht anders als in Perücken vorstellen, und eine Perücke, es
mag sie aufhaben, wer da will, erregt in meinen Fingern eine
krampfhafte Bewegung; ich möchte sie gleich dem ehrwürdigen Herrn
herunternehmen, in der Stube herumspringen und den Kahlkopf auslachen."
Mit einigen lebhaften Gesängen, welche sie sehr schön vortrug, schnitt
Philine das Gespräch ab und trieb zu einer schnellen Rückfahrt, damit
man die Künste der Seiltänzer am Abende zu sehen nicht versäumen
möchte. Drollig bis zur Ausgelassenheit, setzte sie ihre
Freigebigkeit gegen die Armen auf dem Heimwege fort, indem sie zuletzt,
da ihr und ihren Reisegefährten das Geld ausging, einem Mädchen ihren
Strohhut und einem alten Weibe ihr Halstuch zum Schlage hinauswarf.
Philine lud beide Begleiter zu sich in ihre Wohnung, weil man, wie sie
sagte, aus ihren Fenstern das öffentliche Schauspiel besser als im
andern Wirtshause sehen könne.
Als sie ankamen, fanden sie das Gerüst aufgeschlagen und den
Hintergrund mit aufgehängten Teppichen geziert. Die Schwungbretter
waren schon gelegt, das Schlappseil an die Pfosten befestigt und das
straffe Seil über die Böcke gezogen. Der Platz war ziemlich mit Volk
gefüllt und die Fenster mit Zuschauern einiger Art besetzt.
Pagliaß bereitete erst die Versammlung mit einigen Albernheiten,
worüber die Zuschauer immer zu lachen pflegen, zur Aufmerksamkeit und
guten Laune vor. Einige Kinder, deren Körper die seltsamsten
Verrenkungen darstellten, erregten bald Verwunderung, bald Grausen,
und Wilhelm konnte sich des tiefen Mitleidens nicht enthalten, als er
das Kind, an dem er beim ersten Anblicke teilgenommen, mit einiger
Mühe die sonderbaren Stellungen hervorbringen sah. Doch bald erregten
die lustigen Springer ein lebhaftes Vergnügen, wenn sie erst einzeln,
dann hintereinander und zuletzt alle zusammen sich vorwärts und
rückwärts in der Luft überschlugen. Ein lautes Händeklatschen und
Jauchzen erscholl aus der ganzen Versammlung.
Nun aber ward die Aufmerksamkeit auf einen ganz andern Gegenstand
gewendet. Die Kinder, eins nach dem andern, mußten das Seil betreten,
und zwar die Lehrlinge zuerst, damit sie durch ihre übungen das
Schauspiel verlängerten und die Schwierigkeit der Kunst ins Licht
setzten. Es zeigten sich auch einige Männer und erwachsene
Frauenspersonen mit ziemlicher Geschicklichkeit; allein es war noch
nicht Monsieur Narziß, noch nicht Demoiselle Landrinette.
Endlich traten auch diese aus einer Art von Zelt hinter aufgespannten
roten Vorhängen hervor und erfüllten durch ihre angenehme Gestalt und
zierlichen Putz die bisher glücklich genährte Hoffnung der Zuschauer.
Er ein munteres Bürschchen von mittlerer Größe, schwarzen Augen und
einem starken Haarzopf; sie nicht minder wohl und kräftig gebildet;
beide zeigten sich nacheinander auf dem Seile mit leichten Bewegungen,
Sprüngen und seltsamen Posituren. Ihre Leichtigkeit, seine
Verwegenheit, die Genauigkeit, womit beide ihre Kunststücke ausführten,
erhöhten mit jedem Schritt und Sprung das allgemeine Vergnügen. Der
Anstand, womit sie sich betrugen, die anscheinenden Bemühungen der
andern um sie gaben ihnen das Ansehn, als wenn sie Herr und Meister
der ganzen Truppe wären, und jedermann hielt sie des Ranges wert.
Die Begeisterung des Volks teilte sich den Zuschauern an den Fenstern
mit, die Damen sahen unverwandt nach Narzissen, die Herren nach
Landrinetten. Das Volk jauchzte, und das feinere Publikum enthielt
sich nicht des Klatschens; kaum daß man noch über Pagliassen lachte.
Wenige nur schlichen sich weg, als einige von der Truppe, um Geld zu
sammeln, sich mit zinnernen Tellern durch die Menge drängten.
"Sie haben ihre Sache, dünkt mich, gut gemacht", sagte Wilhelm zu
Philinen, die bei ihm am Fenster lag, "ich bewundere ihren Verstand,
womit sie auch geringe Kunststückchen, nach und nach und zur rechten
Zeit angebracht, gelten zu machen wußten, und wie sie aus der
Ungeschicklichkeit ihrer Kinder und aus der Virtuosität ihrer Besten
ein Ganzes zusammenarbeiteten, das erst unsre Aufmerksamkeit erregte
und dann uns auf das angenehmste unterhielt."
Das Volk hatte sich nach und nach verlaufen, und der Platz war leer
geworden, indes Philine und Laertes über die Gestalt und die
Geschicklichkeit Narzissens und Landrinettens in Streit gerieten und
sich wechselsweise neckten. Wilhelm sah das wunderbare Kind auf der
Straße bei andern spielenden Kindern stehen, machte Philinen darauf
aufmerksam, die sogleich nach ihrer lebhaften Art dem Kinde rief und
winkte und, da es nicht kommen wollte, singend die Treppe
hinunterklapperte und es heraufführte.
II. Buch, 4. Kapitel--2
"Hier ist das Rätsel", rief sie, als sie das Kind zur Türe hereinzog.
Es blieb am Eingange stehen, eben als wenn es gleich wieder
hinausschlüpfen wollte, legte die rechte Hand vor die Brust, die linke
vor die Stirn und bückte sich tief. "Fürchte dich nicht, liebe
Kleine", sagte Wilhelm, indem er auf sie losging. Sie sah ihn mit
unsicheren Blick an und trat einige Schritte näher.
"Wie nennest du dich?" fragte er. "Sie heißen mich Mignon."--"Wieviel
Jahre hast du?"--"Es hat sie niemand gezählt."--"Wer war dein
Vater?"--"Der große Teufel ist tot."
"Nun, das ist wunderlich genug!" rief Philine aus. Man fragte sie
noch einiges; sie brachte ihre Antworten in einem gebrochenen Deutsch
und mit einer sonderbar feierlichen Art vor; dabei legte sie jedesmal
die Hände an Brust und Haupt und neigte sich tief.
Wilhelm konnte sie nicht genug ansehen. Seine Augen und sein Herz
wurden unwiderstehlich von dem geheimnisvollen Zustande dieses Wesens
angezogen. Er schätzte sie zwölf bis dreizehn Jahre; ihr Körper war
gut gebaut, nur daß ihre Glieder einen stärkern Wuchs versprachen oder
einen zurückgehaltenen ankündigten. Ihre Bildung war nicht regelmäßig,
aber auffallend; ihre Stirne geheimnisvoll, ihre Nase außerordentlich
schön, und der Mund, ob er schon für ihr Alter zu sehr geschlossen
schien und sie manchmal mit den Lippen nach einer Seite zuckte, noch
immer treuherzig und reizend genug. Ihre bräunliche Gesichtsfarbe
konnte man durch die Schminke kaum erkennen. Diese Gestalt prägte
sich Wilhelmen sehr tief ein; er sah sie noch immer an, schwieg und
vergaß der Gegenwärtigen über seinen Betrachtungen. Philine weckte
ihn aus seinem Halbtraume, indem sie dem Kinde etwas übriggebliebenes
Zuckerwerk reichte und ihm ein Zeichen gab, sich zu entfernen. Es
machte seinen Bückling wie oben und fuhr blitzschnell zur Türe hinaus.
Als die Zeit nunmehr herbeikam, daß unsre neuen Bekannten sich für
diesen Abend trennen sollten, redeten sie vorher noch eine
Spazierfahrt auf den morgenden Tag ab. Sie wollten abermals an einem
andern Orte, auf einem benachbarten Jägerhause, ihr Mittagsmahl
einnehmen. Wilhelm sprach diesen Abend noch manches zu Philinens Lobe,
worauf Laertes nur kurz und leichtsinnig antwortete.
Den andern Morgen, als sie sich abermals eine Stunde im Fechten geübt
hatten, gingen sie nach Philinens Gasthofe, vor welchem sie die
bestellte Kutsche schon hatten anfahren sehen. Aber wie verwundert
war Wilhelm, als die Kutsche verschwunden, und wie noch mehr, als
Philine nicht zu Hause anzutreffen war. Sie hatte sich, so erzählte
man, mit ein paar Fremden, die diesen Morgen angekommen waren, in den
Wagen gesetzt und war mit ihnen davongefahren. Unser Freund, der sich
in ihrer Gesellschaft eine angenehme Unterhaltung versprochen hatte,
konnte seinen Verdruß nicht verbergen. Dagegen lachte Laertes und
rief: "So gefällt sie mir! Das sieht ihr ganz ähnlich! Lassen Sie
uns nur gerade nach dem Jagdhause gehen; sie mag sein, wo sie will,
wir wollen ihretwegen unsere Promenade nicht versäumen."
Als Wilhelm unterwegs diese Inkonsequenz des Betragens zu tadeln
fortfuhr, sagte Laertes: "Ich kann nicht inkonsequent finden, wenn
jemand seinem Charakter treu bleibt. Wenn sie sich etwas vornimmt
oder jemanden etwas verspricht, so geschieht es nur unter der
stillschweigenden Bedingung, daß es ihr auch bequem sein werde, den
Vorsatz auszuführen oder ihr Versprechen zu halten. Sie verschenkt
gern, aber man muß immer bereit sein, ihr das Geschenkte wiederzugeben."
"Dies ist ein seltsamer Charakter", versetzte Wilhelm.
"Nichts weniger als seltsam, nur daß sie keine Heuchlerin ist. Ich
liebe sie deswegen, ja ich bin ihr Freund, weil sie mir das Geschlecht
so rein darstellt, das ich zu hassen so viel Ursache habe. Sie ist
mir die wahre Eva, die Stammutter des weiblichen Geschlechts; so sind
alle, nur wollen sie es nicht Wort haben."
Unter mancherlei Gesprächen, in welchen Laertes seinen Haß gegen das
weibliche Geschlecht sehr lebhaft ausdrückte, ohne jedoch die Ursache
davon anzugeben, waren sie in den Wald gekommen, in welchen Wilhelm
sehr verstimmt eintrat, weil die äußerungen des Laertes ihm die
Erinnerung an sein Verhältnis zu Marianen wieder lebendig gemacht
hatten. Sie fanden nicht weit von einer beschatteten Quelle unter
herrlichen alten Bäumen Philinen allein an einem steinernen Tische
sitzen. Sie sang ihnen ein lustiges Liedchen entgegen, und als
Laertes nach ihrer Gesellschaft fragte, rief sie aus: "Ich habe sie
schön angeführt; ich habe sie zum besten gehabt, wie sie es verdienten.
Schon unterwegs setzte ich ihre Freigebigkeit auf die Probe, und da
ich bemerkte, daß sie von den kargen Näschern waren, nahm ich mir
gleich vor, sie zu bestrafen. Nach unsrer Ankunft fragten sie den
Kellner, was zu haben sei, der mit der gewöhnlichen Geläufigkeit
seiner Zunge alles, was da war, und mehr als da war, hererzählte. Ich
sah ihre Verlegenheit, sie blickten einander an, stotterten und
fragten nach dem Preise; "Was bedenken Sie sich lange", rief ich aus,
"die Tafel ist das Geschäft eines Frauenzimmers, lassen Sie mich dafür
sorgen." Ich fing darauf an, ein unsinniges Mittagmahl zu bestellen,
wozu noch manches durch Boten aus der Nachbarschaft geholt werden
sollte. Der Kellner, den ich durch ein paar schiefe Mäuler zum
Vertrauten gemacht hatte, half mir endlich, und so haben wir sie durch
die Vorstellung eines herrlichen Gastmahls dergestalt geängstigt, daß
sie sich kurz und gut zu einem Spaziergange in den Wald entschlossen,
von dem sie wohl schwerlich zurückkommen werden. Ich habe eine
Viertelstunde auf meine eigene Hand gelacht und werde lachen, sooft
ich an die Gesichter denke." Bei Tische erinnerte sich Laertes an
ähnliche Fälle; sie kamen in den Gang, lustige Geschichten,
Mißverständnisse und Prellereien zu erzählen.
Ein junger Mann von ihrer Bekanntschaft aus der Stadt kam mit einem
Buche durch den Wald geschlichen, setzte sich zu ihnen und rühmte den
schönen Platz. Er machte sie auf das Rieseln der Quelle, auf die
Bewegung der Zweige, auf die einfallenden Lichter und auf den Gesang
der Vögel aufmerksam. Philine sang ein Liedchen vom Kuckuck, welches
dem Ankömmling nicht zu behagen schien; er empfahl sich bald.
"Wenn ich nur nichts mehr von Natur und Naturszenen hören sollte",
rief Philine aus, als er weg war; "es ist nichts unerträglicher, als
sich das Vergnügen vorrechnen zu lassen, das man genießt. Wenn schön
Wetter ist, geht man spazieren, wie man tanzt wenn aufgespielt wird.
Wer mag aber nur einen Augenblick an die Musik, wer ans schöne Wetter
denken? Der Tänzer interessiert uns, nicht die Violine, und in ein
Paar schöne schwarze Augen zu sehen, tut einem Paar blauen Augen gar
zu wohl. Was sollen dagegen Quellen und Brunnen und alte, morsche
Linden!" Sie sah, indem sie so sprach, Wilhelmen, der ihr gegenüber
saß, mit einem Blick in die Augen, dem er nicht wehren konnte,
wenigstens bis an die Türe seines Herzens vorzudringen.
"Sie haben recht", versetzte er mit einiger Verlegenheit, "der Mensch
ist dem Menschen das Interessanteste und sollte ihn vielleicht ganz
allein interessieren. Alles andere, was uns umgibt, ist entweder nur
Element, in dem wir leben, oder Werkzeug, dessen wir uns bedienen. Je
mehr wir uns dabei aufhalten, je mehr wir darauf merken und teil daran
nehmen, desto schwächer wird das Gefühl unsers eignen Wertes und das
Gefühl der Gesellschaft. Die Menschen, die einen großen Wert auf
Gärten, Gebäude, Kleider, Schmuck oder irgend ein Besitztum legen,
sind weniger gesellig und gefällig; sie verlieren die Menschen aus den
Augen, welche zu erfreuen und zu versammeln nur sehr wenigen glückt.
Sehn wir es nicht auch auf dem Theater? Ein guter Schauspieler macht
uns bald eine elende, unschickliche Dekoration vergessen, dahingegen
das schönste Theater den Mangel an guten Schauspielern erst recht
fühlbar macht."
Nach Tische setzte Philine sich in das beschattete hohe Gras. Ihre
beiden Freunde mußten ihr Blumen in Menge herbeischaffen. Sie wand
sich einen vollen Kranz und setzte ihn auf; sie sah unglaublich
reizend aus. Die Blumen reichten noch zu einem andern hin; auch den
flocht sie, indem sich beide Männer neben sie setzten. Als er unter
allerlei Scherz und Anspielungen fertig geworden war, drückte sie ihn
Wilhelmen mit der größten Anmut aufs Haupt und rückte ihn mehr als
einmal anders, bis er recht zu sitzen schien. "Und ich werde, wie es
scheint, leer ausgehen", sagte Laertes.
"Mitnichten", versetzte Philine. "Ihr sollt Euch keinesweges beklagen."
Sie nahm ihren Kranz vom Haupte und setzte ihn Laertes auf.
"Wären wir Nebenbuhler", sagte dieser, "so würden wir sehr heftig
streiten können, welchen von beiden du am meisten begünstigst."
"Da wärt ihr rechte Toren", versetzte sie, indem sie sich zu ihm
hinüberbog und ihm den Mund zum Kuß reichte, sich aber sogleich
umwendete, ihren Arm um Wilhelmen schlang und einen lebhaften Kuß auf
seine Lippen drückte. "Welcher schmeckt am besten?" fragte sie
neckisch.
"Wunderlich!" rief Laertes. "Es scheint, als wenn so etwas niemals
nach Wermut schmecken könne."
"Sowenig", sagte Philine, "als irgend eine Gabe, die jemand ohne Neid
und Eigensinn genießt. Nun hätte ich", rief sie aus, "noch Lust, eine
Stunde zu tanzen, und dann müssen wir wohl wieder nach unsern
Springern sehen."
Man ging nach dem Hause und fand Musik daselbst. Philine, die eine
gute Tänzerin war, belebte ihre beiden Gesellschafter. Wilhelm war
nicht ungeschickt, allein es fehlte ihm an einer künstlichen übung.
Seine beiden Freunde nahmen sich vor, ihn zu unterrichten.
Man verspätete sich. Die Seiltänzer hatten ihre Künste schon zu
produzieren angefangen. Auf dem Platze hatten sich viele Zuschauer
eingefunden, doch war unsern Freunden, als sie ausstiegen, ein
Getümmel merkwürdig, das eine große Anzahl Menschen nach dem Tore des
Gasthofes, in welchem Wilhelm eingekehrt war, hingezogen hatte.
Wilhelm sprang hinüber, um zu sehen, was es sei, und mit Entsetzen
erblickte er, als er sich durchs Volk drängte, den Herrn der
Seiltänzergesellschaft, der das interessante Kind bei den Haaren aus
dem Hause zu schleppen bemüht war und mit einem Peitschenstiel
unbarmherzig auf den kleinen Körper losschlug.
Wilhelm fuhr wie ein Blitz auf den Mann zu und faßte ihn bei der Brust.
"Laß das Kind los!" schrie er wie ein Rasender, "Oder einer von uns
bleibt hier auf der Stelle." Er faßte zugleich den Kerl mit einer
Gewalt, die nur der Zorn geben kann, bei der Kehle, daß dieser zu
ersticken glaubte, das Kind losließ und sich gegen den Angreifenden zu
verteidigen suchte. Einige Leute, die mit dem Kinde Mitleiden fühlten,
aber Streit anzufangen nicht gewagt hatten, fielen dem Seiltänzer
sogleich in die Arme, entwaffneten ihn und drohten ihm mit vielen
Schimpfreden. Dieser, der sich jetzt nur auf die Waffen seines Mundes
reduziert sah, fing gräßlich zu drohen und zu fluchen an: die faule,
unnütze Kreatur wolle ihre Schuldigkeit nicht tun; sie verweigere, den
Eiertanz zu tanzen, den er dem Publiko versprochen habe; er wolle sie
totschlagen, und es solle ihn niemand daran hindern. Er suchte sich
loszumachen, um das Kind, das sich unter der Menge verkrochen hatte,
aufzusuchen. Wilhelm hielt ihn zurück und rief: "Du sollst nicht eher
dieses Geschöpf weder sehen noch berühren, bis du vor Gericht
Rechenschaft gibst, wo du es gestohlen hast; ich werde dich aufs
äußerste treiben; du sollst mir nicht entgehen." Diese Rede, welche
Wilhelm in der Hitze, ohne Gedanken und Absicht, aus einem dunklen
Gefühl oder, wenn man will, aus Inspiration ausgesprochen hatte,
brachte den wütenden Menschen auf einmal zur Ruhe. Er rief: "Was hab
ich mit der unnützen Kreatur zu schaffen! Zahlen Sie mir, was mich
ihre Kleider kosten, und Sie mögen sie behalten; wir wollen diesen
Abend noch einig werden." Er eilte darauf, die unterbrochene
Vorstellung fortzusetzen und die Unruhe des Publikums durch einige
bedeutende Kunststücke zu befriedigen.
Wilhelm suchte nunmehr, da es stille geworden war, nach dem Kinde, das
sich aber nirgends fand. Einige wollten es auf dem Boden, andere auf
den Dächern der benachbarten Häuser gesehen haben. Nachdem man es
allerorten gesucht hatte, mußte man sich beruhigen und abwarten, ob es
nicht von selbst wieder herbeikommen wolle.
Indes war Narziß nach Hause gekommen, welchen Wilhelm über die
Schicksale und die Herkunft des Kindes befragte. Dieser wußte nichts
davon, denn er war nicht lange bei der Gesellschaft, erzählte dagegen
mit großer Leichtigkeit und vielem Leichtsinne seine eigenen
Schicksale. Als ihm Wilhelm zu dem großen Beifall Glück wünschte,
dessen er sich zu erfreuen hatte, äußerte er sich sehr gleichgültig
darüber. "Wir sind gewohnt" sagte er, "daß man über uns lacht und
unsre Künste bewundert; aber wir werden durch den außerordentlichen
Beifall um nichts gebessert. Der Entrepreneur zahlt uns und mag sehen,
wie er zurechtekömmt." Er beurlaubte sich darauf und wollte sich
eilig entfernen.
Auf die Frage, wo er so schnell hinwolle, lächelte der junge Mensch
und gestand, daß seine Figur und Talente ihm einen solidern Beifall
zugezogen, als der des großen Publikums sei. Er habe von einigen
Frauenzimmern Botschaft erhalten, die sehr eifrig verlangten, ihn
näher kennenzulernen, und er fürchte, mit den Besuchen, die er
abzulegen habe, vor Mitternacht kaum fertig zu werden. Er fuhr fort,
mit der größten Aufrichtigkeit seine Abenteuer zu erzählen, und hätte
die Namen, Straßen und Häuser angezeigt, wenn nicht Wilhelm eine
solche Indiskretion abgelehnt und ihn höflich entlassen hätte.
Laertes hatte indessen Landrinetten unterhalten und versicherte, sie
sei vollkommen würdig, ein Weib zu sein und zu bleiben.
Nun ging die Unterhandlung mit dem Entrepreneur wegen des Kindes an,
das unserm Freunde für dreißig Taler überlassen wurde, gegen welche
der schwarzbärtige, heftige Italiener seine Ansprüche völlig abtrat,
von der Herkunft des Kindes aber weiter nichts bekennen wollte, als
daß er solches nach dem Tode seines Bruders, den man wegen seiner
außerordentlichen Geschicklichkeit den großen Teufel genannt, zu sich
genommen habe.
Der andere Morgen ging meist mit Aufsuchen des Kindes hin. Vergebens
durchkroch man alle Winkel des Hauses und der Nachbarschaft; es war
verschwunden, und man fürchtete, es möchte in ein Wasser gesprungen
sein oder sich sonst ein Leids angetan haben.
Philinens Reize konnten die Unruhe unsers Freundes nicht ableiten. Er
brachte einen traurigen, nachdenklichen Tag zu. Auch des Abends, da
Springer und Tänzer alle ihre Kräfte aufboten, um sich dem Publiko
aufs beste zu empfehlen, konnte sein Gemüt nicht erheitert und
zerstreut werden.
Durch den Zulauf aus benachbarten Ortschaften hatte die Anzahl der
Menschen außerordentlich zugenommen, und so wälzte sich auch der
Schneeball des Beifalls zu einer ungeheuren Größe. Der Sprung über
die Degen und durch das Faß mit papiernen Böden machte eine große
Sensation. Der starke Mann ließ zum allgemeinen Grausen, Entsetzen
und Erstaunen, indem er sich mit dem Kopf und den Füßen auf ein Paar
auseinandergeschobene Stühle legte, auf seinen hohlschwebenden Leib
einen Amboß heben und auf demselben von einigen wackern
Schmiedegesellen ein Hufeisen fertig schmieden.
Auch war die sogenannte Herkulesstärke, da eine Reihe Männer, auf den
Schultern einer ersten Reihe stehend, abermals Frauen und Jünglinge
trägt, so daß zuletzt eine lebendige Pyramide entsteht, deren Spitze
ein Kind, auf den Kopf gestellt, als Knopf und Wetterfahne ziert, in
diesen Gegenden noch nie gesehen worden und endigte würdig das ganze
Schauspiel. Narziß und Landrinette ließen sich in Tragsesseln auf den
Schultern der übrigen durch die vornehmsten Straßen der Stadt unter
lautem Freudengeschrei des Volks tragen. Man warf ihnen Bänder,
Blumensträuße und seidene Tücher zu und drängte sich, sie ins Gesicht
zu fassen. Jedermann schien glücklich zu sein, sie anzusehn und von
ihnen eines Blicks gewürdigt zu werden.
"Welcher Schauspieler, welcher Schriftsteller, ja welcher Mensch
überhaupt würde sich nicht auf dem Gipfel seiner Wünsche sehen, wenn
er durch irgendein edles Wort oder eine gute Tat einen so allgemeinen
Eindruck hervorbrächte? Welche köstliche Empfindung müßte es sein,
wenn man gute, edle, der Menschheit würdige Gefühle ebenso schnell
durch einen elektrischen Schlag ausbreiten, ein solches Entzücken
unter dem Volke erregen könnte, als diese Leute durch ihre körperliche
Geschicklichkeit getan haben; wenn man der Menge das Mitgefühl alles
Menschlichen geben, wenn man sie mit der Vorstellung des Glücks und
Unglücks, der Weisheit und Torheit, ja des Unsinns und der Albernheit
entzünden, erschüttern und ihr stockendes Innere in freie, lebhafte
und reine Bewegung setzen könntet" So sprach unser Freund, und da
weder Philine noch Laertes gestimmt schienen, einen solchen Diskurs
fortzusetzen, unterhielt er sich allein mit diesen
Lieblingsbetrachtungen, als er bis spät in die Nacht um die Stadt
spazierte und seinen alten Wunsch, das Gute, Edle, Große durch das
Schauspiel zu versinnlichen, wieder einmal mit aller Lebhaftigkeit und
aller Freiheit einer losgebundenen Einbildungskraft verfolgte.
II. Buch, 5. Kapitel
Fünftes Kapitel
Des andern Tages, als die Seiltänzer mit großem Geräusch abgezogen
waren, fand sich Mignon sogleich wieder ein und trat hinzu, als
Wilhelm und Laertes ihre Fechtübungen auf dem Saale fortsetzten. "Wo
hast du gesteckt?" fragte Wilhelm freundlich, "du hast uns viel Sorge
gemacht." Das Kind antwortete nichts und sah ihn an. "Du bist nun
unser", rief Laertes, "wir haben dich gekauft"--"Was hast du bezahlt?"
fragte das Kind ganz trocken. "Hundert Dukaten", versetzte Laertes;
"wenn du sie wiedergibst, kannst du frei sein."--"Das ist wohl viel?"
fragte das Kind. "O ja, du magst dich nur gut aufführen."--"Ich will
dienen", versetzte sie.
Von dem Augenblicke an merkte sie genau, was der Kellner den beiden
Freunden für Dienste zu leisten hatte, und litt schon des andern Tages
nicht mehr, daß er ins Zimmer kam. Sie wollte alles selbst tun und
machte auch ihre Geschäfte, zwar langsam und mitunter unbehülflich,
doch genau und mit großer Sorgfalt.
Sie stellte sich oft an ein Gefäß mit Wasser und wusch ihr Gesicht mit
so großer Emsigkeit und Heftigkeit, daß sie sich fast die Backen
aufrieb, bis Laertes durch Fragen und Necken erfuhr, daß sie die
Schminke von ihren Wangen auf alle Weise loszuwerden suche und über
dem Eifer, womit sie es tat, die Röte, die sie durchs Reiben
hervorgebracht hatte, für die hartnäckigste Schminke halte. Man
bedeutete sie, und sie ließ ab, und nachdem sie wieder zur Ruhe
gekommen war, zeigte sich eine schöne braune, obgleich nur von wenigem
Rot erhöhte Gesichtsfarbe.
Durch die frevelhaften Reize Philinens, durch die geheimnisvolle
Gegenwart des Kindes mehr, als er sich selbst gestehen durfte,
unterhalten, brachte Wilhelm verschiedene Tage in dieser sonderbaren
Gesellschaft zu und rechtfertigte sich bei sich selbst durch eine
fleißige übung in der Fecht- und Tanzkunst, wozu er so leicht nicht
wieder Gelegenheit zu finden glaubte.
Nicht wenig verwundert und gewissermaßen erfreut war er, als er eines
Tages Herrn und Frau Melina ankommen sah, welche gleich nach dem
ersten frohen Gruße sich nach der Direktrice und den übrigen
Schauspielern erkundigten und mit großem Schrecken vernahmen, daß jene
sich schon lange entfernt habe und diese bis auf wenige zerstreut
seien.
Das junge Paar hatte sich nach ihrer Verbindung, zu der, wie wir
wissen, Wilhelm behilflich gewesen, an einigen Orten nach Engagement
umgesehen, keines gefunden und war endlich in dieses Städtchen
gewiesen worden, wo einige Personen, die ihnen unterwegs begegneten,
ein gutes Theater gesehen haben wollten.
Philinen wollte Madame Melina, und Herr Melina dem lebhaften Laertes,
als sie Bekanntschaft machten, keinesweges gefallen. Sie wünschten
die neuen Ankömmlinge gleich wieder los zu sein, und Wilhelm konnte
ihnen keine günstigen Gesinnungen beibringen, ob er ihnen gleich
wiederholt versicherte, daß es recht gute Leute seien.
Eigentlich war auch das bisherige lustige Leben unsrer drei Abenteurer
durch die Erweiterung der Gesellschaft auf mehr als eine Weise gestört;
denn Melina fing im Wirtshause (er hatte in ebendemselben, in welchem
Philine wohnte, Platz gefunden) gleich zu markten und zu quengeln an.
Er wollte für weniges Geld besseres Quartier, reichlichere Mahlzeit
und promptere Bedienung haben. In kurzer Zeit machten Wirt und
Kellner verdrießliche Gesichter, und wenn die andern, um froh zu leben,
sich alles gefallen ließen und nur geschwind bezahlten, um nicht
länger an das zu denken, was schon verzehrt war, so mußte die Mahlzeit,
die Melina regelmäßig sogleich berichtigte, jederzeit von vorn wieder
durchgenommen werden, so daß Philine ihn ohne Umstände ein
wiederkäuendes Tier nannte.
Noch verhaßter war Madame Melina dem lustigen Mädchen. Diese junge
Frau war nicht ohne Bildung, doch fehlte es ihr gänzlich an Geist und
Seele. Sie deklamierte nicht übel und wollte immer deklamieren;
allein man merkte bald, daß es nur eine Wortdeklamation war, die auf
einzelnen Stellen lastete und die Empfindung des Ganzen nicht
ausdrückte. Bei diesem allen war sie nicht leicht jemanden, besonders
Männern, unangenehm. Vielmehr schrieben ihr diejenigen, die mit ihr
umgingen, gewöhnlich einen schönen Verstand zu: denn sie war, was ich
mit einem Worte eine Anempfinderin nennen möchte; sie wußte einem
Freunde, um dessen Achtung ihr zu tun war, mit einer besondern
Aufmerksamkeit zu schmeicheln, in seine Ideen so lange als möglich
einzugehen, sobald sie aber ganz über ihren Horizont waren, mit
Ekstase eine solche neue Erscheinung aufzunehmen. Sie verstand zu
sprechen und zu schweigen und, ob sie gleich kein tückisches Gemüt
hatte, mit großer Vorsicht aufzupassen, wo des andern schwache Seite
sein möchte.
II. Buch, 6. Kapitel
Sechstes Kapitel
Melina hatte sich indessen nach den Trümmern der vorigen Direktion
genau erkundigt. Sowohl Dekorationen als Garderobe waren an einige
Handelsleute versetzt, und ein Notarius hatte den Auftrag von der
Direktrice erhalten, unter gewissen Bedingungen, wenn sich Liebhaber
fänden, in den Verkauf aus freier Hand zu willigen. Melina wollte die
Sachen besehen und zog Wilhelmen mit sich. Dieser empfand, als man
ihnen die Zimmer eröffnete, eine gewisse Neigung dazu, die er sich
jedoch selbst nicht gestand. In so einem schlechten Zustande auch die
geklecksten Dekorationen waren, so wenig scheinbar auch türkische und
heidnische Kleider, alte Karikaturröcke für Männer und Frauen, Kutten
für Zauberer, Juden und Pfaffen sein mochten, so konnt er sich doch
der Empfindung nicht erwehren, daß er die glücklichsten Augenblicke
seines Lebens in der Nähe eines ähnlichen Trödelkrams gefunden hatte.
Hätte Melina in sein Herz sehen können, so würde er ihm eifriger
zugesetzt haben, eine Summe Geldes auf die Befreiung, Aufstellung und
neue Belebung dieser zerstreuten Glieder zu einem schönen Ganzen
herzugeben. "Welch ein glücklicher Mensch", rief Melina aus, "könnte
ich sein, wenn ich nur zweihundert Taler besäße, um zum Anfange den
Besitz dieser ersten theatralischen Bedürfnisse zu erlangen. Wie bald
wollt ich ein kleines Schauspiel beisammen haben, das uns in dieser
Stadt, in dieser Gegend gewiß sogleich ernähren sollte." Wilhelm
schwieg, und beide verließen nachdenklich die wieder eingesperrten
Schätze.
Melina hatte von dieser Zeit an keinen andern Diskurs als Projekte und
Vorschläge, wie man ein Theater einrichten und dabei seinen Vorteil
finden könnte. Er suchte Philinen und Laertes zu interessieren, und
man tat Wilhelmen Vorschläge, Geld herzuschießen und Sicherheit
dagegen anzunehmen. Diesem fiel aber erst bei dieser Gelegenheit
recht auf, daß er hier so lange nicht hätte verweilen sollen; er
entschuldigte sich und wollte Anstalten machen, seine Reise
fortzusetzen.
Indessen war ihm Mignons Gestalt und Wesen immer reizender geworden.
In alle seinem Tun und Lassen hatte das Kind etwas Sonderbares. Es
ging die Treppe weder auf noch ab, sondern sprang; es stieg auf den
Geländern der Gänge weg, und eh man sich's versah, saß es oben auf dem
Schranke und blieb eine Weile ruhig. Auch hatte Wilhelm bemerkt, daß
es für jeden eine besondere Art von Gruß hatte. Ihn grüßte sie seit
einiger Zeit mit über die Brust geschlagenen Armen. Manche Tage war
sie ganz stumm, zuzeiten antwortete sie mehr auf verschiedene Fragen,
immer sonderbar, doch so, daß man nicht unterscheiden konnte, ob es
Witz oder Unkenntnis der Sprache war, indem sie ein gebrochnes, mit
Französisch und Italienisch durchflochtenes Deutsch sprach. In seinem
Dienste war das Kind unermüdet und früh mit der Sonne auf; es verlor
sich dagegen abends zeitig, schlief in einer Kammer auf der nackten
Erde und war durch nichts zu bewegen, ein Bette oder einen Strohsack
anzunehmen. Er fand sie oft, daß sie sich wusch. Auch ihre Kleider
waren reinlich, obgleich alles fast doppelt und dreifach an ihr
geflickt war. Man sagte Wilhelmen auch, daß sie alle Morgen ganz früh
in die Messe gehe, wohin er ihr einmal folgte und sie in der Ecke der
Kirche mit dem Rosenkranze knien und andächtig beten sah. Sie
bemerkte ihn nicht, er ging nach Hause, machte sich vielerlei Gedanken
über diese Gestalt und konnte sich bei ihr nichts Bestimmtes denken.
Neues Andringen Melinas um eine Summe Geldes zur Auslösung der mehr
erwähnten Theatergerätschaften bestimmte Wilhelmen noch mehr, an seine
Abreise zu denken. Er wollte den Seinigen, die lange nichts von ihm
gehört hatten, noch mit dem heutigen Posttage schreiben; er fing auch
wirklich einen Brief an Wernern an und war mit Erzählung seiner
Abenteuer, wobei er, ohne es selbst zu bemerken, sich mehrmal von der
Wahrheit entfernt hatte, schon ziemlich weit gekommen, als er zu
seinem Verdruß auf der hintern Seite des Briefblatts schon einige
Verse geschrieben fand, die er für Madame Melina aus seiner
Schreibtafel zu kopieren angefangen hatte. Unwillig zerriß er das
Blatt und verschob die Wiederholung seines Bekenntnisses auf den
nächsten Posttag.
II. Buch, 7. Kapitel
Siebentes Kapitel
Unsre Gesellschaft befand sich abermals beisammen, und Philine, die
auf jedes Pferd, das vorbeikam, auf jeden Wagen, der anfuhr, äußerst
aufmerksam war, rief mit großer Lebhaftigkeit: "Unser Pedant! Da
kommt unser allerliebster Pedant! Wen mag er bei sich haben?" Sie
rief und winkte zum Fenster hinaus, und der Wagen hielt stille.
Ein kümmerlich armer Teufel, den man an seinem verschabten,
graulich-braunen Rocke und an seinen übelkonditionierten Unterkleidern
für einen Magister, wie sie auf Akademien zu vermodern pflegen, hätte
halten sollen, stieg aus dem Wagen und entblößte, indem er, Philinen
zu grüßen, den Hut abtat, eine übelgepuderte, aber übrigens sehr
steife Perücke, und Philine warf ihm hundert Kußhände zu.
So wie sie ihre Glückseligkeit fand, einen Teil der Männer zu lieben
und ihre Liebe zu genießen, so war das Vergnügen nicht viel geringer,
das sie sich sooft als möglich gab, die übrigen, die sie eben in
diesem Augenblicke nicht liebte, auf eine sehr leichtfertige Weise zum
besten zu haben.
über den Lärm, womit sie diesen alten Freund empfing, vergaß man, auf
die übrigen zu achten, die ihm nachfolgten. Doch glaubte Wilhelm die
zwei Frauenzimmer und einen ältlichen Mann, der mit ihnen hereintrat,
zu kennen. Auch entdeckte sich's bald, daß er sie alle drei vor
einigen Jahren bei der Gesellschaft, die in seiner Vaterstadt spielte,
mehrmals gesehen hatte. Die Töchter waren seit der Zeit
herangewachsen; der Alte aber hatte sich wenig verändert. Dieser
spielte gewöhnlich die gutmütigen, polternden Alten, wovon das
deutsche Theater nicht leer wird und die man auch im gemeinen Leben
nicht selten antrifft. Denn da es der Charakter unsrer Landsleute ist,
das Gute ohne viel Prunk zu tun und zu leisten, so denken sie selten
daran, daß es auch eine Art gebe, das Rechte mit Zierlichkeit und
Anmut zu tun, und verfallen vielmehr, von einem Geiste des
Widerspruchs getrieben, leicht in den Fehler, durch ein mürrisches
Wesen ihre liebste Tugend im Kontraste darzustellen.
Solche Rollen spielte unser Schauspieler sehr gut, und er spielte sie
so oft und ausschließlich, daß er darüber eine ähnliche Art sich zu
betragen im gemeinen Leben angenommen hatte.
Wilhelm geriet in große Bewegung, sobald er ihn erkannte; denn er
erinnerte sich, wie oft er diesen Mann neben seiner geliebten Mariane
auf dem Theater gesehen hatte; er hörte ihn noch schelten, er hörte
ihre schmeichelnde Stimme, mit der sie seinem rauhen Wesen in manchen
Rollen zu begegnen hatte.
Die erste lebhafte Frage an die neuen Ankömmlinge, ob ein Unterkommen
auswärts zu finden und zu hoffen sei, ward leider mit Nein beantwortet,
und man mußte vernehmen, daß die Gesellschaften, bei denen man sich
erkundigt, besetzt und einige davon sogar in Sorgen seien, wegen des
bevorstehenden Krieges auseinandergehen zu müssen. Der polternde Alte
hatte mit seinen Töchtern aus Verdruß und Liebe zur Abwechselung ein
vorteilhaftes Engagement aufgegeben, hatte mit dem Pedanten, den er
unterwegs antraf, einen Wagen gemietet, um hieherzukommen, wo denn
auch, wie sie fanden, guter Rat teuer war.
Die Zeit, in welcher sich die übrigen über ihre Angelegenheiten sehr
lebhaft unterhielten, brachte Wilhelm nachdenklich zu. Er wünschte
den Alten allein zu sprechen, wünschte und fürchtete, von Marianen zu
hören, und befand sich in der größten Unruhe.
Die Artigkeiten der neuangekommenen Frauenzimmer konnten ihn nicht aus
seinem Traume reißen; aber ein Wortwechsel, der sich erhub, machte ihn
aufmerksam. Es war Friedrich, der blonde Knabe, der Philinen
aufzuwerten pflegte, sich aber diesmal lebhaft widersetzte, als er den
Tisch decken und Essen herbeischaffen sollte. "Ich habe mich
verpflichtet", rief er aus, "Ihnen zu dienen, aber nicht, allen
Menschen aufzuwarten." Sie gerieten darüber in einen heftigen Streit.
Philine bestand darauf, er habe seine Schuldigkeit zu tun, und als er
sich hartnäckig widersetzte, sagte sie ihm ohne Umstände, er könnte
gehn, wohin er wolle.
"Glauben Sie etwa, daß ich mich nicht von Ihnen entfernen könne?" rief
er aus, ging trotzig weg, machte seinen Bündel zusammen und eilte
sogleich zum Hause hinaus. "Geh, Mignon", sagte Philine, "und schaff
uns, was wir brauchen; sag es dem Kellner, und hilf aufwarten!"
Mignon trat vor Wilhelm hin und fragte in ihrer lakonischen Art: "Soll
ich? darf ich?" Und Wilhelm versetzte: "Tu, mein Kind, was
Mademoiselle dir sagt."
Das Kind besorgte alles und wartete den ganzen Abend mit großer
Sorgfalt den Gästen auf. Nach Tische suchte Wilhelm mit dem Alten
einen Spaziergang allein zu machen: es gelang ihm, und nach mancherlei
Fragen, wie es ihm bisher gegangen, wendete sich das Gespräch auf die
ehemalige Gesellschaft, und Wilhelm wagte zuletzt, nach Marianen zu
fragen.
"Sagen Sie mir nichts von dem abscheulichen Geschöpf!" rief der Alte,
"ich habe verschworen, nicht mehr an sie zu denken." Wilhelm erschrak
über diese äußerung, war aber noch in größerer Verlegenheit, als der
Alte fortfuhr, auf ihre Leichtfertigkeit und Liederlichkeit zu
schmälen. Wie gern hätte unser Freund das Gespräch abgebrochen;
allein er mußte nun einmal die polternden Ergießungen des wunderlichen
Mannes aushalten.
"Ich schäme mich", fuhr dieser fort, "daß ich ihr so geneigt war.
Doch hätten Sie das Mädchen näher gekannt, Sie würden mich gewiß
entschuldigen. Sie war so artig, natürlich und gut, so gefällig und
in jedem Sinne leidlich. Nie hätt ich mir vorgestellt, daß Frechheit
und Undank die Hauptzüge ihres Charakters sein sollten."
Schon hatte sich Wilhelm gefaßt gemacht, das Schlimmste von ihr zu
hören, als er auf einmal mit Verwunderung bemerkte, daß der Ton des
Alten milder wurde, seine Rede endlich stockte und er ein Schnupftuch
aus der Tasche nahm, um die Tränen zu trocknen, die zuletzt seine Rede
unterbrachen.
"Was ist Ihnen?" rief Wilhelm aus. "Was gibt Ihren Empfindungen auf
einmal eine so entgegengesetzte Richtung? Verbergen Sie mir es nicht;
ich nehme an dem Schicksale dieses Mädchens mehr Anteil, als Sie
glauben; nur lassen Sie mich alles wissen."
"Ich habe wenig zu sagen", versetzte der Alte, indem er wieder in
seinen ernstlichen, verdrießlichen Ton überging, "ich werde es ihr nie
vergeben, was ich um sie geduldet habe. Sie hatte", fuhr er fort,
"immer ein gewisses Zutrauen zu mir; ich liebte sie wie meine Tochter
und hatte, da meine Frau noch lebte, den Entschluß gefaßt, sie zu mir
zu nehmen und sie aus den Händen der Alten zu retten, von deren
Anleitung ich mir nicht viel Gutes versprach. Meine Frau starb, das
Projekt zerschlug sich.
Gegen das Ende des Aufenthalts in Ihrer Vaterstadt, es sind nicht gar
drei Jahre, merkte ich ihr eine sichtbare Traurigkeit an; ich fragte
sie, aber sie wich aus. Endlich machten wir uns auf die Reise. Sie
fuhr mit mir in einem Wagen, und ich bemerkte, was sie mir auch bald
gestand, daß sie guter Hoffnung sei und in der größten Furcht schwebe,
von unserm Direktor verstoßen zu werden. Auch dauerte es nur kurze
Zeit, so machte er die Entdeckung, kündigte ihr den Kontrakt, der
ohnedies nur auf sechs Wochen stand, sogleich auf, zahlte, was sie zu
fordern hatte, und ließ sie, aller Vorstellungen ungeachtet, in einem
kleinen Städtchen, in einem schlechten Wirtshause zurück.
Der Henker hole alle liederlichen Dirnen!" rief der Alte mit Verdruß,
"und besonders diese, die mir so manche Stunde meines Lebens verdorben
hat. Was soll ich lange erzählen, wie ich mich ihrer angenommen, was
ich für sie getan, was ich an sie gehängt, wie ich auch in der
Abwesenheit für sie gesorgt habe. Ich wollte lieber mein Geld in den
Teich werfen und meine Zeit hinbringen, räudige Hunde zu erziehen, als
nur jemals wieder auf so ein Geschöpf die mindeste Aufmerksamkeit
wenden. Was war's? Im Anfang erhielt ich Danksagungsbriefe,
Nachricht von einigen Orten ihres Aufenthalts, und zuletzt kein Wort
mehr, nicht einmal Dank für das Geld, das ich ihr zu ihren Wochen
geschickt hatte. O die Verstellung und der Leichtsinn der Weiber ist
so recht zusammengepaart, um ihnen ein bequemes Leben und einem
ehrlichen Kerl manche verdrießliche Stunde zu schaffen!"
II. Buch, 8. Kapitel
Achtes Kapitel
Man denke sich Wilhelms Zustand, als er von dieser Unterredung nach
Hause kam. Alle seine alten Wunden waren wieder aufgerissen und das
Gefühl, daß sie seiner Liebe nicht ganz unwürdig gewesen, wieder
lebhaft geworden; denn in dem Interesse des Alten, in dem Lobe, das er
ihr wider Willen geben mußte, war unserm Freunde ihre ganze
Liebenswürdigkeit wieder erschienen; ja selbst die heftige Anklage des
leidenschaftlichen Mannes enthielt nichts, was sie vor Wilhelms Augen
hätte herabsetzen können. Denn dieser bekannte sich selbst als
Mitschuldigen ihrer Vergehungen, und ihr Schweigen zuletzt schien ihm
nicht tadelhaft; er machte sich vielmehr nur traurige Gedanken darüber,
sah sie als Wöchnerin, als Mutter in der Welt ohne Hülfe herumirren,
wahrscheinlich mit seinem eigenen Kinde herumirren; Vorstellungen,
welche das schmerzlichste Gefühl in ihm erregten.
Mignon hatte auf ihn gewartet und leuchtete ihm die Treppe hinauf.
Als sie das Licht niedergesetzt hatte, bat sie ihn zu erlauben, daß
sie ihm heute abend mit einem Kunststücke aufwarten dürfe. Er hätte
es lieber verbeten, besonders da er nicht wußte, was es werden sollte.
Allein er konnte diesem guten Geschöpfe nichts abschlagen. Nach
einer kurzen Zeit trat sie wieder herein. Sie trug einen Teppich
unter dem Arme, den sie auf der Erde ausbreitete. Wilhelm ließ sie
gewähren. Sie brachte darauf vier Lichter, stellte eins auf jeden
Zipfel des Teppichs. Ein Körbchen mit Eiern, das sie darauf holte,
machte die Absicht deutlicher. Künstlich abgemessen schritt sie
nunmehr auf dem Teppich hin und her und legte in gewissen Maßen die
Eier auseinander, dann rief sie einen Menschen herein, der im Hause
aufwartete und die Violine spielte. Er trat mit seinem Instrumente in
die Ecke; sie verband sich die Augen, gab das Zeichen und fing
zugleich mit der Musik, wie ein aufgezogenes Räderwerk, ihre
Bewegungen an, indem sie Takt und Melodie mit dem Schlage der
Kastagnetten begleitete.
Behende, leicht, rasch, genau führte sie den Tanz. Sie trat so scharf
und so sicher zwischen die Eier hinein, bei den Eiern nieder, daß man
jeden Augenblick dachte, sie müsse eins zertreten oder bei schnellen
Wendungen das andre fortschleudern. Mitnichten! Sie berührte keines,
ob sie gleich mit allen Arten von Schritten, engen und weiten, ja
sogar mit Sprüngen und zuletzt halb kniend sich durch die Reihen
durchwand.
Unaufhaltsam wie ein Uhrwerk lief sie ihren Weg, und die sonderbare
Musik gab dem immer wieder von vorne anfangenden und losrauschenden
Tanze bei jeder Wiederholung einen neuen Stoß. Wilhelm war von dem
sonderbaren Schauspiele ganz hingerissen; er vergaß seiner Sorgen,
folgte jeder Bewegung der geliebten Kreatur und war verwundert, wie in
diesem Tanze sich ihr Charakter vorzüglich entwickelte.
Streng, scharf, trocken, heftig und in sanften Stellungen mehr
feierlich als angenehm zeigte sie sich. Er empfand, was er schon für
Mignon gefühlt, in diesem Augenblicke auf einmal. Er sehnte sich,
dieses verlassene Wesen an Kindes Statt seinem Herzen einzuverleiben,
es in seine Arme zu nehmen und mit der Liebe eines Vaters Freude des
Lebens in ihm zu erwecken.
Der Tanz ging zu Ende; sie rollte die Eier mit den Füßen sachte
zusammen auf ein Häufchen, ließ keines zurück, beschädigte keines und
stellte sich dazu, indem sie die Binde von den Augen nahm und ihr
Kunststück mit einem Bücklinge endigte.
Wilhelm dankte ihr, daß sie ihm den Tanz, den er zu sehen gewünscht,
so artig und unvermutet vorgetragen habe. Er streichelte sie und
bedauerte, daß sie sich's habe so sauer werden lassen. Er versprach
ihr ein neues Kleid, worauf sie heftig antwortete: "Deine Farbe!"
Auch das versprach er ihr, ob er gleich nicht deutlich wußte, was sie
darunter meine. Sie nahm die Eier zusammen, den Teppich unter den Arm,
fragte, ob er noch etwas zu befehlen habe, und schwang sich zur Türe
hinaus.
Von dem Musikus erfuhr er, daß sie sich seit einiger Zeit viele Mühe
gegeben, ihm den Tanz, welches der bekannte Fandango war, so lange
vorzusingen, bis er ihn habe spielen können. Auch habe sie ihm für
seine Bemühungen etwas Geld angeboten, das er aber nicht nehmen wollen.
II. Buch, 9. Kapitel
Neuntes Kapitel
Nach einer unruhigen Nacht, die unser Freund teils wachend, teils von
schweren Träumen geängstigt zubrachte, in denen er Marianen bald in
aller Schönheit, bald in kümmerlicher Gestalt, jetzt mit einem Kinde
auf dem Arm, bald desselben beraubt sah, war der Morgen kaum
angebrochen, als Mignon schon mit einem Schneider hereintrat. Sie
brachte graues Tuch und blauen Taffet und erklärte nach ihrer Art, daß
sie ein neues Westchen und Schifferhosen, wie sie solche an den Knaben
in der Stadt gesehen, mit blauen Aufschlägen und Bändern haben wolle.
Wilhelm hatte seit dem Verlust Marianens alle muntern Farben abgelegt.
Er hatte sich an das Grau, an die Kleidung der Schatten, gewöhnt, und
nur etwa ein himmelblaues Futter oder ein kleiner Kragen von dieser
Farbe belebte einigermaßen jene stille Kleidung. Mignon, begierig,
seine Farbe zu tragen, trieb den Schneider, der in kurzem die Arbeit
zu liefern versprach.
Die Tanz- und Fechtstunden, die unser Freund heute mit Laertes nahm,
wollten nicht zum besten glücken. Auch wurden sie bald durch Melinas
Ankunft unterbrochen, der umständlich zeigte, wie jetzt eine kleine
Gesellschaft beisammen sei, mit welcher man schon Stücke genug
aufführen könne. Er erneuerte seinen Antrag, daß Wilhelm einiges Geld
zum Etablissement vorstrecken solle, wobei dieser abermals seine
Unentschlossenheit zeigte.
Philine und die Mädchen kamen bald hierauf mit Lachen und Lärmen
herein. Sie hatten sich abermals eine Spazierfahrt ausgedacht: denn
Veränderung des Orts und der Gegenstände war eine Lust, nach der sie
sich immer sehnten. Täglich an einem andern Orte zu essen war ihr
höchster Wunsch. Diesmal sollte es eine Wasserfahrt werden.
Das Schiff, womit sie die Krümmungen des angenehmen Flusses
hinunterfahren wollten, war schon durch den Pedanten bestellt.
Philine trieb, die Gesellschaft zauderte nicht und war bald
eingeschifft.
"Was fangen wir nun an?" sagte Philine, indem sich alle auf die Bänke
niedergelassen hatten.
"Das kürzeste wäre", versetzte Laertes, "wir extemporierten ein Stück.
Nehme jeder eine Rolle, die seinem Charakter am angemessensten ist,
und wir wollen sehen, wie es uns gelingt."
"Fürtrefflich!" sagte Wilhelm, "denn in einer Gesellschaft, in der man
sich nicht verstellt, in welcher jedes nur seinem Sinne folgt, kann
Anmut und Zufriedenheit nicht lange wohnen, und wo man sich immer
verstellt, dahin kommen sie gar nicht. Es ist also nicht übel getan,
wir geben uns die Verstellung gleich von Anfang zu und sind nachher
unter der Maske so aufrichtig, als wir wollen."
"Ja", sagte Laertes, "deswegen geht sich's so angenehm mit Weibern um,
die sich niemals in ihrer natürlichen Gestalt sehen lassen."
"Das macht", versetzte Madame Melina, "daß sie nicht so eitel sind wie
die Männer, welche sich einbilden, sie seien schon immer liebenswürdig
genug, wie sie die Natur hervorgebracht hat."
Indessen war man zwischen angenehmen Büschen und Hügeln, zwischen
Gärten und Weinbergen hingefahren, und die jungen Frauenzimmer,
besonders aber Madame Melina, drückten ihr Entzücken über die Gegend
aus. Letztre fing sogar an, ein artiges Gedicht von der
beschreibenden Gattung über eine ähnliche Naturszene feierlich
herzusagen; allein Philine unterbrach sie und schlug ein Gesetz vor,
daß sich niemand unterfangen solle, von einem unbelebten Gegenstande
zu sprechen; sie setzte vielmehr den Vorschlag zur extemporierten
Komödie mit Eifer durch. Der polternde Alte sollte einen
pensionierten Offizier, Laertes einen vazierenden Fechtmeister, der
Pedant einen Juden vorstellen, sie selbst wolle eine Tirolerin machen
und überließ den übrigen, sich ihre Rollen zu wählen. Man sollte
fingieren, als ob sie eine Gesellschaft weltfremder Menschen seien,
die soeben auf einem Marktschiffe zusammenkomme.
Sie fing sogleich mit dem Juden ihre Rolle zu spielen an, und eine
allgemeine Heiterkeit verbreitete sich.
Man war nicht lange gefahren, als der Schiffer stillehielt, um mit
Erlaubnis der Gesellschaft noch jemand einzunehmen, der am Ufer stand
und gewinkt hatte.
"Das ist eben noch, was wir brauchten", rief Philine, "ein blinder
Passagier fehlte noch der Reisegesellschaft."
Ein wohlgebildeter Mann stieg in das Schiff, den man an seiner
Kleidung und seiner ehrwürdigen Miene wohl für einen Geistlichen hätte
nehmen können. Er begrüßte die Gesellschaft, die ihm nach ihrer Weise
dankte und ihn bald mit ihrem Scherz bekannt machte. Er nahm darauf
die Rolle eines Landgeistlichen an, die er zur Verwunderung aller auf
das artigste durchsetzte, indem er bald ermahnte, bald Histörchen
erzählte, einige schwache Seiten blicken ließ und sich doch im Respekt
zu erhalten wußte.
Indessen hatte jeder, der nur ein einziges Mal aus seinem Charakter
herausgegangen war, ein Pfand geben müssen. Philine hatte sie mit
großer Sorgfalt gesammelt und besonders den geistlichen Herrn mit
vielen Küssen bei der künftigen Einlösung bedroht, ob er gleich selbst
nie in Strafe genommen ward. Melina dagegen war völlig ausgeplündert,
Hemdenknöpfe und Schnallen und alles, was Bewegliches an seinem Leibe
war, hatte Philine zu sich genommen; denn er wollte einen reisenden
Engländer vorstellen und konnte auf keine Weise in seine Rolle
hineinkommen.
Die Zeit war indes auf das angenehmste vergangen, jedes hatte seine
Einbildungskraft und seinen Witz aufs möglichste angestrengt und jedes
seine Rolle mit angenehmen und unterhaltenden Scherzen ausstaffiert.
So kam man an dem Ort an, wo man sich den Tag über aufhalten wollte,
und Wilhelm geriet mit dem Geistlichen, wie wir ihn seinem Aussehn und
seiner Rolle nach nennen wollen, auf dem Spaziergange bald in ein
interessantes Gespräch.
"Ich finde diese übung", sagte der Unbekannte, "unter Schauspielern,
ja in Gesellschaft von Freunden und Bekannten sehr nützlich. Es ist
die beste Art, die Menschen aus sich heraus- und durch einen Umweg
wieder in sich hineinzuführen. Es sollte bei jeder Truppe eingeführt
sein, daß sie sich manchmal auf diese Weise üben müßte, und das
Publikum würde gewiß dabei gewinnen, wenn alle Monate ein nicht
geschriebenes Stück aufgeführt würde, worauf sich freilich die
Schauspieler in mehrern Proben müßten vorbereitet haben."
"Man dürfte sich", versetzte Wilhelm, "ein extemporiertes Stück nicht
als ein solches denken, das aus dem Stegreife sogleich komponiert
würde, sondern als ein solches, wovon zwar Plan, Handlung und
Szeneneinteilung gegeben wären, dessen Ausführung aber dem
Schauspieler überlassen bliebe."
"Ganz richtig", sagte der Unbekannte, "und eben was diese Ausführung
betrifft, würde ein solches Stück, sobald die Schauspieler nur einmal
im Gang wären, außerordentlich gewinnen. Nicht die Ausführung durch
Worte, denn durch diese muß freilich der überlegende Schriftsteller
seine Arbeit zieren, sondern die Ausführung durch Gebärden und Mienen,
Ausrufungen und was dazu gehört, kurz, das stumme, halblaute Spiel,
welches nach und nach bei uns ganz verlorenzugehen scheint. Es sind
wohl Schauspieler in Deutschland, deren Körper das zeigt, was sie
denken und fühlen, die durch Schweigen, Zaudern, durch Winke, durch
zarte, anmutige Bewegungen des Körpers eine Rede vorzubereiten und die
Pausen des Gesprächs durch eine gefällige Pantomime mit dem Ganzen zu
verbinden wissen; aber eine übung, die einem glücklichen Naturell zu
Hülfe käme und es lehrte, mit dem Schriftsteller zu wetteifern, ist
nicht so im Gange, als es zum Troste derer, die das Theater besuchen,
wohl zu wünschen wäre."
"Sollte aber nicht", versetzte Wilhelm, "ein glückliches Naturell, als
das Erste und Letzte, einen Schauspieler wie jeden andern Künstler, ja
vielleicht wie jeden Menschen, allein zu einem so hochaufgesteckten
Ziele bringen?"
"Das Erste und Letzte, Anfang und Ende möchte es wohl sein und bleiben;
aber in der Mitte dürfte dem Künstler manches fehlen, wenn nicht
Bildung das erst aus ihm macht, was er sein soll, und zwar frühe
Bildung; denn vielleicht ist derjenige, dem man Genie zuschreibt,
übler daran als der, der nur gewöhnliche Fähigkeiten besitzt; denn
jener kann leichter verbildet und viel heftiger auf falsche Wege
gestoßen werden als dieser."
"Aber", versetzte Wilhelm, "wird das Genie sich nicht selbst retten,
die Wunden, die es sich geschlagen, selbst heilen?"
"Mitnichten", versetzte der andere, "Oder wenigstens nur notdürftig;
denn niemand glaube die ersten Eindrücke der Jugend überwinden zu
können. Ist er in einer löblichen Freiheit, umgeben von schönen und
edlen Gegenständen, in dem Umgange mit guten Menschen aufgewachsen,
haben ihn seine Meister das gelehrt, was er zuerst wissen mußte, um
das übrige leichter zu begreifen, hat er gelernt, was er nie zu
verlernen braucht, wurden seine ersten Handlungen so geleitet, daß er
das Gute künftig leichter und bequemer vollbringen kann, ohne sich
irgend etwas abgewöhnen zu müssen, so wird dieser Mensch ein reineres,
vollkommneres und glücklicheres Leben führen als ein anderer, der
seine ersten Jugendkräfte im Widerstand und im Irrtum zugesetzt hat.
Es wird so viel von Erziehung gesprochen und geschrieben, und ich sehe
nur wenig Menschen, die den einfachen, aber großen Begriff, der alles
andere in sich schließt, fassen und in die Ausführung übertragen
können."
"Das mag wohl wahr sein", sagte Wilhelm, "denn jeder Mensch ist
beschränkt genug, den andern zu seinem Ebenbild erziehen zu wollen.
Glücklich sind diejenigen daher, deren sich das Schicksal annimmt, das
jeden nach seiner Weise erzieht!"
"Das Schicksal", versetzte lächelnd der andere, "ist ein vornehmer,
aber teurer Hofmeister. Ich würde mich immer lieber an die Vernunft
eines menschlichen Meisters halten. Das Schicksal, für dessen
Weisheit ich alle Ehrfurcht trage, mag an dem Zufall, durch den es
wirkt, ein sehr ungelenkes Organ haben. Denn selten scheint dieser
genau und rein auszuführen, was jenes beschlossen hatte."
"Sie scheinen einen sehr sonderbaren Gedanken auszusprechen",
versetzte Wilhelm.
"Mitnichten! Das meiste, was in der Welt begegnet, rechtfertigt meine
Meinung. Zeigen viele Begebenheiten im Anfange nicht einen großen
Sinn, und gehen die meisten nicht auf etwas Albernes hinaus?"
"Sie wollen scherzen."
"Und ist es nicht", fuhr der andere fort, "mit dem, was einzelnen
Menschen begegnet, ebenso? Gesetzt, das Schicksal hätte einen zu
einem guten Schauspieler bestimmt (und warum sollt es uns nicht auch
mit guten Schauspielern versorgen?), unglücklicherweise führte der
Zufall aber den jungen Mann in ein Puppenspiel, wo er sich früh nicht
enthalten könnte, an etwas Abgeschmacktem teilzunehmen, etwas Albernes
leidlich, wohl gar interessant zu finden und so die jugendlichen
Eindrücke, welche nie verlöschen, denen wir eine gewisse
Anhänglichkeit nie entziehen können, von einer falschen Seite zu
empfangen."
"Wie kommen Sie aufs Puppenspiel?" fiel ihm Wilhelm mit einiger
Bestürzung ein.
"Es war nur ein willkürliches Beispiel; wenn es Ihnen nicht gefällt,
so nehmen wir ein andres. Gesetzt, das Schicksal hätte einen zu einem
großen Maler bestimmt, und dem Zufall beliebte es, seine Jugend in
schmutzige Hütten, Ställe und Scheunen zu verstoßen, glauben Sie, daß
ein solcher Mann sich jemals zur Reinlichkeit, zum Adel, zur Freiheit
der Seele erheben werde? Mit je lebhafterm Sinn er das Unreine in
seiner Jugend angefaßt und nach seiner Art veredelt hat, desto
gewaltsamer wird es sich in der Folge seines Lebens an ihm rächen,
indem es sich, inzwischen daß er es zu überwinden suchte, mit ihm aufs
innigste verbunden hat. Wer früh in schlechter, unbedeutender
Gesellschaft gelebt hat, wird sich, wenn er auch später eine bessere
haben kann, immer nach jener zurücksehnen, deren Eindruck ihm zugleich
mit der Erinnerung jugendlicher, nur selten zu wiederholender Freuden
geblieben ist."
Man kann denken, daß unter diesem Gespräch sich nach und nach die
übrige Gesellschaft entfernt hatte. Besonders war Philine gleich vom
Anfang auf die Seite getreten. Man kam durch einen Seitenweg zu ihnen
zurück. Philine brachte die Pfänder hervor, welche auf allerlei Weise
gelöst werden mußten, wobei der Fremde sich durch die artigsten
Erfindungen und durch eine ungezwungene Teilnahme der ganzen
Gesellschaft und besonders den Frauenzimmern sehr empfahl, und so
flossen die Stunden des Tages unter Scherzen, Singen, Küssen und
allerlei Neckereien auf das angenehmste vorbei.
II. Buch, 10. Kapitel
Zehntes Kapitel
Als sie sich wieder nach Hause begeben wollten, sahen sie sich nach
ihrem Geistlichen um; allein er war verschwunden und an keinem Orte zu
finden.
"Es ist nicht artig von dem Manne, der sonst viel Lebensart zu haben
scheint", sagte Madame Melina, "eine Gesellschaft, die ihn so
freundlich aufgenommen, ohne Abschied zu verlassen."
"Ich habe mich die ganze Zeit her schon besonnen", sagte Laertes, "wo
ich diesen sonderbaren Mann schon ehemals möchte gesehen haben. Ich
war eben im Begriff, ihn beim Abschiede darüber zu befragen."
"Mir ging es ebenso", versetzte Wilhelm, "und ich hätte ihn gewiß
nicht entlassen, bis er uns etwas Näheres von seinen Umständen
entdeckt hätte. Ich müßte mich sehr irren, wenn ich ihn nicht schon
irgendwo gesprochen hätte."
"Und doch könntet ihr euch", sagte Philine, "darin wirklich irren.
Dieser Mann hat eigentlich nur das falsche Ansehen eines Bekannten,
weil er aussieht wie ein Mensch und nicht wie Hans oder Kunz."
"Was soll das heißen", sagte Laertes, "sehen wir nicht auch aus wie
Menschen?"
"Ich weiß, was ich sage", versetzte Philine, "und wenn ihr mich nicht
begreift, so laßt's gut sein. Ich werde nicht am Ende noch gar meine
Worte auslegen sollen."
Zwei Kutschen fuhren vor. Man lobte die Sorgfalt des Laertes, der sie
bestellt hatte. Philine nahm neben Madame Melina, Wilhelmen gegenüber,
Platz, und die übrigen richteten sich ein, so gut sie konnten.
Laertes selbst ritt auf Wilhelms Pferde, das auch mit herausgekommen
war, nach der Stadt zurück.
Philine saß kaum in dem Wagen, als sie artige Lieder zu singen und das
Gespräch auf Geschichten zu lenken wußte, von denen sie behauptete,
daß sie mit Glück dramatisch behandelt werden könnten. Durch diese
kluge Wendung hatte sie gar bald ihren jungen Freund in seine beste
Laune gesetzt, und er komponierte aus dem Reichtum seines lebendigen
Bildervorrats sogleich ein ganzes Schauspiel mit allen seinen Akten,
Szenen, Charakteren und Verwicklungen. Man fand für gut, einige Arien
und Gesänge einzuflechten; man dichtete sie, und Philine, die in alles
einging, paßte ihnen gleich bekannte Melodien an und sang sie aus dem
Stegreife.
Sie hatte eben heute ihren schönen, sehr schönen Tag; sie wußte mit
allerlei Neckereien unsern Freund zu beleben; es ward ihm wohl, wie es
ihm lange nicht gewesen war.
Seitdem ihn jene grausame Entdeckung von der Seite Marianens gerissen
hatte, war er dem Gelübde treu geblieben, sich vor der
zusammenschlagenden Falle einer weiblichen Umarmung zu hüten, das
treulose Geschlecht zu meiden, seine Schmerzen, seine Neigung, seine
süßen Wünsche in seinem Busen zu verschließen. Die Gewissenhaftigkeit,
womit er dies Gelübde beobachtete, gab seinem ganzen Wesen eine
geheime Nahrung, und da sein Herz nicht ohne Teilnehmung bleiben
konnte, so ward eine liebevolle Mitteilung nun zum Bedürfnisse. Er
ging wieder wie von dem ersten Jugendnebel begleitet umher, seine
Augen faßten jeden reizenden Gegenstand mit Freuden auf, und nie war
sein Urteil über eine liebenswürdige Gestalt schonender gewesen. Wie
gefährlich ihm in einer solchen Lage das verwegene Mädchen werden
mußte, läßt sich leider nur zu gut einsehen.
Zu Hause fanden sie auf Wilhelms Zimmer schon alles zum Empfange
bereit, die Stühle zu einer Vorlesung zurechtegestellt und den Tisch
in die Mitte gesetzt, auf welchem der Punschnapf seinen Platz nehmen
sollte.
Die deutschen Ritterstücke waren damals eben neu und hatten die
Aufmerksamkeit und Neigung des Publikums an sich gezogen. Der alte
Polterer hatte eines dieser Art mitgebracht, und die Vorlesung war
beschlossen worden. Man setzte sich nieder. Wilhelm bemächtigte sich
des Exemplars und fing zu lesen an.
Die geharnischten Ritter, die alten Burgen, die Treuherzigkeit,
Rechtlichkeit und Redlichkeit, besonders aber die Unabhängigkeit der
handelnden Personen wurden mit großem Beifall aufgenommen. Der
Vorleser tat sein möglichstes, und die Gesellschaft kam außer sich.
Zwischen dem zweiten und dritten Akt kam der Punsch in einem großen
Napfe, und da in dem Stücke selbst sehr viel getrunken und angestoßen
wurde, so war nichts natürlicher, als daß die Gesellschaft bei jedem
solchen Falle sich lebhaft an den Platz der Helden versetzte,
gleichfalls anklingte und die Günstlinge unter den handelnden Personen
hochleben ließ.
Jedermann war von dem Feuer des edelsten Nationalgeistes entzündet.
Wie sehr gefiel es dieser deutschen Gesellschaft, sich ihrem Charakter
gemäß auf eignem Grund und Boden poetisch zu ergötzen! Besonders
taten die Gewölbe und Keller, die verfallenen Schlösser, das Moos und
die hohlen Bäume, über alles aber die nächtlichen Zigeunerszenen und
das heimliche Gericht eine ganz unglaubliche Wirkung. Jeder
Schauspieler sah nun, wie er bald in Helm und Harnisch, jede
Schauspielerin, wie sie mit einem großen stehenden Kragen ihre
Deutschheit vor dem Publiko produzieren werde. Jeder wollte sich
sogleich einen Namen aus dem Stücke oder aus der deutschen Geschichte
zueignen, und Madame Melina beteuerte, Sohn oder Tochter, wozu sie
Hoffnung hatte, nicht anders als Adelbert oder Mechtilde taufen zu
lassen.
Gegen den fünften Akt ward der Beifall lärmender und lauter, ja
zuletzt, als der Held wirklich seinem Unterdrücker entging und der
Tyrann gestraft wurde, war das Entzücken so groß, daß man schwur, man
habe nie so glückliche Stunden gehabt. Melina, den der Trank
begeistert hatte, war der lauteste, und da der zweite Punschnapf
geleert war und Mitternacht herannahte, schwur Laertes hoch und teuer,
es sei kein Mensch würdig, an diese Gläser jemals wieder eine Lippe zu
setzen, und warf mit dieser Beteurung sein Glas hinter sich und durch
die Scheiben auf die Gasse hinaus. Die übrigen folgten seinem
Beispiele, und ungeachtet der Protestationen des herbeieilenden Wirtes
wurde der Punschnapf selbst, der nach einem solchen Feste durch
unheiliges Getränk nicht wieder entweiht werden sollte, in tausend
Stücke geschlagen. Philine, der man ihren Rausch am wenigsten ansah,
indes die beiden Mädchen nicht in den anständigsten Stellungen auf dem
Kanapee lagen, reizte die andern mit Schadenfreude zum Lärm. Madame
Melina rezitierte einige erhabene Gedichte, und ihr Mann, der im
Rausche nicht sehr liebenswürdig war, fing an, auf die schlechte
Bereitung des Punsches zu schelten, versicherte, daß er ein Fest ganz
anders einzurichten verstehe, und ward zuletzt, als Laertes
Stillschweigen gebot, immer gröber und lauter, so daß dieser, ohne
sich lange zu bedenken, ihm die Scherben des Napfs an den Kopf warf
und dadurch den Lärm nicht wenig vermehrte.
Indessen war die Scharwache herbeigekommen und verlangte, ins Haus
eingelassen zu werden. Wilhelm, vom Lesen sehr erhitzt, ob er gleich
nur wenig getrunken, hatte genug zu tun, um mit Beihülfe des Wirts die
Leute durch Geld und gute Worte zu befriedigen und die Glieder der
Gesellschaft in ihren mißlichen Umständen nach Hause zu schaffen. Er
warf sich, als er zurückkam, vom Schlafe überwältigt, voller Unmut
unausgekleidet aufs Bette, und nichts glich der unangenehmen
Empfindung, als er des andern Morgens die Augen aufschlug und mit
düsterm Blick auf die Verwüstungen des vergangenen Tages, den Unrat
und die bösen Wirkungen hinsah, die ein geistreiches, lebhaftes und
wohlgemeintes Dichterwerk hervorgebracht hatte.
II. Buch, 11. Kapitel
Eilftes Kapitel
Nach einem kurzen Bedenken rief er sogleich den Wirt herbei und ließ
sowohl den Schaden als die Zeche auf seine Rechnung schreiben.
Zugleich vernahm er nicht ohne Verdruß, daß sein Pferd von Laertes
gestern bei dem Hereinreiten dergestalt angegriffen worden, daß es
wahrscheinlich, wie man zu sagen pflegt, verschlagen habe und daß der
Schmied wenig Hoffnung zu seinem Aufkommen gebe.
Ein Gruß von Philinen, den sie ihm aus ihrem Fenster zuwinkte,
versetzte ihn dagegen wieder in einen heitern Zustand, und er ging
sogleich in den nächsten Laden, um ihr ein kleines Geschenk, das er
ihr gegen das Pudermesser noch schuldig war, zu kaufen, und wir müssen
bekennen, er hielt sich nicht in den Grenzen eines proportionierten
Gegengeschenks. Er kaufte ihr nicht allein ein Paar sehr niedliche
Ohrringe, sondern nahm dazu noch einen Hut und Halstuch und einige
andere Kleinigkeiten, die er sie den ersten Tag hatte verschwenderisch
wegwerfen sehen.
Madame Melina, die ihn eben, als er seine Gaben überreichte, zu
beobachten kam, suchte noch vor Tische eine Gelegenheit, ihn sehr
ernstlich über die Empfindung für dieses Mädchen zur Rede zu setzen,
und er war um so erstaunter, als er nichts weniger denn diese Vorwürfe
zu verdienen glaubte. Er schwur hoch und teuer, daß es ihm keineswegs
eingefallen sei, sich an diese Person, deren ganzen Wandel er wohl
kenne, zu wenden; er entschuldigte sich, so gut er konnte, über sein
freundliches und artiges Betragen gegen sie, befriedigte aber Madame
Melina auf keine Weise, vielmehr ward diese immer verdrießlicher, da
sie bemerken mußte, daß die Schmeichelei, wodurch sie sich eine Art
von Neigung unsers Freundes erworben hatte, nicht hinreiche, diesen
Besitz gegen die Angriffe einer lebhaften, jüngern und von der Natur
glücklicher begabten Person zu verteidigen.
Ihren Mann fanden sie gleichfalls, da sie zu Tische kamen, bei sehr
üblem Humor, und er fing schon an, ihn über Kleinigkeiten auszulassen,
als der Wirt hereintrat und einen Harfenspieler anmeldete. "Sie
werden", sagte er, "gewiß Vergnügen an der Musik und an den Gesängen
dieses Mannes finden; es kann sich niemand, der ihn hört, enthalten,
ihn zu bewundern und ihm etwas weniges mitzuteilen."
"Lassen Sie ihn weg", versetzte Melina, "ich bin nichts weniger als
gestimmt, einen Leiermann zu hören, und wir haben allenfalls Sänger
unter uns, die gern etwas verdienten." Er begleitete diese Worte mit
einem tückischen Seitenblicke, den er auf Philinen warf. Sie verstand
ihn und war gleich bereit, zu seinem Verdruß den angemeldeten Sänger
zu beschützen. Sie wendete sich zu Wilhelmen und sagte: "Sollen wir
den Mann nicht hören, sollen wir nichts tun, um uns aus der
erbärmlichen Langenweile zu retten?"
Melina wollte ihr antworten, und der Streit wäre lebhafter geworden,
wenn nicht Wilhelm den im Augenblick hereintretenden Mann begrüßt und
ihn herbeigewinkt hätte.
Die Gestalt dieses seltsamen Gastes setzte die ganze Gesellschaft in
Erstaunen, und er hatte schon von einem Stuhle Besitz genommen, ehe
jemand ihn zu fragen oder sonst etwas vorzubringen das Herz hatte.
Sein kahler Scheitel war von wenig grauen Haaren umkränzt, große blaue
Augen blickten sanft unter langen weißen Augenbrauen hervor. An eine
wohlgebildete Nase schloß sich ein langer weißer Bart an, ohne die
gefällige Lippe zu bedecken, und ein langes dunkelbraunes Gewand
umhüllte den schlanken Körper vom Halse bis zu den Füßen; und so fing
er auf der Harfe, die er vor sich genommen hatte, zu präludieren an.
Die angenehmen Töne, die er aus dem Instrumente hervorlockte,
erheiterten gar bald die Gesellschaft.
"Ihr pflegt auch zu singen, guter Alter", sagte Philine.
"Gebt uns etwas, das Herz und Geist zugleich mit den Sinnen ergötze",
sagte Wilhelm. "Das Instrument sollte nur die Stimme begleiten; denn
Melodien, Gänge und Läufe ohne Worte und Sinn scheinen mir
Schmetterlingen oder schönen bunten Vögeln ähnlich zu sein, die in der
Luft vor unsern Augen herumschweben, die wir allenfalls haschen und
uns zueignen möchten; da sich der Gesang dagegen wie ein Genius gen
Himmel hebt und das bessere Ich in uns ihn zu begleiten anreizt."
Der Alte sah Wilhelmen an, alsdann in die Höhe, tat einige Griffe auf
der Harfe und begann sein Lied. Es enthielt ein Lob auf den Gesang,
pries das Glück der Sänger und ermahnte die Menschen, sie zu ehren.
Er trug das Lied mit so viel Leben und Wahrheit vor, daß es schien,
als hätte er es in diesem Augenblicke und bei diesem Anlasse gedichtet.
Wilhelm enthielt sich kaum, ihm um den Hals zu fallen; nur die
Furcht, ein lautes Gelächter zu erregen, zog ihn auf seinen Stuhl
zurück; denn die übrigen machten schon halblaut einige alberne
Anmerkungen und stritten, ob es ein Pfaffe oder ein Jude sei.
Als man nach dem Verfasser des Liedes fragte, gab er keine bestimmte
Antwort; nur versicherte er, daß er reich an Gesängen sei und wünsche
nur, daß sie gefallen möchten. Der größte Teil der Gesellschaft war
fröhlich und freudig, ja selbst Melina nach seiner Art offen geworden,
und indem man untereinander schwatzte und scherzte, fing der Alte das
Lob des geselligen Lebens auf das geistreichste zu singen an. Er
pries Einigkeit und Gefälligkeit mit einschmeichelnden Tönen. Auf
einmal ward sein Gesang trocken, rauh und verworren, als er gehässige
Verschlossenheit, kurzsinnige Feindschaft und gefährlichen Zwiespalt
bedauerte, und gern warf jede Seele diese unbequemen Fesseln ab, als
er, auf den Fittichen einer vordringenden Melodie getragen, die
Friedensstifter pries und das Glück der Seelen, die sich wiederfinden,
sang.
Kaum hatte er geendigt, als ihm Wilhelm zurief: "Wer du auch seist,
der du als ein hülfreicher Schutzgeist mit einer segnenden und
belebenden Stimme zu uns kommst, nimm meine Verehrung und meinen Dank!
fühle, daß wir alle dich bewundern, und vertrau uns, wenn du etwas
bedarfst!"
Der Alte schwieg, ließ erst seine Finger über die Saiten schleichen,
dann griff er sie stärker an und sang:
"Was hör ich draußen vor dem Tor,
Was auf der Brücke schallen?
Laßt den Gesang zu unserm Ohr
Im Saale widerhallen!"
Der König sprach's, der Page lief,
Der Knabe kam, der König rief:
"Bring ihn herein, den Alten!"
"Gegrüßet seid, ihr hohen Herrn,
Gegrüßt ihr, schöne Damen!
Welch reicher Himmel! Stern bei Stern!
Wer kennet ihre Namen?
Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit
Schließt, Augen, euch, hier ist nicht Zeit,
Sich staunend zu ergötzend
Der Sänger drückt' die Augen ein
Und schlug die vollen Töne;
Der Ritter schaute mutig drein,
Und in den Schoß die Schöne.
Der König, dem das Lied gefiel,
Ließ ihm, zum Lohne für sein Spiel,
Eine goldne Kette holen.
"Die goldne Kette gib mir nicht,
Die Kette gib den Rittern,
Vor deren kühnem Angesicht
Der Feinde Lanzen splittern.
Gib sie dem Kanzler, den du hast,
Und laß ihn noch die goldne Last
Zu andern Lasten tragen.
Ich singe, wie der Vogel singt,
Der in den Zweigen wohnet.
Das Lied, das aus der Kehle dringt,
Ist Lohn, der reichlich lohnet;
Doch darf ich bitten, bitt ich eins:
Laß einen Trunk des besten Weins
In reinem Glase bringen."
Er setzt' es an, er trank es aus:
"O Trank der süßen Labe!
Oh! dreimal hochbeglücktes Haus,
Wo das ist kleine Gabe!
Ergeht's euch wohl, so denkt an mich,
Und danket Gott so warm, als ich
Für diesen Trunk euch danke."
Da der Sänger nach geendigtem Liede ein Glas Wein, das für ihn
eingeschenkt dastand, ergriff und es mit freundlicher Miene, sich
gegen seine Wohltäter wendend, austrank, entstand eine allgemeine
Freude in der Versammlung. Man klatschte und rief ihm zu, es möge
dieses Glas zu seiner Gesundheit, zur Stärkung seiner alten Glieder
gereichen. Er sang noch einige Romanzen und erregte immer mehr
Munterkeit in der Gesellschaft.
"Kannst du die Melodie, Alter", rief Philine, ""Der Schäfer putzte
sich zum Tanz"?"
"O ja", versetzte er; "wenn Sie das Lied singen und aufführen wollen,
an mir soll es nicht fehlen."
Philine stand auf und hielt sich fertig. Der Alte begann die Melodie,
und sie sang ein Lied, das wir unsern Lesern nicht mitteilen können,
weil sie es vielleicht abgeschmackt oder wohl gar unanständig finden
könnten.
Inzwischen hatte die Gesellschaft, die immer heiterer geworden war,
noch manche Flasche Wein ausgetrunken und fing an, sehr laut zu werden.
Da aber unserm Freunde die bösen Folgen ihrer Lust noch in frischem
Andenken schwebten, suchte er abzubrechen, steckte dem Alten für seine
Bemühung eine reichliche Belohnung in die Hand, die andern taten auch
etwas, man ließ ihn abtreten und ruhen und versprach sich auf den
Abend eine wiederholte Freude von seiner Geschicklichkeit.
Als er hinweg war, sagte Wilhelm zu Philinen: "Ich kann zwar in Ihrem
Leibgesange weder ein dichterisches oder sittliches Verdienst finden;
doch wenn Sie mit ebender Naivetät, Eigenheit und Zierlichkeit etwas
Schickliches auf dem Theater jemals ausführen, so wird Ihnen
allgemeiner, lebhafter Beifall gewiß zuteil werden."
"Ja", sagte Philine, "es müßte eine recht angenehme Empfindung sein,
sich am Eise zu wärmen."
"überhaupt", sagte Wilhelm, "wie sehr beschämt dieser Mann manchen
Schauspieler. Haben Sie bemerkt, wie richtig der dramatische Ausdruck
seiner Romanzen war? Gewiß, es lebte mehr Darstellung in seinem
Gesang als in unsern steifen Personen auf der Bühne; man sollte die
Aufführung mancher Stücke eher für eine Erzählung halten und diesen
musikalischen Erzählungen eine sinnliche Gegenwart zuschreiben."
"Sie sind ungerecht!" versetzte Laertes, "ich gebe mich weder für
einen großen Schauspieler noch Sänger; aber das weiß ich, daß, wenn
die Musik die Bewegungen des Körpers leitet, ihnen Leben gibt und
ihnen zugleich das Maß vorschreibt; wenn Deklamation und Ausdruck
schon von dem Kompositeur auf mich übertragen werden: so bin ich ein
ganz andrer Mensch, als wenn ich im prosaischen Drama das alles erst
erschaffen und Takt und Deklamation mir erst erfinden soll, worin mich
noch dazu jeder Mitspielende stören kann."
"Soviel weiß ich", sagte Melina, "daß uns dieser Mann in einem Punkte
gewiß beschämt, und zwar in einem Hauptpunkte. Die Stärke seiner
Talente zeigt sich in dem Nutzen, den er davon zieht. Uns, die wir
vielleicht bald in Verlegenheit sein werden, wo wir eine Mahlzeit
hernehmen, bewegt er, unsre Mahlzeit mit ihm zu teilen. Er weiß uns
das Geld, das wir anwenden könnten, um uns in einige Verfassung zu
setzen, durch ein Liedchen aus der Tasche zu locken. Es scheint so
angenehm zu sein, das Geld zu verschleudern, womit man sich und andern
eine Existenz verschaffen könnte."
Das Gespräch bekam durch diese Bemerkung nicht die angenehmste Wendung.
Wilhelm, auf den der Vorwurf eigentlich gerichtet war, antwortete
mit einiger Leidenschaft, und Melina, der sich eben nicht der größten
Feinheit befliß, brachte zuletzt seine Beschwerden mit ziemlich
trockenen Worten vor. "Es sind nun schon vierzehn Tage", sagte er,
"daß wir das hier verpfändete Theater und die Garderobe besehen haben,
und beides konnten wir für eine sehr leidliche Summe haben. Sie
machten mir damals Hoffnung, daß Sie mir soviel kreditieren würden,
und bis jetzt habe ich noch nicht gesehen, daß Sie die Sache weiter
bedacht oder sich einem Entschluß genähert hätten. Griffen Sie damals
zu, so wären wir jetzt im Gange. Ihre Absicht zu verreisen haben Sie
auch noch nicht ausgeführt, und Geld scheinen Sie mir diese Zeit über
auch nicht gespart zu haben; wenigstens gibt es Personen, die immer
Gelegenheit zu verschaffen wissen, daß es geschwinder weggehe."
Dieser nicht ganz ungerechte Vorwurf traf unsern Freund. Er versetzte
einiges darauf mit Lebhaftigkeit, ja mit Heftigkeit und ergriff, da
die Gesellschaft aufstund und sich zerstreute, die Türe, indem er
nicht undeutlich zu erkennen gab, daß er sich nicht lange mehr bei so
unfreundlichen und undankbaren Menschen aufhalten wolle. Er eilte
verdrießlich hinunter, sich auf eine steinerne Bank zu setzen, die vor
dem Tore seines Gasthofs stand, und bemerkte nicht, daß er halb aus
Lust, halb aus Verdruß mehr als gewöhnlich getrunken hatte.
II. Buch, 12. Kapitel
Zwölftes Kapitel
Nach einer kurzen Zeit, die er, beunruhigt von mancherlei Gedanken,
sitzend und vor sich hin sehend zugebracht hatte, schlenderte Philine
singend zur Haustüre heraus, setzte sich zu ihm, ja man dürfte beinahe
sagen auf ihn, so nahe rückte sie an ihn heran, lehnte sich auf seine
Schultern, spielte mit seinen Locken, streichelte ihn und gab ihm die
besten Worte von der Welt. Sie bat ihn, er möchte ja bleiben und sie
nicht in der Gesellschaft allein lassen, in der sie vor Langerweile
sterben müßte; sie könne nicht mehr mit Melina unter einem Dache
ausdauern und habe sich deswegen herüberquartiert.
Vergebens suchte er sie abzuweisen, ihr begreiflich zu machen, daß er
länger weder bleiben könne noch dürfe. Sie ließ mit Bitten nicht ab,
ja unvermutet schlang sie ihren Arm um seinen Hals und küßte ihn mit
dem lebhaftesten Ausdrucke des Verlangens.
"Sind Sie toll, Philine?" rief Wilhelm aus, indem er sich loszumachen
suchte, "die öffentliche Straße zum Zeugen solcher Liebkosungen zu
machen, die ich auf keine Weise verdiene! Lassen Sie mich los, ich
kann nicht und ich werde nicht bleiben."
"Und ich werde dich festhalten", sagte sie, "und ich werde dich hier
auf öffentlicher Gasse so lange küssen, bis du mir versprichst, was
ich wünsche. Ich lache mich zu Tode", fuhr sie fort; "nach dieser
Vertraulichkeit halten mich die Leute gewiß für deine Frau von vier
Wochen, und die Ehemänner, die eine so anmutige Szene sehen, werden
mich ihren Weibern als ein Muster einer kindlich unbefangenen
Zärtlichkeit anpreisen."
Eben gingen einige Leute vorbei, und sie liebkoste ihn auf das
anmutigste, und er, um kein Skandal zu geben, war gezwungen, die Rolle
des geduldigen Ehemannes zu spielen. Dann schnitt sie den Leuten
Gesichter im Rücken und trieb voll übermut allerhand Ungezogenheiten,
bis er zuletzt versprechen mußte, noch heute und morgen und übermorgen
zu bleiben.
"Sie sind ein rechter Stock!" sagte sie darauf, indem sie von ihm
abließ, "und ich eine Törin, daß ich so viel Freundlichkeit an Sie
verschwende." Sie stand verdrießlich auf und ging einige Schritte;
dann kehrte sie lachend zurück und rief: "Ich glaube eben, daß ich
darum in dich vernarrt bin, ich will nur gehen und meinen
Strickstrumpf holen, daß ich etwas zu tun habe. Bleibe ja, damit ich
den steinernen Mann auf der steinernen Bank wiederfinde."
Diesmal tat sie ihm unrecht: denn sosehr er sich von ihr zu enthalten
strebte, so würde er doch in diesem Augenblicke, hätte er sich mit ihr
in einer einsamen Laube befunden, ihre Liebkosungen wahrscheinlich
nicht unerwidert gelassen haben.
Sie ging, nachdem sie ihm einen leichtfertigen Blick zugeworfen, in
das Haus. Er hatte keinen Beruf, ihr zu folgen, vielmehr hatte ihr
Betragen einen neuen Widerwillen in ihm erregt; doch hob er sich, ohne
selbst recht zu wissen warum, von der Bank, um ihr nachzugehen.
Er war eben im Begriff, in die Türe zu treten, als Melina herbeikam,
ihn bescheiden anredete und ihn wegen einiger im Wortwechsel zu hart
ausgesprochenen Ausdrücke um Verzeihung bat. "Sie nehmen mir nicht
übel", fuhr er fort, "wenn ich in dem Zustande, in dem ich mich
befinde, mich vielleicht zu ängstlich bezeige; aber die Sorge für eine
Frau, vielleicht bald für ein Kind, verhindert mich von einem Tag zum
andern, ruhig zu leben und meine Zeit mit dem Genuß angenehmer
Empfindungen hinzubringen, wie Ihnen noch erlaubt ist. überdenken Sie,
und wenn es Ihnen möglich ist, so setzen Sie mich in den Besitz der
theatralischen Gerätschaften, die sich hier vorfinden. Ich werde
nicht lange Ihr Schuldner und Ihnen dafür ewig dankbar bleiben."
Wilhelm, der sich ungern auf der Schwelle aufgehalten sah, über die
ihn eine unwiderstehliche Neigung in diesem Augenblicke zu Philinen
hinüberzog, sagte mit einer überraschten Zerstreuung und eilfertigen
Gutmütigkeit: "Wenn ich Sie dadurch glücklich und zufrieden machen
kann, so will ich mich nicht länger bedenken. Gehn Sie hin, machen
Sie alles richtig. Ich bin bereit, noch diesen Abend oder morgen früh
das Geld zu zahlen." Er gab hierauf Melinan die Hand zur Bestätigung
seines Versprechens und war sehr zufrieden, als er ihn eilig über die
Straße weggehen sah; leider aber wurde er von seinem Eindringen ins
Haus zum zweitenmal und auf eine unangenehmere Weise zurückgehalten.
Ein junger Mensch mit einem Bündel auf dem Rücken kam eilig die Straße
her und trat zu Wilhelmen, der ihn gleich für Friedrichen erkannte.
"Da bin ich wieder!" rief er aus, indem er seine großen blauen Augen
freudig umher und hinauf an alle Fenster gehen ließ; "wo ist Mamsell?
Der Henker mag es länger in der Welt aushalten, ohne sie zu sehen!"
Der Wirt, der eben dazugetreten war, versetzte: "Sie ist oben", und
mit wenigen Sprüngen war er die Treppe hinauf, und Wilhelm blieb auf
der Schwelle wie eingewurzelt stehen. Er hätte in den ersten
Augenblicken den Jungen bei den Haaren rückwärts die Treppe
herunterreißen mögen; dann hemmte der heftige Krampf einer gewaltsamen
Eifersucht auf einmal den Lauf seiner Lebensgeister und seiner Ideen,
und da er sich nach und nach von seiner Erstarrung erholte, überfiel
ihn eine Unruhe, ein Unbehagen, dergleichen er in seinem Leben noch
nicht empfunden hatte.
Er ging auf seine Stube und fand Mignon mit Schreiben beschäftigt.
Das Kind hatte sich eine Zeit her mit großem Fleiße bemüht, alles, was
es auswendig wußte, zu schreiben, und hatte seinem Herrn und Freund
das Geschriebene zu korrigieren gegeben. Sie war unermüdet und faßte
gut; aber die Buchstaben blieben ungleich und die Linien krumm. Auch
hier schien ihr Körper dem Geiste zu widersprechen. Wilhelm, dem die
Aufmerksamkeit des Kindes, wenn er ruhigen Sinnes war, große Freude
machte, achtete diesmal wenig auf das, was sie ihm zeigte; sie fühlte
es und betrübte sich darüber nur desto mehr, als sie glaubte, diesmal
ihre Sache recht gut gemacht zu haben.
Wilhelms Unruhe trieb ihn auf den Gängen des Hauses auf und ab und
bald wieder an die Haustüre. Ein Reiter sprengte vor, der ein gutes
Ansehn hatte und der bei gesetzten Jahren noch viel Munterkeit verriet.
Der Wirt eilte ihm entgegen, reichte ihm als einem bekannten Freunde
die Hand und rief: "Ei, Herr Stallmeister, sieht man Sie auch einmal
wieder!"
"Ich will nur hier füttern", versetzte der Fremde, "ich muß gleich
hinüber auf das Gut, um in der Geschwindigkeit allerlei einrichten zu
lassen. Der Graf kömmt morgen mit seiner Gemahlin, sie werden sich
eine Zeitlang drüben aufhalten, um den Prinzen von *** auf das beste
zu bewirten, der in dieser Gegend wahrscheinlich sein Hauptquartier
aufschlägt."
"Es ist schade, daß Sie nicht bei uns bleiben können", versetzte der
Wirt, "wir haben gute Gesellschaft." Der Reitknecht, der nachsprengte,
nahm dem Stallmeister das Pferd ab, der sich unter der Türe mit dem
Wirt unterhielt und Wilhelmen von der Seite ansah.
Dieser, da er merkte, daß von ihm die Rede sei, begab sich weg und
ging einige Straßen auf und ab.
II. Buch, 13. Kapitel
Dreizehntes Kapitel
In der verdrießlichen Unruhe, in der er sich befand, fiel ihm ein, den
Alten aufzusuchen, durch dessen Harfe er die bösen Geister zu
verscheuchen hoffte. Man wies ihn, als er nach dem Manne fragte, an
ein schlechtes Wirtshaus in einem entfernten Winkel des Städtchens und
in demselben die Treppe hinauf bis auf den Boden, wo ihm der süße
Harfenklang aus einer Kammer entgegenschallte. Es waren herzrührende,
klagende Töne, von einem traurigen, ängstlichen Gesange begleitet.
Wilhelm schlich an die Türe, und da der gute Alte eine Art von
Phantasie vortrug und wenige Strophen teils singend, teils rezitierend
immer wiederholte, konnte der Horcher nach einer kurzen Aufmerksamkeit
ungefähr folgendes verstehen:
Wer nie sein Brot mit Tränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte Auf
seinem Bette weinend saß, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.
Ihr führt ins Leben uns hinein, Ihr laßt den Armen schuldig werden,
Dann überlaßt ihr ihn der Pein; Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.
Die wehmütige, herzliche Klage drang tief in die Seele des Hörers. Es
schien ihm, als ob der Alte manchmal von Tränen gehindert würde
fortzufahren; dann klangen die Saiten allein, bis sich wieder die
Stimme leise in gebrochenen Lauten dareinmischte. Wilhelm stand an
dem Pfosten, seine Seele war tief gerührt, die Trauer des Unbekannten
schloß sein beklommenes Herz auf; er widerstand nicht dem Mitgefühl
und konnte und wollte die Tränen nicht zurückhalten, die des Alten
herzliche Klage endlich auch aus seinen Augen hervorlockte. Alle
Schmerzen, die seine Seele drückten, lösten sich zu gleicher Zeit auf,
er überließ sich ihnen ganz, stieß die Kammertüre auf und stand vor
dem Alten, der ein schlechtes Bette, den einzigen Hausrat dieser
armseligen Wohnung, zu seinem Sitze zu nehmen genötigt gewesen.
"Was hast du mir für Empfindungen rege gemacht, guter Alter!" rief er
aus, "alles, was in meinem Herzen stockte, hast du losgelöst; laß dich
nicht stören, sondern fahre fort, indem du deine Leiden linderst,
einen Freund glücklich zu machen." Der Alte wollte aufstehen und
etwas reden, Wilhelm verhinderte ihn daran; denn er hatte zu Mittage
bemerkt, daß der Mann ungern sprach; er setzte sich vielmehr zu ihm
auf den Strohsack nieder.
Der Alte trocknete seine Tränen und fragte mit einem freundlichen
Lächeln: "Wie kommen Sie hierher? Ich wollte Ihnen diesen Abend
wieder aufwarten."
"Wir sind hier ruhiger", versetzte Wilhelm, "singe mir, was du willst,
was zu deiner Lage paßt, und tue nur, als ob ich gar nicht hier wäre.
Es scheint mir, als ob du heute nicht irren könntest. Ich finde dich
sehr glücklich, daß du dich in der Einsamkeit so angenehm beschäftigen
und unterhalten kannst und, da du überall ein Fremdling bist, in
deinem Herzen die angenehmste Bekanntschaft findest."
Der Alte blickte auf seine Saiten, und nachdem er sanft präludiert
hatte, stimmte er an und sang:
Wer sich der Einsamkeit ergibt,
Ach! der ist bald allein;
Ein jeder lebt, ein jeder liebt
Und läßt ihn seiner Pein.
Ja! laßt mich meiner Qual!
Und kann ich nur einmal
Recht einsam sein,
Dann bin ich nicht allein.
Es schleicht ein Liebender lauschend sacht,
Ob seine Freundin allein?
So überschleicht bei Tag und Nacht
Mich Einsamen die Pein,
Mich Einsamen die Qual.
Ach werd ich erst einmal
Einsam im Grabe sein,
Da läßt sie mich allein!
Wir würden zu weitläufig werden und doch die Anmut der seltsamen
Unterredung nicht ausdrücken können, die unser Freund mit dem
abenteuerlichen Fremden hielt. Auf alles, was der Jüngling zu ihm
sagte, antwortete der Alte mit der reinsten übereinstimmung durch
Anklänge, die alle verwandten Empfindungen rege machten und der
Einbildungskraft ein weites Feld eröffneten.
Wer einer Versammlung frommer Menschen, die sich, abgesondert von der
Kirche, reiner, herzlicher und geistreicher zu erbauen glauben,
beigewohnt hat, wird sich auch einen Begriff von der gegenwärtigen
Szene machen können; er wird sich erinnern, wie der Liturg seinen
Worten den Vers eines Gesanges anzupassen weiß, der die Seele dahin
erhebt, wohin der Redner wünscht, daß sie ihren Flug nehmen möge, wie
bald darauf ein anderer aus der Gemeinde in einer andern Melodie den
Vers eines andern Liedes hinzufügt und an diesen wieder ein dritter
einen dritten anknüpft, wodurch die verwandten Ideen der Lieder, aus
denen sie entlehnt sind, zwar erregt werden, jede Stelle aber durch
die neue Verbindung neu und individuell wird, als wenn sie in dem
Augenblicke erfunden worden wäre; wodurch denn aus einem bekannten
Kreise von Ideen, aus bekannten Liedern und Sprüchen für diese
besondere Gesellschaft, für diesen Augenblick ein eigenes Ganzes
entsteht, durch dessen Genuß sie belebt, gestärkt und erquickt wird.
So erbaute der Alte seinen Gast, indem er durch bekannte und
unbekannte Lieder und Stellen nahe und ferne Gefühle, wachende und
schlummernde, angenehme und schmerzliche Empfindungen in eine
Zirkulation brachte, von der in dem gegenwärtigen Zustande unsers
Freundes das Beste zu hoffen war.
II. Buch, 14. Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Denn wirklich fing er auf dem Rückwege über seine Lage lebhafter, als
bisher geschehen, zu denken an und war mit dem Vorsatze, sich aus
derselben herauszureißen, nach Hause gelangt, als ihm der Wirt
sogleich im Vertrauen eröffnete, daß Mademoiselle Philine an dem
Stallmeister des Grafen eine Eroberung gemacht habe, der, nachdem er
seinen Auftrag auf dem Gute ausgerichtet, in höchster Eile
zurückgekommen sei und ein gutes Abendessen oben auf ihrem Zimmer mit
ihr verzehre.
In eben diesem Augenblicke trat Melina mit dem Notarius herein; sie
gingen zusammen auf Wilhelms Zimmer, wo dieser, wiewohl mit einigem
Zaudern, seinem Versprechen Genüge leistete, dreihundert Taler auf
Wechsel an Melina auszahlte, welche dieser sogleich dem Notarius
übergab und dagegen das Dokument über den geschlossenen Kauf der
ganzen theatralischen Gerätschaft erhielt, welche ihm morgen früh
übergeben werden sollte.
Kaum waren sie auseinandergegangen, als Wilhelm ein entsetzliches
Geschrei in dem Hause vernahm. Er hörte eine jugendliche Stimme, die
zornig und drohend durch ein unmäßiges Weinen und Heulen durchbrach.
Er hörte diese Wehklage von oben herunter an seiner Stube vorbei nach
dem Hausplatze eilen.
Als die Neugierde unsern Freund herunterlockte, fand er Friedrichen in
einer Art von Raserei. Der Knabe weinte, knirschte, stampfte, drohte
mit geballten Fäusten und stellte sich ganz ungebärdig vor Zorn und
Verdruß, Mignon stand gegenüber und sah mit Verwunderung zu, und der
Wirt erklärte einigermaßen diese Erscheinung.
Der Knabe sei nach seiner Rückkunft, da ihn Philine gut aufgenommen,
zufrieden, lustig und munter gewesen, habe gesungen und gesprungen bis
zur Zeit, da der Stallmeister mit Philinen Bekanntschaft gemacht. Nun
habe das Mittelding zwischen Kind und Jüngling angefangen, seinen
Verdruß zu zeigen, die Türen zuzuschlagen und auf und nieder zu rennen.
Philine habe ihm befohlen, heute abend bei Tische aufzuwarten,
worüber er nur noch mürrischer und trotziger geworden; endlich habe er
eine Schüssel mit Ragout, anstatt sie auf den Tisch zu setzen,
zwischen Mademoiselle und den Gast, die ziemlich nahe zusammen
gesessen, hineingeworfen, worauf ihm der Stallmeister ein paar
tüchtige Ohrfeigen gegeben und ihn zur Türe hinausgeschmissen. Er,
der Wirt, habe darauf die beiden Personen säubern helfen, deren
Kleider sehr übel zugerichtet gewesen.
Als der Knabe die gute Wirkung seiner Rache vernahm, fing er laut zu
lachen an, indem ihm noch immer die Tränen an den Backen
herunterliefen. Er freute sich einige Zeit herzlich, bis ihm der
Schimpf, den ihm der Stärkere angetan, wieder einfiel, da er denn von
neuem zu heulen und zu drohen anfing.
Wilhelm stand nachdenklich und beschämt vor dieser Szene. Er sah sein
eignes Innerstes mit starken und übertriebenen Zügen dargestellt; auch
er war von einer unüberwindlichen Eifersucht entzündet; auch er, wenn
ihn der Wohlstand nicht zurückgehalten hätte, würde gern seine wilde
Laune befriedigt, gern mit tückischer Schadenfreude den geliebten
Gegenstand verletzt und seinen Nebenbuhler ausgefordert haben; er
hätte die Menschen, die nur zu seinem Verdrusse dazusein schienen,
vertilgen mögen.
Laertes, der auch herbeigekommen war und die Geschichte vernommen
hatte, bestärkte schelmisch den aufgebrachten Knaben, als dieser
beteuerte und schwur: der Stallmeister müsse ihm Satisfaktion geben,
er habe noch keine Beleidigung auf sich sitzen lassen; weigere sich
der Stallmeister, so werde er sich zu rächen wissen.
Laertes war hier grade in seinem Fache. Er ging ernsthaft hinauf, den
Stallmeister im Namen des Knaben herauszufordern.
"Das ist lustig", sagte dieser; "einen solchen Spaß hätte ich mir heut
abend kaum vorgestellt." Sie gingen hinunter, und Philine folgte
ihnen. "Mein Sohn", sagte der Stallmeister zu Friedrichen, "du bist
ein braver Junge, und ich weigere mich nicht, mit dir zu fechten; nur
da die Ungleichheit unsrer Jahre und Kräfte die Sache ohnehin etwas
abenteuerlich macht, so schlage ich statt anderer Waffen ein Paar
Rapiere vor; wir wollen die Knöpfe mit Kreide bestreichen, und wer dem
andern den ersten oder die meisten Stöße auf den Rock zeichnet, soll
für den überwinder gehalten und von dem andern mit dem besten Weine,
der in der Stadt zu haben ist, traktiert werden."
Laertes entschied, daß dieser Vorschlag angenommen werden könnte;
Friedrich gehorchte ihm als seinem Lehrmeister. Die Rapiere kamen
herbei, Philine setzte sich hin, strickte und sah beiden Kämpfern mit
großer Gemütsruhe zu.
Der Stallmeister, der seht gut focht, war gefällig genug, seinen
Gegner zu schonen und sich einige Kreidenflecke auf den Rock bringen
zu lassen, worauf sie sich umarmten und Wein herbeigeschafft wurde.
Der Stallmeister wollte Friedrichs Herkunft und seine Geschichte
wissen, der denn ein Märchen erzählte, das er schon oft wiederholt
hatte und mit dem wir ein andermal unsre Leser bekannt zu machen
gedenken.
In Wilhelms Seele vollendete indessen dieser Zweikampf die Darstellung
seiner eigenen Gefühle: denn er konnte sich nicht leugnen, daß er das
Rapier, ja lieber noch einen Degen selbst gegen den Stallmeister zu
führen wünschte, wenn er schon einsah, daß ihm dieser in der
Fechtkunst weit überlegen sei. Doch würdigte er Philinen nicht eines
Blicks, hütete sich vor jeder äußerung, die seine Empfindung hätte
verraten können, und eilte, nachdem er einigemal auf die Gesundheit
der Kämpfer Bescheid getan, auf sein Zimmer, wo sich tausend
unangenehme Gedanken auf ihn zudrängten.
Er erinnerte sich der Zeit, in der sein Geist durch ein unbedingtes,
hoffnungsreiches Streben emporgehoben wurde, wo er in dem lebhaftesten
Genusse aller Art wie in einem Elemente schwamm. Es ward ihm deutlich,
wie er jetzt in ein unbestimmtes Schlendern geraten war, in welchem
er nur noch schlürfend kostete, was er sonst mit vollen Zügen
eingesogen hatte; aber deutlich konnte er nicht sehen, welches
unüberwindliche Bedürfnis ihm die Natur zum Gesetz gemacht hatte und
wie sehr dieses Bedürfnis durch Umstände nur gereizt, halb befriedigt
und irregeführt worden war.
Es darf also niemand wundern, wenn er bei Betrachtung seines Zustandes,
und indem er sich aus demselben herauszudenken arbeitete, in die
größte Verwirrung geriet. Es war nicht genug, daß er durch seine
Freundschaft zu Laertes, durch seine Neigung zu Philinen, durch seinen
Anteil an Mignon länger als billig an einem Orte und in einer
Gesellschaft festgehalten wurde, in welcher er seine Lieblingsneigung
hegen, gleichsam verstohlen seine Wünsche befriedigen und, ohne sich
einen Zweck vorzusetzen, seinen alten Träumen nachschleichen konnte.
Aus diesen Verhältnissen sich loszureißen und gleich zu scheiden,
glaubte er Kraft genug zu besitzen. Nun hatte er aber vor wenigen
Augenblicken sich mit Melina in ein Geldgeschäft eingelassen, er hatte
den rätselhaften Alten kennenlernen, welchen zu entziffern er eine
unbeschreibliche Begierde fühlte. Allein auch dadurch sich nicht
zurückhalten zu lassen, war er nach lang hin und her geworfenen
Gedanken entschlossen oder glaubte wenigstens entschlossen zu sein.
"Ich muß fort", rief er aus, "ich will fort!" Er warf sich in einen
Sessel und war sehr bewegt. Mignon trat herein und fragte, ob sie ihn
aufwickeln dürfe. Sie kam still; es schmerzte sie tief, daß er sie
heute so kurz abgefertigt hatte.
Nichts ist rührender, als wenn eine Liebe, die sich im stillen genährt,
eine Treue, die sich im verborgenen befestigt hat, endlich dem, der
ihrer bisher nicht wert gewesen, zur rechten Stunde nahe kommt und ihm
offenbar wird. Die lange und streng verschlossene Knospe war reif,
und Wilhelms Herz konnte nicht empfänglicher sein.
Sie stand vor ihm und sah seine Unruhe. "Herr!" rief sie aus, "wenn
du unglücklich bist, was soll aus Mignon werden?"--"Liebes Geschöpf",
sagte er, indem er ihre Hände nahm, "du bist auch mit unter meinen
Schmerzen.--Ich muß fort." Sie sah ihm in die Augen, die von
verhaltenen Tränen blinkten, und kniete mit Heftigkeit vor ihm nieder.
Er behielt ihre Hände, sie legte ihr Haupt auf seine Knie und war
ganz still. Er spielte mit ihren Haaren und war freundlich. Sie
blieb lange ruhig. Endlich fühlte er an ihr eine Art Zucken, das ganz
sachte anfing und sich durch alle Glieder wachsend verbreitete. "Was
ist dir, Mignon?" rief er aus, "was ist dir?" Sie richtete ihr
Köpfchen auf und sah ihn an, fuhr auf einmal nach dem Herzen, wie mit
einer Gebärde, welche Schmerzen verbeißt. Er hob sie auf, und sie
fiel auf seinen Schoß; er drückte sie an sich und küßte sie. Sie
antwortete durch keinen Händedruck, durch keine Bewegung. Sie hielt
ihr Herz fest, und auf einmal tat sie einen Schrei, der mit krampfigen
Bewegungen des Körpers begleitet war. Sie fuhr auf und fiel auch
sogleich wie an allen Gelenken gebrochen vor ihm nieder. Es war ein
gräßlicher Anblick! "Mein Kind!" rief er aus, indem er sie aufhob und
fest umarmte, "mein Kind, was ist dir?" Die Zuckung dauerte fort, die
vom Herzen sich den schlotternden Gliedern mitteilte; sie hing nur in
seinen Armen. Er schloß sie an sein Herz und benetzte sie mit seinen
Tränen. Auf einmal schien sie wieder angespannt, wie eins, das den
höchsten körperlichen Schmerz erträgt; und bald mit einer neuen
Heftigkeit wurden alle ihre Glieder wieder lebendig, und sie warf sich
ihm, wie ein Ressort, das zuschlägt, um den Hals, indem in ihrem
Innersten wie ein gewaltiger Riß geschah, und in dem Augenblicke floß
ein Strom von Tränen aus ihren geschlossenen Augen in seinen Busen.
Er hielt sie fest. Sie weinte, und keine Zunge spricht die Gewalt
dieser Tränen aus. Ihre langen Haare waren aufgegangen und hingen von
der Weinenden nieder, und ihr ganzes Wesen schien in einen Bach von
Tränen unaufhaltsam dahinzuschmelzen. Ihre starren Glieder wurden
gelinde, es ergoß sich ihr Innerstes, und in der Verirrung des
Augenblickes fürchtete Wilhelm, sie werde in seinen Armen zerschmelzen
und er nichts von ihr übrigbehalten. Er hielt sie nur fester und
fester. "Mein Kind!" rief er aus, "mein Kind! Du bist ja mein! Wenn
dich das Wort trösten kann. Du bist mein! Ich werde dich behalten,
dich nicht verlassen!" Ihre Tränen flossen noch immer. Endlich
richtete sie sich auf. Eine weiche Heiterkeit glänzte von ihrem
Gesichte. "Mein Vater!" rief sie, "du willst mich nicht verlassen!
willst mein Vater sein!--Ich bin dein Kind!"
Sanft fing vor der Türe die Harfe an zu klingen; der Alte brachte
seine herzlichsten Lieder dem Freunde zum Abendopfer, der, sein Kind
immer fester in Armen haltend, des reinsten, unbeschreiblichsten
Glückes genoß.
Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 2"
von Johann Wolfgang von Goethe.
*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM MEISTERS LEHRJAHRE — BAND 2 ***
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Title: Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 3
Author: Johann Wolfgang von Goethe
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Most recently updated: April 3, 2015
Language: German
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Credits: This etext was prepared by Michael Pullen
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM MEISTERS LEHRJAHRE — BAND 3 ***
This etext was prepared by Michael Pullen,
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Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 3
Johann Wolfgang von Goethe
Drittes Buch
Erstes Kapitel
Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht,
Kennst du es wohl?
Dahin! Dahin
Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn!
Kennst du das Haus, auf Säulen ruht sein Dach,
Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,
Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
Was hat man dir, du armes Kind, getan?
Kennst du es wohl?
Dahin! Dahin
Möcht ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn!
Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg,
In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut,
Es stürzt der Fels und über ihn die Flut:
Kennst du ihn wohl?
Dahin! Dahin
Geht unser Weg; o Vater, laß uns ziehn!
Als Wilhelm des Morgens sich nach Mignon im Hause umsah, fand er sie
nicht, hörte aber, daß sie früh mit Melina ausgegangen sei, welcher
sich, um die Garderobe und die übrigen Theatergerätschaften zu
übernehmen, beizeiten aufgemacht hatte.
Nach Verlauf einiger Stunden hörte Wilhelm Musik vor seiner Türe. Er
glaubte anfänglich, der Harfenspieler sei schon wieder zugegen; allein
er unterschied bald die Töne einer Zither, und die Stimme, welche zu
singen anfing, war Mignons Stimme. Wilhelm öffnete die Türe, das Kind
trat herein und sang das Lied, das wir soeben aufgezeichnet haben.
Melodie und Ausdruck gefielen unserm Freunde besonders, ob er gleich
die Worte nicht alle verstehen konnte. Er ließ sich die Strophen
wiederholen und erklären, schrieb sie auf und übersetzte sie ins
Deutsche. Aber die Originalität der Wendungen konnte er nur von ferne
nachahmen. Die kindliche Unschuld des Ausdrucks verschwand, indem die
gebrochene Sprache übereinstimmend und das Unzusammenhängende
verbunden ward. Auch konnte der Reiz der Melodie mit nichts
verglichen werden.
Sie fing jeden Vers feierlich und prächtig an, als ob sie auf etwas
Sonderbares aufmerksam machen, als ob sie etwas Wichtiges vortragen
wollte. Bei der dritten Zeile ward der Gesang dumpfer und düsterer;
das "Kennst du es wohl?" drückte sie geheimnisvoll und bedächtig aus;
in dem "Dahin! Dahin!" lag eine unwiderstehliche Sehnsucht, und ihr
"Laß uns ziehn!" wußte sie bei jeder Wiederholung dergestalt zu
modifizieren, daß es bald bittend und dringend, bald treibend und
vielversprechend war.
Nachdem sie das Lied zum zweitenmal geendigt hatte, hielt sie einen
Augenblick inne, sah Wilhelmen scharf an und fragte: "Kennst du das
Land?"--"Es muß wohl Italien gemeint sein", versetzte Wilhelm; "woher
hast du das Liedchen?"--"Italien!" sagte Mignon bedeutend, "gehst du
nach Italien, so nimm mich mit, es friert mich hier."--"Bist du schon
dort gewesen, liebe Kleine?" fragte Wilhelm.--Das Kind war still und
nichts weiter aus ihm zu bringen.
Melina, der hereinkam, besah die Zither und freute sich, daß sie schon
so hübsch zurechtgemacht sei. Das Instrument war ein Inventarienstück
der alten Garderobe. Mignon hatte sich's diesen Morgen ausgebeten,
der Harfenspieler bezog es sogleich, und das Kind entwickelte bei
dieser Gelegenheit ein Talent, das man an ihm bisher noch nicht kannte.
Melina hatte schon die Garderobe mit allem Zugehör übernommen; einige
Glieder des Stadtrats versprachen ihm gleich die Erlaubnis, einige
Zeit im Orte zu spielen. Mit frohem Herzen und erheitertem Gesicht
kam er nunmehr wieder zurück. Er schien ein ganz anderer Mensch zu
sein: denn er war sanft, höflich gegen jedermann, ja zuvorkommend und
einnehmend. Er wünschte sich Glück, daß er nunmehr seine Freunde, die
bisher verlegen und müßig gewesen, werde beschäftigen und auf eine
Zeitlang engagieren können, wobei er zugleich bedauerte, daß er
freilich zum Anfange nicht imstande sei, die vortrefflichen Subjekte,
die das Glück ihm zugeführt, nach ihren Fähigkeiten und Talenten zu
belohnen, da er seine Schuld einem so großmütigen Freunde, als Wilhelm
sich gezeigt habe, vor allen Dingen abtragen müsse.
"Ich kann Ihnen nicht ausdrücken", sagte Melina zu ihm, "welche
Freundschaft Sie mir erzeigen, indem Sie mir zur Direktion eines
Theaters verhelfen. Denn als ich Sie antraf, befand ich mich in einer
sehr wunderlichen Lage. Sie erinnern sich, wie lebhaft ich Ihnen bei
unsrer ersten Bekanntschaft meine Abneigung gegen das Theater sehen
ließ, und doch mußte ich mich, sobald ich verheiratet war, aus Liebe
zu meiner Frau, welche sich viel Freude und Beifall versprach, nach
einem Engagement umsehen. Ich fand keins, wenigstens kein beständiges,
dagegen aber glücklicherweise einige Geschäftsmänner, die eben in
außerordentlichen Fällen jemanden brauchen konnten, der mit der Feder
umzugehen wußte, Französisch verstand und im Rechnen nicht ganz
unerfahren war. So ging es mir eine Zeitlang recht gut, ich ward
leidlich bezahlt, schaffte mir manches an, und meine Verhältnisse
machten mir keine Schande. Allein die außerordentlichen Aufträge
meiner Gönner gingen zu Ende, an eine dauerhafte Versorgung war nicht
zu denken, und meine Frau verlangte nur desto eifriger nach dem
Theater, leider zu einer Zeit, wo ihre Umstände nicht die
vorteilhaftesten sind, um sich dem Publikum mit Ehren darzustellen.
Nun, hoffe ich, soll die Anstalt, die ich durch Ihre Hülfe einrichten
werde, für mich und die Meinigen ein guter Anfang sein, und ich
verdanke Ihnen mein künftiges Glück, es werde auch, wie es wolle."
Wilhelm hörte diese äußerungen mit Zufriedenheit an, und die
sämtlichen Schauspieler waren gleichfalls mit den Erklärungen des
neuen Direktors so ziemlich zufrieden, freuten sich heimlich, daß sich
so schnell ein Engagement zeige, und waren geneigt, für den Anfang mit
einer geringen Gage vorliebzunehmen, weil die meisten dasjenige, was
ihnen so unvermutet angeboten wurde, als einen Zuschuß ansahen, auf
den sie vor kurzem noch nicht Rechnung machen konnten. Melina war im
Begriff, diese Disposition zu benutzen, suchte auf eine geschickte
Weise jeden besonders zu sprechen und hatte bald den einen auf diese,
den andern auf eine andere Weise zu bereden gewußt, daß sie die
Kontrakte geschwind abzuschließen geneigt waren, über das neue
Verhältnis kaum nachdachten und sich schon gesichert glaubten, mit
sechswöchentlicher Aufkündigung wieder loskommen zu können.
Nun sollten die Bedingungen in gehörige Form gebracht werden, und
Melina dachte schon an die Stücke, mit denen er zuerst das Publikum
anlocken wollte, als ein Kurier dem Stallmeister die Ankunft der
Herrschaft verkündigte und dieser die untergelegten Pferde vorzuführen
befahl.
Bald darauf fuhr der hochbepackte Wagen, von dessen Bocke zwei
Bedienten heruntersprangen, vor dem Gasthause vor, und Philine war
nach ihrer Art am ersten bei der Hand und stellte sich unter die Türe.
"Wer ist Sie?" fragte die Gräfin im Hereintreten.
"Eine Schauspielerin, Ihro Exzellenz zu dienen", war die Antwort,
indem der Schalk mit einem gar frommen Gesichte und demütigen Gebärden
sich neigte und der Dame den Rock küßte.
Der Graf, der noch einige Personen umherstehen sah, die sich
gleichfalls für Schauspieler ausgaben, erkundigte sich nach der Stärke
der Gesellschaft, nach dem letzten Orte ihres Aufenthalts und ihrem
Direktor. "Wenn es Franzosen wären", sagte er zu seiner Gemahlin,
"könnten wir dem Prinzen eine unerwartete Freude machen und ihm bei
uns seine Lieblingsunterhaltung verschaffen."
"Es käme darauf an", versetzte die Gräfin, "ob wir nicht diese Leute,
wenn sie schon unglücklicherweise nur Deutsche sind, auf dem Schloß,
solange der Fürst bei uns bleibt, spielen ließen. Sie haben doch wohl
einige Geschicklichkeit. Eine große Sozietät läßt sich am besten
durch ein Theater unterhalten, und der Baron würde sie schon zustutzen."
Unter diesen Worten gingen sie die Treppe hinauf, und Melina
präsentierte sich oben als Direktor. "Ruf Er seine Leute zusammen",
sagte der Graf, "und stell Er sie mir vor, damit ich sehe, was an
ihnen ist. Ich will auch zugleich die Liste von den Stücken sehen,
die sie allenfalls aufführen könnten."
Melina eilte mit einem tiefen Bücklinge aus dem Zimmer und kam bald
mit den Schauspielern zurück. Sie drückten sich vor- und
hintereinander, die einen präsentierten sich schlecht, aus großer
Begierde zu gefallen, und die andern nicht besser, weil sie sich
leichtsinnig darstellten. Philine bezeigte der Gräfin, die
außerordentlich gnädig und freundlich war, alle Ehrfurcht; der Graf
musterte indes die übrigen. Er fragte einen jeden nach seinem Fache
und äußerte gegen Melina, daß man streng auf Fächer halten müsse,
welchen Ausspruch dieser in der größten Devotion aufnahm.
Der Graf bemerkte sodann einem jeden, worauf er besonders zu studieren,
was er an seiner Figur und Stellung zu bessern habe, zeigte ihnen
einleuchtend, woran es den Deutschen immer fehle, und ließ so
außerordentliche Kenntnisse sehen, daß alle in der größten Demut vor
so einem erleuchteten Kenner und erlauchten Beschützer standen und
kaum Atem zu holen sich getrauten.
"Wer ist der Mensch dort in der Ecke?" fragte der Graf, indem er nach
einem Subjekte sah, das ihm noch nicht vorgestellt worden war, und
eine hagre Figur nahte sich in einem abgetragenen, auf dem Ellbogen
mit Fleckchen besetzten Rocke; eine kümmerliche Perücke bedeckte das
Haupt des demütigen Klienten.
Dieser Mensch, den wir schon aus dem vorigen Buche als Philinens
Liebling kennen, pflegte gewöhnlich Pedanten, Magister und Poeten zu
spielen und meistens die Rolle zu übernehmen, wenn jemand Schläge
kriegen oder begossen werden sollte. Er hatte sich gewisse kriechende,
lächerliche, furchtsame Bücklinge angewöhnt, und seine stockende
Sprache, die zu seinen Rollen paßte, machte die Zuschauer lachen, so
daß er immer noch als ein brauchbares Glied der Gesellschaft angesehen
wurde, besonders da er übrigens sehr dienstfertig und gefällig war.
Er nahte sich auf seine Weise dem Grafen, neigte sich vor demselben
und beantwortete jede Frage auf die Art, wie er sich in seinen Rollen
auf dem Theater zu gebärden pflegte. Der Graf sah ihn mit gefälliger
Aufmerksamkeit und mit überlegung eine Zeitlang an, alsdann rief er,
indem er sich zu der Gräfin wendete: "Mein Kind, betrachte mit diesen
Mann genau; ich hafte dafür, das ist ein großer Schauspieler oder kann
es werden." Der Mensch machte von ganzem Herzen einen albernen
Bückling, so daß der Graf laut über ihn lachen mußte und ausrief: "Er
macht seine Sachen exzellent! Ich wette, dieser Mensch kann spielen,
was er will, und es ist schade, daß man ihn bisher zu nichts Besserm
gebraucht hat."
Ein so außerordentlicher Vorzug war für die übrigen sehr kränkend, nur
Melina empfand nichts davon, er gab vielmehr dem Grafen vollkommen
recht und versetzte mit ehrfurchtsvoller Miene: "Ach ja, es hat wohl
ihm und mehreren von uns nur ein solcher Kenner und eine solche
Aufmunterung gefehlt, wie wir sie gegenwärtig an Eurer Exzellenz
gefunden haben."
"Ist das die sämtliche Gesellschaft?" sagte der Graf.
"Es sind einige Glieder abwesend", versetzte der kluge Melina, "und
überhaupt könnten wir, wenn wir nur Unterstützung fänden, sehr bald
aus der Nachbarschaft vollzählig sein."
Indessen sagte Philine zur Gräfin: "Es ist noch ein recht hübscher
junger Mann oben, der sich gewiß bald zum ersten Liebhaber
qualifizieren würde."
"Warum läßt er sich nicht sehen?" versetzte die Gräfin.
"Ich will ihn holen", rief Philine und eilte zur Türe hinaus.
Sie fand Wilhelmen noch mit Mignon beschäftigt und beredete ihn, mit
herunterzugehen. Er folgte ihr mit einigem Unwillen, doch trieb ihn
die Neugier: denn da er von vornehmen Personen hörte, war er voll
Verlangen, sie näher kennenzulernen. Er trat ins Zimmer, und seine
Augen begegneten sogleich den Augen der Gräfin, die auf ihn gerichtet
waren. Philine zog ihn zu der Dame, indes der Graf sich mit den
übrigen beschäftigte. Wilhelm neigte sich und gab auf verschiedene
Fragen, welche die reizende Dame an ihn tat, nicht ohne Verwirrung
Antwort. Ihre Schönheit, Jugend, Anmut, Zierlichkeit und feines
Betragen machten den angenehmsten Eindruck auf ihn, um so mehr, da
ihre Reden und Gebärden mit einer gewissen Schamhaftigkeit, ja man
dürfte sagen Verlegenheit begleitet waren. Auch dem Grafen ward er
vorgestellt, der aber wenig acht auf ihn hatte, sondern zu seiner
Gemahlin ans Fenster trat und sie um etwas zu fragen schien. Man
konnte bemerken, daß ihre Meinung auf das lebhafteste mit der seinigen
übereinstimmte, ja daß sie ihn eifrig zu bitten und ihn in seiner
Gesinnung zu bestärken schien.
Er kehrte sich darauf bald zu der Gesellschaft und sagte: "Ich kann
mich gegenwärtig nicht aufhalten, aber ich will einen Freund zu euch
schicken, und wenn ihr billige Bedingungen macht und euch recht viel
Mühe geben wollt, so bin ich nicht abgeneigt, euch auf dem Schlosse
spielen zu lassen."
Alle bezeugten ihre große Freude darüber, und besonders küßte Philine
mit der größten Lebhaftigkeit der Gräfin die Hände.
"Sieht Sie, Kleine", sagte die Dame, indem sie dem leichtfertigen
Mädchen die Backen klopfte, "sieht Sie, mein Kind, da kommt Sie wieder
zu mir, ich will schon mein Versprechen halten, Sie muß sich nur
besser anziehen." Philine entschuldigte sich, daß sie wenig auf ihre
Garderobe zu verwenden habe, und sogleich befahl die Gräfin ihren
Kammerfrauen, einen englischen Hut und ein seidnes Halstuch, die
leicht auszupacken waren, heraufzugeben. Nun putzte die Gräfin selbst
Philinen an, die fortfuhr, sich mit einer scheinheiligen, unschuldigen
Miene gar artig zu gebärden und zu betragen.
Der Graf bot seiner Gemahlin die Hand und führte sie hinunter. Sie
grüßte die ganze Gesellschaft im Vorbeigehen freundlich und kehrte
sich nochmals gegen Wilhelmen um, indem sie mit der huldreichsten
Miene zu ihm sagte: "Wir sehen uns bald wieder."
So glückliche Aussichten belebten die ganze Gesellschaft; jeder ließ
nunmehr seinen Hoffnungen, Wünschen und Einbildungen freien Lauf,
sprach von den Rollen, die er spielen, von dem Beifall, den er
erhalten wollte. Melina überlegte, wie er noch geschwind durch einige
Vorstellungen den Einwohnern des Städtchens etwas Geld abnehmen und
zugleich die Gesellschaft in Atem setzen könne, indes andere in die
Küche gingen, um ein besseres Mittagsessen zu bestellen, als man sonst
einzunehmen gewohnt war.
III. Buch, 2. Kapitel
Zweites Kapitel
Nach einigen Tagen kam der Baron, und Melina empfing ihn nicht ohne
Furcht. Der Graf hatte ihn als einen Kenner angekündigt, und es war
zu besorgen, er werde gar bald die schwache Seite des kleinen Haufens
entdecken und einsehen, daß er keine formierte Truppe vor sich habe,
indem sie kaum ein Stück gehörig besetzen konnten; allein sowohl der
Direktor als die sämtlichen Glieder waren bald aus aller Sorge, da sie
an dem Baron einen Mann fanden, der mit dem größten Enthusiasmus das
vaterländische Theater betrachtete, dem ein jeder Schauspieler und
jede Gesellschaft willkommen und erfreulich war. Er begrüßte sie alle
mit Feierlichkeit, pries sich glücklich, eine deutsche Bühne so
unvermutet anzutreffen, mit ihr in Verbindung zu kommen und die
vaterländischen Musen in das Schloß seines Verwandten einzuführen. Er
brachte bald darauf ein Heft aus der Tasche, in welchem Melina die
Punkte des Kontraktes zu erblicken hoffte; allein es war ganz etwas
anderes. Der Baron bat sie, ein Drama, das er selbst verfertigt und
das er von ihnen gespielt zu sehen wünschte, mit Aufmerksamkeit
anzuhören. Willig schlossen sie einen Kreis und waren erfreut, mit so
geringen Kosten sich in der Gunst eines so notwendigen Mannes
befestigen zu können, obgleich ein jeder nach der Dicke des Heftes
übermäßig lange Zeit befürchtete. Auch war es wirklich so; das Stück
war in fünf Akten geschrieben und von der Art, die gar kein Ende nimmt.
Der Held war ein vornehmer, tugendhafter, großmütiger und dabei
verkannter und verfolgter Mann, der aber denn doch zuletzt den Sieg
über seine Feinde davontrug, über welche sodann die strengste
poetische Gerechtigkeit ausgeübt worden wäre, wenn er ihnen nicht auf
der Stelle verziehen hätte.
Indem dieses Stück vorgetragen wurde, hatte jeder Zuhörer Raum genug,
an sich selbst zu denken und ganz sachte aus der Demut, zu der er sich
noch vor kurzem geneigt fühlte, zu einer glücklichen
Selbstgefälligkeit emporzusteigen und von da aus die anmutigsten
Aussichten in die Zukunft zu überschauen. Diejenigen, die keine ihnen
angemessene Rolle in dem Stück fanden, erklärten es bei sich für
schlecht und hielten den Baron für einen unglücklichen Autor, dagegen
die andern eine Stelle, bei der sie beklatscht zu werden hofften, mit
dem größten Lobe zur möglichsten Zufriedenheit des Verfassers
verfolgten.
Mit dem ökonomischen waren sie geschwind fertig. Melina wußte zu
seinem Vorteil mit dem Baron den Kontrakt abzuschließen und ihn vor
den übrigen Schauspielern geheimzuhalten.
über Wilhelmen sprach Melina den Baron im Vorbeigehen und versicherte,
daß er sich sehr gut zum Theaterdichter qualifiziere und zum
Schauspieler selbst keine üblen Anlagen habe. Der Baron machte
sogleich mit ihm als einem Kollegen Bekanntschaft, und Wilhelm
produzierte einige kleine Stücke, die nebst wenigen Reliquien an jenem
Tage, als er den größten Teil seiner Arbeiten in Feuer aufgehen ließ,
durch einen Zufall gerettet wurden. Der Baron lobte sowohl die Stücke
als den Vortrag, nahm als bekannt an, daß er mit hinüber auf das
Schloß kommen würde, versprach bei seinem Abschiede allen die beste
Aufnahme, bequeme Wohnung, gutes Essen, Beifall und Geschenke, und
Melina setzte noch die Versicherung eines bestimmten Taschengeldes
hinzu.
Man kann denken, in welche gute Stimmung durch diesen Besuch die
Gesellschaft gesetzt war, indem sie statt eines ängstlichen und
niedrigen Zustandes auf einmal Ehre und Behagen vor sich sah. Sie
machten sich schon zum voraus auf jene Rechnung lustig, und jedes
hielt für unschicklich, nur noch irgendeinen Groschen Geld in der
Tasche zu behalten.
Wilhelm ging indessen mit sich zu Rate, ob er die Gesellschaft auf das
Schloß begleiten solle, und fand in mehr als einem Sinne rätlich,
dahin zu gehen. Melina hoffte, bei diesem vorteilhaften Engagement
seine Schuld wenigstens zum Teil abtragen zu können, und unser Freund,
der auf Menschenkenntnis ausging, wollte die Gelegenheit nicht
versäumen, die große Welt näher kennenzulernen, in der er viele
Aufschlüsse über das Leben, über sich selbst und die Kunst zu erlangen
hoffte. Dabei durfte er sich nicht gestehen, wie sehr er wünsche, der
schönen Gräfin wieder näher zu kommen. Er suchte sich vielmehr im
allgemeinen zu überzeugen, welchen großen Vorteil ihm die nähere
Kenntnis der vornehmen und reichen Welt bringen würde. Er machte
seine Betrachtungen über den Grafen, die Gräfin, den Baron, über die
Sicherheit, Bequemlichkeit und Anmut ihres Betragens und rief, als er
allein war, mit Entzücken aus:
"Dreimal glücklich sind diejenigen zu preisen, die ihre Geburt
sogleich über die untern Stufen der Menschheit hinaushebt; die durch
jene Verhältnisse, in welchen sich manche gute Menschen die ganze Zeit
ihres Lebens abängstigen, nicht durchzugehen, auch nicht einmal darin
als Gäste zu verweilen brauchen. Allgemein und richtig muß ihr Blick
auf dem höheren Standpunkte werden, leicht ein jeder Schritt ihres
Lebens! Sie sind von Geburt an gleichsam in ein Schiff gesetzt, um
bei der überfahrt, die wir alle machen müssen, sich des günstigen
Windes zu bedienen und den widrigen abzuwarten, anstatt daß andere nur
für ihre Person schwimmend sich abarbeiten, vom günstigen Winde wenig
Vorteil genießen und im Sturme mit bald erschöpften Kräften untergehen.
Welche Bequemlichkeit, welche Leichtigkeit gibt ein angebornes
Vermögen! und wie sicher blühet ein Handel, der auf ein gutes Kapital
gegründet ist, so daß nicht jeder mißlungene Versuch sogleich in
Untätigkeit versetzt! Wer kann den Wert und Unwert irdischer Dinge
besser kennen, als der sie zu genießen von Jugend auf im Falle war,
und wer kann seinen Geist früher auf das Notwendige, das Nützliche,
das Wahre leiten, als der sich von so vielen Irrtümern in einem Alter
überzeugen muß, wo es ihm noch an Kräften nicht gebricht, ein neues
Leben anzufangen!"
So rief unser Freund allen denenjenigen Glück zu, die sich in den
höheren Regionen befinden; aber auch denen, die sich einem solchen
Kreise nähern, aus diesen Quellen schöpfen können, und pries seinen
Genius, der Anstalt machte, auch ihn diese Stufen hinanzuführen.
Indessen mußte Melina, nachdem er lange sich den Kopf zerbrochen, wie
er nach dem Verlangen des Grafen und nach seiner eigenen überzeugung
die Gesellschaft in Fächer einteilen und einem jeden seine bestimmte
Mitwirkung übertragen wollte, zuletzt, da es an die Ausführung kam,
sehr zufrieden sein, wenn er bei einem so geringen Personal die
Schauspieler willig fand, sich nach Möglichkeit in diese oder jene
Rollen zu schicken. Doch übernahm gewöhnlich Laertes die Liebhaber,
Philine die Kammermädchen, die beiden jungen Frauenzimmer teilten sich
in die naiven und zärtlichen Liebhaberinnen, der alte Polterer ward am
besten gespielt. Melina selbst glaubte als Chevalier auftreten zu
dürfen, Madame Melina mußte zu ihrem größten Verdruß in das Fach der
jungen Frauen, ja sogar der zärtlichen Mütter übergehen, und weil in
den neuern Stücken nicht leicht mehr ein Pedant oder Poet, wenn er
auch vorkommen sollte, lächerlich gemacht wird, so mußte der bekannte
Günstling des Grafen nunmehr die Präsidenten und Minister spielen,
weil diese gewöhnlich als Bösewichter vorgestellt und im fünften Akte
übel behandelt werden. Ebenso steckte Melina mit Vergnügen als
Kammerjunker oder Kammerherr die Grobheiten ein, welche ihm von
biedern deutschen Männern hergebrachtermaßen in mehreren beliebten
Stücken aufgedrungen wurden, weil er sich doch bei dieser Gelegenheit
artig herausputzen konnte und das Air eines Hofmannes, das er
vollkommen zu besitzen glaubte, anzunehmen die Erlaubnis hatte.
Es dauerte nicht lange, so kamen von verschiedenen Gegenden mehrere
Schauspieler herbeigeflossen, welche ohne sonderliche Prüfung
angenommen, aber auch ohne sonderliche Bedingungen festgehalten wurden.
Wilhelm, den Melina vergebens einigemal zu einer Liebhaberrolle zu
bereden suchte, nahm sich der Sache mit vielem guten Willen an, ohne
daß unser neuer Direktor seine Bemühungen im mindesten anerkannte;
vielmehr glaubte dieser mit seiner Würde auch alle nötige Einsicht
überkommen zu haben; besonders war das Streichen eine seiner
angenehmsten Beschäftigungen, wodurch er ein jedes Stück auf das
gehörige Zeitmaß herunterzusetzen wußte, ohne irgendeine andere
Rücksicht zu nehmen. Er hatte viel Zuspruch, das Publikum war sehr
zufrieden, und die geschmackvollsten Einwohner des Städtchens
behaupteten, daß das Theater in der Residenz keinesweges so gut als
das ihre bestellt sei.
III. Buch, 3. Kapitel
Drittes Kapitel
Endlich kam die Zeit herbei, daß man sich zur überfahrt schicken, die
Kutschen und Wagen erwarten sollte, die unsere Truppe nach dem
Schlosse des Grafen hinüberzuführen bestellt waren. Schon zum voraus
fielen große Streitigkeiten vor, wer mit dem andern fahren, wie man
sitzen sollte. Die Ordnung und Einteilung ward endlich nur mit Mühe
ausgemacht und festgesetzt, doch leider ohne Wirkung. Zur bestimmten
Stunde kamen weniger Wagen, als man erwartet hatte, und man mußte sich
einrichten. Der Baron, der zu Pferde nicht lange hintendrein folgte,
gab zur Ursache an, daß im Schlosse alles in großer Bewegung sei, weil
nicht allein der Fürst einige Tage früher eintreffen werde, als man
geglaubt, sondern weil auch unerwarteter Besuch schon gegenwärtig
angelangt sei; der Platz gehe sehr zusammen, sie würden auch deswegen
nicht so gut logieren, als man es ihnen vorher bestimmt habe, welches
ihm außerordentlich leid tue.
Man teilte sich in die Wagen, so gut es gehen wollte, und da leidlich
Wetter und das Schloß nur einige Stunden entfernt war, machten sich
die Lustigsten lieber zu Fuße auf den Weg, als daß sie die Rückkehr
der Kutschen hätten abwarten sollen. Die Karawane zog mit
Freudengeschrei aus, zum erstenmal ohne Sorgen, wie der Wirt zu
bezahlen sei. Das Schloß des Grafen stand ihnen wie ein Feengebäude
vor der Seele, sie waren die glücklichsten und fröhlichsten Menschen
von der Welt, und jeder knüpfte unterwegs an diesen Tag, nach seiner
Art zu denken, eine Reihe von Glück, Ehre und Wohlstand.
Ein starker Regen, der unerwartet einfiel, konnte sie nicht aus diesen
angenehmen Empfindungen reißen; da er aber immer anhaltender und
stärker wurde, spürten viele von ihnen eine ziemliche Unbequemlichkeit.
Die Nacht kam herbei, und erwünschter konnte ihnen nichts erscheinen
als der durch alle Stockwerke erleuchtete Palast des Grafen, der ihnen
von einem Hügel entgegenglänzte, so daß sie die Fenster zählen konnten.
Als sie näher kamen, fanden sie auch alle Fenster der Seitengebäude
erhellet. Ein jeder dachte bei sich, welches wohl sein Zimmer werden
möchte, und die meisten begnügten sich bescheiden mit einer Stube in
der Mansarde oder den Flügeln.
Nun fuhren sie durch das Dorf und am Wirtshause vorbei. Wilhelm ließ
halten, um dort abzusteigen; allein der Wirt versicherte, daß er ihm
nicht den geringsten Raum anweisen könne. Der Herr Graf habe, weil
unvermutete Gäste angekommen, sogleich das ganze Wirtshaus besprochen,
an allen Zimmern stehe schon seit gestern mit Kreide deutlich
angeschrieben, wer darin wohnen solle. Wider seinen Willen mußte also
unser Freund mit der übrigen Gesellschaft zum Schloßhofe hineinfahren.
Um die Küchenfeuer in einem Seitengebäude sahen sie geschäftige Köche
sich hin und her bewegen und waren durch diesen Anblick schon erquickt;
eilig kamen Bediente mit Lichtern auf die Treppe des Hauptgebäudes
gesprungen, und das Herz der guten Wanderer quoll über diesen
Aussichten auf. Wie sehr verwunderten sie sich dagegen, als sich
dieser Empfang in ein entsetzliches Fluchen auflöste. Die Bedienten
schimpften auf die Fuhrleute, daß sie hier hereingefahren seien; sie
sollten umwenden, rief man, und wieder hinaus nach dem alten Schlosse
zu, hier sei kein Raum für diese Gäste! Einem so unfreundlichen und
unerwarteten Bescheide fügten sie noch allerlei Spöttereien hinzu und
lachten sich untereinander aus, daß sie durch diesen Irrtum in den
Regen gesprengt worden. Es goß noch immer, keine Sterne standen am
Himmel, und nun wurde die Gesellschaft durch einen holperichten Weg
zwischen zwei Mauern in das alte, hintere Schloß gezogen, welches
unbewohnt dastand, seit der Vater des Grafen das vordere gebaut hatte.
Teils im Hofe, teils unter einem langen, gewölbten Torwege hielten
die Wagen still, und die Fuhrleute, Anspanner aus dem Dorfe, spannten
aus und ritten ihrer Wege.
Da niemand zum Empfange der Gesellschaft sich zeigte, stiegen sie aus,
riefen, suchten, vergebens! Alles blieb finster und stille. Der Wind
blies durch das hohe Tor, und grauerlich waren die alten Türme und
Höfe, wovon sie kaum die Gestalten in der Finsternis unterschieden.
Sie froren und schauerten, die Frauen fürchteten sich, die Kinder
fingen an zu weinen, ihre Ungeduld vermehrte sich mit jedem
Augenblicke, und ein so schneller Glückswechsel, auf den niemand
vorbereitet war, brachte sie alle ganz und gar aus der Fassung.
Da sie jeden Augenblick erwarteten, daß jemand kommen und ihnen
aufschließen werde, da bald Regen, bald Sturm sie täuschte und sie
mehr als einmal den Tritt des erwünschten Schloßvogts zu hören
glaubten, blieben sie eine lange Zeit unmutig und untätig, es fiel
keinem ein, in das neue Schloß zu gehen und dort mitleidige Seelen um
Hülfe anzurufen. Sie konnten nicht begreifen, wo ihr Freund, der
Baron, geblieben sei, und waren in einer höchst beschwerlichen Lage.
Endlich kamen wirklich Menschen an, und man erkannte an ihren Stimmen
jene Fußgänger, die auf dem Wege hinter den Fahrenden zurückgeblieben
waren. Sie erzählten, daß der Baron mit dem Pferde gestürzt sei, sich
am Fuße stark beschädigt habe und daß man auch sie, da sie im Schlosse
nachgefragt, mit Ungestüm hieher gewiesen habe.
Die ganze Gesellschaft war in der größten Verlegenheit; man
ratschlagte, was man tun sollte, und konnte keinen Entschluß fassen.
Endlich sah man von weitem eine Laterne kommen und holte frischen Atem;
allein die Hoffnung einer baldigen Erlösung verschwand auch wieder,
indem die Erscheinung näher kam und deutlich ward. Ein Reitknecht
leuchtete dem bekannten Stallmeister des Grafen vor, und dieser
erkundigte sich, als er näher kam, sehr eifrig nach Mademoiselle
Philinen. Sie war kaum aus dem übrigen Haufen hervorgetreten, als er
ihr sehr dringend anbot, sie in das neue Schloß zu führen, wo ein
Plätzchen für sie bei den Kammerjungfern der Gräfin bereitet sei. Sie
besann sich nicht lange, das Anerbieten dankbar zu ergreifen, faßte
ihn bei dem Arme und wollte, da sie den andern ihren Koffer empfohlen,
mit ihm forteilen; allein man trat ihnen in den Weg, fragte, bat,
beschwor den Stallmeister, daß er endlich, um nur mit seiner Schönen
loszukommen, alles versprach und versicherte, in kurzem solle das
Schloß eröffnet und sie auf das beste einquartiert werden. Bald
darauf sahen sie den Schein seiner Laterne verschwinden und hofften
lange vergebens auf das neue Licht, das ihnen endlich nach vielem
Warten, Schelten und Schmähen erschien und sie mit einigem Troste und
Hoffnung belebte.
Ein alter Hausknecht eröffnete die Türe des alten Gebäudes, in das sie
mit Gewalt eindrangen. Ein jeder sorgte nun für seine Sachen, sie
abzupacken, sie hereinzuschaffen. Das meiste war, wie die Personen
selbst, tüchtig durchweicht. Bei dem einen Lichte ging alles sehr
langsam. Im Gebäude stieß man sich, stolperte, fiel. Man bat um mehr
Lichter, man bat um Feuerung. Der einsilbige Hausknecht ließ mit
genauer Not seine Laterne da, ging und kam nicht wieder.
Nun fing man an, das Haus zu durchsuchen; die Türen aller Zimmer waren
offen, große öfen, gewirkte Tapeten, eingelegte Fußböden waren von
seiner vorigen Pracht noch übrig, von anderm Hausgeräte aber nichts zu
finden, kein Tisch, kein Stuhl, kein Spiegel, kaum einige ungeheuere
leere Bettstellen, alles Schmuckes und alles Notwendigen beraubt. Die
nassen Koffer und Mantelsäcke wurden zu Sitzen gewählt, ein Teil der
müden Wandrer bequemte sich auf dem Fußboden, Wilhelm hatte sich auf
einige Stufen gesetzt, Mignon lag auf seinen Knien; das Kind war
unruhig, und auf seine Frage, was ihm fehlte, antwortete es: "Mich
hungert!" Er fand nichts bei sich, um das Verlangen des Kindes zu
stillen, die übrige Gesellschaft hatte jeden Vorrat auch aufgezehrt,
und er mußte die arme Kreatur ohne Erquickung lassen. Er blieb bei
dem ganzen Vorfalle untätig, still in sich gekehrt: denn er war sehr
verdrießlich und grimmig, daß er nicht auf seinem Sinne bestanden und
bei dem Wirtshause abgestiegen sei, wenn er auch auf dem obersten
Boden hätte sein Lager nehmen sollen.
Die übrigen gebärdeten sich jeder nach seiner Art. Einige hatten
einen Haufen altes Gehölz in einen ungeheuren Kamin des Saals
geschafft und zündeten mit großem Jauchzen den Scheiterhaufen an.
Unglücklicherweise ward auch diese Hoffnung, sich zu trocknen und zu
wärmen, auf das schrecklichste getäuscht, denn dieser Kamin stand nur
zur Zierde da und war von oben herein vermauert; der Dampf trat
schnell zurück und erfüllte auf einmal die Zimmer; das dürre Holz
schlug prasselnd in Flammen auf, und auch die Flamme ward
herausgetrieben; der Zug, der durch die zerbrochenen Fensterscheiben
drang, gab ihr eine unstete Richtung, man fürchtete das Schloß
anzuzünden, mußte das Feuer auseinanderziehen, austreten, dämpfen, der
Rauch vermehrte sich, der Zustand wurde unerträglicher, man kam der
Verzweiflung nahe.
Wilhelm war vor dem Rauch in ein entferntes Zimmer gewichen, wohin ihm
bald Mignon folgte und einen wohlgekleideten Bedienten, der eine hohe,
hellbrennende, doppelt erleuchtete Laterne trug, hereinführte; dieser
wendete sich an Wilhelmen, und indem er ihm auf einem schönen
porzellanenen Teller Konfekt und Früchte überreichte, sagte er: "Dies
schickt Ihnen das junge Frauenzimmer von drüben mit der Bitte, zur
Gesellschaft zu kommen; sie läßt sagen", setzte der Bediente mit einer
leichtfertigen Miene hinzu, "es geht ihr sehr wohl, und sie wünsche
ihre Zufriedenheit mit ihren Freunden zu teilen."
Wilhelm erwartete nichts weniger als diesen Antrag, denn er hatte
Philinen seit dem Abenteuer der steinernen Bank mit entschiedener
Verachtung begegnet und war so fest entschlossen, keine Gemeinschaft
mehr mit ihr zu machen, daß er im Begriff stand, die süße Gabe wieder
zurückzuschicken, als ein bittender Blick Mignons ihn vermochte, sie
anzunehmen und im Namen des Kindes dafür zu danken; die Einladung
schlug er ganz aus. Er bat den Bedienten, einige Sorge für die
angekommene Gesellschaft zu haben, und erkundigte sich nach dem Baron.
Dieser lag zu Bette, hatte aber schon, soviel der Bediente zu sagen
wußte, einem andern Auftrag gegeben, für die elend Beherbergten zu
sorgen.
Der Bediente ging und hinterließ Wilhelmen eins von seinen Lichtern,
das dieser in Ermanglung eines Leuchters auf das Fenstergesims kleben
mußte und nun wenigstens bei seinen Betrachtungen die vier Wände des
Zimmers erhellt sah. Denn es währte noch lange, ehe die Anstalten
rege wurden, die unsere Gäste zur Ruhe bringen sollten. Nach und nach
kamen Lichter, jedoch ohne Lichtputzen, dann einige Stühle, eine
Stunde darauf Deckbetten, dann Kissen, alles wohl durchnetzt, und es
war schon weit über Mitternacht, als endlich Strohsäcke und Matratzen
herbeigeschafft wurden, die, wenn man sie zuerst gehabt hätte, höchst
willkommen gewesen wären.
In der Zwischenzeit war auch etwas von Essen und Trinken angelangt,
das ohne viele Kritik genossen wurde, ob es gleich einem sehr
unordentlichen Abhub ähnlich sah und von der Achtung, die man für die
Gäste hatte, kein sonderliches Zeugnis ablegte.
III. Buch, 4. Kapitel
Viertes Kapitel
Durch die Unart und den übermut einiger leichtfertigen Gesellen
vermehrte sich die Unruhe und das übel der Nacht, indem sie sich
einander neckten, aufweckten und sich wechselsweise allerlei Streiche
spielten. Der andere Morgen brach an, unter lauten Klagen über ihren
Freund, den Baron, daß er sie so getäuscht und ihnen ein ganz anderes
Bild von der Ordnung und Bequemlichkeit, in die sie kommen würden,
gemacht habe. Doch zur Verwunderung und Trost erschien in aller Frühe
der Graf selbst mit einigen Bedienten und erkundigte sich nach ihren
Umständen. Er war sehr entrüstet, als er hörte, wie übel es ihnen
ergangen, und der Baron, der geführt herbeihinkte, verklagte den
Haushofmeister, wie befehlswidrig er sich bei dieser Gelegenheit
gezeigt, und glaubte ihm ein rechtes Bad angerichtet zu haben.
Der Graf befahl sogleich, daß alles in seiner Gegenwart zur
möglichsten Bequemlichkeit der Gäste geordnet werden solle. Darauf
kamen einige Offiziere, die von den Aktricen sogleich Kundschaft
nahmen, und der Graf ließ sich die ganze Gesellschaft vorstellen,
redete einen jeden bei seinem Namen an und mischte einige Scherze in
die Unterredung, daß alle über einen so gnädigen Herrn ganz entzückt
waren. Endlich mußte Wilhelm auch an die Reihe, an den sich Mignon
anhing. Wilhelm entschuldigte sich, so gut er konnte, über seine
Freiheit, der Graf hingegen schien seine Gegenwart als bekannt
anzunehmen.
Ein Herr, der neben dem Grafen stand, den man für einen Offizier hielt,
ob er gleich keine Uniform anhatte, sprach besonders mit unserm
Freunde und zeichnete sich vor allen andern aus. Große, hellblaue
Augen leuchteten unter einer hohen Stirne hervor, nachlässig waren
seine blonden Haare aufgeschlagen, und seine mittlere Statur zeigte
ein sehr wackres, festes und bestimmtes Wesen. Seine Fragen waren
lebhaft, und er schien sich auf alles zu verstehen, wonach er fragte.
Wilhelm erkundigte sich nach diesem Manne bei dem Baron, der aber
nicht viel Gutes von ihm zu sagen wußte. Er habe den Charakter als
Major, sei eigentlich der Günstling des Prinzen, versehe dessen
geheimste Geschäfte und werde für dessen rechten Arm gehalten, ja man
habe Ursache zu glauben, er sei sein natürlicher Sohn. In Frankreich,
England, Italien sei er mit Gesandtschaften gewesen, er werde überall
sehr distinguiert, und das mache ihn einbildisch; er wähne, die
deutsche Literatur aus dem Grunde zu kennen, und erlaube sich allerlei
schale Spöttereien gegen dieselbe. Er, der Baron, vermeide alle
Unterredung mit ihm, und Wilhelm werde wohl tun, sich auch von ihm
entfernt zu halten, denn am Ende gebe er jedermann etwas ab. Man
nenne ihn Jarno, wisse aber nicht recht, was man aus dem Namen machen
solle.
Wilhelm hatte darauf nichts zu sagen, denn er empfand gegen den
Fremden, ob er gleich etwas Kaltes und Abstoßendes hatte, eine gewisse
Neigung.
Die Gesellschaft wurde in dem Schlosse eingeteilt, und Melina befahl
sehr strenge, sie sollten sich nunmehr ordentlich halten, die Frauen
sollten besonders wohnen und jeder nur auf seine Rollen, auf die Kunst
sein Augenmerk und seine Neigung richten. Er schlug Vorschriften und
Gesetze, die aus vielen Punkten bestanden, an alle Türen. Die Summe
der Strafgelder war bestimmt, die ein jeder übertreter in eine gemeine
Büchse entrichten sollte.
Diese Verordnungen wurden wenig geachtet. Junge Offiziere gingen aus
und ein, spaßten nicht eben auf das feinste mit den Aktricen, hatten
die Akteure zum besten und vernichteten die ganze kleine
Polizeiordnung, noch ehe sie Wurzel fassen konnte. Man jagte sich
durch die Zimmer, verkleidete sich, versteckte sich. Melina, der
anfangs einigen Ernst zeigen wollte, ward mit allerlei Mutwillen auf
das äußerste gebracht, und als ihn bald darauf der Graf holen ließ, um
den Platz zu sehen, wo das Theater aufgerichtet werden sollte, ward
das übel nur immer ärger. Die jungen Herren ersannen sich allerlei
platte Späße, durch Hülfe einiger Akteure wurden sie noch plumper, und
es schien, als wenn das ganze alte Schloß vom wütenden Heere besessen
sei; auch endigte der Unfug nicht eher, als bis man zur Tafel ging.
Der Graf hatte Melinan in einen großen Saal geführt, der noch zum
alten Schlosse gehörte, durch eine Galerie mit dem neuen verbunden war
und worin ein kleines Theater sehr wohl aufgestellt werden konnte.
Daselbst zeigte der einsichtsvolle Hausherr, wie er alles wolle
eingerichtet haben.
Nun ward die Arbeit in großer Eile vorgenommen, das Theatergerüste
aufgeschlagen und ausgeziert, was man von Dekorationen in dem Gepäcke
hatte und brauchen konnte, angewendet und das übrige mit Hülfe einiger
geschickten Leute des Grafen verfertiget. Wilhelm griff selbst mit an,
half die Perspektive bestimmen, die Umrisse abschnüren und war höchst
beschäftigt, daß es nicht unschicklich werden sollte. Der Graf, der
öfters dazukam, war sehr zufrieden damit, zeigte, wie sie das, was sie
wirklich taten, eigentlich machen sollten, und ließ dabei ungemeine
Kenntnisse jeder Kunst sehen.
Nun fing das Probieren recht ernstlich an, wozu sie auch Raum und Muße
genug gehabt hätten, wenn sie nicht von den vielen anwesenden Fremden
immer gestört worden wären. Denn es kamen täglich neue Gäste an, und
ein jeder wollte die Gesellschaft in Augenschein nehmen.
III. Buch, 5. Kapitel
Fünftes Kapitel
Der Baron hatte Wilhelmen einige Tage mit der Hoffnung hingehalten,
daß er der Gräfin noch besonders vorgestellt werden sollte. "Ich
habe", sagte er, "dieser vortrefflichen Dame so viel von Ihren
geistreichen und empfindungsvollen Stücken erzählt, daß sie nicht
erwarten kann, Sie zu sprechen und sich eins und das andere vorlesen
zu lassen. Halten Sie sich ja gefaßt, auf den ersten Wink
hinüberzukommen, denn bei dem nächsten ruhigen Morgen werden Sie gewiß
gerufen werden." Er bezeichnete ihm darauf das Nachspiel, welches er
zuerst vorlesen sollte, wodurch er sich ganz besonders empfehlen würde.
Die Dame bedaure gar sehr, daß er zu einer solchen unruhigen Zeit
eingetroffen sei und sich mit der übrigen Gesellschaft in dem alten
Schlosse schlecht behelfen müsse.
Mit großer Sorgfalt nahm darauf Wilhelm das Stück vor, womit er seinen
Eintritt in die große Welt machen sollte. "Du hast", sagte er,
"bisher im stillen für dich gearbeitet, nur von einzelnen Freunden
Beifall erhalten; du hast eine Zeitlang ganz an deinem Talente
verzweifelt, und du mußt immer noch in Sorgen sein, ob du denn auch
auf dem rechten Wege bist und ob du soviel Talent als Neigung zum
Theater hast. Vor den Ohren solcher geübten Kenner, im Kabinette, wo
keine Illusion stattfindet, ist der Versuch weit gefährlicher als
anderwärts, und ich möchte doch auch nicht gerne zurückbleiben, diesen
Genuß an meine vorigen Freuden knüpfen und die Hoffnung auf die
Zukunft erweitern."
Er nahm darauf einige Stücke durch, las sie mit der größten
Aufmerksamkeit, korrigierte hier und da, rezitierte sie sich laut vor,
um auch in Sprache und Ausdruck recht gewandt zu sein, und steckte
dasjenige, welches er am meisten geübt, womit er die größte Ehre
einzulegen glaubte, in die Tasche, als er an einem Morgen hinüber vor
die Gräfin gefordert wurde.
Der Baron hatte ihm versichert, sie würde allein mit einer guten
Freundin sein. Als er in das Zimmer trat, kam die Baronesse von C***
ihm mit vieler Freundlichkeit entgegen, freute sich, seine
Bekanntschaft zu machen, und präsentierte ihn der Gräfin, die sich
eben frisieren ließ und ihn mit freundlichen Worten und Blicken
empfing, neben deren Stuhl er aber leider Philinen knien und allerlei
Torheiten machen sah. "Das schöne Kind", sagte die Baronesse, "hat
uns verschiedenes vorgesungen. Endige Sie doch das angefangene
Liedchen, damit wir nichts davon verlieren."
Wilhelm hörte das Stückchen mit großer Geduld an, indem er die
Entfernung des Friseurs wünschte, ehe er seine Vorlesung anfangen
wollte. Man bot ihm eine Tasse Schokolade an, wozu ihm die Baronesse
selbst den Zwieback reichte. Dessenungeachtet schmeckte ihm das
Frühstück nicht, denn er wünschte zu lebhaft, der schönen Gräfin
irgend etwas vorzutragen, was sie interessieren, wodurch er ihr
gefallen könnte. Auch Philine war ihm nur zu sehr im Wege, die ihm
als Zuhörerin oft schon unbequem gewesen war. Er sah mit Schmerzen
dem Friseur auf die Hände und hoffte in jedem Augenblicke mehr auf die
Vollendung des Baues.
Indessen war der Graf hereingetreten und erzählte von den heut zu
erwartenden Gästen, von der Einteilung des Tages, und was sonst etwa
Häusliches vorkommen möchte. Da er hinausging, ließen einige
Offiziere bei der Gräfin um die Erlaubnis bitten, ihr, weil sie noch
vor Tafel wegreisen müßten, aufwarten zu dürfen. Der Kammerdiener war
indessen fertig geworden, und sie ließ die Herren hereinkommen.
Die Baronesse gab sich inzwischen Mühe, unsern Freund zu unterhalten
und ihm viele Achtung zu bezeigen, die er mit Ehrfurcht, obgleich
etwas zerstreut, aufnahm. Er fühlte manchmal nach dem Manuskripte in
der Tasche, hoffte auf jeden Augenblick, und fast wollte seine Geduld
reißen, als ein Galanteriehändler hereingelassen wurde, der seine
Pappen, Kasten, Schachteln unbarmherzig eine nach der andern eröffnete
und jede Sorte seiner Waren mit einer diesem Geschlechte eigenen
Zudringlichkeit vorwies.
Die Gesellschaft vermehrte sich. Die Baronesse sah Wilhelmen an und
sprach leise mit der Gräfin; er bemerkte es, ohne die Absicht zu
verstehen, die ihm endlich zu Hause klar wurde, als er sich nach einer
ängstlich und vergebens durchharrten Stunde wegbegab. Er fand ein
schönes englisches Portefeuille in der Tasche. Die Baronesse hatte es
ihm heimlich beizustecken gewußt, und gleich darauf folgte der Gräfin
kleiner Mohr, der ihm eine artig gestickte Weste überbrachte, ohne
recht deutlich zu sagen, woher sie komme.
III. Buch, 6. Kapitel
Sechstes Kapitel
Das Gemisch der Empfindungen von Verdruß und Dankbarkeit verdarb ihm
den ganzen Rest des Tages, bis er gegen Abend wieder Beschäftigung
fand, indem Melina ihm eröffnete, der Graf habe von einem Vorspiele
gesprochen, das dem Prinzen zu Ehren den Tag seiner Ankunft aufgeführt
werden sollte. Er wolle darin die Eigenschaften dieses großen Helden
und Menschenfreundes personifizieret haben. Diese Tugenden sollten
miteinander auftreten, sein Lob verkündigen und zuletzt seine Büste
mit Blumen- und Lorbeerkränzen umwinden, wobei sein verzogener Name
mit dem Fürstenhute durchscheinend glänzen sollte. Der Graf habe ihm
aufgegeben, für die Versifikation und übrige Einrichtung dieses
Stückes zu sorgen, und er hoffe, daß ihm Wilhelm, dem es etwas
Leichtes sei, hierin gerne beistehen werde.
"Wie!" rief dieser verdrießlich aus, "haben wir nichts als Porträte,
verzogene Namen und allegorische Figuren, um einen Fürsten zu ehren,
der nach meiner Meinung ein ganz anderes Lob verdient? Wie kann es
einem vernünftigen Manne schmeicheln, sich in effigie aufgestellt und
seinen Namen auf geöltem Papiere schimmern zu sehen! Ich fürchte sehr,
die Allegorien würden, besonders bei unserer Garderobe, zu manchen
Zweideutigkeiten und Späßen Anlaß geben. Wollen Sie das Stück machen
oder machen lassen, so kann ich nichts dawider haben, nur bitte ich,
daß ich damit verschont bleibe."
Melina entschuldigte sich, es sei nur die ungefähre Angabe des Herrn
Grafen, der ihnen übrigens ganz überlasse, wie sie das Stück
arrangieren wollten. "Herzlich gerne", versetzte Wilhelm, "trage ich
etwas zum Vergnügen dieser vortrefflichen Herrschaft bei, und meine
Muse hat noch kein so angenehmes Geschäfte gehabt, als zum Lob eines
Fürsten, der so viel Verehrung verdient, auch nur stammelnd sich hören
zu lassen. Ich will der Sache nachdenken, vielleicht gelingt es mir,
unsre kleine Truppe so zu stellen, daß wir doch wenigstens einigen
Effekt machen."
Von diesem Augenblicke sann Wilhelm eifrig dem Auftrage nach. Ehe er
einschlief, hatte er alles schon ziemlich geordnet, und den andern
Morgen bei früher Zeit war der Plan fertig, die Szenen entworfen, ja
schon einige der vornehmsten Stellen und Gesänge in Verse und zu
Papiere gebracht.
Wilhelm eilte morgens gleich, den Baron wegen gewisser Umstände zu
sprechen, und legte ihm seinen Plan vor. Diesem gefiel er sehr wohl,
doch bezeigte er einige Verwunderung. Denn er hatte den Grafen
gestern abend von einem ganz andern Stücke sprechen hören, welches
nach seiner Angabe in Verse gebracht werden sollte.
"Es ist mir nicht wahrscheinlich", versetzte Wilhelm, "daß es die
Absicht des Herrn Grafen gewesen sei, gerade das Stück, so wie er es
Melinan angegeben, fertigen zu lassen: wenn ich nicht irre, so wollte
er uns bloß durch einen Fingerzeig auf den rechten Weg weisen. Der
Liebhaber und Kenner zeigt dem Künstler an, was er wünscht, und
überläßt ihm alsdann die Sorge, das Werk hervorzubringen."
"Mitnichten", versetzte der Baron; "der Herr Graf verläßt sich darauf,
daß das Stück so und nicht anders, wie er es angegeben, aufgeführt
werde. Das Ihrige hat freilich eine entfernte ähnlichkeit mit seiner
Idee, und wenn wir es durchsetzen und ihn von seinen ersten Gedanken
abbringen wollen, so müssen wir es durch die Damen bewirken.
Vorzüglich weiß die Baronesse dergleichen Operationen meisterhaft
anzulegen; es wird die Frage sein, ob ihr der Plan so gefällt, daß sie
sich der Sache annehmen mag, und dann wird es gewiß gehen."
"Wir brauchen ohnedies die Hülfe der Damen", sagte Wilhelm, "denn es
möchte unser Personal und unsere Garderobe zu der Ausführung nicht
hinreichen. Ich habe auf einige hübsche Kinder gerechnet, die im
Hause hin und wider laufen und die dem Kammerdiener und dem
Haushofmeister zugehören."
Darauf ersuchte er den Baron, die Damen mit seinem Plane bekannt zu
machen. Dieser kam bald zurück und brachte die Nachricht, sie wollten
ihn selbst sprechen. Heute abend, wenn die Herren sich zum Spiele
setzten, das ohnedies wegen der Ankunft eines gewissen Generals
ernsthafter werden würde als gewöhnlich, wollten sie sich unter dem
Vorwande einer Unpäßlichkeit in ihr Zimmer zurückziehen, er sollte
durch die geheime Treppe eingeführt werden und könne alsdann seine
Sache auf das beste vortragen. Diese Art von Geheimnis gebe der
Angelegenheit nunmehr einen doppelten Reiz, und die Baronesse
besonders freue sich wie ein Kind auf dieses Rendezvous und mehr noch
darauf, daß es heimlich und geschickt gegen den Willen des Grafen
unternommen werden sollte.
Gegen Abend um die bestimmte Zeit ward Wilhelm abgeholt und mit
Vorsicht hinaufgeführt. Die Art, mit der ihm die Baronesse in einem
kleinen Kabinette entgegenkam, erinnerte ihn einen Augenblick an
vorige glückliche Zeiten. Sie brachte ihn in das Zimmer der Gräfin,
und nun ging es an ein Fragen, an ein Untersuchen. Er legte seinen
Plan mit der möglichsten Wärme und Lebhaftigkeit vor, so daß die Damen
dafür ganz eingenommen wurden, und unsere Leser werden erlauben, daß
wir sie auch in der Kürze damit bekannt machen.
In einer ländlichen Szene sollten Kinder das Stück mit einem Tanze
eröffnen, der jenes Spiel vorstellte, wo eins herumgehen und dem
andern einen Platz abgewinnen muß. Darauf sollten sie mit andern
Scherzen abwechseln und zuletzt zu einem immer wiederkehrenden
Reihentanze ein fröhliches Lied singen. Darauf sollte der Harfner mit
Mignon herbeikommen, Neugierde erregen und mehrere Landleute
herbeilocken; der Alte sollte verschiedene Lieder zum Lobe des
Friedens, der Ruhe, der Freude singen und Mignon darauf den Eiertanz
tanzen.
In dieser unschuldigen Freude werden sie durch eine kriegerische Musik
gestört und die Gesellschaft von einem Trupp Soldaten überfallen. Die
Mannspersonen setzen sich zur Wehre und werden überwunden, die Mädchen
fliehen und werden eingeholt. Es scheint alles im Getümmel zugrunde
zu gehen, als eine Person, über deren Bestimmung der Dichter noch
ungewiß war, herbeikommt und durch die Nachricht, daß der Heerführer
nicht weit sei, die Ruhe wiederherstellt. Hier wird der Charakter des
Helden mit den schönsten Zügen geschildert, mitten unter den Waffen
Sicherheit versprochen, dem übermut und der Gewalttätigkeit Schranken
gesetzt. Es wird ein allgemeines Fest zu Ehren des großmütigen
Heerführers begangen.
Die Damen waren mit dem Plane sehr zufrieden, nur behaupteten sie, es
müsse notwendig etwas Allegorisches in dem Stücke sein, um es dem
Herrn Grafen angenehm zu machen. Der Baron tat den Vorschlag, den
Anführer der Soldaten als den Genius der Zwietracht und der
Gewalttätigkeit zu bezeichnen; zuletzt aber müsse Minerva herbeikommen,
ihm Fesseln anzulegen, Nachricht von der Ankunft des Helden zu geben
und dessen Lob zu preisen. Die Baronesse übernahm das Geschäft, den
Grafen zu überzeugen, daß der von ihm angegebene Plan, nur mit einiger
Veränderung, ausgeführt worden sei; dabei verlangte sie ausdrücklich,
daß am Ende des Stücks notwendig die Büste, der verzogene Namen und
der Fürstenhut erscheinen mußten, weil sonst alle Unterhandlung
vergeblich sein würde.
Wilhelm, der sich schon im Geiste vorgestellt hatte, wie fein er
seinen Helden aus dem Munde der Minerva preisen wollte, gab nur nach
langem Widerstande in diesem Punkte nach, allein er fühlte sich auf
eine sehr angenehme Weise gezwungen. Die schönen Augen der Gräfin und
ihr liebenswürdiges Betragen hätten ihn gar leicht bewogen, auch auf
die schönste und angenehmste Erfindung, auf die so erwünschte Einheit
einer Komposition und auf alle schicklichen Details Verzicht zu tun
und gegen sein poetisches Gewissen zu handeln. Ebenso stand auch
seinem bürgerlichen Gewissen ein harter Kampf bevor, indem bei
bestimmterer Austeilung der Rollen die Damen ausdrücklich darauf
bestanden, daß er mitspielen müsse.
Laertes hatte zu seinem Teil jenen gewalttätigen Kriegsgott erhalten.
Wilhelm sollte den Anführer der Landleute vorstellen, der einige sehr
artige und gefühlvolle Verse zu sagen hatte. Nachdem er sich eine
Zeitlang gesträubt, mußte er sich endlich doch ergeben; besonders fand
er keine Entschuldigung, da die Baronesse ihm vorstellte, die
Schaubühne hier auf dem Schlosse sei ohnedem nur als ein
Gesellschaftstheater anzusehen, auf dem sie gern, wenn man nur eine
schickliche Einleitung machen könnte, mitzuspielen wünschte. Darauf
entließen die Damen unsern Freund mit vieler Freundlichkeit. Die
Baronesse versicherte ihm, daß er ein unvergleichlicher Mensch sei,
und begleitete ihn bis an die kleine Treppe, wo sie ihm mit einem
Händedruck gute Nacht gab.
III. Buch, 7. Kapitel
Siebentes Kapitel
Befeuert durch den aufrichtigen Anteil, den die Frauenzimmer an der
Sache nahmen, ward der Plan, der ihm durch die Erzählung gegenwärtiger
geworden war, ganz lebendig. Er brachte den größten Teil der Nacht
und den andern Morgen mit der sorgfältigsten Versifikation des Dialogs
und der Lieder zu.
Er war so ziemlich fertig, als er in das neue Schloß gerufen wurde, wo
er hörte, daß die Herrschaft, die eben frühstückte, ihn sprechen
wollte. Er trat in den Saal, die Baronesse kam ihm wieder zuerst
entgegen, und unter dem Vorwande, als wenn sie ihm einen guten Morgen
bieten wollte, lispelte sie heimlich zu ihm: "Sagen Sie nichts von
Ihrem Stücke, als was Sie gefragt werden."
"Ich höre", rief ihm der Graf zu, "Sie sind recht fleißig und arbeiten
an meinem Vorspiele, das ich zu Ehren des Prinzen geben will. Ich
billige, daß Sie eine Minerva darin anbringen wollen, und ich denke
beizeiten darauf, wie die Göttin zu kleiden ist, damit man nicht gegen
das Kostüm verstößt. Ich lasse deswegen aus meiner Bibliothek alle
Bücher herbeibringen, worin sich das Bild derselben befindet."
In eben dem Augenblicke traten einige Bedienten mit großen Körben voll
Bücher allerlei Formats in den Saal.
Montfaucon, die Sammlungen antiker Statuen, Gemmen und Münzen, alle
Arten mythologischer Schriften wurden aufgeschlagen und die Figuren
verglichen. Aber auch daran war es noch nicht genug! Des Grafen
vortreffliches Gedächtnis stellte ihm alle Minerven vor, die etwa noch
auf Titelkupfern, Vignetten oder sonst vorkommen mochten. Es mußte
deshalb ein Buch nach dem andern aus der Bibliothek herbeigeschafft
werden, so daß der Graf zuletzt in einem Haufen von Büchern saß.
Endlich, da ihm keine Minerva mehr einfiel, rief er mit Lachen aus:
"Ich wollte wetten, daß nun keine Minerva mehr in der ganzen
Bibliothek sei, und es möchte wohl das erste Mal vorkommen, daß eine
Büchersammlung so ganz und gar des Bildes ihrer Schutzgöttin entbehren
muß."
Die ganze Gesellschaft freute sich über den Einfall, und besonders
Jarno, der den Grafen immer mehr Bücher herbeizuschaffen gereizt hatte,
lachte ganz unmäßig.
"Nunmehr", sagte der Graf, indem er sich zu Wilhelm wendete, "ist es
eine Hauptsache, welche Göttin meinen Sie? Minerva oder Pallas? die
Göttin des Krieges oder der Künste?"
"Sollte es nicht am schicklichsten sein, Euer Exzellenz", versetzte
Wilhelm, "wenn man hierüber sich nicht bestimmt ausdrückte und sie,
eben weil sie in der Mythologie eine doppelte Person spielt, auch hier
in doppelter Qualität erscheinen ließe? Sie meldet einen Krieger an,
aber nur, um das Volk zu beruhigen, sie preist einen Helden, indem sie
seine Menschlichkeit erhebt, sie überwindet die Gewalttätigkeit und
stellt die Freude und Ruhe unter dem Volke wieder her."
Die Baronesse, der es bange wurde, Wilhelm möchte sich verraten, schob
geschwinde den Leibschneider der Gräfin dazwischen, der seine Meinung
abgeben mußte, wie ein solcher antiker Rock auf das beste gefertiget
werden könnte. Dieser Mann, in Maskenarbeiten erfahren, wußte die
Sache sehr leicht zu machen, und da Madame Melina ungeachtet ihrer
hohen Schwangerschaft die Rolle der himmlischen Jungfrau übernommen
hatte, so wurde er angewiesen, ihr das Maß zu nehmen, und die Gräfin
bezeichnete, wiewohl mit einigem Unwillen ihrer Kammerjungfern, die
Kleider aus der Garderobe, welche dazu verschnitten werden sollten.
Auf eine geschickte Weise wußte die Baronesse Wilhelmen wieder
beiseite zu schaffen und ließ ihn bald darauf wissen, sie habe die
übrigen Sachen auch besorgt. Sie schickte ihm zugleich den Musikus,
der des Grafen Hauskapelle dirigierte, damit dieser teils die
notwendigen Stücke komponieren, teils schickliche Melodien aus dem
Musikvorrate dazu aussuchen sollte. Nunmehr ging alles nach Wunsche,
der Graf fragte dem Stücke nicht weiter nach, sondern war
hauptsächlich mit der transparenten Dekoration beschäftigt, welche am
Ende des Stückes die Zuschauer überraschen sollte. Seine Erfindung
und die Geschicklichkeit seines Konditors brachten zusammen wirklich
eine recht angenehme Erleuchtung zuwege. Denn auf seinen Reisen hatte
er die größten Feierlichkeiten dieser Art gesehen, viele Kupfer und
Zeichnungen mitgebracht und wußte, was dazu gehörte, mit vielem
Geschmacke anzugeben.
Unterdessen endigte Wilhelm sein Stück, gab einem jeden seine Rolle,
übernahm die seinige, und der Musikus, der sich zugleich sehr gut auf
den Tanz verstand, richtete das Ballett ein, und so ging alles zum
besten.
Nur ein unerwartetes Hindernis legte sich in den Weg, das ihm eine
böse Lücke zu machen drohte. Er hatte sich den größten Effekt von
Mignons Eiertanze versprochen, und wie erstaunt war er daher, als das
Kind ihm mit seiner gewöhnlichen Trockenheit abschlug zu tanzen,
versicherte, es sei nunmehr sein und werde nicht mehr auf das Theater
gehen. Er suchte es durch allerlei Zureden zu bewegen und ließ nicht
eher ab, als bis es bitterlich zu weinen anfing, ihm zu Füßen fiel und
rief: "Lieber Vater! bleib auch du von den Brettern!" Er merkte nicht
auf diesen Wink und sann, wie er durch eine andere Wendung die Szene
interessant machen wollte.
Philine, die eins von den Landmädchen machte und in dem Reihentanz die
einzelne Stimme singen und die Verse dem Chore zubringen sollte,
freute sich recht ausgelassen darauf. übrigens ging ihr es vollkommen
nach Wunsche, sie hatte ihr besonderes Zimmer, war immer um die Gräfin,
die sie mit ihren Affenpossen unterhielt und dafür täglich etwas
geschenkt bekam: ein Kleid zu diesem Stücke wurde auch für sie
zurechtegemacht; und weil sie von einer leichten, nachahmenden Natur
war, so hatte sie sich bald aus dem Umgange der Damen soviel gemerkt,
als sich für sie schickte, und war in kurzer Zeit voll Lebensart und
guten Betragens geworden. Die Sorgfalt des Stallmeisters nahm mehr zu
als ab, und da die Offiziere auch stark auf sie eindrangen und sie
sich in einem so reichlichen Elemente befand, fiel es ihr ein, auch
einmal die Spröde zu spielen und auf eine geschickte Weise sich in
einem gewissen vornehmen Ansehen zu üben. Kalt und fein, wie sie war,
kannte sie in acht Tagen die Schwächen des ganzen Hauses, daß, wenn
sie absichtlich hätte verfahren können, sie gar leicht ihr Glück würde
gemacht haben. Allein auch hier bediente sie sich ihres Vorteils nur,
um sich zu belustigen, um sich einen guten Tag zu machen und
impertinent zu sein, wo sie merkte, daß es ohne Gefahr geschehen
konnte.
Die Rollen waren gelernt, eine Hauptprobe des Stücks ward befohlen,
der Graf wollte dabeisein, und seine Gemahlin fing an zu sorgen, wie
er es aufnehmen möchte. Die Baronesse berief Wilhelmen heimlich, und
man zeigte, je näher die Stunde herbeirückte, immer mehr Verlegenheit:
denn es war doch eben ganz und gar nichts von der Idee des Grafen
übriggeblieben. Jarno, der eben hereintrat, wurde in das Geheimnis
gezogen. Es freute ihn herzlich, und er war geneigt, seine guten
Dienste den Damen anzubieten. "Es wäre gar schlimm", sagte er,
"gnädige Frau, wenn Sie sich aus dieser Sache nicht allein
heraushelfen wollten; doch auf alle Fälle will ich im Hinterhalte
liegenbleiben." Die Baronesse erzählte hierauf, wie sie bisher dem
Grafen das ganze Stück, aber nur immer stellenweise und ohne Ordnung
erzählt habe, daß er also auf jedes Einzelne vorbereitet sei, nur
stehe er freilich in Gedanken, das Ganze werde mit seiner Idee
zusammentreffen. "Ich will mich", sagte sie, "heute abend in der
Probe zu ihm setzen und ihn zu zerstreuen suchen. Den Konditor habe
ich auch schon vorgehabt, daß er ja die Dekorationen am Ende recht
schön macht, dabei aber doch etwas Geringes fehlen läßt."
"Ich wüßte einen Hof", versetzte Jarno, "wo wir so tätige und kluge
Freunde brauchten, als Sie sind. Will es heute abend mit Ihren
Künsten nicht mehr fort, so winken Sie mir, und ich will den Grafen
herausholen und ihn nicht eher wieder hineinlassen, bis Minerva
auftritt und von der Illumination bald Sukkurs zu hoffen ist. Ich
habe ihm schon seit einigen Tagen etwas zu eröffnen, das seinen Vetter
betrifft und das ich noch immer aus Ursachen aufgeschoben habe. Es
wird ihm auch das eine Distraktion geben, und zwar nicht die
angenehmste."
Einige Geschäfte hinderten den Grafen, beim Anfange der Probe zu sein,
dann unterhielt ihn die Baronesse. Jarnos Hülfe war gar nicht nötig.
Denn indem der Graf genug zurechtzuweisen, zu verbessern und
anzuordnen hatte, vergaß er sich ganz und gar darüber, und da Frau
Melina zuletzt nach seinem Sinne sprach und die Illumination gut
ausfiel, bezeigte er sich vollkommen zufrieden. Erst als alles vorbei
war und man zum Spiele ging, schien ihm der Unterschied aufzufallen,
und er fing an nachzudenken, ob denn das Stück auch wirklich von
seiner Erfindung sei. Auf einen Wink fiel nun Jarno aus seinem
Hinterhalte hervor, der Abend verging, die Nachricht, daß der Prinz
wirklich komme, bestätigte sich, man ritt einigemal aus, die
Avantgarde in der Nachbarschaft kampieren zu sehen, das Haus war voll
Lärmen und Unruhe, und unsere Schauspieler, die nicht immer zum besten
von den unwilligen Bedienten versorgt wurden, mußten, ohne daß jemand
sonderlich sich ihrer erinnerte, in dem alten Schlosse ihre Zeit in
Erwartungen und übungen zubringen.
III. Buch, 8. Kapitel
Achtes Kapitel
Endlich war der Prinz angekommen; die Generalität, die Stabsoffiziere
und das übrige Gefolge, das zu gleicher Zeit eintraf, die vielen
Menschen, die teils zum Besuche, teils geschäftswegen einsprachen,
machten das Schloß einem Bienenstocke ähnlich, der eben schwärmen will.
Jedermann drängte sich herbei, den vortrefflichen Fürsten zu sehen,
und jedermann bewunderte seine Leutseligkeit und Herablassung,
jedermann erstaunte, in dem Helden und Heerführer zugleich den
gefälligsten Hofmann zu erblicken.
Alle Hausgenossen mußten nach Ordre des Grafen bei der Ankunft des
Fürsten auf ihrem Posten sein, kein Schauspieler durfte sich blicken
lassen, weil der Prinz mit den vorbereiteten Feierlichkeiten
überrascht werden sollte, und so schien er auch des Abends, als man
ihn in den großen, wohlerleuchteten und mit gewirkten Tapeten des
vorigen Jahrhunderts ausgezierten Saal führte, ganz und gar nicht auf
ein Schauspiel, viel weniger auf ein Vorspiel zu seinem Lobe
vorbereitet zu sein. Alles lief auf das beste ab, und die Truppe
mußte nach vollendeter Vorstellung herbei und sich dem Prinzen zeigen,
der jeden auf die freundlichste Weise etwas zu fragen, jedem auf die
gefälligste Art etwas zu sagen wußte. Wilhelm als Autor mußte
besonders vortreten, und ihm ward gleichfalls sein Teil Beifall
zugespendet.
Nach dem Vorspiele fragte niemand sonderlich, in einigen Tagen war es,
als wenn nichts dergleichen wäre aufgeführt worden, außer daß Jarno
mit Wilhelmen gelegentlich davon sprach und es sehr verständig lobte;
nur setzte er hinzu: "Es ist schade, daß Sie mit hohlen Nüssen um
hohle Nüsse spielen."--Mehrere Tage lag Wilhelmen dieser Ausdruck im
Sinne, er wußte nicht, wie er ihn auslegen noch was er daraus nehmen
sollte.
Unterdessen spielte die Gesellschaft jeden Abend so gut, als sie es
nach ihren Kräften vermochte, und tat das mögliche, um die
Aufmerksamkeit der Zuschauer auf sich zu ziehen. Ein unverdienter
Beifall munterte sie auf, und in ihrem alten Schlosse glaubten sie nun
wirklich, eigentlich um ihretwillen dränge sich die große Versammlung
herbei, nach ihren Vorstellungen ziehe sich die Menge der Fremden und
sie seien der Mittelpunkt, um den und um deswillen sich alles drehe
und bewege.
Wilhelm allein bemerkte zu seinem großen Verdrusse gerade das
Gegenteil. Denn obgleich der Prinz die ersten Vorstellungen von
Anfange bis zu Ende auf seinem Sessel sitzend mit der größten
Gewissenhaftigkeit abwartete, so schien er sich doch nach und nach auf
eine gute Weise davon zu dispensieren. Gerade diejenigen, welche
Wilhelm im Gespräche als die Verständigsten gefunden hatte, Jarno an
ihrer Spitze, brachten nur flüchtige Augenblicke im Theatersaale zu,
übrigens saßen sie im Vorzimmer, spielten oder schienen sich von
Geschäften zu unterhalten.
Wilhelmen verdroß gar sehr, bei seinen anhaltenden Bemühungen des
erwünschtesten Beifalls zu entbehren. Bei der Auswahl der Stücke, der
Abschrift der Rollen, den häufigen Proben, und was sonst nur immer
vorkommen konnte, ging er Melinan eifrig zur Hand, der ihn denn auch,
seine eigene Unzulänglichkeit im stillen fühlend, zuletzt gewähren
ließ. Die Rollen memorierte Wilhelm mit Fleiß und trug sie mit Wärme
und Lebhaftigkeit und mit soviel Anstand vor, als die wenige Bildung
erlaubte, die er sich selbst gegeben hatte.
Die fortgesetzte Teilnahme des Barons benahm indes der übrigen
Gesellschaft jeden Zweifel, indem er sie versicherte, daß sie die
größten Effekte hervorbringe, besonders indem sie eins seiner eigenen
Stücke aufführte, nur bedauerte er, daß der Prinz eine ausschließende
Neigung für das französische Theater habe, daß ein Teil seiner Leute
hingegen, worunter sich Jarno besonders auszeichne, den Ungeheuern der
englischen Bühne einen leidenschaftlichen Vorzug gebe.
War nun auf diese Weise die Kunst unsrer Schauspieler nicht auf das
beste bemerkt und bewundert, so waren dagegen ihre Personen den
Zuschauern und Zuschauerinnen nicht völlig gleichgültig. Wir haben
schon oben angezeigt, daß die Schauspielerinnen gleich von Anfang die
Aufmerksamkeit junger Offiziere erregten; allein sie waren in der
Folge glücklicher und machten wichtigere Eroberungen. Doch wir
schweigen davon und bemerken nur, daß Wilhelm der Gräfin von Tag zu
Tag interessanter vorkam, so wie auch in ihm eine stille Neigung gegen
sie aufzukeimen anfing. Sie konnte, wenn er auf dem Theater war, die
Augen nicht von ihm abwenden, und er schien bald nur allein gegen sie
gerichtet zu spielen und zu rezitieren. Sich wechselseitig anzusehen
war ihnen ein unaussprechliches Vergnügen, dem sich ihre harmlosen
Seelen ganz überließen, ohne lebhaftere Wünsche zu nähren oder für
irgendeine Folge besorgt zu sein.
Wie über einen Fluß hinüber, der sie scheidet, zwei feindliche
Vorposten sich ruhig und lustig zusammen besprechen, ohne an den Krieg
zu denken, in welchem ihre beiderseitigen Parteien begriffen sind, so
wechselte die Gräfin mit Wilhelm bedeutende Blicke über die ungeheure
Kluft der Geburt und des Standes hinüber, und jedes glaubte an seiner
Seite, sicher seinen Empfindungen nachhängen zu dürfen.
Die Baronesse hatte sich indessen den Laertes ausgesucht, der ihr als
ein wackerer, munterer Jüngling besonders gefiel und der, sosehr
Weiberfeind er war, doch ein vorbeigehendes Abenteuer nicht
verschmähete und wirklich diesmal wider Willen durch die Leutseligkeit
und das einnehmende Wesen der Baronesse gefesselt worden wäre, hätte
ihm der Baron zufällig nicht einen guten oder, wenn man will, einen
schlimmen Dienst erzeigt, indem er ihn mit den Gesinnungen dieser Dame
näher bekannt machte.
Denn als Laertes sie einst laut rühmte und sie allen andern ihres
Geschlechts vorzog, versetzte der Baron scherzend: "Ich merke schon,
wie die Sachen stehen, unsre liebe Freundin hat wieder einen für ihre
Ställe gewonnen." Dieses unglückliche Gleichnis, das nur zu klar auf
die gefährlichen Liebkosungen einer Circe deutete, verdroß Laertes
über die Maßen, und er konnte dem Baron nicht ohne ärgernis zuhören,
der ohne Barmherzigkeit fortfuhr:
"Jeder Fremde glaubt, daß er der erste sei, dem ein so angenehmes
Betragen gelte; aber er irrt gewaltig, denn wir alle sind einmal auf
diesem Wege herumgeführt worden; Mann, Jüngling oder Knabe, er sei,
wer er sei, muß sich eine Zeitlang ihr ergeben, ihr anhängen und sich
mit Sehnsucht um sie bemühen."
Den Glücklichen, der eben, in die Gärten einer Zauberin hineintretend,
von allen Seligkeiten eines künstlichen Frühlings empfangen wird, kann
nichts unangenehmer überraschen, als wenn ihm, dessen Ohr ganz auf den
Gesang der Nachtigall lauscht, irgendein verwandelter Vorfahr
unvermutet entgegengrunzt.
Laertes schämte sich nach dieser Entdeckung recht von Herzen, daß ihn
seine Eitelkeit nochmals verleitet habe, von irgendeiner Frau auch nur
im mindesten gut zu denken. Er vernachlässigte sie nunmehr völlig,
hielt sich zu dem Stallmeister, mit dem er fleißig focht und auf die
Jagd ging, bei Proben und Vorstellungen aber sich betrug, als wenn
dies bloß eine Nebensache wäre.
Der Graf und die Gräfin ließen manchmal morgens einige von der
Gesellschaft rufen, da jeder denn immer Philinens unverdientes Glück
zu beneiden Ursache fand. Der Graf hatte seinen Liebling, den
Pedanten, oft stundenlang bei seiner Toilette. Dieser Mensch ward
nach und nach bekleidet und bis auf Uhr und Dose equipiert und
ausgestattet.
Auch wurde die Gesellschaft manchmal samt und sonders nach Tafel vor
die hohen Herrschaften gefordert. Sie schätzten sich es zur größten
Ehre und bemerkten es nicht, daß man zu ebenderselben Zeit durch Jäger
und Bediente eine Anzahl Hunde hereinbringen und Pferde im Schloßhofe
vorführen ließ.
Man hatte Wilhelmen gesagt, daß er ja gelegentlich des Prinzen
Liebling Racine loben und dadurch auch von sich eine gute Meinung
erwecken solle. Er fand dazu an einem solchen Nachmittage Gelegenheit,
da er auch mit vorgefordert worden war und der Prinz ihn fragte, ob
er auch fleißig die großen französischen Theaterschriftsteller lese,
darauf ihm denn Wilhelm mit einem sehr lebhaften ja antwortete. Er
bemerkte nicht, daß der Fürst, ohne seine Antwort abzuwarten, schon im
Begriff war, sich weg und zu jemand andern zu wenden, er faßte ihn
vielmehr sogleich und trat ihm beinah in den Weg, indem er fortfuhr:
er schätze das französische Theater sehr hoch und lese die Werke der
großen Meister mit Entzücken; besonders habe er zu wahrer Freude
gehört, daß der Fürst den großen Talenten eines Racine völlige
Gerechtigkeit widerfahren lasse. "Ich kann es mir vorstellen", fuhr
er fort, "wie vornehme und erhabene Personen einen Dichter schätzen
müssen, der die Zustände ihrer höheren Verhältnisse so vortrefflich
und richtig schildert. Corneille hat, wenn ich so sagen darf, große
Menschen dargestellt, und Racine vornehme Personen. Ich kann mir,
wenn ich seine Stücke lese, immer den Dichter denken, der an einem
glänzenden Hofe lebt, einen großen König vor Augen hat, mit den Besten
umgeht und in die Geheimnisse der Menschheit dringt, wie sie sich
hinter kostbar gewirkten Tapeten verbergen. Wenn ich seinen
"Britannicus", seine "Berenice" studiere, so kommt es mir wirklich vor,
ich sei am Hofe, sei in das Große und Kleine dieser Wohnungen der
irdischen Götter geweiht, und ich sehe durch die Augen eines
feinfühlenden Franzosen Könige, die eine ganze Nation anbetet,
Hofleute, die von viel Tausenden beneidet werden, in ihrer natürlichen
Gestalt mit ihren Fehlern und Schmerzen. Die Anekdote, daß Racine
sich zu Tode gegrämt habe, weil Ludwig der Vierzehnte ihn nicht mehr
angesehen, ihn seine Unzufriedenheit fühlen lassen, ist mir ein
Schlüssel zu allen seinen Werken, und es ist unmöglich, daß ein
Dichter von so großen Talenten, dessen Leben und Tod an den Augen
eines Königes hängt, nicht auch Stücke schreiben solle, die des
Beifalls eines Königes und eines Fürsten wert seien."
Jarno war herbeigetreten und hörte unserem Freunde mit Verwunderung zu;
der Fürst, der nicht geantwortet und nur mit einem gefälligen Blicke
seinen Beifall gezeigt hatte, wandte sich seitwärts, obgleich Wilhelm,
dem es noch unbekannt war, daß es nicht anständig sei, unter solchen
Umständen einen Diskurs fortzusetzen und eine Materie erschöpfen zu
wollen, noch gerne mehr gesprochen und dem Fürsten gezeigt hätte, daß
er nicht ohne Nutzen und Gefühl seinen Lieblingsdichter gelesen.
"Haben Sie denn niemals", sagte Jarno, indem er ihn beiseite nahm,
"ein Stück von Shakespearen gesehen?"
"Nein", versetzte Wilhelm, "denn seit der Zeit, daß sie in Deutschland
bekannter geworden sind, bin ich mit dem Theater unbekannt worden, und
ich weiß nicht, ob ich mich freuen soll, daß sich zufällig eine alte
jugendliche Liebhaberei und Beschäftigung gegenwärtig wieder erneuerte.
Indessen hat mich alles, was ich von jenen Stücken gehört, nicht
neugierig gemacht, solche seltsame Ungeheuer näher kennenzulernen, die
über alle Wahrscheinlichkeit, allen Wohlstand hinauszuschreiten
scheinen."
"Ich will Ihnen denn doch raten", versetzte jener, "einen Versuch zu
machen; es kann nichts schaden, wenn man auch das Seltsame mit eigenen
Augen sieht. Ich will Ihnen ein paar Teile borgen, und Sie können
Ihre Zeit nicht besser anwenden, als wenn Sie sich gleich von allem
losmachen und in der Einsamkeit Ihrer alten Wohnung in die
Zauberlaterne dieser unbekannten Welt sehen. Es ist sündlich, daß Sie
Ihre Stunden verderben, diese Affen menschlicher auszuputzen und diese
Hunde tanzen zu lehren. Nur eins bedinge ich mir aus, daß Sie sich an
die Form nicht stoßen; das übrige kann ich Ihrem richtigen Gefühle
überlassen."
Die Pferde standen vor der Tür, und Jarno setzte sich mit einigen
Kavalieren auf, um sich mit der Jagd zu erlustigen. Wilhelm sah ihm
traurig nach. Er hätte gern mit diesem Manne noch vieles gesprochen,
der ihm, wiewohl auf eine unfreundliche Art, neue Ideen gab, Ideen,
deren er bedurfte.
Der Mensch kommt manchmal, indem er sich einer Entwicklung seiner
Kräfte, Fähigkeiten und Begriffe nähert, in eine Verlegenheit, aus der
ihm ein guter Freund leicht helfen könnte. Er gleicht einem Wanderer,
der nicht weit von der Herberge ins Wasser fällt; griffe jemand
sogleich zu, risse ihn ans Land, so wäre es um einmal naß werden getan,
anstatt daß er sich auch wohl selbst, aber am jenseitigen Ufer,
heraushilft und einen beschwerlichen, weiten Umweg nach seinem
bestimmten Ziele zu machen hat.
Wilhelm fing an zu wittern, daß es in der Welt anders zugehe, als er
es sich gedacht. Er sah das wichtige und bedeutungsvolle Leben der
Vornehmen und Großen in der Nähe und verwunderte sich, wie einen
leichten Anstand sie ihm zu geben wußten. Ein Heer auf dem Marsche,
ein fürstlicher Held an seiner Spitze, so viele mitwirkende Krieger,
so viele zudringende Verehrer erhöhten seine Einbildungskraft. In
dieser Stimmung erhielt er die versprochenen Bücher, und in kurzem,
wie man es vermuten kann, ergriff ihn der Strom jenes großen Genius
und führte ihn einem unübersehlichen Meere zu, worin er sich gar bald
völlig vergaß und verlor.
III. Buch, 9. Kapitel
Neuntes Kapitel
Das Verhältnis des Barons zu den Schauspielern hatte seit ihrem
Aufenthalte im Schlosse verschiedene Veränderungen erlitten. Im
Anfange gereichte es zu beiderseitiger Zufriedenheit: denn indem der
Baron das erstemal in seinem Leben eines seiner Stücke, mit denen er
ein Gesellschaftstheater schon belebt hatte, in den Händen wirklicher
Schauspieler und auf dem Wege zu einer anständigen Vorstellung sah,
war er von dem besten Humor, bewies sich freigebig und kaufte bei
jedem Galanteriehändler, deren sich manche einstellten, kleine
Geschenke für die Schauspielerinnen und wußte den Schauspielern manche
Bouteille Champagner extra zu verschaffen; dagegen gaben sie sich auch
mit seinen Stücken alle Mühe, und Wilhelm sparte keinen Fleiß, die
herrlichen Reden des vortrefflichen Helden, dessen Rolle ihm
zugefallen war, auf das genaueste zu memorieren.
Indessen hatten sich doch auch nach und nach einige Mißhelligkeiten
eingeschlichen. Die Vorliebe des Barons für gewisse Schauspieler
wurde von Tag zu Tag merklicher, und notwendig mußte dies die übrigen
verdrießen. Er erhob seine Günstlinge ganz ausschließlich und brachte
dadurch Eifersucht und Uneinigkeit unter die Gesellschaft. Melina,
der sich bei streitigen Fällen ohnedem nicht zu helfen wußte, befand
sich in einem sehr unangenehmen Zustande. Die Gepriesenen nahmen das
Lob an, ohne sonderlich dankbar zu sein, und die Zurückgesetzten
ließen auf allerlei Weise ihren Verdruß spüren und wußten ihrem erst
hochverehrten Gönner den Aufenthalt unter ihnen auf eine oder die
andere Weise unangenehm zu machen; ja es war ihrer Schadenfreude keine
geringe Nahrung, als ein gewisses Gedicht, dessen Verfasser man nicht
kannte, im Schlosse viele Bewegung verursachte. Bisher hatte man sich
immer, doch auf eine ziemlich feine Weise, über den Umgang des Barons
mit den Komödianten aufgehalten, man hatte allerlei Geschichten auf
ihn gebracht, gewisse Vorfälle ausgeputzt und ihnen eine lustige und
interessante Gestalt gegeben. Zuletzt fing man an zu erzählen, es
entstehe eine Art von Handwerksneid zwischen ihm und einigen
Schauspielern, die sich auch einbildeten, Schriftsteller zu sein, und
auf diese Sage gründet sich das Gedicht, von welchem wir sprachen und
welches lautete wie folgt:
Ich armer Teufel, Herr Baron,
Beneide Sie um Ihren Stand,
Um Ihren Platz so nah am Thron
Und um manch schön' Stück Ackerland,
Um Ihres Vaters festes Schloß,
Um seine Wildbahn und Geschoß.
Mich armen Teufel, Herr Baron,
Beneiden Sie, so wie es scheint,
Weil die Natur vom Knaben schon
Mit mir es mütterlich gemeint.
Ich ward mit leichtem Mut und Kopf
Zwar arm, doch nicht ein armer Tropf.
Nun dächt ich, lieber Herr Baron,
Wir ließen's beide, wie wir sind:
Sie blieben des Herrn Vaters Sohn,
Und ich blieb' meiner Mutter Kind.
Wir leben ohne Neid und Haß,
Begehren nicht des andern Titel,
Sie keinen Platz auf dem Parnaß,
Und keinen ich in dem Kapitel.
Die Stimmen über dieses Gedicht, das in einigen fast unleserlichen
Abschriften sich in verschiedenen Händen befand, waren sehr geteilt,
auf den Verfasser aber wußte niemand zu mutmaßen, und als man mit
einiger Schadenfreude sich darüber zu ergötzen anfing, erklärte sich
Wilhelm sehr dagegen.
"Wir Deutschen", rief er aus, "verdienten, daß unsere Musen in der
Verachtung blieben, in der sie so lange geschmachtet haben, da wir
nicht Männer von Stande zu schätzen wissen, die sich mit unserer
Literatur auf irgendeine Weise abgeben mögen. Geburt, Stand und
Vermögen stehen in keinem Widerspruch mit Genie und Geschmack, das
haben uns fremde Nationen gelehrt, welche unter ihren besten Köpfen
eine große Anzahl Edelleute zählen. War es bisher in Deutschland ein
Wunder, wenn ein Mann von Geburt sich den Wissenschaften widmete,
wurden bisher nur wenige berühmte Namen durch ihre Neigung zu Kunst
und Wissenschaft noch berühmter; stiegen dagegen manche aus der
Dunkelheit hervor und traten wie unbekannte Sterne an den Horizont: so
wird das nicht immer so sein, und wenn ich mich nicht sehr irre, so
ist die erste Klasse der Nation auf dem Wege, sich ihrer Vorteile auch
zu Erringung des schönsten Kranzes der Musen in Zukunft zu bedienen.
Es ist mir daher nichts unangenehmer, als wenn ich nicht allein den
Bürger oft über den Edelmann, der die Musen zu schätzen weiß, spotten,
sondern auch Personen von Stande selbst, mit unüberlegter Laune und
niemals zu billigender Schadenfreude, ihresgleichen von einem Wege
abschrecken sehe, auf dem einen jeden Ehre und Zufriedenheit erwartet."
Es schien die letzte äußerung gegen den Grafen gerichtet zu sein, von
welchem Wilhelm gehört hatte, daß er das Gedicht wirklich gut finde.
Freilich war diesem Herrn, der immer auf seine Art mit dem Baron zu
scherzen pflegte, ein solcher Anlaß sehr erwünscht, seinen Verwandten
auf alle Weise zu plagen. Jedermann hatte seine eigenen Mutmaßungen,
wer der Verfasser des Gedichtes sein könnte, und der Graf, der sich
nicht gern im Scharfsinn von jemand übertroffen sah, fiel auf einen
Gedanken, den er sogleich zu beschwören bereit war: das Gedicht könnte
sich nur von seinem Pedanten herschreiben, der ein sehr feiner Bursche
sei und an dem er schon lange so etwas poetisches Genie gemerkt habe.
Um sich ein rechtes Vergnügen zu machen, ließ er deswegen an einem
Morgen diesen Schauspieler rufen, der ihm in Gegenwart der Gräfin, der
Baronesse und Jarnos das Gedicht nach seiner Art vorlesen mußte und
dafür Lob, Beifall und ein Geschenk einerntete und die Frage des
Grafen, ob er nicht sonst noch einige Gedichte von frühern Zeiten
besitze, mit Klugheit abzulehnen wußte. So kam der Pedant zum Rufe
eines Dichters, eines Witzlings und in den Augen derer, die dem Baron
günstig waren, eines Pasquillanten und schlechten Menschen. Von der
Zeit an applaudierte ihm der Graf nur immer mehr, er mochte seine
Rolle spielen, wie er wollte, so daß der arme Mensch zuletzt
aufgeblasen, ja beinahe verrückt wurde und darauf sann, gleich
Philinen ein Zimmer im Schlosse zu beziehen.
Wäre dieser Plan sogleich zu vollführen gewesen, so möchte er einen
großen Unfall vermieden haben. Denn als er eines Abends spät nach dem
alten Schlosse ging und in dem dunkeln, engen Wege herumtappte, ward
er auf einmal angefallen, von einigen Personen festgehalten, indessen
andere auf ihn wacker losschlugen und ihn im Finstern so zerdraschen,
daß er beinahe liegenblieb und nur mit Mühe zu seinen Kameraden
hinaufkroch, die, sosehr sie sich entrüstet stellten, über diesen
Unfall ihre heimliche Freude fühlten und sich kaum des Lachens
erwehren konnten, als sie ihn so wohl durchwalkt und seinen neuen
braunen Rock über und über weiß, als wenn er mit Müllern Händel gehabt,
bestäubt und befleckt sahen.
Der Graf, der sogleich hiervon Nachricht erhielt, brach in einen
unbeschreiblichen Zorn aus. Er behandelte diese Tat als das größte
Verbrechen, qualifizierte sie zu einem beleidigten Burgfrieden und
ließ durch seinen Gerichtshalter die strengste Inquisition vornehmen.
Der weißbestäubte Rock sollte eine Hauptanzeige geben. Alles, was nur
irgend mit Puder und Mehl im Schlosse zu schaffen haben konnte, wurde
mit in die Untersuchung gezogen, jedoch vergebens.
Der Baron versicherte bei seiner Ehre feierlich: jene Art zu scherzen
habe ihm freilich sehr mißfallen, und das Betragen des Herrn Grafen
sei nicht das freundschaftlichste gewesen, aber er habe sich darüber
hinauszusetzen gewußt, und an dem Unfall, der dem Poeten oder
Pasquillanten, wie man ihn nennen wolle, begegnet, habe er nicht den
mindesten Anteil.
Die übrigen Bewegungen der Fremden und die Unruhe des Hauses brachten
bald die ganze Sache in Vergessenheit, und der unglückliche Günstling
mußte das Vergnügen, fremde Federn eine kurze Zeit getragen zu haben,
teuer bezahlen.
Unsere Truppe, die regelmäßig alle Abende fortspielte und im ganzen
sehr wohl gehalten wurde, fing nun an, je besser es ihr ging, desto
größere Anforderungen zu machen. In kurzer Zeit war ihnen Essen,
Trinken, Aufwartung, Wohnung zu gering, und sie lagen ihrem Beschützer,
dem Baron, an, daß er für sie besser sorgen und ihnen zu dem Genusse
und der Bequemlichkeit, die er ihnen versprochen, doch endlich
verhelfen solle. Ihre Klagen wurden lauter und die Bemühungen ihres
Freundes, ihnen genugzutun, immer fruchtloser.
Wilhelm kam indessen, außer in Proben und Spielstunden, wenig mehr zum
Vorscheine. In einem der hintersten Zimmer verschlossen, wozu nur
Mignon und dem Harfner der Zutritt gerne verstattet wurde, lebte und
webte er in der Shakespearischen Welt, so daß er außer sich nichts
kannte noch empfand.
Man erzählt von Zauberern, die durch magische Formeln eine ungeheure
Menge allerlei geistiger Gestalten in ihre Stube herbeiziehen. Die
Beschwörungen sind so kräftig, daß sich bald der Raum des Zimmers
ausfüllt und die Geister, bis an den kleinen gezogenen Kreis
hinangedrängt, um denselben und über dem Haupte des Meisters in ewig
drehender Verwandlung sich bewegend vermehren. Jeder Winkel ist
vollgepfropft und jedes Gesims besetzt. Eier dehnen sich aus, und
Riesengestalten ziehen sich in Pilze zusammen. Unglücklicherweise hat
der Schwarzkünstler das Wort vergessen, womit er diese Geisterflut
wieder zur Ebbe bringen könnte.--So saß Wilhelm, und mit unbekannter
Bewegung wurden tausend Empfindungen und Fähigkeiten in ihm rege, von
denen er keinen Begriff und keine Ahnung gehabt hatte. Nichts konnte
ihn aus diesem Zustande reißen, und er war sehr unzufrieden, wenn
irgend jemand zu kommen Gelegenheit nahm, um ihn von dem, was auswärts
vorging, zu unterhalten.
So merkte er kaum auf, als man ihm die Nachricht brachte, es sollte in
dem Schloßhofe eine Exekution vorgehen und ein Knabe gestäupt werden,
der sich eines nächtlichen Einbruchs verdächtig gemacht habe und, da
er den Rock eines Perückenmachers trage, wahrscheinlich mit unter den
Meuchlern gewesen sei. Der Knabe leugne zwar auf das hartnäckigste,
und man könne ihn deswegen nicht förmlich bestrafen, wolle ihm aber
als einem Vagabunden einen Denkzettel geben und ihn weiterschicken,
weil er einige Tage in der Gegend herumgeschwärmt sei, sich des Nachts
in den Mühlen aufgehalten, endlich eine Leiter an eine Gartenmauer
angelehnt habe und herübergestiegen sei.
Wilhelm fand an dem ganzen Handel nichts sonderlich merkwürdig, als
Mignon hastig hereinkam und ihm versicherte, der Gefangene sei
Friedrich, der sich seit den Händeln mit dem Stallmeister von der
Gesellschaft und aus unsern Augen verloren hatte.
Wilhelm, den der Knabe interessierte, machte sich eilends auf und fand
im Schloßhofe schon Zurüstungen. Denn der Graf liebte die
Feierlichkeit auch in dergleichen Fällen. Der Knabe wurde
herbeigebracht: Wilhelm trat dazwischen und bat, daß man innehalten
möchte, indem er den Knaben kenne und vorher erst verschiedenes
seinetwegen anzubringen habe. Er hatte Mühe, mit seinen Vorstellungen
durchzudringen, und erhielt endlich die Erlaubnis, mit dem
Delinquenten allein zu sprechen. Dieser versicherte, von dem
überfalle, bei dem ein Akteur sollte gemißhandelt worden sein, wisse
er gar nichts. Er sei nur um das Schloß herumgestreift und des Nachts
hereingeschlichen, um Philinen aufzusuchen, deren Schlafzimmer er
ausgekundschaftet gehabt und es auch gewiß würde getroffen haben, wenn
er nicht unterwegs aufgefangen worden wäre.
Wilhelm, der, zur Ehre der Gesellschaft, das Verhältnis nicht gerne
entdecken wollte, eilte zu dem Stallmeister und bat ihn, nach seiner
Kenntnis der Personen und des Hauses diese Angelegenheit zu vermitteln
und den Knaben zu befreien.
Dieser launige Mann erdachte unter Wilhelms Beistand eine kleine
Geschichte, daß der Knabe zur Truppe gehört habe, von ihr entlaufen
sei, doch wieder gewünscht, sich bei ihr einzufinden und aufgenommen
zu werden. Er habe deswegen die Absicht gehabt, bei Nachtzeit einige
seiner Gönner aufzusuchen und sich ihnen zu empfehlen. Man bezeugte
übrigens, daß er sich sonst gut aufgeführt, die Damen mischten sich
darein, und er ward entlassen.
Wilhelm nahm ihn auf, und er war nunmehr die dritte Person der
wunderbaren Familie, die Wilhelm seit einiger Zeit als seine eigene
ansah. Der Alte und Mignon nahmen den Wiederkehrenden freundlich auf,
und alle drei verbanden sich nunmehr, ihrem Freunde und Beschützer
aufmerksam zu dienen und ihm etwas Angenehmes zu erzeigen.
III. Buch, 10. Kapitel
Zehntes Kapitel
Philine wußte sich nun täglich besser bei den Damen einzuschmeicheln.
Wenn sie zusammen allein waren, leitete sie meistenteils das Gespräch
auf die Männer, welche kamen und gingen, und Wilhelm war nicht der
letzte, mit dem man sich beschäftigte. Dem klugen Mädchen blieb es
nicht verborgen, daß er einen tiefen Eindruck auf das Herz der Gräfin
gemacht habe; sie erzählte daher von ihm, was sie wußte und nicht
wußte; hütete sich aber, irgend etwas vorzubringen, das man zu seinem
Nachteil hätte deuten können, und rühmte dagegen seinen Edelmut, seine
Freigebigkeit und besonders seine Sittsamkeit im Betragen gegen das
weibliche Geschlecht. Alle übrigen Fragen, die an sie geschahen,
beantwortete sie mit Klugheit, und als die Baronesse die zunehmende
Neigung ihrer schönen Freundin bemerkte, war auch ihr diese Entdeckung
sehr willkommen. Denn ihre Verhältnisse zu mehrern Männern, besonders
in diesen letzten Tagen zu Jarno, blieben der Gräfin nicht verborgen,
deren reine Seele einen solchen Leichtsinn nicht ohne Mißbilligung und
ohne sanften Tadel bemerken konnte.
Auf diese Weise hatte die Baronesse sowohl als Philine jede ein
besonderes Interesse, unsern Freund der Gräfin näherzubringen, und
Philine hoffte noch überdies, bei Gelegenheit wieder für sich zu
arbeiten und die verlorne Gunst des jungen Mannes sich wo möglich
wieder zu erwerben.
Eines Tags, als der Graf mit der übrigen Gesellschaft auf die Jagd
geritten war und man die Herren erst den andern Morgen zurückerwartete,
ersann sich die Baronesse einen Scherz, der völlig in ihrer Art war;
denn sie liebte die Verkleidungen und kam, um die Gesellschaft zu
überraschen, bald als Bauermädchen, bald als Page, bald als
Jägerbursche zum Vorschein. Sie gab sich dadurch das Ansehn einer
kleinen Fee, die überall und gerade da, wo man sie am wenigsten
vermutet, gegenwärtig ist. Nichts glich ihrer Freude, wenn sie
unerkannt eine Zeitlang die Gesellschaft bedient oder sonst unter ihr
gewandelt hatte und sie sich zuletzt auf eine scherzhafte Weise zu
entdecken wußte.
Gegen Abend ließ sie Wilhelmen auf ihr Zimmer fordern, und da sie eben
noch etwas zu tun hatte, sollte Philine ihn vorbereiten.
Er kam und fand nicht ohne Verwunderung statt der gnädigen Frauen das
leichtfertige Mädchen im Zimmer. Sie begegnete ihm mit einer gewissen
anständigen Freimütigkeit, in der sie sich bisher geübt hatte, und
nötigte ihn dadurch gleichfalls zur Höflichkeit.
Zuerst scherzte sie im allgemeinen über das gute Glück, das ihn
verfolge und ihn auch, wie sie wohl merke, gegenwärtig hierhergebracht
habe; sodann warf sie ihm auf eine angenehme Art sein Betragen vor,
womit er sie bisher gequält habe, schalt und beschuldigte sich selbst,
gestand, daß sie sonst wohl so seine Begegnung verdient, machte eine
so aufrichtige Beschreibung ihres Zustandes, den sie den vorigen
nannte, und setzte hinzu, daß sie sich selbst verachten müsse, wenn
sie nicht fähig wäre, sich zu ändern und sich seiner Freundschaft wert
zu machen.
Wilhelm war über diese Rede betroffen. Er hatte zu wenig Kenntnis der
Welt, um zu wissen, daß eben ganz leichtsinnige und der Besserung
unfähige Menschen sich oft am lebhaftesten anklagen, ihre Fehler mit
großer Freimütigkeit bekennen und bereuen, ob sie gleich nicht die
mindeste Kraft in sich haben, von dem Wege zurückzutreten, auf den
eine übermächtige Natur sie hinreißt. Er konnte daher nicht
unfreundlich gegen die zierliche Sünderin bleiben; er ließ sich mit
ihr in ein Gespräch ein und vernahm von ihr den Vorschlag zu einer
sonderbaren Verkleidung, womit man die schöne Gräfin zu überraschen
gedachte.
Er fand dabei einiges Bedenken, das er Philinen nicht verhehlte;
allein die Baronesse, welche in dem Augenblick hereintrat, ließ ihm
keine Zeit zu Zweifeln übrig, sie zog ihn vielmehr mit sich fort,
indem sie versicherte, es sei eben die rechte Stunde.
Es war dunkel geworden, und sie führte ihn in die Garderobe des Grafen,
ließ ihn seinen Rock ausziehen und in den seidnen Schlafrock des
Grafen hineinschlüpfen, setzte ihm darauf die Mütze mit dem roten
Bande auf, führte ihn ins Kabinett und hieß ihn sich in den großen
Sessel setzen und ein Buch nehmen, zündete die Argandische Lampe
selbst an, die vor ihm stand, und unterrichtete ihn, was er zu tun und
was er für eine Rolle zu spielen habe.
Man werde, sagte sie, der Gräfin die unvermutete Ankunft ihres Gemahls
und seine üble Laune ankündigen; sie werde kommen, einigemal im Zimmer
auf und ab gehn, sich alsdann auf die Lehne des Sessels setzen, ihren
Arm auf seine Schultern legen und einige Worte sprechen. Er solle
seine Ehemannsrolle so lange und so gut als möglich spielen; wenn er
sich aber endlich entdecken müßte, so solle er hübsch artig und galant
sein.
Wilhelm saß nun unruhig genug in dieser wunderlichen Maske; der
Vorschlag hatte ihn überrascht, und die Ausführung eilte der
überlegung zuvor. Schon war die Baronesse wieder zum Zimmer hinaus,
als er erst bemerkte, wie gefährlich der Posten war, den er
eingenommen hatte. Er leugnete sich nicht, daß die Schönheit, die
Jugend, die Anmut der Gräfin einigen Eindruck auf ihn gemacht hatten;
allein da er seiner Natur nach von aller leeren Galanterie weit
entfernt war und ihm seine Grundsätze einen Gedanken an ernsthaftere
Unternehmungen nicht erlaubten, so war er wirklich in diesem
Augenblicke in nicht geringer Verlegenheit. Die Furcht, der Gräfin zu
mißfallen oder ihr mehr als billig zu gefallen, war gleich groß bei
ihm.
Jeder weibliche Reiz, der jemals auf ihn gewirkt hatte, zeigte sich
wieder vor seiner Einbildungskraft. Mariane erschien ihm im weißen
Morgenkleide und flehte um sein Andenken. Philinens Liebenswürdigkeit,
ihre schönen Haare und ihr einschmeichelndes Betragen waren durch
ihre neueste Gegenwart wieder wirksam geworden; doch alles trat wie
hinter den Flor der Entfernung zurück, wenn er sich die edle, blühende
Gräfin dachte, deren Arm er in wenig Minuten an seinem Halse fühlen
sollte, deren unschuldige Liebkosungen er zu erwidern aufgefordert war.
Die sonderbare Art, wie er aus dieser Verlegenheit sollte gezogen
werden, ahnete er freilich nicht. Denn wie groß war sein Erstaunen,
ja sein Schrecken, als hinter ihm die Türe sich auftat und er bei dem
ersten verstohlnen Blick in den Spiegel den Grafen ganz deutlich
erblickte, der mit einem Lichte in der Hand hereintrat. Sein Zweifel,
was er zu tun habe, ob er sitzen bleiben oder aufstehen, fliehen,
bekennen, leugnen oder um Vergebung bitten solle, dauerte nur einige
Augenblicke. Der Graf, der unbeweglich in der Türe stehengeblieben
war, trat zurück und machte sie sachte zu. In dem Moment sprang die
Baronesse zur Seitentüre herein, löschte die Lampe aus, riß Wilhelmen
vom Stuhle und zog ihn nach sich in das Kabinett. Geschwind warf er
den Schlafrock ab, der sogleich wieder seinen gewöhnlichen Platz
erhielt. Die Baronesse nahm Wilhelms Rock über den Arm und eilte mit
ihm durch einige Stuben, Gänge und Verschläge in ihr Zimmer, wo
Wilhelm, nachdem sie sich erholt hatte, von ihr vernahm: sie sei zu
der Gräfin gekommen, um ihr die erdichtete Nachricht von der Ankunft
des Grafen zu bringen. "Ich weiß es schon", sagte die Gräfin; "was
mag wohl begegnet sein? Ich habe ihn soeben zum Seitentor
hereinreiten sehen." Erschrocken sei die Baronesse sogleich auf des
Grafen Zimmer gelaufen, um ihn abzuholen.
"Unglücklicherweise sind Sie zu spät gekommen!" rief Wilhelm aus, "der
Graf war vorhin im Zimmer und hat mich sitzen sehen."
"Hat er Sie erkannt?"
"Ich weiß es nicht. Er sah mich im Spiegel, so wie ich ihn, und eh
ich wußte, ob es ein Gespenst oder er selbst war, trat er schon wieder
zurück und drückte die Türe hinter sich zu."
Die Verlegenheit der Baronesse vermehrte sich, als ein Bedienter sie
zu rufen kam und anzeigte, der Graf befinde sich bei seiner Gemahlin.
Mit schwerem Herzen ging sie hin und fand den Grafen zwar still und in
sich gekehrt, aber in seinen äußerungen milder und freundlicher als
gewöhnlich. Sie wußte nicht, was sie denken sollte. Man sprach von
den Vorfällen der Jagd und den Ursachen seiner früheren Zurückkunft.
Das Gespräch ging bald aus. Der Graf ward stille, und besonders mußte
der Baronesse auffallen, als er nach Wilhelmen fragte und den Wunsch
äußerte, man möchte ihn rufen lassen, damit er etwas vorlese.
Wilhelm, der sich im Zimmer der Baronesse wieder angekleidet und
einigermaßen erholt hatte, kam nicht ohne Sorgen auf den Befehl herbei.
Der Graf gab ihm ein Buch, aus welchem er eine abenteuerliche
Novelle nicht ohne Beklemmung vorlas. Sein Ton hatte etwas Unsicheres,
Zitterndes, das glücklicherweise dem Inhalt der Geschichte gemäß war.
Der Graf gab einigemal freundliche Zeichen des Beifalls und lobte den
besondern Ausdruck der Vorlesung, da er zuletzt unsern Freund entließ.
III. Buch, 11. Kapitel
Elftes Kapitel
Wilhelm hatte kaum einige Stücke Shakespeares gelesen, als ihre
Wirkung auf ihn so stark wurde, daß er weiter fortzufahren nicht
imstande war. Seine ganze Seele geriet in Bewegung. Er suchte
Gelegenheit, mit Jarno zu sprechen, und konnte ihm nicht genug für die
verschaffte Freude danken.
"Ich habe es wohl vorausgesehen", sagte dieser, "daß Sie gegen die
Trefflichkeiten des außerordentlichsten und wunderbarsten aller
Schriftsteller nicht unempfindlich bleiben würden."
"Ja", rief Wilhelm aus, "ich erinnere mich nicht, daß ein Buch, ein
Mensch oder irgendeine Begebenheit des Lebens so große Wirkungen auf
mich hervorgebracht hätte als die köstlichen Stücke, die ich durch
Ihre Gütigkeit habe kennenlernen. Sie scheinen ein Werk eines
himmlischen Genius zu sein, der sich den Menschen nähert, um sie mit
sich selbst auf die gelindeste Weise bekannt zu machen. Es sind keine
Gedichte! Man glaubt vor den aufgeschlagenen ungeheuren Büchern des
Schicksals zu stehen, in denen der Sturmwind des bewegtesten Lebens
saust und sie mit Gewalt rasch hin und wider blättert. Ich bin über
die Stärke und Zartheit, über die Gewalt und Ruhe so erstaunt und
außer aller Fassung gebracht, daß ich nur mit Sehnsucht auf die Zeit
warte, da ich mich in einem Zustande befinden werde, weiterzulesen."
"Bravo", sagte Jarno, indem er unserm Freunde die Hand reichte und sie
ihm drückte, "so wollte ich es haben! Und die Folgen, die ich hoffe,
werden gewiß auch nicht ausbleiben."
"Ich wünschte", versetzte Wilhelm, "daß ich Ihnen alles, was
gegenwärtig in mit vorgeht, entdecken könnte. Alle Vorgefühle, die
ich jemals über Menschheit und ihre Schicksale gehabt, die mich von
Jugend auf, mir selbst unbemerkt, begleiteten, finde ich in
Shakespeares Stücken erfüllt und entwickelt. Es scheint, als wenn er
uns alle Rätsel offenbarte, ohne daß man doch sagen kann: hier oder da
ist das Wort der Auflösung. Seine Menschen scheinen natürliche
Menschen zu sein, und sie sind es doch nicht. Diese geheimnisvollsten
und zusammengesetztesten Geschöpfe der Natur handeln vor uns in seinen
Stücken, als wenn sie Uhren wären, deren Zifferblatt und Gehäuse man
von Kristall gebildet hätte, sie zeigen nach ihrer Bestimmung den Lauf
der Stunden an, und man kann zugleich das Räder- und Federwerk
erkennen, das sie treibt. Diese wenigen Blicke, die ich in
Shakespeares Welt getan, reizen mich mehr als irgend etwas andres, in
der wirklichen Welt schnellere Fortschritte vorwärts zu tun, mich in
die Flut der Schicksale zu mischen, die über sie verhängt sind, und
dereinst, wenn es mir glücken sollte, aus dem großen Meere der wahren
Natur wenige Becher zu schöpfen und sie von der Schaubühne dem
lechzenden Publikum meines Vaterlandes auszuspenden."
"Wie freut mich die Gemütsverfassung, in der ich Sie sehe", versetzte
Jarno und legte dem bewegten Jüngling die Hand auf die Schulter.
"Lassen Sie den Vorsatz nicht fahren, in ein tätiges Leben überzugehen,
und eilen Sie, die guten Jahre, die Ihnen gegönnt sind, wacker zu
nutzen. Kann ich Ihnen behilflich sein, so geschieht es von ganzem
Herzen. Noch habe ich nicht gefragt, wie Sie in diese Gesellschaft
gekommen sind, für die Sie weder geboren noch erzogen sein können.
Soviel hoffe ich und sehe ich, daß Sie sich heraussehnen. Ich weiß
nichts von Ihrer Herkunft, von Ihren häuslichen Umständen; überlegen
Sie, was Sie mir vertrauen wollen. Soviel kann ich Ihnen nur sagen,
die Zeiten des Krieges, in denen wir leben, können schnelle Wechsel
des Glückes hervorbringen; mögen Sie Ihre Kräfte und Talente unserm
Dienste widmen, Mühe und, wenn es not tut, Gefahr nicht scheuen, so
habe ich eben jetzo eine Gelegenheit, Sie an einen Platz zu stellen,
den eine Zeitlang bekleidet zu haben Sie in der Folge nicht gereuen
wird." Wilhelm konnte seinen Dank nicht genug ausdrücken und war
willig, seinem Freunde und Beschützer die ganze Geschichte seines
Lebens zu erzählen.
Sie hatten sich unter diesem Gespräche weit in den Park verloren und
waren auf die Landstraße, welche durch denselben ging, gekommen.
Jarno stand einen Augenblick still und sagte: "Bedenken Sie meinen
Vorschlag, entschließen Sie sich, geben Sie mir in einigen Tagen
Antwort, und schenken Sie mir Ihr Vertrauen. Ich versichre Sie, es
ist mir bisher unbegreiflich gewesen, wie Sie sich mit solchem Volke
haben gemein machen können. Ich hab es oft mit Ekel und Verdruß
gesehen, wie Sie, um nur einigermaßen leben zu können, Ihr Herz an
einen herumziehenden Bänkelsänger und an ein albernes, zwitterhaftes
Geschöpf hängen mußten."
Er hatte noch nicht ausgeredet, als ein Offizier zu Pferde eilends
herankam, dem ein Reitknecht mit einem Handpferd folgte. Jarno rief
ihm einen lebhaften Gruß zu. Der Offizier sprang vom Pferde, beide
umarmten sich und unterhielten sich miteinander, indem Wilhelm,
bestürzt über die letzten Worte seines kriegerischen Freundes, in sich
gekehrt an der Seite stand. Jarno durchblätterte einige Papiere, die
ihm der Ankommende überreicht hatte; dieser aber ging auf Wilhelmen zu,
reichte ihm die Hand und rief mit Emphase: "Ich treffe Sie in einer
würdigen Gesellschaft; folgen Sie dem Rate Ihres Freundes, und
erfüllen Sie dadurch zugleich die Wünsche eines Unbekannten, der
herzlichen Teil an Ihnen nimmt." Er sprach's, umarmte Wilhelmen,
drückte ihn mit Lebhaftigkeit an seine Brust. Zu gleicher Zeit trat
Jarno herbei und sagte zu dem Fremden: "Es ist am besten, ich reite
gleich mit Ihnen hinein, so können Sie die nötigen Ordres erhalten,
und Sie reiten noch vor Nacht wieder fort." Beide schwangen sich
darauf zu Pferde und überließen unsern verwunderten Freund seinen
eigenen Betrachtungen.
Die letzten Worte Jarnos klangen noch in seinen Ohren. Ihm war
unerträglich, das Paar menschlicher Wesen, das ihm unschuldigerweise
seine Neigung abgewonnen hatte, durch einen Mann, den er so sehr
verehrte, so tief heruntergesetzt zu sehen. Die sonderbare Umarmung
des Offiziers, den er nicht kannte, machte wenig Eindruck auf ihn, sie
beschäftigte seine Neugierde und Einbildungskraft einen Augenblick;
aber Jarnos Reden hatten sein Herz getroffen; er war tief verwundet,
und nun brach er auf seinem Rückwege gegen sich selbst in Vorwürfe aus,
daß er nur einen Augenblick die hartherzige Kälte Jarnos, die ihm aus
den Augen heraussehe und aus allen seinen Gebärden spreche, habe
verkennen und vergessen mögen. "Nein", rief er aus, "du bildest dir
nur ein, du abgestorbener Weltmann, daß du ein Freund sein könntest!
Alles, was du mir anbieten magst, ist der Empfindung nicht wert, die
mich an diese Unglücklichen bindet. Welch ein Glück, daß ich noch
beizeiten entdecke, was ich von dir zu erwarten hätte!"
Er schloß Mignon, die ihm entgegenkam, in die Arme und rief aus: "Nein,
uns soll nichts trennen, du gutes kleines Geschöpf! Die scheinbare
Klugheit der Welt soll mich nicht vermögen, dich zu verlassen noch zu
vergessen, was ich dir schuldig bin."
Das Kind, dessen heftige Liebkosungen er sonst abzulehnen pflegte,
erfreute sich dieses unerwarteten Ausdrucks der Zärtlichkeit und hing
sich so fest an ihn, daß er es nur mit Mühe zuletzt loswerden konnte.
Seit dieser Zeit gab er mehr auf Jarnos Handlungen acht, die ihm nicht
alle lobenswürdig schienen; ja es kam wohl manches vor, das ihm
durchaus mißfiel. So hatte er zum Beispiel starken Verdacht, das
Gedicht auf den Baron, welches der arme Pedant so teuer hatte bezahlen
müssen, sei Jarnos Arbeit. Da nun dieser in Wilhelms Gegenwart über
den Vorfall gescherzt hatte, glaubte unser Freund hierin das Zeichen
eines höchst verdorbenen Herzens zu erkennen; denn was konnte
boshafter sein, als einen Unschuldigen, dessen Leiden man verursacht,
zu verspotten und weder an Genugtuung noch Entschädigung zu denken.
Gern hätte Wilhelm sie selbst veranlaßt, denn er war durch einen sehr
sonderbaren Zufall den Tätern jener nächtlichen Mißhandlung auf die
Spur gekommen.
Man hatte ihm bisher immer zu verbergen gewußt, daß einige junge
Offiziere im unteren Saale des alten Schlosses mit einem Teile der
Schauspieler und Schauspielerinnen ganze Nächte auf eine lustige Weise
zubrachten. Eines Morgens, als er nach seiner Gewohnheit früh
aufgestanden, kam er von ungefähr in das Zimmer und fand die jungen
Herren, die eine höchst sonderbare Toilette zu machen im Begriff
stunden. Sie hatten in einen Napf mit Wasser Kreide eingerieben und
trugen den Teig mit einer Bürste auf ihre Westen und Beinkleider, ohne
sie auszuziehen, und stellten also die Reinlichkeit ihrer Garderobe
auf das schnellste wieder her. Unserm Freunde, der sich über diese
Handgriffe wunderte, fiel der weiß bestäubte und befleckte Rock des
Pedanten ein; der Verdacht wurde um soviel stärker, als er erfuhr, daß
einige Verwandte des Barons sich unter der Gesellschaft befänden.
Um diesem Verdacht näher auf die Spur zu kommen, suchte er die jungen
Herren mit einem kleinen Frühstücke zu beschäftigen. Sie waren sehr
lebhaft und erzählten viele lustige Geschichten. Der eine besonders,
der eine Zeitlang auf Werbung gestanden, wußte nicht genug die List
und Tätigkeit seines Hauptmanns zu rühmen, der alle Arten von Menschen
an sich zu ziehen und jeden nach seiner Art zu überlisten verstand.
Umständlich erzählte er, wie junge Leute von gutem Hause und
sorgfältiger Erziehung durch allerlei Vorspiegelungen einer
anständigen Versorgung betrogen worden, und lachte herzlich über die
Gimpel, denen es im Anfange so wohlgetan habe, sich von einem
angesehenen, tapferen, klugen und freigebigen Offizier geschätzt und
hervorgezogen zu sehen.
Wie segnete Wilhelm seinen Genius, der ihm so unvermutet den Abgrund
zeigte, dessen Rande er sich unschuldigerweise genähert hatte. Er sah
nun in Jarno nichts als den Werber; die Umarmung des fremden Offiziers
war ihm leicht erklärlich. Er verabscheuete die Gesinnungen dieser
Männer und vermied von dem Augenblicke, mit irgend jemand, der eine
Uniform trug, zusammenzukommen, und so wäre ihm die Nachricht, daß die
Armee weiter vorwärtsrücke, sehr angenehm gewesen, wenn er nicht
zugleich hätte fürchten müssen, aus der Nähe seiner schönen Freundin,
vielleicht auf immer, verbannt zu werden.
III. Buch, 12. Kapitel
Zwölftes Kapitel
Inzwischen hatte die Baronesse mehrere Tage, von Sorgen und einer
unbefriedigten Neugierde gepeinigt, zugebracht. Denn das Betragen des
Grafen seit jenem Abenteuer war ihr ein völliges Rätsel. Er war ganz
aus seiner Manier herausgegangen; von seinen gewöhnlichen Scherzen
hörte man keinen. Seine Forderungen an die Gesellschaft und an die
Bedienten hatten sehr nachgelassen. Von Pedanterie und gebieterischem
Wesen merkte man wenig, vielmehr war er still und in sich gekehrt,
jedoch schien er heiter und wirklich ein anderer Mensch zu sein. Bei
Vorlesungen, zu denen er zuweilen Anlaß gab, wählte er ernsthafte, oft
religiöse Bücher, und die Baronesse lebte in beständiger Furcht, es
möchte hinter dieser anscheinenden Ruhe sich ein geheimer Groll
verbergen, ein stiller Vorsatz, den Frevel, den er so zufällig
entdeckt, zu rächen. Sie entschloß sich daher, Jarno zu ihrem
Vertrauten zu machen, und sie konnte es um so mehr, als sie mit ihm in
einem Verhältnisse stand, in dem man sich sonst wenig zu verbergen
pflegt. Jarno war seit kurzer Zeit ihr entschiedener Freund; doch
waren sie klug genug, ihre Neigung und ihre Freuden vor der lärmenden
Welt, die sie umgab, zu verbergen. Nur den Augen der Gräfin war
dieser neue Roman nicht entgangen, und höchstwahrscheinlich suchte die
Baronesse ihre Freundin gleichfalls zu beschäftigen, um den stillen
Vorwürfen zu entgehen, welche sie denn doch manchmal von jener edlen
Seele zu erdulden hatte.
Kaum hatte die Baronesse ihrem Freunde die Geschichte erzählt, als er
lachend ausrief: "Da glaubt der Alte gewiß, sich selbst gesehen zu
haben! Er fürchtet, daß ihm diese Erscheinung Unglück, ja vielleicht
gar den Tod bedeute, und nun ist er zahm geworden wie alle die
Halbmenschen, wenn sie an die Auflösung denken, welcher niemand
entgangen ist noch entgehen wird. Nur stille! Da ich hoffe, daß er
noch lange leben soll, so wollen wir ihn bei dieser Gelegenheit
wenigstens so formieren, daß er seiner Frau und seinen Hausgenossen
nicht mehr zur Last sein soll."
Sie fingen nun, sobald es nur schicklich war, in Gegenwart des Grafen
an, von Ahnungen, Erscheinungen und dergleichen zu sprechen. Jarno
spielte den Zweifler, seine Freundin gleichfalls, und sie trieben es
so weit, daß der Graf endlich Jarno beiseite nahm, ihm seine
Freigeisterei verwies und ihn durch sein eignes Beispiel von der
Möglichkeit und Wirklichkeit solcher Geschichten zu überzeugen suchte.
Jarno spielte den Betroffenen, Zweifelnden und endlich den
überzeugten, machte sich aber gleich darauf in stiller Nacht mit
seiner Freundin desto lustiger über den schwachen Weltmann, der nun
auf einmal von seinen Unarten durch einen Popanz bekehrt worden und
der nur noch deswegen zu loben sei, weil er mit so vieler Fassung ein
bevorstehendes Unglück, ja vielleicht gar den Tod erwarte.
"Auf die natürlichste Folge, welche diese Erscheinung hätte haben
können, möchte er doch wohl nicht gefaßt sein", rief die Baronesse mit
ihrer gewöhnlichen Munterkeit, zu der sie, sobald ihr eine Sorge vom
Herzen genommen war, gleich wieder übergehen konnte. Jarno ward
reichlich belohnt, und man schmiedete neue Anschläge, den Grafen noch
mehr kirre zu machen und die Neigung der Gräfin zu Wilhelm noch mehr
zu reizen und zu bestärken.
In dieser Absicht erzählte man der Gräfin die ganze Geschichte, die
sich zwar anfangs unwillig darüber zeigte, aber seit der Zeit
nachdenklicher ward und in ruhigen Augenblicken jene Szene, die ihr
zubereitet war, zu bedenken, zu verfolgen und auszumalen schien.
Die Anstalten, welche nunmehr von allen Seiten getroffen wurden,
ließen keinen Zweifel mehr übrig, daß die Armeen bald vorwärtsrücken
und der Prinz zugleich sein Hauptquartier verändern würde; ja es hieß,
daß der Graf zugleich auch das Gut verlassen und wieder nach der Stadt
zurückkehren werde. Unsere Schauspieler konnten sich also leicht die
Nativität stellen; doch nur der einzige Melina nahm seine Maßregeln
darnach, die andern suchten nur noch von dem Augenblicke soviel als
möglich das Vergnüglichste zu erhaschen.
Wilhelm war indessen auf eine eigene Weise beschäftigt. Die Gräfin
hatte von ihm die Abschrift seiner Stücke verlangt, und er sah diesen
Wunsch der liebenswürdigen Frau als die schönste Belohnung an.
Ein junger Autor, der sich noch nicht gedruckt gesehn, wendet in einem
solchen Falle die größte Aufmerksamkeit auf eine reinliche und
zierliche Abschrift seiner Werke. Es ist gleichsam das goldne
Zeitalter der Autorschaft; man sieht sich in jene Jahrhunderte
versetzt, in denen die Presse noch nicht die Welt mit so viel unnützen
Schriften überschwemmt hatte; wo nur würdige Geistesprodukte
abgeschrieben und von den edelsten Menschen verwahrt wurden; und wie
leicht begeht man alsdann den Fehlschluß, daß ein sorgfältig
abgezirkeltes Manuskript auch ein würdiges Geistesprodukt sei, wert,
von einem Kenner und Beschützer besessen und aufgestellt zu werden.
Man hatte zu Ehren des Prinzen, der nun in kurzem abgehen sollte, noch
ein großes Gastmahl angestellt. Viele Damen aus der Nachbarschaft
waren geladen, und die Gräfin hatte sich beizeiten angezogen. Sie
hatte diesen Tag ein reicheres Kleid angelegt, als sie sonst zu tun
gewohnt war. Frisur und Aufsatz waren gesuchter, sie war mit allen
ihren Juwelen geschmückt. Ebenso hatte die Baronesse das mögliche
getan, um sich mit Pracht und Geschmack anzukleiden.
Philine, als sie merkte, daß den beiden Damen in Erwartung ihrer Gäste
die Zeit zu lang wurde, schlug vor, Wilhelmen kommen zu lassen, der
sein fertiges Manuskript zu überreichen und noch einige Kleinigkeiten
vorzulesen wünsche. Er kam und erstaunte im Hereintreten über die
Gestalt, über die Anmut der Gräfin, die durch ihren Putz nur
sichtbarer geworden waren. Er las nach dem Befehle der Damen, allein
so zerstreut und schlecht, daß, wenn die Zuhörerinnen nicht so
nachsichtig gewesen wären, sie ihn gar bald würden entlassen haben.
Sooft er die Gräfin anblickte, schien es ihm, als wenn ein
elektrischer Funke sich vor seinen Augen zeigte; er wußte zuletzt
nicht mehr, wo er Atem zu seiner Rezitation hernehmen solle. Die
schöne Dame hatte ihm immer gefallen; aber jetzt schien es ihm, als ob
er nie etwas Vollkommneres gesehen hätte, und von den tausenderlei
Gedanken, die sich in seiner Seele kreuzten, mochte ungefähr folgendes
der Inhalt sein:
Wie töricht lehnen sich doch so viele Dichter und sogenannte
gefühlvolle Menschen gegen Putz und Pracht auf und verlangen nur in
einfachen, der Natur angemessenen Kleidern die Frauen alles Standes zu
sehen. Sie schelten den Putz, ohne zu bedenken, daß es der arme Putz
nicht ist, der uns mißfällt, wenn wir eine häßliche oder minder schöne
Person reich und sonderbar gekleidet erblicken; aber ich wollte alle
Kenner der Welt hier versammeln und sie fragen, ob sie wünschten,
etwas von diesen Falten, von diesen Bändern und Spitzen, von diesen
Puffen, Locken und leuchtenden Steinen wegzunehmen. Würden sie nicht
fürchten, den angenehmen Eindruck zu stören, der ihnen hier so willig
und natürlich entgegenkommt? Ja, "natürlich" darf ich wohl sagen!
Wenn Minerva ganz gerüstet aus dem Haupte des Jupiter entsprang, so
scheinet diese Göttin in ihrem vollen Putze aus irgendeiner Blume mit
leichtem Fuße hervorgetreten zu sein.
Er sah sie oft im Lesen an, als wenn er diesen Eindruck sich auf ewig
einprägen wollte, und las einigemal falsch, ohne darüber in Verwirrung
zu geraten, ob er gleich sonst über die Verwechselung eines Wortes
oder Buchstabens als über einen leidigen Schandfleck einer ganzen
Vorlesung verzweifeln konnte.
Ein falscher Lärm, als wenn die Gäste angefahren kämen, machte der
Vorlesung ein Ende; die Baronesse ging weg, und die Gräfin, im Begriff,
ihren Schreibtisch zuzumachen, der noch offenstand, ergriff ein
Ringkästchen und steckte noch einige Ringe an die Finger. "Wir werden
uns bald trennen", sagte sie, indem sie ihre Augen auf das Kästchen
heftete; "nehmen Sie ein Andenken von einer guten Freundin, die nichts
lebhafter wünscht, als daß es Ihnen wohl gehen möge." Sie nahm darauf
einen Ring heraus, der unter einem Kristall ein schön von Haaren
geflochtenes Schild zeigte und mit Steinen besetzt war. Sie
überreichte ihn Wilhelmen, der, als er ihn annahm, nichts zu sagen und
nichts zu tun wußte, sondern wie eingewurzelt in den Boden dastand.
Die Gräfin schloß den Schreibtisch zu und setzte sich auf ihren Sofa.
"Und ich soll leer ausgehn", sagte Philine, indem sie zur rechten Hand
der Gräfin niederkniete; "seht nur den Menschen, der zur Unzeit so
viele Worte im Munde führt und jetzt nicht einmal eine armselige
Danksagung herstammeln kann. Frisch, mein Herr, tun Sie wenigstens
pantomimisch Ihre Schuldigkeit, und wenn Sie heute selbst nichts zu
erfinden wissen, so ahmen Sie mir wenigstens nach."
Philine ergriff die rechte Hand der Gräfin und küßte sie mit
Lebhaftigkeit. Wilhelm stürzte auf seine Knie, faßte die linke und
drückte sie an seine Lippen. Die Gräfin schien verlegen, aber ohne
Widerwillen.
"Ach!" rief Philine aus, "so viel Schmuck hab ich wohl schon gesehen,
aber noch nie eine Dame, so würdig, ihn zu tragen. Welche Armbänder!
aber auch welche Hand! Welcher Halsschmuck! aber auch welche Brust!"
"Stille, Schmeichlerin!" rief die Gräfin.
"Stellt denn das den Herrn Grafen vor?" sagte Philine, indem sie auf
ein reiches Medaillon deutete, das die Gräfin an kostbaren Ketten an
der linken Seite trug.
"Er ist als Bräutigam gemalt", versetzte die Gräfin.
"War er denn damals so jung?" fragte Philine, "Sie sind ja nur erst,
wie ich weiß, wenige Jahre verheiratet."
"Diese Jugend kommt auf die Rechnung des Malers", versetzte die Gräfin.
"Es ist ein schöner Mann", sagte Philine. "Doch sollte wohl niemals",
fuhr sie fort, indem sie die Hand auf das Herz der Gräfin legte, "in
diese verborgene Kapsel sich ein ander Bild eingeschlichen haben?"
"Du bist sehr verwegen, Philine!" rief sie aus, "ich habe dich
verzogen. Laß mich so etwas nicht zum zweitenmal hören."
"Wenn Sie zürnen, bin ich unglücklich", rief Philine, sprang auf und
eilte zur Türe hinaus.
Wilhelm hielt die schönste Hand noch in seinen Händen. Er sah
unverwandt auf das Armschloß, das zu seiner größten Verwunderung die
Anfangsbuchstaben seiner Namen in brillantenen Zügen sehen ließ.
"Besitz ich", fragte er bescheiden, "in dem kostbaren Ringe denn
wirklich Ihre Haare?"
"Ja", versetzte sie mit halber Stimme; dann nahm sie sich zusammen und
sagte, indem sie ihm die Hand drückte: "Stehen Sie auf, und leben Sie
wohl!"
"Hier steht mein Name", rief er aus, "durch den sonderbarsten Zufall!"
Er zeigte auf das Armschloß.
"Wie?" rief die Gräfin, "es ist die Chiffer einer Freundin!"
"Es sind die Anfangsbuchstaben meines Namens. Vergessen Sie meiner
nicht. Ihr Bild steht unauslöschlich in meinem Herzen. Leben Sie
wohl, lassen Sie mich fliehen!"
Er küßte ihre Hand und wollte aufstehn; aber wie im Traum das
Seltsamste aus dem Seltsamsten sich entwickelnd uns überrascht, so
hielt er, ohne zu wissen, wie es geschah, die Gräfin in seinen Armen,
ihre Lippen ruhten auf den seinigen, und ihre wechselseitigen
lebhaften Küsse gewährten ihnen eine Seligkeit, die wir nur aus dem
ersten aufbrausenden Schaum des frisch eingeschenkten Bechers der
Liebe schlürfen.
Ihr Haupt ruhte auf seiner Schulter, und der zerdrückten Locken und
Bänder ward nicht gedacht. Sie hatte ihren Arm um ihn geschlungen; er
umfaßte sie mit Lebhaftigkeit und drückte sie wiederholend an seine
Brust. O daß ein solcher Augenblick nicht Ewigkeiten währen kann, und
wehe dem neidischen Geschick, das auch unsern Freunden diese kurzen
Augenblicke unterbrach.
Wie erschrak Wilhelm, wie betäubt fuhr er aus einem glücklichen Traume
auf, als die Gräfin sich auf einmal mit einem Schrei von ihm losriß
und mit der Hand nach ihrem Herzen fuhr.
Er stand betäubt vor ihr da; sie hielt die andere Hand vor die Augen
und rief nach einer Pause: "Entfernen Sie sich, eilen Sie!"
Er stand noch immer.
"Verlassen Sie mich", rief sie, und indem sie die Hand von den Augen
nahm und ihn mit einem unbeschreiblichen Blicke ansah, setzte sie mit
der lieblichsten Stimme hinzu: "Fliehen Sie mich, wenn Sie mich lieben."
Wilhelm war aus dem Zimmer und wieder auf seiner Stube, eh er wußte,
wo er sich befand.
Die Unglücklichen! Welche sonderbare Warnung des Zufalls oder der
Schickung riß sie auseinander?
Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 3"
von Johann Wolfgang von Goethe.
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The Project Gutenberg eBook of Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 4
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Title: Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 4
Author: Johann Wolfgang von Goethe
Release date: September 1, 2000 [eBook #2338]
Most recently updated: April 3, 2015
Language: German
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Credits: This etext was prepared by Michael Pullen
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM MEISTERS LEHRJAHRE — BAND 4 ***
This etext was prepared by Michael Pullen,
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Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 4
Johann Wolfgang von Goethe
Viertes Buch
Erstes Kapitel
Laertes stand nachdenklich am Fenster und blickte, auf seinen Arm
gestützt, in das Feld hinaus. Philine schlich über den großen Saal
herbei, lehnte sich auf den Freund und verspottete sein ernsthaftes
Ansehen.
"Lache nur nicht", versetzte er, "es ist abscheulich, wie die Zeit
vergeht, wie alles sich verändert und ein Ende nimmt! Sieh nur, hier
stand vor kurzem noch ein schönes Lager, wie lustig sahen die Zelte
aus! wie lebhaft ging es darin zu! wie sorgfältig bewachte man den
ganzen Bezirk! und nun ist alles auf einmal verschwunden. Nur kurze
Zeit werden das zertretene Stroh und die eingegrabenen Kochlöcher noch
eine Spur zeigen; dann wird alles bald umgepflügt sein, und die
Gegenwart so vieler tausend rüstiger Menschen in dieser Gegend wird
nur noch in den Köpfen einiger alten Leute spuken."
Philine fing an zu singen und zog ihren Freund zu einem Tanze in den
Saal. "Laß uns", rief sie, "da wir der Zeit nicht nachlaufen können,
wenn sie vorüber ist, sie wenigstens als eine schöne Göttin, indem sie
bei uns vorbeizieht, fröhlich und zierlich verehren!"
Sie hatten kaum einige Wendungen gemacht, als Madame Melina durch den
Saal ging. Philine war boshaft genug, sie gleichfalls zum Tanze
einzuladen und sie dadurch an die Mißgestalt zu erinnern, in welche
sie durch ihre Schwangerschaft versetzt war.
"Wenn ich nur", sagte Philine hinter ihrem Rücken, "keine Frau mehr
guter Hoffnung sehen sollte!"
"Sie hofft doch", sagte Laertes.
"Aber es kleidet sie so häßlich. Hast du die vordere Wackelfalte des
verkürzten Rocks gesehen, die immer vorausspaziert, wenn sie sich
bewegt? Sie hat gar keine Art noch Geschick, sich nur ein bißchen zu
mustern und ihren Zustand zu verbergen."
"Laß nur", sagte Laertes, "die Zeit wird ihr schon zu Hülfe kommen."
"Es wäre doch immer hübscher", rief Philine, "wenn man die Kinder von
den Bäumen schüttelte."
Der Baron trat herein und sagte ihnen etwas Freundliches im Namen des
Grafen und der Gräfin, die ganz früh abgereist waren, und machte ihnen
einige Geschenke. Er ging darauf zu Wilhelmen, der sich im
Nebenzimmer mit Mignon beschäftigte. Das Kind hatte sich sehr
freundlich und zutätig bezeigt, nach Wilhelms Eltern, Geschwistern und
Verwandten gefragt und ihn dadurch an seine Pflicht erinnert, den
Seinigen von sich einige Nachricht zu geben.
Der Baron brachte ihm nebst einem Abschiedsgruße von den Herrschaften
die Versicherung, wie sehr der Graf mit ihm, seinem Spiele, seinen
poetischen Arbeiten und seinen theatralischen Bemühungen zufrieden
gewesen sei. Er zog darauf zum Beweis dieser Gesinnung einen Beutel
hervor, durch dessen schönes Gewebe die reizende Farbe neuer
Goldstücke durchschimmerte; Wilhelm trat zurück und weigerte sich, ihn
anzunehmen.
"Sehen Sie", fuhr der Baron fort, "diese Gabe als einen Ersatz für
Ihre Zeit, als eine Erkenntlichkeit für Ihre Mühe, nicht als eine
Belohnung Ihres Talents an. Wenn uns dieses einen guten Namen und die
Neigung der Menschen verschafft, so ist billig, daß wir durch Fleiß
und Anstrengung zugleich die Mittel erwerben, unsre Bedürfnisse zu
befriedigen, da wir doch einmal nicht ganz Geist sind. Wären wir in
der Stadt, wo alles zu finden ist, so hätte man diese kleine Summe in
eine Uhr, einen Ring oder sonst etwas verwandelt; nun gebe ich aber
den Zauberstab unmittelbar in Ihre Hände; schaffen Sie sich ein
Kleinod dafür, das Ihnen am liebsten und am dienlichsten ist, und
verwahren Sie es zu unserm Andenken. Dabei halten Sie ja den Beutel
in Ehren. Die Damen haben ihn selbst gestrickt, und ihre Absicht war,
durch das Gefäß dem Inhalt die annehmlichste Form zu geben."
"Vergeben Sie", versetzte Wilhelm, "meiner Verlegenheit und meinen
Zweifeln, dieses Geschenk anzunehmen. Es vernichtet gleichsam das
wenige, was ich getan habe, und hindert das freie Spiel einer
glücklichen Erinnerung. Geld ist eine schöne Sache, wo etwas abgetan
werden soll, und ich wünschte nicht, in dem Andenken Ihres Hauses so
ganz abgetan zu sein."
"Das ist nicht der Fall", versetzte der Baron; "aber indem Sie selbst
zart empfinden, werden Sie nicht verlangen, daß der Graf sich völlig
als Ihren Schuldner denken soll: ein Mann, der seinen größten Ehrgeiz
darein setzt, aufmerksam und gerecht zu sein. Ihm ist nicht entgangen,
welche Mühe Sie sich gegeben und wie Sie seinen Absichten ganz Ihre
Zeit gewidmet haben, ja er weiß, daß Sie, um gewisse Anstalten zu
beschleunigen, Ihr eignes Geld nicht schonten. Wie will ich wieder
vor ihm erscheinen, wenn ich ihn nicht versichern kann, daß seine
Erkenntlichkeit Ihnen Vergnügen gemacht hat."
"Wenn ich nur an mich selbst denken, wenn ich nur meinen eigenen
Empfindungen folgen dürfte", versetzte Wilhelm, "würde ich mich,
ungeachtet aller Gründe, hartnäckig weigern, diese Gabe, so schön und
ehrenvoll sie ist, anzunehmen; aber ich leugne nicht, daß sie mich in
dem Augenblicke, in dem sie mich in Verlegenheit setzt, aus einer
Verlegenheit reißt, in der ich mich bisher gegen die Meinigen befand
und die mir manchen stillen Kummer verursachte. Ich habe sowohl mit
dem Gelde als mit der Zeit, von denen ich Rechenschaft zu geben habe,
nicht zum besten hausgehalten; nun wird es mir durch den Edelmut des
Herrn Grafen möglich, den Meinigen getrost von dem Glücke Nachricht zu
geben, zu dem mich dieser sonderbare Seitenweg geführt hat. Ich opfre
die Delikatesse, die uns wie ein zartes Gewissen bei solchen
Gelegenheiten warnt, einer höhern Pflicht auf, und um meinem Vater
mutig unter die Augen treten zu können, steh ich beschämt vor den
Ihrigen."
"Es ist sonderbar", versetzte der Baron, "welch ein wunderlich
Bedenken man sich macht, Geld von Freunden und Gönnern anzunehmen, von
denen man jede andere Gabe mit Dank und Freude empfangen würde. Die
menschliche Natur hat mehr ähnliche Eigenheiten, solche Skrupel gern
zu erzeugen und sorgfältig zu nähren."
"Ist es nicht das nämliche mit allen Ehrenpunkten?" fragte Wilhelm.
"Ach ja", versetzte der Baron, "und andern Vorurteilen. Wir wollen
sie nicht ausjäten, um nicht vielleicht edle Pflanzen zugleich mit
auszuraufen. Aber mich freut immer, wenn einzelne Personen fühlen,
über was man sich hinaussetzen kann und soll, und ich denke mit
Vergnügen an die Geschichte des geistreichen Dichters, der für ein
Hoftheater einige Stücke verfertigte, welche den ganzen Beifall des
Monarchen erhielten. "Ich muß ihn ansehnlich belohnen", sagte der
großmütige Fürst; "man forsche an ihm, ob ihm irgendein Kleinod
Vergnügen macht oder ob er nicht verschmäht, Geld anzunehmen." Nach
seiner scherzhaften Art antwortete der Dichter dem abgeordneten
Hofmann: "Ich danke lebhaft für die gnädigen Gesinnungen, und da der
Kaiser alle Tage Geld von uns nimmt, so sehe ich nicht ein, warum ich
mich schämen sollte, Geld von ihm anzunehmen.""
Der Baron hatte kaum das Zimmer verlassen, als Wilhelm eifrig die
Barschaft zählte, die ihm so unvermutet und, wie er glaubte, so
unverdient zugekommen war. Es schien, als ob ihm der Wert und die
Würde des Goldes, die uns in spätern Jahren erst fühlbar werden,
ahnungsweise zum erstenmal entgegenblickten, als die schönen,
blinkenden Stücke aus dem zierlichen Beutel hervorrollten. Er machte
seine Rechnung und fand, daß er, besonders da Melina den Vorschuß
sogleich wieder zu bezahlen versprochen hatte, ebensoviel, ja noch
mehr in Kassa habe als an jenem Tage, da Philine ihm den ersten Strauß
abfordern ließ. Mit heimlicher Zufriedenheit blickte er auf sein
Talent, mit einem kleinen Stolze auf das Glück, das ihn geleitet und
begleitet hatte. Er ergriff nunmehr mit Zuversicht die Feder, um
einen Brief zu schreiben, der auf einmal die Familie aus aller
Verlegenheit und sein bisheriges Betragen in das beste Licht setzen
sollte. Er vermied eine eigentliche Erzählung und ließ nur in
bedeutenden und mystischen Ausdrücken dasjenige, was ihm begegnet sein
könnte, erraten. Der gute Zustand seiner Kasse, der Erwerb, den er
seinem Talent schuldig war, die Gunst der Großen, die Neigung der
Frauen, die Bekanntschaft in einem weiten Kreise, die Ausbildung
seiner körperlichen und geistigen Anlagen, die Hoffnung für die
Zukunft bildeten ein solches wunderliches Luftgemälde, daß Fata
Morgagna selbst es nicht seltsamer hätte durcheinanderwirken können.
In dieser glücklichen Exaltation fuhr er fort, nachdem der Brief
geschlossen war, ein langes Selbstgespräch zu unterhalten, in welchem
er den Inhalt des Schreibens rekapitulierte und sich eine tätige und
würdige Zukunft ausmalte. Das Beispiel so vieler edlen Krieger hatte
ihn angefeuert, die Shakespearische Dichtung hatte ihm eine neue Welt
eröffnet, und von den Lippen der schönen Gräfin hatte er ein
unaussprechliches Feuer in sich gesogen. Das alles konnte, das sollte
nicht ohne Wirkung bleiben.
Der Stallmeister kam und fragte, ob sie mit Einpacken fertig seien.
Leider hatte außer Melina noch niemand daran gedacht. Nun sollte man
eilig aufbrechen. Der Graf hatte versprochen, die ganze Gesellschaft
einige Tagereisen weit transportieren zu lassen, die Pferde waren eben
bereit und konnten nicht lange entbehrt werden. Wilhelm fragte nach
seinem Koffer; Madame Melina hatte sich ihn zunutze gemacht; er
verlangte nach seinem Gelde, Herr Melina hatte es ganz unten in den
Koffer mit großer Sorgfalt gepackt. Philine sagte: "Ich habe in dem
meinigen noch Platz", nahm Wilhelms Kleider und befahl Mignon, das
übrige nachzubringen. Wilhelm mußte es, nicht ohne Widerwillen,
geschehen lassen.
Indem man aufpackte und alles zubereitete, sagte Melina: "Es ist mir
verdrießlich, daß wir wie Seiltänzer und Marktschreier reisen; ich
wünschte, daß Mignon Weiberkleider anzöge und daß der Harfenspieler
sich noch geschwinde den Bart scheren ließe." Mignon hielt sich fest
an Wilhelm und sagte mit großer Lebhaftigkeit: "Ich bin ein Knabe: ich
will kein Mädchen sein!" Der Alte schwieg, und Philine machte bei
dieser Gelegenheit über die Eigenheit des Grafen, ihres Beschützers,
einige lustige Anmerkungen. "Wenn der Harfner seinen Bart
abschneidet", sagte sie, "so mag er ihn nur sorgfältig auf Band nähen
und bewahren, daß er ihn gleich wieder vornehmen kann, sobald er dem
Herrn Grafen irgendwo in der Welt begegnet: denn dieser Bart allein
hat ihm die Gnade dieses Herrn verschafft."
Als man in sie drang und eine Erklärung dieser sonderbaren äußerung
verlangte, ließ sie sich folgendergestalt vernehmen: "Der Graf glaubt,
daß es zur Illusion sehr viel beitrage, wenn der Schauspieler auch im
gemeinen Leben seine Rolle fortspielt und seinen Charakter souteniert;
deswegen war er dem Pedanten so günstig, und er fand, es sei recht
gescheit, daß der Harfner seinen falschen Bart nicht allein abends auf
dem Theater, sondern auch beständig bei Tage trage, und freute sich
sehr über das natürliche Aussehen der Maskerade."
Als die andern über diesen Irrtum und über die sonderbaren Meinungen
des Grafen spotteten, ging der Harfner mit Wilhelm beiseite, nahm von
ihm Abschied und bat mit Tränen, ihn ja sogleich zu entlassen.
Wilhelm redete ihm zu und versicherte, daß er ihn gegen jedermann
schützen werde, daß ihm niemand ein Haar krümmen, viel weniger ohne
seinen Willen abschneiden solle.
Der Alte war sehr bewegt, und in seinen Augen glühte ein sonderbares
Feuer. "Nicht dieser Anlaß treibt mich hinweg", rief er aus; "schon
lange mache ich mir stille Vorwürfe, daß ich um Sie bleibe. Ich
sollte nirgends verweilen, denn das Unglück ereilt mich und beschädigt
die, die sich zu mir gesellen. Fürchten Sie alles, wenn Sie mich
nicht entlassen, aber fragen Sie mich nicht, ich gehöre nicht mir zu,
ich kann nicht bleiben."
"Wem gehörst du an? Wer kann eine solche Gewalt über dich ausüben?"
"Mein Herr, lassen Sie mir mein schaudervolles Geheimnis, und geben
Sie mich los! Die Rache, die mich verfolgt, ist nicht des irdischen
Richters; ich gehöre einem unerbittlichen Schicksale; ich kann nicht
bleiben, und ich darf nicht!"
"In diesem Zustande, in dem ich dich sehe, werde ich dich gewiß nicht
lassen."
"Es ist Hochverrat an Ihnen, mein Wohltäter, wenn ich zaudre. Ich bin
sicher bei Ihnen, aber Sie sind in Gefahr. Sie wissen nicht, wen Sie
in Ihrer Nähe hegen. Ich bin schuldig, aber unglücklicher als
schuldig. Meine Gegenwart verscheucht das Glück, und die gute Tat
wird ohnmächtig, wenn ich dazutrete. Flüchtig und unstet sollt ich
sein, daß mein unglücklicher Genius mich nicht einholet, der mich nur
langsam verfolgt und nur dann sich merken läßt, wenn ich mein Haupt
niederlegen und ruhen will. Dankbarer kann ich mich nicht bezeigen,
als wenn ich Sie verlasse."
"Sonderbarer Mensch! du kannst mir das Vertrauen in dich so wenig
nehmen als die Hoffnung, dich glücklich zu sehen. Ich will in die
Geheimnisse deines Aberglaubens nicht eindringen; aber wenn du ja in
Ahnung wunderbarer Verknüpfungen und Vorbedeutungen lebst, so sage ich
dir zu deinem Trost und zu deiner Aufmunterung: geselle dich zu meinem
Glücke, und wir wollen sehen, welcher Genius der stärkste ist, dein
schwarzer oder mein weißer!"
Wilhelm ergriff diese Gelegenheit, um ihm noch mancherlei Tröstliches
zu sagen; denn er hatte schon seit einiger Zeit in seinem wunderbaren
Begleiter einen Menschen zu sehen geglaubt, der durch Zufall oder
Schickung eine große Schuld auf sich geladen hat und nun die
Erinnerung derselben immer mit sich fortschleppt. Noch vor wenigen
Tagen hatte Wilhelm seinen Gesang behorcht und folgende Zeilen wohl
bemerkt:
Ihm färbt der Morgensonne Licht
Den reinen Horizont mit Flammen,
Und über seinem schuld'gen Haupte bricht
Das schöne Bild der ganzen Welt zusammen.
Der Alte mochte nun sagen, was er wollte, so hatte Wilhelm immer ein
stärker Argument, wußte alles zum besten zu kehren und zu wenden,
wußte so brav, so herzlich und tröstlich zu sprechen, daß der Alte
selbst wieder aufzuleben und seinen Grillen zu entsagen schien.
IV. Buch, 2. Kapitel
Zweites Kapitel
Melina hatte Hoffnung, in einer kleinen, aber wohlhabenden Stadt mit
seiner Gesellschaft unterzukommen. Schon befanden sie sich an dem
Orte, wohin sie die Pferde des Grafen gebracht hatten, und sahen sich
nach andern Wagen und Pferden um, mit denen sie weiterzukommen hofften.
Melina hatte den Transport übernommen und zeigte sich nach seiner
Gewohnheit übrigens sehr karg. Dagegen hatte Wilhelm die schönen
Dukaten der Gräfin in der Tasche, auf deren fröhliche Verwendung er
das größte Recht zu haben glaubte, und sehr leicht vergaß er, daß er
sie in der stattlichen Bilanz, die er den Seinigen zuschickte, schon
sehr ruhmredig aufgeführt hatte.
Sein Freund Shakespeare, den er mit großer Freude auch als seinen
Paten anerkannte und sich nur um so lieber Wilhelm nennen ließ, hatte
ihm einen Prinzen bekannt gemacht, der sich unter geringer, ja sogar
schlechter Gesellschaft eine Zeitlang aufhält und ungeachtet seiner
edlen Natur an der Roheit, Unschicklichkeit und Albernheit solcher
ganz sinnlichen Bursche sich ergötzt. Höchst willkommen war ihm das
Ideal, womit er seinen gegenwärtigen Zustand vergleichen konnte, und
der Selbstbetrug, wozu er eine fast unüberwindliche Neigung spürte,
ward ihm dadurch außerordentlich erleichtert.
Er fing nun an, über seine Kleidung nachzudenken. Er fand, daß ein
Westchen, über das man im Notfall einen kurzen Mantel würfe, für einen
Wanderer eine sehr angemessene Tracht sei. Lange, gestrickte
Beinkleider und ein Paar Schnürstiefeln schienen die wahre Tracht
eines Fußgängers. Dann verschaffte er sich eine schöne seidne Schärpe,
die er zuerst unter dem Vorwande, den Leib warm zu halten, umband;
dagegen befreite er seinen Hals von der Knechtschaft einer Binde und
ließ sich einige Streifen Nesseltuch ans Hemde heften, die aber etwas
breit gerieten und das völlige Ansehen eines antiken Kragens erhielten.
Das schöne seidne Halstuch, das gerettete Andenken Marianens, lag
nur locker geknüpft unter der nesseltuchnen Krause. Ein runder Hut
mit einem bunten Bande und einer großen Feder machte die Maskerade
vollkommen.
Die Frauen beteuerten, diese Tracht lasse ihm vorzüglich gut. Philine
stellte sich ganz bezaubert darüber und bat sich seine schönen Haare
aus, die er, um dem natürlichen Ideal nur desto näherzukommen,
unbarmherzig abgeschnitten hatte. Sie empfahl sich dadurch nicht übel,
und unser Freund, der durch seine Freigebigkeit sich das Recht
erworben hatte, auf Prinz Harrys Manier mit den übrigen umzugehen, kam
bald selbst in den Geschmack, einige tolle Streiche anzugeben und zu
befördern. Man focht, man tanzte, man erfand allerlei Spiele, und in
der Fröhlichkeit des Herzens genoß man des leidlichen Weins, den man
angetroffen hatte, in starkem Maße, und Philine lauerte in der
Unordnung dieser Lebensart dem spröden Helden auf, für den sein guter
Genius Sorge tragen möge.
Eine vorzügliche Unterhaltung, mit der sich die Gesellschaft besonders
ergötzte, bestand in einem extemporierten Spiel, in welchem sie ihre
bisherigen Gönner und Wohltäter nachahmten und durchzogen. Einige
unter ihnen hatten sich sehr gut die Eigenheiten des äußern Anstandes
verschiedner vornehmer Personen gemerkt, und die Nachbildung derselben
ward von der übrigen Gesellschaft mit dem größten Beifall aufgenommen,
und als Philine aus dem geheimen Archiv ihrer Erfahrungen einige
besondere Liebeserklärungen, die an sie geschehen waren, vorbrachte,
wußte man sich vor Lachen und Schadenfreude kaum zu lassen.
Wilhelm schalt ihre Undankbarkeit; allein man setzte ihm entgegen, daß
sie das, was sie dort erhalten, genugsam abverdient und daß überhaupt
das Betragen gegen so verdienstvolle Leute, wie sie sich zu sein
rühmten, nicht das beste gewesen sei. Nun beschwerte man sich, mit
wie wenig Achtung man ihnen begegnet, wie sehr man sie zurückgesetzt
habe. Das Spotten, Necken und Nachahmen ging wieder an, und man ward
immer bitterer und ungerechter.
"Ich wünschte", sagte Wilhelm darauf, "daß durch eure äußerungen weder
Neid noch Eigenliebe durchschiene und daß ihr jene Personen und ihre
Verhältnisse aus dem rechten Gesichtspunkte betrachtetet. Es ist eine
eigene Sache, schon durch die Geburt auf einen erhabenen Platz in der
menschlichen Gesellschaft gesetzt zu sein. Wem ererbte Reichtümer
eine vollkommene Leichtigkeit des Daseins verschafft haben, wer sich,
wenn ich mich so ausdrücken darf, von allem Beiwesen der Menschheit
von Jugend auf reichlich umgeben findet, gewöhnt sich meist, diese
Güter als das Erste und Größte zu betrachten, und der Wert einer von
der Natur schön ausgestatteten Menschheit wird ihm nicht so deutlich.
Das Betragen der Vornehmen gegen Geringere und auch untereinander ist
nach äußern Vorzügen abgemessen; sie erlauben jedem, seinen Titel,
seinen Rang, seine Kleider und Equipage, nur nicht seine Verdienste
geltend zu machen."
Diesen Worten gab die Gesellschaft einen unmäßigen Beifall. Man fand
abscheulich, daß der Mann von Verdienst immer zurückstehen müsse und
daß in der großen Welt keine Spur von natürlichem und herzlichem
Umgang zu finden sei. Sie kamen besonders über diesen letzten Punkt
aus dem Hundertsten ins Tausendste.
"Scheltet sie nicht darüber", rief Wilhelm aus, "bedauert sie vielmehr!
Denn von jenem Glück, das wir als das höchste erkennen, das aus dem
innern Reichtum der Natur fließt, haben sie selten eine erhöhte
Empfindung. Nur uns Armen, die wir wenig oder nichts besitzen, ist es
gegönnt, das Glück der Freundschaft in reichem Maße zu genießen. Wir
können unsre Geliebten weder durch Gnade erheben, noch durch Gunst
befördern, noch durch Geschenke beglücken. Wir haben nichts als uns
selbst. Dieses ganze Selbst müssen wir hingeben und, wenn es einigen
Wert haben soll, dem Freunde das Gut auf ewig versichern. Welch ein
Genuß, welch ein Glück für den Geber und Empfänger! In welchen
seligen Zustand versetzt uns die Treue! Sie gibt dem vorübergehenden
Menschenleben eine himmlische Gewißheit; sie macht das Hauptkapital
unsers Reichtums aus."
Mignon hatte sich ihm unter diesen Worten genähert, schlang ihre
zarten Arme um ihn und blieb mit dem Köpfchen an seine Brust gelehnt
stehen. Er legte die Hand auf des Kindes Haupt und fuhr fort: "Wie
leicht wird es einem Großen, die Gemüter zu gewinnen! wie leicht
eignet er sich die Herzen zu! Ein gefälliges, bequemes, nur
einigermaßen menschliches Betragen tut Wunder, und wie viele Mittel
hat er, die einmal erworbenen Geister festzuhalten. Uns kommt alles
seltner, wird alles schwerer, und wie natürlich ist es, daß wir auf
das, was wir erwerben und leisten, einen größern Wert legen. Welche
rührenden Beispiele von treuen Dienern, die sich für ihre Herren
aufopferten! Wie schön hat uns Shakespeare solche geschildert! Die
Treue ist in diesem Falle ein Bestreben einer edlen Seele, einem
Größern gleich zu werden. Durch fortdauernde Anhänglichkeit und Liebe
wird der Diener seinem Herrn gleich, der ihn sonst nur als einen
bezahlten Sklaven anzusehen berechtigt ist. Ja, diese Tugenden sind
nur für den geringen Stand; er kann sie nicht entbehren, und sie
kleiden ihn schön. Wer sich leicht loskaufen kann, wird so leicht
versucht, sich auch der Erkenntlichkeit zu überheben. Ja, in diesem
Sinne glaube ich behaupten zu können, daß ein Großer wohl Freunde
haben, aber nicht Freund sein könne."
Mignon drückte sich immer fester an ihn.
"Nun gut", versetzte einer aus der Gesellschaft. "Wir brauchen ihre
Freundschaft nicht und haben sie niemals verlangt. Nur sollten sie
sich besser auf Künste verstehen, die sie doch beschützen wollen.
Wenn wir am besten gespielt haben, hat uns niemand zugehört: alles war
lauter Parteilichkeit. Wem man günstig war, der gefiel, und man war
dem nicht günstig, der zu gefallen verdiente. Es war nicht erlaubt,
wie oft das Alberne und Abgeschmackte Aufmerksamkeit und Beifall auf
sich zog."
"Wenn ich abrechne", versetzte Wilhelm, "was Schadenfreude und Ironie
gewesen sein mag, so denk ich, es geht in der Kunst wie in der Liebe.
Wie will der Weltmann bei seinem zerstreuten Leben die Innigkeit
erhalten, in der ein Künstler bleiben muß, wenn er etwas Vollkommenes
hervorzubringen denkt, und die selbst demjenigen nicht fremd sein darf,
der einen solchen Anteil am Werke nehmen will, wie der Künstler ihn
wünscht und hofft.
Glaubt mir, meine Freunde, es ist mit den Talenten wie mit der Tugend:
man muß sie um ihrer selbst willen lieben oder sie ganz aufgeben. Und
doch werden sie beide nicht anders erkannt und belohnt, als wenn man
sie gleich einem gefährlichen Geheimnis im verborgnen üben kann."
"Unterdessen, bis ein Kenner uns auffindet, kann man Hungers sterben",
rief einer aus der Ecke.
"Nicht eben sogleich", versetzte Wilhelm. "Ich habe gesehen, solange
einer lebt und sich rührt, findet er immer seine Nahrung, und wenn sie
auch gleich nicht die reichlichste ist. Und worüber habt ihr euch
denn zu beschweren? Sind wir nicht ganz unvermutet, eben da es mit
uns am schlimmsten aussah, gut aufgenommen und bewirtet worden? Und
jetzt, da es uns noch an nichts gebricht, fällt es uns denn ein, etwas
zu unserer übung zu tun und nur einigermaßen weiterzustreben? Wir
treiben fremde Dinge und entfernen, den Schulkindern ähnlich, alles,
was uns nur an unsre Lektion erinnern könnte."
"Wahrhaftig", sagte Philine, "es ist unverantwortlich! Laßt uns ein
Stück wählen; wir wollen es auf der Stelle spielen. Jeder muß sein
möglichstes tun, als wenn er vor dem größten Auditorium stünde."
Man überlegte nicht lange; das Stück ward bestimmt. Es war eines
derer, die damals in Deutschland großen Beifall fanden und nun
verschollen sind. Einige pfiffen eine Symphonie, jeder besann sich
schnell auf seine Rolle, man fing an und spielte mit der größten
Aufmerksamkeit das Stück durch, und wirklich über Erwartung gut. Man
applaudierte sich wechselsweise; man hatte sich selten so wohl
gehalten.
Als sie fertig waren, empfanden sie alle ein ausnehmendes Vergnügen,
teils über ihre wohlzugebrachte Zeit, teils weil jeder besonders mit
sich zufrieden sein konnte. Wilhelm ließ sich weitläufig zu ihrem
Lobe heraus, und ihre Unterhaltung war heiter und fröhlich.
"Ihr solltet sehen", rief unser Freund, "wie weit wir kommen müßten,
wenn wir unsre übungen auf diese Art fortsetzten und nicht bloß auf
Auswendiglernen, Probieren und Spielen uns mechanisch pflicht- und
handwerksmäßig einschränkten. Wieviel mehr Lob verdienen die
Tonkünstler, wie sehr ergötzen sie sich, wie genau sind sie, wenn sie
gemeinschaftlich ihre übungen vornehmem Wie sind sie bemüht, ihre
Instrumente übereinzustimmen, wie genau halten sie Takt, wie zart
wissen sie die Stärke und Schwäche des Tons auszudrücken! Keinem
fällt es ein, sich bei dem Solo eines andern durch ein vorlautes
Akkompagnieren Ehre zu machen. Jeder sucht in dem Geist und Sinne des
Komponisten zu spielen und jeder das, was ihm aufgetragen ist, es mag
viel oder wenig sein, gut auszudrücken. Sollten wir nicht ebenso
genau und ebenso geistreich zu Werke gehen, da wir eine Kunst treiben,
die noch viel zarter als jede Art von Musik ist, da wir die
gewöhnlichsten und seltensten äußerungen der Menschheit geschmackvoll
und ergötzend darzustellen berufen sind? Kann etwas abscheulicher
sein, als in den Proben zu sudeln und sich bei der Vorstellung auf
Laune und gut Glück zu verlassen? Wir sollten unser größtes Glück und
Vergnügen dareinsetzen, miteinander übereinzustimmen, um uns
wechselsweise zu gefallen, und auch nur insofern den Beifall des
Publikums zu schätzen, als wir ihn uns gleichsam untereinander schon
selbst garantiert hätten. Warum ist der Kapellmeister seines
Orchesters gewisser als der Direktor seines Schauspiels? Weil dort
jeder sich seines Mißgriffs, der das äußere Ohr beleidigt, schämen muß;
aber wie selten hab ich einen Schauspieler verzeihliche und
unverzeihliche Mißgriffe, durch die das innere Ohr so schnöde
beleidigt wird, anerkennen und sich ihrer schämen sehen! Ich wünschte
nur, daß das Theater so schmal wäre als der Draht eines Seiltänzers,
damit sich kein Ungeschickter hinaufwagte, anstatt daß jetzo ein jeder
sich Fähigkeit genug fühlt, darauf zu paradieren."
Die Gesellschaft nahm diese Apostrophe gut auf, indem jeder überzeugt
war, daß nicht von ihm die Rede sein könne, da er sich noch vor kurzem
nebst den übrigen so gut gehalten. Man kam vielmehr überein, daß man
in dem Sinne, wie man angefangen, auf dieser Reise und künftig, wenn
man zusammen bliebe, eine gesellige Bearbeitung wolle obwalten lassen.
Man fand nur, daß, weil dieses eine Sache der guten Laune und des
freien Willens sei, so müsse sich eigentlich kein Direktor
dareinmischen. Man nahm als ausgemacht an, daß unter guten Menschen
die republikanische Form die beste sei; man behauptete, das Amt eines
Direktors müsse herumgehen; er müsse von allen gewählt werden und eine
Art von kleinem Senat ihm jederzeit beigesetzt bleiben. Sie waren so
von diesem Gedanken eingenommen, daß sie wünschten, ihn gleich ins
Werk zu richten.
"Ich habe nichts dagegen", sagte Melina, "wenn ihr auf der Reise einen
solchen Versuch machen wollt; ich suspendiere meine Direktorschaft
gern, bis wir wieder an Ort und Stelle kommen." Er hoffte dabei zu
sparen und manche Ausgaben der kleinen Republik oder dem
Interimsdirektor aufzuwälzen. Nun ging man sehr lebhaft zu Rate, wie
man die Form des neuen Staates aufs beste einrichten wolle.
"Es ist ein wanderndes Reich", sagte Laertes; "wir werden wenigstens
keine Grenzstreitigkeiten haben."
Man schritt sogleich zur Sache und erwählte Wilhelmen zum ersten
Direktor. Der Senat ward bestellt, die Frauen erhielten Sitz und
Stimme, man schlug Gesetze vor, man verwarf, man genehmigte. Die Zeit
ging unvermerkt unter diesem Spiele vorüber, und weil man sie angenehm
zubrachte, glaubte man auch wirklich etwas Nützliches getan und durch
die neue Form eine neue Aussicht für die vaterländische Bühne eröffnet
zu haben.
IV. Buch, 3. Kapitel
Drittes Kapitel
Wilhelm hoffte nunmehr, da er die Gesellschaft in so guter Disposition
sah, sich auch mit ihr über das dichterische Verdienst der Stücke
unterhalten zu können. "Es ist nicht genug", sagte er zu ihnen, als
sie des andern Tages wieder zusammenkamen, "daß der Schauspieler ein
Stück nur so obenhin ansehe, dasselbe nach dem ersten Eindruck
beurteile und ohne Prüfung sein Gefallen oder Mißfallen daran zu
erkennen gebe. Dies ist dem Zuschauer wohl erlaubt, der gerührt und
unterhalten sein, aber eigentlich nicht urteilen will. Der
Schauspieler dagegen soll von dem Stücke und von den Ursachen seines
Lobes und Tadels Rechenschaft geben können: und wie will er das, wenn
er nicht in den Sinn seines Autors, wenn er nicht in die Absichten
desselben einzudringen versteht? Ich habe den Fehler, ein Stück aus
einer Rolle zu beurteilen, eine Rolle nur an sich und nicht im
Zusammenhange mit dem Stück zu betrachten, an mir selbst in diesen
Tagen so lebhaft bemerkt, daß ich euch das Beispiel erzählen will,
wenn ihr mir ein geneigtes Gehör gönnen wollt.
Ihr kennt Shakespeares unvergleichlichen "Hamlet" aus einer Vorlesung,
die euch schon auf dem Schlosse das größte Vergnügen machte. Wir
setzten uns vor, das Stück zu spielen, und ich hatte, ohne zu wissen,
was ich tat, die Rolle des Prinzen übernommen; ich glaubte sie zu
studieren, indem ich anfing, die stärksten Stellen, die
Selbstgespräche und jene Auftritte zu memorieren, in denen Kraft der
Seele, Erhebung des Geistes und Lebhaftigkeit freien Spielraum haben,
wo das bewegte Gemüt sich in einem gefühlvollen Ausdrucke zeigen kann.
Auch glaubte ich recht in den Geist der Rolle einzudringen, wenn ich
die Last der tiefen Schwermut gleichsam selbst auf mich nähme und
unter diesem Druck meinem Vorbilde durch das seltsame Labyrinth so
mancher Launen und Sonderbarkeiten zu folgen suchte. So memorierte
ich, und so übte ich mich und glaubte nach und nach mit meinem Helden
zu einer Person zu werden.
Allein je weiter ich kam, desto schwerer ward mir die Vorstellung des
Ganzen, und mir schien zuletzt fast unmöglich, zu einer übersicht zu
gelangen. Nun ging ich das Stück in einer ununterbrochenen Folge
durch, und auch da wollte mir leider manches nicht passen. Bald
schienen sich die Charaktere, bald der Ausdruck zu widersprechen, und
ich verzweifelte fast, einen Ton zu finden, in welchem ich meine ganze
Rolle mit allen Abweichungen und Schattierungen vortragen könnte. In
diesen Irrgängen bemühte ich mich lange vergebens, bis ich mich
endlich auf einem ganz besondern Wege meinem Ziele zu nähern hoffte.
Ich suchte jede Spur auf, die sich von dem Charakter Hamlets in früher
Zeit vor dem Tode seines Vaters zeigte; ich bemerkte, was unabhängig
von dieser traurigen Begebenheit, unabhängig von den nachfolgenden
schrecklichen Ereignissen dieser interessante Jüngling gewesen war und
was er ohne sie vielleicht geworden wäre.
Zart und edel entsprossen, wuchs die königliche Blume unter den
unmittelbaren Einflüssen der Majestät hervor; der Begriff des Rechts
und der fürstlichen Würde, das Gefühl des Guten und Anständigen mit
dem Bewußtsein der Höhe seiner Geburt entwickelten sich zugleich in
ihm. Er war ein Fürst, ein geborner Fürst, und wünschte zu regieren,
nur damit der Gute ungehindert gut sein möchte. Angenehm von Gestalt,
gesittet von Natur, gefällig von Herzen aus, sollte er das Muster der
Jugend sein und die Freude der Welt werden.
Ohne irgendeine hervorstechende Leidenschaft war seine Liebe zu
Ophelien ein stilles Vorgefühl süßer Bedürfnisse; sein Eifer zu
ritterlichen übungen war nicht ganz original; vielmehr mußte diese
Lust durch das Lob, das man dem Dritten beilegte, geschärft und erhöht
werden; rein fühlend, kannte er die Redlichen und wußte die Ruhe zu
schätzen, die ein aufrichtiges Gemüt an dem offnen Busen eines
Freundes genießt. Bis auf einen gewissen Grad hatte er in Künsten und
Wissenschaften das Gute und Schöne erkennen und würdigen gelernt; das
Abgeschmackte war ihm zuwider, und wenn in seiner zarten Seele der Haß
aufkeimen konnte, so war es nur ebenso viel, als nötig ist, um
bewegliche und falsche Höflinge zu verachten und spöttisch mit ihnen
zu spielen. Er war gelassen in seinem Wesen, in seinem Betragen
einfach, weder im Müßiggange behaglich noch allzu begierig nach
Beschäftigung. Ein akademisches Hinschlendern schien er auch bei Hofe
fortzusetzen. Er besaß mehr Fröhlichkeit der Laune als des Herzens,
war ein guter Gesellschafter, nachgiebig, bescheiden, besorgt, und
konnte eine Beleidigung vergeben und vergessen; aber niemals konnte er
sich mit dem vereinigen, der die Grenzen des Rechten, des Guten, des
Anständigen überschritt.
Wenn wir das Stück wieder zusammen lesen werden, könnt ihr beurteilen,
ob ich auf dem rechten Wege bin. Wenigstens hoffe ich meine Meinung
durchaus mit Stellen belegen zu können."
Man gab der Schilderung lauten Beifall; man glaubte vorauszusehen, daß
sich nun die Handelsweise Hamlets gar gut werde erklären lassen; man
freute sich über diese Art, in den Geist des Schriftstellers
einzudringen. Jeder nahm sich vor, auch irgendein Stück auf diese Art
zu studieren und den Sinn des Verfassers zu entwickeln.
IV. Buch, 4. Kapitel
Viertes Kapitel
Nur einige Tage mußte die Gesellschaft an dem Orte liegenbleiben, und
sogleich zeigten sich für verschiedene Glieder derselben nicht
unangenehme Abenteuer, besonders aber ward Laertes von einer Dame
angereizt, die in der Nachbarschaft ein Gut hatte, gegen die er sich
aber äußerst kalt, ja unartig betrug und darüber von Philinen viele
Spöttereien erdulden mußte. Sie ergriff die Gelegenheit, unserm
Freund die unglückliche Liebesgeschichte zu erzählen, über die der
arme Jüngling dem ganzen weiblichen Geschlechte feind geworden war.
"Wer wird ihm übelnehmen", rief sie aus, "daß er ein Geschlecht haßt,
das ihm so übel mitgespielt hat und ihm alle übel, die sonst Männer
von Weibern zu befürchten haben, in einem sehr konzentrierten Tranke
zu verschlucken gab? Stellen Sie sich vor: binnen vierundzwanzig
Stunden war er Liebhaber, Bräutigam, Ehmann, Hahnrei, Patient und
Witwer! Ich wüßte nicht, wie man's einem ärger machen wollte."
Laertes lief halb lachend, halb verdrießlich zur Stube hinaus, und
Philine fing in ihrer allerliebsten Art die Geschichte zu erzählen an,
wie Laertes als ein junger Mensch von achtzehn Jahren, eben als er bei
einer Theatergesellschaft eingetroffen, ein schönes vierzehnjähriges
Mädchen gefunden, die eben mit ihrem Vater, der sich mit dem Direktor
entzweiet, abzureisen willens gewesen. Er habe sich aus dem Stegreife
sterblich verliebt, dem Vater alle möglichen Vorstellungen getan zu
bleiben und endlich versprochen, das Mädchen zu heiraten. Nach
einigen angenehmen Stunden des Brautstandes sei er getraut worden,
habe eine glückliche Nacht als Ehmann zugebracht, darauf habe ihn
seine Frau des andern Morgens, als er in der Probe gewesen, nach
Standesgebühr mit einem Hörnerschmuck beehrt; weil er aber aus
allzugroßer Zärtlichkeit viel zu früh nach Hause geeilt, habe er
leider einen ältern Liebhaber an seiner Stelle gefunden, habe mit
unsinniger Leidenschaft dreingeschlagen, Liebhaber und Vater
herausgefordert und sei mit einer leidlichen Wunde davongekommen.
Vater und Tochter seien darauf noch in der Nacht abgereist, und er sei
leider auf eine doppelte Weise verwundet zurückgeblieben. Sein
Unglück habe ihn zu dem schlechtesten Feldscher von der Welt geführt,
und der Arme sei leider mit schwarzen Zähnen und triefenden Augen aus
diesem Abenteuer geschieden. Er sei zu bedauern, weil er übrigens der
bravste Junge sei, den Gottes Erdboden trüge. "Besonders", sagte sie,
"tut es mir leid, daß der arme Narr nun die Weiber haßt: denn wer die
Weiber haßt, wie kann der leben?"
Melina unterbrach sie mit der Nachricht, daß alles zum Transport
völlig bereit sei und daß sie morgen früh abfahren könnten. Er
überreichte ihnen eine Disposition, wie sie fahren sollten.
"Wenn mich ein guter Freund auf den Schoß nimmt", sagte Philine, "so
bin ich zufrieden, daß wir eng und erbärmlich sitzen; übrigens ist mir
alles einerlei."
"Es tut nichts", sagte Laertes, der auch herbeikam.
"Es ist verdrießlich!" sagte Wilhelm und eilte weg. Er fand für sein
Geld noch einen gar bequemen Wagen, den Melina verleugnet hatte. Eine
andere Einteilung ward gemacht, und man freute sich, bequem abreisen
zu können, als die bedenkliche Nachricht einlief: daß auf dem Wege,
den sie nehmen wollten, sich ein Freikorps sehen lasse, von dem man
nicht viel Gutes erwartete.
An dem Orte selbst war man sehr auf diese Zeitung aufmerksam, wenn sie
gleich nur schwankend und zweideutig war. Nach der Stellung der
Armeen schien es unmöglich, daß ein feindliches Korps sich habe
durchschleichen oder daß ein freundliches so weit habe zurückbleiben
können. Jedermann war eifrig, unsrer Gesellschaft die Gefahr, die auf
sie wartete, recht gefährlich zu beschreiben und ihr einen andern Weg
anzuraten.
Die meisten waren darüber in Unruhe und Furcht gesetzt, und als nach
der neuen republikanischen Form die sämtlichen Glieder des Staats
zusammengerufen wurden, um über diesen außerordentlichen Fall zu
beratschlagen, waren sie fast einstimmig der Meinung, daß man das übel
vermeiden und am Orte bleiben oder ihm ausweichen und einen andern Weg
erwählen müsse.
Nur Wilhelm, von Furcht nicht eingenommen, hielt für schimpflich,
einen Plan, in den man mit so viel überlegung eingegangen war, nunmehr
auf ein bloßes Gerücht aufzugeben. Er sprach ihnen Mut ein, und seine
Gründe waren männlich und überzeugend.
"Noch", sagte er, "ist es nichts als ein Gerücht, und wie viele
dergleichen entstehen im Kriege! Verständige Leute sagen, daß der
Fall höchst unwahrscheinlich, ja beinah unmöglich sei. Sollten wir
uns in einer so wichtigen Sache bloß durch ein so ungewisses Gerede
bestimmen lassen? Die Route, welche uns der Herr Graf angegeben hat,
auf die unser Paß lautet, ist die kürzeste, und wir finden auf
selbiger den besten Weg. Sie führt uns nach der Stadt, wo ihr
Bekanntschaften, Freunde vor euch seht und eine gute Aufnahme zu
hoffen habt. Der Umweg bringt uns auch dahin, aber in welche
schlimmen Wege verwickelt er uns, wie weit führt er uns ab! Können
wir Hoffnung haben, uns in der späten Jahrszeit wieder herauszufinden,
und was für Zeit und Geld werden wir indessen versplittern!" Er sagte
noch viel und trug die Sache von so mancherlei vorteilhaften Seiten
vor, daß ihre Furcht sich verringerte und ihr Mut zunahm. Er wußte
ihnen so viel von der Mannszucht der regelmäßigen Truppen vorzusagen
und ihnen die Marodeurs und das hergelaufene Gesindel so nichtswürdig
zu schildern und selbst die Gefahr so lieblich und lustig darzustellen,
daß alle Gemüter aufgeheitert wurden.
Laertes war vom ersten Moment an auf seiner Seite und versicherte, daß
er nicht wanken noch weichen wolle. Der alte Polterer fand wenigstens
einige übereinstimmende Ausdrücke in seiner Manier, Philine lachte sie
alle zusammen aus, und da Madame Melina, die, ihrer hohen
Schwangerschaft ungeachtet, ihre natürliche Herzhaftigkeit nicht
verloren hatte, den Vorschlag heroisch fand, so konnte Melina, der
denn freilich auf dem nächsten Wege, auf den er akkordiert hatte, viel
zu sparen hoffte, nicht widerstehen, und man willigte in den Vorschlag
von ganzem Herzen.
Nun fing man an, sich auf alle Fälle zur Verteidigung einzurichten.
Man kaufte große Hirschfänger und hing sie an wohlgestickten Riemen
über die Schultern. Wilhelm steckte noch überdies ein Paar Terzerole
in den Gürtel; Laertes hatte ohnedem eine gute Flinte bei sich, und
man machte sich mit einer hohen Freudigkeit auf den Weg.
Den zweiten Tag schlugen die Fuhrleute, die der Gegend wohl kundig
waren, vor: sie wollten auf einem waldigen Bergplatze Mittagsruhe
halten, weil das Dorf weit abgelegen sei und man bei guten Tagen gern
diesen Weg nähme.
Die Witterung war schön, und jedermann stimmte leicht in den Vorschlag
ein. Wilhelm eilte zu Fuß durch das Gebirge voraus, und über seine
sonderbare Gestalt mußte jeder, der ihm begegnete, stutzig werden. Er
eilte mit schnellen und zufriedenen Schritten den Wald hinauf, Laertes
pfiff hinter ihm drein, nur die Frauen ließen sich in den Wagen
fortschleppen. Mignon lief gleichfalls nebenher, stolz auf den
Hirschfänger, den man ihr, als die Gesellschaft sich bewaffnete, nicht
abschlagen konnte. Um ihren Hut hatte sie die Perlenschnur gewunden,
die Wilhelm von Marianens Reliquien übrigbehalten hatte. Friedrich
der Blonde trug die Flinte des Laertes, der Harfner hatte das
friedlichste Ansehen. Sein langes Kleid war in den Gürtel gesteckt,
und so ging er freier. Er stützte sich auf einen knotigen Stab, sein
Instrument war bei den Wagen zurückgeblieben.
Nachdem sie nicht ganz ohne Beschwerlichkeit die Höhe erstiegen,
erkannten sie sogleich den angezeigten Platz an den schönen Buchen,
die ihn umgaben und bedeckten. Eine große, sanft abhängige Waldwiese
lud zum Bleiben ein; eine eingefaßte Quelle bot die lieblichste
Erquickung dar, und es zeigte sich an der andern Seite durch
Schluchten und Waldrücken eine ferne, schöne und hoffnungsvolle
Aussicht. Da lagen Dörfer und Mühlen in den Gründen, Städtchen in der
Ebene, und neue, in der Ferne eintretende Berge machten die Aussicht
noch hoffnungsvoller, indem sie nur wie eine sanfte Beschränkung
hereintraten.
Die ersten Ankommenden nahmen Besitz von der Gegend, ruhten im
Schatten aus, machten ein Feuer an und erwarteten geschäftig, singend
die übrige Gesellschaft, welche nach und nach herbeikam und den Platz,
das schöne Wetter, die unaussprechlich schöne Gegend mit einem Munde
begrüßte.
IV. Buch, 5. Kapitel
Fünftes Kapitel
Hatte man oft zwischen vier Wänden gute und fröhliche Stunden zusammen
genossen, so war man natürlich noch viel aufgeweckter hier, wo die
Freiheit des Himmels und die Schönheit der Gegend jedes Gemüt zu
reinigen schien. Alle fühlten sich einander näher, alle wünschten in
einem so angenehmen Aufenthalt ihr ganzes Leben hinzubringen. Man
beneidete die Jäger, Köhler und Holzhauer, Leute, die ihr Beruf in
diesen glücklichen Wohnplätzen festhält; über alles aber pries man die
reizende Wirtschaft eines Zigeunerhaufens. Man beneidete die
wunderlichen Gesellen, die in seligem Müßiggange alle abenteuerlichen
Reize der Natur zu genießen berechtigt sind; man freute sich, ihnen
einigermaßen ähnlich zu sein.
Indessen hatten die Frauen angefangen, Erdäpfel zu sieden und die
mitgebrachten Speisen auszupacken und zu bereiten. Einige Töpfe
standen beim Feuer, gruppenweise lagerte sich die Gesellschaft unter
den Bäumen und Büschen. Ihre seltsamen Kleidungen und die mancherlei
Waffen gaben ihr ein fremdes Ansehen. Die Pferde wurden beiseite
gefüttert, und wenn man die Kutschen hätte verstecken wollen, so wäre
der Anblick dieser kleinen Horde bis zur Illusion romantisch gewesen.
Wilhelm genoß ein nie gefühltes Vergnügen. Er konnte hier eine
wandernde Kolonie und sich als Anführer derselben denken. In diesem
Sinne unterhielt er sich mit einem jeden und bildete den Wahn des
Moments so poetisch als möglich aus. Die Gefühle der Gesellschaft
erhöhten sich; man aß, trank und jubilierte und bekannte wiederholt,
niemals schönere Augenblicke erlebt zu haben.
Nicht lange hatte das Vergnügen zugenommen, als bei den jungen Leuten
die Tätigkeit erwachte. Wilhelm und Laertes griffen zu den Rapieren
und fingen diesmal in theatralischer Absicht ihre übungen an. Sie
wollten den Zweikampf darstellen, in welchem Hamlet und sein Gegner
ein so tragisches Ende nehmen. Beide Freunde waren überzeugt, daß man
in dieser wichtigen Szene nicht, wie es wohl auf Theatern zu geschehen
pflegt, nur ungeschickt hin und wider stoßen dürfe: sie hofften ein
Muster darzustellen, wie man bei der Aufführung auch dem Kenner der
Fechtkunst ein würdiges Schauspiel zu geben habe. Man schloß einen
Kreis um sie her; beide fochten mit Eifer und Einsicht, das Interesse
der Zuschauer wuchs mit jedem Gange.
Auf einmal aber fiel im nächsten Busche ein Schuß und gleich darauf
noch einer, und die Gesellschaft fuhr erschreckt auseinander. Bald
erblickte man bewaffnete Leute, die auf den Ort zudrangen, wo die
Pferde nicht weit von den bepackten Kutschen ihr Futter einnahmen.
Ein allgemeiner Schrei entfuhr dem weiblichen Geschlechte, unsre
Helden warfen die Rapiere weg, griffen nach den Pistolen, eilten den
Räubern entgegen und forderten unter lebhaften Drohungen Rechenschaft
des Unternehmens.
Als man ihnen lakonisch mit ein paar Musketenschüssen antwortete,
drückte Wilhelm seine Pistole auf einen Krauskopf ab, der den Wagen
erstiegen hatte und die Stricke des Gepäckes auseinanderschnitt.
Wohlgetroffen stürzte er sogleich herunter; Laertes hatte auch nicht
fehlgeschossen, und beide Freunde zogen beherzt ihre Seitengewehre,
als ein Teil der räuberischen Bande mit Fluchen und Gebrüll auf sie
losbrach, einige Schüsse auf sie tat und sich mit blinkenden Säbeln
ihrer Kühnheit entgegensetzte. Unsre jungen Helden hielten sich
tapfer; sie riefen ihren übrigen Gesellen zu und munterten sie zu
einer allgemeinen Verteidigung auf. Bald aber verlor Wilhelm den
Anblick des Lichtes und das Bewußtsein dessen, was vorging. Von einem
Schuß, der ihn zwischen der Brust und dem linken Arm verwundete, von
einem Hiebe, der ihm den Hut spaltete und fast bis auf die Hirnschale
durchdrang, betäubt, fiel er nieder und mußte das unglückliche Ende
des überfalls nur erst in der Folge aus der Erzählung vernehmen.
Als er die Augen wieder aufschlug, befand er sich in der wunderbarsten
Lage. Das erste, was ihm durch die Dämmerung, die noch vor seinen
Augen lag, entgegenblickte, war das Gesicht Philinens, das sich über
das seine herüberneigte. Er fühlte sich schwach, und da er, um sich
emporzurichten, eine Bewegung machte, fand er sich in Philinens Schoß,
in den er auch wieder zurücksank. Sie saß auf dem Rasen, hatte den
Kopf des vor ihr ausgestreckten Jünglings leise an sich gedrückt und
ihm in ihren Armen, soviel sie konnte, ein sanftes Lager bereitet.
Mignon kniete mit zerstreuten, blutigen Haaren an seinen Füßen und
umfaßte sie mit vielen Tränen.
Als Wilhelm seine blutigen Kleider ansah, fragte er mit gebrochener
Stimme, wo er sich befinde, was ihm und den andern begegnet sei.
Philine bat ihn, ruhigzubleiben; die übrigen, sagte sie, seien alle in
Sicherheit und niemand als er und Laertes verwundet. Weiter wollte
sie nichts erzählen und bat ihn inständig, er möchte sich ruhighalten,
weil seine Wunden nur schlecht und in der Eile verbunden seien. Er
reichte Mignon die Hand und erkundigte sich nach der Ursache der
blutigen Locken des Kindes, das er auch verwundet glaubte.
Um ihn zu beruhigen, erzählte Philine: dieses gutherzige Geschöpf, da
es seinen Freund verwundet gesehen, habe sich in der Geschwindigkeit
auf nichts besonnen, um das Blut zu stillen, es habe seine eigenen
Haare, die um den Kopf geflogen, genommen, um die Wunden zu stopfen,
habe aber bald von dem vergeblichen Unternehmen abstehen müssen.
Nachher verband man ihn mit Schwamm und Moos, Philine hatte dazu ihr
Halstuch hergegeben.
Wilhelm bemerkte, daß Philine mit dem Rücken gegen ihren Koffer saß,
der noch ganz wohl verschlossen und unbeschädigt aussah. Er fragte,
ob die andern auch so glücklich gewesen, ihre Habseligkeiten zu retten.
Sie antwortete mit Achselzucken und einem Blick auf die Wiese, wo
zerbrochene Kasten, zerschlagene Koffer, zerschnittene Mantelsäcke und
eine Menge kleiner Gerätschaften zerstreut hin und wieder lagen. Kein
Mensch war auf dem Platze zu sehen, und die wunderliche Gruppe fand
sich in dieser Einsamkeit allein.
Wilhelm erfuhr nun immer mehr, als er wissen wollte: die übrigen
Männer, die allenfalls noch Widerstand hätten tun können, waren gleich
in Schrecken gesetzt und bald überwältigt; ein Teil floh, ein Teil sah
mit Entsetzen dem Unfalle zu. Die Fuhrleute, die sich noch wegen
ihrer Pferde am hartnäckigsten gehalten hatten, wurden niedergeworfen
und gebunden, und in kurzem war alles rein ausgeplündert und
weggeschleppt. Die beängstigten Reisenden fingen, sobald die Sorge
für ihr Leben vorüber war, ihren Verlust zu bejammern an, eilten mit
möglichstes Geschwindigkeit dem benachbarten Dorfe zu, führten den
leicht verwundeten Laertes mit sich und brachten nur wenige Trümmer
ihrer Besitztümer davon. Der Harfner hatte sein beschädigtes
Instrument an einen Baum gelehnt und war mit nach dem Orte geeilt,
einen Wundarzt aufzusuchen und seinem für tot zurückgelassenen
Wohltäter nach Möglichkeit beizuspringen.
IV. Buch, 6. Kapitel
Sechstes Kapitel
Unsre drei verunglückten Abenteurer blieben indes noch eine Zeitlang
in ihrer seltsamen Lage, niemand eilte ihnen zu Hülfe. Der Abend kam
herbei, die Nacht drohte hereinzubrechen; Philinens Gleichgültigkeit
fing an, in Unruhe überzugehen, Mignon lief hin und wider, und die
Ungeduld des Kindes nahm mit jedem Augenblicke zu. Endlich, da ihnen
ihr Wunsch gewährt ward und Menschen sich ihnen näherten, überfiel sie
ein neuer Schrecken. Sie hörten ganz deutlich einen Trupp Pferde in
dem Wege heraufkommen, den auch sie zurückgelegt hatten, und
fürchteten, daß abermals eine Gesellschaft ungebetener Gäste diesen
Waldplatz besuchen möchte, um Nachlese zu halten.
Wie angenehm wurden sie dagegen überrascht, als ihnen aus den Büschen,
auf einem Schimmel reitend, ein Frauenzimmer zu Gesichte kam, die von
einem ältlichen Herrn und einigen Kavalieren begleitet wurde;
Reitknechte, Bedienten und ein Trupp Husaren folgten nach.
Philine, die zu dieser Erscheinung große Augen machte, war eben im
Begriff zu rufen und die schöne Amazone um Hülfe anzuflehen, als diese
schon erstaunt ihre Augen nach der wunderbaren Gruppe wendete,
sogleich ihr Pferd lenkte, herzuritt und stillehielt. Sie erkundigte
sich eifrig nach dem Verwundeten, dessen Lage, in dem Schoße der
leichtfertigen Samariterin, ihr höchst sonderbar vorzukommen schien.
"Ist es Ihr Mann?" fragte sie Philinen. "Es ist nur ein guter Freund",
versetzte diese mit einem Ton, der Wilhelmen höchst zuwider war. Er
hatte seine Augen auf die sanften, hohen, stillen, teilnehmenden
Gesichtszüge der Ankommenden geheftet; er glaubte nie etwas Edleres
noch Liebenswürdigeres gesehen zu haben. Ein weiter Mannsüberrock
verbarg ihm ihre Gestalt; sie hatte ihn, wie es schien, gegen die
Einflüsse der kühlen Abendluft, von einem ihrer Gesellschafter geborgt.
Die Ritter waren indes auch näher gekommen; einige stiegen ab, die
Dame tat ein Gleiches und fragte mit menschenfreundlicher Teilnehmung
nach allen Umständen des Unfalls, der die Reisenden betroffen hatte,
besonders aber nach den Wunden des hingestreckten Jünglings. Darauf
wandte sie sich schnell um und ging mit einem alten Herrn seitwärts
nach den Wagen, welche langsam den Berg heraufkamen und auf dem
Waldplatze stillehielten.
Nachdem die junge Dame eine kurze Zeit am Schlage der einen Kutsche
gestanden und sich mit den Ankommenden unterhalten hatte, stieg ein
Mann von untersetzter Gestalt heraus, den sie zu unserm verwundeten
Helden führte. An dem Kästchen, das er in der Hand hatte, und an der
ledernen Tasche mit Instrumenten erkannte man ihn bald für einen
Wundarzt. Seine Manieren waren mehr rauh als einnehmend, doch seine
Hand leicht und seine Hülfe willkommen.
Er untersuchte genau, erklärte, keine Wunde sei gefährlich, er wolle
sie auf der Stelle verbinden, alsdann könne man den Kranken in das
nächste Dorf bringen.
Die Besorgnisse der jungen Dame schienen sich zu vermehren. "Sehen
Sie nur," sagte sie, nachdem sie einigemal hin und her gegangen war
und den alten Herrn wieder herbeiführte, "sehen Sie, wie man ihn
zugerichtet hat! Und leidet er nicht um unsertwillen?" Wilhelm hörte
diese Worte und verstand sie nicht. Sie ging unruhig hin und wider;
es schien, als könnte sie sich nicht von dem Anblick des Verwundeten
losreißen und als fürchtete sie zugleich den Wohlstand zu verletzen,
wenn sie stehenbliebe zu der Zeit, da man ihn, wiewohl mit Mühe, zu
entkleiden anfing. Der Chirurgus schnitt eben den linken ärmel auf,
als der alte Herr hinzutrat und ihr mit einem ernsthaften Tone die
Notwendigkeit, ihre Reise fortzusetzen, vorstellte. Wilhelm hatte
seine Augen auf sie gerichtet und war von ihren Blicken so eingenommen,
daß er kaum fühlte, was mit ihm vorging.
Philine war indessen aufgestanden, um der gnädigen Dame die Hand zu
küssen. Als sie nebeneinander standen, glaubte unser Freund nie einen
solchen Abstand gesehn zu haben. Philine war ihm noch nie in einem so
ungünstigen Lichte erschienen. Sie sollte, wie es ihm vorkam, sich
jener edlen Natur nicht nahen, noch weniger sie berühren.
Die Dame fragte Philinen Verschiedenes, aber leise. Endlich kehrte
sie sich zu dem alten Herrn, der noch immer trocken dabeistand, und
sagte: "Lieber Oheim, darf ich auf Ihre Kosten freigebig sein?" Sie
zog sogleich den überrock aus, und ihre Absicht, ihn dem Verwundeten
und Unbekleideten hinzugeben, war nicht zu verkennen.
Wilhelm, den der heilsame Blick ihrer Augen bisher festgehalten hatte,
war nun, als der überrock fiel, von ihrer schönen Gestalt überrascht.
Sie trat näher herzu und legte den Rock sanft über ihn. In diesem
Augenblicke, da er den Mund öffnen und einige Worte des Dankes
stammeln wollte, wirkte der lebhafte Eindruck ihrer Gegenwart so
sonderbar auf seine schon angegriffenen Sinne, daß es ihm auf einmal
vorkam, als sei ihr Haupt mit Strahlen umgeben und über ihr ganzes
Bild verbreite sich nach und nach ein glänzendes Licht. Der Chirurgus
berührte ihn eben unsanfter, indem er die Kugel, welche in der Wunde
stak, herauszuziehen Anstalt machte. Die Heilige verschwand vor den
Augen des Hinsinkenden; er verlor alles Bewußtsein, und als er wieder
zu sich kam, waren Reiter und Wagen, die Schöne samt ihren Begleitern
verschwunden.
IV. Buch, 7. Kapitel
Siebentes Kapitel
Nachdem unser Freund verbunden und angekleidet war, eilte der
Chirurgus weg, eben als der Harfenspieler mit einer Anzahl Bauern
heraufkam. Sie bereiteten eilig aus abgehauenen ästen und
eingeflochtenem Reisig eine Trage, luden den Verwundeten darauf und
brachten ihn unter Anführung eines reitenden Jägers, den die
Herrschaft zurückgelassen hatte, sachte den Berg hinunter. Der
Harfner, still und in sich gekehrt, trug sein beschädigtes Instrument,
einige Leute schleppten Philinens Koffer, sie schlenderte mit einem
Bündel nach, Mignon sprang bald voraus, bald zur Seite durch Busch und
Wald und blickte sehnlich nach ihrem kranken Beschützer hinüber.
Dieser lag, in seinen warmen überrock gehüllt, ruhig auf der Bahre.
Eine elektrische Wärme schien aus der feinen Wolle in seinen Körper
überzugehen; genug, er fühlte sich in die behaglichste Empfindung
versetzt. Die schöne Besitzerin des Kleides hatte mächtig auf ihn
gewirkt. Er sah noch den Rock von ihren Schultern fallen, die edelste
Gestalt, von Strahlen umgeben, vor sich stehen, und seine Seele eilte
der Verschwundenen durch Felsen und Wälder auf dem Fuße nach.
Nur mit sinkender Nacht kam der Zug im Dorfe vor dem Wirtshause an, in
welchem sich die übrige Gesellschaft befand und verzweiflungsvoll den
unersetzlichen Verlust beklagte. Die einzige, kleine Stube des Hauses
war von Menschen vollgepfropft: einige lagen auf der Streue, andere
hatten die Bänke eingenommen, einige sich hinter den Ofen gedrückt,
und Frau Melina erwartete in einer benachbarten Kammer ängstlich ihre
Niederkunft. Der Schrecken hatte sie beschleunigt, und unter dem
Beistande der Wirtin, einer jungen, unerfahrnen Frau, konnte man wenig
Gutes erwarten.
Als die neuen Ankömmlinge hereingelassen zu werden verlangten,
entstand ein allgemeines Murren. Man behauptete nun, daß man allein
auf Wilhelms Rat, unter seiner besondern Anführung diesen gefährlichen
Weg unternommen und sich diesem Unfall ausgesetzt habe. Man warf die
Schuld des übeln Ausgangs auf ihn, widersetzte sich an der Türe seinem
Eintritt und behauptete: er müsse anderswo unterzukommen suchen.
Philinen begegnete man noch schnöder; der Harfenspieler und Mignon
mußten auch das Ihrige leiden.
Nicht lange hörte der Jäger, dem die Vorsorge für die Verlassenen von
seiner schönen Herrschaft ernstlich anbefohlen war, dem Streite mit
Geduld zu; er fuhr mit Fluchen und Drohen auf die Gesellschaft los,
gebot ihnen zusammenzurücken und den Ankommenden Platz zu machen. Man
fing an, sich zu bequemen. Er bereitete Wilhelmen einen Platz auf
einem Tische, den er in eine Ecke schob; Philine ließ ihren Koffer
danebenstellen und setzte sich drauf. Jeder drückte sich, so gut er
konnte, und der Jäger begab sich weg, um zu sehen, ob er nicht ein
bequemeres Quartier für das Ehepaar ausmachen könne.
Kaum war er fort, als der Unwille wieder laut zu werden anfing und ein
Vorwurf den andern drängte. Jedermann erzählte und erhöhte seinen
Verlust, man schalt die Verwegenheit, durch die man so vieles
eingebüßt, man verhehlte sogar die Schadenfreude nicht, die man über
die Wunden unseres Freundes empfand, man verhöhnte Philinen und wollte
ihr die Art und Weise, wie sie ihren Koffer gerettet, zum Verbrechen
machen. Aus allerlei Anzüglichkeiten und Stichelreden hätte man
schließen sollen, sie habe sich während der Plünderung und Niederlage
um die Gunst des Anführers der Bande bemüht und habe ihn, wer weiß
durch welche Künste und Gefälligkeiten, vermocht, ihren Koffer
freizugeben. Man wollte sie eine ganze Weile vermißt haben. Sie
antwortete nichts und klapperte nur mit den großen Schlössern ihres
Koffers, um ihre Neider recht von seiner Gegenwart zu überzeugen und
die Verzweiflung des Haufens durch ihr eigenes Glück zu vermehren.
IV. Buch, 8. Kapitel
Achtes Kapitel
Wilhelm, ob er gleich durch den starken Verlust des Blutes schwach und
nach der Erscheinung jenes hülfreichen Engels mild und sanft geworden
war, konnte sich doch zuletzt des Verdrusses über die harten und
ungerechten Reden nicht enthalten, welche bei seinem Stillschweigen
von der unzufriednen Gesellschaft immer erneuert wurden. Endlich
fühlte er sich gestärkt genug, um sich aufzurichten und ihnen die
Unart vorzustellen, mit der sie ihren Freund und Führer beunruhigten.
Er hob sein verbundenes Haupt in die Höhe und fing, indem er sich mit
einiger Mühe stützte und gegen die Wand lehnte, folgendergestalt zu
reden an:
"Ich vergebe dem Schmerze, den jeder über seinen Verlust empfindet,
daß ihr mich in einem Augenblicke beleidigt, wo ihr mich beklagen
solltet, daß ihr mir widersteht und mich von euch stoßt, das erstemal,
da ich Hülfe von euch erwarten könnte. Für die Dienste, die ich euch
erzeigte, für die Gefälligkeiten, die ich euch erwies, habe ich mich
durch euren Dank, durch euer freundschaftliches Betragen bisher
genugsam belohnt gefunden; verleitet mich nicht, zwingt mein Gemüt
nicht, zurückzugehen und zu überdenken, was ich für euch getan habe;
diese Berechnung würde mir nur peinlich werden. Der Zufall hat mich
zu euch geführt, Umstände und eine heimliche Neigung haben mich bei
euch gehalten. Ich nahm an euren Arbeiten, an euren Vergnügungen teil;
meine wenigen Kenntnisse waren zu eurem Dienste. Gebt ihr mir jetzt
auf eine bittre Weise den Unfall schuld, der uns betroffen hat, so
erinnert ihr euch nicht, daß der erste Vorschlag, diesen Weg zu nehmen,
von fremden Leuten kam, von euch allen geprüft und so gut von jedem
als von mir gebilligt worden ist. Wäre unsre Reise glücklich
vollbracht, so würde sich jeder wegen des guten Einfalls loben, daß er
diesen Weg angeraten, daß er ihn vorgezogen; er würde sich unsrer
überlegungen und seines ausgeübten Stimmrechts mit Freuden erinnern;
jetzo macht ihr mich allein verantwortlich, ihr zwingt mir eine Schuld
auf, die ich willig übernehmen wollte, wenn mich das reinste
Bewußtsein nicht freispräche, ja wenn ich mich nicht auf euch selbst
berufen könnte. Habt ihr gegen mich etwas zu sagen, so bringt es
ordentlich vor, und ich werde mich zu verteidigen wissen; habt ihr
nichts Gegründetes anzugeben, so schweigt, und quält mich nicht, jetzt,
da ich der Ruhe so äußerst bedürftig bin."
Statt aller Antwort fingen die Mädchen an, abermals zu weinen und
ihren Verlust umständlich zu erzählen; Melina war ganz außer Fassung:
denn er hatte freilich am meisten, und mehr, als wir denken können,
eingebüßt. Wie ein Rasender stolperte er in dem engen Raume hin und
her, stieß den Kopf wider die Wand, fluchte und schalt auf das
unziemlichste; und da nun gar zu gleicher Zeit die Wirtin aus der
Kammer trat mit der Nachricht, daß seine Frau mit einem toten Kinde
niedergekommen, erlaubte er sich die heftigsten Ausbrüche, und
einstimmig mit ihm heulte, schrie, brummte und lärmte alles
durcheinander.
Wilhelm, der zugleich von mitleidiger Teilnehmung an ihrem Zustande
und von Verdruß über ihre niedrige Gesinnung bis in sein Innerstes
bewegt war, fühlte unerachtet der Schwäche seines Körpers die ganze
Kraft seiner Seele lebendig. "Fast", rief er aus, "muß ich euch
verachten, so beklagenswert ihr auch sein mögt. Kein Unglück
berechtigt uns, einen Unschuldigen mit Vorwürfen zu beladen; habe ich
teil an diesem falschen Schritte, so büße ich auch mein Teil. Ich
liege verwundet hier, und wenn die Gesellschaft verloren hat, so
verliere ich das meiste. Was an Garderobe geraubt worden, was an
Dekorationen zugrunde gegangen, war mein: denn Sie, Herr Melina, haben
mich noch nicht bezahlt, und ich spreche Sie von dieser Forderung
hiemit völlig frei."
"Sie haben gut schenken", rief Melina, "was niemand wiedersehen wird.
Ihr Geld lag in meiner Frau Koffer, und es ist Ihre Schuld, daß es
Ihnen verlorengeht. Aber oh! wenn das alles wäre!" Er fing aufs neue
zu stampfen, zu schimpfen und zu schreien an. Jedermann erinnerte
sich der schönen Kleider aus der Garderobe des Grafen, der Schnallen,
Uhren, Dosen, Hüte, welche Melina von dem Kammerdiener so glücklich
gehandelt hatte. Jedem fielen seine eigenen, obgleich viel geringeren
Schätze dabei wieder ins Gedächtnis; man blickte mit Verdruß auf
Philinens Koffer, man gab Wilhelmen zu verstehen, er habe wahrlich
nicht übelgetan, sich mit dieser Schönen zu assoziieren und durch ihr
Glück auch seine Habseligkeiten zu retten.
"Glaubt ihr denn", rief er endlich aus, "daß ich etwas Eignes haben
werde, solange ihr darbt, und ist es wohl das erste Mal, daß ich in
der Not mit euch redlich teile? Man öffne den Koffer, und was mein
ist, will ich zum öffentlichen Bedürfnis niederlegen."
,Es ist mein Koffer", sagte Philine, "und ich werde ihn nicht eher
aufmachen, bis es mir beliebt. Ihre paar Fittiche, die ich Ihnen
aufgehoben, können wenig betragen, und wenn sie an die redlichsten
Juden verkauft werden. Denken Sie an sich, was Ihre Heilung kosten,
was Ihnen in einem fremden Lande begegnen kann."
"Sie werden mir, Philine", versetzte Wilhelm, "nichts vorenthalten,
was mein ist, und das wenige wird uns aus der ersten Verlegenheit
retten. Allein der Mensch besitzt noch manches, womit er seinen
Freunden beistehen kann, das eben nicht klingende Münze zu sein
braucht. Alles, was in mir ist, soll diesen Unglücklichen gewidmet
sein, die gewiß, wenn sie wieder zu sich selbst kommen, ihr
gegenwärtiges Betragen bereuen werden. Ja", fuhr er fort, "ich fühle,
daß ihr bedürft, und was ich vermag, will ich euch leisten; schenkt
mir euer Vertrauen aufs neue, beruhigt euch für diesen Augenblick,
nehmet an, was ich euch verspreche! Wer will die Zusage im Namen
aller von mir empfangen?"
Hier streckte er seine Hand aus und rief: "Ich verspreche, daß ich
nicht eher von euch weichen, euch nicht eher verlassen will, als bis
ein jeder seinen Verlust doppelt und dreifach ersetzt sieht, bis ihr
den Zustand, in dem ihr euch, durch wessen Schuld es wolle, befindet,
völlig vergessen und mit einem glücklichern vertauscht habt."
Er hielt seine Hand noch immer ausgestreckt, und niemand wollte sie
fassen. "Ich versprach es noch einmal", rief er aus, indem er auf
sein Kissen zurücksank. Alle blieben stille; sie waren beschämt, aber
nicht getröstet, und Philine, auf ihrem Koffer sitzend, knackte Nüsse
auf, die sie in ihrer Tasche gefunden hatte.
IV. Buch, 9. Kapitel
Neuntes Kapitel
Der Jäger kam mit einigen Leuten zurück und machte Anstalt, den
Verwundeten wegzuschaffen. Er hatte den Pfarrer des Orts beredet, das
Ehepaar aufzunehmen; Philinens Koffer ward fortgetragen, und sie
folgte mit natürlichem Anstand. Mignon lief voraus, und da der Kranke
im Pfarrhaus ankam, ward ihm ein weites Ehebette, das schon lange Zeit
als Gast- und Ehrenbette bereitstand, eingegeben. Hier bemerkte man
erst, daß die Wunde aufgegangen war und stark geblutet hatte. Man
mußte für einen neuen Verband sorgen. Der Kranke verfiel in ein
Fieber, Philine wartete ihn treulich, und als die Müdigkeit sie
übermeisterte, löste sie der Harfenspieler ab; Mignon war mit dem
festen Vorsatz zu wachen in einer Ecke eingeschlafen.
Des Morgens, als Wilhelm sich ein wenig erholt hatte, erfuhr er von
dem Jäger, daß die Herrschaft, die ihnen gestern zu Hülfe gekommen sei,
vor kurzem ihre Güter verlassen habe, um den Kriegsbewegungen
auszuweichen und sich bis zum Frieden in einer ruhigern Gegend
aufzuhalten. Er nannte den ältlichen Herrn und seine Nichte, zeigte
den Ort an, wohin sie sich zuerst begeben, erklärte Wilhelmen, wie das
Fräulein ihm eingebunden, für die Verlassenen Sorge zu tragen.
Der hereintretende Wundarzt unterbrach die lebhaften Danksagungen, in
welche sich Wilhelm gegen den Jäger ergoß, machte eine umständliche
Beschreibung der Wunden, versicherte, daß sie leicht heilen würden,
wenn der Patient sich ruhighielte und sich abwartete.
Nachdem der Jäger weggeritten war, erzählte Philine, daß er ihr einen
Beutel mit zwanzig Louisdorn zurückgelassen, daß er dem Geistlichen
ein Douceur für die Wohnung gegeben und die Kurkosten für den
Chirurgus bei ihm niedergelegt habe. Sie gelte durchaus für Wilhelms
Frau, introduziere sich ein für allemal bei ihm in dieser Qualität und
werde nicht zugeben, daß er sich nach einer andern Wartung umsehe.
"Philine", sagte Wilhelm, "ich bin Ihnen bei dem Unfall, der uns
begegnet ist, schon manchen Dank schuldig geworden, und ich wünschte
nicht, meine Verbindlichkeiten gegen Sie vermehrt zu sehen. Ich bin
unruhig, solange Sie um mich sind: denn ich weiß nichts, womit ich
Ihnen die Mühe vergelten kann. Geben Sie mir meine Sachen, die Sie in
Ihrem Koffer gerettet haben, heraus, schließen Sie sich an die übrige
Gesellschaft an, suchen Sie ein ander Quartier, nehmen Sie meinen Dank,
und die goldne Uhr als eine kleine Erkenntlichkeit; nur verlassen Sie
mich; Ihre Gegenwart beunruhigt mich mehr, als Sie glauben."
Sie lachte ihm ins Gesicht, als er geendigt hatte. "Du bist ein Tor",
sagte sie, "du wirst nicht klug werden. Ich weiß besser, was dir gut
ist; ich werde bleiben, ich werde mich nicht von der Stelle rühren.
Auf den Dank der Männer habe ich niemals gerechnet, also auch auf
deinen nicht; und wenn ich dich liebhabe, was geht's dich an?"
Sie blieb und hatte sich bald bei dem Pfarrer und seiner Familie
eingeschmeichelt, indem sie immer lustig war, jedem etwas zu schenken,
jedem nach dem Sinne zu reden wußte und dabei immer tat, was sie
wollte. Wilhelm befand sich nicht übel; der Chirurgus, ein
unwissender, aber nicht ungeschickter Mensch, ließ die Natur walten,
und so war der Patient bald auf dem Wege der Besserung. Sehnlich
wünschte dieser sich wiederhergestellt zu sehen, um seine Plane, seine
Wünsche eifrig verfolgen zu können.
Unaufhörlich rief er sich jene Begebenheit zurück, welche einen
unauslöschlichen Eindruck auf sein Gemüt gemacht hatte. Er sah die
schöne Amazone reitend aus den Büschen hervorkommen, sie näherte sich
ihm, stieg ab, ging hin und wider und bemühte sich um seinetwillen.
Er sah das umhüllende Kleid von ihren Schultern fallen; ihr Gesicht,
ihre Gestalt glänzend verschwinden. Alle seine Jugendträume knüpften
sich an dieses Bild. Er glaubte nunmehr die edle, heldenmütige
Chlorinde mit eignen Augen gesehen zu haben: ihm fiel der kranke
Königssohn wieder ein, an dessen Lager die schöne, teilnehmende
Prinzessin mit stiller Bescheidenheit herantritt.
"Sollten nicht", sagte er manchmal im stillen zu sich selbst, "uns in
der Jugend, wie im Schlafe, sie Bilder zukünftiger Schicksale
umschweben und unserm unbefangenen Auge ahnungsvoll sichtbar werden?
Sollten die Keime dessen, was uns begegnen wird, nicht schon von der
Hand des Schicksals ausgestreut, sollte nicht ein Vorgenuß der Früchte,
die wir einst zu brechen hoffen, möglich sein?"
Sein Krankenlager gab ihm Zeit, jene Szene tausendmal zu wiederholen.
Tausendmal rief er den Klang jener süßen Stimme zurück, und wie
beneidete er Philinen, die jene hülfreiche Hand geküßt hatte. Oft kam
ihm die Geschichte wie ein Traum vor, und er würde sie für ein Märchen
gehalten haben, wenn nicht das Kleid zurückgeblieben wäre, das ihm die
Gewißheit der Erscheinung versicherte.
Mit der größten Sorgfalt für dieses Gewand war das lebhafteste
Verlangen verbunden, sich damit zu bekleiden. Sobald er aufstand,
warf er es über und befürchtete den ganzen Tag, es möchte durch einen
Flecken oder auf sonst eine Weise beschädigt werden.
IV. Buch, 10. Kapitel
Zehntes Kapitel
Laertes besuchte seinen Freund. Er war bei jener lebhaften Szene im
Wirtshause nicht gegenwärtig gewesen, denn er lag in einer obern
Kammer. über seinen Verlust war er sehr getröstet und half sich mit
seinem gewöhnlichen: "Was tut's?" Er erzählte verschiedene
lächerliche Züge von der Gesellschaft, besonders gab er Frau Melina
schuld: sie beweine den Verlust ihrer Tochter nur deswegen, weil sie
nicht das altdeutsche Vergnügen haben könne, eine Mechtilde taufen zu
lassen. Was ihren Mann betreffe, so offenbare sich's nun, daß er viel
Geld bei sich gehabt und auch schon damals des Vorschusses, den er
Wilhelmen abgelockt, keineswegs bedurft habe. Melina wolle nunmehr
mit dem nächsten Postwagen abgehn und werde von Wilhelmen ein
Empfehlungsschreiben an seinen Freund, den Direktor Serlo, verlangen,
bei dessen Gesellschaft er, weil die eigne Unternehmung gescheitert,
nun unterzukommen hoffe.
Mignon war einige Tage sehr still gewesen, und als man in sie drang,
gestand sie endlich, daß ihr rechter Arm verrenkt sei. "Das hast du
deiner Verwegenheit zu danken", sagte Philine und erzählte, wie das
Kind im Gefechte seinen Hirschfänger gezogen und, als es seinen Freund
in Gefahr gesehen, wacker auf die Freibeuter zugehauen habe. Endlich
sei es beim Arme ergriffen und auf die Seite geschleudert worden. Man
schalt auf sie, daß sie das übel nicht eher entdeckt habe, doch merkte
man wohl, daß sie sich vor dem Chirurgus gescheut, der sie bisher
immer für einen Knaben gehalten hatte. Man suchte das übel zu heben,
und sie mußte den Arm in der Binde tragen. Hierüber war sie aufs neue
empfindlich, weil sie den besten Teil der Pflege und Wartung ihres
Freundes Philinen überlassen mußte, und die angenehme Sünderin zeigte
sich nur um desto tätiger und aufmerksamer.
Eines Morgens, als Wilhelm erwachte, fand er sich mit ihr in einer
sonderbaren Nähe. Er war auf seinem weiten Lager in der Unruhe des
Schlafs ganz an die hintere Seite gerutscht. Philine lag quer über
den vordern Teil hingestreckt; sie schien auf dem Bette sitzend und
lesend eingeschlafen zu sein. Ein Buch war ihr aus der Hand gefallen;
sie war zurück und mit dem Kopf nah an seine Brust gesunken, über die
sich ihre blonden, aufgelösten Haare in Wellen ausbreiteten. Die
Unordnung des Schlafs erhöhte mehr als Kunst und Vorsatz ihre Reize;
eine kindische lächelnde Ruhe schwebte über ihrem Gesichte. Er sah
sie eine Zeitlang an und schien sich selbst über das Vergnügen zu
tadeln, womit er sie ansah, und wir wissen nicht, ob er seinen Zustand
segnete oder tadelte, der ihm Ruhe und Mäßigung zur Pflicht machte.
Er hatte sie eine Zeitlang aufmerksam betrachtet, als sie sich zu
regen anfing. Er schloß die Augen sachte zu, doch konnte er nicht
unterlassen zu blinzen und nach ihr zu sehen, als sie sich wieder
zurechtputzte und wegging, nach dem Frühstück zu fragen.
Nach und nach hatten sich nun die sämtlichen Schauspieler bei
Wilhelmen gemeldet, hatten Empfehlungsschreiben und Reisegeld mehr
oder weniger unartig und ungestüm gefordert und immer mit Widerwillen
Philinens erhalten. Vergebens stellte sie ihrem Freunde vor, daß der
Jäger auch diesen Leuten eine ansehnliche Summe zurückgelassen, daß
man ihn nur zum besten habe. Vielmehr kamen sie darüber in einen
lebhaften Zwist, und Wilhelm behauptete nunmehr ein für allemal, daß
sie sich gleichfalls an die übrige Gesellschaft anschließen und ihr
Glück bei Serlo versuchen sollte.
Nur einige Augenblicke verließ sie ihr Gleichmut, dann erholte sie
sich schnell wieder und rief: "Wenn ich nur meinen Blonden wieder
hätte, so wollt ich mich um euch alle nichts kümmern." Sie meinte
Friedrichen, der sich vom Waldplatze verloren und nicht wieder gezeigt
hatte.
Des andern Morgens brachte Mignon die Nachricht ans Bette, daß Philine
in der Nacht abgereist sei; im Nebenzimmer habe sie alles, was ihm
gehöre, sehr ordentlich zusammengelegt. Er empfand ihre Abwesenheit;
er hatte an ihr eine treue Wärterin, eine muntere Gesellschafterin
verloren; er war nicht mehr gewohnt, allein zu sein. Allein Mignon
füllte die Lücke bald wieder aus.
Seitdem jene leichtfertige Schöne in ihren freundlichen Bemühungen den
Verwundeten umgab, hatte sich die Kleine nach und nach zurückgezogen
und war stille für sich geblieben; nun aber, da sie wieder freies Feld
gewann, trat sie mit Aufmerksamkeit und Liebe hervor, war eifrig, ihm
zu dienen, und munter, ihn zu unterhalten.
IV. Buch, 11. Kapitel
Eilftes Kapitel
Mit lebhaften Schritten nahete er sich der Besserung; er hoffte nun,
in wenig Tagen seine Reise antreten zu können. Er wollte nicht etwa
planlos ein schlenderndes Leben fortsetzen, sondern zweckmäßige
Schritte sollten künftig seine Bahn bezeichnen. Zuerst wollte er die
hülfreiche Herrschaft aufsuchen, um seine Dankbarkeit an den Tag zu
legen, alsdann zu seinem Freunde, dem Direktor, eilen, um für die
verunglückte Gesellschaft auf das beste zu sorgen, und zugleich die
Handelsfreunde, an die er mit Adressen versehen war, besuchen und die
ihm aufgetragnen Geschäfte verrichten. Er machte sich Hoffnung, daß
ihm das Glück wie vorher auch künftig beistehen und ihm Gelegenheit
verschaffen werde, durch eine glückliche Spekulation den Verlust zu
ersetzen und die Lücke seiner Kasse wieder auszufüllen.
Das Verlangen, seine Retterin wiederzusehen, wuchs mit jedem Tage. Um
seine Reiseroute zu bestimmen, ging er mit dem Geistlichen zu Rate,
der schöne geographische und statistische Kenntnisse hatte und eine
artige Bücher- und Kartensammlung besaß. Man suchte nach dem Orte,
den die edle Familie während des Kriegs zu ihrem Sitz erwählt hatte,
man suchte Nachrichten von ihr selbst auf; allein der Ort war in
keiner Geographie, auf keiner Karte zu finden, und die genealogischen
Handbücher sagten nichts von einer solchen Familie.
Wilhelm wurde unruhig, und als er seine Bekümmernis laut werden ließ,
entdeckte ihm der Harfenspieler: er habe Ursache zu glauben, daß der
Jäger, es sei aus welcher Ursache es wolle, den wahren Namen
verschwiegen habe.
Wilhelm, der nun einmal sich in der Nähe der Schönen glaubte, hoffte
einige Nachricht von ihr zu erhalten, wenn er den Harfenspieler
abschickte; aber auch diese Hoffnung ward getäuscht. Sosehr der Alte
sich auch erkundigte, konnte er doch auf keine Spur kommen. In jenen
Tagen waren verschiedene lebhafte Bewegungen und unvorhergesehene
Durchmärsche in diesen Gegenden vorgefallen; niemand hatte auf die
reisende Gesellschaft besonders achtgegeben, so daß der ausgesendete
Bote, um nicht für einen jüdischen Spion angesehn zu werden, wieder
zurückgehen und ohne ölblatt vor seinem Herrn und Freund erscheinen
mußte. Er legte strenge Rechenschaft ab, wie er den Auftrag
auszurichten gesucht, und war bemüht, allen Verdacht einer
Nachlässigkeit von sich zu entfernen. Er suchte auf alle Weise
Wilhelms Betrübnis zu lindern, besann sich auf alles, was er von dem
Jäger erfahren hatte, und brachte mancherlei Mutmaßungen vor, wobei
denn endlich ein Umstand vorkam, woraus Wilhelm einige rätselhafte
Worte der schönen Verschwundenen deuten konnte.
Die räuberische Bande nämlich hatte nicht der wandernden Truppe,
sondern jener Herrschaft aufgepaßt, bei der sie mit Recht vieles Geld
und Kostbarkeiten vermutete und von deren Zug sie genaue Nachricht
mußte gehabt haben. Man wußte nicht, ob man die Tat einem Freikorps,
ob man sie Marodeurs oder Räubern zuschreiben sollte. Genug, zum
Glücke der vornehmen und reichen Karawane waren die Geringen und Armen
zuerst auf den Platz gekommen und hatten das Schicksal erduldet, das
jenen zubereitet war. Darauf bezogen sich die Worte der jungen Dame,
deren sich Wilhelm noch gar wohl erinnerte. Wenn er nun vergnügt und
glücklich sein konnte, daß ein vorsichtiger Genius ihn zum Opfer
bestimmt hatte, eine vollkommene Sterbliche zu retten, so war er
dagegen nahe an der Verzweiflung, da ihm, sie wiederzufinden, sie
wiederzusehen wenigstens für den Augenblick alle Hoffnung verschwunden
war.
Was diese sonderbare Bewegung in ihm vermehrte, war die ähnlichkeit,
die er zwischen der Gräfin und der schönen Unbekannten entdeckt zu
haben glaubte. Sie glichen sich, wie sich Schwestern gleichen mögen,
deren keine die jüngere noch die ältere genannt werden darf, denn sie
scheinen Zwillinge zu sein.
Die Erinnerung an die liebenswürdige Gräfin war ihm unendlich süß. Er
rief sich ihr Bild nur allzugern wieder ins Gedächtnis. Aber nun trat
die Gestalt der edlen Amazone gleich dazwischen, eine Erscheinung
verwandelte sich in die andere, ohne daß er imstande gewesen wäre,
diese oder jene festzuhalten.
Wie wunderbar mußte ihm daher die ähnlichkeit ihrer Handschriften sein!
denn er verwahrte ein reizendes Lied von der Hand der Gräfin in
seiner Schreibtafel, und in dem überrock hatte er ein Zettelchen
gefunden, worin man sich mit viel zärtlicher Sorgfalt nach dem
Befinden eines Oheims erkundigte.
Wilhelm war überzeugt, daß seine Retterin dieses Billett geschrieben,
daß es auf der Reise in einem Wirtshause aus einem Zimmer in das
andere geschickt und von dem Oheim in die Tasche gesteckt worden sei.
Er hielt beide Handschriften gegeneinander, und wenn die zierlich
gestellten Buchstaben der Gräfin ihm sonst so sehr gefallen hatten, so
fand er in den ähnlichen, aber freieren Zügen der Unbekannten eine
unaussprechlich fließende Harmonie. Das Billett enthielt nichts, und
schon die Züge schienen ihn, so wie ehemals die Gegenwart der Schönen,
zu erheben.
Er verfiel in eine träumende Sehnsucht, und wie einstimmend mit seinen
Empfindungen war das Lied, das eben in dieser Stunde Mignon und der
Harfner als ein unregelmäßiges Duett mit dem herzlichsten Ausdrucke
sangen:
Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß, was ich leide!
Allein und abgetrennt
Von aller Freude,
Seh ich ans Firmament
Nach jener Seite.
Ach! der mich liebt und kennt,
Ist in der Weite.
Es schwindelt mir, es brennt
Mein Eingeweide.
Nur wer die Sehnsucht kennt,
Weiß, was ich leide!
IV. Buch, 12. Kapitel
Zwölftes Kapitel
Die sanften Lockungen des lieben Schutzgeistes, anstatt unsern Freund
auf irgendeinen Weg zu führen, nährten und vermehrten die Unruhe, die
er vorher empfunden hatte. Eine heimliche Glut schlich in seinen
Adern; bestimmte und unbestimmte Gegenstände wechselten in seiner
Seele und erregten ein endloses Verlangen. Bald wünschte er sich ein
Roß, bald Flügel, und indem es ihm unmöglich schien, bleiben zu können,
sah er sich erst um, wohin er denn eigentlich begehre.
Der Faden seines Schicksals hatte sich so sonderbar verworren; er
wünschte die seltsamen Knoten aufgelöst oder zerschnitten zu sehen.
Oft, wenn er ein Pferd traben oder einen Wagen rollen hörte, schaute
er eilig zum Fenster hinaus, in der Hoffnung, es würde jemand sein,
der ihn aufsuchte und, wäre es auch nur durch Zufall, ihm Nachricht,
Gewißheit und Freude brächte. Er erzählte sich Geschichten vor, wie
sein Freund Werner in diese Gegend kommen und ihn überraschen könnte,
daß Mariane vielleicht erscheinen dürfte. Der Ton eines jeden
Posthorns setzte ihn in Bewegung. Melina sollte von seinem Schicksale
Nachricht geben, vorzüglich aber sollte der Jäger wiederkommen und ihn
zu jener angebeteten Schönheit einladen.
Von allem diesen geschah leider nichts, und er mußte zuletzt wieder
mit sich allein bleiben, und indem er das Vergangene wieder durchnahm,
ward ihm ein Umstand, je mehr er ihn betrachtete und beleuchtete,
immer widriger und unerträglicher. Es war seine verunglückte
Heerführerschaft, an die er ohne Verdruß nicht denken konnte. Denn ob
er gleich am Abend jenes bösen Tages sich vor der Gesellschaft so
ziemlich herausgeredet hatte, so konnte er sich doch selbst seine
Schuld nicht verleugnen. Er schrieb sich vielmehr in hypochondrischen
Augenblicken den ganzen Vorfall allein zu.
Die Eigenliebe läßt uns sowohl unsre Tugenden als unsre Fehler viel
bedeutender, als sie sind, erscheinen. Er hatte das Vertrauen auf
sich rege gemacht, den Willen der übrigen gelenkt und war, von
Unerfahrenheit und Kühnheit geleitet, vorangegangen; es ergriff sie
eine Gefahr, der sie nicht gewachsen waren. Laute und stille Vorwürfe
verfolgten ihn, und wenn er der irregeführten Gesellschaft nach dem
empfindlichen Verluste zugesagt hatte, sie nicht zu verlassen, bis er
ihnen das Verlorne mit Wucher ersetzt hätte, so hatte er sich über
eine neue Verwegenheit zu schelten, womit er ein allgemein
ausgeteiltes übel auf seine Schultern zu nehmen sich vermaß. Bald
verwies er sich, daß er durch Aufspannung und Drang des Augenblicks
ein solches Versprechen getan hatte; bald fühlte er wieder, daß jenes
gutmütige Hinreichen seiner Hand, die niemand anzunehmen würdigte, nur
eine leichte Förmlichkeit sei gegen das Gelübde, das sein Herz getan
hatte. Er sann auf Mittel, ihnen wohltätig und nützlich zu sein, und
fand alle Ursache, seine Reise zu Serlo zu beschleunigen. Er packte
nunmehr seine Sachen zusammen und eilte, ohne seine völlige Genesung
abzuwarten, ohne auf den Rat des Pastors und Wundarztes zu hören, in
der wunderbaren Gesellschaft Mignons und des Alten, der Untätigkeit zu
entfliehen, in der ihn sein Schicksal abermals nur zu lange gehalten
hatte.
IV. Buch, 13. Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Serlo empfing ihn mit offenen Armen und rief ihm entgegen: "Seh ich
Sie? Erkenn ich Sie wieder? Sie haben sich wenig oder nicht geändert.
Ist Ihre Liebe zur edelsten Kunst noch immer so stark und lebendig?
So sehr erfreu ich mich über Ihre Ankunft, daß ich selbst das
Mißtrauen nicht mehr fühle, das Ihre letzten Briefe bei mir erregt
haben."
Wilhelm bat betroffen um eine nähere Erklärung.
"Sie haben sich", versetzte Serlo, "gegen mich nicht wie ein alter
Freund betragen; Sie haben mich wie einen großen Herrn behandelt, dem
man mit gutem Gewissen unbrauchbare Leute empfehlen darf. Unser
Schicksal hängt von der Meinung des Publikums ab, und ich fürchte, daß
Ihr Herr Melina mit den Seinigen schwerlich bei uns wohl aufgenommen
werden dürfte."
Wilhelm wollte etwas zu ihren Gunsten sprechen, aber Serlo fing an,
eine so unbarmherzige Schilderung von ihnen zu machen, daß unser
Freund sehr zufrieden war, als ein Frauenzimmer in das Zimmer trat,
das Gespräch unterbrach und ihm sogleich als Schwester Aurelia von
seinem Freunde vorgestellt ward. Sie empfing ihn auf das
freundschaftlichste, und ihre Unterhaltung war so angenehm, daß er
nicht einmal einen entschiedenen Zug des Kummers gewahr wurde, der
ihrem geistreichen Gesicht noch ein besonderes Interesse gab.
Zum erstenmal seit langer Zeit fand sich Wilhelm wieder in seinem
Elemente. Bei seinen Gesprächen hatte er sonst nur notdürftig
gefällige Zuhörer gefunden, da er gegenwärtig mit Künstlern und
Kennern zu sprechen das Glück hatte, die ihn nicht allein vollkommen
verstanden, sondern die auch sein Gespräch belehrend erwiderten. Mit
welcher Geschwindigkeit ging man die neusten Stücke durch! Mit
welcher Sicherheit beurteilte man sie! Wie wußte man das Urteil des
Publikums zu prüfen und zu schätzen! In welcher Geschwindigkeit
klärte man einander auf!
Nun mußte sich bei Wilhelms Vorliebe für Shakespearen das Gespräch
notwendig auf diesen Schriftsteller lenken. Er zeigte die lebhafteste
Hoffnung auf die Epoche, welche diese vortrefflichen Stücke in
Deutschland machen müßten, und bald brachte er seinen "Hamlet" vor,
der ihn so sehr beschäftigt hatte.
Serlo versicherte, daß er das Stück längst, wenn es nur möglich
gewesen wäre, gegeben hätte, daß er gern die Rolle des Polonius
übernehmen wolle. Dann setzte er mit Lächeln hinzu: "Und Ophelien
finden sich wohl auch, wenn wir nur erst den Prinzen haben."
Wilhelm bemerkte nicht, daß Aurelien dieser Scherz des Bruders zu
mißfallen schien; er ward vielmehr nach seiner Art weitläufig und
lehrreich, in welchem Sinne er den Hamlet gespielt haben wolle. Er
legte ihnen die Resultate umständlich dar, mit welchen wir ihn oben
beschäftigt gesehn, und gab sich alle Mühe, seine Meinung annehmlich
zu machen, soviel Zweifel auch Serlo gegen seine Hypothese erregte.
"Nun gut", sagte dieser zuletzt, "Wir geben Ihnen alles zu; was wollen
Sie weiter daraus erklären?"
"Vieles, alles", versetzte Wilhelm. "Denken Sie sich einen Prinzen,
wie ich ihn geschildert habe, dessen Vater unvermutet stirbt. Ehrgeiz
und Herrschsucht sind nicht die Leidenschaften, die ihn beleben; er
hatte sich's gefallen lassen, Sohn eines Königs zu sein; aber nun ist
er erst genötigt, auf den Abstand aufmerksamer zu werden, der den
König vom Untertanen scheidet. Das Recht zur Krone war nicht erblich,
und doch hätte ein längeres Leben seines Vaters die Ansprüche seines
einzigen Sohnes mehr befestigt und die Hoffnung zur Krone gesichert.
Dagegen sieht er sich nun durch seinen Oheim, ungeachtet scheinbarer
Versprechungen, vielleicht auf immer ausgeschlossen; er fühlt sich nun
so arm an Gnade, an Gütern und fremd in dem, was er von Jugend auf als
sein Eigentum betrachten konnte. Hier nimmt sein Gemüt die erste
traurige Richtung. Er fühlt, daß er nicht mehr, ja nicht soviel ist
als jeder Edelmann; er gibt sich für einen Diener eines jeden, er ist
nicht höflich, nicht herablassend, nein, herabgesunken und bedürftig.
Nach seinem vorigen Zustande blickt er nur wie nach einem
verschwundnen Traume. Vergebens, daß sein Oheim ihn aufmuntern, ihm
seine Lage aus einem andern Gesichtspunkte zeigen will; die Empfindung
seines Nichts verläßt ihn nie.
Der zweite Schlag, der ihn traf, verletzte tiefer, beugte noch mehr.
Es ist die Heirat seiner Mutter. Ihm, einem treuen und zärtlichen
Sohne, blieb, da sein Vater starb, eine Mutter noch übrig; er hoffte,
in Gesellschaft seiner hinterlassenen edlen Mutter die Heldengestalt
jenes großen Abgeschiedenen zu verehren; aber auch seine Mutter
verliert er, und es ist schlimmer, als wenn sie ihm der Tod geraubt
hätte. Das zuverlässige Bild, das sich ein wohlgeratenes Kind so gern
von seinen Eltern macht, verschwindet; bei dem Toten ist keine Hülfe
und an der Lebendigen kein Halt. Sie ist auch ein Weib, und unter dem
allgemeinen Geschlechtsnamen Gebrechlichkeit ist auch sie begriffen.
Nun erst fühlt er sich recht gebeugt, nun erst verwaist, und kein
Glück der Welt kann ihm wieder ersetzen, was er verloren hat. Nicht
traurig, nicht nachdenklich von Natur, wird ihm Trauer und Nachdenken
zur schweren Bürde. So sehen wir ihn auftreten. Ich glaube nicht,
daß ich etwas in das Stück hineinlege oder einen Zug übertreibe."
Serlo sah seine Schwester an und sagte: "Habe ich dir ein falsches
Bild von unserm Freunde gemacht? Er fängt gut an und wird uns noch
manches vorerzählen und viel überreden. Wilhelm schwur hoch und teuer,
daß er nicht überreden, sondern überzeugen wolle, und bat nur noch um
einen Augenblick Geduld.
"Denken Sie sich", rief er aus, "diesen Jüngling, diesen Fürstensohn
recht lebhaft, vergegenwärtigen Sie sich seine Lage, und dann
beobachten Sie ihn, wenn er erfährt, die Gestalt seines Vaters
erscheine; stehen Sie ihm bei in der schrecklichen Nacht, wenn der
ehrwürdige Geist selbst vor ihm auftritt. Ein ungeheures Entsetzen
ergreift ihn; er redet die Wundergestalt an, sieht sie winken, folgt
und hört.--Die schreckliche Anklage wider seinen Oheim ertönt in
seinen Ohren, Aufforderung zur Rache und die dringende, wiederholte
Bitte: "Erinnere dich meiner!"
Und da der Geist verschwunden ist, wen sehen wir vor uns stehen?
Einen jungen Helden, der nach Rache schnaubt? Einen gebornen Fürsten,
der sich glücklich fühlt, gegen den Usurpator seiner Krone
aufgefordert zu werden? Nein! Staunen und Trübsinn überfällt den
Einsamen; er wird bitter gegen die lächelnden Bösewichter, schwört,
den Abgeschiedenen nicht zu vergessen, und schließt mit dem
bedeutenden Seufzer: "Die Zeit ist aus dem Gelenke; wehe mir, daß ich
geboren ward, sie wieder einzurichten."
In diesen Worten, dünkt mich, liegt der Schlüssel zu Hamlets ganzem
Betragen, und mir ist deutlich, daß Shakespeare habe schildern wollen:
eine große Tat auf eine Seele gelegt, die der Tat nicht gewachsen ist.
Und in diesem Sinne find ich das Stück durchgängig gearbeitet. Hier
wird ein Eichbaum in ein köstliches Gefäß gepflanzt, das nur liebliche
Blumen in seinen Schoß hätte aufnehmen sollen; die Wurzeln dehnen aus,
das Gefäß wird zernichtet.
Ein schönes, reines, edles, höchst moralisches Wesen ohne die
sinnliche Stärke, die den Helden macht, geht unter einer Last zugrunde,
die es weder tragen noch abwerfen kann; jede Pflicht ist ihm heilig,
diese zu schwer. Das Unmögliche wird von ihm gefordert, nicht das
Unmögliche an sich, sondern das, was ihm unmöglich ist. Wie er sich
windet, dreht, ängstigt, vor- und zurücktritt, immer erinnert wird,
sich immer erinnert und zuletzt fast seinen Zweck aus dem Sinne
verliert, ohne doch jemals wieder froh zu werden."
IV. Buch, 14. Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Verschiedene Personen traten herein, die das Gespräch unterbrachen.
Es waren Virtuosen, die sich bei Serlo gewöhnlich einmal die Woche zu
einem kleinen Konzerte versammelten. Er liebte die Musik sehr und
behauptete, daß ein Schauspieler ohne diese Liebe niemals zu einem
deutlichen Begriff und Gefühl seiner eigenen Kunst gelangen könne. So
wie man viel leichter und anständiger agiere, wenn die Gebärden durch
eine Melodie begleitet und geleitet werden, so müsse der Schauspieler
sich auch seine prosaische Rolle gleichsam im Sinne komponieren, daß
er sie nicht etwa eintönig nach seiner individuellen Art und Weise
hinsudele, sondern sie in gehöriger Abwechselung nach Takt und Maß
behandle.
Aurelie schien an allem, was vorging, wenig Anteil zu nehmen, vielmehr
führte sie zuletzt unsern Freund in ein Seitenzimmer, und indem sie
ans Fenster trat und den gestirnten Himmel anschaute, sagte sie zu ihm:
"Sie sind uns manches über Hamlet schuldig geblieben; ich will zwar
nicht voreilig sein und wünsche, daß mein Bruder auch mit anhören möge,
was Sie uns noch zu sagen haben, doch lassen Sie mich Ihre Gedanken
über Ophelien hören."
"Von ihr läßt sich nicht viel sagen", versetzte Wilhelm, "denn nur mit
wenig Meisterzügen ist ihr Charakter vollendet. Ihr ganzes Wesen
schwebt in reifer, süßer Sinnlichkeit. Ihre Neigung zu dem Prinzen,
auf dessen Hand sie Anspruch machen darf, fließt so aus der Quelle,
das gute Herz überläßt sich so ganz seinem Verlangen, daß Vater und
Bruder beide fürchten, beide geradezu und unbescheiden warnen. Der
Wohlstand, wie der leichte Flor auf ihrem Busen, kann die Bewegung
ihres Herzens nicht verbergen, er wird vielmehr ein Verräter dieser
leisen Bewegung. Ihre Einbildungskraft ist angesteckt, ihre stille
Bescheidenheit atmet eine liebevolle Begierde, und sollte die bequeme
Göttin Gelegenheit das Bäumchen schütteln, so würde die Frucht
sogleich herabfallen."
"Und nun", sagte Aurelie, "wenn sie sich verlassen sieht, verstoßen
und verschmäht, wenn in der Seele ihres wahnsinnigen Geliebten sich
das Höchste zum Tiefsten umwendet und er ihr statt des süßen Bechers
der Liebe den bittern Kelch der Leiden hinreicht--"
"Ihr Herz bricht", rief Wilhelm aus, "das ganze Gerüst ihres Daseins
rückt aus seinen Fugen, der Tod ihres Vaters stürmt herein, und das
schöne Gebäude stürzt völlig zusammen."
Wilhelm hatte nicht bemerkt, mit welchem Ausdruck Aurelie die letzten
Worte aussprach. Nur auf das Kunstwerk, dessen Zusammenhang und
Vollkommenheit gerichtet, ahnete er nicht, daß seine Freundin eine
ganz andere Wirkung empfand; nicht, daß ein eigner tiefer Schmerz
durch diese dramatischen Schattenbilder in ihr lebhaft erregt ward.
Noch immer hatte Aurelie ihr Haupt von ihren Armen unterstützt und
ihre Augen, die sich mit Tränen füllten, gen Himmel gewendet. Endlich
hielt sie nicht länger ihren verborgnen Schmerz zurück; sie faßte des
Freundes beide Hände und rief, indem er erstaunt vor ihr stand:
"Verzeihen Sie, verzeihen Sie einem geängstigten Herzen! Die
Gesellschaft schnürt und preßt mich zusammen; vor meinem
unbarmherzigen Bruder muß ich mich zu verbergen suchen; nun hat Ihre
Gegenwart alle Bande aufgelöst. Mein Freund!" fuhr sie fort, "seit
einem Augenblicke sind wir erst bekannt, und schon werden Sie mein
Vertrauter." Sie konnte die Worte kaum aussprechen und sank an seine
Schulter. "Denken Sie nicht übler von mir", sagte sie schluchzend,
"daß ich mich Ihnen so schnell eröffne, daß Sie mich so schwach sehen.
Sein Sie, bleiben Sie mein Freund, ich verdiene es." Er redete ihr
auf das herzlichste zu; umsonst! ihre Tränen flossen und erstickten
ihre Worte.
In diesem Augenblicke trat Serlo sehr unwillkommen herein und sehr
unerwartet Philine, die er bei der Hand hielt. "Hier ist Ihr Freund",
sagte er zu ihr; "er wird sich freun, Sie zu begrüßen."
"Wie!" rief Wilhelm erstaunt, "muß ich Sie hier sehen?" Mit einem
bescheidnen, gesetzten Wesen ging sie auf ihn los, hieß ihn willkommen,
rühmte Serlos Güte, der sie ohne ihr Verdienst, bloß in Hoffnung, daß
sie sich bilden werde, unter seine treffliche Truppe aufgenommen habe.
Sie tat dabei gegen Wilhelmen freundlich, doch aus einer
ehrerbietigen Entfernung.
Diese Verstellung währte aber nicht länger, als die beiden zugegen
waren. Denn als Aurelie, ihren Schmerz zu verbergen, wegging und
Serlo abgerufen ward, sah Philine erst recht genau nach den Türen, ob
beide auch gewiß fort seien, dann hüpfte sie wie töricht in der Stube
herum, setzte sich an die Erde und wollte vor Kichern und Lachen
ersticken. Dann sprang sie auf, schmeichelte unserm Freunde und
freute sich über alle Maßen, daß sie so klug gewesen sei,
vorauszugehen, das Terrain zu rekognoszieren und sich einzunisten.
"Hier geht es bunt zu", sagte sie, "gerade so, wie mir's recht ist.
Aurelie hat einen unglücklichen Liebeshandel mit einem Edelmanne
gehabt, der ein prächtiger Mensch sein muß und den ich selbst wohl
einmal sehen möchte. Er hat ihr ein Andenken hinterlassen, oder ich
müßte mich sehr irren. Es läuft da ein Knabe herum, ungefähr von drei
Jahren, schön wie die Sonne; der Papa mag allerliebst sein. Ich kann
sonst die Kinder nicht leiden, aber dieser Junge freut mich. Ich habe
ihr nachgerechnet. Der Tod ihres Mannes, die neue Bekanntschaft, das
Alter des Kindes, alles trifft zusammen.
Nun ist der Freund seiner Wege gegangen; seit einem Jahre sieht er sie
nicht mehr. Sie ist darüber außer sich und untröstlich. Die Närrin!
--Der Bruder hat unter der Truppe eine Tänzerin, mit der er schöntut,
ein Aktricchen, mit der er vertraut ist, in der Stadt noch einige
Frauen, denen er aufwartet, und nun steh ich auch auf der Liste. Der
Narr!--Vom übrigen Volke sollst du morgen hören. Und nun noch ein
Wörtchen von Philinen, die du kennst; die Erznärrin ist in dich
verliebt." Sie schwur, daß es wahr sei, und beteuerte, daß es ein
rechter Spaß sei. Sie bat Wilhelmen inständig, er möchte sich in
Aurelien verlieben, dann werde die Hetze erst recht angehen. "Sie
läuft ihrem Ungetreuen, du ihr, ich dir und der Bruder mir nach. Wenn
das nicht eine Lust auf ein halbes Jahr gibt, so will ich an der
ersten Episode sterben, die sich zu diesem vierfach verschlungenen
Romane hinzuwirft." Sie bat ihn, er möchte ihr den Handel nicht
verderben und ihr so viel Achtung bezeigen, als sie durch ihr
öffentliches Betragen verdienen wolle.
IV. Buch, 15. Kapitel
Funfzehntes Kapitel
Den nächsten Morgen gedachte Wilhelm Madame Melina zu besuchen; er
fand sie nicht zu Hause, fragte nach den übrigen Gliedern der
wandernden Gesellschaft und erfuhr, Philine habe sie zum Frühstück
eingeladen. Aus Neugier eilte er hin und traf sie alle sehr
aufgeräumt und getröstet. Das kluge Geschöpf hatte sie versammelt,
sie mit Schokolade bewirtet und ihnen zu verstehen gegeben, noch sei
nicht alle Aussicht versperrt; sie hoffe durch ihren Einfluß den
Direktor zu überzeugen, wie vorteilhaft es ihm sei, so geschickte
Leute in seine Gesellschaft aufzunehmen. Sie hörten ihr aufmerksam zu,
schlürften eine Tasse nach der andern hinunter, fanden das Mädchen
gar nicht übel und nahmen sich vor, das Beste von ihr zu reden.
"Glauben Sie denn", sagte Wilhelm, der mit Philinen allein geblieben
war, "daß Serlo sich noch entschließen werde, unsre Gefährten zu
behalten?"--"Mitnichten", versetzte Philine, "es ist mir auch gar
nichts daran gelegen; ich wollte, sie wären je eher je lieber fort!
Den einzigen Laertes wünscht ich zu behalten; die übrigen wollen wir
schon nach und nach beiseite bringen."
Hierauf gab sie ihrem Freunde zu verstehen, daß sie gewiß überzeugt
sei, er werde nunmehr sein Talent nicht länger vergraben, sondern
unter Direktion eines Serlo aufs Theater gehen. Sie konnte die
Ordnung, den Geschmack, den Geist, der hier herrsche, nicht genug
rühmen; sie sprach so schmeichelnd zu unserm Freunde, so
schmeichelhaft von seinen Talenten, daß sein Herz und seine
Einbildungskraft sich ebensosehr diesem Vorschlage näherten, als sein
Verstand und seine Vernunft sich davon entfernten. Er verbarg seine
Neigung vor sich selbst und vor Philinen und brachte einen unruhigen
Tag zu, an dem er sich nicht entschließen konnte, zu seinen
Handelskorrespondenten zu gehen und die Briefe, die dort für ihn
liegen möchten, abzuholen. Denn ob er sich gleich die Unruhe der
Seinigen diese Zeit über vorstellen konnte, so scheute er sich doch,
ihre Sorgen und Vorwürfe umständlich zu erfahren, um so mehr, da er
sich einen großen und reinen Genuß diesen Abend von der Aufführung
eines neuen Stücks versprach.
Serlo hatte sich geweigert, ihn bei der Probe zuzulassen. "Sie müssen
uns", sagte er, "erst von der besten Seite kennenlernen, eh wir
zugeben, daß Sie uns in die Karte sehen."
Mit der größten Zufriedenheit wohnte aber auch unser Freund den Abend
darauf der Vorstellung bei. Es war das erste Mal, daß er ein Theater
in solcher Vollkommenheit sah. Man traute sämtlichen Schauspielern
fürtreffliche Gaben, glückliche Anlagen und einen hohen und klaren
Begriff von ihrer Kunst zu, und doch waren sie einander nicht gleich;
aber sie hielten und trugen sich wechselsweise, feuerten einander an
und waren in ihrem ganzen Spiele sehr bestimmt und genau. Man fühlte
bald, daß Serlo die Seele des Ganzen war, und er zeichnete sich sehr
zu seinem Vorteil aus. Eine heitere Laune, eine gemäßigte
Lebhaftigkeit, ein bestimmtes Gefühl des Schicklichen bei einer großen
Gabe der Nachahmung mußte man an ihm, wie er aufs Theater trat, wie er
den Mund öffnete, bewundern. Die innere Behaglichkeit seines Daseins
schien sich über alle Zuhörer auszubreiten, und die geistreiche Art,
mit der er die feinsten Schattierungen der Rollen leicht und gefällig
ausdrückte, erweckte um soviel mehr Freude, als er die Kunst zu
verbergen wußte, die er sich durch eine anhaltende übung eigen gemacht
hatte.
Seine Schwester Aurelie blieb nicht hinter ihm und erhielt noch
größeren Beifall, indem sie die Gemüter der Menschen rührte, die er zu
erheitern und zu erfreuen so sehr imstande war.
Nach einigen Tagen, die auf eine angenehme Weise zugebracht wurden,
verlangte Aurelie nach unserm Freund. Er eilte zu ihr und fand sie
auf dem Kanapee liegen; sie schien an Kopfweh zu leiden, und ihr
ganzes Wesen konnte eine fieberhafte Bewegung nicht verbergen. Ihr
Auge erheiterte sich, als sie den Hereintretenden ansah. "Vergeben
Sie!" rief sie ihm entgegen; "das Zutrauen, das Sie mir einflößten,
hat mich schwach gemacht. Bisher konnt ich mich mit meinen Schmerzen
im stillen unterhalten, ja sie gaben mir Stärke und Trost; nun haben
Sie, ich weiß nicht, wie es zugegangen ist, die Bande der
Verschwiegenheit gelöst, und Sie werden nun selbst wider Willen teil
an dem Kampfe nehmen, den ich gegen mich selbst streite."
Wilhelm antwortete ihr freundlich und verbindlich. Er versicherte,
daß ihr Bild und ihre Schmerzen ihm beständig vor der Seele geschwebt,
daß er sie um ihr Vertrauen bitte, daß er sich ihr zum Freund widme.
Indem er so sprach, wurden seine Augen von dem Knaben angezogen, der
vor ihr auf der Erde saß und allerlei Spielwerk durcheinanderwarf. Er
mochte, wie Philine schon angegeben, ungefähr drei Jahre alt sein, und
Wilhelm verstand nun erst, warum das leichtfertige, in ihren
Ausdrücken selten erhabene Mädchen den Knaben der Sonne verglichen.
Denn um die offnen Augen und das volle Gesicht kräuselten sich die
schönsten goldnen Locken, an einer blendendweißen Stirne zeigten sich
zarte, dunkle, sanftgebogene Augenbrauen, und die lebhafte Farbe der
Gesundheit glänzte auf seinen Wangen. "Setzen Sie sich zu mir", sagte
Aurelie; "Sie sehen das glückliche Kind mit Verwunderung an; gewiß,
ich habe es mit Freuden auf meine Arme genommen, ich bewahre es mit
Sorgfalt; nur kann ich auch recht an ihm den Grad meiner Schmerzen
erkennen, denn sie lassen mich den Wert einer solchen Gabe nur selten
empfinden.
Erlauben Sie mir", fuhr sie fort, "daß ich nun auch von mir und meinem
Schicksale rede; denn es ist mir sehr daran gelegen, daß Sie mich
nicht verkennen. Ich glaubte einige gelassene Augenblicke zu haben,
darum ließ ich Sie rufen; Sie sind nun da, und ich habe meinen Faden
verloren.
"Ein verlaßnes Geschöpf mehr in der Welt!" werden Sie sagen. Sie sind
ein Mann und denken: "Wie gebärdet sie sich bei einem notwendigen übel,
das gewisser als der Tod über einem Weibe schwebt, bei der Untreue
eines Mannes, die Törin!"--O mein Freund, wäre mein Schicksal gemein,
ich wollte gern gemeines übel ertragen; aber es ist so außerordentlich;
warum kann ich's Ihnen nicht im Spiegel zeigen, warum nicht jemand
auftragen, es Ihnen zu erzählen! O wäre, wäre ich verführt,
überrascht und dann verlassen, dann würde in der Verzweiflung noch
Trost sein; aber ich bin weit schlimmer daran, ich habe mich selbst
hintergangen, mich selbst wider Wissen betrogen, das ist's, was ich
mir niemals verzeihen kann."
"Bei edlen Gesinnungen, wie die Ihrigen sind", versetzte der Freund,
"können Sie nicht ganz unglücklich sein."
"Und wissen Sie, wem ich meine Gesinnung schuldig bin?" fragte Aurelie,
"der allerschlechtesten Erziehung, durch die jemals ein Mädchen hätte
verderbt werden sollen, dem schlimmsten Beispiele, um Sinne und
Neigung zu verführen.
Nach dem frühzeitigen Tode meiner Mutter bracht ich die schönsten
Jahre der Entwicklung bei einer Tante zu, die sich zum Gesetz machte,
die Gesetze der Ehrbarkeit zu verachten. Blindlings überließ sie sich
einer jeden Neigung, sie mochte über den Gegenstand gebieten oder sein
Sklav' sein, wenn sie nur im wilden Genuß ihrer selbst vergessen
konnte.
Was mußten wir Kinder mit dem reinen und deutlichen Blick der Unschuld
uns für Begriffe von dem männlichen Geschlechte machen? Wie dumpf,
dringend, dreist, ungeschickt war jeder, den sie herbeireizte; wie
satt, übermütig, leer und abgeschmackt dagegen, sobald er seiner
Wünsche Befriedigung gefunden hatte. So hab ich diese Frau jahrelang
unter dem Gebote der schlechtesten Menschen erniedrigt gesehen; was
für Begegnungen mußte sie erdulden, und mit welcher Stirne wußte sie
sich in ihr Schicksal zu finden, ja mit welcher Art diese schändlichen
Fesseln zu tragen!
So lernte ich Ihr Geschlecht kennen, mein Freund, und wie rein haßte
ich's, da ich zu bemerken schien, daß selbst leidliche Männer im
Verhältnis gegen das unsrige jedem guten Gefühl zu entsagen schienen,
zu dem sie die Natur sonst noch mochte fähig gemacht haben.
Leider mußt ich auch bei solchen Gelegenheiten viel traurige
Erfahrungen über mein eigen Geschlecht machen, und wahrhaftig, als
Mädchen von sechzehn Jahren war ich klüger, als ich jetzt bin, jetzt,
da ich mich selbst kaum verstehe. Warum sind wir so klug, wenn wir
jung sind, so klug, um immer törichter zu werden!"
Der Knabe machte Lärm, Aurelie ward ungeduldig und klingelte. Ein
altes Weib kam herein, ihn wegzuholen. "Hast du noch immer Zahnweh?"
sagte Aurelie zu der Alten, die das Gesicht verbunden hatte. "Fast
unleidliches", versetzte diese mit dumpfer Stimme, hob den Knaben auf,
der gerne mitzugehen schien, und brachte ihn weg.
Kaum war das Kind beiseite, als Aurelie bitterlich zu weinen anfing.
"Ich kann nichts als jammern und klagen", rief sie aus, "und ich
schäme mich, wie ein armer Wurm vor Ihnen zu liegen. Meine
Besonnenheit ist schon weg, und ich kann nicht mehr erzählen." Sie
stockte und schwieg. Ihr Freund, der nichts Allgemeines sagen wollte
und nichts Besonderes zu sagen wußte, drückte ihre Hand und sah sie
eine Zeitlang an. Endlich nahm er in der Verlegenheit ein Buch auf,
das er vor sich auf dem Tischchen liegen fand; es waren Shakespeares
Werke und "Hamlet" aufgeschlagen.
Serlo, der eben zur Tür hereinkam, nach dem Befinden seiner Schwester
fragte, schaute in das Buch, das unser Freund in der Hand hielt, und
rief aus: "Find ich Sie wieder über Ihrem "Hamlet"? Eben recht! Es
sind mir gar manche Zweifel aufgestoßen, die das kanonische Ansehn,
das Sie dem Stücke so gerne geben möchten, sehr zu vermindern scheinen.
Haben doch die Engländer selbst bekannt, daß das Hauptinteresse sich
mit dem dritten Akt schlösse, daß die zwei letzten Akte nur kümmerlich
das Ganze zusammenhielten; und es ist doch wahr, das Stück will gegen
das Ende weder gehen noch rücken."
"Es ist sehr möglich", sagte Wilhelm, "daß einige Glieder einer Nation,
die so viel Meisterstücke aufzuweisen hat, durch Vorurteile und
Beschränktheit auf falsche Urteile geleitet werden; aber das kann uns
nicht hindern, mit eignen Augen zu sehen und gerecht zu sein. Ich bin
weit entfernt, den Plan dieses Stücks zu tadeln, ich glaube vielmehr,
daß kein größerer ersonnen worden sei; ja, er ist nicht ersonnen, es
ist so."
"Wie wollen Sie das auslegen?" fragte Serlo.
"Ich will nichts auslegen", versetzte Wilhelm, "ich will Ihnen nur
vorstellen, was ich mir denke."
Aurelie hob sich von ihrem Kissen auf, stützte sich auf ihre Hand und
sah unsern Freund an, der mit der größten Versicherung, daß er recht
habe, also zu reden fortfuhr: "Es gefällt uns so wohl, es schmeichelt
so sehr, wenn wir einen Helden sehen, der durch sich selbst handelt,
der liebt und haßt, wenn es ihm sein Herz gebietet, der unternimmt und
ausführt, alle Hindernisse abwendet und zu einem großen Zwecke gelangt.
Geschichtschreiber und Dichter möchten uns gerne überreden, daß ein
so stolzes Los dem Menschen fallen könne. Hier werden wir anders
belehrt; der Held hat keinen Plan, aber das Stück ist planvoll. Hier
wird nicht etwa nach einer starr und eigensinnig durchgeführten Idee
von Rache ein Bösewicht bestraft, nein, es geschieht eine ungeheure
Tat, sie wälzt sich in ihren Folgen fort, reißt Unschuldige mit; der
Verbrecher scheint dem Abgrunde, der ihm bestimmt ist, ausweichen zu
wollen und stürzt hinein, eben da, wo er seinen Weg glücklich
auszulaufen gedenkt. Denn das ist die Eigenschaft der Greueltat, daß
sie auch Böses über den Unschuldigen, wie der guten Handlung, daß sie
viele Vorteile auch über den Unverdienten ausbreitet, ohne daß der
Urheber von beiden oft weder bestraft noch belohnt wird. Hier in
unserm Stücke wie wunderbar! Das Fegefeuer sendet seinen Geist und
fordert Rache, aber vergebens. Alle Umstände kommen zusammen und
treiben die Rache, vergebens! Weder Irdischen noch Unterirdischen
kann gelingen, was dem Schicksal allein vorbehalten ist. Die
Gerichtsstunde kommt. Der Böse fällt mit dem Guten. Ein Geschlecht
wird weggemäht, und das andere sproßt auf."
Nach einer Pause, in der sie einander ansahen, nahm Serlo das Wort:
"Sie machen der Vorsehung kein sonderlich Kompliment, indem Sie den
Dichter erheben, und dann scheinen Sie mir wieder zu Ehren Ihres
Dichters, wie andere zu Ehren der Vorsehung, ihm Endzweck und Plane
unterzuschieben, an die er nicht gedacht hat."
IV. Buch, 16. Kapitel
Sechzehntes Kapitel
"Lassen Sie mich", sagte Aurelie, "nun auch eine Frage tun. Ich habe
Opheliens Rolle wieder angesehen, ich bin zufrieden damit und getraue
mir, sie unter gewissen Umständen zu spielen. Aber sagen Sie mir,
hätte der Dichter seiner Wahnsinnigen nicht andere Liedchen unterlegen
sollen? Könnte man nicht Fragmente aus melancholischen Balladen
wählen? Was sollen Zweideutigkeiten und lüsterne Albernheiten in dem
Munde dieses edlen Mädchens?"
"Beste Freundin", versetzte Wilhelm, "ich kann auch hier nicht ein
Jota nachgeben, Auch in diesen Sonderbarkeiten, auch in dieser
anscheinenden Unschicklichkeit liegt ein großer Sinn. Wissen wir doch
gleich zu Anfange des Stücks, womit das Gemüt des guten Kindes
beschäftigt ist. Stille lebte sie vor sich hin, aber kaum verbarg sie
ihre Sehnsucht, ihre Wünsche. Heimlich klangen die Töne der
Lüsternheit in ihrer Seele, und wie oft mag sie versucht haben, gleich
einer unvorsichtigen Wärterin, ihre Sinnlichkeit zur Ruhe zu singen
mit Liedchen, die sie nur mehr wachhalten mußten. Zuletzt, da ihr
jede Gewalt über sich selbst entrissen ist, da ihr Herz auf der Zunge
schwebt, wird diese Zunge ihre Verräterin, und in der Unschuld des
Wahnsinns ergötzt sie sich vor König und Königin an dem Nachklange
ihrer geliebten losen Lieder: vom Mädchen, das gewonnen ward; vom
Mädchen, das zum Knaben schleicht, und so weiter."
Er hatte noch nicht ausgeredet, als auf einmal eine wunderbare Szene
vor seinen Augen entstand, die er sich auf keine Weise erklären konnte.
Serlo war einigemal in der Stube auf und ab gegangen, ohne daß er
irgendeine Absicht merken ließ. Auf einmal trat er an Aureliens
Putztisch, griff schnell nach etwas, das darauf lag, und eilte mit
seiner Beute der Türe zu. Aurelie bemerkte kaum seine Handlung, als
sie auffuhr, sich ihm in den Weg warf, ihn mit unglaublicher
Leidenschaft angriff und geschickt genug war, ein Ende des geraubten
Gegenstandes zu fassen. Sie rangen und balgten sich sehr hartnäckig,
drehten und wanden sich sehr lebhaft miteinander herum; er lachte, sie
ereiferte sich, und als Wilhelm hinzueilte, sie auseinanderzubringen
und zu besänftigen, sah er auf einmal Aurelien mit einem bloßen Dolch
in der Hand auf die Seite springen, indem Serlo die Scheide, die ihm
zurückgeblieben war, verdrießlich auf den Boden warf. Wilhelm trat
erstaunt zurück, und seine stumme Verwunderung schien nach der Ursache
zu fragen, warum ein so sonderbarer Streit über einen so wunderbaren
Hausrat habe unter ihnen entstehen können.
"Sie sollen", sprach Serlo, "Schiedsrichter zwischen uns beiden sein.
Was hat sie mit dem scharfen Stahle zu tun? Lassen Sie sich ihn
zeigen. Dieser Dolch ziemt keiner Schauspielerin; spitz und scharf
wie Nadel und Messer! Zu was die Posse? Heftig, wie sie ist, tut sie
sich noch einmal von ungefähr ein Leides. Ich habe einen innerlichen
Haß gegen solche Sonderbarkeiten: ein ernstlicher Gedanke dieser Art
ist toll, und ein so gefährliches Spielwerk ist abgeschmackt."
"Ich habe ihn wieder!" rief Aurelie, indem sie die blanke Klinge in
die Höhe hielt; "ich will meinen treuen Freund nun besser verwahren.
Verzeih mir", rief sie aus, indem sie den Stahl küßte, "daß ich dich
so vernachlässigt habe!"
Serlo schien im Ernste böse zu werden. "Nimm es, wie du willst,
Bruder", fuhr sie fort; "kannst du denn wissen, ob mir nicht etwa
unter dieser Form ein köstlicher Talisman beschert ist; ob ich nicht
Hülfe und Rat zur schlimmsten Zeit bei ihm finde; muß denn alles
schädlich sein, was gefährlich aussieht?"
"Dergleichen Reden, in denen kein Sinn ist, können mich toll machen!"
sagte Serlo und verließ mit heimlichem Grimme das Zimmer. Aurelie
verwahrte den Dolch sorgfältig in der Scheide und steckte ihn zu sich.
"Lassen Sie uns das Gespräch fortsetzen, das der unglückliche Bruder
gestört hat", fiel sie ein, als Wilhelm einige Fragen über den
sonderbaren Streit vorbrachte.
"Ich muß Ihre Schilderung Opheliens wohl gelten lassen", fuhr sie fort,
"ich will die Absicht des Dichters nicht verkennen; nur kann ich sie
mehr bedauern als mit ihr empfinden, Nun aber erlauben Sie mir eine
Betrachtung, zu der Sie mir in der kurzen Zeit oft Gelegenheit gegeben
haben. Mit Bewunderung bemerke ich an Ihnen den tiefen und richtigen
Blick, mit dem Sie Dichtung und besonders dramatische Dichtung
beurteilen; die tiefsten Abgründe der Erfindung sind Ihnen nicht
verborgen, und die feinsten Züge der Ausführung sind Ihnen bemerkbar.
Ohne die Gegenstände jemals in der Natur erblickt zu haben, erkennen
Sie die Wahrheit im Bilde; es scheint eine Vorempfindung der ganzen
Welt in Ihnen zu liegen, welche durch die harmonische Berührung der
Dichtkunst erregt und entwickelt wird. Denn wahrhaftig", fuhr sie
fort, "von außen kommt nichts in Sie hinein; ich habe nicht leicht
jemanden gesehen, der die Menschen, mit denen er lebt, so wenig kennt,
so von Grund aus verkennt wie Sie. Erlauben Sie mir, es zu sagen:
wenn man Sie Ihren Shakespeare erklären hört, glaubt man, Sie kämen
eben aus dem Rate der Götter und hätten zugehört, wie man sich
daselbst beredet, Menschen zu bilden; wenn Sie dagegen mit Leuten
umgehen, seh ich in Ihnen gleichsam das erste, groß geborne Kind der
Schöpfung, das mit sonderlicher Verwunderung und erbaulicher
Gutmütigkeit Löwen und Affen, Schafe und Elefanten anstaunt und sie
treuherzig als seinesgleichen anspricht, weil sie eben auch da sind
und sich bewegen."
"Die Ahnung meines schülerhaften Wesens, werte Freundin", versetzte er,
"ist mir öfters lästig, und ich werde Ihnen danken, wenn Sie mir über
die Welt zu mehrerer Klarheit verhelfen wollen. Ich habe von Jugend
auf die Augen meines Geistes mehr nach innen als nach außen gerichtet,
und da ist es sehr natürlich, daß ich den Menschen bis auf einen
gewissen Grad habe kennenlernen, ohne die Menschen im mindesten zu
verstehen und zu begreifen."
"Gewiß", sagte Aurelie,.ich hatte Sie anfangs in Verdacht, als wollten
Sie uns zum besten haben, da Sie von den Leuten, die Sie meinem Bruder
zugeschickt haben, so manches Gute sagten, wenn ich Ihre Briefe mit
den Verdiensten dieser Menschen zusammenhielt."
Die Bemerkung Aureliens, so wahr sie sein mochte und so gern ihr
Freund diesen Mangel bei sich gestand, führte doch etwas Drückendes,
ja sogar Beleidigendes mit sich, daß er still ward und sich
zusammennahm, teils um keine Empfindlichkeit merken zu lassen, teils
in seinem Busen nach der Wahrheit dieses Vorwurfs zu forschen.
"Sie dürfen nicht darüber betreten sein", fuhr Aurelie fort, "zum
Lichte des Verstandes können wir immer gelangen; aber die Fülle des
Herzens kann uns niemand geben. Sind Sie zum Künstler bestimmt, so
können Sie diese Dunkelheit und Unschuld nicht lange genug bewahren;
sie ist die schöne Hülle über der jungen Knospe; Unglücks genug, wenn
wir zu früh herausgetrieben werden. Gewiß, es ist gut, wenn wir die
nicht immer kennen, für die wir arbeiten.
Oh! ich war auch einmal in diesem glücklichen Zustande, als ich mit
dem höchsten Begriff von mir selbst und meiner Nation die Bühne betrat.
Was waren die Deutschen nicht in meiner Einbildung, was konnten sie
nicht sein! Zu dieser Nation sprach ich, über die mich ein kleines
Gerüst erhob, von welcher mich eine Reihe Lampen trennte, deren Glanz
und Dampf mich hinderte, die Gegenstände vor mir genau zu
unterscheiden. Wie willkommen war mir der Klang des Beifalls, der aus
der Menge herauftönte; wie dankbar nahm ich das Geschenk an, das mir
einstimmig von so vielen Händen dargebracht wurde! Lange wiegte ich
mich so hin; wie ich wirkte, wirkte die Menge wieder auf mich zurück;
ich war mit meinem Publikum in dem besten Vernehmen; ich glaubte eine
vollkommene Harmonie zu fühlen und jederzeit die Edelsten und Besten
der Nation vor mir zu sehen.
Unglücklicherweise war es nicht die Schauspielerin allein, deren
Naturell und Kunst die Theaterfreunde interessierte, sie machten auch
Ansprüche an das junge, lebhafte Mädchen. Sie gaben mir nicht
undeutlich zu verstehen, daß meine Pflicht sei, die Empfindungen, die
ich in ihnen rege gemacht, auch persönlich mit ihnen zu teilen.
Leider war das nicht meine Sache; ich wünschte ihre Gemüter zu erheben,
aber an das, was sie ihr Herz nannten, hatte ich nicht den mindesten
Anspruch; und nun wurden mir alle Stände, Alter und Charaktere einer
um den andern zur Last, und nichts war mir verdrießlicher, als daß ich
mich nicht wie ein anderes ehrliches Mädchen in mein Zimmer
verschließen und so mir manche Mühe ersparen konnte.
Die Männer zeigten sich meist, wie ich sie bei meiner Tante zu sehen
gewohnt war, und sie würden mir auch diesmal nur wieder Abscheu erregt
haben, wenn mich nicht ihre Eigenheiten und Albernheiten unterhalten
hätten. Da ich nicht vermeiden konnte, sie bald auf dem Theater, bald
an öffentlichen Orten, bald zu Hause zu sehen, nahm ich mir vor, sie
alle auszulauern, und mein Bruder half mir wacker dazu. Und wenn Sie
denken, daß vom beweglichen Ladendiener und dem eingebildeten
Kaufmannssohn bis zum gewandten, abwiegenden Weltmann, dem kühnen
Soldaten und dem raschen Prinzen alle nach und nach bei mir
vorbeigegangen sind und jeder nach seiner Art seinen Roman anzuknüpfen
gedachte, so werden Sie mir verzeihen, wenn ich mir einbildete, mit
meiner Nation ziemlich bekannt zu sein.
Den phantastisch aufgestutzten Studenten, den demütig-stolz verlegenen
Gelehrten, den schwankfüßigen, genügsamen Domherrn, den steifen,
aufmerksamen Geschäftsmann, den derben Landbaron, den freundlich
glatt-platten Hofmann, den jungen, aus der Bahn schreitenden
Geistlichen, den gelassenen sowie den schnellen und tätig
spekulierenden Kaufmann, alle habe ich in Bewegung gesehen, und beim
Himmel! wenige fanden sich darunter, die mir nur ein gemeines
Interesse einzuflößen imstande gewesen wären; vielmehr war es mir
äußerst verdrießlich, den Beifall der Toren im einzelnen mit
Beschwerlichkeit und Langerweile einzukassieren, der mir im ganzen so
wohl behagt hatte, den ich mir im großen so gerne zueignete.
Wenn ich über mein Spiel ein vernünftiges Kompliment erwartete, wenn
ich hoffte, sie sollten einen Autor loben, den ich hochschätzte, so
machten sie eine alberne Anmerkung über die andere und nannten ein
abgeschmacktes Stück, in welchem sie wünschten mich spielen zu sehen.
Wenn ich in der Gesellschaft herumhorchte, ob nicht etwa ein edler,
geistreicher, witziger Zug nachklänge und zur rechten Zeit wieder zum
Vorschein käme, konnte ich selten eine Spur vernehmen. Ein Fehler,
der vorgekommen war, wenn ein Schauspieler sich versprach oder
irgendeinen Provinzialism hören ließ, das waren die wichtigen Punkte,
an denen sie sich festhielten, von denen sie nicht loskommen konnten.
Ich wußte zuletzt nicht, wohin ich mich wenden sollte; sie dünkten
sich zu klug, sich unterhalten zu lassen, und sie glaubten mich
wundersam zu unterhalten, wenn sie an mir herumtätschelten. Ich fing
an, sie alle von Herzen zu verachten, und es war mir eben, als wenn
die ganze Nation sich recht vorsätzlich bei mir durch ihre Abgesandten
habe prostituieren wollen. Sie kam mir im ganzen so linkisch vor, so
übel erzogen, so schlecht unterrichtet, so leer von gefälligem Wesen,
so geschmacklos. Oft rief ich aus: "Es kann doch kein Deutscher einen
Schuh zuschnallen, der es nicht von einer fremden Nation gelernt hat!"
Sie sehen, wie verblendet, wie hypochondrisch ungerecht ich war, und
je länger es währte, desto mehr nahm meine Krankheit zu. Ich hätte
mich umbringen können; allein ich verfiel auf ein ander Extrem: ich
verheiratete mich, oder vielmehr ich ließ mich verheiraten. Mein
Bruder, der das Theater übernommen hatte, wünschte sehr, einen
Gehülfen zu haben. Seine Wahl fiel auf einen jungen Mann, der mir
nicht zuwider war, dem alles mangelte, was mein Bruder besaß: Genie,
Leben, Geist und rasches Wesen; an dem sich aber auch alles fand, was
jenem abging: Liebe zur Ordnung, Fleiß, eine köstliche Gabe,
hauszuhalten und mit Gelde umzugehen.
Er ist mein Mann geworden, ohne daß ich weiß, wie; wir haben zusammen
gelebt, ohne daß ich recht weiß, warum. Genug, unsre Sachen gingen
gut. Wir nahmen viel ein, davon war die Tätigkeit meines Bruders
Ursache; wir kamen gut aus, und das war das Verdienst meines Mannes.
Ich dachte nicht mehr an Welt und Nation. Mit der Welt hatte ich
nichts zu teilen, und den Begriff von Nation hatte ich verloren. Wenn
ich auftrat, tat ich's, um zu leben; ich öffnete den Mund nur, weil
ich nicht schweigen durfte, weil ich doch herausgekommen war, um zu
reden.
Doch, daß ich es nicht zu arg mache, eigentlich hatte ich mich ganz in
die Absicht meines Bruders ergeben; ihm war um Beifall und Geld zu tun:
denn, unter uns, er hört sich gerne loben und braucht viel. Ich
spielte nun nicht mehr nach meinem Gefühl, nach meiner überzeugung,
sondern wie er mich anwies, und wenn ich es ihm zu Danke gemacht hatte,
war ich zufrieden. Er richtete sich nach allen Schwächen des
Publikums; es ging Geld ein, er konnte nach seiner Willkür leben, und
wir hatten gute Tage mit ihm.
Ich war indessen in einen handwerksmäßigen Schlendrian gefallen. Ich
zog meine Tage ohne Freude und Anteil hin, meine Ehe war kinderlos und
dauerte nur kurze Zeit. Mein Mann ward krank, seine Kräfte nahmen
sichtbar ab, die Sorge für ihn unterbrach meine allgemeine
Gleichgültigkeit. In diesen Tagen machte ich eine Bekanntschaft, mit
der ein neues Leben für mich anfing, ein neues und schnelleres, denn
es wird bald zu Ende sein."
Sie schwieg eine Zeitlang stille, dann fuhr sie fort: "Auf einmal
stockt meine geschwätzige Laune, und ich getraue mir den Mund nicht
weiter aufzutun. Lassen Sie mich ein wenig ausruhen; Sie sollen nicht
weggehen, ohne ausführlich all mein Unglück zu wissen. Rufen Sie doch
indessen Mignon herein und hören, was sie will."
Das Kind war während Aureliens Erzählung einigemal im Zimmer gewesen.
Da man bei seinem Eintritt leiser sprach, war es wieder weggeschlichen,
saß auf dem Saale still und wartete. Als man sie wieder hereinkommen
hieß, brachte sie ein Buch mit, das man bald an Form und Einband für
einen kleinen geographischen Atlas erkannte. Sie hatte bei dem
Pfarrer unterwegs mit großer Verwunderung die ersten Landkarten
gesehen, ihn viel darüber gefragt und sich, soweit es gehen wollte,
unterrichtet. Ihr Verlangen, etwas zu lernen, schien durch diese neue
Kenntnis noch viel lebhafter zu werden. Sie bat Wilhelmen inständig,
ihr das Buch zu kaufen. Sie habe dem Bildermann ihre großen silbernen
Schnallen dafür eingesetzt und wolle sie, weil es heute abend so spät
geworden, morgen früh wieder einlösen. Es ward ihr bewilligt, und sie
fing nun an, dasjenige, was sie wußte, teils herzusagen, teils nach
ihrer Art die wunderlichsten Fragen zu tun. Man konnte auch hier
wieder bemerken, daß bei einer großen Anstrengung sie nur schwer und
mühsam begriff. So war auch ihre Handschrift, mit der sie sich viele
Mühe gab. Sie sprach noch immer sehr gebrochen Deutsch, und nur wenn
sie den Mund zum Singen auftat, wenn sie die Zither rührte, schien sie
sich des einzigen Organs zu bedienen, wodurch sie ihr Innerstes
aufschließen und mitteilen konnte.
Wir müssen, da wir gegenwärtig von ihr sprechen, auch der Verlegenheit
gedenken, in die sie seit einiger Zeit unsern Freund öfters versetzte.
Wenn sie kam oder ging, guten Morgen oder gute Nacht sagte, schloß
sie ihn so fest in ihre Arme und küßte ihn mit solcher Inbrunst, daß
ihm die Heftigkeit dieser aufkeimenden Natur oft angst und bange
machte. Die zuckende Lebhaftigkeit schien sich in ihrem Betragen
täglich zu vermehren, und ihr ganzes Wesen bewegte sich in einer
rastlosen Stille. Sie konnte nicht sein, ohne einen Bindfaden in den
Händen zu drehen, ein Tuch zu kneten, Papier oder Hölzchen zu kauen.
Jedes ihrer Spiele schien nur eine innere heftige Erschütterung
abzuleiten. Das einzige, was ihr einige Heiterkeit zu geben schien,
war die Nähe des kleinen Felix, mit dem sie sich sehr artig abzugeben
wußte.
Aurelie, die nach einiger Ruhe gestimmt war, sich mit ihrem Freunde
über einen Gegenstand, der ihr so sehr am Herzen lag, endlich zu
erklären, ward über die Beharrlichkeit der Kleinen diesmal ungeduldig
und gab ihr zu verstehen, daß sie sich wegbegeben sollte, und man
mußte sie endlich, da alles nicht helfen wollte, ausdrücklich und
wider ihren Willen fortschicken.
"Jetzt oder niemals", sagte Aurelie, "muß ich Ihnen den Rest meiner
Geschichte erzählen. Wäre mein zärtlich geliebter, ungerechter Freund
nur wenige Meilen von hier, ich würde sagen: "Setzen Sie sich zu
Pferde, suchen Sie auf irgendeine Weise Bekanntschaft mit ihm, und
wenn Sie zurückkehren, so haben Sie mit gewiß verziehen und bedauern
mich von Herzen." Jetzt kann ich Ihnen nur mit Worten sagen, wie
liebenswürdig er war und wie sehr ich ihn liebte.
Eben zu der kritischen Zeit, da ich für die Tage meines Mannes besorgt
sein mußte, lernt ich ihn kennen. Er war eben aus Amerika
zurückgekommen, wo er in Gesellschaft einiger Franzosen mit vieler
Distinktion unter den Fahnen der Vereinigten Staaten gedient hatte.
Er begegnete mir mit einem gelaßnen Anstande, mit einer offnen
Gutmütigkeit, sprach über mich selbst, meine Lage, mein Spiel wie ein
alter Bekannter, so teilnehmend und so deutlich, daß ich mich zum
erstenmal freuen konnte, meine Existenz in einem andern Wesen so klar
wiederzuerkennen. Seine Urteile waren richtig, ohne absprechend,
treffend, ohne lieblos zu sein. Er zeigte keine Härte, und sein
Mutwille war zugleich gefällig. Er schien des guten Glücks bei Frauen
gewohnt zu sein, das machte mich aufmerksam; er war keinesweges
schmeichelnd und andringend, das machte mich sorglos.
In der Stadt ging er mit wenigen um, war meist zu Pferde, besuchte
seine vielen Bekannten in der Gegend und besorgte die Geschäfte seines
Hauses. Kam er zurück, so stieg er bei mir ab, behandelte meinen
immer kränkern Mann mit warmer Sorge, schaffte dem Leidenden durch
einen geschickten Arzt Linderung, und wie er an allem, was mich betraf,
teilnahm, ließ er mich auch an seinem Schicksale teilnehmen. Er
erzählte mir die Geschichte seiner Kampagne, seiner unüberwindlichen
Neigung zum Soldatenstande, seine Familienverhältnisse; er vertraute
mir seine gegenwärtigen Beschäftigungen. Genug, er hatte nichts
Geheimes vor mir; er entwickelte mir sein Innerstes, ließ mich in die
verborgensten Winkel seiner Seele sehen; ich lernte seine Fähigkeiten,
seine Leidenschaften kennen. Es war das erste Mal in meinem Leben,
daß ich eines herzlichen, geistreichen Umgangs genoß. Ich war von ihm
angezogen, von ihm hingerissen, eh ich über mich selbst Betrachtungen
anstellen konnte.
Inzwischen verlor ich meinen Mann, ungefähr wie ich ihn genommen hatte.
Die Last der theatralischen Geschäfte fiel nun ganz auf mich. Mein
Bruder, unverbesserlich auf dem Theater, war in der Haushaltung
niemals nütze; ich besorgte alles und studierte dabei meine Rollen
fleißiger als jemals. Ich spielte wieder wie vor alters, ja mit ganz
anderer Kraft und neuem Leben, zwar durch ihn und um seinetwillen,
doch nicht immer gelang es mir zum besten, wenn ich meinen edlen
Freund im Schauspiel wußte; aber einigemal behorchte er mich, und wie
angenehm mich sein unvermuteter Beifall überraschte, können Sie denken.
Gewiß, ich bin ein seltsames Geschöpf. Bei jeder Rolle, die ich
spielte, war es mir eigentlich nur immer zumute, als wenn ich ihn
lobte und zu seinen Ehren spräche; denn das war die Stimmung meines
Herzens, die Worte mochten übrigens sein, wie sie wollten. Wußt ich
ihn unter den Zuhörern, so getraute ich mich nicht, mit der ganzen
Gewalt zu sprechen, eben als wenn ich ihm meine Liebe, mein Lob nicht
geradezu ins Gesicht aufdringen wollte; war er abwesend, dann hatte
ich freies Spiel, ich tat mein Bestes mit einer gewissen Ruhe, mit
einer unbeschreiblichen Zufriedenheit. Der Beifall freute mich wieder,
und wenn ich dem Publikum Vergnügen machte, hätte ich immer zugleich
hinunterrufen mögen: "Das seid ihr ihm schuldig!"
Ja, mir war wie durch ein Wunder das Verhältnis zum Publikum, zur
ganzen Nation verändert. Sie erschien mir auf einmal wieder in dem
vorteilhaftesten Lichte, und ich erstaunte recht über meine bisherige
Verblendung.
"Wie unverständig", sagt ich oft zu mir selbst, "war es, als du
ehemals auf eine Nation schaltest, eben weil es eine Nation ist.
Müssen denn, können denn einzelne Menschen so interessant sein?
Keinesweges! Es fragt sich, ob unter der großen Masse eine Menge von
Anlagen, Kräften und Fähigkeiten verteilt sei, die durch günstige
Umstände entwickelt, durch vorzügliche Menschen zu einem gemeinsamen
Endzwecke geleitet werden können." Ich freute mich nun, so wenig
hervorstechende Originalität unter meinen Landsleuten zu finden; ich
freute mich, daß sie eine Richtung von außen anzunehmen nicht
verschmähten; ich freute mich, einen Anführer gefunden zu haben.
Lothar--lassen Sie mich meinen Freund mit seinem geliebten Vornamen
nennen--hatte mir immer die Deutschen von der Seite der Tapferkeit
vorgestellt und mir gezeigt, daß keine bravere Nation in der Welt sei,
wenn sie recht geführt werde, und ich schämte mich, an die erste
Eigenschaft eines Volks niemals gedacht zu haben. Ihm war die
Geschichte bekannt, und mit den meisten verdienstvollen Männern seines
Zeitalters stand er in Verhältnissen. So jung er war, hatte er ein
Auge auf die hervorkeimende hoffnungsvolle Jugend seines Vaterlandes,
auf die stillen Arbeiten in so vielen Fächern beschäftigter und
tätiger Männer. Er ließ mich einen überblick über Deutschland tun,
was es sei und was es sein könne, und ich schämte mich, eine Nation
nach der verworrenen Menge beurteilt zu haben, die sich in eine
Theatergarderobe drängen mag. Er machte mir's zur Pflicht, auch in
meinem Fache wahr, geistreich und belebend zu sein. Nun schien ich
mir selbst inspiriert, sooft ich auf das Theater trat. Mittelmäßige
Stellen wurden zu Gold in meinem Munde, und hätte mir damals ein
Dichter zweckmäßig beigestanden, ich hätte die wunderbarsten Wirkungen
hervorgebracht.
So lebte die junge Witwe monatelang fort. Er konnte mich nicht
entbehren, und ich war höchst unglücklich, wenn er außenblieb. Er
zeigte mir die Briefe seiner Verwandten, seiner vortrefflichen
Schwester. Er nahm an den kleinsten Umständen meiner Verhältnisse
teil; inniger, vollkommener ist keine Einigkeit zu denken. Der Name
der Liebe ward nicht genannt. Er ging und kam, kam und ging--und nun,
mein Freund, ist es hohe Zeit, daß Sie auch gehen."
IV. Buch, 17. Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Wilhelm konnte nun nicht länger den Besuch bei seinen Handelsfreunden
aufschieben. Er ging nicht ohne Verlegenheit dahin; denn er wußte,
daß er Briefe von den Seinigen daselbst antreffen werde. Er fürchtete
sich vor den Vorwürfen, die sie enthalten mußten; wahrscheinlich hatte
man auch dem Handelshause Nachricht von der Verlegenheit gegeben, in
der man sich seinetwegen befand. Er scheute sich nach so vielen
ritterlichen Abenteuern vor dem schülerhaften Ansehen, in dem er
erscheinen würde, und nahm sich vor, recht trotzig zu tun und auf
diese Weise seine Verlegenheit zu verbergen.
Allein zu seiner großen Verwunderung und Zufriedenheit ging alles sehr
gut und leidlich ab. In dem großen, lebhaften und beschäftigten
Comptoir hatte man kaum Zeit, seine Briefe aufzusuchen; seines längern
Außenbleibens ward nur im Vorbeigehn gedacht. Und als er die Briefe
seines Vaters und seines Freundes Werner eröffnete, fand er sie
sämtlich sehr leidlichen Inhalts. Der Alte, in Hoffnung eines
weitläufigen Journals, dessen Führung er dem Sohne beim Abschiede
sorgfältig empfohlen und wozu er ihm ein tabellarisches Schema
mitgegeben, schien über das Stillschweigen der ersten Zeit ziemlich
beruhigt, so wie er sich nur über das Rätselhafte des ersten und
einzigen, vom Schlosse des Grafen noch abgesandten Briefes beschwerte.
Werner scherzte nur auf seine Art, erzählte lustige Stadtgeschichten
und bat sich Nachricht von Freunden und Bekannten aus, die Wilhelm
nunmehr in der großen Handelsstadt häufig würde kennenlernen. Unser
Freund, der außerordentlich erfreut war, um einen so wohlfeilen Preis
loszukommen, antwortete sogleich in einigen sehr muntern Briefen und
versprach dem Vater ein ausführliches Reisejournal mit allen
verlangten geographischen, statistischen und merkantilischen
Bemerkungen. Er hatte vieles auf der Reise gesehen und hoffte, daraus
ein leidliches Heft zusammenschreiben zu können. Er merkte nicht, daß
er beinah in ebendem Falle war, in dem er sich befand, als er, um ein
Schauspiel, das weder geschrieben, noch weniger memoriert war,
aufzuführen, Lichter angezündet und Zuschauer herbeigerufen hatte.
Als er daher wirklich anfing, an seine Komposition zu gehen, ward er
leider gewahr, daß er von Empfindungen und Gedanken, von manchen
Erfahrungen des Herzens und Geistes sprechen und erzählen konnte, nur
nicht von äußern Gegenständen, denen er, wie er nun merkte, nicht die
mindeste Aufmerksamkeit geschenkt hatte.
In dieser Verlegenheit kamen die Kenntnisse seines Freundes Laertes
ihm gut zustatten. Die Gewohnheit hatte beide jungen Leute, so
unähnlich sie sich waren, zusammen verbunden, und jener war, bei allen
seinen Fehlern, mit seinen Sonderbarkeiten wirklich ein interessanter
Mensch. Mit einer heitern, glücklichen Sinnlichkeit begabt, hätte er
alt werden können, ohne über seinen Zustand irgend nachzudenken. Nun
hatte ihm aber sein Unglück und seine Krankheit das reine Gefühl der
Jugend geraubt und ihm dagegen einen Blick auf die Vergänglichkeit,
auf das Zerstückelte unsers Daseins eröffnet. Daraus war eine
launichte, rhapsodische Art, über die Gegenstände zu denken oder
vielmehr ihre unmittelbaren Eindrücke zu äußern, entstanden. Er war
nicht gern allein, trieb sich auf allen Kaffeehäusern, an allen
Wirtstischen herum, und wenn er ja zu Hause blieb, waren
Reisebeschreibungen seine liebste, ja seine einzige Lektüre. Diese
konnte er nun, da er eine große Leihbibliothek fand, nach Wunsch
befriedigen, und bald spukte die halbe Welt in seinem guten
Gedächtnisse.
Wie leicht konnte er daher seinem Freunde Mut einsprechen, als dieser
ihm den völligen Mangel an Vorrat zu der von ihm so feierlich
versprochenen Relation entdeckte. "Da wollen wir ein Kunststück
machen", sagte jener, "das seinesgleichen nicht haben soll.
Ist nicht Deutschland von einem Ende zum andern durchreist,
durchkreuzt, durchzogen, durchkrochen und durchflogen? Und hat nicht
jeder deutsche Reisende den herrlichen Vorteil, sich seine großen oder
kleinen Ausgaben vom Publikum wiedererstatten zu lassen? Gib mir nur
deine Reiseroute, ehe du zu uns kamst: das andere weiß ich. Die
Quellen und Hülfsmittel zu deinem Werke will ich dir aufsuchen; an
Quadratmeilen, die nicht gemessen sind, und an Volksmenge, die nicht
gezählt ist, müssen wir's nicht fehlen lassen. Die Einkünfte der
Länder nehmen wir aus Taschenbüchern und Tabellen, die, wie bekannt,
die zuverlässigsten Dokumente sind. Darauf gründen wir unsre
politischen Raisonnements; an Seitenblicken auf die Regierungen soll's
nicht fehlen. Ein paar Fürsten beschreiben wir als wahre Väter des
Vaterlandes, damit man uns desto eher glaubt, wenn wir einigen andern
etwas anhängen; und wenn wir nicht geradezu durch den Wohnort einiger
berühmten Leute durchreisen, so begegnen wir ihnen in einem Wirtshause,
lassen sie uns im Vertrauen das albernste Zeug sagen. Besonders
vergessen wir nicht, eine Liebesgeschichte mit irgendeinem naiven
Mädchen auf das anmutigste einzuflechten, und es soll ein Werk geben,
das nicht allein Vater und Mutter mit Entzücken erfüllen soll, sondern
das dir auch jeder Buchhändler mit Vergnügen bezahlt."
Man schritt zum Werke, und beide Freunde hatten viel Lust an ihrer
Arbeit, indes Wilhelm abends im Schauspiel und in dem Umgange mit
Serlo und Aurelien die größte Zufriedenheit fand und seine Ideen, die
nur zu lange sich in einem engen Kreise herumgedreht hatten, täglich
weiter ausbreitete.
IV. Buch, 18. Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Nicht ohne das größte Interesse vernahm er stückweise den Lebenslauf
Serlos: denn es war nicht die Art dieses seltnen Mannes, vertraulich
zu sein und über irgend etwas im Zusammenhange zu sprechen. Er war,
man darf sagen, auf dem Theater geboren und gesäugt. Schon als
stummes Kind mußte er durch seine bloße Gegenwart die Zuschauer rühren,
weil auch schon damals die Verfasser diese natürlichen und
unschuldigen Hülfsmittel kannten, und sein erstes "Vater" und "Mutter"
brachte in beliebten Stücken ihm schon den größten Beifall zuwege, ehe
er wußte, was das Händeklatschen bedeute. Als Amor kam er zitternd
mehr als einmal im Flugwerke herunter, entwickelte sich als Harlekin
aus dem Ei und machte als kleiner Essenkehrer schon früh die artigsten
Streiche.
Leider mußte er den Beifall, den er an glänzenden Abenden erhielt, in
den Zwischenzeiten sehr teuer bezahlen. Sein Vater, überzeugt, daß
nur durch Schläge die Aufmerksamkeit der Kinder erregt und
festgehalten werden könne, prügelte ihn beim Einstudieren einer jeden
Rolle zu abgemessenen Zeiten; nicht, weil das Kind ungeschickt war,
sondern damit es sich desto gewisser und anhaltender geschickt zeigen
möge. So gab man ehemals, indem ein Grenzstein gesetzt wurde, den
umstehenden Kindern tüchtige Ohrfeigen, und die ältesten Leute
erinnern sich noch genau des Ortes und der Stelle. Er wuchs heran und
zeigte außerordentliche Fähigkeiten des Geistes und Fertigkeiten des
Körpers und dabei eine große Biegsamkeit sowohl in seiner
Vorstellungsart als in Handlungen und Gebärden. Seine Nachahmungsgabe
überstieg allen Glauben. Schon als Knabe ahmte er Personen nach, so
daß man sie zu sehen glaubte, ob sie ihm schon an Gestalt, Alter und
Wesen völlig unähnlich und untereinander verschieden waren. Dabei
fehlte es ihm nicht an der Gabe, sich in die Welt zu schicken, und
sobald er sich einigermaßen seiner Kräfte bewußt war, fand er nichts
natürlicher, als seinem Vater zu entfliehen, der, wie die Vernunft des
Knaben zunahm und seine Geschicklichkeit sich vermehrte, ihnen noch
durch harte Begegnung nachzuhelfen für nötig fand.
Wie glücklich fühlte sich der lose Knabe nun in der freien Welt, da
ihm seine Eulenspiegelspossen überall eine gute Aufnahme verschafften.
Sein guter Stern führte ihn zuerst in der Fastnachtszeit in ein
Kloster, wo er, weil eben der Pater, der die Umgänge zu besorgen und
durch geistliche Maskeraden die christliche Gemeinde zu ergötzen hatte,
gestorben war, als ein hülfreicher Schutzengel auftrat. Auch
übernahm er sogleich die Rolle Gabriels in der Verkündigung und
mißfiel dem hübschen Mädchen nicht, die als Maria seinen obligeanten
Gruß mit äußerlicher Demut und innerlichem Stolze sehr zierlich
aufnahm. Er spielte darauf sukzessive in den Mysterien die
wichtigsten Rollen und wußte sich nicht wenig, da er endlich gar als
Heiland der Welt verspottet, geschlagen und ans Kreuz geheftet wurde.
Einige Kriegsknechte mochten bei dieser Gelegenheit ihre Rollen gar zu
natürlich spielen; daher er sie, um sich auf die schicklichste Weise
an ihnen zu rächen, bei Gelegenheit des jüngsten Gerichts in die
prächtigsten Kleider von Kaisern und Königen steckte und ihnen in dem
Augenblicke, da sie, mit ihren Rollen sehr wohl zufrieden, auch in dem
Himmel allen andern vorauszugehen den Schritt nahmen, unvermutet in
Teufelsgestalt begegnete und sie mit der Ofengabel, zur herzlichsten
Erbauung sämtlicher Zuschauer und Bettler, weidlich durchdrosch und
unbarmherzig zurück in die Grube stürzte, wo sie sich von einem
hervordringenden Feuer aufs übelste empfangen sahen.
Er war klug genug, einzusehen, daß die gekrönten Häupter sein freches
Unternehmen nicht wohl vermerken und selbst vor seinem privilegierten
Ankläger- und Schergenamte keinen Respekt haben würden; er machte sich
daher, noch ehe das Tausendjährige Reich anging, in aller Stille davon
und ward in einer benachbarten Stadt von einer Gesellschaft, die man
damals "Kinder der Freude" nannte, mit offnen Armen aufgenommen. Es
waren verständige, geistreiche, lebhafte Menschen, die wohl einsahen,
daß die Summe unsrer Existenz, durch Vernunft dividiert, niemals rein
aufgehe, sondern daß immer ein wunderlicher Bruch übrigbleibe. Diesen
hinderlichen und, wenn er sich in die ganze Masse verteilt,
gefährlichen Bruch suchten sie zu bestimmten Zeiten vorsätzlich
loszuwerden. Sie waren einen Tag der Woche recht ausführlich Narren
und straften an demselben wechselseitig durch allegorische
Vorstellungen, was sie während der übrigen Tage an sich und andern
Närrisches bemerkt hatten. War diese Art gleich roher als eine Folge
von Ausbildung, in welcher der sittliche Mensch sich täglich zu
bemerken, zu warnen und zu strafen pflegt, so war sie doch lustiger
und sicherer: denn indem man einen gewissen Schoßnarren nicht
verleugnete, so traktierte man ihn auch nur für das, was er war,
anstatt daß er auf dem andern Wege, durch Hülfe des Selbstbetrugs, oft
im Hause zur Herrschaft gelangt und die Vernunft zur heimlichen
Knechtschaft zwingt, die sich einbildet, ihn lange verjagt zu haben.
Die Narrenmaske ging in der Gesellschaft herum, und jedem war erlaubt,
sie an seinem Tage mit eigenen oder fremden Attributen
charakteristisch auszuzieren. In der Karnavalszeit nahm man sich die
größte Freiheit und wetteiferte mit der Bemühung der Geistlichen, das
Volk zu unterhalten und anzuziehen. Die feierlichen und allegorischen
Aufzüge von Tugenden und Lastern, Künsten und Wissenschaften,
Weltteilen und Jahrszeiten versinnlichten dem Volke eine Menge
Begriffe und gaben ihm Ideen entfernter Gegenstände, und so waren
diese Scherze nicht ohne Nutzen, da von einer andern Seite die
geistlichen Mummereien nur einen abgeschmackten Aberglauben noch mehr
befestigten.
Der junge Serlo war auch hier wieder ganz in seinem Elemente;
eigentliche Erfindungskraft hatte er nicht, dagegen aber das größte
Geschick, was er vor sich fand zu nutzen, zurechtzustellen und
scheinbar zu machen. Seine Einfälle, seine Nachahmungsgabe, ja sein
beißender Witz, den er wenigstens einen Tag in der Woche völlig frei,
selbst gegen seine Wohltäter, üben durfte, machte ihn der ganzen
Gesellschaft wert, ja unentbehrlich.
Doch trieb ihn seine Unruhe bald aus dieser vorteilhaften Lage in
andere Gegenden seines Vaterlandes, wo er wieder eine neue Schule
durchzugehen hatte. Er kam in den gebildeten, aber auch bildlosen
Teil von Deutschland, wo es zur Verehrung des Guten und Schönen zwar
nicht an Wahrheit, aber oft an Geist gebricht; er konnte mit seinen
Masken nichts mehr ausrichten; er mußte suchen, auf Herz und Gemüt zu
wirken. Nur kurze Zeit hielt er sich bei kleinen und großen
Gesellschaften auf und merkte bei dieser Gelegenheit sämtlichen
Stücken und Schauspielern ihre Eigenheiten ab. Die Monotonie, die
damals auf dem deutschen Theater herrschte, den albernen Fall und
Klang der Alexandriner, den geschraubt-platten Dialog, die Trockenheit
und Gemeinheit der unmittelbaren Sittenprediger hatte er bald gefaßt
und zugleich bemerkt, was rührte und gefiel.
Nicht eine Rolle der gangbaren Stücke, sondern die ganzen Stücke
blieben leicht in seinem Gedächtnis und zugleich der eigentümliche Ton
des Schauspielers, der sie mit Beifall vorgetragen hatte. Nun kam er
zufälligerweise auf seinen Streifereien, da ihm das Geld völlig
ausgegangen war, zu dem Einfall, allein ganze Stücke besonders auf
Edelhöfen und in Dörfern vorzustellen und sich dadurch überall
sogleich Unterhalt und Nachtquartier zu verschaffen. In jeder Schenke,
jedem Zimmer und Garten war sein Theater gleich aufgeschlagen; mit
einem schelmischen Ernst und anscheinenden Enthusiasmus wußte er die
Einbildungskraft seiner Zuschauer zu gewinnen, ihre Sinne zu täuschen
und vor ihren offenen Augen einen alten Schrank zu einer Burg und
einen Fächer zum Dolche umzuschaffen. Seine Jugendwärme ersetzte den
Mangel eines tiefen Gefühls; seine Heftigkeit schien Stärke und seine
Schmeichelei Zärtlichkeit. Diejenigen, die das Theater schon kannten,
erinnerte er an alles, was sie gesehen und gehört hatten, und in den
übrigen erregte er eine Ahnung von etwas Wunderbarem und den Wunsch,
näher damit bekannt zu werden. Was an einem Orte Wirkung tat,
verfehlte er nicht am andern zu wiederholen und hatte die herzlichste
Schadenfreude, wenn er alle Menschen auf gleiche Weise aus dem
Stegreife zum besten haben konnte.
Bei seinem lebhaften, freien und durch nichts gehinderten Geist
verbesserte er sich, indem er Rollen und Stücke oft wiederholte, sehr
geschwind. Bald rezitierte und spielte er dem Sinne gemäßer als die
Muster, die er anfangs nur nachgeahmt hatte. Auf diesem Wege kam er
nach und nach dazu, natürlich zu spielen und doch immer verstellt zu
sein. Er schien hingerissen und lauerte auf den Effekt, und sein
größter Stolz war, die Menschen stufenweise in Bewegung zu setzen.
Selbst das tolle Handwerk, das er trieb, nötigte ihn bald, mit einer
gewissen Mäßigung zu verfahren, und so lernte er, teils gezwungen,
teils aus Instinkt, das, wovon so wenig Schauspieler einen Begriff zu
haben scheinen: mit Organ und Gebärden ökonomisch zu sein.
So wußte er selbst rohe und unfreundliche Menschen zu bändigen und für
sich zu interessieren. Da er überall mit Nahrung und Obdach zufrieden
war, jedes Geschenk dankbar annahm, das man ihm reichte, ja manchmal
gar das Geld, wenn er dessen nach seiner Meinung genug hatte,
ausschlug, so schickte man ihn mit Empfehlungsschreiben einander zu,
und so wanderte er eine ganze Zeit von einem Edelhofe zum andern, wo
er manches Vergnügen erregte, manches genoß und nicht ohne die
angenehmsten und artigsten Abenteuer blieb.
Bei der innerlichen Kälte seines Gemütes liebte er eigentlich niemand;
bei der Klarheit seines Blicks konnte er niemand achten, denn er sah
nur immer die äußern Eigenheiten der Menschen und trug sie in seine
mimische Sammlung ein. Dabei aber war seine Selbstigkeit äußerst
beleidigt, wenn er nicht jedem gefiel und wenn er nicht überall
Beifall erregte. Wie dieser zu erlangen sei, darauf hatte er nach und
nach so genau achtgegeben und hatte seinen Sinn so geschärft, daß er
nicht allein bei seinen Darstellungen, sondern auch im gemeinen Leben
nicht mehr anders als schmeicheln konnte. Und so arbeitete seine
Gemütsart, sein Talent und seine Lebensart dergestalt wechselsweise
gegeneinander, daß er sich unvermerkt zu einem vollkommnen
Schauspieler ausgebildet sah. Ja, durch eine seltsam scheinende, aber
ganz natürliche Wirkung und Gegenwirkung stieg durch Einsicht und
übung seine Rezitation, Deklamation und sein Gebärdenspiel zu einer
hohen Stufe von Wahrheit, Freiheit und Offenheit, indem er im Leben
und Umgang immer heimlicher, künstlicher, ja verstellt und ängstlich
zu werden schien.
Von seinen Schicksalen und Abenteuern sprechen wir vielleicht an einem
andern Orte und bemerken hier nur soviel: daß er in spätern Zeiten, da
er schon ein gemachter Mann, im Besitz von entschiedenem Namen und in
einer sehr guten, obgleich nicht festen Lage war, sich angewöhnt hatte,
im Gespräch auf eine feine Weise teils ironisch, teils spöttisch den
Sophisten zu machen und dadurch fast jede ernsthafte Unterhaltung zu
zerstören. Besonders gebrauchte er diese Manier gegen Wilhelm, sobald
dieser, wie es ihm oft begegnete, ein allgemeines theoretisches
Gespräch anzuknüpfen Lust hatte. Dessenungeachtet waren sie sehr gern
beisammen, indem durch ihre beiderseitige Denkart die Unterhaltung
lebhaft werden mußte. Wilhelm wünschte alles aus den Begriffen, die
er gefaßt hatte, zu entwickeln und wollte die Kunst in einem
Zusammenhange behandelt haben. Er wollte ausgesprochene Regeln
festsetzen, bestimmen, was recht, schön und gut sei und was Beifall
verdiene; genug, er behandelte alles auf das ernstlichste. Serlo
hingegen nahm die Sache sehr leicht, und indem er niemals direkt auf
eine Frage antwortete, wußte er durch eine Geschichte oder einen
Schwank die artigste und vergnüglichste Erläuterung beizubringen und
die Gesellschaft zu unterrichten, indem er sie erheiterte.
IV. Buch, 19. Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Indem nun Wilhelm auf diese Weise sehr angenehme Stunden zubrachte,
befanden sich Melina und die übrigen in einer desto verdrießlichern
Lage. Sie erschienen unserm Freunde manchmal wie böse Geister und
machten ihm nicht bloß durch ihre Gegenwart, sondern auch oft durch
flämische Gesichter und bittre Reden einen verdrießlichen Augenblick.
Serlo hatte sie nicht einmal zu Gastrollen gelassen, geschweige daß er
ihnen Hoffnung zum Engagement gemacht hätte, und hatte
dessenungeachtet nach und nach ihre sämtlichen Fähigkeiten
kennengelernt. Sooft sich Schauspieler bei ihm gesellig versammelten,
hatte er die Gewohnheit, lesen zu lassen und manchmal selbst
mitzulesen. Er nahm Stücke vor, die noch gegeben werden sollten, die
lange nicht gegeben waren, und zwar meistens nur teilweise. So ließ
er auch nach einer ersten Aufführung Stellen, bei denen er etwas zu
erinnern hatte, wiederholen, vermehrte dadurch die Einsicht der
Schauspieler und verstärkte ihre Sicherheit, den rechten Punkt zu
treffen. Und wie ein geringer aber richtiger Verstand mehr als ein
verworrenes und ungeläutertes Genie zur Zufriedenheit anderer wirken
kann, so erhub er mittelmäßige Talente durch die deutliche Einsicht,
die er ihnen unmerklich verschaffte, zu einer bewundernswürdigen
Fähigkeit. Nicht wenig trug dazu bei, daß er auch Gedichte lesen ließ
und in ihnen das Gefühl jenes Reizes erhielt, den ein
wohlvorgetragener Rhythmus in unsrer Seele erregt, anstatt daß man bei
andern Gesellschaften schon anfing, nur diejenige Prosa vorzutragen,
wozu einem jeden der Schnabel gewachsen war.
Bei solchen Gelegenheiten hatte er auch die sämtlichen angekommenen
Schauspieler kennenlernen, das, was sie waren und was sie werden
konnten, beurteilt und sich in der Stille vorgenommen, von ihren
Talenten bei einer Revolution, die seiner Gesellschaft drohete,
sogleich Vorteil zu ziehen. Er ließ die Sache eine Weile auf sich
beruhen, lehnte alle Interzessionen Wilhelms für sie mit Achselzucken
ab, bis er seine Zeit ersah und seinem jungen Freunde ganz unerwartet
den Vorschlag tat: er solle doch selbst bei ihm aufs Theater gehen,
und unter dieser Bedingung wolle er auch die übrigen engagieren.
"Die Leute müssen also doch so unbrauchbar nicht sein, wie Sie mir
solche bisher geschildert haben", versetzte ihm Wilhelm, "wenn sie
jetzt auf einmal zusammen angenommen werden können, und ich dächte,
ihre Talente müßten auch ohne mich dieselbigen bleiben."
Serlo eröffnete ihm darauf unter dem Siegel der Verschwiegenheit seine
Lage: wie sein erster Liebhaber Miene mache, ihn bei der Erneuerung
des Kontrakts zu steigern, und wie er nicht gesinnt sei, ihm
nachzugeben, besonders da die Gunst des Publikums gegen ihn so groß
nicht mehr sei. Ließe er diesen gehen, so würde sein ganzer Anhang
ihm folgen, wodurch denn die Gesellschaft einige gute, aber auch
einige mittelmäßige Glieder verlöre. Hierauf zeigte er Wilhelmen, was
er dagegen an ihm, an Laertes, dem alten Polterer und selbst an Frau
Melina zu gewinnen hoffe. Ja, er versprach, dem armen Pedanten als
Juden, Minister und überhaupt als Bösewicht einen entschiedenen
Beifall zu verschaffen.
Wilhelm stutzte und vernahm den Vortrag nicht ohne Unruhe, und nur, um
etwas zu sagen, versetzte er, nachdem er tief Atem geholt hatte: "Sie
sprechen auf eine sehr freundliche Weise nur von dem Guten, was Sie an
uns finden und von uns hoffen; wie sieht es denn aber mit den
schwachen Seiten aus, die Ihrem Scharfsinne gewiß nicht entgangen
sind?"
"Die wollen wir bald durch Fleiß, übung und Nachdenken zu starken
Seiten machen", versetzte Serlo. "Es ist unter euch allen, die ihr
denn doch nur Naturalisten und Pfuscher seid, keiner, der nicht mehr
oder weniger Hoffnung von sich gäbe; denn soviel ich alle beurteilen
kann, so ist kein einziger Stock darunter, und Stöcke allein sind die
Unverbesserlichen, sie mögen nun aus Eigendünkel, Dummheit oder
Hypochondrie ungelenk und unbiegsam sein."
Serlo legte darauf mit wenigen Worten die Bedingungen dar, die er
machen könne und wolle, bat Wilhelmen um schleunige Entscheidung und
verließ ihn in nicht geringer Unruhe.
Bei der wunderlichen und gleichsam nur zum Scherz unternommenen Arbeit
jener fingierten Reisebeschreibung, die er mit Laertes zusammensetzte,
war er auf die Zustände und das tägliche Leben der wirklichen Welt
aufmerksamer geworden, als er sonst gewesen war. Er begriff jetzt
selbst erst die Absicht des Vaters, als er ihm die Führung des
Journals so lebhaft empfohlen. Er fühlte zum ersten Male, wie
angenehm und nützlich es sein könne, sich zur Mittelsperson so vieler
Gewerbe und Bedürfnisse zu machen und bis in die tiefsten Gebirge und
Wälder des festen Landes Leben und Tätigkeit verbreiten zu helfen.
Die lebhafte Handelsstadt, in der er sich befand, gab ihm bei der
Unruhe des Laertes, der ihn überall mit herumschleppte, den
anschaulichsten Begriff eines großen Mittelpunktes, woher alles
ausfließt und wohin alles zurückkehrt, und es war das erste Mal, daß
sein Geist im Anschauen dieser Art von Tätigkeit sich wirklich
ergötzte. In diesem Zustande hatte ihm Serlo den Antrag getan und
seine Wünsche, seine Neigung, sein Zutrauen auf ein angebornes Talent
und seine Verpflichtung gegen die hülflose Gesellschaft wieder rege
gemacht.
"Da steh ich nun", sagte er zu sich selbst, "abermals am Scheidewege
zwischen den beiden Frauen, die mir in meiner Jugend erschienen. Die
eine sieht nicht mehr so kümmerlich aus wie damals, und die andere
nicht so prächtig. Der einen wie der andern zu folgen, fühlst du eine
Art von innerm Beruf, und von beiden Seiten sind die äußern Anlässe
stark genug; es scheint dir unmöglich, dich zu entscheiden; du
wünschest, daß irgendein übergewicht von außen deine Wahl bestimmen
möge, und doch, wenn du dich recht untersuchst, so sind es nur äußere
Umstände, die dir eine Neigung zu Gewerb, Erwerb und Besitz einflößen,
aber dein innerstes Bedürfnis erzeugt und nährt den Wunsch, die
Anlagen, die in dir zum Guten und Schönen ruhen mögen, sie seien
körperlich oder geistig, immer mehr zu entwickeln und auszubilden.
Und muß ich nicht das Schicksal verehren, das mich ohne mein Zutun
hierher an das Ziel aller meiner Wünsche führt? Geschieht nicht alles,
was ich mir ehemals ausgedacht und vorgesetzt, nun zufällig, ohne
mein Mitwirken? Sonderbar genug! Der Mensch scheint mit nichts
vertrauter zu sein als mit seinen Hoffnungen und Wünschen, die er
lange im Herzen nährt und bewahrt, und doch, wenn sie ihm nun begegnen,
wenn sie sich ihm gleichsam aufdringen, erkennt er sie nicht und
weicht vor ihnen zurück. Alles, was ich mir vor jener unglücklichen
Nacht, die mich von Marianen entfernte, nur träumen ließ, steht vor
mir und bietet sich mir selbst an. Hierher wollte ich flüchten und
bin sachte hergeleitet worden; bei Serlo wollte ich unterzukommen
suchen, er sucht nun mich und bietet mir Bedingungen an, die ich als
Anfänger nie erwarten konnte. War es denn bloß Liebe zu Marianen, die
mich ans Theater fesselte? oder war es Liebe zur Kunst, die mich an
das Mädchen festknüpfte? War jene Aussicht, jener Ausweg nach der
Bühne bloß einem unordentlichen, unruhigen Menschen willkommen, der
ein Leben fortzusetzen wünschte, das ihm die Verhältnisse der
bürgerlichen Welt nicht gestatteten, oder war es alles anders, reiner,
würdiger? Und was sollte dich bewegen können, deine damaligen
Gesinnungen zu ändern? Hast du nicht vielmehr bisher selbst unwissend
deinen Plan verfolgt? Ist nicht jetzt der letzte Schritt noch mehr zu
billigen, da keine Nebenabsichten dabei im Spiele sind und da du
zugleich ein feierlich gegebenes Wort halten und dich auf eine edle
Weise von einer schweren Schuld befreien kannst?"
Alles, was in seinem Herzen und seiner Einbildungskraft sich bewegte,
wechselte nun auf das lebhafteste gegeneinander ab. Daß er seine
Mignon behalten könne, daß er den Harfner nicht zu verstoßen brauche,
war kein kleines Gewicht auf der Waagschale, und doch schwankte sie
noch hin und wider, als er seine Freundin Aurelie gewohnterweise zu
besuchen ging.
IV. Buch, 20. Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Er fand sie auf ihrem Ruhebette; sie schien stille. "Glauben Sie noch,
morgen spielen zu können?" fragte er. "O ja", versetzte sie lebhaft;
"Sie wissen, daran hindert mich nichts.--Wenn ich nur ein Mittel wüßte,
den Beifall unsers Parterres von mir abzulehnen; sie meinen es gut
und werden mich noch umbringen. Vorgestern dacht ich, das Herz müßte
mir reißen! Sonst konnt ich es wohl leiden, wenn ich mir selbst
gefiel; wenn ich lange studiert und mich vorbereitet hatte, dann
freute ich mich, wenn das willkommene Zeichen, nun sei es gelungen,
von allen Enden widertönte. Jetzo sag ich nicht, was ich will, nicht,
wie ich's will; ich werde hingerissen; ich verwirre mich, und mein
Spiel macht einen weit größern Eindruck. Der Beifall wird lauter, und
ich denke: Wüßtet ihr, was euch entzückt! Die dunkeln, heftigen,
unbestimmten Anklänge rühren euch, zwingen euch Bewundrung ab, und ihr
fühlt nicht, daß es die Schmerzenstöne der Unglücklichen sind, der ihr
euer Wohlwollen geschenkt habt.
Heute früh hab ich gelernt, jetzt wiederholt und versucht. Ich bin
müde, zerbrochen, und morgen geht es wieder von vorn an. Morgen abend
soll gespielt werden. So schlepp ich mich hin und her; es ist mir
langweilig aufzustehen und verdrießlich, zu Bette zu gehen. Alles
macht einen ewigen Zirkel in mir. Dann treten die leidigen Tröstungen
vor mir auf, dann werf ich sie weg und verwünsche sie. Ich will mich
nicht ergeben, nicht der Notwendigkeit ergeben--warum soll das
notwendig sein, was mich zugrunde richtet? Könnte es nicht auch
anders sein? Ich muß es eben bezahlen, daß ich eine Deutsche bin; es
ist der Charakter der Deutschen, daß sie über allem schwer werden, daß
alles über ihnen schwer wird."
"O meine Freundin", fiel Wilhelm ein, "könnten Sie doch aufhören,
selbst den Dolch zu schärfen, mit dem Sie sich unablässig verwunden!
Bleibt Ihnen denn nichts? Ist denn Ihre Jugend, Ihre Gestalt, Ihre
Gesundheit, sind Ihre Talente nichts? Wenn Sie ein Gut ohne Ihr
Verschulden verloren haben, müssen Sie denn alles übrige
hinterdreinwerfen? Ist das auch notwendig?"
Sie schwieg einige Augenblicke, dann fuhr sie auf: "Ich weiß es wohl,
daß es Zeitverderb ist, nichts als Zeitverderb ist die Liebe! Was
hätte ich nicht tun können! tun sollen! Nun ist alles rein zu nichts
geworden. Ich bin ein armes verliebtes Geschöpf, nichts als verliebt!
Haben Sie Mitleiden mit mir, bei Gott, ich bin ein armes Geschöpf!"
Sie versank in sich, und nach einer kurzen Pause rief sie heftig aus:
"Ihr seid gewohnt, daß sich euch alles an den Hals wirft. Nein, ihr
könnt es nicht fühlen, kein Mann ist imstande, den Wert eines Weibes
zu fühlen, das sich zu ehren weiß! Bei allen heiligen Engeln, bei
allen Bildern der Seligkeit, die sich ein reines, gutmütiges Herz
erschafft, es ist nichts Himmlischeres als ein weibliches Wesen, das
sich dem geliebten Manne hingibt! Wir sind kalt, stolz, hoch, klar,
klug, wenn wir verdienen, Weiber zu heißen, und alle diese Vorzüge
legen wir euch zu Füßen, sobald wir lieben, sobald wir hoffen,
Gegenliebe zu erwerben. O wie hab ich mein ganzes Dasein so mit
Wissen und Willen weggeworfen! Aber nun will ich auch verzweifeln,
absichtlich verzweifeln. Es soll kein Blutstropfen in mir sein, der
nicht gestraft wird, keine Faser, die ich nicht peinigen will.
Lächeln Sie nur, lachen Sie nur über den theatralischen Aufwand von
Leidenschaft!"
Fern war von unserm Freunde jede Anwandlung des Lachens. Der
entsetzliche, halb natürliche, halb erzwungene Zustand seiner Freundin
peinigte ihn nur zu sehr. Er empfand die Foltern der unglücklichen
Anspannung mit: sein Gehirn zerrüttete sich, und sein Blut war in
einer fieberhaften Bewegung.
Sie war aufgestanden und ging in der Stube hin und wider. "Ich sage
mir alles vor", rief sie aus, "warum ich ihn nicht lieben sollte. Ich
weiß auch, daß er es nicht wert ist; ich wende mein Gemüt ab, dahin
und dorthin, beschäftige mich, wie es nur gehen will. Bald nehm ich
eine Rolle vor, wenn ich sie auch nicht zu spielen habe; ich übe die
alten, die ich durch und durch kenne, fleißiger und fleißiger ins
einzelne und übe und übe--mein Freund, mein Vertrauter, welche
entsetzliche Arbeit ist es, sich mit Gewalt von sich selbst zu
entfernen! Mein Verstand leidet, mein Gehirn ist so angespannt; um
mich vom Wahnsinne zu retten, überlaß ich mich wieder dem Gefühle, daß
ich ihn liebe.--Ja, ich liebe ihn, ich liebe ihn!" rief sie unter
tausend Tränen, "ich liebe ihn, und so will ich sterben."
Er faßte sie bei der Hand und bat sie auf das anständigste, sich nicht
selbst aufzureiben. "Oh", sagte er, "Wie sonderbar ist es, daß dem
Menschen nicht allein so manches Unmögliche, sondern auch so manches
Mögliche versagt ist. Sie waren nicht bestimmt, ein treues Herz zu
finden, das Ihre ganze Glückseligkeit würde gemacht haben. Ich war
dazu bestimmt, das ganze Heil meines Lebens an eine Unglückliche
festzuknüpfen, die ich durch die Schwere meiner Treue wie ein Rohr zu
Boden zog, ja vielleicht gar zerbrach."
Er hatte Aurelien seine Geschichte mit Marianen vertraut und konnte
sich also jetzt darauf beziehen. Sie sah ihm starr in die Augen und
fragte: "Können Sie sagen, daß Sie noch niemals ein Weib betrogen, daß
Sie keiner mit leichtsinniger Galanterie, mit frevelhafter Beteurung,
mit herzlockenden Schwüren ihre Gunst abzuschmeicheln gesucht?"
"Das kann ich", versetzte Wilhelm, "und zwar ohne Ruhmredigkeit: denn
mein Leben war sehr einfach, und ich bin selten in die Versuchung
geraten zu versuchen. Und welche Warnung, meine schöne, meine edle
Freundin, ist mir der traurige Zustand, in den ich Sie versetzt sehe!
Nehmen Sie ein Gelübde von mir, das meinem Herzen ganz angemessen ist,
das durch die Rührung, die Sie mir einflößten, sich bei mir zur
Sprache und Form bestimmt und durch diesen Augenblick geheiligt wird:
jeder flüchtigen Neigung will ich widerstehen und selbst die
ernstlichsten in meinem Busen bewahren; kein weibliches Geschöpf soll
ein Bekenntnis der Liebe von meinen Lippen vernehmen, dem ich nicht
mein ganzes Leben widmen kann!"
Sie sah ihn mit einer wilden Gleichgültigkeit an und entfernte sich,
als er ihr die Hand reichte, um einige Schritte. "Es ist nichts daran
gelegen!" rief sie, "so viel Weibertränen mehr oder weniger, die See
wird darum doch nicht wachsen. Doch", fuhr sie fort, "unter Tausenden
eine gerettet, das ist doch etwas, unter Tausenden einen Redlichen
gefunden, das ist anzunehmen! Wissen Sie auch, was Sie versprechen?"
"Ich weiß es", versetzte Wilhelm lächelnd und hielt seine Hand hin.
"Ich nehm es an", versetzte sie und machte eine Bewegung mit ihrer
Rechten, so daß er glaubte, sie würde die seine fassen; aber schnell
fuhr sie in die Tasche, riß den Dolch blitzgeschwind heraus und fuhr
mit Spitze und Schneide ihm rasch über die Hand weg. Er zog sie
schnell zurück, aber schon lief das Blut herunter.
"Man muß euch Männer scharf zeichnen, wenn ihr merken sollt!" rief sie
mit einer wilden Heiterkeit aus, die bald in eine hastige
Geschäftigkeit überging. Sie nahm ihr Schnupftuch und umwickelte
seine Hand damit, um das erste hervordringende Blut zu stillen.
"Verzeihen Sie einer Halbwahnsinnigen", rief sie aus, "und lassen Sie
sich diese Tropfen Bluts nicht reuen. Ich bin versöhnt, ich bin
wieder bei mir selber. Auf meinen Knien will ich Abbitte tun, lassen
Sie mir den Trost, Sie zu heilen."
Sie eilte nach ihrem Schranke, holte Leinwand und einiges Gerät,
stillte das Blut und besah die Wunde sorgfältig. Der Schnitt ging
durch den Ballen gerade unter dem Daumen, teilte die Lebenslinie und
lief gegen den kleinen Finger aus. Sie verband ihn still und mit
einer nachdenklichen Bedeutsamkeit in sich gekehrt. Er fragte
einigemal: "Beste, wie konnten Sie Ihren Freund verletzen?"
"Still", erwiderte sie, indem sie den Finger auf den Mund legte,
"still!"
Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 4"
von Johann Wolfgang von Goethe.
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The Project Gutenberg eBook of Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 5
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Title: Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 5
Author: Johann Wolfgang von Goethe
Release date: September 1, 2000 [eBook #2339]
Most recently updated: April 3, 2015
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/2339
Credits: This etext was prepared by Michael Pullen
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM MEISTERS LEHRJAHRE — BAND 5 ***
This etext was prepared by Michael Pullen,
globaltraveler5565@yahoo.com.
Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 5
Johann Wolfgang von Goethe
Fünftes Buch
Erstes Kapitel
So hatte Wilhelm zu seinen zwei kaum geheilten Wunden abermals eine
frische dritte, die ihm nicht wenig unbequem war. Aurelie wollte
nicht zugeben, daß er sich eines Wundarztes bediente; sie selbst
verband ihn unter allerlei wunderlichen Reden, Zeremonien und Sprüchen
und setzte ihn dadurch in eine sehr peinliche Lage. Doch nicht er
allein, sondern alle Personen, die sich in ihrer Nähe befanden, litten
durch ihre Unruhe und Sonderbarkeit; niemand aber mehr als der kleine
Felix. Das lebhafte Kind war unter einem solchen Druck höchst
ungeduldig und zeigte sich immer unartiger, je mehr sie es tadelte und
zurechtwies.
Der Knabe gefiel sich in gewissen Eigenheiten, die man auch Unarten zu
nennen pflegt und die sie ihm keinesweges nachzusehen gedachte. Er
trank zum Beispiel lieber aus der Flasche als aus dem Glase, und
offenbar schmeckten ihm die Speisen aus der Schüssel besser als von
dem Teller. Eine solche Unschicklichkeit wurde nicht übersehen, und
wenn er nun gar die Türe aufließ oder zuschlug und, wenn ihm etwas
befohlen wurde, entweder nicht von der Stelle wich oder ungestüm
davonrannte, so mußte er eine große Lektion anhören, ohne daß er
darauf je einige Besserung hätte spüren lassen. Vielmehr schien die
Neigung zu Aurelien sich täglich mehr zu verlieren; in seinem Tone war
nichts Zärtliches, wenn er sie Mutter nannte, er hing vielmehr
leidenschaftlich an der alten Amme, die ihm denn freilich allen Willen
ließ.
Aber auch diese war seit einiger Zeit so krank geworden, daß man sie
aus dem Hause in ein stilles Quartier bringen mußte, und Felix hätte
sich ganz allein gesehen, wäre nicht Mignon auch ihm als ein
liebevoller Schutzgeist erschienen. Auf das artigste unterhielten
sich beide Kinder miteinander; sie lehrte ihm kleine Lieder, und er,
der ein sehr gutes Gedächtnis hatte, rezitierte sie oft zur
Verwunderung der Zuhörer. Auch wollte sie ihm die Landkarten erklären,
mit denen sie sich noch immer sehr abgab, wobei sie jedoch nicht mit
der besten Methode verfuhr. Denn eigentlich schien sie bei den
Ländern kein besonderes Interesse zu haben, als ob sie kalt oder warm
seien. Von den Weltpolen, von dem schrecklichen Eise daselbst und von
der zunehmenden Wärme, je mehr man sich von ihnen entfernte, wußte sie
sehr gut Rechenschaft zu geben. Wenn jemand reiste, fragte sie nur,
ob er nach Norden oder nach Süden gehe, und bemühte sich, die Wege auf
ihren kleinen Karten aufzufinden. Besonders wenn Wilhelm von Reisen
sprach, war sie sehr aufmerksam und schien sich immer zu betrüben,
sobald das Gespräch auf eine andere Materie überging. Sowenig man sie
bereden konnte, eine Rolle zu übernehmen oder auch nur, wenn gespielt
wurde, auf das Theater zu gehen, so gern und fleißig lernte sie Oden
und Lieder auswendig und erregte, wenn sie ein solches Gedicht,
gewöhnlich von der ernsten und feierlichen Art, oft unvermutet wie aus
dem Stegreife deklamierte, bei jedermann Erstaunen.
Serlo, der auf jede Spur eines aufkeimenden Talentes zu achten gewohnt
war, suchte sie aufzumuntern; am meisten aber empfahl sie sich ihm
durch einen sehr artigen, mannigfaltigen und manchmal selbst muntern
Gesang, und auf ebendiesem Wege hatte sich der Harfenspieler seine
Gunst erworben.
Serlo, ohne selbst Genie zur Musik zu haben oder irgendein Instrument
zu spielen, wußte ihren hohen Wert zu schätzen; er suchte sich sooft
als möglich diesen Genuß, der mit keinem andern verglichen werden kann,
zu verschaffen. Er hatte wöchentlich einmal Konzert, und nun hatte
sich ihm durch Mignon, den Harfenspieler und Laertes, der auf der
Violine nicht ungeschickt war, eine wunderliche kleine Hauskapelle
gebildet.
Er pflegte zu sagen: "Der Mensch ist so geneigt, sich mir dem
Gemeinsten abzugeben, Geist und Sinne stumpfen sich so leicht gegen
die Eindrücke des Schönen und Vollkommenen ab, daß man die Fähigkeit,
es zu empfinden, bei sich auf alle Weise erhalten sollte. Denn einen
solchen Genuß kann niemand ganz entbehren, und nur die Ungewohntheit,
etwas Gutes zu genießen, ist Ursache, daß viele Menschen schon am
Albernen und Abgeschmackten, wenn es nur neu ist, Vergnügen finden.
Man sollte", sagte er, "alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören,
ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es
möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen."
Bei diesen Gesinnungen, die Serlo gewissermaßen natürlich waren,
konnte es den Personen, die ihn umgaben, nicht an angenehmer
Unterhaltung fehlen. Mitten in diesem vergnüglichen Zustande brachte
man Wilhelmen eines Tags einen schwarzgesiegelten Brief. Werners
Petschaft deutete auf eine traurige Nachricht, und er erschrak nicht
wenig, als er den Tod seines Vaters nur mit einigen Worten angezeigt
fand. Nach einer unerwarteten, kurzen Krankheit war er aus der Welt
gegangen und hatte seine häuslichen Angelegenheiten in der besten
Ordnung hinterlassen.
Diese unvermutete Nachricht traf Wilhelmen im Innersten. Er fühlte
tief, wie unempfindlich man oft Freunde und Verwandte, solange sie
sich mit uns des irdischen Aufenthaltes erfreuen, vernachlässigt und
nur dann erst die Versäumnis bereut, wenn das schöne Verhältnis
wenigstens für diesmal aufgehoben ist. Auch konnte der Schmerz über
das zeitige Absterben des braven Mannes nur durch das Gefühl gelindert
werden, daß er auf der Welt wenig geliebt, und durch die überzeugung,
daß er wenig genossen habe.
Wilhelms Gedanken wandten sich nun bald auf seine eigenen Verhältnisse,
und er fühlte sich nicht wenig beunruhigt. Der Mensch kann in keine
gefährlichere Lage versetzt werden, als wenn durch äußere Umstände
eine große Veränderung seines Zustandes bewirkt wird, ohne daß seine
Art zu empfinden und zu denken darauf vorbereitet ist. Es gibt
alsdann eine Epoche ohne Epoche, und es entsteht nur ein desto
größerer Widerspruch, je weniger der Mensch bemerkt, daß er zu dem
neuen Zustande noch nicht ausgebildet sei.
Wilhelm sah sich in einem Augenblicke frei, in welchem er mit sich
selbst noch nicht einig werden konnte. Seine Gesinnungen waren edel,
seine Absichten lauter, und seine Vorsätze schienen nicht verwerflich.
Das alles durfte er sich mit einigem Zutrauen selbst bekennen; allein
er hatte Gelegenheit genug gehabt zu bemerken, daß es ihm an Erfahrung
fehle, und er legte daher auf die Erfahrung anderer und auf die
Resultate, die sie daraus mit überzeugung ableiteten, einen
übermäßigen Wert und kam dadurch nur immer mehr in die Irre. Was ihm
fehlte, glaubte er am ersten zu erwerben, wenn er alles Denkwürdige,
was ihm in Büchern und im Gespräch vorkommen mochte, zu erhalten und
zu sammeln unternähme. Er schrieb daher fremde und eigene Meinungen
und Ideen, ja ganze Gespräche, die ihm interessant waren, auf und
hielt leider auf diese Weise das Falsche so gut als das Wahre fest,
blieb viel zu lange an einer Idee, ja man möchte sagen an einer
Sentenz hängen und verließ dabei seine natürliche Denk- und
Handelsweise, indem er oft fremden Lichtern als Leitsternen folgte.
Aureliens Bitterkeit und seines Freundes Laertes kalte Verachtung der
Menschen bestachen öfter als billig war sein Urteil: niemand aber war
ihm gefährlicher gewesen als Jarno, ein Mann, dessen heller Verstand
von gegenwärtigen Dingen ein richtiges, strenges Urteil fällte, dabei
aber den Fehler hatte, daß er diese einzelnen Urteile mit einer Art
von Allgemeinheit aussprach, da doch die Aussprüche des Verstandes
eigentlich nur einmal, und zwar in dem bestimmtesten Falle gelten und
schon unrichtig werden, wenn man sie auf den nächsten anwendet.
So entfernte sich Wilhelm, indem er mit sich selbst einig zu werden
strebte, immer mehr von der heilsamen Einheit, und bei dieser
Verwirrung ward es seinen Leidenschaften um so leichter, alle
Zurüstungen zu ihrem Vorteil zu gebrauchen und ihn über das, was er zu
tun hatte, nur noch mehr zu verwirren.
Serlo benutzte die Todespost zu seinem Vorteil, und wirklich hatte er
auch täglich immer mehr Ursache, an eine andere Einrichtung seines
Schauspiels zu denken. Er mußte entweder seine alten Kontrakte
erneuern, wozu er keine große Lust hatte, indem mehrere Mitglieder,
die sich für unentbehrlich hielten, täglich unleidlicher wurden; oder
er mußte, wohin auch sein Wunsch ging, der Gesellschaft eine ganz neue
Gestalt geben.
Ohne selbst in Wilhelmen zu dringen, regte er Aurelien und Philinen
auf; und die übrigen Gesellen, die sich nach Engagement sehnten,
ließen unserm Freunde gleichfalls keine Ruhe, so daß er mit ziemlicher
Verlegenheit an einem Scheidewege stand. Wer hätte gedacht, daß ein
Brief von Wernern, der ganz im entgegengesetzten Sinne geschrieben war,
ihn endlich zu einer Entschließung hindrängen sollte. Wir lassen nur
den Eingang weg und geben übrigens das Schreiben mit weniger
Veränderung.
V. Buch, 2. Kapitel
Zweites Kapitel
"--So war es, und so muß es denn auch wohl recht sein, daß jeder bei
jeder Gelegenheit seinem Gewerbe nachgeht und seine Tätigkeit zeigt.
Der gute Alte war kaum verschieden, als auch in der nächsten
Viertelstunde schon nichts mehr nach seinem Sinne im Hause geschah.
Freunde, Bekannte und Verwandte drängten sich zu, besonders aber alle
Menschenarten, die bei solchen Gelegenheiten etwas zu gewinnen haben.
Man brachte, man trug, man zahlte, schrieb und rechnete; die einen
holten Wein und Kuchen, die andern tranken und aßen; niemanden sah ich
aber ernsthafter beschäftigt als die Weiber, indem sie die Trauer
aussuchten.
Du wirst mir also verzeihen, mein Lieber, wenn ich bei dieser
Gelegenheit auch an meinen Vorteil dachte, mich deiner Schwester so
hilfreich und tätig als möglich zeigte und ihr, sobald es nur
einigermaßen schicklich war, begreiflich machte, daß es nunmehr unsre
Sache sei, eine Verbindung zu beschleunigen, die unsre Väter aus
allzugroßer Umständlichkeit bisher verzögert hatten.
Nun mußt du aber ja nicht denken, daß es uns eingefallen sei, das
große, leere Haus in Besitz zu nehmen. Wir sind bescheidner und
vernünftiger; unsern Plan sollst du hören. Deine Schwester zieht nach
der Heirat gleich in unser Haus herüber, und sogar auch deine Mutter
mit.
"Wie ist das möglich?" wirst du sagen; "ihr habt ja selbst in dem
Neste kaum Platz." Das ist eben die Kunst, mein Freund! Die
geschickte Einrichtung macht alles möglich, und du glaubst nicht,
wieviel Platz man findet, wenn man wenig Raum braucht. Das große Haus
verkaufen wir, wozu sich sogleich eine gute Gelegenheit darbietet; das
daraus gelöste Geld soll hundertfältige Zinsen tragen.
Ich hoffe, du bist damit einverstanden, und wünsche, daß du nichts von
den unfruchtbaren Liebhabereien deines Vaters und Großvaters geerbt
haben mögest. Dieser setzte seine höchste Glückseligkeit in eine
Anzahl unscheinbarer Kunstwerke, die niemand, ich darf wohl sagen
niemand, mit ihm genießen konnte: jener lebte in einer kostbaren
Einrichtung, die er niemand mit sich genießen ließ. Wir wollen es
anders machen, und ich hoffe deine Beistimmung.
Es ist wahr, ich selbst behalte in unserm ganzen Hause keinen Platz
als den an meinem Schreibepulte, und noch seh ich nicht ab, wo man
künftig eine Wiege hinsetzen will; aber dafür ist der Raum außer dem
Hause desto größer. Die Kaffeehäuser und Klubs für den Mann, die
Spaziergänge und Spazierfahrten für die Frau, und die schönen
Lustörter auf dem Lande für beide. Dabei ist der größte Vorteil, daß
auch unser runder Tisch ganz besetzt ist und es dem Vater unmöglich
wird, Freunde zu sehen, die sich nur desto leichtfertiger über ihn
aufhalten, je mehr er sich Mühe gegeben hat, sie zu bewirten.
Nur nichts überflüssiges im Hause! nur nicht zu viel Möbeln,
Gerätschaften, nur keine Kutsche und Pferde! Nichts als Geld, und
dann auf eine vernünftige Weise jeden Tag getan, was dir beliebt. Nur
keine Garderobe, immer das Neueste und Beste auf dem Leibe; der Mann
mag seinen Rock abtragen und die Frau den ihrigen vertrödeln, sobald
er nur einigermaßen aus der Mode kömmt. Es ist mir nichts
unerträglicher als so ein alter Kram von Besitztum. Wenn man mir den
kostbarsten Edelstein schenken wollte mit der Bedingung, ihn täglich
am Finger zu tragen, ich würde ihn nicht annehmen; denn wie läßt sich
bei einem toten Kapital nur irgendeine Freude denken? Das ist also
mein lustiges Glaubensbekenntnis: seine Geschäfte verrichtet, Geld
geschafft, sich mit den Seinigen lustig gemacht und um die übrige Welt
sich nicht mehr bekümmert, als insofern man sie nutzen kann.
Nun wirst du aber sagen: wie ist denn in eurem saubern Plane an mich
gedacht? Wo soll ich unterkommen, wenn ihr mir das väterliche Haus
verkauft und in dem eurigen nicht der mindeste Raum übrigbleibt?'
Das ist freilich der Hauptpunkt, Brüderchen, und auf den werde ich dir
gleich dienen können, wenn ich dir vorher das gebührende Lob über
deine vortrefflich angewendete Zeit werde entrichtet haben.
Sage nur, wie hast du es angefangen, in so wenigen Wochen ein Kenner
aller nützlichen und interessanten Gegenstände zu werden? Soviel
Fähigkeiten ich an dir kenne, hätte ich dir doch solche Aufmerksamkeit
und solchen Fleiß nicht zugetraut. Dein Tagebuch hat uns überzeugt,
mit welchem Nutzen du die Reise gemacht hast; die Beschreibung der
Eisen- und Kupferhämmer ist vortrefflich und zeigt von vieler Einsicht
in die Sache. Ich habe sie ehemals auch besucht; aber meine Relation,
wenn ich sie dagegenhalte, sieht sehr stümpermäßig aus. Der ganze
Brief über die Leinwandfabrikation ist lehrreich und die Anmerkung
über die Konkurrenz sehr treffend. An einigen Orten hast du Fehler in
der Addition gemacht, die jedoch sehr verzeihlich sind.
Was aber mich und meinen Vater am meisten und höchsten freut, sind
deine gründlichen Einsichten in die Bewirtschaftung und besonders in
die Verbesserung der Feldgüter. Wir haben Hoffnung, ein großes Gut,
das in Sequestration liegt, in einer sehr fruchtbaren Gegend zu
erkaufen. Wir wenden das Geld, das wir aus dem väterlichen Hause
lösen, dazu an; ein Teil wird geborgt, und ein Teil kann stehenbleiben;
und wir rechnen auf dich, daß du dahin ziehst, den Verbesserungen
vorstehst, und so kann, um nicht zuviel zu sagen, das Gut in einigen
Jahren um ein Drittel an Wert steigen; man verkauft es wieder, sucht
ein größeres, verbessert und handelt wieder, und dazu bist du der Mann.
Unsere Federn sollen indes zu Hause nicht müßig sein, und wir wollen
uns bald in einen beneidenswerten Zustand versetzen.
Jetzt lebe wohl! Genieße das Leben auf der Reise und ziehe hin, wo du
es vergnüglich und nützlich findest. Vor dem ersten halben Jahre
bedürfen wir deiner nicht; du kannst dich also nach Belieben in der
Welt umsehen: denn die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf
Reisen. Lebe wohl, ich freue mich, so nahe mit dir verbunden, auch
nunmehr im Geist der Tätigkeit mit dir vereint zu werden."
So gut dieser Brief geschrieben war und soviel ökonomische Wahrheiten
er enthalten mochte, mißfiel er doch Wilhelmen auf mehr als eine Weise.
Das Lob, das er über seine fingierten statistischen, technologischen
und ruralischen Kenntnisse erhielt, war ihm ein stiller Vorwurf; und
das Ideal, das ihm sein Schwager vom Glück des bürgerlichen Lebens
vorzeichnete, reizte ihn keineswegs; vielmehr ward er durch einen
heimlichen Geist des Widerspruchs mit Heftigkeit auf die
entgegengesetzte Seite getrieben. Er überzeugte sich, daß er nur auf
dem Theater die Bildung, die er sich zu geben wünschte, vollenden
könne, und schien in seinem Entschlusse nur desto mehr bestärkt zu
werden, je lebhafter Werner, ohne es zu wissen, sein Gegner geworden
war. Er faßte darauf alle seine Argumente zusammen und bestätigte bei
sich seine Meinung nur um desto mehr, je mehr er Ursache zu haben
glaubte, sie dem klugen Werner in einem günstigen Lichte darzustellen,
und auf diese Weise entstand eine Antwort, die wir gleichfalls
einrücken.
V. Buch, 3. Kapitel
Drittes Kapitel
"Dein Brief ist so wohl geschrieben und so gescheit und klug gedacht,
daß sich nichts mehr dazusetzen läßt. Du wirst mir aber verzeihen,
wenn ich sage, daß man gerade das Gegenteil davon meinen, behaupten
und tun und doch auch recht haben kann. Deine Art, zu sein und zu
denken, geht auf einen unbeschränkten Besitz und auf eine leichte,
lustige Art zu genießen hinaus, und ich brauche dir kaum zu sagen, daß
ich daran nichts, was mich reizte, finden kann.
Zuerst muß ich dir leider bekennen, daß mein Tagebuch aus Not, um
meinem Vater gefällig zu sein, mit Hülfe eines Freundes aus mehreren
Büchern zusammengeschrieben ist und daß ich wohl die darin enthaltenen
Sachen und noch mehrere dieser Art weiß, aber keineswegs verstehe noch
mich damit abgeben mag. Was hilft es mir, gutes Eisen zu fabrizieren,
wenn mein eigenes Inneres voller Schlacken ist? und was, ein Landgut
in Ordnung zu bringen, wenn ich mit mir selber uneins bin?
Daß ich dir's mit einem Worte sage: mich selbst, ganz wie ich da bin,
auszubilden, das war dunkel von Jugend auf mein Wunsch und meine
Absicht. Noch hege ich ebendiese Gesinnungen, nur daß mir die Mittel,
die mir es möglich machen werden, etwas deutlicher sind. Ich habe
mehr Welt gesehen, als du glaubst, und sie besser benutzt, als du
denkst. Schenke deswegen dem, was ich sage, einige Aufmerksamkeit,
wenn es gleich nicht ganz nach deinem Sinne sein sollte.
Wäre ich ein Edelmann, so wäre unser Streit bald abgetan; da ich aber
nur ein Bürger bin, so muß ich einen eigenen Weg nehmen, und ich
wünsche, daß du mich verstehen mögest. Ich weiß nicht, wie es in
fremden Ländern ist, aber in Deutschland ist nur dem Edelmann eine
gewisse allgemeine, wenn ich sagen darf personelle Ausbildung möglich.
Ein Bürger kann sich Verdienst erwerben und zur höchsten Not seinen
Geist ausbilden; seine Persönlichkeit geht aber verloren, er mag sich
stellen, wie er will. Indem es dem Edelmann, der mit den Vornehmsten
umgeht, zur Pflicht wird, sich selbst einen vornehmen Anstand zu geben,
indem dieser Anstand, da ihm weder Tür noch Tor verschlossen ist, zu
einem freien Anstand wird, da er mit seiner Figur, mit seiner Person,
es sei bei Hofe oder bei der Armee, bezahlen muß: so hat er Ursache,
etwas auf sie zu halten und zu zeigen, daß er etwas auf sie hält.
Eine gewisse feierliche Grazie bei gewöhnlichen Dingen, eine Art von
leichtsinniger Zierlichkeit bei ernsthaften und wichtigen kleidet ihn
wohl, weil er sehen läßt, daß er überall im Gleichgewicht steht. Er
ist eine öffentliche Person, und je ausgebildeter seine Bewegungen, je
sonorer seine Stimme, je gehaltner und gemessener sein ganzes Wesen
ist, desto vollkommner ist er. Wenn er gegen Hohe und Niedre, gegen
Freunde und Verwandte immer ebenderselbe bleibt, so ist nichts an ihm
auszusetzen, man darf ihn nicht anders wünschen. Er sei kalt, aber
verständig; verstellt, aber klug. Wenn er sich äußerlich in jedem
Momente seines Lebens zu beherrschen weiß, so hat niemand eine weitere
Forderung an ihn zu machen, und alles übrige, was er an und um sich
hat, Fähigkeit, Talent, Reichtum, alles scheinen nur Zugaben zu sein.
Nun denke dir irgendeinen Bürger, der an jene Vorzüge nur einigen
Anspruch zu machen gedächte; durchaus muß es ihm mißlingen, und er
müßte desto unglücklicher werden, je mehr sein Naturell ihm zu jener
Art zu sein Fähigkeit und Trieb gegeben hätte.
Wenn der Edelmann im gemeinen Leben gar keine Grenzen kennt, wenn man
aus ihm Könige oder königähnliche Figuren erschaffen kann, so darf er
überall mit einem stillen Bewußtsein vor seinesgleichen treten; er
darf überall vorwärtsdringen, anstatt daß dem Bürger nichts besser
ansteht als das reine, stille Gefühl der Grenzlinie, die ihm gezogen
ist. Er darf nicht fragen: "Was bist du?" sondern nur: "Was hast du?
welche Einsicht, welche Kenntnis, welche Fähigkeit, wieviel Vermögen?"
Wenn der Edelmann durch die Darstellung seiner Person alles gibt, so
gibt der Bürger durch seine Persönlichkeit nichts und soll nichts
geben. Jener darf und soll scheinen; dieser soll nur sein, und was er
scheinen will, ist lächerlich oder abgeschmackt. Jener soll tun und
wirken, dieser soll leisten und schaffen; er soll einzelne Fähigkeiten
ausbilden, um brauchbar zu werden, und es wird schon vorausgesetzt,
daß in seinem Wesen keine Harmonie sei noch sein dürfe, weil er, um
sich auf eine Weise brauchbar zu machen, alles übrige vernachlässigen
muß.
An diesem Unterschiede ist nicht etwa die Anmaßung der Edelleute und
die Nachgiebigkeit der Bürger, sondern die Verfassung der Gesellschaft
selbst schuld; ob sich daran einmal etwas ändern wird und was sich
ändern wird, bekümmert mich wenig; genug, ich habe, wie die Sachen
jetzt stehen, an mich selbst zu denken und wie ich mich selbst und das,
was mir ein unerläßliches Bedürfnis ist, rette und erreiche.
Ich habe nun einmal gerade zu jener harmonischen Ausbildung meiner
Natur, die mir meine Geburt versagt, eine unwiderstehliche Neigung.
Ich habe, seit ich dich verlassen, durch Leibesübung viel gewonnen;
ich habe viel von meiner gewöhnlichen Verlegenheit abgelegt und stelle
mich so ziemlich dar. Ebenso habe ich meine Sprache und Stimme
ausgebildet, und ich darf ohne Eitelkeit sagen, daß ich in
Gesellschaften nicht mißfalle. Nun leugne ich dir nicht, daß mein
Trieb täglich unüberwindlicher wird, eine öffentliche Person zu sein
und in einem weitern Kreise zu gefallen und zu wirken. Dazu kömmt
meine Neigung zur Dichtkunst und zu allem, was mit ihr in Verbindung
steht, und das Bedürfnis, meinen Geist und Geschmack auszubilden,
damit ich nach und nach auch bei dem Genuß, den ich nicht entbehren
kann, nur das Gute wirklich für gut, und das Schöne für schön halte.
Du siehst wohl, daß das alles für mich nur auf dem Theater zu finden
ist und daß ich mich in diesem einzigen Elemente nach Wunsch rühren
und ausbilden kann. Auf den Brettern erscheint der gebildete Mensch
so gut persönlich in seinem Glanz als in den obern Klassen; Geist und
Körper müssen bei jeder Bemühung gleichen Schritt gehen, und ich werde
da so gut sein und scheinen können als irgend anderswo. Suche ich
daneben noch Beschäftigungen, so gibt es dort mechanische Quälereien
genug, und ich kann meiner Geduld tägliche übung verschaffen.
Disputiere mit mir nicht darüber; denn eh du mir schreibst, ist der
Schritt schon geschehen. Wegen der herrschenden Vorurteile will ich
meinen Namen verändern, weil ich mich ohnehin schäme, als Meister
aufzutreten. Lebe wohl. Unser Vermögen ist in so guter Hand, daß ich
mich darum gar nicht bekümmere; was ich brauche, verlange ich
gelegentlich von dir; es wird nicht viel sein, denn ich hoffe, daß
mich meine Kunst auch nähren soll."
Der Brief war kaum abgeschickt, als Wilhelm auf der Stelle Wort hielt
und zu Serlos und der übrigen großen Verwunderung sich auf einmal
erklärte: daß er sich zum Schauspieler widme und einen Kontrakt auf
billige Bedingungen eingehen wolle. Man war hierüber bald einig, denn
Serlo hatte schon früher sich so erklärt, daß Wilhelm und die übrigen
damit gar wohl zufrieden sein konnten. Die ganze verunglückte
Gesellschaft, mit der wir uns so lange unterhalten haben, ward auf
einmal angenommen, ohne daß jedoch, außer etwa Laertes, sich einer
gegen Wilhelmen dankbar erzeigt hätte. Wie sie ohne Zutrauen
gefordert hatten, so empfingen sie ohne Dank. Die meisten wollten
lieber ihre Anstellung dem Einflusse Philinens zuschreiben und
richteten ihre Danksagungen an sie. Indessen wurden die
ausgefertigten Kontrakte unterschrieben, und durch eine unerklärliche
Verknüpfung von Ideen entstand vor Wilhelms Einbildungskraft in dem
Augenblicke, als er seinen fingierten Namen unterzeichnete, das Bild
jenes Waldplatzes, wo er verwundet in Philinens Schoß gelegen. Auf
einem Schimmel kam die liebenswürdige Amazone aus den Büschen, nahte
sich ihm und stieg ab. Ihr menschenfreundliches Bemühen hieß sie
gehen und kommen; endlich stand sie vor ihm. Das Kleid fiel von ihren
Schultern; ihr Gesicht, ihre Gestalt fing an zu glänzen, und sie
verschwand. So schrieb er seinen Namen nur mechanisch hin, ohne zu
wissen, was er tat, und fühlte erst, nachdem er unterzeichnet hatte,
daß Mignon an seiner Seite stand, ihn am Arm hielt und ihm die Hand
leise wegzuziehen versucht hatte.
V. Buch, 4. Kapitel
Viertes Kapitel
Eine der Bedingungen, unter denen Wilhelm sich aufs Theater begab, war
von Serlo nicht ohne Einschränkung zugestanden worden. Jener
verlangte, daß "Hamlet" ganz und unzerstückt aufgeführt werden sollte,
und dieser ließ sich das wunderliche Begehren insofern gefallen, als
es möglich sein würde. Nun hatten sie hierüber bisher manchen Streit
gehabt; denn was möglich oder nicht möglich sei und was man von dem
Stück weglassen könne, ohne es zu zerstücken, darüber waren beide sehr
verschiedener Meinung.
Wilhelm befand sich noch in den glücklichen Zeiten, da man nicht
begreifen kann, daß an einem geliebten Mädchen, an einem verehrten
Schriftsteller irgend etwas mangelhaft sein könne. Unsere Empfindung
von ihnen ist so ganz, so mit sich selbst übereinstimmend, daß wir uns
auch in ihnen eine solche vollkommene Harmonie denken müssen. Serlo
hingegen sonderte gern und beinah zuviel; sein scharfer Verstand
wollte in einem Kunstwerke gewöhnlich nur ein mehr oder weniger
unvollkommenes Ganze erkennen. Er glaubte, so wie man die Stücke
finde, habe man wenig Ursache, mit ihnen so gar bedächtig umzugehen,
und so mußte auch Shakespeare, so mußte besonders "Hamlet" vieles
leiden.
Wilhelm wollte gar nicht hören, wenn jener von der Absonderung der
Spreu von dem Weizen sprach. "Es ist nicht Spreu und Weizen
durcheinander", rief dieser, "es ist ein Stamm, äste, Zweige, Blätter,
Knospen, Blüten und Früchte. Ist nicht eins mit dem andern und durch
das andere?" Jener behauptete, man bringe nicht den ganzen Stamm auf
den Tisch; der Künstler müsse goldene äpfel in silbernen Schalen
seinen Gästen reichen. Sie erschöpften sich in Gleichnissen, und ihre
Meinungen schienen sich immer weiter voneinander zu entfernen.
Gar verzweifeln wollte unser Freund, als Serlo ihm einst nach langem
Streit das einfachste Mittel anriet, sich kurz zu resolvieren, die
Feder zu ergreifen und in dem Trauerspiele, was eben nicht gehen wolle
noch könne, abzustreichen, mehrere Personen in eine zu drängen, und
wenn er mit dieser Art noch nicht bekannt genug sei oder noch nicht
Herz genug dazu habe, so solle er ihm die Arbeit überlassen, und er
wolle bald fertig sein.
"Das ist nicht unserer Abrede gemäß", versetzte Wilhelm. "Wie können
Sie bei soviel Geschmack so leichtsinnig sein?"
"Mein Freund", rief Serlo aus, "Sie werden es auch schon werden. Ich
kenne das Abscheuliche dieser Manier nur zu wohl, die vielleicht noch
auf keinem Theater in der Welt stattgefunden hat. Aber wo ist auch
eins so verwahrlost als das unsere? Zu dieser ekelhaften
Verstümmelung zwingen uns die Autoren, und das Publikum erlaubt sie.
Wieviel Stücke haben wir denn, die nicht über das Maß des Personals,
der Dekorationen und Theatermechanik, der Zeit, des Dialogs und der
physischen Kräfte des Akteurs hinausschritten? Und doch sollen wir
spielen und immer spielen und immer neu spielen. Sollen wir uns dabei
nicht unsers Vorteils bedienen, da wir mit zerstückelten Werken
ebensoviel ausrichten als mit ganzen? Setzt uns das Publikum doch
selbst in den Vorteil! Wenig Deutsche, und vielleicht nur wenige
Menschen aller neuern Nationen haben Gefühl für ein ästhetisches Ganze;
sie loben und tadeln nur stellenweise; sie entzücken sich nur
stellenweise: und für wen ist das ein größeres Glück als für den
Schauspieler, da das Theater immer nur ein gestoppeltes und
gestückeltes Wesen bleibt."
"Ist!" versetzte Wilhelm; "aber muß es denn auch so bleiben, muß denn
alles bleiben, was ist? überzeugen Sie mich ja nicht, daß Sie recht
haben; denn keine Macht in der Welt würde mich bewegen können, einen
Kontrakt zu halten, den ich nur im gröbsten Irrtum geschlossen hätte."
Serlo gab der Sache eine lustige Wendung und ersuchte Wilhelmen, ihre
öftern Gespräche über "Hamlet" nochmals zu bedenken und selbst die
Mittel zu einer glücklichen Bearbeitung zu ersinnen.
Nach einigen Tagen, die er in der Einsamkeit zugebracht hatte, kam
Wilhelm mit frohem Blicke zurück. "Ich müßte mich sehr irren", rief
er aus, "wenn ich nicht gefunden hätte, wie dem Ganzen zu helfen ist;
ja ich bin überzeugt, daß Shakespeare es selbst so würde gemacht haben,
wenn sein Genie nicht auf die Hauptsache so sehr gerichtet und nicht
vielleicht durch die Novellen, nach denen er arbeitete, verführt
worden wäre."
"Lassen Sie hören", sagte Serlo, indem er sich gravitätisch aufs
Kanapee setzte; "ich werde ruhig aufhorchen, aber auch desto strenger
richten."
Wilhelm versetzte: "Mir ist nicht bange; hören Sie nur. Ich
unterscheide nach der genausten Untersuchung, nach der reiflichsten
überlegung in der Komposition dieses Stücks zweierlei: das erste sind
die großen innern Verhältnisse der Personen und der Begebenheiten, die
mächtigen Wirkungen, die aus den Charakteren und Handlungen der
Hauptfiguren entstehen, und diese sind einzeln vortrefflich und die
Folge, in der sie aufgestellt sind, unverbesserlich. Sie können durch
keine Art von Behandlung zerstört, ja kaum verunstaltet werden. Diese
sind's, die jedermann zu sehen verlangt, die niemand anzutasten wagt,
die sich tief in die Seele eindrücken und die man, wie ich höre,
beinahe alle auf das deutsche Theater gebracht hat. Nur hat man, wie
ich glaube, darin gefehlt, daß man das zweite, was bei diesem Stück zu
bemerken ist, ich meine die äußern Verhältnisse der Personen, wodurch
sie von einem Orte zum andern gebracht oder auf diese und jene Weise
durch gewisse zufällige Begebenheiten verbunden werden, für allzu
unbedeutend angesehen, nur im Vorbeigehn davon gesprochen oder sie gar
weggelassen hat. Freilich sind diese Fäden nur dünn und lose, aber
sie gehen doch durch's ganze Stück und halten zusammen, was sonst
auseinanderfiele, auch wirklich auseinanderfällt, wenn man sie
wegschneidet und ein übriges getan zu haben glaubt, daß man die Enden
stehenläßt.
Zu diesen äußern Verhältnissen zähle ich die Unruhen in Norwegen, den
Krieg mit dem jungen Fortinbras, die Gesandtschaft an den alten Oheim,
den geschlichteten Zwist, den Zug des jungen Fortinbras nach Polen und
seine Rückkehr am Ende; angleichen die Rückkehr des Horatio von
Wittenberg, die Lust Hamlets, dahin zu gehen, die Reise des Laertes
nach Frankreich, seine Rückkunft, die Verschickung Hamlets nach
England, seine Gefangenschaft beim Seeräuber, der Tod der beiden
Hofleute auf den Uriasbrief: alles dieses sind Umstände und
Begebenheiten, die einen Roman weit und breit machen können, die aber
der Einheit dieses Stücks, in dem besonders der Held keinen Plan hat,
auf das äußerste schaden und höchst fehlerhaft sind."
"So höre ich Sie einmal gerne!" rief Serlo.
"Fallen Sie mir nicht ein", versetzte Wilhelm, "Sie möchten mich nicht
immer loben. Diese Fehler sind wie flüchtige Stützen eines Gebäudes,
die man nicht wegnehmen darf, ohne vorher eine feste Mauer
unterzuziehen. Mein Vorschlag ist also, an jenen ersten, großen
Situationen gar nicht zu rühren, sondern sie sowohl im ganzen als
einzelnen möglichst zu schonen, aber diese äußern, einzelnen,
zerstreuten und zerstreuenden Motive alle auf einmal wegzuwerfen und
ihnen ein einziges zu substituieren."
"Und das wäre?" fragte Serlo, indem er sich aus seiner ruhigen
Stellung aufhob.
"Es liegt auch schon im Stücke", erwiderte Wilhelm, "nur mache ich den
rechten Gebrauch davon. Es sind die Unruhen in Norwegen. Hier haben
Sie meinen Plan zur Prüfung.
Nach dem Tode des alten Hamlet werden die erst eroberten Norweger
unruhig. Der dortige Statthalter schickt seinen Sohn Horatio, einen
alten Schulfreund Hamlets, der aber an Tapferkeit und Lebensklugheit
allen andern vorgelaufen ist, nach Dänemark, auf die Ausrüstung der
Flotte zu dringen, welche unter dem neuen, der Schwelgerei ergebenen
König nur saumselig vonstatten geht. Horatio kennt den alten König,
denn er hat seinen letzten Schlachten beigewohnt, hat bei ihm in
Gunsten gestanden, und die erste Geisterszene wird dadurch nicht
verlieren. Der neue König gibt sodann dem Horatio Audienz und schickt
den Laertes nach Norwegen mit der Nachricht, daß die Flotte bald
anlanden werde, indes Horatio den Auftrag erhält, die Rüstung
derselben zu beschleunigen; dagegen will die Mutter nicht einwilligen,
daß Hamlet, wie er wünschte, mit Horatio zur See gehe."
"Gott sei Dank!" rief Serlo, "so werden wir auch Wittenberg und die
hohe Schule los, die mir immer ein leidiger Anstoß war. Ich finde
Ihren Gedanken recht gut: denn außer den zwei einzigen fernen Bildern,
Norwegen und der Flotte, braucht der Zuschauer sich nichts zu denken;
das übrige sieht er alles, das übrige geht alles vor, anstatt daß
sonst seine Einbildungskraft in der ganzen Welt herumgejagt würde."
"Sie sehen leicht", versetzte Wilhelm, "wie ich nunmehr auch das
übrige zusammenhalten kann. Wenn Hamlet dem Horatio die Missetat
seines Stiefvaters entdeckt, so rät ihm dieser, mit nach Norwegen zu
gehen, sich der Armee zu versichern und mit gewaffneter Hand
zurückzukehren. Da Hamlet dem König und der Königin zu gefährlich
wird, haben sie kein näheres Mittel, ihn loszuwerden, als ihn nach der
Flotte zu schicken und ihm Rosenkranz und Güldenstern zu Beobachtern
mitzugeben; und da indes Laertes zurückkommt, soll dieser bis zum
Meuchelmord erhitzte Jüngling ihm nachgeschickt werden. Die Flotte
bleibt wegen ungünstigen Windes liegen; Hamlet kehrt nochmals zurück,
seine Wanderung über den Kirchhof kann vielleicht glücklich motiviert
werden; sein Zusammentreffen mit Laertes in Opheliens Grabe ist ein
großer, unentbehrlicher Moment. Hierauf mag der König bedenken, daß
es besser sei, Hamlet auf der Stelle loszuwerden; das Fest der Abreise,
der scheinbaren Versöhnung mit Laertes wird nun feierlich begangen,
wobei man Ritterspiele hält und auch Hamlet und Laertes fechten. Ohne
die vier Leichen kann ich das Stück nicht schließen; es darf niemand
übrigbleiben. Hamlet gibt, da nun das Wahlrecht des Volks wieder
eintritt, seine Stimme sterbend dem Horatio."
"Nur geschwind", versetzte Serlo, "setzen Sie sich hin und arbeiten
das Stück aus; die Idee hat völlig meinen Beifall; nur daß die Lust
nicht verraucht."
V. Buch, 5. Kapitel
Fünftes Kapitel
Wilhelm hatte sich schon lange mit einer übersetzung "Hamlets"
abgegeben; er hatte sich dabei der geistvollen Wielandschen Arbeit
bedient, durch die er überhaupt Shakespearen zuerst kennenlernte. Was
in derselben ausgelassen war, fügte er hinzu, und so war er im Besitz
eines vollständigen Exemplars in dem Augenblicke, da er mit Serlo über
die Behandlung so ziemlich einig geworden war. Er fing nun an, nach
seinem Plane auszuheben und einzuschieben, zu trennen und zu verbinden,
zu verändern und oft wiederherzustellen; denn so zufrieden er auch
mit seiner Idee war, so schien ihm doch bei der Ausführung immer, daß
das Original nur verdorben werde.
Sobald er fertig war, las er es Serlo und der übrigen Gesellschaft vor.
Sie bezeugten sich sehr zufrieden damit; besonders machte Serlo
manche günstige Bemerkung.
"Sie haben", sagte er unter anderm, "sehr richtig empfunden, daß
äußere Umstände dieses Stück begleiten, aber einfacher sein müssen,
als sie uns der große Dichter gegeben hat. Was außer dem Theater
vorgeht, was der Zuschauer nicht sieht, was er sich vorstellen muß,
ist wie ein Hintergrund, vor dem die spielenden Figuren sich bewegen.
Die große, einfache Aussicht auf die Flotte und Norwegen wird dem
Stücke sehr gut tun; nähme man sie ganz weg, so ist es nur eine
Familienszene, und der große Begriff, daß hier ein ganzes königliches
Haus durch innere Verbrechen und Ungeschicklichkeiten zugrunde geht,
wird nicht in seiner ganzen Würde dargestellt. Bliebe aber jener
Hintergrund selbst mannigfaltig, beweglich, konfus: so täte er dem
Eindrucke der Figuren Schaden."
Wilhelm nahm nun wieder die Partie Shakespeares und zeigte, daß er für
Insulaner geschrieben habe, für Engländer, die selbst im Hintergrunde
nur Schiffe und Seereisen, die Küste von Frankreich und Kaper zu sehen
gewohnt sind, und daß, was jenen etwas ganz Gewöhnliches sei, uns
schon zerstreue und verwirre.
Serlo mußte nachgeben, und beide stimmten darin überein, daß, da das
Stück nun einmal auf das deutsche Theater solle, dieser ernstere,
einfachere Hintergrund für unsre Vorstellungsart am besten passen
werde.
Die Rollen hatte man schon früher ausgeteilt; den Polonius übernahm
Serlo; Aurelie Ophelien; Laertes war durch seinen Namen schon
bezeichnet; ein junger, untersetzter, muntrer, neuangekommener
Jüngling erhielt die Rolle des Horatio; nur wegen des Königs und des
Geistes war man in einiger Verlegenheit. Für beide Rollen war nur der
alte Polterer da. Serlo schlug den Pedanten zum Könige vor; wogegen
Wilhelm aber aufs äußerste protestierte. Man konnte sich nicht
entschließen.
Ferner hatte Wilhelm in seinem Stücke die beiden Rollen von Rosenkranz
und Güldenstern stehenlassen. "Warum haben Sie diese nicht in eine
verbunden?" fragte Serlo, "diese Abbreviatur ist doch so leicht
gemacht."
"Gott bewahre mich vor solchen Verkürzungen, die zugleich Sinn und
Wirkung aufheben!" versetzte Wilhelm. "Das, was diese beiden Menschen
sind und tun, kann nicht durch einen vorgestellt werden. In solchen
Kleinigkeiten zeigt sich Shakespeares Größe. Dieses leise Auftreten,
dieses Schmiegen und Biegen, dies Jasagen, Streicheln und Schmeicheln,
diese Behendigkeit, dies Schwänzeln, diese Allheit und Leerheit, diese
rechtliche Schurkerei, diese Unfähigkeit, wie kann sie durch einen
Menschen ausgedrückt werden? Es sollten ihrer wenigstens ein Dutzend
sein, wenn man sie haben könnte; denn sie sind bloß in Gesellschaft
etwas, sie sind die Gesellschaft, und Shakespeare war sehr bescheiden
und weise, daß er nur zwei solche Repräsentanten auftreten ließ.
überdies brauche ich sie in meiner Bearbeitung als ein Paar, das mit
dem einen, guten, trefflichen Horatio kontrastiert."
"Ich verstehe Sie", sagte Serlo, "und wir können uns helfen. Den
einen geben wir Elmiren (so nannte man die älteste Tochter des
Polterers); es kann nicht schaden, wenn sie gut aussehen, und ich will
die Puppen putzen und dressieren, daß es eine Lust sein soll."
Philine freute sich außerordentlich, daß sie die Herzogin in der
kleinen Komödie spielen sollte. "Das will ich so natürlich machen",
rief sie aus, "wie man in der Geschwindigkeit einen zweiten heiratet,
nachdem man den ersten ganz außerordentlich geliebt hat. Ich hoffe
mir den größten Beifall zu erwerben, und jeder Mann soll wünschen, der
dritte zu werden."
Aurelie machte ein verdrießliches Gesicht bei diesen äußerungen; ihr
Widerwille gegen Philinen nahm mit jedem Tage zu.
"Es ist recht schade", sagte Serlo, "daß wir kein Ballett haben; sonst
sollten Sie mir mit Ihrem ersten und zweiten Manne ein Pas de deux
tanzen, und der Alte sollte nach dem Takt einschlafen, und Ihre
Füßchen und Wädchen würden sich dort hinten auf dem Kindertheater ganz
allerliebst ausnehmen."
"Von meinen Wädchen wissen Sie ja wohl nicht viel", versetzte sie
schnippisch, "und was meine Füßchen betrifft", rief sie, indem sie
schnell unter den Tisch reichte, ihre Pantöffelchen heraufholte und
nebeneinander vor Serlo hinstellte: "hier sind die Stelzchen, und ich
gebe Ihnen auf, niedlichere zu finden."
"Es war Ernst!" sagte er, als er die zierlichen Halbschuhe betrachtete.
Gewiß, man konnte nicht leicht etwas Artigers sehen.
Sie waren Pariser Arbeit; Philine hatte sie von der Gräfin zum
Geschenk erhalten, einer Dame, deren schöner Fuß berühmt war.
"Ein reizender Gegenstand!" rief Serlo, "das Herz hüpft mir, wenn ich
sie ansehe."
"Welche Verzuckungen!" sagte Philine.
"Es geht nichts über ein Paar Pantöffelchen von so feiner, schöner
Arbeit", rief Serlo; "doch ist ihr Klang noch reizender als ihr
Anblick." Er hub sie auf und ließ sie einigemal hintereinander
wechselsweise auf den Tisch fallen.
"Was soll das heißen? Nur wieder her damit!" rief Philine.
"Darf ich sagen", versetzte er mit verstellter Bescheidenheit und
schalkhaftem Ernst, "wir andern Junggesellen, die wir nachts meist
allein sind und uns doch wie andre Menschen fürchten und im Dunkeln
uns nach Gesellschaft sehnen, besonders in Wirtshäusern und fremden
Orten, wo es nicht ganz geheuer ist, wir finden es gar tröstlich, wenn
ein gutherziges Kind uns Gesellschaft und Beistand leisten will. Es
ist Nacht, man liegt im Bette, es raschelt, man schaudert, die Türe
tut sich auf, man erkennt ein liebes, pisperndes Stimmchen, es
schleicht was herbei, die Vorhänge rauschen, klipp! klapp! die
Pantoffeln fallen, und husch! man ist nicht mehr allein. Ach der
liebe, der einzige Klang, wenn die Absätzchen auf den Boden
aufschlagen! Je zierlicher sie sind, je feiner klingt's. Man spreche
mir von Philomelen, von rauschenden Bächen, vom Säuseln der Winde und
von allem, was je georgelt und gepfiffen worden ist, ich halte mich an
das Klipp! Klapp!--Klipp! Klapp! ist das schönste Thema zu einem
Rondeau, das man immer wieder von vorne zu hören wünscht."
Philine nahm ihm die Pantoffeln aus den Händen und sagte: "Wie ich sie
krummgetreten habe! Sie sind mir viel zu weit." Dann spielte sie
damit und rieb die Sohlen gegeneinander. "Was das heiß wird!" rief
sie aus, indem sie die eine Sohle flach an die Wange hielt, dann
wieder rieb und sie gegen Serlo hinreichte. Er war gutmütig genug,
nach der Wärme zu fühlen, und "Klipp! Klapp!" rief sie, indem sie ihm
einen derben Schlag mit dem Absatz versetzte, daß er schreiend die
Hand zurückzog. "Ich will euch lehren, bei meinen Pantoffeln was
anders denken!" sagte Philine lachend.
"Und ich will dich lehren, alte Leute wie Kinder anführen!" rief Serlo
dagegen, sprang auf, faßte sie mit Heftigkeit und raubte ihr manchen
Kuß, deren jeden sie sich mit ernstlichem Widerstreben gar künstlich
abzwingen ließ. über dem Balgen fielen ihre langen Haare herunter und
wickelten sich um die Gruppe, der Stuhl schlug an den Boden, und
Aurelie, die von diesem Unwesen innerlich beleidigt war, stand mit
Verdruß auf.
V. Buch, 6. Kapitel
Sechstes Kapitel
Obgleich bei der neuen Bearbeitung "Hamlets" manche Personen
weggefallen waren, so blieb die Anzahl derselben doch immer noch groß
genug, und fast wollte die Gesellschaft nicht hinreichen.
"Wenn das so fortgeht", sagte Serlo, "wird unser Souffleur auch noch
aus dem Loche hervorsteigen müssen, unter uns wandeln und zur Person
werden."
"Schon oft habe ich ihn an seiner Stelle bewundert", versetzte Wilhelm.
"Ich glaube nicht, daß es einen vollkommenern Einhelfer gibt", sagte
Serlo. "Kein Zuschauer wird ihn jemals hören; wir auf dem Theater
verstehen jede Silbe. Er hat sich gleichsam ein eigen Organ dazu
gemacht und ist wie ein Genius, der uns in der Not vernehmlich
zulispelt. Er fühlt, welchen Teil seiner Rolle der Schauspieler
vollkommen innehat, und ahnet von weitem, wenn ihn das Gedächtnis
verlassen will. In einigen Fällen, da ich die Rolle kaum überlesen
konnte, da er sie mir Wort vor Wort vorsagte, spielte ich sie mit
Glück; nur hat er Sonderbarkeiten, die jeden andern unbrauchbar machen
würden: er nimmt so herzlichen Anteil an den Stücken, daß er
pathetische Stellen nicht eben deklamiert, aber doch affektvoll
rezitiert. Mit dieser Unart hat er mich mehr als einmal irregemacht."
"So wie er mich", sagte Aurelie, "mit einer andern Sonderbarkeit einst
an einer sehr gefährlichen Stelle steckenließ."
"Wie war das bei seiner Aufmerksamkeit möglich?" fragte Wilhelm.
"Er wird", versetzte Aurelie, "bei gewissen Stellen so gerührt, daß er
heiße Tränen weint und einige Augenblicke ganz aus der Fassung kommt;
und es sind eigentlich nicht die sogenannten rührenden Stellen, die
ihn in diesen Zustand versetzen; es sind, wenn ich mich deutlich
ausdrücke, die schönen Stellen, aus welchen der reine Geist des
Dichters gleichsam aus hellen, offenen Augen hervorsieht, Stellen, bei
denen wir andern uns nur höchstens freuen und worüber viele Tausende
wegsehen."
"Und warum erscheint er mit dieser zarten Seele nicht auf dem
Theater?"
"Ein heiseres Organ und ein steifes Betragen schließen ihn von der
Bühne und seine hypochondrische Natur von der Gesellschaft aus",
versetzte Serlo. "Wieviel Mühe habe ich mir gegeben, ihn an mich zu
gewöhnen! aber vergebens. Er liest vortrefflich, wie ich nicht wieder
habe lesen hören; niemand hält wie er die zarte Grenzlinie zwischen
Deklamation und affektvoller Rezitation."
"Gefunden!" rief Wilhelm, "gefunden! Welch eine glückliche Entdeckung!
Nun haben wir den Schauspieler, der uns die Stelle vom rauhen
Pyrrhus rezitieren soll."
"Man muß so viel Leidenschaft haben wie Sie", versetzte Serlo, "um
alles zu seinem Endzwecke zu nutzen."
"Gewiß, ich war in der größten Sorge", rief Wilhelm, "daß vielleicht
diese Stelle wegbleiben müßte, und das ganze Stück würde dadurch
gelähmt werden."
"Das kann ich doch nicht einsehen", versetzte Aurelie.
"Ich hoffe, Sie werden bald meiner Meinung sein", sagte Wilhelm.
"Shakespeare führt die ankommenden Schauspieler zu einem doppelten
Endzweck herein. Erst macht der Mann, der den Tod des Priamus mit so
viel eigner Rührung deklamiert, tiefen Eindruck auf den Prinzen selbst;
er schärft das Gewissen des jungen, schwankenden Mannes: und so wird
diese Szene das Präludium zu jener, in welcher das kleine Schauspiel
so große Wirkung auf den König tut. Hamlet fühlt sich durch den
Schauspieler beschämt, der an fremden, an fingierten Leiden so großen
Teil nimmt; und der Gedanke, auf ebendie Weise einen Versuch auf das
Gewissen seines Stiefvaters zu machen, wird dadurch bei ihm sogleich
erregt. Welch ein herrlicher Monolog ist's, der den zweiten Akt
schließt! Wie freue ich mich darauf, ihn zu rezitieren:
"Oh! welch ein Schurke, welch ein niedriger Sklave bin ich!--Ist es
nicht ungeheuer, daß dieser Schauspieler hier, nur durch Erdichtung,
durch einen Traum von Leidenschaft seine Seele so nach seinem Willen
zwingt, daß ihre Wirkung sein ganzes Gesicht entfärbt:--Tränen im Auge!
Verwirrung im Betragen! Gebrochene Stimme! Sein ganzes Wesen von
einem Gefühl durchdrungen! und das alles um nichts--um Hekuba!--Was
ist Hekuba für ihn oder er für Hekuba, daß er um sie weinen sollte?""
"Wenn wir nur unsern Mann auf das Theater bringen können!" sagte
Aurelie.
"Wir müssen", versetzte Serlo, "ihn nach und nach hineinführen. Bei
den Proben mag er die Stelle lesen, und wir sagen, daß wir einen
Schauspieler, der sie spielen soll, erwarten, und so sehen wir, wie
wir ihm näherkommen."
Nachdem sie darüber einig waren, wendete sich das Gespräch auf den
Geist. Wilhelm konnte sich nicht entschließen, die Rolle des lebenden
Königs dem Pedanten zu überlassen, damit der Polterer den Geist
spielen könne, und meinte vielmehr, daß man noch einige Zeit warten
sollte, indem sich doch noch einige Schauspieler gemeldet hätten und
sich unter ihnen der rechte Mann finden könnte.
Man kann sich daher denken, wie verwundert Wilhelm war, als er unter
der Adresse seines Theaternamens abends folgendes Billett mit
wunderbaren Zügen versiegelt auf seinem Tische fand:
"Du bist, o sonderbarer Jüngling, wir wissen es, in großer
Verlegenheit. Du findest kaum Menschen zu deinem "Hamlet", geschweige
Geister. Dein Eifer verdient ein Wunder; Wunder können wir nicht tun,
aber etwas Wunderbares soll geschehen. Hast du Vertrauen, so soll zur
rechten Stunde der Geist erscheinen! Habe Mut und bleibe gefaßt! Es
bedarf keiner Antwort; dein Entschluß wird uns bekannt werden."
Mit diesem seltsamen Blatte eilte er zu Serlo zurück, der es las und
wieder las und endlich mit bedenklicher Miene versicherte: die Sache
sei von Wichtigkeit; man müsse wohl überlegen, ob man es wagen dürfe
und könne. Sie sprachen vieles hin und wider; Aurelie war still und
lächelte von Zeit zu Zeit, und als nach einigen Tagen wieder davon die
Rede war, gab sie nicht undeutlich zu verstehen, daß sie es für einen
Scherz von Serlo halte. Sie bat Wilhelmen, völlig außer Sorge zu sein
und den Geist geduldig zu erwarten.
überhaupt war Serlo von dem besten Humor; denn die abgehenden
Schauspieler gaben sich alle mögliche Mühe, gut zu spielen, damit man
sie ja recht vermissen sollte, und von der Neugierde auf die neue
Gesellschaft konnte er auch die beste Einnahme erwarten.
Sogar hatte der Umgang Wilhelms auf ihn einigen Einfluß gehabt. Er
fing an, mehr über Kunst zu sprechen, denn er war am Ende doch ein
Deutscher, und diese Nation gibt sich gern Rechenschaft von dem, was
sie tut. Wilhelm schrieb sich manche solche Unterredung auf; und wir
werden, da die Erzählung hier nicht so oft unterbrochen werden darf,
denjenigen unsrer Leser, die sich dafür interessieren, solche
dramaturgische Versuche bei einer andern Gelegenheit vorlegen.
Besonders war Serlo eines Abends sehr lustig, als er von der Rolle des
Polonius sprach, wie er sie zu fassen gedachte. "Ich verspreche",
sagte er, "diesmal einen recht würdigen Mann zum besten zu geben; ich
werde die gehörige Ruhe und Sicherheit, Leerheit und Bedeutsamkeit,
Annehmlichkeit und geschmackloses Wesen, Freiheit und Aufpassen,
treuherzige Schalkheit und erlogene Wahrheit da, wo sie hingehören,
recht zierlich aufstellen. Ich will einen solchen grauen, redlichen,
ausdauernden, der Zeit dienenden Halbschelm aufs allerhöflichste
vorstellen und vortragen, und dazu sollen mir die etwas rohen und
groben Pinselstriche unsers Autors gute Dienste leisten. Ich will
reden wie ein Buch, wenn ich mich vorbereitet habe, und wie ein Tor,
wenn ich bei guter Laune bin. Ich werde abgeschmackt sein, um jedem
nach dem Maule zu reden, und immer so fein, es nicht zu merken, wenn
mich die Leute zum besten haben. Nicht leicht habe ich eine Rolle mit
solcher Lust und Schalkheit übernommen."
"Wenn ich nur auch von der meinigen soviel hoffen könnte", sagte
Aurelie. "Ich habe weder Jugend noch Weichheit genug, um mich in
diesen Charakter zu finden. Nur eins weiß ich leider: das Gefühl, das
Ophelien den Kopf verrückt, wird mich nicht verlassen."
"Wir wollen es ja nicht so genau nehmen", sagte Wilhelm; "denn
eigentlich hat mein Wunsch, den Hamlet zu spielen, mich bei allem
Studium des Stücks aufs äußerste irregeführt. Je mehr ich mich in die
Rolle studiere, desto mehr sehe ich, daß in meiner ganzen Gestalt kein
Zug der Physiognomie ist, wie Shakespeare seinen Hamlet aufstellt.
Wenn ich es recht überlege, wie genau in der Rolle alles zusammenhängt,
so getraue ich mir kaum, eine leidliche Wirkung hervorzubringen."
"Sie treten mit großer Gewissenhaftigkeit in Ihre Laufbahn", versetzte
Serlo. "Der Schauspieler schickt sich in die Rolle, wie er kann, und
die Rolle richtet sich nach ihm, wie sie muß. Wie hat aber
Shakespeare seinen Hamlet vorgezeichnet? Ist er Ihnen denn so ganz
unähnlich?"
"Zuvörderst ist Hamlet blond", erwiderte Wilhelm.
"Das heiß ich weit gesucht", sagte Aurelie. "Woher schließen Sie
das?"
"Als Däne, als Nordländer ist er blond von Hause aus und hat blaue
Augen."
"Sollte Shakespeare daran gedacht haben?"
"Bestimmt find ich es nicht ausgedrückt, aber in Verbindung mit andern
Stellen scheint es mir unwidersprechlich. Ihm wird das Fechten sauer,
der Schweiß läuft ihm vom Gesichte, und die Königin spricht: "Er ist
fett, laßt ihn zu Atem kommen." Kann man sich ihn da anders als blond
und wohlbehäglich vorstellen? Denn braune Leute sind in ihrer Jugend
selten in diesem Falle. Paßt nicht auch seine schwankende Melancholie,
seine weiche Trauer, seine tätige Unentschlossenheit besser zu einer
solchen Gestalt, als wenn Sie sich einen schlanken, braunlockigen
Jüngling denken, von dem man mehr Entschlossenheit und Behendigkeit
erwartet?"
"Sie verderben mir die Imagination", rief Aurelie, "weg mit Ihrem
fetten Hamlet! Stellen Sie uns ja nicht Ihren wohlbeleibten Prinzen
vor! Geben Sie uns lieber irgendein Quiproquo, das uns reizt, das uns
rührt. Die Intention des Autors liegt uns nicht so nahe als unser
Vergnügen, und wir verlangen einen Reiz, der uns homogen ist."
V. Buch, 7. Kapitel
Siebentes Kapitel
Einen Abend stritt die Gesellschaft, ob der Roman oder das Drama den
Vorzug verdiene. Serlo versicherte, es sei ein vergeblicher,
mißverstandener Streit; beide könnten in ihrer Art vortrefflich sein,
nur müßten sie sich in den Grenzen ihrer Gattung halten.
"Ich bin selbst noch nicht ganz im klaren darüber", versetzte Wilhelm.
"Wer ist es auch?" sagte Serlo, "und doch wäre es der Mühe wert, daß
man der Sache näherkäme."
Sie sprachen viel herüber und hinüber, und endlich war folgendes
ungefähr das Resultat ihrer Unterhaltung:
Im Roman wie im Drama sehen wir menschliche Natur und Handlung. Der
Unterschied beider Dichtungsarten liegt nicht bloß in der äußern Form,
nicht darin, daß die Personen in dem einen sprechen und daß in dem
andern gewöhnlich von ihnen erzählt wird. Leider viele Dramen sind
nur dialogierte Romane, und es wäre nicht unmöglich, ein Drama in
Briefen zu schreiben.
Im Roman sollen vorzüglich Gesinnungen und Begebenheiten vorgestellt
werden; im Drama Charaktere und Taten. Der Roman muß langsam gehen,
und die Gesinnungen der Hauptfigur müssen, es sei auf welche Weise es
wolle, das Vordringen des Ganzen zur Entwickelung aufhalten. Das
Drama soll eilen, und der Charakter der Hauptfigur muß sich nach dem
Ende drängen und nur aufgehalten werden. Der Romanheld muß leidend,
wenigstens nicht im hohen Grade wirkend sein; von dem dramatischen
verlangt man Wirkung und Tat. Grandison, Clarisse, Pamela, der
Landpriester von Wakefield, Tom Jones selbst sind, wo nicht leidende,
doch retardierende Personen, und alle Begebenheiten werden
gewissermaßen nach ihren Gesinnungen gemodelt. Im Drama modelt der
Held nichts nach sich, alles widersteht ihm, und er räumt und rückt
die Hindernisse aus dem Wege oder unterliegt ihnen.
So vereinigte man sich auch darüber, daß man dem Zufall im Roman gar
wohl sein Spiel erlauben könne; daß er aber immer durch die
Gesinnungen der Personen gelenkt und geleitet werden müsse; daß
hingegen das Schicksal, das die Menschen ohne ihr Zutun durch
unzusammenhängende äußere Umstände zu einer unvorgesehenen Katastrophe
hindrängt, nur im Drama statthabe; daß der Zufall wohl pathetische,
niemals aber tragische Situationen hervorbringen dürfe; das Schicksal
hingegen müsse immer fürchterlich sein und werde im höchsten Sinne
tragisch, wenn es schuldige und unschuldige, voneinander unabhängige
Taten in eine unglückliche Verknüpfung bringt.
Diese Betrachtungen führten wieder auf den wunderlichen "Hamlet" und
auf die Eigenheiten dieses Stücks. Der Held, sagte man, hat
eigentlich auch nur Gesinnungen; es sind nur Begebenheiten, die zu ihm
stoßen, und deswegen hat das Stück etwas von dem Gedehnten des Romans;
weil aber das Schicksal den Plan gezeichnet hat, weil das Stück von
einer fürchterlichen Tat ausgeht und der Held immer vorwärts zu einer
fürchterlichen Tat gedrängt wird, so ist es im höchsten Sinne tragisch
und leidet keinen andern als einen tragischen Ausgang.
Nun sollte Leseprobe gehalten werden, welche Wilhelm eigentlich als
ein Fest ansah. Er hatte die Rollen vorher kollationiert, daß also
von dieser Seite kein Anstoß sein konnte. Die sämtlichen Schauspieler
waren mit dem Stücke bekannt, und er suchte sie nur, ehe sie anfingen,
von der Wichtigkeit einer Leseprobe zu überzeugen. Wie man von jedem
Musikus verlange, daß er bis auf einen gewissen Grad vom Blatte
spielen könne, so solle auch jeder Schauspieler, ja jeder wohlerzogene
Mensch sich üben, vom Blatte zu lesen, einem Drama, einem Gedicht,
einer Erzählung sogleich ihren Charakter abzugewinnen und sie mit
Fertigkeit vorzutragen. Alles Memorieren helfe nichts, wenn der
Schauspieler nicht vorher in den Geist und Sinn des guten
Schriftstellers eingedrungen sei; der Buchstabe könne nichts wirken.
Serlo versicherte, daß er jeder andern Probe, ja der Hauptprobe
nachsehen wolle, sobald der Leseprobe ihr Recht widerfahren sei: "Denn
gewöhnlich", sagte er, "ist nichts lustiger, als wenn Schauspieler von
Studieren sprechen; es kommt mir ebenso vor, als wenn die Freimäurer
von Arbeiten reden."
Die Probe lief nach Wunsch ab, und man kann sagen, daß der Ruhm und
die gute Einnahme der Gesellschaft sich auf diese wenigen
wohlangewandten Stunden gründete.
"Sie haben wohlgetan, mein Freund", sagte Serlo, nachdem sie wieder
allein waren, "daß Sie unsern Mitarbeitern so ernstlich zusprachen,
wenn ich gleich fürchte, daß sie Ihre Wünsche schwerlich erfüllen
werden."
"Wieso?" versetzte Wilhelm.
"Ich habe gefunden", sagte Serlo, "daß, so leicht man der Menschen
Imagination in Bewegung setzen kann, so gern sie sich Märchen erzählen
lassen, ebenso selten ist es, eine Art von produktiver Imagination bei
ihnen zu finden. Bei den Schauspielern ist dieses sehr auffallend.
Jeder ist sehr wohl zufrieden, eine schöne, lobenswürdige, brillante
Rolle zu übernehmen; selten aber tut einer mehr, als sich mit
Selbstgefälligkeit an die Stelle des Helden setzen, ohne sich im
mindesten zu bekümmern, ob ihn auch jemand dafür halten werde. Aber
mit Lebhaftigkeit zu umfassen, was sich der Autor beim Stück gedacht
hat, was man von seiner Individualität hingeben müsse, um einer Rolle
genugzutun, wie man durch eigene überzeugung, man sei ein ganz anderer
Mensch, den Zuschauer gleichfalls zur überzeugung hinreiße, wie man
durch eine innere Wahrheit der Darstellungskraft diese Bretter in
Tempel, diese Pappen in Wälder verwandelt, ist wenigen gegeben. Diese
innere Stärke des Geistes, wodurch ganz allein der Zuschauer getäuscht
wird, diese erlogene Wahrheit, die ganz allein Wirkung hervorbringt,
wodurch ganz allein die Illusion erzielt wird, wer hat davon einen
Begriff?
Lassen Sie uns daher ja nicht zu sehr auf Geist und Empfindung dringen!
Das sicherste Mittel ist, wenn wir unsern Freunden mit Gelassenheit
zuerst den Sinn des Buchstabens erklären und ihnen den Verstand
eröffnen. Wer Anlage hat, eilt alsdann selbst dem geistreichen und
empfindungsvollen Ausdrucke entgegen; und wer sie nicht hat, wird
wenigstens niemals ganz falsch spielen und rezitieren. Ich habe aber
bei Schauspielern, so wie überhaupt, keine schlimmere Anmaßung
gefunden, als wenn jemand Ansprüche an Geist macht, solange ihm der
Buchstabe noch nicht deutlich und geläufig ist."
V. Buch, 8. Kapitel
Achtes Kapitel
Wilhelm kam zur ersten Theaterprobe sehr zeitig und fand sich auf den
Brettern allein. Das Lokal überraschte ihn und gab ihm die
wunderbarsten Erinnerungen. Die Wald- und Dorfdekoration stand genau
so wie auf der Bühne seiner Vaterstadt auch bei einer Probe, als ihm
an jenem Morgen Mariane lebhaft ihre Liebe bekannte und ihm die erste
glückliche Nacht zusagte. Die Bauernhäuser glichen sich auf dem
Theater wie auf dem Lande; die wahre Morgensonne beschien, durch einen
halb offenen Fensterladen hereinfallend, einen Teil der Bank, die
neben der Türe schlecht befestigt war; nur leider schien sie nicht wie
damals auf Marianens Schoß und Busen. Er setzte sich nieder, dachte
dieser wunderbaren übereinstimmung nach und glaubte zu ahnen, daß er
sie vielleicht auf diesem Platze bald wiedersehen werde. Ach, und es
war weiter nichts, als daß ein Nachspiel, zu welchem diese Dekoration
gehörte, damals auf dem deutschen Theater sehr oft gegeben wurde.
In diesen Betrachtungen störten ihn die übrigen ankommenden
Schauspieler, mit denen zugleich zwei Theater- und Garderobenfreunde
hereintreten und Wilhelmen mit Enthusiasmus begrüßten. Der eine war
gewissermaßen an Madame Melina attachiert; der andere aber ein ganz
reiner Freund der Schauspielkunst und beide von der Art, wie sich jede
gute Gesellschaft Freunde wünschen sollte. Man wußte nicht zu sagen,
ob sie das Theater mehr kannten oder liebten. Sie liebten es zu sehr,
um es recht zu kennen; sie kannten es genug, um das Gute zu schätzen
und das Schlechte zu verbannen. Aber bei ihrer Neigung war ihnen das
Mittelmäßige nicht unerträglich, und der herrliche Genuß, mit dem sie
das Gute vor und nach kosteten, war über allen Ausdruck. Das
Mechanische machte ihnen Freude, das Geistige entzückte sie, und ihre
Neigung war so groß, daß auch eine zerstückelte Probe sie in eine Art
von Illusion versetzte. Die Mängel schienen ihnen jederzeit in die
Ferne zu treten, das Gute berührte sie wie ein naher Gegenstand. Kurz,
sie waren Liebhaber, wie sie sich der Künstler in seinem Fache
wünscht. Ihre liebste Wanderung war von den Kulissen ins Parterre,
vom Parterre in die Kulissen, ihr angenehmster Aufenthalt in der
Garderobe, ihre emsigste Beschäftigung, an der Stellung, Kleidung,
Rezitation und Deklamation der Schauspieler etwas zuzustutzen, ihr
lebhaftestes Gespräch über den Effekt, den man hervorgebracht hatte,
und ihre beständigste Bemühung, den Schauspieler aufmerksam, tätig und
genau zu erhalten, ihm etwas zugute oder zuliebe zu tun und ohne
Verschwendung der Gesellschaft manchen Genuß zu verschaffen. Sie
hatten sich beide das ausschließliche Recht verschafft, bei Proben und
Aufführungen auf dem Theater zu erscheinen. Sie waren, was die
Aufführung "Hamlets" betraf, mit Wilhelmen nicht bei allen Stellen
einig; hie und da gab er nach, meistens aber behauptete er seine
Meinung, und im ganzen diente diese Unterhaltung sehr zur Bildung
seines Geschmacks. Er ließ die beiden Freunde sehen, wie sehr er sie
schätze, und sie dagegen weissagten nichts weniger von diesen
vereinten Bemühungen als eine neue Epoche fürs deutsche Theater.
Die Gegenwart dieser beiden Männer war bei den Proben sehr nützlich.
Besonders überzeugten sie unsre Schauspieler, daß man bei der Probe
Stellung und Aktion, wie man sie bei der Aufführung zu zeigen gedenke,
immerfort mit der Rede verbinden und alles zusammen durch Gewohnheit
mechanisch vereinigen müsse. Besonders mit den Händen solle man ja
bei der Probe einer Tragödie keine gemeine Bewegung vornehmen; ein
tragischer Schauspieler, der in der Probe Tabak schnupft, mache sie
immer bange: denn höchstwahrscheinlich werde er an einer solchen
Stelle bei der Aufführung die Prise vermissen. Ja sie hielten dafür,
daß niemand in Stiefeln probieren solle, wenn die Rolle in Schuhen zu
spielen sei. Nichts aber, versicherten sie, schmerze sie mehr, als
wenn die Frauenzimmer in den Proben ihre Hände in die Rockfalten
versteckten.
Außerdem ward durch das Zureden dieser Männer noch etwas sehr Gutes
bewirkt, daß nämlich alle Mannspersonen exerzieren lernten. "Da so
viele Militärrollen vorkommen", sagten sie, "sieht nichts betrübter
aus, als Menschen, die nicht die mindeste Dressur zeigen, in
Hauptmanns- und Majorsuniform auf dem Theater herumschwanken zu sehen."
Wilhelm und Laertes waren die ersten, die sich der Pädagogik eines
Unteroffiziers unterwarfen, und setzten dabei ihre Fechtübungen mit
großer Anstrengung fort.
So viel Mühe gaben sich beide Männer mit der Ausbildung einer
Gesellschaft, die sich so glücklich zusammengefunden hatte. Sie
sorgten für die künftige Zufriedenheit des Publikums, indes sich
dieses über ihre entschiedene Liebhaberei gelegentlich aufhielt. Man
wußte nicht, wieviel Ursache man hatte, ihnen dankbar zu sein,
besonders da sie nicht versäumten, den Schauspielern oft den
Hauptpunkt einzuschärfen, daß es nämlich ihre Pflicht sei, laut und
vernehmlich zu sprechen. Sie fanden hierbei mehr Widerstand und
Unwillen, als sie anfangs gedacht hatten. Die meisten wollten so
gehört sein, wie sie sprachen, und wenige bemühten sich, so zu
sprechen, daß man sie hören könnte. Einige schoben den Fehler aufs
Gebäude, andere sagten, man könne doch nicht schreien, wenn man
natürlich, heimlich oder zärtlich zu sprechen habe.
Unsre Theaterfreunde, die eine unsägliche Geduld hatten, suchten auf
alle Weise diese Verwirrung zu lösen, diesem Eigensinne beizukommen.
Sie sparten weder Gründe noch Schmeicheleien und erreichten zuletzt
doch ihren Endzweck, wobei ihnen das gute Beispiel Wilhelms besonders
zustatten kam. Er bat sich aus, daß sie sich bei den Proben in die
entferntesten Ecken setzen und, sobald sie ihn nicht vollkommen
verstanden, mit dem Schlüssel auf die Bank pochen möchten. Er
artikulierte gut, sprach gemäßigt aus, steigerte den Ton stufenweise
und überschrie sich nicht in den heftigsten Stellen. Die pochenden
Schlüssel hörte man bei jeder Probe weniger; nach und nach ließen sich
die andern dieselbe Operation gefallen, und man konnte hoffen, daß das
Stück endlich in allen Winkeln des Hauses von jedermann würde
verstanden werden.
Man sieht aus diesem Beispiel, wie gern die Menschen ihren Zweck nur
auf ihre eigene Weise erreichen möchten, wieviel Not man hat, ihnen
begreiflich zu machen, was sich eigentlich von selbst versteht, und
wie schwer es ist, denjenigen, der etwas zu leisten wünscht, zur
Erkenntnis der ersten Bedingungen zu bringen, unter denen sein
Vorhaben allein möglich wird.
V. Buch, 9. Kapitel
Neuntes Kapitel
Man fuhr nun fort, die nötigen Anstalten zu Dekorationen und Kleidern,
und was sonst erforderlich war, zu machen. über einige Szenen und
Stellen hatte Wilhelm besondere Grillen, denen Serlo nachgab, teils in
Rücksicht auf den Kontrakt, teils aus überzeugung und weil er hoffte,
Wilhelmen durch diese Gefälligkeit zu gewinnen und in der Folge desto
mehr nach seinen Absichten zu lenken.
So sollte zum Beispiel König und Königin bei der ersten Audienz auf
dem Throne sitzend erscheinen, die Hofleute an den Seiten und Hamlet
unbedeutend unter ihnen stehen. "Hamlet", sagte er, "muß sich ruhig
verhalten; seine schwarze Kleidung unterscheidet ihn schon genug. Er
muß sich eher verbergen als zum Vorschein kommen. Nur dann, wenn die
Audienz geendigt ist, wenn der König mit ihm als Sohn spricht, dann
mag er herbeitreten und die Szene ihren Gang gehen."
Noch eine Hauptschwierigkeit machten die beiden Gemälde, auf die sich
Hamlet in der Szene mit seiner Mutter so heftig bezieht. "Mir sollen",
sagte Wilhelm, "in Lebensgröße beide im Grunde des Zimmers neben der
Haupttüre sichtbar sein, und zwar muß der alte König in völliger
Rüstung, wie der Geist, auf ebender Seite hängen, wo dieser
hervortritt. Ich wünsche, daß die Figur mit der rechten Hand eine
befehlende Stellung annehme, etwas gewandt sei und gleichsam über die
Schulter sehe, damit sie dem Geiste völlig gleiche in dem Augenblicke,
da dieser zur Türe hinausgeht. Es wird eine sehr große Wirkung tun,
wenn in diesem Augenblick Hamlet nach dem Geiste und die Königin nach
dem Bilde sieht. Der Stiefvater mag dann im königlichen Ornat, doch
unscheinbarer als jener, vorgestellt werden."
So gab es noch verschiedene Punkte, von denen wir zu sprechen
vielleicht Gelegenheit haben.
"Sind Sie auch unerbittlich, daß Hamlet am Ende sterben muß?" fragte
Serlo.
"Wie kann ich ihn am Leben erhalten", sagte Wilhelm, "da ihn das ganze
Stück zu Tode drückt? Wir haben ja schon so weitläufig darüber
gesprochen."
"Aber das Publikum wünscht ihn lebendig.'
"Ich will ihm gern jeden andern Gefallen tun, nur diesmal ist's
unmöglich. Wir wünschen auch, daß ein braver, nützlicher Mann, der an
einer chronischen Krankheit stirbt, noch länger leben möge. Die
Familie weint und beschwört den Arzt, der ihn nicht halten kann: und
sowenig als dieser einer Naturnotwendigkeit zu widerstehen vermag,
sowenig können wir einer anerkannten Kunstnotwendigkeit gebieten. Es
ist eine falsche Nachgiebigkeit gegen die Menge, wenn man ihnen die
Empfindungen erregt, die sie haben wollen, und nicht, die sie haben
sollen."
"Wer das Geld bringt, kann die Ware nach seinem Sinne verlangen."
"Gewissermaßen; aber ein großes Publikum verdient, daß man es achte,
daß man es nicht wie Kinder, denen man das Geld abnehmen will,
behandle. Man bringe ihm nach und nach durch das Gute Gefühl und
Geschmack für das Gute bei, und es wird sein Geld mit doppeltem
Vergnügen einlegen, weil ihm der Verstand, ja die Vernunft selbst bei
dieser Ausgabe nichts vorzuwerfen hat. Man kann ihm schmeicheln wie
einem geliebten Kinde, schmeicheln, um es zu bessern, um es künftig
aufzuklären; nicht wie einem Vornehmen und Reichen, um den Irrtum, den
man nutzt, zu verewigen."
So handelten sie noch manches ab, das sich besonders auf die Frage
bezog: was man noch etwa an dem Stücke verändern dürfe und was
unberührt bleiben müsse. Wir lassen uns hierauf nicht weiter ein,
sondern legen vielleicht künftig die neue Bearbeitung "Hamlets" selbst
demjenigen Teile unsrer Leser vor, der sich etwa dafür interessieren
könnte.
V. Buch, 10. Kapitel
Zehntes Kapitel
Die Hauptprobe war vorbei; sie hatte übermäßig lange gedauert. Serlo
und Wilhelm fanden noch manches zu besorgen: denn ungeachtet der
vielen Zeit, die man zur Vorbereitung verwendet hatte, waren doch sehr
notwendige Anstalten bis auf den letzten Augenblick verschoben worden.
So waren zum Beispiel die Gemälde der beiden Könige noch nicht fertig,
und die Szene zwischen Hamlet und seiner Mutter, von der man einen so
großen Effekt hoffte, sah noch sehr mager aus, indem weder der Geist
noch sein gemaltes Ebenbild dabei gegenwärtig war. Serlo scherzte bei
dieser Gelegenheit und sagte: "Wir wären doch im Grunde recht übel
angeführt, wenn der Geist ausbliebe, die Wache wirklich mit der Luft
fechten und unser Souffleur aus der Kulisse den Vortrag des Geistes
supplieren müßte."
"Wir wollen den wunderbaren Freund nicht durch unsern Unglauben
verscheuchen", versetzte Wilhelm; "er kommt gewiß zur rechten Zeit und
wird uns so gut als die Zuschauer überraschen."
"Gewiß", rief Serlo, "ich werde froh sein, wenn das Stück morgen
gegeben ist: es macht uns mehr Umstände, als ich geglaubt habe."
"Aber niemand in der Welt wird froher sein als ich, wenn das Stück
morgen gespielt ist", versetzte Philine, "sowenig mich meine Rolle
drückt. Denn immer und ewig von einer Sache reden zu hören, wobei
doch nichts weiter herauskommt als eine Repräsentation, die, wie so
viele hundert andere, vergessen werden wird, dazu will meine Geduld
nicht hinreichen. Macht doch in Gottes Namen nicht soviel Umstände!
Die Gäste, die vom Tische aufstehen, haben nachher an jedem Gerichte
was auszusetzen; ja wenn man sie zu Hause reden hört, so ist es ihnen
kaum begreiflich, wie sie eine solche Not haben ausstehen können."
"Lassen Sie mich Ihr Gleichnis zu meinem Vorteile brauchen, schönes
Kind", versetzte Wilhelm. "Bedenken Sie, was Natur und Kunst, was
Handel, Gewerke und Gewerbe zusammen schaffen müssen, bis ein Gastmahl
gegeben werden kann. Wieviel Jahre muß der Hirsch im Walde, der Fisch
im Fluß oder Meere zubringen, bis er unsre Tafel zu besetzen würdig
ist, und was hat die Hausfrau, die Köchin nicht alles in der Küche zu
tun! Mit welcher Nachlässigkeit schlürft man die Sorge des
entferntesten Winzers, des Schiffers, des Kellermeisters beim
Nachtische hinunter, als müsse es nur so sein. Und sollten deswegen
alle diese Menschen nicht arbeiten, nicht schaffen und bereiten,
sollte der Hausherr das alles nicht sorgfältig zusammenbringen und
zusammenhalten, weil am Ende der Genuß nur vorübergehend ist? Aber
kein Genuß ist vorübergehend: denn der Eindruck, den er zurückläßt,
ist bleibend, und was man mit Fleiß und Anstrengung tut, teilt dem
Zuschauer selbst eine verborgene Kraft mit, von der man nicht wissen
kann, wie weit sie wirkt."
"Mir ist alles einerlei", versetzte Philine, "nur muß ich auch diesmal
erfahren, daß Männer immer im Widerspruch mit sich selbst sind. Bei
all eurer Gewissenhaftigkeit, den großen Autor nicht verstümmeln zu
wollen, laßt ihr doch den schönsten Gedanken aus dem Stücke."
"Den schönsten?" rief Wilhelm.
"Gewiß den schönsten, auf den sich Hamlet selbst was zugute tut."
"Und der wäre?" rief Serlo.
"Wenn Sie eine Perücke aufhätten", versetzte Philine, "würde ich sie
Ihnen ganz säuberlich abnehmen: denn es scheint nötig, daß man Ihnen
das Verständnis eröffne."
Die andern dachten nach, und die Unterhaltung stockte. Man war
aufgestanden, es war schon spät, man schien auseinandergehen zu wollen.
Als man so unentschlossen dastand, fing Philine ein Liedchen, auf
eine sehr zierliche und gefällige Melodie, zu singen an:
Singet nicht in Trauertönen
Von der Einsamkeit der Nacht;
Nein, sie ist, o holde Schönen,
Zur Geselligkeit gemacht.
Wie das Weib dem Mann gegeben
Als die schönste Hälfte war,
Ist die Nacht das halbe Leben,
Und die schönste Hälfte zwar.
Könnt ihr euch des Tages freuen,
Der nur Freuden unterbricht?
Er ist gut, sich zu zerstreuen;
Zu was anderm taugt er nicht.
Aber wenn in nächt'ger Stunde
Süßer Lampe Dämmrung fließt
Und vom Mund zum nahen Munde
Scherz und Liebe sich ergießt;
Wenn der rasche, lose Knabe,
Der sonst wild und feurig eilt,
Oft bei einer kleinen Gabe
Unter leichten Spielen weilt;
Wenn die Nachtigall Verliebten
Liebevoll ein Liedchen singt,
Das Gefangnen und Betrübten
Nur wie Ach und Wehe klingt:
Mit wie leichtem Herzensregen
Horchet ihr der Glocke nicht,
Die mit zwölf bedächt'gen Schlägen
Ruh und Sicherheit verspricht!
Darum an dem langen Tage
Merke dir es, liebe Brust:
Jeder Tag hat seine Plage,
Und die Nacht hat ihre Lust.
Sie machte eine leichte Verbeugung, als sie geendigt hatte, und Serlo
rief ihr ein lautes Bravo zu. Sie sprang zur Tür hinaus und eilte mit
Gelächter fort. Man hörte sie die Treppe hinunter singen und mit den
Absätzen klappern.
Serlo ging in das Seitenzimmer, und Aurelie blieb vor Wilhelmen, der
ihr eine gute Nacht wünschte, noch einige Augenblicke stehen und sagte.
"Wie sie mir zuwider ist! recht meinem innern Wesen zuwider! bis auf
die kleinsten Zufälligkeiten. Die rechte braune Augenwimper bei den
blonden Haaren, die der Bruder so reizend findet, mag ich gar nicht
ansehn, und die Schramme auf der Stirne hat mir so was Widriges, so
was Niedriges, daß ich immer zehn Schritte von ihr zurücktreten möchte.
Sie erzählte neulich als einen Scherz, ihr Vater habe ihr in ihrer
Kindheit einen Teller an den Kopf geworfen, davon sie noch das Zeichen
trage. Wohl ist sie recht an Augen und Stirne gezeichnet, daß man
sich vor ihr hüten möge."
Wilhelm antwortete nichts, und Aurelie schien mit mehr Unwillen
fortzufahren:
"Es ist mir beinahe unmöglich, ein freundliches, höfliches Wort mit
ihr zu reden, so sehr hasse ich sie, und doch ist sie so anschmiegend.
Ich wollte, wir wären sie los. Auch Sie, mein Freund, haben eine
gewisse Gefälligkeit gegen dieses Geschöpf, ein Betragen, das mich in
der Seele kränkt, eine Aufmerksamkeit, die an Achtung grenzt und die
sie, bei Gott, nicht verdiente"
"Wie sie ist, bin ich ihr Dank schuldig", versetzte Wilhelm; "ihre
Aufführung ist zu tadeln; ihrem Charakter muß ich Gerechtigkeit
widerfahren lassen."
"Charakter!" rief Aurelie, "glauben Sie, daß so eine Kreatur einen
Charakter hat? O ihr Männer, daran erkenne ich euch! Solcher Frauen
seid ihr wert!"
"Sollten Sie mich in Verdacht haben, meine Freundin?" versetzte
Wilhelm. "Ich will von jeder Minute Rechenschaft geben, die ich mit
ihr zugebracht habe."
"Nun, nun", sagte Aurelie, "es ist spät, wir wollen nicht streiten.
Alle wie einer, einer wie alle! Gute Nacht, mein Freund! gute Nacht,
mein feiner Paradiesvogel!"
Wilhelm fragte, wie er zu diesem Ehrentitel komme.
"Ein andermal", versetzte Aurelie, "ein andermal. Man sagt, sie
hätten keine Füße, sie schwebten in der Luft und nährten sich vom
äther. Es ist aber ein Märchen", fuhr sie fort, "eine poetische
Fiktion. Gute Nacht, laßt Euch was Schönes träumen, wenn Ihr Glück
habt."
Sie ging in ihr Zimmer und ließ ihn allein; er eilte auf das seinige.
Halb unwillig ging er auf und nieder. Der scherzende, aber
entschiedne Ton Aureliens hatte ihn beleidigt: er fühlte tief, wie
unrecht sie ihm tat. Philine konnte er nicht widrig, nicht unhold
begegnen; sie hatte nichts gegen ihn verbrochen, und dann fühlte er
sich so fern von jeder Neigung zu ihr, daß er recht stolz und
standhaft vor sich selbst bestehen konnte.
Eben war er im Begriffe, sich auszuziehen, nach seinem Lager zu gehen
und die Vorhänge aufzuschlagen, als er zu seiner größten Verwunderung
ein Paar Frauenpantoffeln vor dem Bett erblickte; der eine stand, der
andere lag.--Es waren Philinens Pantoffeln, die er nur zu gut erkannte;
er glaubte auch eine Unordnung an den Vorhängen zu sehen, ja es
schien, als bewegten sie sich; er stand und sah mit unverwandten Augen
hin.
Eine neue Gemütsbewegung, die er für Verdruß hielt, versetzte ihm den
Atem; und nach einer kurzen Pause, in der er sich erholt hatte, rief
er gefaßt:
"Stehen Sie auf, Philine! Was soll das heißen? Wo ist Ihre Klugheit,
Ihr gutes Betragen? Sollen wir morgen das Märchen des Hauses werden?"
Es rührte sich nichts.
"Ich scherze nicht", fuhr er fort, "diese Neckereien sind bei mir übel
angewandt."
Kein Laut! Keine Bewegung!
Entschlossen und unmutig ging er endlich auf das Bette zu und riß die
Vorhänge voneinander. "Stehen Sie auf", sagte er, "wenn ich Ihnen
nicht das Zimmer diese Nacht überlassen soll."
Mit großem Erstaunen fand er sein Bette leer, die Kissen und Decken in
schönsten Ruhe. Er sah sich um, suchte nach, suchte alles durch und
fand keine Spur von dem Schalk. Hinter dem Bette, dem Ofen, den
Schränken war nichts zu sehen; er suchte emsiger und emsiger; ja ein
boshafter Zuschauer hätte glauben mögen, er suche, um zu finden.
Kein Schlaf stellte sich ein; er setzte die Pantoffeln auf seinen
Tisch, ging auf und nieder, blieb manchmal bei dem Tische stehen, und
ein schelmischer Genius, der ihn belauschte, will versichern: er habe
sich einen großen Teil der Nacht mit den allerliebsten Stelzchen
beschäftigt; er habe sie mit einem gewissen Interesse angesehen,
behandelt, damit gespielt und sich erst gegen Morgen in seinen
Kleidern aufs Bette geworfen, wo er unter den seltsamsten Phantasien
einschlummerte.
Und wirklich schlief er noch, als Serlo hereintrat und rief "Wo sind
Sie? Noch im Bette? Unmöglich! Ich suchte Sie auf dem Theater, wo
noch so mancherlei zu tun ist."
V. Buch, 11. Kapitel
Eilftes Kapitel
Vor- und Nachmittag verflossen eilig. Das Haus war schon voll, und
Wilhelm eilte, sich anzuziehen. Nicht mit der Behaglichkeit, mit der
er die Maske zum erstenmal anprobierte, konnte er sie gegenwärtig
anlegen; er zog sich an, um fertig zu werden. Als er zu den Frauen
ins Versammlungszimmer kam, beriefen sie ihn einstimmig, daß nichts
recht sitze; der schöne Federbusch sei verschoben, die Schnalle passe
nicht; man fing wieder an, aufzutrennen, zu nähen, zusammenzustecken.
Die Symphonie ging an, Philine hatte etwas gegen die Krause
einzuwenden, Aurelie viel an dem Mantel auszusetzen. "Laßt mich, ihr
Kinder!" rief er, "diese Nachlässigkeit wird mich erst recht zum
Hamlet machen." Die Frauen ließen ihn nicht los und fuhren fort zu
putzen. Die Symphonie hatte aufgehört, und das Stück war angegangen.
Er besah sich im Spiegel, drückte den Hut tiefer ins Gesicht und
erneuerte die Schminke.
In diesem Augenblick stürzte jemand herein und rief: "Der Geist! der
Geist!"
Wilhelm hatte den ganzen Tag nicht Zeit gehabt, an die Hauptsorge zu
denken, ob der Geist auch kommen werde. Nun war sie ganz weggenommen,
und man hatte die wunderlichste Gastrolle zu erwarten. Der
Theatermeister kam und fragte über dieses und jenes; Wilhelm hatte
nicht Zeit, sich nach dem Gespenst umzusehen, und eilte nur, sich am
Throne einzufinden, wo König und Königin schon von ihrem Hofe umgeben
in aller Herrlichkeit glänzten; er hörte nur noch die letzten Worte
des Horatio, der über die Erscheinung des Geistes ganz verwirrt sprach
und fast seine Rolle vergessen zu haben schien.
Der Zwischenvorhang ging in die Höhe, und er sah das volle Haus vor
sich. Nachdem Horatio seine Rede gehalten und vom Könige abgefertigt
war, drängte er sich an Hamlet, und als ob er sich ihm, dem Prinzen,
präsentiere, sagte er: "Der Teufel steckt in dem Harnische! Er hat
uns alle in Furcht gejagt."
In der Zwischenzeit sah man nur zwei große Männer in weißen Mänteln
und Kapuzen in den Kulissen stehen, und Wilhelm, dem in der
Zerstreuung, Unruhe und Verlegenheit der erste Monolog, wie er glaubte,
mißglückt war, trat, ob ihn gleich ein lebhafter Beifall beim Abgehen
begleitete, in der schauerlichen dramatischen Winternacht wirklich
recht unbehaglich auf. Doch nahm er sich zusammen und sprach die so
zweckmäßig angebrachte Stelle über das Schmausen und Trinken der
Nordländer mit der gehörigen Gleichgültigkeit, vergaß, so wie die
Zuschauer, darüber des Geistes und erschrak wirklich, als Horatio
ausrief: "Seht her, es kommt!" Er fuhr mit Heftigkeit herum, und die
edle, große Gestalt, der leise, unhörbare Tritt, die leichte Bewegung
in der schwer scheinenden Rüstung machten einen so starken Eindruck
auf ihn, daß er wie versteinert dastand und nur mit halber Stimme:
"Ihr Engel und himmlischen Geister, beschützt uns!" ausrufen konnte.
Er starrte ihn an, holte einigemal Atem und brachte die Anrede an den
Geist so verwirrt, zerstückt und gezwungen vor, daß die größte Kunst
sie nicht so trefflich hätte ausdrücken können.
Seine übersetzung dieser Stelle kam ihm sehr zustatten. Er hatte sich
nahe an das Original gehalten, dessen Wortstellung ihm die Verfassung
eines überraschten, erschreckten, von Entsetzen ergriffenen Gemüts
einzig auszudrücken schien.
"Sei du ein guter Geist, sei ein verdammter Kobold, bringe Düfte des
Himmels mit dir oder Dämpfe der Hölle, sei Gutes oder Böses dein
Beginnen, du kommst in einer so würdigen Gestalt, ja ich rede mit dir,
ich nenne dich Hamlet, König, Vater, o antworte mir!"-Man spürte im
Publiko die größte Wirkung. Der Geist winkte, der Prinz folgte ihm
unter dem lautesten Beifall.
Das Theater verwandelte sich, und als sie auf den entfernten Platz
kamen, hielt der Geist unvermutet inne und wandte sich um; dadurch kam
ihm Hamlet etwas zu nahe zu stehen. Mit Verlangen und Neugierde sah
Wilhelm sogleich zwischen das niedergelassene Visier hinein, konnte
aber nur tiefliegende Augen neben einer wohlgebildeten Nase erblicken.
Furchtsam ausspähend stand er vor ihm; allein als die ersten Töne aus
dem Helme hervordrangen, als eine wohlklingende, nur ein wenig rauhe
Stimme sich in den Worten hören ließ: "Ich bin der Geist deines
Vaters", trat Wilhelm einige Schritte schaudernd zurück, und das ganze
Publikum schauderte. Die Stimme schien jedermann bekannt, und Wilhelm
glaubte eine ähnlichkeit mit der Stimme seines Vaters zu bemerken.
Diese wunderbaren Empfindungen und Erinnerungen, die Neugierde, den
seltsamen Freund zu entdecken, und die Sorge, ihn zu beleidigen,
selbst die Unschicklichkeit, ihm als Schauspieler in dieser Situation
zu nahe zu treten, bewegten Wilhelmen nach entgegengesetzten Seiten.
Er veränderte während der langen Erzählung des Geistes seine Stellung
so oft, schien so unbestimmt und verlegen, so aufmerksam und so
zerstreut, daß sein Spiel eine allgemeine Bewunderung so wie der Geist
ein allgemeines Entsetzen erregte. Dieser sprach mehr mit einem
tiefen Gefühl des Verdrusses als des Jammers, aber eines geistigen,
langsamen und unübersehlichen Verdrusses. Es war der Mißmut einer
großen Seele, die von allem Irdischen getrennt ist und doch
unendlichen Leiden unterliegt. Zuletzt versank der Geist, aber auf
eine sonderbare Art: denn ein leichter, grauer, durchsichtiger Flor,
der wie ein Dampf aus der Versenkung zu steigen schien, legte sich
über ihn weg und zog sich mit ihm hinunter.
Nun kamen Hamlets Freunde zurück und schwuren auf das Schwert. Da war
der alte Maulwurf so geschäftig unter der Erde, daß er ihnen, wo sie
auch stehen mochten, immer unter den Füßen rief: "Schwört!" und sie,
als ob der Boden unter ihnen brennte, schnell von einem Ort zum andern
eilten. Auch erschien da, wo sie standen, jedesmal eine kleine Flamme
aus dem Boden, vermehrte die Wirkung und hinterließ bei allen
Zuschauern den tiefsten Eindruck.
Nun ging das Stück unaufhaltsam seinen Gang fort, nichts mißglückte,
alles geriet; das Publikum bezeigte seine Zufriedenheit; die Lust und
der Mut der Schauspieler schien mit jeder Szene zuzunehmen.
V. Buch, 12. Kapitel
Zwölftes Kapitel
Der Vorhang fiel, und der lebhafteste Beifall erscholl aus allen Ecken
und Enden. Die vier fürstlichen Leichen sprangen behend in die Höhe
und umarmten sich vor Freuden. Polonius und Ophelia kamen auch aus
ihren Gräbern hervor und hörten noch mit lebhaftem Vergnügen, wie
Horatio, als er zum Ankündigen heraustrat, auf das heftigste
beklatscht wurde. Man wollte ihn zu keiner Anzeige eines andern
Stücks lassen, sondern begehrte mit Ungestüm die Wiederholung des
heutigen.
"Nun haben wir gewonnen", rief Serlo, "aber auch heute abend kein
vernünftig Wort mehr! Alles kommt auf den ersten Eindruck an. Man
soll ja keinem Schauspieler übelnehmen, wenn er bei seinen Debüts
vorsichtig und eigensinnig ist."
Der Kassier kam und überreichte ihm eine schwere Kasse. "Wir haben
gut debütiert", rief er aus, "und das Vorurteil wird uns zustatten
kommen. Wo ist denn nun das versprochene Abendessen? Wir dürfen es
uns heute schmecken lassen."
Sie hatten ausgemacht, daß sie in ihren Theaterkleidern beisammen
bleiben und sich selbst ein Fest feiern wollten. Wilhelm hatte
unternommen, das Lokal, und Madame Melina, das Essen zu besorgen.
Ein Zimmer, worin man sonst zu malen pflegte, war aufs beste gesäubert,
mit allerlei kleinen Dekorationen umstellt und so herausgeputzt
worden, daß es halb einem Garten, halb einem Säulengange ähnlich sah.
Beim Hereintreten wurde die Gesellschaft von dem Glanz vieler Lichter
geblendet, die einen feierlichen Schein durch den Dampf des süßesten
Räucherwerks, das man nicht gespart hatte, über eine wohl geschmückte
und bestellte Tafel verbreiteten. Mit Ausrufungen tobte man die
Anstalten und nahm wirklich mit Anstand Platz; es schien, als wenn
eine königliche Familie im Geisterreiche zusammenkäme. Wilhelm saß
zwischen Aurelien und Madame Melina; Serlo zwischen Philinen und
Elmiren; niemand war mit sich selbst noch mit seinem Platze
unzufrieden.
Die beiden Theaterfreunde, die sich gleichfalls eingefunden hatten,
vermehrten das Glück der Gesellschaft. Sie waren einigemal während
der Vorstellung auf die Bühne gekommen und konnten nicht genug von
ihrer eignen und von des Publikums Zufriedenheit sprechen; nunmehr
ging's aber ans Besondere; jedes ward für seinen Teil reichlich
belohnt.
Mit einer unglaublichen Lebhaftigkeit ward ein Verdienst nach dem
andern, eine Stelle nach der andern herausgehoben. Dem Souffleur, der
bescheiden am Ende der Tafel saß, ward ein großes Lob über seinen
rauhen Pyrrhus; die Fechtübung Hamlets und Laertes' konnte man nicht
genug erheben; Opheliens Trauer war über allen Ausdruck schön und
erhaben; von Polonius' Spiel durfte man gar nicht sprechen; jeder
Gegenwärtige hörte sein Lob in dem andern und durch ihn.
Aber auch der abwesende Geist nahm seinen Teil Lob und Bewunderung
hinweg. Er hatte die Rolle mit einem sehr glücklichen Organ und in
einem großen Sinne gesprochen, und man wunderte sich am meisten, daß
er von allem, was bei der Gesellschaft vorgegangen war, unterrichtet
schien. Er glich völlig dem gemalten Bilde, als wenn er dem Künstler
gestanden hätte, und die Theaterfreunde konnten nicht genug rühmen,
wie schauerlich es ausgesehen habe, als er unfern von dem Gemälde
hervorgetreten und vor seinem Ebenbilde vorbeigeschritten sei.
Wahrheit und Irrtum habe sich dabei so sonderbar vermischt, und man
habe wirklich sich überzeugt, daß die Königin die eine Gestalt nicht
sehe. Madame Melina ward bei dieser Gelegenheit sehr gelobt, daß sie
bei dieser Stelle in die Höhe nach dem Bilde gestarrt, indes Hamlet
nieder auf den Geist gewiesen.
Man erkundigte sich, wie das Gespenst habe hereinschleichen können,
und erfuhr vom Theatermeister, daß zu einer hintern Türe, die sonst
immer mit Dekorationen verstellt sei, diesen Abend aber, weil man den
gotischen Saal gebraucht, frei geworden, zwei große Figuren in weißen
Mänteln und Kapuzen hereingekommen, die man voneinander nicht
unterscheiden können, und so seien sie nach geendigtem dritten Akt
wahrscheinlich auch wieder hinausgegangen.
Serlo lobte besonders an ihm, daß er nicht so schneidermäßig gejammert
und sogar am Ende eine Stelle, die einem so großen Helden besser zieme,
seinen Sohn zu befeuern, angebracht habe. Wilhelm hatte sie im
Gedächtnis behalten und versprach, sie ins Manuskript nachzutragen.
Man hatte in der Freude des Gastmahls nicht bemerkt, daß die Kinder
und der Harfenspieler fehlten; bald aber machten sie eine sehr
angenehme Erscheinung. Denn sie traten zusammen herein, sehr
abenteuerlich ausgeputzt; Felix schlug den Triangel, Mignon das
Tamburin, und der Alte hatte die schwere Harfe umgehangen und spielte
sie, indem er sie vor sich trug. Sie zogen um den Tisch und sangen
allerlei Lieder. Man gab ihnen zu essen, und die Gäste glaubten den
Kindern eine Wohltat zu erzeigen, wenn sie ihnen so viel süßen Wein
gäben, als sie nur trinken wollten; denn die Gesellschaft selbst hatte
die köstlichen Flaschen nicht geschont, welche diesen Abend als ein
Geschenk der Theaterfreunde in einigen Körben angekommen waren. Die
Kinder sprangen und sangen fort, und besonders war Mignon ausgelassen,
wie man sie niemals gesehen. Sie schlug das Tamburin mit aller
möglichen Zierlichkeit und Lebhaftigkeit, indem sie bald mit
druckendem Finger auf dem Felle schnell hin und her schnurrte, bald
mit dem Rücken der Hand, bald mit den Knöcheln daraufpochte, ja mit
abwechselnden Rhythmen das Pergament bald wider die Knie, bald wider
den Kopf schlug, bald schüttelnd die Schellen allein klingen ließ und
so aus dem einfachsten Instrumente gar verschiedene Töne hervorlockte.
Nachdem sie lange gelärmt hatten, setzten sie sich in einen
Lehnsessel, der gerade Wilhelmen gegenüber am Tische leer geblieben
war.
"Bleibt von dem Sessel weg!" rief Serlo, "er steht vermutlich für den
Geist da; wenn er kommt, kann's euch übel gehen."
"Ich fürchte ihn nicht", rief Mignon; "kommt er, so stehen wir auf.
Es ist mein Oheim, er tut mir nichts zuleide." Diese Rede verstand
niemand, als wer wußte, daß sie ihren vermeintlichen Vater den "Großen
Teufel" genannt hatte.
Die Gesellschaft sah einander an und ward noch mehr in dem Verdacht
bestärkt, daß Serlo um die Erscheinung des Geistes wisse. Man
schwatzte und trank, und die Mädchen sahen von Zeit zu Zeit furchtsam
nach der Türe.
Die Kinder, die, in dem großen Sessel sitzend, nur wie Pulcinellpuppen
aus dem Kasten über den Tisch hervorragten, fingen an, auf diese Weise
ein Stück aufzuführen. Mignon machte den schnurrenden Ton sehr artig
nach, und sie stießen zuletzt die Köpfe dergestalt zusammen und auf
die Tischkante, wie es eigentlich nur Holzpuppen aushalten können.
Mignon ward bis zur Wut lustig, und die Gesellschaft, sosehr sie
anfangs über den Scherz gelacht hatte, mußte zuletzt Einhalt tun.
Aber wenig half das Zureden, denn nun sprang sie auf und raste, die
Schellentrommel in der Hand, um den Tisch herum. Ihre Haare flogen,
und indem sie den Kopf zurück und alle ihre Glieder gleichsam in die
Luft warf, schien sie einer Mänade ähnlich, deren wilde und beinah
unmögliche Stellungen uns auf alten Monumenten noch oft in Erstaunen
setzen.
Durch das Talent der Kinder und ihren Lärm aufgereizt, suchte
jedermann zur Unterhaltung der Gesellschaft etwas beizutragen. Die
Frauenzimmer sangen einige Kanons, Laertes ließ eine Nachtigall hören,
und der Pedant gab ein Konzert pianissimo auf der Maultrommel.
Indessen spielten die Nachbarn und Nachbarinnen allerlei Spiele, wobei
sich die Hände begegnen und vermischen, und es fehlte manchem Paare
nicht am Ausdruck einer hoffnungsvollen Zärtlichkeit. Madame Melina
besonders schien eine lebhafte Neigung zu Wilhelmen nicht zu verhehlen.
Es war spät in der Nacht, und Aurelie, die fast allein noch
Herrschaft über sich behalten hatte, ermahnte die übrigen, indem sie
aufstand, auseinanderzugehen.
Serlo gab noch zum Abschied ein Feuerwerk, indem er mit dem Munde auf
eine fast unbegreifliche Weise den Ton der Raketen, Schwärmer und
Feuerräder nachzuahmen wußte. Man durfte die Augen nur zumachen, so
war die Täuschung vollkommen. Indessen war jedermann aufgestanden,
und man reichte den Frauenzimmern den Arm, sie nach Hause zu führen.
Wilhelm ging zuletzt mit Aurelien. Auf der Treppe begegnete ihnen der
Theatermeister und sagte: "Hier ist der Schleier, worin der Geist
verschwand. Er ist an der Versenkung hängengeblieben, und wir haben
ihn eben gefunden."--"Eine wunderbare Reliquie!" rief Wilhelm und nahm
ihn ab.
In dem Augenblicke fühlte er sich am linken Arme ergriffen und
zugleich einen sehr heftigen Schmerz. Mignon hatte sich versteckt
gehabt, hatte ihn angefaßt und ihn in den Arm gebissen. Sie fuhr an
ihm die Treppe hinunter und verschwand.
Als die Gesellschaft in die freie Luft kam, merkte fast jedes, daß man
für diesen Abend des Guten zuviel genossen hatte. Ohne Abschied zu
nehmen, verlor man sich auseinander.
Wilhelm hatte kaum seine Stube erreicht, als er seine Kleider abwarf
und nach ausgelöschtem Licht ins Bett eilte. Der Schlaf wollte
sogleich sich seiner bemeistern; allein ein Geräusch, das in seiner
Stube hinter dem Ofen zu entstehen schien, machte ihn aufmerksam.
Eben schwebte vor seiner erhitzten Phantasie das Bild des
geharnischten Königs; er richtete sich auf, das Gespenst anzureden,
als er sich von zarten Armen umschlungen, seinen Mund mit lebhaften
Küssen verschlossen und eine Brust an der seinigen fühlte, die er
wegzustoßen nicht Mut hatte.
V. Buch, 13. Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Wilhelm fuhr des andern Morgens mit einer unbehaglichen Empfindung in
die Höhe und fand sein Bett leer. Von dem nicht völlig
ausgeschlafenen Rausche war ihm der Kopf düster, und die Erinnerung an
den unbekannten nächtlichen Besuch machte ihn unruhig. Sein erster
Verdacht fiel auf Philinen, und doch schien der liebliche Körper, den
er in seine Arme geschlossen hatte, nicht der ihrige gewesen zu sein.
Unter lebhaften Liebkosungen war unser Freund an der Seite dieses
seltsamen, stummen Besuches eingeschlafen, und nun war weiter keine
Spur mehr davon zu entdecken. Er sprang auf, und indem er sich anzog,
fand er seine Türe, die er sonst zu verriegeln pflegte, nur angelehnt
und wußte sich nicht zu erinnern, ob er sie gestern abend
zugeschlossen hatte.
Am wunderbarsten aber erschien ihm der Schleier des Geistes, den er
auf seinem Bette fand. Er hatte ihn mit heraufgebracht und
wahrscheinlich selbst dahin geworfen. Es war ein grauer Flor, an
dessen Saum er eine Schrift mit schwarzen Buchstaben gestickt sah. Er
entfaltete sie und las die Worte: "Zum ersten- und letztenmal! Flieh!
Jüngling, flieh!" Er war betroffen und wußte nicht, was er sagen
sollte.
In eben dem Augenblick trat Mignon herein und brachte ihm das
Frühstück. Wilhelm erstaunte über den Anblick des Kindes, ja man kann
sagen, er erschrak. Sie schien diese Nacht größer geworden zu sein;
sie trat mit einem hohen, edlen Anstand vor ihn hin und sah ihm sehr
ernsthaft in die Augen, so daß er den Blick nicht ertragen konnte.
Sie rührte ihn nicht an wie sonst, da sie gewöhnlich ihm die Hand
drückte, seine Wange, seinen Mund, seinen Arm oder seine Schulter
küßte, sondern ging, nachdem sie seine Sachen in Ordnung gebracht,
stillschweigend wieder fort.
Die Zeit einer angesetzten Leseprobe kam nun herbei; man versammelte
sich, und alle waren durch das gestrige Fest verstimmt. Wilhelm nahm
sich zusammen, so gut er konnte, um nicht gleich anfangs gegen seine
so lebhaft gepredigten Grundsätze zu verstoßen. Seine große übung
half ihm durch; denn übung und Gewohnheit müssen in jeder Kunst die
Lücken ausfüllen, welche Genie und Laune so oft lassen würden.
Eigentlich aber konnte man bei dieser Gelegenheit die Bemerkung recht
wahr finden, daß man keinen Zustand, der länger dauern, ja der
eigentlich ein Beruf, eine Lebensweise werden soll, mit einer
Feierlichkeit anfangen dürfe. Man feire nur, was glücklich vollendet
ist; alle Zeremonien zum Anfange erschöpfen Lust und Kräfte, die das
Streben hervorbringen und uns bei einer fortgesetzten Mühe beistehen
sollen. Unter allen Festen ist das Hochzeitfest das unschicklichste;
keines sollte mehr in Stille, Demut und Hoffnung begangen werden als
dieses.
So schlich der Tag nun weiter, und Wilhelmen war noch keiner jemals so
alltäglich vorgekommen. Statt der gewöhnlichen Unterhaltung abends
fing man zu gähnen an; das Interesse an "Hamlet" war erschöpft, und
man fand eher unbequem, daß er des folgenden Tages zum zweitenmal
vorgestellt werden sollte. Wilhelm zeigte den Schleier des Geistes
vor; man mußte daraus schließen, daß er nicht wiederkommen werde.
Serlo war besonders dieser Meinung; er schien mit den Ratschlägen der
wunderbaren Gestalt sehr vertraut zu sein; dagegen ließen sich aber
die Worte: "Flieh! Jüngling, flieh!" nicht erklären. Wie konnte
Serlo mit jemanden einstimmen, der den vorzüglichsten Schauspieler
seiner Gesellschaft zu entfernen die Absicht zu haben schien.
Notwendig war es nunmehr, die Rolle des Geistes dem Polterer und die
Rolle des Königs dem Pedanten zu geben. Beide erklärten, daß sie
schon einstudiert seien, und es war kein Wunder, denn bei den vielen
Proben und der weitläufigen Behandlung dieses Stücks waren alle so
damit bekannt geworden, daß sie sämtlich gar leicht mit den Rollen
hätten wechseln können. Doch probierte man einiges in der
Geschwindigkeit, und als man spät genug auseinanderging, flüsterte
Philine beim Abschiede Wilhelmen leise zu: "Ich muß meine Pantoffeln
holen; du schiebst doch den Riegel nicht vor?" Diese Worte setzten
ihn, als er auf seine Stube kam, in ziemliche Verlegenheit; denn die
Vermutung, daß der Gast der vorigen Nacht Philine gewesen, ward
dadurch bestärkt, und wir sind auch genötigt, uns zu dieser Meinung zu
schlagen, besonders da wir die Ursachen, welche ihn hierüber
zweifelhaft machten und ihm einen andern, sonderbaren Argwohn
einflößen mußten, nicht entdecken können. Er ging unruhig einigemal
in seinem Zimmer auf und ab und hatte wirklich den Riegel noch nicht
vorgeschoben.
Auf einmal stürzte Mignon in das Zimmer, faßte ihn an und rief:
"Meister! Rette das Haus! Es brennt!" Wilhelm sprang vor die Türe,
und ein gewaltiger Rauch drängte sich die obere Treppe herunter ihm
entgegen. Auf der Gasse hörte man schon das Feuergeschrei, und der
Harfenspieler kam, sein Instrument in der Hand, durch den Rauch
atemlos die Treppe herunter. Aurelie stürzte aus ihrem Zimmer und
warf den kleinen Felix in Wilhelms Arme.
"Retten Sie das Kind!" rief sie, "wir wollen nach dem übrigen greifen."
Wilhelm, der die Gefahr nicht für so groß hielt, gedachte zuerst nach
dem Ursprunge des Brandes hinzudringen, um ihn vielleicht noch im
Anfange zu ersticken. Er gab dem Alten das Kind und befahl ihm, die
steinerne Wendeltreppe hinunter, die durch ein kleines Gartengewölbe
in den Garten führte, zu eilen und mit den Kindern im Freien zu
bleiben. Mignon nahm ein Licht, ihm zu leuchten. Wilhelm bat darauf
Aurelien, ihre Sachen auf ebendiesem Wege zu retten. Er selbst drang
durch den Rauch hinauf; aber vergebens setzte er sich der Gefahr aus.
Die Flamme schien von dem benachbarten Hause herüberzudringen und
hatte schon das Holzwerk des Bodens und eine leichte Treppe gefaßt;
andre, die zur Rettung herbeieilten, litten wie er vom Qualm und Feuer.
Doch sprach er ihnen Mut ein und rief nach Wasser; er beschwor sie,
der Flamme nur Schritt vor Schritt zu weichen, und versprach, bei
ihnen zu bleiben. In diesem Augenblick sprang Mignon herauf und rief:
"Meister! Rette deinen Felix! Der Alte ist rasend! Der Alte bringt
ihn um!" Wilhelm sprang, ohne sich zu besinnen, die Treppe hinab, und
Mignon folgte ihm an den Fersen.
Auf den letzten Stufen, die ins Gartengewölbe führten, blieb er mit
Entsetzen stehen. Große Bündel Stroh und Reisholz, die man daselbst
aufgehäuft hatte, brannten mit heller Flamme; Felix lag am Boden und
schrie; der Alte stand mit niedergesenktem Haupte seitwärts an der
Wand. "Was machst du, Unglücklicher?" rief Wilhelm. Der Alte schwieg,
Mignon hatte den Felix aufgehoben und schleppte mit Mühe den Knaben
in den Garten, indes Wilhelm das Feuer auseinanderzuzerren und zu
dämpfen strebte, aber dadurch nur die Gewalt und Lebhaftigkeit der
Flamme vermehrte. Endlich mußte er mit verbrannten Augenwimpern und
Haaren auch in den Garten fliehen, indem er den Alten mit durch die
Flamme riß, der ihm mit versengtem Barte unwillig folgte.
Wilhelm eilte sogleich, die Kinder im Garten zu suchen. Auf der
Schwelle eines entfernten Lusthäuschens fand er sie, und Mignon tat
ihr möglichstes, den Kleinen zu beruhigen. Wilhelm nahm ihn auf den
Schoß, fragte ihn, befühlte ihn und konnte nichts Zusammenhängendes
aus beiden Kindern herausbringen.
Indessen hatte das Feuer gewaltsam mehrere Häuser ergriffen und
erhellte die ganze Gegend. Wilhelm besah das Kind beim roten Schein
der Flamme; er konnte keine Wunde, kein Blut, ja keine Beule
wahrnehmen. Er betastete es überall, es gab kein Zeichen von Schmerz
von sich, es beruhigte sich vielmehr nach und nach und fing an, sich
über die Flamme zu verwundern, ja sich über die schönen, der Ordnung
nach, wie eine Illumination, brennenden Sparren und Gebälke zu
erfreuen.
Wilhelm dachte nicht an die Kleider und was er sonst verloren haben
konnte; er fühlte stark, wie wert ihm diese beiden menschlichen
Geschöpfe seien, die er einer so großen Gefahr entronnen sah. Er
drückte den Kleinen mit einer ganz neuen Empfindung an sein Herz und
wollte auch Mignon mit freudiger Zärtlichkeit umarmen, die es aber
sanft ablehnte, ihn bei der Hand nahm und sie festhielt.
"Meister", sagte sie (noch niemals als diesen Abend hatte sie ihm
diesen Namen gegeben, denn anfangs pflegte sie ihn Herr und nachher
Vater zu nennen), "Meister! wir sind einer großen Gefahr entronnen:
dein Felix war am Tode."
Durch viele Fragen erfuhr endlich Wilhelm, daß der Harfenspieler, als
sie in das Gewölbe gekommen, ihr das Licht aus der Hand gerissen und
das Stroh sogleich angezündet habe. Darauf habe er den Felix
niedergesetzt, mit wunderlichen Gebärden die Hände auf des Kindes Kopf
gelegt und ein Messer gezogen, als wenn er ihn opfern wolle. Sie sei
zugesprungen und habe ihm das Messer aus der Hand gerissen; sie habe
geschrien, und einer vom Hause, der einige Sachen nach dem Garten zu
gerettet, sei ihr zu Hülfe gekommen, der müsse aber in der Verwirrung
wieder weggegangen sein und den Alten und das Kind allein gelassen
haben.
Zwei bis drei Häuser standen in vollen Flammen. In den Garten hatte
sich niemand retten können wegen des Brandes im Gartengewölbe.
Wilhelm war verlegen wegen seiner Freunde, weniger wegen seiner Sachen.
Er getraute sich nicht, die Kinder zu verlassen, und sah das Unglück
sich immer vergrößern.
Er brachte einige Stunden in einer bänglichen Lage zu. Felix war auf
seinem Schoße eingeschlafen, Mignon lag neben ihm und hielt seine Hand
fest. Endlich hatten die getroffenen Anstalten dem Feuer Einhalt
getan. Die ausgebrannten Gebäude stürzten zusammen, der Morgen kam
herbei, die Kinder fingen an zu frieren, und ihm selbst ward in seiner
leichten Kleidung der fallende Tau fast unerträglich. Er führte sie
zu den Trümmern des zusammengestürzten Gebäudes, und sie fanden neben
einem Kohlen- und Aschenhaufen eine sehr behagliche Wärme.
Der anbrechende Tag brachte nun alle Freunde und Bekannte nach und
nach zusammen. Jedermann hatte sich gerettet, niemand hatte viel
verloren.
Wilhelms Koffer fand sich auch wieder, und Serlo trieb, als es gegen
zehn Uhr ging, zur Probe von "Hamlet", wenigstens einiger Szenen, die
mit neuen Schauspielern besetzt waren. Er hatte darauf noch einige
Debatten mit der Polizei. Die Geistlichkeit verlangte: daß nach einem
solchen Strafgerichte Gottes das Schauspielhaus geschlossen bleiben
sollte, und Serlo behauptete: daß teils zum Ersatz dessen, was er
diese Nacht verloren, teils zur Aufheiterung der erschreckten Gemüter
die Aufführung eines interessanten Stückes mehr als jemals am Platz
sei. Diese letzte Meinung drang durch, und das Haus war gefüllt. Die
Schauspieler spielten mit seltenem Feuer und mit mehr
leidenschaftlicher Freiheit als das erstemal. Die Zuschauer, deren
Gefühl durch die schreckliche nächtliche Szene erhöht und durch die
Langeweile eines zerstreuten und verdorbenen Tages noch mehr auf eine
interessante Unterhaltung gespannt war, hatten mehr Empfänglichkeit
für das Außerordentliche. Der größte Teil waren neue, durch den Ruf
des Stücks herbeigezogene Zuschauer, die keine Vergleichung mit dem
ersten Abend anstellen konnten. Der Polterer spielte ganz im Sinne
des unbekannten Geistes, und der Pedant hatte seinem Vorgänger
gleichfalls gut aufgepaßt; daneben kam ihm seine Erbärmlichkeit sehr
zustatten, daß ihm Hamlet wirklich nicht unrecht tat, wenn er ihn,
trotz seines Purpurmantels und Hermelinkragens, einen
zusammengeflickten Lumpenkönig schalt.
Sonderbarer als er war vielleicht niemand zum Throne gelangt; und
obgleich die übrigen, besonders aber Philine, sich über seine neue
Würde äußerst lustig machten, so ließ er doch merken, daß der Graf,
als ein großer Kenner, das und noch viel mehr von ihm beim ersten
Anblick vorausgesagt habe; dagegen ermahnte ihn Philine zur Demut und
versicherte: sie werde ihm gelegentlich die Rockärmel pudern, damit er
sich jener unglücklichen Nacht im Schlosse erinnern und die Krone mit
Bescheidenheit tragen möge.
V. Buch, 14. Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Man hatte sich in der Geschwindigkeit nach Quartieren umgesehen, und
die Gesellschaft war dadurch sehr zerstreut worden. Wilhelm hatte das
Lusthaus in dem Garten, bei dem er die Nacht zugebracht, liebgewonnen;
er erhielt leicht die Schlüssel dazu und richtete sich daselbst ein;
da aber Aurelie in ihrer neuen Wohnung sehr eng war, mußte er den
Felix bei sich behalten, und Mignon wollte den Knaben nicht verlassen.
Die Kinder hatten ein artiges Zimmer in dem ersten Stocke eingenommen,
Wilhelm hatte sich in dem untern Saale eingerichtet. Die Kinder
schliefen, aber er konnte keine Ruhe finden.
Neben dem anmutigen Garten, den der eben aufgegangene Vollmond
herrlich erleuchtete, standen die traurigen Ruinen, von denen hier und
da noch Dampf aufstieg; die Luft war angenehm und die Nacht
außerordentlich schön. Philine hatte beim Herausgehen aus dem Theater
ihn mit dem Ellenbogen angestrichen und ihm einige Worte zugelispelt,
die er aber nicht verstanden hatte. Er war verwirrt und verdrießlich
und wußte nicht, was er erwarten oder tun sollte. Philine hatte ihn
einige Tage gemieden und ihm nur diesen Abend wieder ein Zeichen
gegeben. Leider war nun die Türe verbrannt, die er nicht zuschließen
sollte, und die Pantöffelchen waren in Rauch aufgegangen. Wie die
Schöne in den Garten kommen wollte, wenn es ihre Absicht war, wußte er
nicht. Er wünschte sie nicht zu sehen, und doch hätte er sich gar zu
gern mit ihr erklären mögen.
Was ihm aber noch schwerer auf dem Herzen lag, war das Schicksal des
Harfenspielers, den man nicht wieder gesehen hatte. Wilhelm fürchtete,
man würde ihn beim Aufräumen tot unter dem Schutte finden. Wilhelm
hatte gegen jedermann den Verdacht verborgen, den er hegte, daß der
Alte schuld an dem Brande sei. Denn er kam ihm zuerst von dem
brennenden und rauchenden Boden entgegen, und die Verzweiflung im
Gartengewölbe schien die Folge eines solchen unglücklichen Ereignisses
zu sein. Doch war es bei der Untersuchung, welche die Polizei
sogleich anstellte, wahrscheinlich geworden, daß nicht in dem Hause,
wo sie wohnten, sondern in dem dritten davon der Brand entstanden sei,
der sich auch sogleich unter den Dächern weggeschlichen hatte.
Wilhelm überlegte das alles in einer Laube sitzend, als er in einem
nahen Gange jemanden schleichen hörte. An dem traurigen Gesange, der
sogleich angestimmt ward, erkannte er den Harfenspieler. Das Lied,
das er sehr wohl verstehen konnte, enthielt den Trost eines
Unglücklichen, der sich dem Wahnsinne ganz nahe fühlt. Leider hat
Wilhelm davon nur die letzte Strophe behalten.
An die Türen will ich schleichen,
Still und sittsam will ich stehn,
Fromme Hand wird Nahrung reichen,
Und ich werde weitergehn.
Jeder wird sich glücklich scheinen,
Wenn mein Bild vor ihm erscheint,
Eine Träne wird er weinen,
Und ich weiß nicht, was er weint.
Unter diesen Worten war er an die Gartentüre gekommen, die nach einer
entlegenen Straße ging; er wollte, da er sie verschlossen fand, an den
Spalieren übersteigen; allein Wilhelm hielt ihn zurück und redete ihn
freundlich an. Der Alte bat ihn, aufzuschließen, weil er fliehen
wolle und müsse. Wilhelm stellte ihm vor, daß er wohl aus dem Garten,
aber nicht aus der Stadt könne, und zeigte ihm, wie sehr er sich durch
einen solchen Schritt verdächtig mache; allein vergebens! Der Alte
bestand auf seinem Sinne. Wilhelm gab nicht nach und drängte ihn
endlich halb mit Gewalt ins Gartenhaus, schloß sich daselbst mit ihm
ein und führte ein wunderbares Gespräch mit ihm, das wir aber, um
unsere Leser nicht mit unzusammenhängenden Ideen und bänglichen
Empfindungen zu quälen, lieber verschweigen als ausführlich mitteilen.
V. Buch, 15. Kapitel
Funfzehntes Kapitel
Aus der großen Verlegenheit, worin sich Wilhelm befand, was er mit dem
unglücklichen Alten beginnen sollte, der so deutliche Spuren des
Wahnsinns zeigte, riß ihn Laertes noch am selbigen Morgen. Dieser,
der nach seiner alten Gewohnheit überall zu sein pflegte, hatte auf
dem Kaffeehaus einen Mann gesehen, der vor einiger Zeit die heftigsten
Anfälle von Melancholie erduldete. Man hatte ihn einem
Landgeistlichen anvertraut, der sich ein besonders Geschäft daraus
machte, dergleichen Leute zu behandeln. Auch diesmal war es ihm
gelungen; noch war er in der Stadt, und die Familie des
Wiederhergestellten erzeigte ihm große Ehre.
Wilhelm eilte sogleich, den Mann aufzusuchen, vertraute ihm den Fall
und ward mit ihm einig. Man wußte unter gewissen Vorwänden ihm den
Alten zu übergeben. Die Scheidung schmerzte Wilhelmen tief, und nur
die Hoffnung, ihn wiederhergestellt zu sehen, konnte sie ihm
einigermaßen erträglich machen, so sehr war er gewohnt, den Mann um
sich zu sehen und seine geistreichen und herzlichen Töne zu vernehmen.
Die Harfe war mit verbrannt; man suchte eine andere, die man ihm auf
die Reise mitgab.
Auch hatte das Feuer die kleine Garderobe Mignons verzehrt, und als
man ihr wieder etwas Neues schaffen wollte, tat Aurelie den Vorschlag,
daß man sie doch endlich als Mädchen kleiden solle.
"Nun gar nicht!" rief Mignon aus und bestand mit großer Lebhaftigkeit
auf ihrer alten Tracht, worin man ihr denn auch willfahren mußte.
Die Gesellschaft hatte nicht viel Zeit, sich zu besinnen; die
Vorstellungen gingen ihren Gang.
Wilhelm horchte oft ins Publikum, und nur selten kam ihm eine Stimme
entgegen, wie er sie zu hören wünschte, ja öfters vernahm er, was ihn
betrübte oder verdroß. So erzählte zum Beispiel gleich nach der
ersten Aufführung "Hamlets" ein junger Mensch mit großer Lebhaftigkeit,
wie zufrieden er an jenem Abend im Schauspielhause gewesen. Wilhelm
lauschte und hörte zu seiner großen Beschämung, daß der junge Mann zum
Verdruß seiner Hintermänner den Hut aufbehalten und ihn hartnäckig das
ganze Stück hindurch nicht abgetan hatte, welcher Heldentat er sich
mit dem größten Vergnügen erinnerte.
Ein anderer versicherte: Wilhelm habe die Rolle des Laertes sehr gut
gespielt; hingegen mit dem Schauspieler, der den Hamlet unternommen,
könne man nicht ebenso zufrieden sein. Diese Verwechslung war nicht
ganz unnatürlich, denn Wilhelm und Laertes glichen sich, wiewohl in
einem sehr entfernten Sinne.
Ein dritter lobte sein Spiel, besonders in der Szene mit der Mutter,
aufs lebhafteste und bedauerte nur: daß eben in diesem feurigen
Augenblick ein weißes Band unter der Weste hervorgesehen habe, wodurch
die Illusion äußerst gestört worden sei.
In dem Innern der Gesellschaft gingen indessen allerlei Veränderungen
vor. Philine hatte seit jenem Abend nach dem Brande Wilhelmen auch
nicht das geringste Zeichen einer Annäherung gegeben. Sie hatte, wie
es schien vorsätzlich, ein entfernteres Quartier gemietet, vertrug
sich mit Elmiren und kam seltener zu Serlo, womit Aurelie wohl
zufrieden war. Serlo, der ihr immer gewogen blieb, besuchte sie
manchmal, besonders da er Elmiren bei ihr zu finden hoffte, und nahm
eines Abends Wilhelmen mit sich. Beide waren im Hereintreten sehr
verwundert, als sie Philinen in dem zweiten Zimmer in den Armen eines
jungen Offiziers sahen, der eine rote Uniform und weiße Unterkleider
anhatte, dessen abgewendetes Gesicht sie aber nicht sehen konnten.
Philine kam ihren besuchenden Freunden in das Vorzimmer entgegen und
verschloß das andere. "Sie überraschen mich bei einem wunderbaren
Abenteuer!" rief sie aus.
"So wunderbar ist es nicht", sagte Serlo; "lassen Sie uns den hübschen,
jungen, beneidenswerten Freund sehen; Sie haben uns ohnedem schon so
zugestutzt, daß wir nicht eifersüchtig sein dürfen."
"Ich muß Ihnen diesen Verdacht noch eine Zeitlang lassen", sagte
Philine scherzend; "doch kann ich Sie versichern, daß es nur eine gute
Freundin ist, die sich einige Tage unbekannt bei mir aufhalten will.
Sie sollen ihre Schicksale künftig erfahren, ja vielleicht das
interessante Mädchen selbst kennenlernen, und ich werde wahrscheinlich
alsdann Ursache haben, meine Bescheidenheit und Nachsicht zu üben;
denn ich fürchte, die Herren werden über ihre neue Bekanntschaft ihre
alte Freundin vergessen."
Wilhelm stand versteinert da; denn gleich beim ersten Anblick hatte
ihn die rote Uniform an den so sehr geliebten Rock Marianens erinnert;
es war ihre Gestalt, es waren ihre blonden Haare, nur schien ihm der
gegenwärtige Offizier etwas größer zu sein.
"Um des Himmels willen!" rief er aus, "lassen Sie uns mehr von Ihrer
Freundin wissen, lassen Sie uns das verkleidete Mädchen sehen. Wir
sind nun einmal Teilnehmer des Geheimnisses; wir wollen versprechen,
wir wollen schwören, aber lassen Sie uns das Mädchen sehen!"
"O wie er in Feuer ist!" rief Philine, "nur gelassen, nur geduldig,
heute wird einmal nichts draus."
"So lassen Sie uns nur ihren Namen wissen!" rief Wilhelm.
"Das wäre alsdann ein schönes Geheimnis", versetzte Philine.
"Wenigstens nur den Vornamen."
"Wenn Sie ihn raten, meinetwegen. Dreimal dürfen Sie raten, aber
nicht öfter; Sie könnten mich sonst durch den ganzen Kalender
durchführen."
"Gut", sagte Wilhelm; "Cecilie also?"
"Nichts von Cecilien!"
"Henriette?"
"Keineswegs! Nehmen Sie sich in acht! Ihre Neugierde wird
ausschlafen müssen."
Wilhelm zauderte und zitterte; er wollte seinen Mund auftun, aber die
Sprache versagte ihm. "Mariane?" stammelte er endlich, "Mariane!"
"Bravo!" rief Philine, "getroffen!" indem sie sich nach ihrer
Gewohnheit auf dem Absatze herumdrehte.
Wilhelm konnte kein Wort hervorbringen, und Serlo, der seine
Gemütsbewegung nicht bemerkte, fuhr fort, in Philinen zu dringen, daß
sie die Türe öffnen sollte.
Wie verwundert waren daher beide, als Wilhelm auf einmal heftig ihre
Neckerei unterbrach, sich Philinen zu Füßen warf und sie mit dem
lebhaftesten Ausdrucke der Leidenschaft bat und beschwor. "Lassen Sie
mich das Mädchen sehen", rief er aus, "sie ist mein, es ist meine
Mariane! Sie, nach der ich mich alle Tage meines Lebens gesehnt habe,
sie, die mir noch immer statt aller andern Weiber in der Welt ist!
Gehen Sie wenigstens zu ihr hinein, sagen Sie ihr, daß ich hier bin,
daß der Mensch hier ist, der seine erste Liebe und das ganze Glück
seiner Jugend an sie knüpfte. Er will sich rechtfertigen, daß er sie
unfreundlich verließ, er will sie um Verzeihung bitten, er will ihr
vergeben, was sie auch gegen ihn gefehlt haben mag, er will sogar
keine Ansprüche an sie mehr machen, wenn er sie nur noch einmal sehen
kann, wenn er nur sehen kann, daß sie lebt und glücklich ist!"
Philine schüttelte den Kopf und sagte: "Mein Freund, reden Sie leise!
Betriegen wir uns nicht; und ist das Frauenzimmer wirklich Ihre
Freundin, so müssen wir sie schonen, denn sie vermutet keinesweges,
Sie hier zu sehen. Ganz andere Angelegenheiten führen sie hierher,
und das wissen Sie doch, man möchte oft lieber ein Gespenst als einen
alten Liebhaber zur unrechten Zeit vor Augen sehen. Ich will sie
fragen, ich will sie vorbereiten, und wir wollen überlegen, was zu tun
ist. Ich schreibe Ihnen morgen ein Billett, zu welcher Stunde Sie
kommen sollen, oder ob Sie kommen dürfen; gehorchen Sie mir pünktlich,
denn ich schwöre, niemand soll gegen meinen und meiner Freundin Willen
dieses liebenswürdige Geschöpf mit Augen sehen. Meine Türen werde ich
besser verschlossen halten, und mit Axt und Beil werden Sie mich nicht
besuchen wollen."
Wilhelm beschwor sie, Serlo redete ihr zu; vergebens! Beide Freunde
mußten zuletzt nachgeben, das Zimmer und das Haus räumen.
Welche unruhige Nacht Wilhelm zubrachte, wird sich jedermann denken.
Wie langsam die Stunden des Tages dahinzogen, in denen er Philinens
Billett erwartete, läßt sich begreifen. Unglücklicherweise mußte er
selbigen Abend spielen; er hatte niemals eine größere Pein
ausgestanden. Nach geendigtem Stücke eilte er zu Philinen, ohne nur
zu fragen, ob er eingeladen worden. Er fand ihre Türe verschlossen,
und die Hausleute sagten: Mademoiselle sei heute früh mit einem jungen
Offizier weggefahren; sie habe zwar gesagt, daß sie in einigen Tagen
wiederkomme, man glaube es aber nicht, weil sie alles bezahlt und ihre
Sachen mitgenommen habe.
Wilhelm war außer sich über diese Nachricht. Er eilte zu Laertes und
schlug ihm vor, ihr nachzusetzen und, es koste, was es wolle, über
ihren Begleiter Gewißheit zu erlangen. Laertes dagegen verwies seinem
Freunde seine Leidenschaft und Leichtgläubigkeit. "Ich will wetten",
sagte er, "es ist niemand anders als Friedrich. Der Junge ist von
gutem Hause, ich weiß es recht wohl; er ist unsinnig in das Mädchen
verliebt und hat wahrscheinlich seinen Verwandten so viel Geld
angelockt, daß er wieder eine Zeitlang mit ihr leben kann."
Durch diese Einwendungen ward Wilhelm nicht überzeugt, doch
zweifelhaft. Laertes stellte ihm vor, wie unwahrscheinlich das
Märchen sei, das Philine ihnen vorgespiegelt hatte, wie Figur und Haar
sehr gut auf Friedrichen passe, wie sie bei zwölf Stunden Vorsprung so
leicht nicht einzuholen sein würden und hauptsächlich, wie Serlo
keinen von ihnen beiden beim Schauspiele entbehren könne.
Durch all diese Gründe wurde Wilhelm endlich nur so weit gebracht, daß
er Verzicht darauf tat, selbst nachzusetzen. Laertes wußte noch in
selbiger Nacht einen tüchtigen Mann zu schaffen, dem man den Auftrag
geben konnte. Es war ein gesetzter Mann, der mehreren Herrschaften
auf Reisen als Kurier und Führer gedient hatte und eben jetzt ohne
Beschäftigung stillelag. Man gab ihm Geld, man unterrichtete ihn von
der ganzen Sache, mit dem Auftrage, daß er die Flüchtlinge aufsuchen
und einholen, sie alsdann nicht aus den Augen lassen und die Freunde
sogleich, wo und wie er sie fände, benachrichtigen solle. Er setzte
sich in derselbigen Stunde zu Pferde und ritt dem zweideutigen Paare
nach, und Wilhelm war durch diese Anstalt wenigstens einigermaßen
beruhigt.
V. Buch, 16. Kapitel--1
Sechzehntes Kapitel
Die Entfernung Philinens machte keine auffallende Sensation weder auf
dem Theater noch im Publiko. Es war ihr mit allem wenig Ernst; die
Frauen haßten sie durchgängig, und die Männer hätten sie lieber unter
vier Augen als auf dem Theater gesehen, und so war ihr schönes und für
die Bühne selbst glückliches Talent verloren. Die übrigen Glieder der
Gesellschaft gaben sich desto mehr Mühe; Madame Melina besonders tat
sich durch Fleiß und Aufmerksamkeit sehr hervor. Sie merkte, wie
sonst, Wilhelmen seine Grundsätze ab, richtete sich nach seiner
Theorie und seinem Beispiel und hatte zeither ein ich weiß nicht was
in ihrem Wesen, das sie interessanter machte. Sie erlangte bald ein
richtiges Spiel und gewann den natürlichen Ton der Unterhaltung
vollkommen und den der Empfindung bis auf einen gewissen Grad. Sie
wußte sich in Serlos Launen zu schicken und befliß sich des Singens
ihm zu Gefallen, worin sie auch bald so weit kam, als man dessen zur
geselligen Unterhaltung bedarf.
Durch einige neu angenommene Schauspieler ward die Gesellschaft noch
vollständiger, und indem Wilhelm und Serlo jeder in seiner Art wirkte,
jener bei jedem Stücke auf den Sinn und Ton des Ganzen drang, dieser
die einzelnen Teile gewissenhaft durcharbeitete, belebte ein
lobenswürdiger Eifer auch die Schauspieler, und das Publikum nahm an
ihnen einen lebhaften Anteil.
"Wir sind auf einem guten Wege", sagte Serlo einst, "und wenn wir so
fortfahren, wird das Publikum auch bald auf dem rechten sein. Man
kann die Menschen sehr leicht durch tolle und unschickliche
Darstellungen irremachen; aber man lege ihnen das Vernünftige und
Schickliche auf eine interessante Weise vor, so werden sie gewiß
darnach greifen.
Was unserm Theater hauptsächlich fehlt und warum weder Schauspieler
noch Zuschauer zur Besinnung kommen, ist, daß es darauf im ganzen zu
bunt aussieht und daß man nirgends eine Grenze hat, woran man sein
Urteil anlehnen könnte. Es scheint mir kein Vorteil zu sein, daß wir
unser Theater gleichsam zu einem unendlichen Naturschauplatze
ausgeweitet haben; doch kann jetzt weder Direktor noch Schauspieler
sich in die Enge ziehen, bis vielleicht der Geschmack der Nation in
der Folge den rechten Kreis selbst bezeichnet. Eine jede gute
Sozietät existiert nur unter gewissen Bedingungen, so auch ein gutes
Theater. Gewisse Manieren und Redensarten, gewisse Gegenstände und
Arten des Betragens müssen ausgeschlossen sein. Man wird nicht ärmer,
wenn man sein Hauswesen zusammenzieht."
Sie waren hierüber mehr oder weniger einig und uneinig. Wilhelm und
die meisten waren auf der Seite des englischen, Serlo und einige auf
der Seite des französischen Theaters.
Man ward einig, in leeren Stunden, deren ein Schauspieler leider so
viele hat, in Gesellschaft die berühmtesten Schauspiele beider Theater
durchzugehen und das Beste und Nachahmenswerte derselben zu bemerken.
Man machte auch wirklich einen Anfang mit einigen französischen
Stücken. Aurelie entfernte sich jedesmal, sobald die Vorlesung anging.
Anfangs hielt man sie für krank; einst aber fragte sie Wilhelm
darüber, dem es aufgefallen war.
"Ich werde bei keiner solchen Vorlesung gegenwärtig sein", sagte sie,
"denn wie soll ich hören und urteilen, wenn mir das Herz zerrissen
ist? Ich hasse die französische Sprache von ganzer Seele."
"Wie kann man einer Sprache feind sein", rief Wilhelm aus, "der man
den größten Teil seiner Bildung schuldig ist und der wir noch viel
schuldig werden müssen, ehe unser Wesen eine Gestalt gewinnen kann?"
"Es ist kein Vorurteil!" versetzte Aurelie, "ein unglücklicher
Eindruck, eine verhaßte Erinnerung an meinen treulosen Freund hat mir
die Lust an dieser schönen und ausgebildeten Sprache geraubt. Wie ich
sie jetzt von ganzem Herzen hasse! Während der Zeit unserer
freundschaftlichen Verbindung schrieb er Deutsch, und welch ein
herzliches, wahres, kräftiges Deutsch! Nun, da er mich los sein
wollte, fing er an, Französisch zu schreiben, das vorher manchmal nur
im Scherze geschehen war. Ich fühlte, ich merkte, was es bedeuten
sollte. Was er in seiner Muttersprache zu sagen errötete, konnte er
nun mit gutem Gewissen hinschreiben. Zu Reservationen, Halbheiten und
Lügen ist es eine treffliche Sprache; sie ist eine perfide Sprache!
Ich finde, Gott sei Dank! kein deutsches Wort, um "perfid" in seinem
ganzen Umfange auszudrücken. Unser armseliges treulos ist ein
unschuldiges Kind dagegen. Perfid ist treulos mit Genuß, mit übermut
und Schadenfreude. Oh, die Ausbildung einer Nation ist zu beneiden,
die so feine Schattierungen in einem Worte auszudrücken weiß!
Französisch ist recht die Sprache der Welt, wert, die allgemeine
Sprache zu sein, damit sie sich nur alle untereinander recht betrügen
und belügen können! Seine französischen Briefe ließen sich noch immer
gut genug lesen. Wenn man sich's einbilden wollte, klangen sie warm
und selbst leidenschaftlich; doch genau besehen waren es Phrasen,
vermaledeite Phrasen! Er hat mir alle Freude an der ganzen Sprache,
an der französischen Literatur, selbst an dem schönen und köstlichen
Ausdruck edler Seelen in dieser Mundart verdorben; mich schaudert,
wenn ich ein französisches Wort höre!"
Auf diese Weise konnte sie stundenlang fortfahren, ihren Unmut zu
zeigen und jede andere Unterhaltung zu unterbrechen oder zu verstimmen.
Serlo machte früher oder später ihren launischen äußerungen mit
einiger Bitterkeit ein Ende; aber gewöhnlich war für diesen Abend das
Gespräch zerstört.
überhaupt ist es leider der Fall, daß alles, was durch mehrere
zusammentreffende Menschen und Umstände hervorgebracht werden soll,
keine lange Zeit sich vollkommen erhalten kann. Von einer
Theatergesellschaft so gut wie von einem Reiche, von einem Zirkel
Freunde so gut wie von einer Armee läßt sich gewöhnlich der Moment
angeben, wenn sie auf der höchsten Stufe ihrer Vollkommenheit, ihrer
übereinstimmung, ihrer Zufriedenheit und Tätigkeit standen; oft aber
verändert sich schnell das Personal, neue Glieder treten hinzu, die
Personen passen nicht mehr zu den Umständen, die Umstände nicht mehr
zu den Personen; es wird alles anders, und was vorher verbunden war,
fällt nunmehr bald auseinander. So konnte man sagen, daß Serlos
Gesellschaft eine Zeitlang so vollkommen war, als irgend eine deutsche
sich hätte rühmen können. Die meisten Schauspieler standen an ihrem
Platze; alle hatten genug zu tun, und alle taten gern, was zu tun war.
Ihre persönlichen Verhältnisse waren leidlich, und jedes schien in
seiner Kunst viel zu versprechen, weil jedes die ersten Schritte mit
Feuer und Munterkeit tat. Bald aber entdeckte sich, daß ein Teil doch
nur Automaten waren, die nur das erreichen konnten, wohin man ohne
Gefühl gelangen kann, und bald mischten sich die Leidenschaften
dazwischen, die gewöhnlich jeder guten Einrichtung im Wege stehen und
alles so leicht auseinanderzerren, was vernünftige und wohldenkende
Menschen zusammenzuhalten wünschen.
Philinens Abgang war nicht so unbedeutend, als man anfangs glaubte.
Sie hatte mit großer Geschicklichkeit Serlo zu unterhalten und die
übrigen mehr oder weniger zu reizen gewußt. Sie ertrug Aureliens
Heftigkeit mit großer Geduld, und ihr eigenstes Geschäft war,
Wilhelmen zu schmeicheln. So war sie eine Art von Bindungsmittel fürs
Ganze, und ihr Verlust mußte bald fühlbar werden.
Serlo konnte ohne eine kleine Liebschaft nicht leben. Elmire, die in
weniger Zeit herangewachsen und, man könnte beinahe sagen, schön
geworden war, hatte schon lange seine Aufmerksamkeit erregt, und
Philine war klug genug, diese Leidenschaft, die sie merkte, zu
begünstigen. "Man muß sich", pflegte sie zu sagen, "beizeiten aufs
Kuppeln legen; es bleibt uns doch weiter nichts übrig, wenn wir alt
werden." Dadurch hatten sich Serlo und Elmire dergestalt genähert,
daß sie nach Philinens Abschiede bald einig wurden, und der kleine
Roman interessierte sie beide um so mehr, als sie ihn vor dem Alten,
der über eine solche Unregelmäßigkeit keinen Scherz verstanden hätte,
geheimzuhalten alle Ursache hatten. Elmirens Schwester war mit im
Verständnis, und Serlo mußte beiden Mädchen daher vieles nachsehen.
Eine ihrer größten Untugenden war eine unmäßige Näscherei, ja, wenn
man will, eine unleidliche Gefräßigkeit, worin sie Philinen
keinesweges glichen, die dadurch einen neuen Schein von
Liebenswürdigkeit erhielt, daß sie gleichsam nur von der Luft lebte,
sehr wenig aß und nur den Schaum eines Champagnerglases mit der
größten Zierlichkeit wegschlürfte.
Nun aber mußte Serlo, wenn er seiner Schönen gefallen wollte, das
Frühstück mit dem Mittagessen verbinden und an dieses durch ein
Vesperbrot das Abendessen anknüpfen. Dabei hatte Serlo einen Plan,
dessen Ausführung ihn beunruhigte. Er glaubte eine gewisse Neigung
zwischen Wilhelmen und Aurelien zu entdecken und wünschte sehr, daß
sie ernstlich werden möchte. Er hoffte den ganzen mechanischen Teil
der Theaterwirtschaft Wilhelmen aufzubürden und an ihm, wie an seinem
ersten Schwager, ein treues und fleißiges Werkzeug zu finden. Schon
hatte er ihm nach und nach den größten Teil der Besorgung unmerklich
übertragen, Aurelie führte die Kasse, und Serlo lebte wieder wie in
früheren Zeiten ganz nach seinem Sinne. Doch war etwas, was sowohl
ihn als seine Schwester heimlich kränkte.
Das Publikum hat eine eigene Art, gegen öffentliche Menschen von
anerkanntem Verdienste zu verfahren; es fängt nach und nach an,
gleichgültig gegen sie zu werden, und begünstigt viel geringere, aber
neu erscheinende Talente; es macht an jene übertriebene Forderungen
und läßt sich von diesen alles gefallen.
Serlo und Aurelie hatten Gelegenheit genug, hierüber Betrachtungen
anzustellen. Die neuen Ankömmlinge, besonders die jungen und
wohlgebildeten, hatten alle Aufmerksamkeit, allen Beifall auf sich
gezogen, und beide Geschwister mußten die meiste Zeit, nach ihren
eifrigsten Bemühungen, ohne den willkommenen Klang der
zusammenschlagenden Hände abtreten. Freilich kamen dazu noch
besondere Ursachen. Aureliens Stolz war auffallend, und von ihrer
Verachtung des Publikums waren viele unterrichtet. Serlo schmeichelte
zwar jedermann im einzelnen, aber seine spitzen Reden über das Ganze
waren doch auch öfters herumgetragen und wiederholt worden. Die neuen
Glieder hingegen waren teils fremd und unbekannt, teils jung,
liebenswürdig und hülfsbedürftig und hatten also auch sämtlich Gönner
gefunden.
Nun gab es auch bald innerliche Unruhen und manches Mißvergnügen; denn
kaum bemerkte man, daß Wilhelm die Beschäftigung eines Regisseurs
übernommen hatte, so fingen die meisten Schauspieler um desto mehr an,
unartig zu werden, als er nach seiner Weise etwas mehr Ordnung und
Genauigkeit in das Ganze zu bringen wünschte und besonders darauf
bestand, daß alles Mechanische vor allen Dingen pünktlich und
ordentlich gehen solle.
In kurzer Zeit war das ganze Verhältnis, das wirklich eine Zeitlang
beinahe idealisch gehalten hatte, so gemein, als man es nur irgend bei
einem herumreisenden Theater finden mag. Und leider in dem
Augenblicke, als Wilhelm durch Mühe, Fleiß und Anstrengung sich mit
allen Erfordernissen des Metiers bekannt gemacht und seine Person
sowohl als seine Geschäftigkeit vollkommen dazu gebildet hatte, schien
es ihm endlich in trüben Stunden, daß dieses Handwerk weniger als
irgendein anders den nötigen Aufwand von Zeit und Kräften verdiene.
Das Geschäft war lästig und die Belohnung gering. Er hätte jedes
andere lieber übernommen, bei dem man doch, wenn es vorbei ist, der
Ruhe des Geistes genießen kann, als dieses, wo man nach überstandenen
mechanischen Mühseligkeiten noch durch die höchste Anstrengung des
Geistes und der Empfindung erst das Ziel seiner Tätigkeit erreichen
soll. Er mußte die Klagen Aureliens über die Verschwendung des
Bruders hören, er mußte die Winke Serlos mißverstehen, wenn dieser ihn
zu einer Heirat mit der Schwester von ferne zu leiten suchte. Er
hatte dabei seinen Kummer zu verbergen, der ihn auf das tiefste
drückte, indem der nach dem zweideutigen Offizier fortgeschickte Bote
nicht zurückkam, auch nichts von sich hören ließ und unser Freund
daher seine Mariane zum zweitenmal verloren zu haben fürchten mußte.
Zu eben der Zeit fiel eine allgemeine Trauer ein, wodurch man genötigt
ward, das Theater auf einige Wochen zu schließen. Er ergriff diese
Zwischenzeit, um jenen Geistlichen zu besuchen, bei welchem der
Harfenspieler in der Kost war. Er fand ihn in einer angenehmen Gegend,
und das erste, was er in dem Pfarrhofe erblickte, war der Alte, der
einem Knaben auf seinem Instrumente Lektion gab. Er bezeugte viel
Freude, Wilhelmen wiederzusehen, stand auf und reichte ihm die Hand
und sagte: "Sie sehen, daß ich in der Welt doch noch zu etwas nütze
bin; Sie erlauben, daß ich fortfahre, denn die Stunden sind eingeteilt."
Der Geistliche begrüßte Wilhelmen auf das freundlichste und erzählte
ihm, daß der Alte sich schon recht gut anlasse und daß man Hoffnung zu
seiner völligen Genesung habe.
Ihr Gespräch fiel natürlich auf die Methode, Wahnsinnige zu kurieren.
"Außer dem Physischen", sagte der Geistliche, "das uns oft
unüberwindliche Schwierigkeiten in den Weg legt und worüber ich einen
denkenden Arzt zu Rate ziehe, finde ich die Mittel, vom Wahnsinne zu
heilen, sehr einfach. Es sind ebendieselben, wodurch man gesunde
Menschen hindert, wahnsinnig zu werden. Man errege ihre
Selbsttätigkeit, man gewöhne sie an Ordnung, man gebe ihnen einen
Begriff, daß sie ihr Sein und Schicksal mit so vielen gemein haben,
daß das außerordentliche Talent, das größte Glück und das höchste
Unglück nur kleine Abweichungen von dem Gewöhnlichen sind; so wird
sich kein Wahnsinn einschleichen und, wenn er da ist, nach und nach
wieder verschwinden. Ich habe des alten Mannes Stunden eingeteilt, er
unterrichtet einige Kinder auf der Harfe, er hilft im Garten arbeiten
und ist schon viel heiterer. Er wünscht von dem Kohle zu genießen,
den er pflanzt, und wünscht meinen Sohn, dem er die Harfe auf den
Todesfall geschenkt hat, recht emsig zu unterrichten, damit sie der
Knabe ja auch brauchen könne. Als Geistlicher suche ich ihm über
seine wunderbaren Skrupel nur wenig zu sagen, aber ein tätiges Leben
führt so viele Ereignisse herbei, daß er bald fühlen muß, daß jede Art
von Zweifel nur durch Wirksamkeit gehoben werden kann. Ich gehe
sachte zu Werke; wenn ich ihm aber noch seinen Bart und seine Kutte
wegnehmen kann, so habe ich viel gewonnen: denn es bringt uns nichts
näher dem Wahnsinn, als wenn wir uns vor andern auszeichnen, und
nichts erhält so sehr den gemeinen Verstand, als im allgemeinen Sinne
mit vielen Menschen zu leben. Wie vieles ist leider nicht in unserer
Erziehung und in unsern bürgerlichen Einrichtungen, wodurch wir uns
und unsere Kinder zur Tollheit vorbereiten."
Wilhelm verweilte bei diesem vernünftigen Manne einige Tage und erfuhr
die interessantesten Geschichten, nicht allein von verrückten Menschen,
sondern auch von solchen, die man für klug, ja für weise zu halten
pflegt und deren Eigentümlichkeiten nahe an den Wahnsinn grenzen.
Dreifach belebt aber ward die Unterhaltung, als der Medikus eintrat,
der den Geistlichen, seinen Freund, öfters zu besuchen und ihm bei
seinen menschenfreundlichen Bemühungen beizustehen pflegte. Es war
ein ältlicher Mann, der bei einer schwächlichen Gesundheit viele Jahre
in Ausübung der edelsten Pflichten zugebracht hatte. Er war ein
großer Freund vom Landleben und konnte fast nicht anders als in freier
Luft sein; dabei war er äußerst gesellig und tätig und hatte seit
vielen Jahren eine besondere Neigung, mit allen Landgeistlichen
Freundschaft zu stiften. Jedem, an dem er eine nützliche
Beschäftigung kannte, suchte er auf alle Weise beizustehen; andern,
die noch unbestimmt waren, suchte er eine Liebhaberei einzureden; und
da er zugleich mit den Edelleuten, Amtmännern und Gerichtshaltern in
Verbindung stand, so hatte er in Zeit von zwanzig Jahren sehr viel im
stillen zur Kultur mancher Zweige der Landwirtschaft beigetragen und
alles, was dem Felde, Tieren und Menschen ersprießlich ist, in
Bewegung gebracht und so die wahrste Aufklärung befördert. Für den
Menschen, sagte er, sei nur das eine ein Unglück, wenn sich irgendeine
Idee bei ihm festsetze, die keinen Einfluß ins tätige Leben habe oder
ihn wohl gar vom tätigen Leben abziehe. "Ich habe", sagte er,
"gegenwärtig einen solchen Fall an einem vornehmen und reichen Ehepaar,
wo mir bis jetzt noch alle Kunst mißglückt ist; fast gehört der Fall
in Ihr Fach, lieber Pastor, und dieser junge Mann wird ihn nicht
weitererzählen.
In der Abwesenheit eines vornehmen Mannes verkleidete man, mit einem
nicht ganz lobenswürdigen Scherze, einen jungen Menschen in die
Hauskleidung dieses Herrn. Seine Gemahlin sollte dadurch angeführt
werden, und ob man mir es gleich nur als eine Posse erzählt hat, so
fürchte ich doch sehr, man hatte die Absicht, die edle, liebenswürdige
Dame vom rechten Wege abzuleiten. Der Gemahl kommt unvermutet zurück,
tritt in sein Zimmer, glaubt sich selbst zu sehen und fällt von der
Zeit an in eine Melancholie, in der er die überzeugung nährt, daß er
bald sterben werde.
Er überläßt sich Personen, die ihm mit religiösen Ideen schmeicheln,
und ich sehe nicht, wie er abzuhalten ist, mit seiner Gemahlin unter
die Herrenhuter zu gehen und den größten Teil seines Vermögens, da er
keine Kinder hat, seinen Verwandten zu entziehen."
"Mit seiner Gemahlin?" rief Wilhelm, den diese Erzählung nicht wenig
erschreckt hatte, ungestüm aus.
"Und leider", versetzte der Arzt, der in Wilhelms Ausrufung nur eine
menschenfreundliche Teilnahme zu hören glaubte, "ist diese Dame mit
einem noch tiefern Kummer behaftet, der ihr eine Entfernung von der
Welt nicht widerlich macht. Eben dieser junge Mensch nimmt Abschied
von ihr, sie ist nicht vorsichtig genug, eine aufkeimende Neigung zu
verbergen; er wird kühn, schließt sie in seine Arme und drückt ihr das
große, mit Brillanten besetzte Porträt ihres Gemahls gewaltsam wider
die Brust. Sie empfindet einen heftigen Schmerz, der nach und nach
vergeht, erst eine kleine Röte und dann keine Spur zurückläßt. Ich
bin als Mensch überzeugt, daß sie sich nichts weiter vorzuwerfen hat;
ich bin als Arzt gewiß, daß dieser Druck keine üblen Folgen haben
werde, aber sie läßt sich nicht ausreden, es sei eine Verhärtung da,
und wenn man ihr durch das Gefühl den Wahn benehmen will, so behauptet
sie, nur in diesem Augenblick sei nichts zu fühlen; sie hat sich fest
eingebildet, es werde dieses übel mit einem Krebsschaden sich endigen,
und so ist ihre Jugend, ihre Liebenswürdigkeit für sie und andere
völlig verloren."
"Ich Unglückseliger!" rief Wilhelm, indem er sich vor die Stirne
schlug und aus der Gesellschaft ins Feld lief. Er hatte sich noch nie
in einem solchen Zustande befunden.
V. Buch, 16. Kapitel--2
Der Arzt und der Geistliche, über diese seltsame Entdeckung höchlich
erstaunt, hatten abends genug mit ihm zu tun, als er zurückkam und bei
dem umständlichem Bekenntnis dieser Begebenheit sich aufs lebhafteste
anklagte. Beide Männer nahmen den größten Anteil an ihm, besonders da
er ihnen seine übrige Lage nun auch mit schwarzen Farben der
augenblicklichen Stimmung malte.
Den andern Tag ließ sich der Arzt nicht lange bitten, mit ihm nach der
Stadt zu gehen, um ihm Gesellschaft zu leisten, um Aurelien, die ihr
Freund in bedenklichen Umständen zurückgelassen hatte, wo möglich
Hülfe zu verschaffen.
Sie fanden sie auch wirklich schlimmer, als sie vermuteten. Sie hatte
eine Art von überspringendem Fieber, dem um so weniger beizukommen war,
als sie die Anfälle nach ihrer Art vorsätzlich unterhielt und
verstärkte. Der Fremde ward nicht als Arzt eingeführt und betrug sich
sehr gefällig und klug. Man sprach über den Zustand ihres Körpers und
ihres Geistes, und der neue Freund erzählte manche Geschichten, wie
Personen ungeachtet einer solchen Kränklichkeit ein hohes Alter
erreichen könnten; nichts aber sei schädlicher in solchen Fällen als
eine vorsätzliche Erneuerung leidenschaftlicher Empfindungen.
Besonders verbarg er nicht, daß er diejenigen Personen sehr glücklich
gefunden habe, die bei einer nicht ganz herzustellenden kränklichen
Anlage wahrhaft religiöse Gesinnungen bei sich zu nähren bestimmt
gewesen wären. Er sagte das auf eine sehr bescheidene Weise und
gleichsam historisch und versprach dabei, seinen neuen Freunden eine
sehr interessante Lektüre an einem Manuskript zu verschaffen, das er
aus den Händen einer nunmehr abgeschiedenen vortrefflichen Freundin
erhalten habe. "Es ist mir unendlich wert", sagte er, "und ich
vertraue Ihnen das Original selbst an. Nur der Titel ist von meiner
Hand: "Bekenntnisse einer schönen Seele"."
über diätetische und medizinische Behandlung der unglücklichen,
aufgespannten Aurelie vertraute der Arzt Wilhelmen noch seinen besten
Rat, versprach zu schreiben und womöglich selbst wiederzukommen.
Inzwischen hatte sich in Wilhelms Abwesenheit eine Veränderung
vorbereitet, die er nicht vermuten konnte. Wilhelm hatte während der
Zeit seiner Regie das ganze Geschäft mit einer gewissen Freiheit und
Liberalität behandelt, vorzüglich auf die Sache gesehen und besonders
bei Kleidungen, Dekorationen und Requisiten alles reichlich und
anständig angeschafft, auch, um den guten Willen der Leute zu erhalten,
ihrem Eigennutze geschmeichelt, da er ihnen durch edlere Motive nicht
beikommen konnte; und er fand sich hierzu um so mehr berechtigt, als
Serlo selbst keine Ansprüche machte, ein genauer Wirt zu sein, den
Glanz seines Theaters gerne loben hörte und zufrieden war, wenn
Aurelie, welche die ganze Haushaltung führte, nach Abzug aller Kosten
versicherte, daß sie keine Schulden habe, und noch soviel hergab, als
nötig war, die Schulden abzutragen, die Serlo unterdessen durch
außerordentliche Freigebigkeit gegen seine Schönen und sonst etwa auf
sich geladen haben mochte.
Melina, der indessen die Garderobe besorgte, hatte, kalt und
heimtückisch wie er war, der Sache im stillen zugesehen und wußte bei
der Entfernung Wilhelms und bei der zunehmenden Krankheit Aureliens
Serlo fühlbar zu machen, daß man eigentlich mehr einnehmen, weniger
ausgeben und entweder etwas zurücklegen oder doch am Ende nach Willkür
noch lustiger leben könne. Serlo hörte das gern, und Melina wagte
sich mit seinem Plane hervor.
"Ich will", sagte er, "nicht behaupten, daß einer von den
Schauspielern gegenwärtig zuviel Gage hat: es sind verdienstvolle
Leute, und sie würden an jedem Orte willkommen sein; allein für die
Einnahme, die sie uns verschaffen, erhalten sie doch zuviel. Mein
Vorschlag wäre, eine Oper einzurichten, und was das Schauspiel
betrifft, so muß ich Ihnen sagen, Sie sind der Mann, allein ein ganzes
Schauspiel auszumachen. Müssen Sie jetzt nicht selbst erfahren, daß
man Ihre Verdienste verkennt? Nicht, weil Ihre Mitspieler
vortrefflich, sondern weil sie gut sind, läßt man Ihrem
außerordentlichen Talente keine Gerechtigkeit mehr widerfahren.
Stellen Sie sich, wie wohl sonst geschehen ist, nur allein hin, suchen
Sie mittelmäßige, ja ich darf sagen: schlechte Leute für geringe Gage
an sich zu ziehen, stutzen Sie das Volk, wie Sie es so sehr verstehen,
im Mechanischen zu, wenden Sie das übrige an die Oper, und Sie werden
sehen, daß Sie mit derselben Mühe und mit denselben Kosten mehr
Zufriedenheit erregen und ungleich mehr Geld als bisher gewinnen
werden."
Serlo war zu sehr geschmeichelt, als daß seine Einwendungen einige
Stärke hätten haben sollen. Er gestand Melinan gern zu, daß er bei
seiner Liebhaberei zur Musik längst so etwas gewünscht habe; doch sehe
er freilich ein, daß die Neigung des Publikums dadurch noch mehr auf
Abwege geleitet und daß bei so einer Vermischung eines Theaters, das
nicht recht Oper, nicht recht Schauspiel sei, notwendig der überrest
von Geschmack an einem bestimmten und ausführlichen Kunstwerke sich
völlig verlieren müsse.
Melina scherzte nicht ganz fein über Wilhelms pedantische Ideale
dieser Art, über die Anmaßung, das Publikum zu bilden, statt sich von
ihm bilden zu lassen, und beide vereinigten sich mit großer
überzeugung, daß man nur Geld einnehmen, reich werden oder sich lustig
machen solle, und verbargen sich kaum, daß sie nur jener Personen los
zu sein wünschten, die ihrem Plane im Wege standen. Melina bedauerte,
daß die schwächliche Gesundheit Aureliens ihr kein langes Leben
verspreche, dachte aber gerade das Gegenteil. Serlo schien zu
beklagen, daß Wilhelm nicht Sänger sei, und gab dadurch zu verstehen,
daß er ihn für bald entbehrlich halte. Melina trat mit einem ganzen
Register von Ersparnissen, die zu machen seien, hervor, und Serlo sah
in ihm seinen ersten Schwager dreifach ersetzt. Sie fühlten wohl, daß
sie sich über diese Unterredung das Geheimnis zuzusagen hatten, wurden
dadurch nur noch mehr aneinandergeknüpft und nahmen Gelegenheit,
insgeheim über alles, was vorkam, sich zu besprechen, was Aurelie und
Wilhelm unternahmen, zu tadeln und ihr neues Projekt in Gedanken immer
mehr auszuarbeiten.
So verschwiegen auch beide über ihren Plan sein mochten und sowenig
sie durch Worte sich verrieten, so waren sie doch nicht politisch
genug, in dem Betragen ihre Gesinnungen zu verbergen. Melina
widersetzte sich Wilhelmen in manchen Fällen, die in seinem Kreise
lagen, und Serlo, der niemals glimpflich mit seiner Schwester
umgegangen war, ward nur bitterer, je mehr ihre Kränklichkeit zunahm
und je mehr sie bei ihren ungleichen, leidenschaftlichen Launen
Schonung verdient hätte.
Zu eben dieser Zeit nahm man "Emilie Galotti" vor. Dieses Stück war
sehr glücklich besetzt, und alle konnten in dem beschränkten Kreise
dieses Trauerspiels die ganze Mannigfaltigkeit ihres Spieles zeigen.
Serlo war als Marinelli an seinem Platze, Odoardo ward sehr gut
vorgetragen, Madame Melina spielte die Mutter mit vieler Einsicht,
Elmire zeichnete sich in der Rolle Emiliens zu ihrem Vorteil aus,
Laertes trat als Appiani mit vielem Anstand auf, und Wilhelm hatte ein
Studium von mehreren Monaten auf die Rolle des Prinzen verwendet. Bei
dieser Gelegenheit hatte er sowohl mit sich selbst als mit Serlo und
Aurelien die Frage oft abgehandelt: welch ein Unterschied sich
zwischen einem edlen und vornehmen Betragen zeige und inwiefern jenes
in diesem, dieses aber nicht in jenem enthalten zu sein brauche.
Serlo, der selbst als Marinelli den Hofmann rein, ohne Karikatur
vorstellte, äußerte über diesen Punkt manchen guten Gedanken. "Der
vornehme Anstand", sagte er, "ist schwer nachzuahmen, weil er
eigentlich negativ ist und eine lange anhaltende übung voraussetzt.
Denn man soll nicht etwa in seinem Benehmen etwas darstellen, das
Würde anzeigt: denn leicht fällt man dadurch in ein förmliches,
stolzes Wesen; man soll vielmehr nur alles vermeiden, was unwürdig,
was gemein ist; man soll sich nie vergessen, immer auf sich und andere
achthaben, sich nichts vergeben, andern nicht zuviel, nicht zuwenig
tun, durch nichts gerührt scheinen, durch nichts bewegt werden, sich
niemals übereilen, sich in jedem Momente zu fassen wissen und so ein
äußeres Gleichgewicht erhalten, innerlich mag es stürmen, wie es will.
Der edle Mensch kann sich in Momenten vernachlässigen, der vornehme
nie. Dieser ist wie ein sehr wohlgekleideter Mann: er wird sich
nirgends anlehnen, und jedermann wird sich hüten, an ihn zu streichen;
er unterscheidet sich vor andern, und doch darf er nicht allein
stehenbleiben; denn wie in jeder Kunst, also auch in dieser, soll
zuletzt das Schwerste mit Leichtigkeit ausgeführt werden; so soll der
Vornehme ungeachtet aller Absonderung immer mit andern verbunden
scheinen, nirgends steif, überall gewandt sein, immer als der Erste
erscheinen und sich nie als ein solcher aufdringen.
Man sieht also, daß man, um vornehm zu scheinen, wirklich vornehm sein
müsse; man sieht, warum Frauen im Durchschnitt sich eher dieses
Ansehen geben können als Männer, warum Hofleute und Soldaten am
schnellsten zu diesem Anstande gelangen."
Wilhelm verzweifelte nun fast an seiner Rolle, allein Serlo half ihm
wieder auf, indem er ihm über das Einzelne die feinsten Bemerkungen
mitteilte und ihn dergestalt ausstattete daß er bei der Aufführung,
wenigstens in den Augen der Menge, einen recht feinen Prinzen
darstellte.
Serlo hatte versprochen, ihm nach der Vorstellung die Bemerkungen
mitzuteilen, die er noch allenfalls über ihn machen würde; allein ein
unangenehmer Streit zwischen Bruder und Schwester hinderte jede
kritische Unterhaltung. Aurelie hatte die Rolle der Orsina auf eine
Weise gespielt, wie man sie wohl niemals wieder sehen wird. Sie war
mit der Rolle überhaupt sehr bekannt und hatte sie in den Proben
gleichgültig behandelt; bei der Aufführung selbst aber zog sie, möchte
man sagen, alle Schleusen ihres individuellen Kummers auf, und es ward
dadurch eine Darstellung, wie sie sich kein Dichter in dem ersten
Feuer der Empfindung hätte denken können. Ein unmäßiger Beifall des
Publikums belohnte ihre schmerzlichen Bemühungen, aber sie lag auch
halb ohnmächtig in einem Sessel, als man sie nach der Aufführung
aufsuchte.
Serlo hatte schon über ihr übertriebenes Spiel, wie er es nannte, und
über die Entblößung ihres innersten Herzens vor dem Publikum, das doch
mehr oder weniger mit jener fatalen Geschichte bekannt war, seinen
Unwillen zu erkennen gegeben und, wie er es im Zorn zu tun pflegte,
mit den Zähnen geknirscht und mit den Füßen gestampft. "Laßt sie",
sagte er, als er sie von den übrigen umgeben in dem Sessel fand, "sie
wird noch ehstens ganz nackt auf das Theater treten, und dann wird
erst der Beifall recht vollkommen sein."
"Undankbarer!" rief sie aus, "Unmenschlicher! Man wird mich bald
nackt dahin tragen, wo kein Beifall mehr zu unsern Ohren kommt!" Mit
diesen Worten sprang sie auf und eilte nach der Türe. Die Magd hatte
versäumt, ihr den Mantel zu bringen, die Portechaise war nicht da; es
hatte geregnet, und ein sehr rauher Wind zog durch die Straßen. Man
redete ihr vergebens zu, denn sie war übermäßig erhitzt; sie ging
vorsätzlich langsam und lobte die Kühlung, die sie recht begierig
einzusaugen schien. Kaum war sie zu Hause, als sie vor Heiserkeit
kaum ein Wort mehr sprechen konnte; sie gestand aber nicht, daß sie im
Nacken und den Rücken hinab eine völlige Steifigkeit fühlte. Nicht
lange, so überfiel sie eine Art von Lähmung der Zunge, so daß sie ein
Wort fürs andere sprach; man brachte sie zu Bette, durch häufig
angewandte Mittel legte sich ein übel, indem sich das andere zeigte.
Das Fieber ward stark und ihr Zustand gefährlich.
Den andern Morgen hatte sie eine ruhige Stunde. Sie ließ Wilhelm
rufen und übergab ihm einen Brief. "Dieses Blatt", sagte sie, "wartet
schon lange auf diesen Augenblick. Ich fühle, daß das Ende meines
Lebens bald herannaht; versprechen Sie mir, daß Sie es selbst abgeben
und daß Sie durch wenige Worte meine Leiden an dem Ungetreuen rächen
wollen. Er ist nicht fühllos, und wenigstens soll ihn mein Tod einen
Augenblick schmerzen."
Wilhelm übernahm den Brief, indem er sie jedoch tröstete und den
Gedanken des Todes von ihr entfernen wollte.
"Nein", versetzte sie, "benehmen Sie mir nicht meine nächste Hoffnung.
Ich habe ihn lange erwartet und will ihn freudig in die Arme
schließen."
Kurz darauf kam das vom Arzt versprochene Manuskript an. Sie ersuchte
Wilhelmen, ihr daraus vorzulesen, und die Wirkung, die es tat, wird
der Leser am besten beurteilen können, wenn er sich mit dem folgenden
Buche bekannt gemacht hat. Das heftige und trotzige Wesen unsrer
armen Freundin ward auf einmal gelindert. Sie nahm den Brief zurück
und schrieb einen andern, wie es schien in sehr sanfter Stimmung; auch
forderte sie Wilhelmen auf, ihren Freund, wenn er irgend durch die
Nachricht ihres Todes betrübt werden sollte, zu trösten, ihn zu
versichern, daß sie ihm verziehen habe und daß sie ihm alles Glück
wünsche.
Von dieser Zeit an war sie sehr still und schien sich nur mit wenigen
Ideen zu beschäftigen, die sie sich aus dem Manuskript eigen zu machen
suchte, woraus ihr Wilhelm von Zeit zu Zeit vorlesen mußte. Die
Abnahme ihrer Kräfte war nicht sichtbar, und unvermutet fand sie
Wilhelm eines Morgens tot, als er sie besuchen wollte.
Bei der Achtung, die er für sie, gehabt, und bei der Gewohnheit, mit
ihr zu leben, war ihm ihr Verlust sehr schmerzlich. Sie war die
einzige Person, die es eigentlich gut mit ihm meinte, und die Kälte
Serlos in der letzten Zeit hatte er nur allzusehr gefühlt. Er eilte
daher, die aufgetragene Botschaft auszurichten, und wünschte sich auf
einige Zeit zu entfernen. Von der andern Seite war für Melina diese
Abreise sehr erwünscht: denn dieser hatte sich bei der weitläufigen
Korrespondenz, die er unterhielt, gleich mit einem Sänger und einer
Sängerin eingelassen, die das Publikum einstweilen durch
Zwischenspiele zur künftigen Oper vorbereiten sollten. Der Verlust
Aureliens und Wilhelms Entfernung sollten auf diese Weise in der
ersten Zeit übertragen werden, und unser Freund war mit allem
zufrieden, was ihm seinen Urlaub auf einige Wochen erleichterte.
Er hatte sich eine sonderbar wichtige Idee von seinem Auftrage gemacht.
Der Tod seiner Freundin hatte ihn tief gerührt, und da er sie so
frühzeitig von dem Schauplatze abtreten sah, mußte er notwendig gegen
den, der ihr Leben verkürzt und dieses kurze Leben ihr so qualvoll
gemacht, feindselig gesinnt sein.
Ungeachtet der letzten gelinden Worte der Sterbenden nahm er sich doch
vor, bei überreichung des Briefs ein strenges Gericht über den
ungetreuen Freund ergehen zu lassen, und da er sich nicht einer
zufälligen Stimmung vertrauen wollte, dachte er an eine Rede, die in
der Ausarbeitung pathetischer als billig ward. Nachdem er sich völlig
von der guten Komposition seines Aufsatzes überzeugt hatte, machte er,
indem er ihn auswendig lernte, Anstalt zu seiner Abreise. Mignon war
beim Einpacken gegenwärtig und fragte ihn, ob er nach Süden oder nach
Norden reise, und als sie das letzte von ihm erfuhr, sagte sie. "So
will ich dich hier wieder erwarten." Sie bat ihn um die Perlenschnur
Marianens, die er dem lieben Geschöpf nicht versagen konnte; das
Halstuch hatte sie schon. Dagegen steckte sie ihm den Schleier des
Geistes in den Mantelsack, ob er ihr gleich sagte, daß ihm dieser Flor
zu keinem Gebrauch sei.
Melina übernahm die Regie, und seine Frau versprach, auf die Kinder
ein mütterliches Auge zu haben, von denen sich Wilhelm ungern losriß.
Felix war sehr lustig beim Abschied, und als man ihn fragte, was er
wolle mitgebracht haben, sagte er: "Höre! bringe mir einen Vater mit."
Mignon nahm den Scheidenden bei der Hand, und indem sie, auf die
Zehen gehoben, ihm einen treuherzigen und lebhaften Kuß, doch ohne
Zärtlichkeit, auf die Lippen drückte, sagte sie: "Meister! vergiß uns
nicht und komm bald wieder."
Und so lassen wir unsern Freund unter tausend Gedanken und
Empfindungen seine Reise antreten und zeichnen hier noch zum Schlusse
ein Gedicht auf, das Mignon mit großem Ausdruck einigemal rezitiert
hatte und das wir früher mitzuteilen durch den Drang so mancher
sonderbaren Ereignisse verhindert wurden.
Heiß mich nicht reden, heiß mich schweigen,
Denn mein Geheimnis ist mir Pflicht;
Ich möchte dir mein ganzes Innre zeigen,
Allein das Schicksal will es nicht.
Zur rechten Zeit vertreibt der Sonne Lauf
Die finstre Nacht, und sie muß sich erhellen,
Der harte Fels schließt seinen Busen auf,
Mißgönnt der Erde nicht die tiefverborgnen Quellen.
Ein jeder sucht im Arm des Freundes Ruh,
Dort kann die Brust in Klagen sich ergießen;
Allein ein Schwur drückt mir die Lippen zu,
Und nur ein Gott vermag sie aufzuschließen.
Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 5"
von Johann Wolfgang von Goethe.
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The Project Gutenberg eBook of Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 6
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Title: Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 6
Author: Johann Wolfgang von Goethe
Release date: September 1, 2000 [eBook #2340]
Most recently updated: April 3, 2015
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/2340
Credits: This etext was prepared by Michael Pullen
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM MEISTERS LEHRJAHRE — BAND 6 ***
This etext was prepared by Michael Pullen,
globaltraveler5565@yahoo.com.
Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 6
Johann Wolfgang von Goethe
Sechstes Buch
Bekenntnisse einer schönen Seele
Bis in mein achtes Jahr war ich ein ganz gesundes Kind, weiß mich aber
von dieser Zeit so wenig zu erinnern als von dem Tage meiner Geburt.
Mit dem Anfange des achten Jahres bekam ich einen Blutsturz, und in
dem Augenblick war meine Seele ganz Empfindung und Gedächtnis. Die
kleinsten Umstände dieses Zufalls stehn mir noch vor Augen, als hätte
er sich gestern ereignet.
Während des neunmonatlichen Krankenlagers, das ich mit Geduld aushielt,
ward, so wie mich dünkt, der Grund zu meiner ganzen Denkart gelegt,
indem meinem Geiste die ersten Hülfsmittel gereicht wurden, sich nach
seiner eigenen Art zu entwickeln.
Ich litt und liebte, das war die eigentliche Gestalt meines Herzens.
In dem heftigsten Husten und abmattenden Fieber war ich stille wie
eine Schnecke, die sich in ihr Haus zieht; sobald ich ein wenig Luft
hatte, wollte ich etwas Angenehmes fühlen, und da mir aller übrige
Genuß versagt war, suchte ich mich durch Augen und Ohren schadlos zu
halten. Man brachte mir Puppenwerk und Bilderbücher, und wer Sitz an
meinem Bette haben wollte, mußte mir etwas erzählen.
Von meiner Mutter hörte ich die biblischen Geschichten gern an; der
Vater unterhielt mich mit Gegenständen der Natur. Er besaß ein
artiges Kabinett. Davon brachte er gelegentlich eine Schublade nach
der andern herunter, zeigte mir die Dinge und erklärte sie mir nach
der Wahrheit. Getrocknete Pflanzen und Insekten und manche Arten von
anatomischen Präparaten, Menschenhaut, Knochen, Mumien und dergleichen
kamen auf das Krankenbette der Kleinen; Vögel und Tiere, die er auf
der Jagd erlegte, wurden mir vorgezeigt, ehe sie nach der Küche gingen;
und damit doch auch der Fürst der Welt eine Stimme in dieser
Versammlung behielte, erzählte mir die Tante Liebesgeschichten und
Feenmärchen. Alles ward angenommen, und alles faßte Wurzel. Ich
hatte Stunden, in denen ich mich lebhaft mit dem unsichtbaren Wesen
unterhielt; ich weiß noch einige Verse, die ich der Mutter damals in
die Feder diktierte.
Oft erzählte ich dem Vater wieder, was ich von ihm gelernt hatte. Ich
nahm nicht leicht eine Arzenei, ohne zu fragen: "Wo wachsen die Dinge,
aus denen sie gemacht ist? wie sehen sie aus? wie heißen sie?" Aber
die Erzählungen meiner Tante waren auch nicht auf einen Stein gefallen.
Ich dachte mich in schöne Kleider und begegnete den allerliebsten
Prinzen, die nicht ruhen noch rasten konnten, bis sie wußten, wer die
unbekannte Schöne war. Ein ähnliches Abenteuer mit einem reizenden
kleinen Engel, der in weißem Gewand und goldnen Flügeln sich sehr um
mich bemühte, setzte ich so lange fort, daß meine Einbildungskraft
sein Bild fast bis zur Erscheinung erhöhte.
Nach Jahresfrist war ich ziemlich wiederhergestellt; aber es war mir
aus der Kindheit nichts Wildes übriggeblieben. Ich konnte nicht
einmal mit Puppen spielen, ich verlangte nach Wesen, die meine Liebe
erwiderten. Hunde, Katzen und Vögel, dergleichen mein Vater von allen
Arten ernährte, vergnügten mich sehr; aber was hätte ich nicht gegeben,
ein Geschöpf zu besitzen, das in einem der Märchen meiner Tante eine
sehr wichtige Rolle spielte. Es war ein Schäfchen, das von einem
Bauermädchen in dem Walde aufgefangen und ernährt worden war, aber in
diesem artigen Tiere stak ein verwünschter Prinz, der sich endlich
wieder als schöner Jüngling zeigte und seine Wohltäterin durch seine
Hand belohnte. So ein Schäfchen hätte ich gar zu gerne besessen!
Nun wollte sich aber keines finden, und da alles neben mir so ganz
natürlich zuging, mußte mir nach und nach die Hoffnung auf einen so
köstlichen Besitz fast vergehen. Unterdessen tröstete ich mich, indem
ich solche Bücher las, in denen wunderbare Begebenheiten beschrieben
wurden. Unter allen war mir der "Christliche deutsche Herkules" der
liebste; die andächtige Liebesgeschichte war ganz nach meinem Sinne.
Begegnete seiner Valiska irgend etwas, und es begegneten ihr grausame
Dinge, so betete er erst, eh er ihr zu Hülfe eilte, und die Gebete
standen ausführlich im Buche. Wie wohl gefiel mir das! Mein Hang zu
dem Unsichtbaren, den ich immer auf eine dunkle Weise fühlte, ward
dadurch nur vermehrt; denn ein für allemal sollte Gott auch mein
Vertrauter sein.
Als ich weiter heranwuchs, las ich, der Himmel weiß was, alles
durcheinander; aber die "Römische Oktavia" behielt vor allen den Preis.
Die Verfolgungen der ersten Christen, in einen Roman gekleidet,
erregten bei mir das lebhafteste Interesse.
Nun fing die Mutter an, über das stete Lesen zu schmälen; der Vater
nahm ihr zuliebe mir einen Tag die Bücher aus der Hand und gab sie mir
den andern wieder. Sie war klug genug zu bemerken, daß hier nichts
auszurichten war, und drang nur darauf, daß auch die Bibel ebenso
fleißig gelesen wurde. Auch dazu ließ ich mich nicht treiben, und ich
las die heiligen Bücher mit vielem Anteil. Dabei war meine Mutter
immer sorgfältig, daß keine verführerischen Bücher in meine Hände
kämen, und ich selbst würde jede schändliche Schrift aus der Hand
geworfen haben; denn meine Prinzen und Prinzessinnen waren alle
äußerst tugendhaft, und ich wußte übrigens von der natürlichen
Geschichte des menschlichen Geschlechts mehr, als ich merken ließ, und
hatte es meistens aus der Bibel gelernt. Bedenkliche Stellen hielt
ich mit Worten und Dingen, die mir vor Augen kamen, zusammen und
brachte bei meiner Wißbegierde und Kombinationsgabe die Wahrheit
glücklich heraus. Hätte ich von Hexen gehört, so hätte ich auch mit
der Hexerei bekannt werden müssen.
Meiner Mutter und dieser Wißbegierde hatte ich es zu danken, daß ich
bei dem heftigen Hang zu Büchern doch kochen lernte; aber dabei war
etwas zu sehen. Ein Huhn, ein Ferkel aufzuschneiden war für mich ein
Fest. Dem Vater brachte ich die Eingeweide, und er redete mit mir
darüber wie mit einem jungen Studenten und pflegte mich oft mit
inniger Freude seinen mißratenen Sohn zu nennen.
Nun war das zwölfte Jahr zurückgelegt. Ich lernte Französisch, Tanzen
und Zeichnen und erhielt den gewöhnlichen Religionsunterricht. Bei
dem letzten wurden manche Empfindungen und Gedanken rege, aber nichts,
was sich auf meinen Zustand bezogen hätte. Ich hörte gern von Gott
reden, ich war stolz darauf, besser als meinesgleichen von ihm reden
zu können; ich las nun mit Eifer manche Bücher, die mich in den Stand
setzten, von Religion zu schwatzen, aber nie fiel es mir ein zu denken,
wie es denn mit mir stehe, ob meine Seele auch so gestaltet sei, ob
sie einem Spiegel gleiche, von dem die ewige Sonne widerglänzen könnte;
das hatte ich ein für allemal schon vorausgesetzt.
Französisch lernte ich mit vieler Begierde. Mein Sprachmeister war
ein wackerer Mann. Er war nicht ein leichtsinniger Empiriker, nicht
ein trocknet Grammatiker; er hatte Wissenschaften, er hatte die Welt
gesehen. Zugleich mit dem Sprachunterrichte sättigte er meine
Wißbegierde auf mancherlei Weise. Ich liebte ihn so sehr, daß ich
seine Ankunft immer mit Herzklopfen erwartete. Das Zeichnen fiel mir
nicht schwer, und ich würde es weiter gebracht haben, wenn mein
Meister Kopf und Kenntnisse gehabt hätte; er hatte aber nur Hände und
übung.
Tanzen war anfangs nur meine geringste Freude; mein Körper war zu
empfindlich, und ich lernte nur in der Gesellschaft meiner Schwester.
Durch den Einfall unsers Tanzmeisters, allen seinen Schülern und
Schülerinnen einen Ball zu geben, ward aber die Lust zu dieser übung
ganz anders belebt.
Unter vielen Knaben und Mädchen zeichneten sich zwei Söhne des
Hofmarschalls aus: der jüngste so alt wie ich, der andere zwei Jahre
älter, Kinder von einer solchen Schönheit, daß sie nach dem
allgemeinen Geständnis alles übertrafen, was man je von schönen
Kindern gesehen hatte. Auch ich hatte sie kaum erblickt, so sah ich
niemand mehr vom ganzen Haufen. In dem Augenblicke tanzte ich mit
Aufmerksamkeit und wünschte schön zu tanzen. Wie es kam, daß auch
diese Knaben unter allen andern mich vorzüglich bemerkten?--Genug, in
der ersten Stunde waren wir die besten Freunde, und die kleine
Lustbarkeit ging noch nicht zu Ende, so hatten wir schon ausgemacht,
wo wir uns nächstens wiedersehen wollten. Eine große Freude für mich!
Aber ganz entzückt war ich, als beide den andern Morgen, jeder in
einem galanten Billett, das mit einem Blumenstrauß begleitet war, sich
nach meinem Befinden erkundigten. So fühlte ich nie mehr, wie ich da
fühlte! Artigkeiten wurden mit Artigkeiten, Briefchen mit Briefchen
erwidert. Kirche und Promenaden wurden von nun an zu Rendezvous;
unsre jungen Bekannten luden uns schon jederzeit zusammen ein, wir
aber waren schlau genug, die Sache dergestalt zu verdecken, daß die
Eltern nicht mehr davon einsahen, als wir für gut hielten.
Nun hatte ich auf einmal zwei Liebhaber bekommen. Ich war für keinen
entschieden; sie gefielen mir beide, und wir standen aufs beste
zusammen. Auf einmal ward der ältere sehr krank; ich war selbst schon
oft sehr krank gewesen und wußte den Leidenden durch übersendung
mancher Artigkeiten und für einen Kranken schicklicher Leckerbissen zu
erfreuen, daß seine Eltern die Aufmerksamkeit dankbar erkannten, der
Bitte des lieben Sohns Gehör gaben und mich samt meinen Schwestern,
sobald er nur das Bette verlassen hatte, zu ihm einluden. Die
Zärtlichkeit, womit er mich empfing, war nicht kindisch, und von dem
Tage an war ich für ihn entschieden. Er warnte mich gleich, vor
seinem Bruder geheim zu sein; allein das Feuer war nicht mehr zu
verbergen, und die Eifersucht des Jüngern machte den Roman vollkommen.
Er spielte uns tausend Streiche; mit Lust vernichtete er unsre
Freunde und vermehrte dadurch die Leidenschaft, die er zu zerstören
suchte.
Nun hatte ich denn wirklich das gewünschte Schäfchen gefunden, und
diese Leidenschaft hatte, wie sonst eine Krankheit, die Wirkung auf
mich, daß sie mich still machte und mich von der schwärmenden Freude
zurückzog. Ich war einsam und gerührt, und Gott fiel mir wieder ein.
Er blieb mein Vertrauter, und ich weiß wohl, mit welchen Tränen ich
für den Knaben, der fortkränkelte, zu beten anhielt.
Soviel Kindisches in dem Vorgang war, soviel trug er zur Bildung
meines Herzens bei. Unserm französischen Sprachmeister mußten wir
täglich statt der sonst gewöhnlichen übersetzung Briefe von unsrer
eignen Erfindung schreiben. Ich brachte meine Liebesgeschichte unter
dem Namen Phyllis und Damon zu Markte. Der Alte sah bald durch, und
um mich treuherzig zu machen, lobte er meine Arbeit gar sehr. Ich
wurde immer kühner, ging offenherzig heraus und war bis ins Detail der
Wahrheit getreu. Ich weiß nicht mehr, bei welcher Stelle er einst
Gelegenheit nahm zu sagen: "Wie das artig, wie das natürlich ist!
Aber die gute Phyllis mag sich in acht nehmen, es kann bald ernsthaft
werden."
Mich verdroß, daß er die Sache nicht schon für ernsthaft hielt, und
fragte ihn pikiert, was er unter ernsthaft verstehe? Er ließ sich
nicht zweimal fragen und erklärte sich so deutlich, daß ich meinen
Schrecken kaum verbergen konnte. Doch da sich gleich darauf bei mir
der Verdruß einstellte und ich ihm übelnahm, daß er solche Gedanken
hegen könne, faßte ich mich, wollte meine Schöne rechtfertigen und
sagte mit feuerroten Wangen: "Aber, mein Herr, Phyllis ist ein
ehrbares Mädchen!"
Nun war er boshaft genug, mich mit meiner ehrbaren Heldin aufzuziehen
und, indem wir Französisch sprachen, mit dem "honnete" zu spielen, um
die Ehrbarkeit der Phyllis durch alle Bedeutungen durchzuführen. Ich
fühlte das Lächerliche und war äußerst verwirrt. Er, der mich nicht
furchtsam machen wollte, brach ab, brachte aber das Gespräch bei
andern Gelegenheiten wieder auf die Bahn. Schauspiele und kleine
Geschichten, die ich bei ihm las und übersetzte, gaben ihm oft Anlaß
zu zeigen, was für ein schwacher Schutz die sogenannte Tugend gegen
die Aufforderungen eines Affekts sei. Ich widersprach nicht mehr,
ärgerte mich aber immer heimlich, und seine Anmerkungen wurden mir zur
Last.
Mit meinem guten Damon kam ich auch nach und nach aus aller Verbindung.
Die Schikanen des Jüngern hatten unsern Umgang zerrissen. Nicht
lange Zeit darauf starben beide blühende Jünglinge. Es tat mir weh,
aber bald waren sie vergessen.
Phyllis wuchs nun schnell heran, war ganz gesund und fing an, die Welt
zu sehen. Der Erbprinz vermählte sich und trat bald darauf nach dem
Tode seines Vaters die Regierung an. Hof und Stadt waren in lebhafter
Bewegung. Nun hatte meine Neugierde mancherlei Nahrung. Nun gab es
Komödien, Bälle und was sich daran anschließt, und ob uns gleich die
Eltern soviel als möglich zurückhielten, so mußte man doch bei Hof, wo
ich eingeführt war, erscheinen. Die Fremden strömten herbei, in allen
Häusern war große Welt, an uns selbst waren einige Kavaliere empfohlen
und andre introduziert, und bei meinem Oheim waren alle Nationen
anzutreffen.
Mein ehrlicher Mentor fuhr fort, mich auf eine bescheidene und doch
treffende Weise zu warnen, und ich nahm es ihm immer heimlich übel.
Ich war keinesweges von der Wahrheit seiner Behauptung überzeugt, und
vielleicht hatte ich auch damals recht, vielleicht hatte er unrecht,
die Frauen unter allen Umständen für so schwach zu halten; aber er
redete zugleich so zudringlich, daß mir einst bange wurde, er möchte
recht haben, da ich denn sehr lebhaft zu ihm sagte: "Weil die Gefahr
so groß und das menschliche Herz so schwach ist, so will ich Gott
bitten, daß er mich bewahre."
Die naive Antwort schien ihn zu freuen, er lobte meinen Vorsatz; aber
es war bei mir nichts weniger als ernstlich gemeint; diesmal war es
nur ein leeres Wort: denn die Empfindungen für den Unsichtbaren waren
bei mir fast ganz verloschen. Der große Schwarm, mit dem ich umgeben
war, zerstreute mich und riß mich wie ein starker Strom mit fort. Es
waren die leersten Jahre meines Lebens. Tagelang von nichts zu reden,
keinen gesunden Gedanken zu haben und nur zu schwärmen, das war meine
Sache. Nicht einmal der geliebten Bücher wurde gedacht. Die Leute,
mit denen ich umgeben war, hatten keine Ahnung von Wissenschaften; es
waren deutsche Hofleute, und diese Klasse hatte damals nicht die
mindeste Kultur.
Ein solcher Umgang, sollte man denken, hätte mich an den Rand des
Verderbens führen müssen. Ich lebte in sinnlicher Munterkeit nur so
hin, ich sammelte mich nicht, ich betete nicht, ich dachte nicht an
mich noch an Gott; aber ich sah es als eine Führung an, daß mir keiner
von den vielen schönen, reichen und wohlgekleideten Männern gefiel.
Sie waren liederlich und versteckten es nicht, das schreckte mich
zurück; ihr Gespräch zierten sie mit Zweideutigkeiten, das beleidigte
mich, und ich hielt mich kalt gegen sie; ihre Unart überstieg manchmal
allen Glauben, und ich erlaubte mir, grob zu sein.
überdies hatte mir mein Alter einmal vertraulich eröffnet, daß mit den
meisten dieser leidigen Bursche nicht allein die Tugend, sondern auch
die Gesundheit eines Mädchens in Gefahr sei. Nun graute mir erst vor
ihnen, und ich war schon besorgt, wenn mir einer auf irgendeine Weise
zu nahe kam. Ich hütete mich vor Gläsern und Tassen wie vor dem
Stuhle, von dem einer aufgestanden war. Auf diese Weise war ich
moralisch und physisch sehr isoliert, und alle die Artigkeiten, die
sie mir sagten, nahm ich stolz für schuldigen Weihrauch auf.
Unter den Fremden, die sich damals bei uns aufhielten, zeichnete sich
ein junger Mann besonders aus, den wir im Scherz Narziß nannten. Er
hatte sich in der diplomatischen Laufbahn guten Ruf erworben und
hoffte bei verschiedenen Veränderungen, die an unserm neuen Hofe
vorgingen, vorteilhaft plaziert zu werden. Er ward mit meinem Vater
bald bekannt, und seine Kenntnisse und sein Betragen öffneten ihm den
Weg in eine geschlossene Gesellschaft der würdigsten Männer. Mein
Vater sprach viel zu seinem Lobe, und seine schöne Gestalt hätte noch
mehr Eindruck gemacht, wenn sein ganzes Wesen nicht eine Art von
Selbstgefälligkeit gezeigt hätte. Ich hatte ihn gesehen, dachte gut
von ihm, aber wir hatten uns nie gesprochen.
Auf einem großen Balle, auf dem er sich auch befand, tanzten wir eine
Menuett zusammen; auch das ging ohne nähere Bekanntschaft ab. Als die
heftigen Tänze angingen, die ich meinem Vater zuliebe, der für meine
Gesundheit besorgt war, zu vermeiden pflegte, begab ich mich in ein
Nebenzimmer und unterhielt mich mit ältern Freundinnen, die sich zum
Spiele gesetzt hatten.
VI. Buch--2
Narziß, der eine Weile mit herumgesprungen war, kam auch einmal in
das Zimmer, in dem ich mich befand, und fing, nachdem er sich von
einem Nasenbluten, das ihn beim Tanzen überfiel, erholt hatte, mit mir
über mancherlei zu sprechen an. Binnen einer halben Stunde war der
Diskurs so interessant, ob sich gleich keine Spur von Zärtlichkeit
dreinmischte, daß wir nun beide das Tanzen nicht mehr vertragen
konnten. Wir wurden bald von den andern darüber geneckt, ohne daß wir
uns dadurch irremachen ließen. Den andern Abend konnten wir unser
Gespräch wieder anknüpfen und schonten unsre Gesundheit sehr.
Nun war die Bekanntschaft gemacht. Narziß wartete mir und meinen
Schwestern auf, und nun fing ich erst wieder an gewahr zu werden, was
ich alles wußte, worüber ich gedacht, was ich empfunden hatte und
worüber ich mich im Gespräche auszudrücken verstand. Mein neuer
Freund, der von jeher in der besten Gesellschaft gewesen war, hatte
außer dem historischen und politischen Fache, das er ganz übersah,
sehr ausgebreitete literarische Kenntnisse, und ihm blieb nichts Neues,
besonders was in Frankreich herauskam, unbekannt. Er brachte und
sendete mir manch angenehmes Buch, doch das mußte geheimer als ein
verbotenes Liebesverständnis gehalten werden. Man hatte die gelehrten
Weiber lächerlich gemacht, und man wollte auch die unterrichteten
nicht leiden, wahrscheinlich weil man für unhöflich hielt, so viel
unwissende Männer beschämen zu lassen. Selbst mein Vater, dem diese
neue Gelegenheit, meinen Geist auszubilden, sehr erwünscht war,
verlangte ausdrücklich, daß dieses literarische Kommerz ein Geheimnis
bleiben sollte.
So währte unser Umgang beinahe Jahr und Tag, und ich konnte nicht
sagen, daß Narziß auf irgendeine Weise Liebe oder Zärtlichkeit gegen
mich geäußert hätte. Er blieb artig und verbindlich, aber zeigte
keinen Affekt; vielmehr schien der Reiz meiner jüngsten Schwester, die
damals außerordentlich schön war, ihn nicht gleichgültig zu lassen.
Er gab ihr im Scherze allerlei freundliche Namen aus fremden Sprachen,
deren mehrere er sehr gut sprach und deren eigentümliche Redensarten
er gern ins deutsche Gespräch mischte. Sie erwiderte seine
Artigkeiten nicht sonderlich; sie war von einem andern Fädchen
gebunden, und da sie überhaupt sehr rasch und er empfindlich war, so
wurden sie nicht selten über Kleinigkeiten uneins. Mit der Mutter und
den Tanten wußte er sich gut zu halten, und so war er nach und nach
ein Glied der Familie geworden.
Wer weiß, wie lange wir noch auf diese Weise fortgelebt hätten, wären
durch einen sonderbaren Zufall unsere Verhältnisse nicht auf einmal
verändert worden. Ich ward mit meinen Schwestern in ein gewisses Haus
gebeten, wohin ich nicht gerne ging. Die Gesellschaft war zu gemischt,
und es fanden sich dort oft Menschen, wo nicht vom rohsten, doch vom
plattsten Schlage mit ein. Diesmal war Narziß auch mit geladen, und
um seinetwillen war ich geneigt hinzugehen: denn ich war doch gewiß,
jemanden zu finden, mit dem ich mich auf meine Weise unterhalten
konnte. Schon bei Tafel hatten wir manches auszustehen, denn einige
Männer hatten stark getrunken; nach Tische sollten und mußten Pfänder
gespielt werden. Es ging dabei sehr rauschend und lebhaft zu. Narziß
hatte ein Pfand zu lösen; man gab ihm auf, der ganzen Gesellschaft
etwas ins Ohr zu sagen, das jedermann angenehm wäre. Er mochte sich
bei meiner Nachbarin, der Frau eines Hauptmanns, zu lange verweilen.
Auf einmal gab ihm dieser eine Ohrfeige, daß mir, die ich gleich daran
saß, der Puder in die Augen flog. Als ich die Augen ausgewischt und
mich vom Schrecken einigermaßen erholt hatte, sah ich beide Männer mit
bloßen Degen. Narziß blutete, und der andere, außer sich von Wein,
Zorn und Eifersucht, konnte kaum von der ganzen übrigen Gesellschaft
zurückgehalten werden. Ich nahm Narzissen beim Arm und führte ihn zur
Türe hinaus, eine Treppe hinauf in ein ander Zimmer, und weil ich
meinen Freund vor seinem tollen Gegner nicht sicher glaubte, riegelte
ich die Türe sogleich zu.
Wir hielten beide die Wunde nicht für ernsthaft, denn wir sahen nur
einen leichten Hieb über die Hand; bald aber wurden wir einen Strom
von Blut, der den Rücken hinunterfloß, gewahr, und es zeigte sich eine
große Wunde auf dem Kopfe. Nun ward mir bange. Ich eilte auf den
Vorplatz, um nach Hülfe zu schicken, konnte aber niemand ansichtig
werden, denn alles war unten geblieben, den rasenden Menschen zu
bändigen. Endlich kam eine Tochter des Hauses heraufgesprungen, und
ihre Munterkeit ängstigte mich nicht wenig, da sie sich über den
tollen Spektakel und über die verfluchte Komödie fast zu Tode lachen
wollte. Ich bat sie dringend, mir einen Wundarzt zu schaffen, und sie,
nach ihrer wilden Art, sprang gleich die Treppe hinunter, selbst
einen zu holen.
Ich ging wieder zu meinem Verwundeten, band ihm mein Schnupftuch um
die Hand und ein Handtuch, das an der Türe hing, um den Kopf. Er
blutete noch immer heftig: der Verwundete erblaßte und schien in
Ohnmacht zu sinken. Niemand war in der Nähe, der mir hätte beistehen
können; ich nahm ihn sehr ungezwungen in den Arm und suchte ihn durch
Streicheln und Schmeicheln aufzumuntern. Es schien die Wirkung eines
geistigen Heilmittels zu tun; er blieb bei sich, aber saß totenbleich
da.
Nun kam endlich die tätige Hausfrau, und wie erschrak sie, als sie den
Freund in dieser Gestalt in meinen Armen liegen und uns alle beide mit
Blut überströmt sah: denn niemand hatte sich vorgestellt, daß Narziß
verwundet sei; alle meinten, ich habe ihn glücklich hinausgebracht.
Nun war Wein, wohlriechendes Wasser, und was nur erquicken und
erfrischen konnte, im überfluß da, nun kam auch der Wundarzt, und ich
hätte wohl abtreten können; allein Narziß hielt mich fest bei der Hand,
und ich wäre, ohne gehalten zu werden, stehengeblieben. Ich fuhr
während des Verbandes fort, ihn mit Wein anzustreichen, und achtete es
wenig, daß die ganze Gesellschaft nunmehr umherstand. Der Wundarzt
hatte geendigt, der Verwundete nahm einen stummen, verbindlichen
Abschied von mir und wurde nach Hause getragen.
Nun führte mich die Hausfrau in ihr Schlafzimmer; sie mußte mich ganz
auskleiden, und ich darf nicht verschweigen, daß ich, da man sein Blut
von meinem Körper abwusch, zum erstenmal zufällig im Spiegel gewahr
wurde, daß ich mich auch ohne Hülle für schön halten durfte. Ich
konnte keines meiner Kleidungsstücke wieder anziehn, und da die
Personen im Hause alle kleiner oder stärker waren als ich, so kam ich
in einer seltsamen Verkleidung zum größten Erstaunen meiner Eltern
nach Hause. Sie waren über mein Schrecken, über die Wunden des
Freundes, über den Unsinn des Hauptmanns, über den ganzen Vorfall
äußerst verdrießlich. Wenig fehlte, so hätte mein Vater selbst,
seinen Freund auf der Stelle zu rächen, den Hauptmann herausgefordert.
Er schalt die anwesenden Herren, daß sie ein solches meuchlerisches
Beginnen nicht auf der Stelle geahndet; denn es war nur zu offenbar,
daß der Hauptmann sogleich, nachdem er geschlagen, den Degen gezogen
und Narzissen von hinten verwundet habe; der Hieb über die Hand war
erst geführt worden, als Narziß selbst zum Degen griff. Ich war
unbeschreiblich alteriert und affiziert, oder wie soll ich es
ausdrücken; der Affekt, der im tiefsten Grunde des Herzens ruhte, war
auf einmal losgebrochen wie eine Flamme, welche Luft bekömmt. Und
wenn Lust und Freude sehr geschickt sind, die Liebe zuerst zu erzeugen
und im stillen zu nähren, so wird sie, die von Natur herzhaft ist,
durch den Schrecken am leichtesten angetrieben, sich zu entscheiden
und zu erklären. Man gab dem Töchterchen Arznei ein und legte es zu
Bette. Mit dem frühesten Morgen eilte mein Vater zu dem verwundeten
Freund, der an einem starken Wundfieber recht krank darniederlag.
Mein Vater sagte mir wenig von dem, was er mit ihm geredet hatte, und
suchte mich wegen der Folgen, die dieser Vorfall haben könnte, zu
beruhigen. Es war die Rede, ob man sich mit einer Abbitte begnügen
könne, ob die Sache gerichtlich werden müsse, und was dergleichen mehr
war. Ich kannte meinen Vater zu wohl, als daß ich ihm geglaubt hätte,
daß er diese Sache ohne Zweikampf geendigt zu sehen wünschte; allein
ich blieb still, denn ich hatte von meinem Vater früh gelernt, daß
Weiber in solche Händel sich nicht zu mischen hätten. übrigens schien
es nicht, als wenn zwischen den beiden Freunden etwas vorgefallen wäre,
das mich betroffen hätte; doch bald vertraute mein Vater den Inhalt
seiner weitern Unterredung meiner Mutter. Narziß, sagte er, sei
äußerst gerührt von meinem geleisteten Beistand, habe ihn umarmt, sich
für meinen ewigen Schuldner erklärt, bezeigt, er verlange kein Glück,
wenn er es nicht mit mir teilen sollte; er habe sich die Erlaubnis
ausgebeten, ihn als Vater ansehn zu dürfen. Mama sagte mir das alles
treulich wieder, hängte aber die wohlmeinende Erinnerung daran, auf so
etwas, das in der ersten Bewegung gesagt worden, dürfe man so sehr
nicht achten. "Ja freilich", antwortete ich mit angenommener Kälte
und fühlte der Himmel weiß was und wieviel dabei.
Narziß blieb zwei Monate krank, konnte wegen der Wunde an der rechten
Hand nicht einmal schreiben, bezeigte mir aber inzwischen sein
Andenken durch die verbindlichste Aufmerksamkeit. Alle diese mehr als
gewöhnlichen Höflichkeiten hielt ich mit dem, was ich von der Mutter
erfahren hatte, zusammen, und beständig war mein Kopf voller Grillen.
Die ganze Stadt unterhielt sich von der Begebenheit. Man sprach mit
mir davon in einem besondern Tone, man zog Folgerungen daraus, die,
sosehr ich sie abzulehnen suchte, mir immer sehr nahegingen. Was
vorher Tändelei und Gewohnheit gewesen war, ward nun Ernst und Neigung.
Die Unruhe, in der ich lebte, war um so heftiger, je sorgfältiger
ich sie vor allen Menschen zu verbergen suchte. Der Gedanke, ihn zu
verlieren, erschreckte mich, und die Möglichkeit einer nähern
Verbindung machte mich zittern. Der Gedanke des Ehestandes hat für
ein halbkluges Mädchen gewiß etwas Schreckhaftes.
Durch diese heftigen Erschütterungen ward ich wieder an mich selbst
erinnert. Die bunten Bilder eines zerstreuten Lebens, die mir sonst
Tag und Nacht vor den Augen schwebten, waren auf einmal weggeblasen.
Meine Seele fing wieder an, sich zu regen; allein die sehr
unterbrochene Bekanntschaft mit dem unsichtbaren Freunde war so leicht
nicht wiederhergestellt. Wir blieben noch immer in ziemlicher
Entfernung; es war wieder etwas, aber gegen sonst ein großer
Unterschied.
Ein Zweikampf, worin der Hauptmann stark verwundet wurde, war vorüber,
ohne daß ich etwas davon erfahren hatte, und die öffentliche Meinung
war in jedem Sinne auf der Seite meines Geliebten, der endlich wieder
auf dem Schauplatze erschien. Vor allen Dingen ließ er sich mit
verbundnem Haupt und eingewickelter Hand in unser Haus tragen. Wie
klopfte mir das Herz bei diesem Besuche! Die ganze Familie war
gegenwärtig; es blieb auf beiden Seiten nur bei allgemeinen
Danksagungen und Höflichkeiten; doch fand er Gelegenheit, mir einige
geheime Zeichen seiner Zärtlichkeit zu geben, wodurch meine Unruhe nur
zu sehr vermehrt ward. Nachdem er sich völlig wieder erholt, besuchte
er uns den ganzen Winter auf ebendem Fuß wie ehemals, und bei allen
leisen Zeichen von Empfindung und Liebe, die er mir gab, blieb alles
unerörtert.
Auf diese Weise ward ich in steter übung gehalten. Ich konnte mich
keinem Menschen vertrauen, und von Gott war ich zu weit entfernt. Ich
hatte diesen während vier wilder Jahre ganz vergessen; nun dachte ich
dann und wann wieder an ihn, aber die Bekanntschaft war erkaltet; es
waren nur Zeremonienvisiten, die ich ihm machte, und da ich überdies,
wenn ich vor ihm erschien, immer schöne Kleider anlegte, meine Tugend,
Ehrbarkeit und Vorzüge, die ich vor andern zu haben glaubte, ihm mit
Zufriedenheit vorwies, so schien er mich in dem Schmucke gar nicht zu
bemerken.
Ein Höfling würde, wenn sein Fürst, von dem er sein Glück erwartet,
sich so gegen ihn betrüge, sehr beunruhigt werden; mir aber war nicht
übel dabei zumute. Ich hatte, was ich brauchte, Gesundheit und
Bequemlichkeit; wollte sich Gott mein Andenken gefallen lassen, so war
es gut; wo nicht, so glaubte ich doch meine Schuldigkeit getan zu
haben.
So dachte ich freilich damals nicht von mir; aber es war doch die
wahrhafte Gestalt meiner Seele. Meine Gesinnungen zu ändern und zu
reinigen, waren aber auch schon Anstalten gemacht.
Der Frühling kam heran, und Narziß besuchte mich unangemeldet zu einer
Zeit, da ich ganz allein zu Hause war. Nun erschien er als Liebhaber
und fragte mich, ob ich ihm mein Herz und, wenn er eine ehrenvolle,
wohlbesoldete Stelle erhielte, auch dereinst meine Hand schenken
wollte.
Man hatte ihn zwar in unsre Dienste genommen; allein anfangs hielt man
ihn, weil man sich vor seinem Ehrgeiz fürchtete, mehr zurück, als daß
man ihn schnell emporgehoben hätte, und ließ ihn, weil er eignes
Vermögen hatte, bei einer kleinen Besoldung.
Bei aller meiner Neigung zu ihm wußte ich, daß er der Mann nicht war,
mit dem man ganz gerade handeln konnte. Ich nahm mich daher zusammen
und verwies ihn an meinen Vater, an dessen Einwilligung er nicht zu
zweifeln schien und mit mir erst auf der Stelle einig sein wollte.
Endlich sagte ich ja, indem ich die Beistimmung meiner Eltern zur
notwendigen Bedingung machte. Er sprach alsdann mit beiden förmlich;
sie zeigten ihre Zufriedenheit, man gab sich das Wort auf den bald zu
hoffenden Fall, daß man ihn weiter avancieren werde. Schwestern und
Tanten wurden davon benachrichtigt und ihnen das Geheimnis auf das
strengste anbefohlen.
Nun war aus einem Liebhaber ein Bräutigam geworden. Die
Verschiedenheit zwischen beiden zeigte sich sehr groß. Könnte jemand
die Liebhaber aller wohldenkenden Mädchen in Bräutigame verwandeln, so
wäre es eine große Wohltat für unser Geschlecht, selbst wenn auf
dieses Verhältnis keine Ehe erfolgen sollte. Die Liebe zwischen
beiden Personen nimmt dadurch nicht ab, aber sie wird vernünftiger.
Unzählige kleine Torheiten, alle Koketterien und Launen fallen gleich
hinweg. äußert uns der Bräutigam, daß wir ihm in einer Morgenhaube
besser als in dem schönsten Aufsatze gefallen, dann wird einem
wohldenkenden Mädchen gewiß die Frisur gleichgültig, und es ist nichts
natürlicher, als daß er auch solid denkt und lieber sich eine Hausfrau
als der Welt eine Putzdocke zu bilden wünscht. Und so geht es durch
alle Fächer durch.
Hat ein solches Mädchen dabei das Glück, daß ihr Bräutigam Verstand
und Kenntnisse besitzt, so lernt sie mehr, als hohe Schulen und fremde
Länder geben können. Sie nimmt nicht nur alle Bildung gern an, die er
ihr gibt, sondern sie sucht sich auch auf diesem Wege so immer
weiterzubringen. Die Liebe macht vieles Unmögliche möglich, und
endlich geht die dem weiblichen Geschlecht so nötige und anständige
Unterwerfung sogleich an; der Bräutigam herrscht nicht wie der Ehemann;
er bittet nur, und seine Geliebte sucht ihm abzumerken, was er
wünscht, um es noch eher zu vollbringen, als er bittet.
So hat mich die Erfahrung gelehrt, was ich nicht um vieles missen
möchte. Ich war glücklich, wahrhaft glücklich, wie man es in der Welt
sein kann, das heißt auf kurze Zeit.
Ein Sommer ging unter diesen stillen Freuden hin. Narziß gab mir
nicht die mindeste Gelegenheit zu Beschwerden; er ward mir immer
lieber, meine ganze Seele hing an ihm, das wußte er wohl und wußte es
zu schätzen. Inzwischen entspann sich aus anscheinenden Kleinigkeiten
etwas, das unserm Verhältnisse nach und nach schädlich wurde.
Narziß ging als Bräutigam mit mir um, und nie wagte er es, das von mir
zu begehren, was uns noch verboten war. Allein über die Grenzen der
Tugend und Sittsamkeit waren wir sehr verschiedener Meinung. Ich
wollte sichergehen und erlaubte durchaus keine Freiheit, als welche
allenfalls die ganze Welt hätte wissen dürfen. Er, an Näschereien
gewöhnt, fand diese Diät sehr streng; hier setzte es nun beständigen
Widerspruch; er lobte mein Verhalten und suchte meinen Entschluß zu
untergraben.
Mir fiel das "ernsthaft" meines alten Sprachmeisters wieder ein und
zugleich das Hülfsmittel, das ich damals dagegen angegeben hatte.
Mit Gott war ich wieder ein wenig bekannter geworden. Er hatte mir so
einen lieben Bräutigam gegeben, und dafür wußte ich ihm Dank. Die
irdische Liebe selbst konzentrierte meinen Geist und setzte ihn in
Bewegung, und meine Beschäftigung mit Gott widersprach ihr nicht.
Ganz natürlich klagte ich ihm, was mich bange machte, und bemerkte
nicht, daß ich selbst das, was mich bange machte, wünschte und
begehrte. Ich kam mir sehr stark vor und betete nicht etwa: "Bewahre
mich vor Versuchung!" über die Versuchung war ich meinen Gedanken nach
weit hinaus. In diesem losen Flitterschmuck eigner Tugend erschien
ich dreist vor Gott; er stieß mich nicht weg; auf die geringste
Bewegung zu ihm hinterließ er einen sanften Eindruck in meiner Seele,
und dieser Eindruck bewegte mich, ihn immer wieder aufzusuchen.
VI. Buch--3
Die ganze Welt war mir außer Narzissen tot, nichts hatte außer ihm
einen Reiz für mich. Selbst meine Liebe zum Putz hatte nur den Zweck,
ihm zu gefallen; wußte ich, daß er mich nicht sah, so konnte ich keine
Sorgfalt darauf wenden. Ich tanzte gern; wenn er aber nicht dabei war,
so schien mir, als wenn ich die Bewegung nicht vertragen könnte. Auf
ein brillantes Fest, bei dem er nicht zugegen war, konnte ich mir
weder etwas Neues anschaffen noch das Alte der Mode gemäß aufstutzen.
Einer war mir so lieb als der andere, doch möchte ich lieber sagen:
einer so lästig als der andere. Ich glaubte meinen Abend recht gut
zugebracht zu haben, wenn ich mir mit ältern Personen ein Spiel
ausmachen konnte, wozu ich sonst nicht die mindeste Lust hatte, und
wenn ein alter, guter Freund mich etwa scherzhaft darüber aufzog,
lächelte ich vielleicht das erstemal den ganzen Abend. So ging es mit
Promenaden und allen gesellschaftlichen Vergnügungen, die sich nur
denken lassen:
Ich hatt ihn einzig mir erkoren; Ich schien mir nur für ihn geboren,
Begehrte nichts als seine Gunst.
So war ich oft in der Gesellschaft einsam, und die völlige Einsamkeit
war mir meistens lieber. Allein mein geschäftiger Geist konnte weder
schlafen noch träumen; ich fühlte und dachte und erlangte nach und
nach eine Fertigkeit, von meinen Empfindungen und Gedanken mit Gott zu
reden. Da entwickelten sich Empfindungen anderer Art in meiner Seele,
die jenen nicht widersprachen. Denn meine Liebe zu Narziß war dem
ganzen Schöpfungsplane gemäß und stieß nirgend gegen meine Pflichten
an. Sie widersprachen sich nicht und waren doch unendlich verschieden.
Narziß war das einzige Bild, das mir vorschwebte, auf das sich meine
ganze Liebe bezog; aber das andere Gefühl bezog sich auf kein Bild und
war unaussprechlich angenehm. Ich habe es nicht mehr und kann es mir
nicht mehr geben.
Mein Geliebter, der sonst alle meine Geheimnisse wußte, erfuhr nichts
hiervon. Ich merkte bald, daß er anders dachte; er gab mir öfters
Schriften, die alles, was man Zusammenhang mit dem Unsichtbaren heißen
kann, mit leichten und schweren Waffen bestritten. Ich las die Bücher,
weil sie von ihm kamen, und wußte am Ende kein Wort von allem dem,
was darin gestanden hatte.
über Wissenschaften und Kenntnisse ging es auch nicht ohne Widerspruch
ab; er machte es wie alle Männer, spottete über gelehrte Frauen und
bildete unaufhörlich an mir. über alle Gegenstände, die
Rechtsgelehrsamkeit ausgenommen, pflegte er mit mir zu sprechen, und
indem er mir Schriften von allerlei Art beständig zubrachte,
wiederholte er oft die bedenkliche Lehre: daß ein Frauenzimmer sein
Wissen heimlicher halten müsse als der Kalvinist seinen Glauben im
katholischen Lande; und indem ich wirklich auf eine ganz natürliche
Weise vor der Welt mich nicht klüger und unterrichteter als sonst zu
zeigen pflegte, war er der erste, der gelegentlich der Eitelkeit nicht
widerstehen konnte, von meinen Vorzügen zu sprechen.
Ein berühmter und damals wegen seines Einflusses, seiner Talente und
seines Geistes sehr geschätzter Weltmann fand an unserm Hofe großen
Beifall. Er zeichnete Narzissen besonders aus und hatte ihn beständig
um sich. Sie stritten auch über die Tugend der Frauen. Narziß
vertraute mir weitläufig ihre Unterredung; ich blieb mit meinen
Anmerkungen nicht dahinten, und mein Freund verlangte von mir einen
schriftlichen Aufsatz. Ich schrieb ziemlich geläufig Französisch: ich
hatte bei meinem Alten einen guten Grund gelegt. Die Korrespondenz
mit meinem Freunde war in dieser Sprache geführt, und eine feinere
Bildung konnte man überhaupt damals nur aus französischen Büchern
nehmen. Mein Aufsatz hatte dem Grafen gefallen; ich mußte einige
kleine Lieder hergeben, die ich vor kurzem gedichtet hatte. Genug,
Narziß schien sich auf seine Geliebte ohne Rückhalt etwas zugute zu
tun, und die Geschichte endigte zu seiner großen Zufriedenheit mit
einer geistreichen Epistel in französischen Versen, die ihm der Graf
bei seiner Abreise zusandte, worin ihres freundschaftlichen Streites
gedacht war und mein Freund am Ende glücklich gepriesen wurde, daß er,
nach so manchen Zweifeln und Irrtümern, in den Armen einer reizenden
und tugendhaften Gattin, was Tugend sei, am sichersten erfahren würde.
Dieses Gedicht ward mir vor allen und dann aber auch fast jedermann
gezeigt, und jeder dachte dabei, was er wollte. So ging es in
mehreren Fällen, und so mußten alle Fremden, die er schätzte, in
unserm Hause bekannt werden.
Eine gräfliche Familie hielt sich wegen unsres geschickten Arztes eine
Zeitlang hier auf. Auch in diesem Hause war Narziß wie ein Sohn
gehalten; er führte mich daselbst ein, man fand bei diesen würdigen
Personen eine angenehme Unterhaltung für Geist und Herz, und selbst
die gewöhnlichen Zeitvertreibe der Gesellschaft schienen in diesem
Hause nicht so leer wie anderwärts. Jedermann wußte, wie wir zusammen
standen; man behandelte uns, wie es die Umstände mit sich brachten,
und ließ das Hauptverhältnis unberührt. Ich erwähne dieser einen
Bekanntschaft, weil sie in der Folge meines Lebens manchen Einfluß auf
mich hatte.
Nun war fast ein Jahr unserer Verbindung verstrichen, und mit ihm war
auch unser Frühling dahin. Der Sommer kam, und alles wurde
ernsthafter und heißer.
Durch einige unerwartete Todesfälle waren ämter erledigt, auf die
Narziß Anspruch machen konnte. Der Augenblick war nahe, in dem sich
mein ganzes Schicksal entscheiden sollte, und indes Narziß und alle
Freunde sich bei Hofe die möglichste Mühe gaben, gewisse Eindrücke,
die ihm ungünstig waren, zu vertilgen und ihm den erwünschten Platz zu
verschaffen, wendete ich mich mit meinem Anliegen zu dem unsichtbaren
Freunde. Ich ward so freundlich aufgenommen, daß ich gern wiederkam.
Ganz frei gestand ich meinen Wunsch, Narziß möchte zu der Stelle
gelangen; allein meine Bitte war nicht ungestüm, und ich forderte
nicht, daß es um meines Gebets willen geschehen sollte.
Die Stelle ward durch einen viel geringern Konkurrenten besetzt. Ich
erschrak heftig über die Zeitung und eilte in mein Zimmer, das ich
fest hinter mir zumachte. Der erste Schmerz löste sich in Tränen auf;
der nächste Gedanke war: Es ist aber doch nicht von ungefähr geschehen,
und sogleich folgte die Entschließung, es mir recht wohl gefallen zu
lassen, weil auch dieses anscheinende übel zu meinem wahren Besten
gereichen würde. Nun drangen die sanftesten Empfindungen, die alle
Wolken des Kummers zerteilten, herbei; ich fühlte, daß sich mit dieser
Hülfe alles ausstehen ließ. Ich ging heiter zu Tische, zum Erstaunen
meiner Hausgenossen.
Narziß hatte weniger Kraft als ich, und ich mußte ihn trösten. Auch
in seiner Familie begegneten ihm Widerwärtigkeiten, die ihn sehr
drückten, und bei dem wahren Vertrauen, das unter uns statthatte,
vertraute er mir alles. Seine Negoziationen, in fremde Dienste zu
gehen, waren auch nicht glücklicher; alles fühlte ich tief um seinet-
und meinetwillen, und alles trug ich zuletzt an den Ort, wo mein
Anliegen so wohl aufgenommen wurde.
Je sanfter diese Erfahrungen waren, desto öfter suchte ich sie zu
erneuern und den Trost immer da, wo ich ihn so oft gefunden hatte;
allein ich fand ihn nicht immer: es war mir wie einem, der sich an der
Sonne wärmen will und dem etwas im Wege steht, das Schatten macht.
"Was ist das?" fragte ich mich selbst. Ich spürte der Sache eifrig
nach und bemerkte deutlich, daß alles von der Beschaffenheit meiner
Seele abhing; wenn die nicht ganz in der geradesten Richtung zu Gott
gekehrt war, so blieb ich kalt; ich fühlte seine Rückwirkung nicht und
konnte seine Antwort nicht vernehmen. Nun war die zweite Frage: Was
verhindert diese Richtung? Hier war ich in einem weiten Feld und
verwickelte mich in eine Untersuchung, die beinahe das ganze zweite
Jahr meiner Liebesgeschichte fortdauerte. Ich hätte sie früher
endigen können, denn ich kam bald auf die Spur; aber ich wollte es
nicht gestehen und suchte tausend Ausflüchte.
Ich fand sehr bald, daß die gerade Richtung meiner Seele durch
törichte Zerstreuung und Beschäftigung mit unwürdigen Sachen gestört
werde; das Wie und Wo war mir bald klar genug. Nun aber wie
herauskommen in einer Welt, wo alles gleichgültig oder toll ist? Gern
hätte ich die Sache an ihren Ort gestellt sein lassen und hätte auf
Geratewohl hingelebt wie andere Leute auch, die ich ganz wohlauf sah;
allein ich durfte nicht: mein Inneres widersprach mir zu oft. Wollte
ich mich der Gesellschaft entziehen und meine Verhältnisse verändern,
so konnte ich nicht. Ich war nun einmal in einen Kreis hineingesperrt;
gewisse Verbindungen konnte ich nicht loswerden, und in der mir so
angelegenen Sache drängten und häuften sich die Fatalitäten. Ich
legte mich oft mit Tränen zu Bette und stand nach einer schlaflosen
Nacht auch wieder so auf; ich bedurfte einer kräftigen Unterstützung,
und die verlieh mir Gott nicht, wenn ich mit der Schellenkappe
herumlief.
Nun ging es an ein Abwiegen aller und jeder Handlungen; Tanzen und
Spielen wurden am ersten in Untersuchung genommen. Nie ist etwas für
oder gegen diese Dinge geredet, gedacht oder geschrieben worden, das
ich nicht aufsuchte, besprach, las, erwog, vermehrte, verwarf und mich
unerhört herumplagte. Unterließ ich diese Dinge, so war ich gewiß,
Narzissen zu beleidigen; denn er fürchtete sich äußerst vor dem
Lächerlichen, das uns der Anschein ängstlicher Gewissenhaftigkeit vor
der Welt gibt. Weil ich nun das, was ich für Torheit, für schädliche
Torheit hielt, nicht einmal aus Geschmack, sondern bloß um
seinetwillen tat, so wurde mir alles entsetzlich schwer.
Ohne unangenehme Weitläufigkeiten und Wiederholungen würde ich die
Bemühungen nicht darstellen können, welche ich anwendete, um jene
Handlungen, die mich nun einmal zerstreuten und meinen innern Frieden
störten, so zu verrichten, daß dabei mein Herz für die Einwirkungen
des unsichtbaren Wesens offenblieben und wie schmerzlich ich empfinden
mußte, daß der Streit auf diese Weise nicht beigelegt werden könne.
Denn sobald ich mich in das Gewand der Torheit kleidete, blieb es
nicht bloß bei der Maske, sondern die Narrheit durchdrang mich
sogleich durch und durch.
Darf ich hier das Gesetz einer bloß historischen Darstellung
überschreiten und einige Betrachtungen über dasjenige machen, was in
mir vorging? Was konnte das sein, das meinen Geschmack und meine
Sinnesart so änderte, daß ich im zweiundzwanzigsten Jahre, ja früher,
kein Vergnügen an Dingen fand, die Leute von diesem Alter unschuldig
belustigen können? Warum waren sie mir nicht unschuldig? Ich darf
wohl antworten: eben weil sie mir nicht unschuldig waren, weil ich
nicht wie andre meinesgleichen unbekannt mit meiner Seele war. Nein,
ich wußte aus Erfahrungen, die ich ungesucht erlangt hatte, daß es
höhere Empfindungen gebe, die uns ein Vergnügen wahrhaftig gewährten,
das man vergebens bei Lustbarkeiten sucht, und daß in diesen höhern
Freuden zugleich ein geheimer Schatz zur Stärkung im Unglück
aufbewahrt sei.
Aber die geselligen Vergnügungen und Zerstreuungen der Jugend mußten
doch notwendig einen starken Reiz für mich haben, weil es mir nicht
möglich war, sie zu tun, als täte ich sie nicht. Wie manches könnte
ich jetzt mit großer Kälte tun, wenn ich nur wollte, was mich damals
irremachte, ja Meister über mich zu werden drohte. Hier konnte kein
Mittelweg gehalten werden: ich mußte entweder die reizenden
Vergnügungen oder die erquickenden innerlichen Empfindungen entbehren.
Aber schon war der Streit in meiner Seele ohne mein eigentliches
Bewußtsein entschieden. Wenn auch etwas in mir war, das sich nach den
sinnlichen Freuden hinsehnte, so konnte ich sie doch nicht mehr
genießen. Wer den Wein noch so sehr liebt, dem wird alle Lust zum
Trinken vergehen, wenn er sich bei vollen Fässern in einem Keller
befände, in welchem die verdorbene Luft ihn zu ersticken drohte.
Reine Luft ist mehr als Wein, das fühlte ich nur zu lebhaft, und es
hätte gleich von Anfang an wenig überlegung bei mir gekostet, das Gute
dem Reizenden vorzuziehen, wenn mich die Furcht, Narzissens Gunst zu
verlieren, nicht abgehalten hätte. Aber da ich endlich nach
tausendfältigem Streit, nach immer wiederholter Betrachtung auch
scharfe Blicke auf das Band warf, das mich an ihm festhielt, entdeckte
ich, daß es nur schwach war, daß es sich zerreißen lasse. Ich
erkannte auf einmal, daß es nur eine Glasglocke sei, die mich in den
luftleeren Raum sperrte; nur noch so viel Kraft, sie entzweizuschlagen,
und du bist gerettet!
Gedacht, gewagt. Ich zog die Maske ab und handelte jedesmal, wie
mir's ums Herz war. Narzissen hatte ich immer zärtlich lieb; aber das
Thermometer, das vorher im heißen Wasser gestanden, hing nun an der
natürlichen Luft; es konnte nicht höher steigen, als die Atmosphäre
warm war.
Unglücklicherweise erkältete sie sich sehr. Narziß fing an, sich
zurückzuziehen und fremd zu tun; das stand ihm frei; aber mein
Thermometer fiel, so wie er sich zurückzog. Meine Familie bemerkte es,
man befragte mich, man wollte sich verwundern. Ich erklärte mit
männlichem Trotz, daß ich mich bisher genug aufgeopfert habe, daß ich
bereit sei, noch ferner und bis ans Ende meines Lebens alle
Widerwärtigkeiten mit ihm zu teilen; daß ich aber für meine Handlungen
völlige Freiheit verlange, daß mein Tun und Lassen von meiner
überzeugung abhängen müsse; daß ich zwar niemals eigensinnig auf
meiner Meinung beharren, vielmehr jede Gründe gerne anhören wolle,
aber da es mein eignes Glück betreffe, müsse die Entscheidung von mir
abhängen, und keine Art von Zwang würde ich dulden. Sowenig das
Räsonnement des größten Arztes mich bewegen würde, eine sonst
vielleicht ganz gesunde und von vielen sehr geliebte Speise zu mir zu
nehmen, sobald mir meine Erfahrung bewiesen daß sie mir jederzeit
schädlich sei, wie ich den Gebrauch des Kaffees zum Beispiel anführen
könnte, sowenig und noch viel weniger würde ich mir irgend eine
Handlung, die mich verwirrte, als für mich moralisch zuträglich
aufdemonstrieren lassen.
Da ich mich so lange im stillen vorbereitet hatte, so waren mir die
Debatten hierüber eher angenehm als verdrießlich. Ich machte meinem
Herzen Luft und fühlte den ganzen Wert meines Entschlusses. Ich wich
nicht ein Haar breit, und wem ich nicht kindlichen Respekt schuldig
war, der wurde derb abgefertigt. In meinem Hause siegte ich bald.
Meine Mutter hatte von Jugend auf ähnliche Gesinnungen, nur waren sie
bei ihr nicht zur Reife gediehen; keine Not hatte sie gedrängt und den
Mut, ihre überzeugung durchzusetzen, erhöht. Sie freute sich, durch
mich ihre stillen Wünsche erfüllt zu sehen. Die jüngere Schwester
schien sich an mich anzuschließen; die zweite war aufmerksam und still.
Die Tante hatte am meisten einzuwenden. Die Gründe, die sie
vorbrachte, schienen ihr unwiderleglich und waren es auch, weil sie
ganz gemein waren. Ich war endlich genötigt, ihr zu zeigen, daß sie
in keinem Sinne eine Stimme in dieser Sache habe, und sie ließ nur
selten merken, daß sie auf ihrem Sinne verharre. Auch war sie die
einzige, die diese Begebenheit von nahem ansah und ganz ohne
Empfindung blieb. Ich tue ihr nicht zuviel, wenn ich sage, daß sie
kein Gemüt und die eingeschränktesten Begriffe hatte.
Der Vater benahm sich ganz seiner Denkart gemäß. Er sprach weniges,
aber öfter mit mir über die Sache, und seine Gründe waren verständig
und als seine Gründe unwiderleglich; nur das tiefe Gefühl meines
Rechts gab mir Stärke, gegen ihn zu disputieren. Aber bald
veränderten sich die Szenen; ich mußte an sein Herz Anspruch machen.
Gedrängt von seinem Verstande, brach ich in die affektvollsten
Vorstellungen aus. Ich ließ meiner Zunge und meinen Tränen freien
Lauf. Ich zeigte ihm, wie sehr ich Narzissen liebte und welchen Zwang
ich mir seit zwei Jahren angetan hatte, wie gewiß ich sei, daß ich
recht handle, daß ich bereit sei, diese Gewißheit mit dem Verlust des
geliebten Bräutigams und anscheinenden Glücks, ja wenn es nötig wäre,
mit Hab und Gut zu versiegeln; daß ich lieber mein Vaterland, Eltern
und Freunde verlassen und mein Brot in der Fremde verdienen als gegen
meine Einsichten handeln wolle. Er verbarg seine Rührung, schwieg
einige Zeit stille und erklärte sich endlich öffentlich für mich.
Narziß vermied seit jener Zeit unser Haus, und nun gab mein Vater die
wöchentliche Gesellschaft auf, in der sich dieser befand. Die Sache
machte Aufsehn bei Hofe und in der Stadt. Man sprach darüber wie
gewöhnlich in solchen Fällen, an denen das Publikum heftigen Teil zu
nehmen pflegt, weil es verwöhnt ist, auf die Entschließungen schwacher
Gemüter einigen Einfluß zu haben. Ich kannte die Welt genug und wußte,
daß man oft von ebenden Personen über das getadelt wird, wozu man
sich durch sie hat bereden lassen, und auch ohne das würden mir bei
meiner innern Verfassung alle solche vorübergehende Meinungen weniger
als nichts gewesen sein.
VI. Buch--4
Dagegen versagte ich mir nicht, meiner Neigung zu Narzissen
nachzuhängen. Er war mir unsichtbar geworden, und mein Herz hatte
sich nicht gegen ihn geändert. Ich liebte ihn zärtlich, gleichsam auf
das neue und viel gesetzter als vorher. Wollte er meine überzeugung
nicht stören, so war ich die Seine; ohne diese Bedingung hätte ich ein
Königreich mit ihm ausgeschlagen. Mehrere Monate lang trug ich diese
Empfindungen und Gedanken mit mir herum, und da ich mich endlich still
und stark genug fühlte, um ruhig und gesetzt zu Werke zu gehen, so
schrieb ich ihm ein höfliches, nicht zärtliches Billett und fragte ihn,
warum er nicht mehr zu mir komme.
Da ich seine Art kannte, sich selbst in geringern Dingen nicht gern zu
erklären, sondern stillschweigend zu tun, was ihm gut deuchte, so
drang ich gegenwärtig mit Vorsatz in ihn. Ich erhielt eine lange und,
wie mir schien, abgeschmackte Antwort in einem weitläufigen Stil und
unbedeutenden Phrasen: daß er ohne bessere Stellen sich nicht
einrichten und mir seine Hand anbieten könne, daß ich am besten wisse,
wie hinderlich es ihm bisher gegangen, daß er glaube, ein so lang
fortgesetzter fruchtloser Umgang könne meiner Renommee schaden, ich
würde ihm erlauben, sich in der bisherigen Entfernung zu halten;
sobald er imstande wäre, mich glücklich zu machen, würde ihm das Wort,
das er mir gegeben, heilig sein.
Ich antwortete ihm auf der Stelle: da die Sache aller Welt bekannt sei,
möge es zu spät sein, meine Renommee zu menagieren, und für diese
wären mir mein Gewissen und meine Unschuld die sichersten Bürgen; ihm
aber gäbe ich hiermit sein Wort ohne Bedenken zurück und wünschte, daß
er dabei sein Glück finden möchte. In ebender Stunde erhielt ich eine
kurze Antwort, die im wesentlichen mit der ersten völlig gleichlautend
war. Er blieb dabei, daß er nach erhaltener Stelle bei mir anfragen
würde, ob ich sein Glück mit ihm teilen wollte.
Mir hieß das nun soviel als nichts gesagt. Ich erklärte meinen
Verwandten und Bekannten, die Sache sei abgetan, und sie war es auch
wirklich. Denn als er neun Monate hernach auf das erwünschteste
befördert wurde, ließ er mir seine Hand nochmals antragen, freilich
mit der Bedingung, daß ich als Gattin eines Mannes, der ein Haus
machen müßte, meine Gesinnungen würde zu ändern haben. Ich dankte
höflich und eilte mit Herz und Sinn von dieser Geschichte weg, wie man
sich aus dem Schauspielhause heraussehnt, wenn der Vorhang gefallen
ist. Und da er kurze Zeit darauf, wie es ihm nun sehr leicht war,
eine reiche und ansehnliche Partie gefunden hatte und ich ihn nach
seiner Art glücklich wußte, so war meine Beruhigung ganz vollkommen.
Ich darf nicht mit Stillschweigen übergehen, daß einigemal, noch eh er
eine Bedienung erhielt, auch nachher, ansehnliche Heiratsanträge an
mich getan wurden, die ich aber ganz ohne Bedenken ausschlug, sosehr
Vater und Mutter mehr Nachgiebigkeit von meiner Seite gewünscht hätten.
Nun schien mir nach einem stürmischen März und April das schönste
Maiwetter beschert zu sein. Ich genoß bei einer guten Gesundheit eine
unbeschreibliche Gemütsruhe; ich mochte mich umsehen, wie ich wollte,
so hatte ich bei meinem Verluste noch gewonnen. Jung und voll
Empfindung, wie ich war, deuchte mir die Schöpfung tausendmal schöner
als vorher, da ich Gesellschaften und Spiele haben mußte, damit mir
die Weile in dem schönen Garten nicht zu lang wurde. Da ich mich
einmal meiner Frömmigkeit nicht schämte, so hatte ich Herz, meine
Liebe zu Künsten und Wissenschaften nicht zu verbergen. Ich zeichnete,
malte, las und fand Menschen genug, die mich unterstützten; statt der
großen Welt, die ich verlassen hatte, oder vielmehr die mich verließ,
bildete sich eine kleinere um mich her, die weit reicher und
unterhaltender war. Ich hatte eine Neigung zum gesellschaftlichen
Leben, und ich leugne nicht, daß mir, als ich meine ältern
Bekanntschaften aufgab, vor der Einsamkeit grauete. Nun fand ich mich
hinlänglich, ja vielleicht zu sehr entschädigt. Meine Bekanntschaften
wurden erst recht weitläufig, nicht nur mit Einheimischen, deren
Gesinnungen mit den meinigen übereinstimmten, sondern auch mit Fremden.
Meine Geschichte war ruchtbar geworden, und es waren viele Menschen
neugierig, das Mädchen zu sehen, die Gott mehr schätzte als ihren
Bräutigam. Es war damals überhaupt eine gewisse religiöse Stimmung in
Deutschland bemerkbar. In mehreren fürstlichen und gräflichen Häusern
war eine Sorge für das Heil der Seele lebendig. Es fehlte nicht an
Edelleuten, die gleiche Aufmerksamkeit hegten, und in den geringern
Ständen war durchaus diese Gesinnung verbreitet.
Die gräfliche Familie, deren ich oben erwähnt, zog mich nun näher an
sich. Sie hatte sich indessen verstärkt, indem sich einige Verwandte
in die Stadt gewendet hatten. Diese schätzbaren Personen suchten
meinen Umgang wie ich den ihrigen. Sie hatten große Verwandtschaft,
und ich lernte in diesem Hause einen großen Teil der Fürsten, Grafen
und Herren des Reichs kennen. Meine Gesinnungen waren niemanden ein
Geheimnis, und man mochte sie ehren oder auch nur schonen, so erlangte
ich doch meinen Zweck und blieb ohne Anfechtung.
Noch auf eine andere Weise sollte ich wieder in die Welt geführt
werden. Zu eben der Zeit verweilte ein Stiefbruder meines Vaters, der
uns sonst nur im Vorbeigehn besucht hatte, länger bei uns. Er hatte
die Dienste seines Hofes, wo er geehrt und von Einfluß war, nur
deswegen verlassen, weil nicht alles nach seinem Sinne ging. Sein
Verstand war richtig und sein Charakter streng, und er war darin
meinem Vater sehr ähnlich; nur hatte dieser dabei einen gewissen Grad
von Weichheit, wodurch ihm leichter ward, in Geschäften nachzugeben
und etwas gegen seine überzeugung nicht zu tun, aber geschehen zu
lassen und den Unwillen darüber alsdann entweder in der Stille für
sich oder vertraulich mit seiner Familie zu verkochen. Mein Oheim war
um vieles jünger, und seine Selbständigkeit ward durch seine äußern
Umstände nicht wenig bestätigt. Er hatte eine sehr reiche Mutter
gehabt und hatte von ihren nahen und fernen Verwandten noch ein großes
Vermögen zu hoffen; er bedurfte keines fremden Zuschusses, anstatt daß
mein Vater bei seinem mäßigen Vermögen durch Besoldung an den Dienst
fest geknüpft war.
Noch unbiegsamer war mein Oheim durch häusliches Unglück geworden. Er
hatte eine liebenswürdige Frau und einen hoffnungsvollen Sohn früh
verloren, und er schien von der Zeit an alles von sich entfernen zu
wollen, was nicht von seinem Willen abhing.
In der Familie sagte man sich gelegentlich mit einiger
Selbstgefälligkeit in die Ohren, daß er wahrscheinlich nicht wieder
heiraten werde und daß wir Kinder uns schon als Erben seines großen
Vermögens ansehen könnten. Ich achtete nicht weiter darauf; allein
das Betragen der übrigen ward nach diesen Hoffnungen nicht wenig
gestimmt. Bei der Festigkeit seines Charakters hatte er sich gewöhnt,
in der Unterredung niemand zu widersprechen, vielmehr die Meinung
eines jeden freundlich anzuhören und die Art, wie sich jeder eine
Sache dachte, noch selbst durch Argumente und Beispiele zu erheben.
Wer ihn nicht kannte, glaubte stets mit ihm einerlei Meinung zu sein;
denn er hatte einen überwiegenden Verstand und konnte sich in alle
Vorstellungsarten versetzen. Mit mir ging es ihm nicht so glücklich,
denn hier war von Empfindungen die Rede, von denen er gar keine Ahnung
hatte, und so schonend, teilnehmend und verständig er mit mir über
meine Gesinnungen sprach, so war es mir doch auffallend, daß er von
dem, worin der Grund aller meiner Handlungen lag, offenbar keinen
Begriff hatte.
So geheim er übrigens war, entdeckte sich doch der Endzweck seines
ungewöhnlichen Aufenthalts bei uns nach einiger Zeit. Er hatte, wie
man endlich bemerken konnte, sich unter uns die jüngste Schwester
ausersehen, um sie nach seinem Sinne zu verheiraten und glücklich zu
machen; und gewiß, sie konnte nach ihren körperlichen und geistigen
Gaben, besonders wenn sich ein ansehnliches Vermögen noch mit auf die
Schale legte, auf die ersten Partien Anspruch machen. Seine
Gesinnungen gegen mich gab er gleichfalls pantomimisch zu erkennen,
indem er mir den Platz einer Stiftsdame verschaffte, wovon ich sehr
bald auch die Einkünfte zog.
Meine Schwester war mit seiner Fürsorge nicht so zufrieden und nicht
so dankbar wie ich. Sie entdeckte mir eine Herzensangelegenheit, die
sie bisher sehr weislich verborgen hatte: denn sie fürchtete wohl, was
auch wirklich geschah, daß ich ihr auf alle mögliche Weise die
Verbindung mit einem Manne, der ihr nicht hätte gefallen sollen,
widerraten würde. Ich tat mein möglichstes, und es gelang mir. Die
Absichten des Oheims waren zu ernsthaft und zu deutlich und die
Aussicht für meine Schwester bei ihrem Weltsinne zu reizend, als daß
sie nicht eine Neigung, die ihr Verstand selbst mißbilligte,
aufzugeben Kraft hätte haben sollen.
Da sie nun den sanften Leitungen des Oheims nicht mehr wie bisher
auswich, so war der Grund zu seinem Plane bald gelegt. Sie ward
Hofdame an einem benachbarten Hofe, wo er sie einer Freundin, die als
Oberhofmeisterin in großem Ansehn stand, zur Aufsicht und Ausbildung
übergeben konnte. Ich begleitete sie zu dem Ort ihres neuen
Aufenthaltes. Wir konnten beide mit der Aufnahme, die wir erfuhren,
sehr zufrieden sein, und manchmal mußte ich über die Person, die ich
nun als Stiftsdame, als junge und fromme Stiftsdame, in der Welt
spielte, heimlich lächeln.
In frühern Zeiten würde ein solches Verhältnis mich sehr verwirrt, ja
mir vielleicht den Kopf verrückt haben; nun aber war ich bei allem,
was mich umgab, sehr gelassen. Ich ließ mich in großer Stille ein
paar Stunden frisieren, putzte mich und dachte nichts dabei, als daß
ich in meinem Verhältnisse diese Galalivree anzuziehen schuldig sei.
In den angefüllten Sälen sprach ich mit allen und jeden, ohne daß mir
irgendeine Gestalt oder ein Wesen einen starken Eindruck
zurückgelassen hätte. Wenn ich wieder nach Hause kam, waren müde
Beine meist alles Gefühl, was ich mit zurückbrachte. Meinem Verstande
nützten die vielen Menschen, die ich sah; und als Muster aller
menschlichen Tugenden, eines guten und edlen Betragens lernte ich
einige Frauen, besonders die Oberhofmeisterin, kennen, unter der meine
Schwester sich zu bilden das Glück hatte.
Doch fühlte ich bei meiner Rückkunft nicht so glückliche körperliche
Folgen von dieser Reise. Bei der größten Enthaltsamkeit und der
genausten Diät war ich doch nicht wie sonst Herr von meiner Zeit und
meinen Kräften. Nahrung, Bewegung, Aufstehn und Schlafengehn,
Ankleiden und Ausfahren hing nicht wie zu Hause von meinem Willen und
meinem Empfinden ab. Im Laufe des geselligen Kreises darf man nicht
stocken, ohne unhöflich zu sein, und alles, was nötig war, leistete
ich gern, weil ich es für Pflicht hielt, weil ich wußte, daß es bald
vorübergehen würde, und weil ich mich gesunder als jemals fühlte.
Dessenungeachtet mußte dieses fremde, unruhige Leben auf mich stärker,
als ich fühlte, gewirkt haben. Denn kaum war ich zu Hause angekommen
und hatte meine Eltern mit einer befriedigenden Erzählung erfreut, so
überfiel mich ein Blutsturz, der, ob er gleich nicht gefährlich war
und schnell vorüberging, doch lange Zeit eine merkliche Schwachheit
hinterließ.
Hier hatte ich nun wieder eine neue Lektion aufzusagen. Ich tat es
freudig. Nichts fesselte mich an die Welt, und ich war überzeugt, daß
ich hier das Rechte niemals finden würde, und so war ich in dem
heitersten und ruhigsten Zustande und ward, indem ich Verzicht aufs
Leben getan hatte, beim Leben erhalten.
Eine neue Prüfung hatte ich auszustehen, da meine Mutter mit einer
drückenden Beschwerde überfallen wurde, die sie noch fünf Jahre trug,
ehe sie die Schuld der Natur bezahlte. In dieser Zeit gab es manche
übung. Oft, wenn ihr die Bangigkeit zu stark wurde, ließ sie uns des
Nachts alle vor ihr Bette rufen, um wenigstens durch unsre Gegenwart
zerstreut, wo nicht gebessert zu werden. Schwerer, ja kaum zu tragen
war der Druck, als mein Vater auch elend zu werden anfing. Von Jugend
auf hatte er öfters heftige Kopfschmerzen, die aber aufs längste nur
sechsunddreißig Stunden anhielten. Nun aber wurden sie bleibend, und
wenn sie auf einen hohen Grad stiegen, so zerriß der Jammer mir das
Herz. Bei diesen Stürmen fühlte ich meine körperliche Schwäche am
meisten, weil sie mich hinderte, meine heiligsten, liebsten Pflichten
zu erfüllen, oder mir doch ihre Ausübung äußerst beschwerlich machte.
Nun konnte ich mich prüfen, ob auf dem Wege, den ich eingeschlagen,
Wahrheit oder Phantasie sei, ob ich vielleicht nur nach andern gedacht
oder ob der Gegenstand meines Glaubens eine Realität habe, und zu
meiner größten Unterstützung fand ich immer das letztere. Die gerade
Richtung meines Herzens zu Gott, den Umgang mit den "beloved ones"
hatte ich gesucht und gefunden, und das war, was mir alles
erleichterte. Wie der Wanderer in den Schatten, so eilte meine Seele
nach diesem Schutzort, wenn mich alles von außen drückte, und kam
niemals leer zurück.
In der neuern Zeit haben einige Verfechter der Religion, die mehr
Eifer als Gefühl für dieselbe zu haben scheinen, ihre Mitgläubigen
aufgefordert, Beispiele von wirklichen Gebetserhörungen
bekanntzumachen, wahrscheinlich weil sie sich Brief und Siegel
wünschten, um ihren Gegnern recht diplomatisch und juristisch zu Leibe
zu gehen. Wie unbekannt muß ihnen das wahre Gefühl sein, und wie
wenig echte Erfahrungen mögen sie selbst gemacht haben!
Ich darf sagen, ich kam nie leer zurück, wenn ich unter Druck und Not
Gott gesucht hatte. Es ist unendlich viel gesagt, und doch kann und
darf ich nicht mehr sagen. So wichtig jede Erfahrung in dem
kritischen Augenblicke für mich war, so matt, so unbedeutend,
unwahrscheinlich würde die Erzählung werden, wenn ich einzelne Fälle
anführen wollte. Wie glücklich war ich, daß tausend kleine Vorgänge
zusammen, so gewiß als das Atemholen Zeichen meines Lebens ist, mir
bewiesen, daß ich nicht ohne Gott auf der Welt sei. Er war mir nahe,
ich war vor ihm. Das ist's, was ich mit geflissentlicher Vermeidung
aller theologischen Systemsprache mit größter Wahrheit sagen kann.
Wie sehr wünschte ich, daß ich mich auch damals ganz ohne System
befunden hätte; aber wer kommt früh zu dem Glücke, sich seines eignen
Selbsts, ohne fremde Formen, in reinem Zusammenhang bewußt zu sein?
Mir war es Ernst mit meiner Seligkeit. Bescheiden vertraute ich
fremdem Ansehn; ich ergab mich völlig dem Hallischen Bekehrungssystem,
und mein ganzes Wesen wollte auf keine Wege hineinpassen.
Nach diesem Lehrplan muß die Veränderung des Herzens mit einem tiefen
Schrecken über die Sünde anfangen; das Herz muß in dieser Not bald
mehr, bald weniger die verschuldete Strafe erkennen und den Vorschmack
der Hölle kosten, der die Lust der Sünde verbittert. Endlich muß man
eine sehr merkliche Versicherung der Gnade fühlen, die aber im
Fortgange sich oft versteckt und mit Ernst wieder gesucht werden muß.
Das alles traf bei mir weder nahe noch ferne zu. Wenn ich Gott
aufrichtig suchte, so ließ er sich finden und hielt mir von
vergangenen Dingen nichts vor. Ich sah hintennach wohl ein, wo ich
unwürdig gewesen, und wußte auch, wo ich es noch war; aber die
Erkenntnis meiner Gebrechen war ohne alle Angst. Nicht einen
Augenblick ist mir eine Furcht vor der Hölle angekommen, ja die Idee
eines bösen Geistes und eines Straf- und Quälortes nach dem Tode
konnte keinesweges in dem Kreise meiner Ideen Platz finden. Ich fand
die Menschen, die ohne Gott lebten, deren Herz dem Vertrauen und der
Liebe gegen den Unsichtbaren zugeschlossen war, schon so unglücklich,
daß eine Hölle und äußere Strafen mir eher für sie eine Linderung zu
versprechen als eine Schärfung der Strafe zu drohen schienen. Ich
durfte nur Menschen auf dieser Welt ansehen, die gehässigen Gefühlen
in ihrem Busen Raum geben, die sich gegen das Gute von irgendeiner Art
verstecken und sich und andern das Schlechte aufdringen wollen, die
lieber bei Tage die Augen zuschließen, um nur behaupten zu können, die
Sonne gebe keinen Schein von sich--wie über allen Ausdruck schienen
mir diese Menschen elend! Wer hätte eine Hölle schaffen können, um
ihren Zustand zu verschlimmern!
Diese Gemütsbeschaffenheit blieb mir, einen Tag wie den andern, zehn
Jahre lang. Sie erhielt sich durch viele Proben, auch am
schmerzhaften Sterbebette meiner geliebten Mutter. Ich war offen
genug, um bei dieser Gelegenheit meine heitere Gemütsverfassung
frommen, aber ganz schulgerechten Leuten nicht zu verbergen, und ich
mußte darüber manchen freundschaftlichen Verweis erdulden. Man meinte
mir eben zur rechten Zeit vorzustellen, welchen Ernst man anzuwenden
hätte, um in gesunden Tagen einen guten Grund zu legen.
An Ernst wollte ich es auch nicht fehlen lassen. Ich ließ mich für
den Augenblick überzeugen und wäre um mein Leben gern traurig und voll
Schrecken gewesen. Wie verwundert war ich aber, da es ein für allemal
nicht möglich war. Wenn ich an Gott dachte, war ich heiter und
vergnügt; auch bei meiner lieben Mutter schmerzensvollem Ende graute
mir vor dem Tode nicht. Doch lernte ich vieles und ganz andere Sachen,
als meine unberufenen Lehrmeister glaubten, in diesen großen Stunden.
VI. Buch--5
Nach und nach ward ich an den Einsichten so mancher hochberühmten
Leute zweifelhaft und bewahrte meine Gesinnungen in der Stille. Eine
gewisse Freundin, der ich erst zuviel eingeräumt hatte, wollte sich
immer in meine Angelegenheiten mengen; auch von dieser war ich
genötigt mich loszumachen, und einst sagte ich ihr ganz entschieden,
sie solle ohne Mühe bleiben, ich brauche ihren Rat nicht; ich kenne
meinen Gott und wolle ihn ganz allein zum Führer haben. Sie fand sich
sehr beleidigt, und ich glaube, sie hat mir's nie ganz verziehen.
Dieser Entschluß, mich dem Rate und der Einwirkung meiner Freunde in
geistlichen Sachen zu entziehen, hatte die Folge, daß ich auch in
äußerlichen Verhältnissen meinen eigenen Weg zu gehen Mut gewann.
Ohne den Beistand meines treuen unsichtbaren Führers hätte es mir übel
geraten können, und noch muß ich über diese weise und glückliche
Leitung erstaunen. Niemand wußte eigentlich, worauf es bei mir ankam,
und ich wußte es selbst nicht.
Das Ding, das noch nie erklärte böse Ding, das uns von dem Wesen
trennt, dem wir das Leben verdanken, von dem Wesen, aus dem alles, was
Leben genannt werden soll, sich unterhalten muß, das Ding, das man
Sünde nennt, kannte ich noch gar nicht.
In dem Umgange mit dem unsichtbaren Freunde fühlte ich den süßesten
Genuß aller meiner Lebenskräfte. Das Verlangen, dieses Glück immer zu
genießen, war so groß, daß ich gern unterließ, was diesen Umgang
störte, und hierin war die Erfahrung mein bester Lehrmeister. Allein
es ging mir wie Kranken, die keine Arznei haben und sich mit der Diät
zu helfen suchen. Es tut etwas, aber lange nicht genug.
In der Einsamkeit konnte ich nicht immer bleiben, ob ich gleich in ihr
das beste Mittel gegen die mir so eigene Zerstreuung der Gedanken fand.
Kam ich nachher in Getümmel, so machte es einen desto größern
Eindruck auf mich. Mein eigentlichster Vorteil bestand darin, daß die
Liebe zur Stille herrschend war und ich mich am Ende immer dahin
wieder zurückzog. Ich erkannte, wie in einer Art von Dämmerung, mein
Elend und meine Schwäche, und ich suchte mir dadurch zu helfen, daß
ich mich schonte, daß ich mich nicht aussetzte.
Sieben Jahre lang hatte ich meine diätetische Vorsicht ausgeübt. Ich
hielt mich nicht für schlimm und fand meinen Zustand wünschenswert.
Ohne sonderbare Umstände und Verhältnisse wäre ich auf dieser Stufe
stehengeblieben, und ich kam nur auf einem sonderbaren Wege weiter.
Gegen den Rat aller meiner Freunde knüpfte ich ein neues Verhältnis an.
Ihre Einwendungen machten mich anfangs stutzig. Sogleich wandte ich
mich an meinen unsichtbaren Führer, und da dieser es mir vergönnte,
ging ich ohne Bedenken auf meinem Wege fort.
Ein Mann von Geist, Herz und Talenten hatte sich in der Nachbarschaft
angekauft. Unter den Fremden, die ich kennenlernte, war auch er und
seine Familie. Wir stimmten in unsern Sitten, Hausverfassungen und
Gewohnheiten sehr überein und konnten uns daher bald aneinander
anschließen.
Philo, so will ich ihn nennen, war schon in gewissen Jahren und meinem
Vater, dessen Kräfte abzunehmen anfingen, in gewissen Geschäften von
der größten Beihülfe. Er ward bald der innige Freund unsers Hauses,
und da er, wie er sagte, an mir eine Person fand, die nicht das
Ausschweifende und Leere der großen Welt und nicht das Trockne und
ängstliche der "Stillen im Lande" habe, so waren wir bald vertraute
Freunde. Er war mir sehr angenehm und sehr brauchbar.
Ob ich gleich nicht die mindeste Anlage noch Neigung hatte, mich in
weltliche Geschäfte zu mischen und irgendeinen Einfluß zu suchen, so
hörte ich doch gerne davon und wußte gern, was in der Nähe und Ferne
vorging. Von weltlichen Dingen liebte ich mir eine gefühllose
Deutlichkeit zu verschaffen; Empfindung, Innigkeit, Neigung bewahrte
ich für meinen Gott, für die Meinigen und für meine Freunde.
Diese letzten waren, wenn ich so sagen darf, auf meine neue Verbindung
mit Philo eifersüchtig und hatten dabei von mehr als einer Seite recht,
wenn sie mich hierüber warnten. Ich litt viel in der Stille, denn
ich konnte selbst ihre Einwendungen nicht ganz für leer oder
eigennützig halten. Ich war von jeher gewohnt, meine Einsichten
unterzuordnen, und doch wollte diesmal meine überzeugung nicht nach.
Ich flehte zu meinem Gott, auch hier mich zu warnen, zu hindern, zu
leiten, und da mich hierauf mein Herz nicht abmahnte, so ging ich
meinen Pfad getrost fort.
Philo hatte im ganzen eine entfernte ähnlichkeit mit Narzissen; nur
hatte eine fromme Erziehung sein Gefühl mehr zusammengehalten und
belebt. Er hatte weniger Eitelkeit, mehr Charakter, und wenn jener in
weltlichen Geschäften fein, genau, anhaltend und unermüdlich war, so
war dieser klar, scharf, schnell und arbeitete mit einer unglaublichen
Leichtigkeit. Durch ihn erfuhr ich die innersten Verhältnisse fast
aller der vornehmen Personen, deren äußeres ich in der Gesellschaft
hatte kennenlernen, und ich war froh, von meiner Warte dem Getümmel
von weiten zuzusehen. Philo konnte mir nichts mehr verhehlen: er
vertraute mir nach und nach seine äußern und innern Verbindungen. Ich
fürchtete für ihn, denn ich sah gewisse Umstände und Verwickelungen
voraus, und das übel kam schneller, als ich vermutet hatte; denn er
hatte mit gewissen Bekenntnissen immer zurückgehalten, und auch
zuletzt entdeckte er mir nur so viel, daß ich das Schlimmste vermuten
konnte.
Welche Wirkung hatte das auf mein Herz! Ich gelangte zu Erfahrungen,
die mir ganz neu waren. Ich sah mit unbeschreiblicher Wehmut einen
Agathon, der, in den Hainen von Delphi erzogen, das Lehrgeld noch
schuldig war und es nun mit schweren, rückständigen Zinsen abzahlte,
und dieser Agathon war mein genau verbundener Freund. Meine Teilnahme
war lebhaft und vollkommen; ich litt mit ihm, und wir befanden uns
beide in dem sonderbarsten Zustande.
Nachdem ich mich lange mit seiner Gemütsverfassung beschäftigt hatte,
wendete sich meine Betrachtung auf mich selbst. Der Gedanke: "Du bist
nicht besser als er", stieg wie eine kleine Wolke vor mir auf,
breitete sich nach und nach aus und verfinsterte meine ganze Seele.
Nun dachte ich nicht mehr bloß: "Du bist nicht besser als er"; ich
fühlte es und fühlte es so, daß ich es nicht noch einmal fühlen möchte:
und es war kein schneller übergang. Mehr als ein Jahr mußte ich
empfinden, daß, wenn mich eine unsichtbare Hand nicht umschränkt hätte,
ich ein Girard, ein Cartouche, ein Damiens, und welches Ungeheuer man
nennen will, hätte werden können: die Anlage dazu fühlte ich deutlich
in meinem Herzen. Gott, welche Entdeckung!
Hatte ich nun bisher die Wirklichkeit der Sünde in mir durch die
Erfahrung nicht einmal auf das leiseste gewahr werden können, so war
mir jetzt die Möglichkeit derselben in der Ahnung aufs schrecklichste
deutlich geworden, und doch kannte ich das übel nicht, ich fürchtete
es nur; ich fühlte, daß ich schuldig sein könnte, und hatte mich nicht
anzuklagen.
So tief ich überzeugt war, daß eine solche Geistesbeschaffenheit,
wofür ich die meinige anerkennen mußte, sich nicht zu einer
Vereinigung mit dem höchsten Wesen, die ich nach dem Tode hoffte,
schicken könne, so wenig fürchtete ich, in eine solche Trennung zu
geraten. Bei allem Bösen, das ich in mir entdeckte, hatte ich ihn
lieb und haßte, was ich fühlte, ja ich wünschte es noch ernstlicher zu
hassen, und mein ganzer Wunsch war, von dieser Krankheit und dieser
Anlage zur Krankheit erlöst zu werden, und ich war gewiß, daß mir der
große Arzt seine Hülfe nicht versagen würde.
Die einzige Frage war: Was heilt diesen Schaden? Tugendübungen? An
die konnte ich nicht einmal denken; denn zehn Jahre hatte ich schon
mehr als nur bloße Tugend geübt, und die nun erkannten Greuel hatten
dabei tief in meiner Seele verborgen gelegen. Hätten sie nicht auch
wie bei David losbrechen können, als er Bathseba erblickte, und war er
nicht auch ein Freund Gottes, und war ich nicht im Innersten überzeugt,
daß Gott mein Freund sei?
Sollte es also wohl eine unvermeidliche Schwäche der Menschheit sein?
Müssen wir uns nun gefallen lassen, daß wir irgendeinmal die
Herrschaft unsrer Neigung empfinden, und bleibt uns bei dem besten
Willen nichts andres übrig, als den Fall, den wir getan, zu
verabscheuen und bei einer ähnlichen Gelegenheit wieder zu fallen?
Aus der Sittenlehre konnte ich keinen Trost schöpfen. Weder ihre
Strenge, wodurch sie unsre Neigung meistern will, noch ihre
Gefälligkeit, mit der sie unsre Neigungen zu Tugenden machen möchte,
konnte mir genügen. Die Grundbegriffe, die mir der Umgang mit dem
unsichtbaren Freunde eingeflößt hatte, hatten für mich schon einen
viel entschiedenern Wert.
Indem ich einst die Lieder studierte, welche David nach jener
häßlichen Katastrophe gedichtet hatte, war mir sehr auffallend, daß er
das in ihm wohnende Böse schon in dem Stoff, woraus er geworden war,
erblickte, daß er aber entsündigt sein wollte und daß er auf das
dringendste um ein reines Herz flehte.
Wie nun aber dazu zu gelangen? Die Antwort aus den symbolischen
Büchern wußte ich wohl: es war mir auch eine Bibelwahrheit, daß das
Blut Jesu Christi uns von allen Sünden reinige. Nun aber bemerkte ich
erst, daß ich diesen so oft wiederholten Spruch noch nie verstanden
hatte. Die Fragen: Was heißt das? Wie soll das zugehen? arbeiteten
Tag und Nacht in mir sich durch. Endlich glaubte ich bei einem
Schimmer zu sehen, daß das, was ich suchte, in der Menschwerdung des
ewigen Worts, durch das alles und auch wir erschaffen sind, zu suchen
sei. Daß der Uranfängliche sich in die Tiefen, in denen wir stecken,
die er durchschaut und umfaßt, einstmal als Bewohner begeben habe,
durch unser Verhältnis von Stufe zu Stufe, von der Empfängnis und
Geburt bis zu dem Grabe, durchgegangen sei, daß er durch diesen
sonderbaren Umweg wieder zu den lichten Höhen aufgestiegen, wo wir
auch wohnen sollten, um glücklich zu sein: das ward mir, wie in einer
dämmernden Ferne, offenbart.
O warum müssen wir, um von solchen Dingen zu reden, Bilder gebrauchen,
die nur äußere Zustände anzeigen! Wo ist vor ihm etwas Hohes oder
Tiefes, etwas Dunkles oder Helles? Wir nur haben ein Oben und Unten,
einen Tag und eine Nacht. Und eben darum ist er uns ähnlich geworden,
weil wir sonst keinen Teil an ihm haben könnten.
Wie können wir aber an dieser unschätzbaren Wohltat teilnehmen?
"Durch den Glauben", antwortet uns die Schrift. Was ist denn Glauben?
Die Erzählung einer Begebenheit für wahr halten, was kann mir das
helfen? Ich muß mir ihre Wirkungen, ihre Folgen zueignen können.
Dieser zueignende Glaube muß ein eigener, dem natürlichen Menschen
ungewöhnlicher Zustand des Gemüts sein.
"Nun, Allmächtiger! so schenke mir Glauben!" flehte ich einst in dem
größten Druck des Herzens. Ich lehnte mich auf einen kleinen Tisch,
an dem ich saß, und verbarg mein beträntes Gesicht in meinen Händen.
Hier war ich in der Lage, in der man sein muß, wenn Gott auf unser
Gebet achten soll, und in der man selten ist.
Ja, wer nur schildern könnte, was ich da fühlte! Ein Zug brachte
meine Seele nach dem Kreuze hin, an dem Jesus einst erblaßte; ein Zug
war es, ich kann es nicht anders nennen, demjenigen völlig gleich,
wodurch unsre Seele zu einem abwesenden Geliebten geführt wird, ein
Zunahen, das vermutlich viel wesentlicher und wahrhafter ist, als wir
vermuten. So nahte meine Seele dem Menschgewordnen und am Kreuz
Gestorbenen, und in dem Augenblicke wußte ich, was Glauben war.
"Das ist Glauben!" sagte ich und sprang wie halb erschreckt in die
Höhe. Ich suchte nun, meiner Empfindung, meines Anschauens gewiß zu
werden, und in kurzem war ich überzeugt, daß mein Geist eine Fähigkeit
sich aufzuschwingen erhalten habe, die ihm ganz neu war.
Bei diesen Empfindungen verlassen uns die Worte. Ich konnte sie ganz
deutlich von aller Phantasie unterscheiden; sie waren ganz ohne
Phantasie, ohne Bild, und gaben doch ebendie Gewißheit eines
Gegenstandes, auf den sie sich bezogen, als die Einbildungskraft,
indem sie uns die Züge eines abwesenden Geliebten vormalt.
Als das erste Entzücken vorüber war, bemerkte ich, daß mir dieser
Zustand der Seele schon vorher bekannt gewesen; allein ich hatte ihn
nie in dieser Stärke empfunden. Ich hatte ihn niemals festhalten, nie
zu eigen behalten können. Ich glaube überhaupt, daß jede
Menschenseele ein und das andere Mal davon etwas empfunden hat. Ohne
Zweifel ist er das, was einem jeden lehrt, daß ein Gott ist.
Mit dieser mich ehemals von Zeit zu Zeit nur anwandelnden Kraft war
ich bisher sehr zufrieden gewesen, und wäre mir nicht durch sonderbare
Schickung seit Jahr und Tag die unerwartete Plage widerfahren, wäre
nicht dabei mein Können und Vermögen bei mir selbst außer allen Kredit
gekommen, so wäre ich vielleicht mit jenem Zustande immer zufrieden
geblieben.
Nun hatte ich aber seit jenem großen Augenblicke Flügel bekommen. Ich
konnte mich über das, was mich vorher bedrohete, aufschwingen, wie ein
Vogel singend über den schnellsten Strom ohne Mühe fliegt, vor welchem
das Hündchen ängstlich bellend stehenbleibt.
Meine Freude war unbeschreiblich, und ob ich gleich niemand etwas
davon entdeckte, so merkten doch die Meinigen eine ungewöhnliche
Heiterkeit an mir, ohne begreifen zu können, was die Ursache meines
Vergnügens wäre. Hätte ich doch immer geschwiegen und die reine
Stimmung in meiner Seele zu erhalten gesucht! Hätte ich mich doch
nicht durch Umstände verleiten lassen, mit meinem Geheimnisse
hervorzutreten! dann hätte ich mir abermals einen großen Umweg
ersparen können.
Da in meinem vorhergehenden zehnjährigen Christenlauf diese notwendige
Kraft nicht in meiner Seele war, so hatte ich mich in dem Fall anderer
redlichen Leute auch befunden; ich hatte mir dadurch geholfen, daß ich
die Phantasie immer mit Bildern erfüllte, die einen Bezug auf Gott
hatten, und auch dieses ist schon wahrhaft nützlich: denn schädliche
Bilder und ihre bösen Folgen werden dadurch abgehalten. Sodann
ergreift unsre Seele oft ein und das andere von den geistigen Bildern
und schwingt sich ein wenig damit in die Höhe, wie ein junger Vogel
von einem Zweige auf den andern flattert. Solange man nichts Besseres
hat, ist doch diese übung nicht ganz zu verwerfen.
Auf Gott zielende Bilder und Eindrücke verschaffen uns kirchliche
Anstalten, Glocken, Orgeln und Gesänge und besonders die Vorträge
unsrer Lehrer. Auf sie war ich ganz unsäglich begierig; keine
Witterung, keine körperliche Schwäche hielt mich ab, die Kirchen zu
besuchen, und nur das sonntägige Geläute konnte mir auf meinem
Krankenlager einige Ungeduld verursachen. Unsern Oberhofprediger, der
ein trefflicher Mann war, hörte ich mit großer Neigung; auch seine
Kollegen waren mir wert, und ich wußte die goldnen äpfel des
göttlichen Wortes auch aus irdenen Schalen unter gemeinem Obste
herauszufinden. Den öffentlichen übungen wurden alle möglichen
Privaterbauungen, wie man sie nennt, hinzugefügt und auch dadurch nur
Phantasie und feinere Sinnlichkeit genährt. Ich war so an diesen Gang
gewöhnt, ich respektierte ihn so sehr, daß mir auch jetzt nichts
Höheres einfiel. Denn meine Seele hat nur Fühlhörner und keine Augen;
sie tastet nur und sieht nicht; ach! daß sie Augen bekäme und schauen
dürfte!
Auch jetzt ging ich voll Verlangen in die Predigten; aber ach, wie
geschah mir! Ich fand das nicht mehr, was ich sonst gefunden. Diese
Prediger stumpften sich die Zähne an den Schalen ab, indessen ich den
Kern genoß. Ich mußte ihrer nun bald müde werden; aber mich an den
allein zu halten, den ich doch zu finden wußte, dazu war ich zu
verwöhnt. Bilder wollte ich haben, äußere Eindrücke bedurfte ich und
glaubte ein reines geistiges Bedürfnis zu fühlen.
VI. Buch--6
Philos Eltern hatten mit der herrnhutischen Gemeinde in Verbindung
gestanden; in seiner Bibliothek fanden sich noch viele Schriften des
Grafen. Er hatte mir einigemal sehr klar und billig darüber
gesprochen und mich ersucht, einige dieser Schriften durchzublättern,
und wäre es auch nur, um ein psychologisches Phänomen kennenzulernen.
Ich hielt den Grafen für einen gar zu argen Ketzer; so ließ ich auch
das Ebersdorfer Gesangbuch bei mir liegen, das mir der Freund in
ähnlicher Absicht gleichsam aufgedrungen hatte.
In dem völligen Mangel aller äußeren Ermunterungsmittel ergriff ich
wie von ungefähr das gedachte Gesangbuch und fand zu meinem Erstaunen
wirklich Lieder darin, die, freilich unter sehr seltsamen Formen, auf
dasjenige zu deuten schienen, was ich fühlte; die Originalität und
Naivetät der Ausdrücke zog mich an. Eigene Empfindungen schienen auf
eine eigene Weise ausgedrückt; keine Schulterminologie erinnerte an
etwas Steifes oder Gemeines. Ich ward überzeugt, die Leute fühlten,
was ich fühlte, und ich fand mich nun sehr glücklich, ein solches
Verschen ins Gedächtnis zu fassen und mich einige Tage damit zu tragen.
Seit jenem Augenblick, in welchem mir das Wahre geschenkt worden war,
verflossen auf diese Weise ungefähr drei Monate. Endlich faßte ich
den Entschluß, meinem Freunde Philo alles zu entdecken und ihn um die
Mitteilung jener Schriften zu bitten, auf die ich nun über die Maßen
neugierig geworden war. Ich tat es auch wirklich, ungeachtet mir ein
Etwas im Herzen ernstlich davon abriet.
Ich erzählte Philo die ganze Geschichte umständlich, und da er selbst
darin eine Hauptperson war, da meine Erzählung auch für ihn die
strengste Bußpredigt enthielt, war er äußerst betroffen und gerührt.
Er zerfloß in Tränen. Ich freute mich und glaubte, auch bei ihm sei
eine völlige Sinnesänderung bewirkt worden.
Er versorgte mich mit allen Schriften, die ich nur verlangte, und nun
hatte ich überflüssige Nahrung für meine Einbildungskraft. Ich machte
große Fortschritte in der Zinzendorfischen Art, zu denken und zu
sprechen. Man glaube nicht, daß ich die Art und Weise des Grafen
nicht auch gegenwärtig zu schätzen wisse; ich lasse ihm gern
Gerechtigkeit widerfahren; er ist kein leerer Phantast; er spricht von
großen Wahrheiten meist in einem kühnen Fluge der Einbildungskraft,
und die ihn geschmäht haben, wußten seine Eigenschaften weder zu
schätzen noch zu unterscheiden.
Ich gewann ihn unbeschreiblich lieb. Wäre ich mein eigner Herr
gewesen, so hätte ich gewiß Vaterland und Freunde verlassen, wäre zu
ihm gezogen; unfehlbar hätten wir uns verstanden, und schwerlich
hätten wir uns lange vertragen.
Dank sei meinem Genius, der mich damals in meiner häuslichen
Verfassung so eingeschränkt hielt! Es war schon eine große Reise,
wenn ich nur in den Hausgarten gehen konnte. Die Pflege meines alten
und schwächlichen Vaters machte mir Arbeit genug, und in den
Ergötzungsstunden war die edle Phantasie mein Zeitvertreib. Der
einzige Mensch, den ich sah, war Philo, den mein Vater sehr liebte,
dessen offnes Verhältnis zu mir aber durch die letzte Erklärung
einigermaßen gelitten hatte. Bei ihm war die Rührung nicht tief
gedrungen, und da ihm einige Versuche, in meiner Sprache zu reden,
nicht gelungen waren, so vermied er diese Materie um so leichter, als
er durch seine ausgebreiteten Kenntnisse immer neue Gegenstände des
Gesprächs herbeizuführen wußte.
Ich war also eine herrnhutische Schwester auf meine eigene Hand und
hatte diese neue Wendung meines Gemüts und meiner Neigungen besonders
vor dem Oberhofprediger zu verbergen, den ich als meinen Beichtvater
zu schätzen sehr Ursache hatte und dessen große Verdienste auch
gegenwärtig durch seine äußerste Abneigung gegen die herrnhutische
Gemeinde in meinen Augen nicht geschmälert wurden. Leider sollte
dieser würdige Mann an mir und andern viele Betrübnis erleben!
Er hatte vor mehreren Jahren auswärts einen Kavalier als einen
redlichen, frommen Mann kennenlernen und war mit ihm als einem, der
Gott ernstlich suchte, in einem ununterbrochenen Briefwechsel
geblieben. Wie schmerzhaft war es daher für seinen geistlichen Führer,
als dieser Kavalier sich in der Folge mit der herrnhutischen Gemeinde
einließ und sich lange unter den Brüdern aufhielt; wie angenehm
dagegen, als sein Freund sich mit den Brüdern wieder entzweite, in
seiner Nähe zu wohnen sich entschloß und sich seiner Leitung aufs neue
völlig zu überlassen schien.
Nun wurde der Neuangekommene gleichsam im Triumph allen besonders
geliebten Schäfchen des Oberhirten vorgestellt. Nur in unser Haus
ward er nicht eingeführt, weil mein Vater niemand mehr zu sehen
pflegte. Der Kavalier fand große Approbation; er hatte das Gesittete
des Hofs und das Einnehmende der Gemeinde, dabei viel schöne
natürliche Eigenschaften und ward bald der große Heilige für alle, die
ihn kennenlernten, worüber sich sein geistlicher Gönner äußerst freute.
Leider war jener nur über äußere Umstände mit der Gemeine
brouilliert und im Herzen noch ganz Herrnhuter. Er hing zwar wirklich
an der Realität der Sache; allein auch ihm war das Tändelwerk, das der
Graf darumgehängt hatte, höchst angemessen. Er war an jene
Vorstellungs- und Redensarten nun einmal gewöhnt, und wenn er sich
nunmehr vor seinem alten Freunde sorgfältig verbergen mußte, so war es
ihm desto notwendiger, sobald er ein Häufchen vertrauter Personen um
sich erblickte, mit seinen Verschen, Litaneien und Bilderchen
hervorzurücken, und er fand, wie man denken kann, großen Beifall.
Ich wußte von der ganzen Sache nichts und tändelte auf meine eigene
Art fort. Lange Zeit blieben wir uns unbekannt.
Einst besuchte ich in einer freien Stunde eine kranke Freundin. Ich
traf mehrere Bekannte dort an und merkte bald, daß ich sie in einer
Unterredung gestört hatte. Ich ließ mir nichts merken, erblickte aber
zu meiner großen Verwunderung an der Wand einige herrnhutische Bilder,
in zierlichen Rahmen. Ich faßte geschwinde, was in der Zeit, da ich
nicht im Hause gewesen, vorgegangen sein mochte, und bewillkommte
diese neue Erscheinung mit einigen angemessenen Versen.
Man denke sich das Erstaunen meiner Freundinnen. Wir erklärten uns
und waren auf der Stelle einig und vertraut.
Ich suchte nun öfter Gelegenheit auszugehn. Leider fand ich sie nur
alle drei bis vier Wochen, ward mit dem adeligen Apostel und nach und
nach mit der ganzen heimlichen Gemeinde bekannt. Ich besuchte, wenn
ich konnte, ihre Versammlungen, und bei meinem geselligen Sinn war es
mir unendlich angenehm, das von andern zu vernehmen und andern
mitzuteilen, was ich nur bisher in und mit mir selbst ausgearbeitet
hatte.
Ich war nicht so eingenommen, daß ich nicht bemerkt hätte, wie nur
wenige den Sinn der zarten Worte und Ausdrücke fühlten und wie sie
dadurch auch nicht mehr als ehemals durch die kirchlich symbolische
Sprache gefördert waren. Dessenungeachtet ging ich mit ihnen fort und
ließ mich nicht irremachen. Ich dachte, daß ich nicht zur
Untersuchung und Herzensprüfung berufen sei. War ich doch auch durch
manche unschuldige übung zum Besseren vorbereitet worden. Ich nahm
meinen Teil hinweg, drang, wo ich zur Rede kam, auf den Sinn, der bei
so zarten Gegenständen eher durch Worte versteckt als angedeutet wird,
und ließ übrigens mit stiller Verträglichkeit einen jeden nach seiner
Art gewähren.
Auf diese ruhigen Zeiten des heimlichen gesellschaftlichen Genusses
folgten bald die Stürme öffentlicher Streitigkeiten und
Widerwärtigkeiten, die am Hofe und in der Stadt große Bewegungen
erregten und, ich möchte beinahe sagen, manches Skandal verursachten.
Der Zeitpunkt war gekommen, in welchem unser Oberhofprediger, dieser
große Widersacher der herrnhutischen Gemeinde, zu seiner gesegneten
Demütigung entdecken sollte, daß seine besten und sonst anhänglichsten
Zuhörer sich sämtlich auf die Seite der Gemeinde neigten. Er war
äußerst gekränkt, vergaß im ersten Augenblicke alle Mäßigung und
konnte in der Folge sich nicht, selbst wenn er gewollt hätte,
zurückziehn. Es gab heftige Debatten, bei denen ich glücklicherweise
nicht genannt wurde, da ich nur ein zufälliges Mitglied der so sehr
verhaßten Zusammenkünfte war und unser eifriger Führer meinen Vater
und meinen Freund in bürgerlichen Angelegenheiten nicht entbehren
konnte. Ich erhielt meine Neutralität mit stiller Zufriedenheit; denn
mich von solchen Empfindungen und Gegenständen selbst mit
wohlwollenden Menschen zu unterhalten war mir schon verdrießlich, wenn
sie den tiefsten Sinn nicht fassen konnten und nur auf der Oberfläche
verweilten. Nun aber gar über das mit Widersachern zu streiten,
worüber man sich kaum mit Freunden verstand, schien mir unnütz, ja
verderblich. Denn bald konnte ich bemerken, daß liebevolle, edle
Menschen, die in diesem Falle ihr Herz von Widerwillen und Haß nicht
rein halten konnten, gar bald zur Ungerechtigkeit übergingen und, um
eine äußere Form zu verteidigen, ihr bestes Innerste beinahe
zerstörten.
Sosehr auch der würdige Mann in diesem Fall unrecht haben mochte und
sosehr man mich auch gegen ihn aufzubringen suchte, konnte ich ihm
doch niemals eine herzliche Achtung versagen. Ich kannte ihn genau;
ich konnte mich in seine Art, diese Sachen anzusehen, mit Billigkeit
versetzen. Ich hatte niemals einen Menschen ohne Schwäche gesehen;
nur ist sie auffallender bei vorzüglichen Menschen. Wir wünschen und
wollen nun ein für allemal, daß die, die so sehr privilegiert sind,
auch gar keinen Tribut, keine Abgaben zahlen sollen. Ich ehrte ihn
als einen vorzüglichen Mann und hoffte den Einfluß meiner stillen
Neutralität, wo nicht zu einem Frieden, doch zu einem
Waffenstillstande zu nutzen. Ich weiß nicht, was ich bewirkt hätte;
Gott faßte die Sache kürzer und nahm ihn zu sich. Bei seiner Bahre
weinten alle, die noch kurz vorher um Worte mit ihm gestritten hatten.
Seine Rechtschaffenheit, seine Gottesfurcht hatte niemals jemand
bezweifelt.
Auch ich mußte um diese Zeit das Puppenwerk aus den Händen legen, das
mir durch diese Streitigkeiten gewissermaßen in einem andern Lichte
erschienen war. Der Oheim hatte seine Plane auf meine Schwester in
der Stille durchgeführt. Er stellte ihr einen jungen Mann von Stande
und Vermögen als ihren Bräutigam vor und zeigte sich in einer
reichlichen Aussteuer, wie man es von ihm erwarten konnte. Mein Vater
willigte mit Freuden ein; die Schwester war frei und vorbereitet und
veränderte gerne ihren Stand. Die Hochzeit wurde auf des Oheims
Schloß ausgerichtet, Familie und Freunde waren eingeladen, und wir
kamen alle mit heiterm Geiste.
Zum erstenmal in meinem Leben erregte mir der Eintritt in ein Haus
Bewunderung. Ich hatte wohl oft von des Oheims Geschmack, von seinem
italienischen Baumeister, von seinen Sammlungen und seiner Bibliothek
reden hören; ich verglich aber das alles mit dem, was ich schon
gesehen hatte, und machte mir ein sehr buntes Bild davon in Gedanken.
Wie verwundert war ich daher über den ernsten und harmonischen
Eindruck, den ich beim Eintritt in das Haus empfand und der sich in
jedem Saal und Zimmer verstärkte. Hatte Pracht und Zierat mich sonst
nur zerstreut, so fühlte ich mich hier gesammelt und auf mich selbst
zurückgeführt. Auch in allen Anstalten zu Feierlichkeiten und Festen
erregten Pracht und Würde ein stilles Gefallen, und es war mir ebenso
unbegreiflich, daß ein Mensch das alles hätte erfinden und anordnen
können, als daß mehrere sich vereinigen könnten, um in einem so großen
Sinne zusammenzuwirken. Und bei dem allen schienen der Wirt und die
Seinigen so natürlich; es war keine Spur von Steifheit noch von leerem
Zeremoniell zu bemerken.
Die Trauung selbst ward unvermutet auf eine herzliche Art eingeleitet;
eine vortreffliche Vokalmusik überraschte uns, und der Geistliche
wußte dieser Zeremonie alle Feierlichkeit der Wahrheit zu geben. Ich
stand neben Philo, und statt mir Glück zu wünschen, sagte er mit einem
tiefen Seufzer: "Als ich die Schwester sah die Hand hingeben, war
mir's, als ob man mich mit siedheißem Wasser begossen hätte.
"--"Warum?" fragte ich. "Es ist mir allezeit so, wenn ich eine
Kopulation ansehe", versetzte er. Ich lachte über ihn und habe
nachher oft genug an seine Worte zu denken gehabt.
Die Heiterkeit der Gesellschaft, worunter viel junge Leute waren,
schien noch einmal so glänzend, indem alles, was uns umgab, würdig und
ernsthaft war. Aller Hausrat, Tafelzeug, Service und Tischaufsätze
stimmten zu dem Ganzen, und wenn mir sonst die Baumeister mit den
Konditoren aus einer Schule entsprungen zu sein schienen, so war hier
Konditor und Tafeldecker bei dem Architekten in die Schule gegangen.
Da man mehrere Tage zusammenblieb, hatte der geistreiche und
verständige Wirt für die Unterhaltung der Gesellschaft auf das
mannigfaltigste gesorgt. Ich wiederholte hier nicht die traurige
Erfahrung, die ich so oft in meinem Leben gehabt hatte, wie übel eine
große gemischte Gesellschaft sich befinde, die, sich selbst überlassen,
zu den allgemeinsten und schalsten Zeitvertreiben greifen muß, damit
ja eher die guten als die schlechten Subjekte Mangel der Unterhaltung
fühlen.
Ganz anders hatte es der Oheim veranstaltet. Er hatte zwei bis drei
Marschälle, wenn ich sie so nennen darf, bestellt; der eine hatte für
die Freuden der jungen Welt zu sorgen: Tänze, Spazierfahrten, kleine
Spiele waren von seiner Erfindung und standen unter seiner Direktion,
und da junge Leute gern im Freien leben und die Einflüsse der Luft
nicht scheuen, so war ihnen der Garten und der große Gartensaal
übergeben, an den zu diesem Endzwecke noch einige Galerien und
Pavillons angebauet waren, zwar nur von Brettern und Leinwand, aber in
so edlen Verhältnissen, daß man nur an Stein und Marmor dabei erinnert
ward.
Wie selten ist eine Fete, wobei derjenige, der die Gäste
zusammenberuft, auch die Schuldigkeit empfindet, für ihre Bedürfnisse
und Bequemlichkeiten auf alle Weise zu sorgen!
Jagd und Spielpartien, kurze Promenaden, Gelegenheiten zu
vertraulichen, einsamen Gesprächen waren für die ältern Personen
bereitet, und derjenige, der am frühsten zu Bette ging, war auch gewiß
am weitesten von allem Lärm einquartiert.
Durch diese gute Ordnung schien der Raum, in dem wir uns befanden,
eine kleine Welt zu sein, und doch, wenn man es bei nahem betrachtete,
war das Schloß nicht groß, und man würde ohne genaue Kenntnis
desselben und ohne den Geist des Wirtes wohl schwerlich so viele Leute
darin beherbergt und jeden nach seiner Art bewirtet haben.
So angenehm uns der Anblick eines wohlgestalteten Menschen ist, so
angenehm ist uns eine ganze Einrichtung, aus der uns die Gegenwart
eines verständigen, vernünftigen Wesens fühlbar wird. Schon in ein
reinliches Haus zu kommen ist eine Freude, wenn es auch sonst
geschmacklos gebauet und verziert ist: denn es zeigt uns die Gegenwart
wenigstens von einer Seite gebildeter Menschen. Wie doppelt angenehm
ist es uns also, wenn aus einer menschlichen Wohnung uns der Geist
einer höhern, obgleich auch nur sinnlichen Kultur entgegenspricht.
Mit vieler Lebhaftigkeit ward mir dieses auf dem Schlosse meines
Oheims anschaulich. Ich hatte vieles von Kunst gehört und gelesen;
Philo selbst war ein großer Liebhaber von Gemälden und hatte eine
schöne Sammlung; auch ich selbst hatte viel gezeichnet; aber teils war
ich zu sehr mit meinen Empfindungen beschäftigt und trachtete nur, das
eine, was not ist, erst recht ins reine zu bringen, teils schienen
doch alle die Sachen, die ich gesehen hatte, mich wie die übrigen
weltlichen Dinge zu zerstreuen. Nun war ich zum erstenmal durch etwas
äußerliches auf mich selbst zurückgeführt, und ich lernte den
Unterschied zwischen dem natürlichen, vortrefflichen Gesang der
Nachtigall und einem vierstimmigen Halleluja aus gefühlvollen
Menschenkehlen zu meiner größten Verwunderung erst kennen.
Ich verbarg meine Freude über diese neue Anschauung meinem Oheim nicht,
der, wenn alles andere in sein Teil gegangen war, sich mit mir
besonders zu unterhalten pflegte. Er sprach mit großer Bescheidenheit
von dem, was er besaß und hervorgebracht hatte, mit großer Sicherheit
von dem Sinne, in dem es gesammelt und aufgestellt worden war, und ich
konnte wohl merken, daß er mit Schonung für mich redete, indem er nach
seiner alten Art das Gute, wovon er Herr und Meister zu sein glaubte,
demjenigen unterzuordnen schien, was nach meiner überzeugung das
Rechte und Beste war.
VI. Buch--7
"Wenn wir uns", sagte er einmal, "als möglich denken können, daß der
Schöpfer der Welt selbst die Gestalt seiner Kreatur angenommen und auf
ihre Art und Weise sich eine Zeitlang auf der Welt befunden habe, so
muß uns dieses Geschöpf schon unendlich vollkommen erscheinen, weil
sich der Schöpfer so innig damit vereinigen konnte. Es muß also in
dem Begriff des Menschen kein Widerspruch mit dem Begriff der Gottheit
liegen; und wenn wir auch oft eine gewisse Unähnlichkeit und
Entfernung von ihr empfinden, so ist es doch um desto mehr unsere
Schuldigkeit, nicht immer wie der Advokat des bösen Geistes nur auf
die Blößen und Schwächen unserer Natur zu sehen, sondern eher alle
Vollkommenheiten aufzusuchen, wodurch wir die Ansprüche unsrer
Gottähnlichkeit bestätigen können."
Ich lächelte und versetzte: "Beschämen Sie mich nicht zu sehr, lieber
Oheim, durch die Gefälligkeit, in meiner Sprache zu reden! Das, was
Sie mir zu sagen haben, ist für mich von so großer Wichtigkeit, daß
ich es in Ihrer eigensten Sprache zu hören wünschte, und ich will
alsdann, was ich mir davon nicht ganz zueignen kann, schon zu
übersetzen suchen."
"Ich werde", sagte er darauf, "auch auf meine eigenste Weise ohne
Veränderung des Tons fortfahren können. Des Menschen größtes
Verdienst bleibt wohl, wenn er die Umstände soviel als möglich
bestimmt und sich sowenig als möglich von ihnen bestimmen läßt. Das
ganze Weltwesen liegt vor uns wie ein großer Steinbruch vor dem
Baumeister, der nur dann den Namen verdient, wenn er aus diesen
zufälligen Naturmassen ein in seinem Geiste entsprungenes Urbild mit
der größten ökonomie, Zweckmäßigkeit und Festigkeit zusammenstellt.
Alles außer uns ist nur Element, ja ich darf wohl sagen, auch alles an
uns; aber tief in uns liegt diese schöpferische Kraft, die das zu
erschaffen vermag, was sein soll, und uns nicht ruhen und rasten läßt,
bis wir es außer uns oder an uns, auf eine oder die andere Weise,
dargestellt haben. Sie, liebe Nichte, haben vielleicht das beste Teil
erwählt; Sie haben Ihr sittliches Wesen, Ihre tiefe, liebevolle Natur
mit sich selbst und mit dem höchsten Wesen übereinstimmend zu machen
gesucht, indes wir andern wohl auch nicht zu tadeln sind, wenn wir den
sinnlichen Menschen in seinem Umfange zu kennen und tätig in Einheit
zu bringen suchen."
Durch solche Gespräche wurden wir nach und nach vertrauter, und ich
erlangte von ihm, daß er mit mir ohne Kondeszendenz wie mit sich
selbst sprach. "Glauben Sie nicht", sagte der Oheim zu mir, "daß ich
Ihnen schmeichle, wenn ich Ihre Art zu denken und zu handeln lobe.
Ich verehre den Menschen, der deutlich weiß, was er will, unablässig
vorschreitet, die Mittel zu seinem Zwecke kennt und sie zu ergreifen
und zu brauchen weiß; inwiefern sein Zweck groß oder klein sei, Lob
oder Tadel verdiene, das kommt bei mir erst nachher in Betrachtung.
Glauben Sie mir, meine Liebe, der größte Teil des Unheils und dessen,
was man bös in der Welt nennt, entsteht bloß, weil die Menschen zu
nachlässig sind, ihre Zwecke recht kennenzulernen und, wenn sie solche
kennen, ernsthaft darauf loszuarbeiten. Sie kommen mir vor wie Leute,
die den Begriff haben, es könne und müsse ein Turm gebauet werden, und
die doch an den Grund nicht mehr Steine und Arbeit verwenden, als man
allenfalls einer Hütte unterschlüge. Hätten Sie, meine Freundin,
deren höchstes Bedürfnis war, mit Ihrer innern sittlichen Natur ins
reine zu kommen, anstatt der großen und kühnen Aufopferungen sich
zwischen Ihrer Familie, einem Bräutigam, vielleicht einem Gemahl nur
so hin beholfen, Sie würden, in einem ewigen Widerspruch mit sich
selbst, niemals einen zufriedenen Augenblick genossen haben."
"Sie brauchen", versetzte ich hier, "das Wort Aufopferung, und ich
habe manchmal gedacht, wie wir einer höhern Absicht gleichsam wie
einer Gottheit das Geringere zum Opfer darbringen, ob es uns schon am
Herzen liegt, wie man ein geliebtes Schaf für die Gesundheit eines
verehrten Vaters gern und willig zum Altar führen würde."
"Was es auch sei", versetzte er, "der Verstand oder die Empfindung,
das uns eins für das andere hingeben, eins vor dem andern wählen heißt,
so ist Entschiedenheit und Folge nach meiner Meinung das
Verehrungswürdigste am Menschen. Man kann die Ware und das Geld nicht
zugleich haben; und der ist ebenso übel daran, dem es immer nach der
Ware gelüstet, ohne daß er das Herz hat, das Geld hinzugeben, als der,
den der Kauf reut, wenn er die Ware in Händen hat. Aber ich bin weit
entfernt, die Menschen deshalb zu tadeln; denn sie sind eigentlich
nicht schuld, sondern die verwickelte Lage, in der sie sich befinden
und in der sie sich nicht zu regieren wissen. So werden Sie zum
Beispiel im Durchschnitt weniger üble Wirte auf dem Lande als in den
Städten finden und wieder in kleinen Städten weniger als in großen;
und warum? Der Mensch ist zu einer beschränkten Lage geboren;
einfache, nahe, bestimmte Zwecke vermag er einzusehen, und er gewöhnt
sich, die Mittel zu benutzen, die ihm gleich zur Hand sind; sobald er
aber ins Weite kommt, weiß er weder, was er will noch was er soll, und
es ist ganz einerlei, ob er durch die Menge der Gegenstände zerstreut
oder ob er durch die Höhe und Würde derselben außer sich gesetzt werde.
Es ist immer sein Unglück, wenn er veranlaßt wird, nach etwas zu
streben, mit dem er sich durch eine regelmäßige Selbsttätigkeit nicht
verbinden kann.
Fürwahr", fuhr er fort, "ohne Ernst ist in der Welt nichts möglich,
und unter denen, die wir gebildete Menschen nennen, ist eigentlich
wenig Ernst zu finden; sie gehen, ich möchte sagen, gegen Arbeiten und
Geschäfte, gegen Künste, ja gegen Vergnügungen nur mit einer Art von
Selbstverteidigung zu Werke; man lebt, wie man ein Pack Zeitungen
liest, nur damit man sie loswerde, und es fällt mir dabei jener junge
Engländer in Rom ein, der abends in einer Gesellschaft sehr zufrieden
erzählte: daß er doch heute sechs Kirchen und zwei Galerien beiseite
gebracht habe. Man will mancherlei wissen und kennen, und gerade das,
was einen am wenigsten angeht, und man bemerkt nicht, daß kein Hunger
dadurch gestillt wird, wenn man nach der Luft schnappt. Wenn ich
einen Menschen kennenlerne, frage ich sogleich: womit beschäftigt er
sich? und wie? und in welcher Folge? und mit der Beantwortung der
Frage ist auch mein Interesse an ihm auf zeitlebens entschieden."
"Sie sind, lieber Oheim", versetzte ich darauf, "vielleicht zu strenge
und entziehen manchem guten Menschen, dem Sie nützlich sein könnten,
Ihre hülfreiche Hand."
"Ist es dem zu verdenken", antwortete er, "der so lange vergebens an
ihnen und um sie gearbeitet hat? Wie sehr leidet man nicht in der
Jugend von Menschen, die uns zu einer angenehmen Lustpartie einzuladen
glauben, wenn sie uns in die Gesellschaft der Danaiden oder des
Sisyphus zu bringen versprechen. Gott sei Dank, ich habe mich von
ihnen losgemacht, und wenn einer unglücklicherweise in meinen Kreis
kommt, suche ich ihn auf die höflichste Art hinauszukomplimentieren:
denn gerade von diesen Leuten hört man die bittersten Klagen über den
verworrenen Lauf der Welthändel, über die Seichtigkeit der
Wissenschaften, über den Leichtsinn der Künstler, über die Leerheit
der Dichter und was alles noch mehr ist. Sie bedenken am wenigsten,
daß eben sie selbst und die Menge, die ihnen gleich ist, gerade das
Buch nicht lesen würden, das geschrieben wäre, wie sie es fordern, daß
ihnen die echte Dichtung fremd sei und daß selbst ein gutes Kunstwerk
nur durch Vorurteil ihren Beifall erlangen könne. Doch lassen Sie uns
abbrechen, es ist hier keine Zeit zu schelten noch zu klagen."
Er leitete meine Aufmerksamkeit auf die verschiedenen Gemälde, die an
der Wand aufgehängt waren; mein Auge hielt sich an die, deren Anblick
reizend oder deren Gegenstand bedeutend war; er ließ es eine Weile
geschehen, dann sagte er: "Gönnen Sie nun auch dem Genius, der diese
Werke hervorgebracht hat, einige Aufmerksamkeit. Gute Gemüter sehen
so gerne den Finger Gottes in der Natur; warum sollte man nicht auch
der Hand seines Nachahmers einige Betrachtung schenken?" Er machte
mich sodann auf unscheinbare Bilder aufmerksam und suchte mir
begreiflich zu machen, daß eigentlich die Geschichte der Kunst allein
uns den Begriff von dem Wert und der Würde eines Kunstwerks geben
könne, daß man erst die beschwerlichen Stufen des Mechanismus und des
Handwerks, an denen der fähige Mensch sich jahrhundertelang
hinaufarbeitet, kennen müsse, um zu begreifen, wie es möglich sei, daß
das Genie auf dem Gipfel, bei dessen bloßem Anblick uns schwindelt,
sich frei und fröhlich bewege.
Er hatte in diesem Sinne eine schöne Reihe zusammengebracht, und ich
konnte mich nicht enthalten, als er mir sie auslegte, die moralische
Bildung hier wie im Gleichnisse vor mir zu sehen. Als ich ihm meine
Gedanken äußerte, versetzte er: "Sie haben vollkommen recht, und wir
sehen daraus, daß man nicht wohltut, der sittlichen Bildung einsam, in
sich selbst verschlossen nachzuhängen; vielmehr wird man finden, daß
derjenige, dessen Geist nach einer moralischen Kultur strebt, alle
Ursache hat, seine feinere Sinnlichkeit zugleich mit auszubilden,
damit er nicht in Gefahr komme, von seiner moralischen Höhe
herabzugleiten, indem er sich den Lockungen einer regellosen Phantasie
übergibt und in den Fall kommt, seine edlere Natur durch Vergnügen an
geschmacklosen Tändeleien, wo nicht an etwas Schlimmerem
herabzuwürdigen."
Ich hatte ihn nicht im Verdacht, daß er auf mich ziele, aber ich
fühlte mich getroffen, wenn ich zurückdachte, daß unter den Liedern,
die mich erbauet hatten, manches abgeschmackte mochte gewesen sein und
daß die Bildchen, die sich an meine geistlichen Ideen anschlossen,
wohl schwerlich vor den Augen des Oheims würden Gnade gefunden haben.
Philo hatte sich indessen öfters in der Bibliothek aufgehalten und
führte mich nunmehr auch in selbiger ein. Wir bewunderten die Auswahl
und dabei die Menge der Bücher. Sie waren in jenem Sinne gesammelt:
denn es waren beinahe auch nur solche darin zu finden, die uns zur
deutlichen Erkenntnis führen oder uns zur rechten Ordnung anweisen,
die uns entweder rechte Materialien geben oder uns von der Einheit
unsers Geistes überzeugen.
Ich hatte in meinem Leben unsäglich gelesen, und in gewissen Fächern
war mir fast kein Buch unbekannt; um desto angenehmer war mir's, hier
von der übersicht des Ganzen zu sprechen und Lücken zu bemerken, wo
ich sonst nur eine beschränkte Verwirrung oder eine unendliche
Ausdehnung gesehen hatte.
Zugleich machten wir die Bekanntschaft eines sehr interessanten,
stillen Mannes. Er war Arzt und Naturforscher und schien mehr zu den
Penaten als zu den Bewohnern des Hauses zu gehören. Er zeigte uns das
Naturalienkabinett, das, wie die Bibliothek, in verschlossenen
Glasschränken zugleich die Wände der Zimmer verzierte und den Raum
veredelte, ohne ihn zu verengen. Hier erinnerte ich mich mit Freuden
meiner Jugend und zeigte meinem Vater mehrere Gegenstände, die er
ehemals auf das Krankenbette seines kaum in die Welt blickenden Kindes
gebracht hatte. Dabei verhehlte der Arzt so wenig als bei folgenden
Unterredungen, daß er sich mir in Absicht auf religiöse Gesinnungen
nähere, lobte dabei den Oheim außerordentlich wegen seiner Toleranz
und Schätzung von allem, was den Wert und die Einheit der menschlichen
Natur anzeige und befördere, nur verlange er freilich von allen andern
Menschen ein Gleiches und pflege nichts so sehr als individuellen
Dünkel und ausschließende Beschränktheit zu verdammen oder zu fliehen.
Seit der Trauung meiner Schwester sah dem Oheim die Freude aus den
Augen, und er sprach verschiedenemal mit mir über das, was er für sie
und ihre Kinder zu tun denke. Er hatte schöne Güter, die er selbst
bewirtschaftete und die er in dem besten Zustande seinen Neffen zu
übergeben hoffte. Wegen des kleinen Gutes, auf dem wir uns befanden,
schien er besondere Gedanken zu hegen: "Ich werde es", sagte er, "nur
einer Person überlassen, die zu kennen, zu schätzen und zu genießen
weiß, was es enthält, und die einsieht, wie sehr ein Reicher und
Vornehmer, besonders in Deutschland, Ursache habe, etwas Mustermäßiges
aufzustellen."
Schon war der größte Teil der Gäste nach und nach verflogen; wir
bereiteten uns zum Abschied und glaubten die letzte Szene der
Feierlichkeit erlebt zu haben, als wir aufs neue durch seine
Aufmerksamkeit, uns ein würdiges Vergnügen zu machen, überrascht
wurden. Wir hatten ihm das Entzücken nicht verbergen können, das wir
fühlten, als bei meiner Schwester Trauung ein Chor Menschenstimmen
sich ohne alle Begleitung irgendeines Instruments hören ließ. Wir
legten es ihm nahe genug, uns das Vergnügen noch einmal zu verschaffen;
er schien nicht darauf zu merken. Wie überrascht waren wir daher,
als er eines Abends zu uns sagte: "Die Tanzmusik hat sich entfernt;
die jungen, flüchtigen Freunde haben uns verlassen; das Ehepaar selbst
sieht schon ernsthafter aus als vor einigen Tagen, und in einer
solchen Epoche voneinander zu scheiden, da wir uns vielleicht nie,
wenigstens anders wiedersehen, regt uns zu einer feierlichen Stimmung,
die ich nicht edler nähren kann als durch eine Musik, deren
Wiederholung Sie schon früher zu wünschen schienen."
Er ließ durch das indes verstärkte und im stillen noch mehr geübte
Chor uns vierund achtstimmige Gesänge vortragen, die uns, ich darf
wohl sagen, wirklich einen Vorschmack der Seligkeit gaben. Ich hatte
bisher nur den frommen Gesang gekannt, in welchem gute Seelen oft mit
heiserer Kehle wie die Waldvögelein Gott zu loben glauben, weil sie
sich selbst eine angenehme Empfindung machen; dann die eitle Musik der
Konzerte, in denen man allenfalls zur Bewunderung eines Talents,
selten aber auch nur zu einem vorübergehenden Vergnügen hingerissen
wird. Nun vernahm ich eine Musik, aus dem tiefsten Sinne der
trefflichsten menschlichen Naturen entsprungen, die durch bestimmte
und geübte Organe in harmonischer Einheit wieder zum tiefsten, besten
Sinne des Menschen sprach und ihn wirklich in diesem Augenblicke seine
Gottähnlichkeit lebhaft empfinden ließ. Alles waren lateinische
geistliche Gesänge, die sich wie Juwelen in dem goldnen Ringe einer
gesitteten weltlichen Gesellschaft ausnahmen und mich ohne Anforderung
einer sogenannten Erbauung auf das geistigste erhoben und glücklich
machten.
Bei unserer Abreise wurden wir alle auf das edelste beschenkt. Mir
überreichte er das Ordenskreuz meines Stiftes, kunstmäßiger und
schöner gearbeitet und emailliert, als man es sonst zu sehen gewohnt
war. Es hing an einem großen Brillanten, wodurch es zugleich an das
Band befestigt wurde, und den er als den edelsten Stein einer
Naturaliensammlung anzusehen bat.
Meine Schwester zog nun mit ihrem Gemahl auf seine Güter, wir andern
kehrten alle nach unsern Wohnungen zurück und schienen uns, was unsere
äußren Umstände anbetraf, in ein ganz gemeines Leben zurückgekehrt zu
sein. Wir waren wie aus einem Feenschloß auf die platte Erde gesetzt
und mußten uns wieder nach unsrer Weise benehmen und behelfen.
Die sonderbaren Erfahrungen, die ich in jenem neuen Kreise gemacht
hatte, ließen einen schönen Eindruck bei mir zurück; doch blieb er
nicht lange in seiner ganzen Lebhaftigkeit, obgleich der Oheim ihn zu
unterhalten und zu erneuern suchte, indem er mir von Zeit zu Zeit von
seinen besten und gefälligsten Kunstwerken zusandte und, wenn ich sie
lange genug genossen hatte, wieder mit andern vertauschte.
Ich war zu sehr gewohnt, mich mit mir selbst zu beschäftigen, die
Angelegenheiten meines Herzens und meines Gemütes in Ordnung zu
bringen und mich davon mit ähnlich gesinnten Personen zu unterhalten,
als daß ich mit Aufmerksamkeit ein Kunstwerk hätte betrachten sollen,
ohne bald auf mich selbst zurückzukehren. Ich war gewohnt, ein
Gemälde und einen Kupferstich nur anzusehen wie die Buchstaben eines
Buchs. Ein schöner Druck gefällt wohl; aber wer wird ein Buch des
Druckes wegen in die Hand nehmen? So sollte mir auch eine bildliche
Darstellung etwas sagen, sie sollte mich belehren, rühren, bessern;
und der Oheim mochte in seinen Briefen, mit denen er seine Kunstwerke
erläuterte, reden, was er wollte, so blieb es mit mir doch immer beim
alten.
Doch mehr als meine eigene Natur zogen mich äußere Begebenheiten, die
Veränderungen in meiner Familie von solchen Betrachtungen, ja eine
Weile von mir selbst ab; ich mußte dulden und wirken, mehr, als meine
schwachen Kräfte zu ertragen schienen.
Meine ledige Schwester war bisher mein rechter Arm gewesen; gesund,
stark und unbeschreiblich gütig hatte sie die Besorgung der
Haushaltung über sich genommen, wie mich die persönliche Pflege des
alten Vaters beschäftigte. Es überfällt sie ein Katarrh, woraus eine
Brustkrankheit wird, und in drei Wochen liegt sie auf der Bahre; ihr
Tod schlug mir Wunden, deren Narben ich jetzt noch nicht gerne ansehe.
Ich lag krank zu Bette, ehe sie noch beerdiget war; der alte Schaden
auf meiner Brust schien aufzuwachen, ich hustete heftig und war so
heiser, daß ich keinen lauten Ton hervorbringen konnte.
Die verheiratete Schwester kam vor Schrecken und Betrübnis zu früh in
die Wochen. Mein alter Vater fürchtete, seine Kinder und die Hoffnung
seiner Nachkommenschaft auf einmal zu verlieren; seine gerechten
Tränen vermehrten meinen Jammer; ich flehte zu Gott um Herstellung
einer leidlichen Gesundheit und bat ihn nur, mein Leben bis nach dem
Tode des Vaters zu fristen. Ich genas und war nach meiner Art wohl,
konnte wieder meine Pflichten, obgleich nur auf eine kümmerliche Weise,
erfüllen.
VI. Buch--8
Meine Schwester ward wieder guter Hoffnung. Mancherlei Sorgen, die
in solchen Fällen der Mutter anvertraut werden, wurden mir mitgeteilt;
sie lebte nicht ganz glücklich mit ihrem Manne, das sollte dem Vater
verborgen bleiben; ich mußte Schiedsrichter sein und konnte es um so
eher, da mein Schwager Zutrauen zu mir hatte und beide wirklich gute
Menschen waren, nur daß beide, anstatt einander nachzusehen,
miteinander rechteten und aus Begierde, völlig miteinander überein zu
leben, niemals einig werden konnten. Nun lernte ich auch die
weltlichen Dinge mit Ernst angreifen und das ausüben, was ich sonst
nur gesungen hatte.
Meine Schwester gebar einen Sohn; die Unpäßlichkeit meines Vaters
verhinderte ihn nicht, zu ihr zu reisen. Beim Anblick des Kindes war
er unglaublich heiter und froh, und bei der Taufe erschien er mir
gegen seine Art wie begeistert, ja ich möchte sagen, als ein Genius
mit zwei Gesichtern. Mit dem einen blickte er freudig vorwärts in
jene Regionen, in die er bald einzugehen hoffte, mit dem andern auf
das neue, hoffnungsvolle irdische Leben, das in dem Knaben entsprungen
war, der von ihm abstammte. Er ward nicht müde, auf dem Rückwege mich
von dem Kinde zu unterhalten, von seiner Gestalt, seiner Gesundheit
und dem Wunsche, daß die Anlagen dieses neuen Weltbürgers glücklich
ausgebildet werden möchten. Seine Betrachtungen hierüber dauerten
fort, als wir zu Hause anlangten, und erst nach einigen Tagen bemerkte
man eine Art Fieber, das sich nach Tisch ohne Frost durch eine etwas
ermattende Hitze äußerte. Er legte sich jedoch nicht nieder, fuhr des
Morgens aus und versah treulich seine Amtsgeschäfte, bis ihn endlich
anhaltende, ernsthafte Symptome davon abhielten.
Nie werde ich die Ruhe des Geistes, die Klarheit und Deutlichkeit
vergessen, womit er die Angelegenheiten seines Hauses, die Besorgung
seines Begräbnisses, als wie das Geschäft eines andern, mit der
größten Ordnung vornahm.
Mit einer Heiterkeit, die ihm sonst nicht eigen war und die bis zu
einer lebhaften Freude stieg, sagte er zu mir: "Wo ist die Todesfurcht
hingekommen, die ich sonst noch wohl empfand? Sollt ich zu sterben
scheuen? Ich habe einen gnädigen Gott, das Grab erweckt mir kein
Grauen, ich habe ein ewiges Leben."
Mir die Umstände seines Todes zurückzurufen, der bald darauf erfolgte,
ist in meiner Einsamkeit eine meiner angenehmsten Unterhaltungen, und
die sichtbaren Wirkungen einer höhern Kraft dabei wird mir niemand
wegräsonieren.
Der Tod meines lieben Vaters veränderte meine bisherige Lebensart.
Aus dem strengsten Gehorsam, aus der größten Einschränkung kam ich in
die größte Freiheit, und ich genoß ihrer wie einer Speise, die man
lange entbehrt hat. Sonst war ich selten zwei Stunden außer dem Hause;
nun verlebte ich kaum einen Tag in meinem Zimmer. Meine Freunde, bei
denen ich sonst nur abgerissene Besuche machen konnte, wollten sich
meines anhaltenden Umgangs sowie ich mich des ihrigen erfreuen; öfters
wurde ich zu Tische geladen, Spazierfahrten und kleine Lustreisen
kamen hinzu, und ich blieb nirgends zurück. Als aber der Zirkel
durchlaufen war, sah ich, daß das unschätzbare Glück der Freiheit
nicht darin besteht, daß man alles tut, was man tun mag und wozu uns
die Umstände einladen, sondern daß man das ohne Hindernis und Rückhalt
auf dem geraden Wege tun kann, was man für recht und schicklich hält,
und ich war alt genug, in diesem Falle ohne Lehrgeld zu der schönen
überzeugung zu gelangen.
Was ich mir nicht versagen konnte, war, so bald als nur möglich den
Umgang mit den Gliedern der herrnhutischen Gemeine fortzusetzen und
fester zu knüpfen, und ich eilte, eine ihrer nächsten Einrichtungen zu
besuchen: aber auch da fand ich keinesweges, was ich mir vorgestellt
hatte. Ich war ehrlich genug, meine Meinung merken zu lassen, und man
suchte mir hinwieder beizubringen: diese Verfassung sei gar nichts
gegen eine ordentlich eingerichtete Gemeine. Ich konnte mir das
gefallen lassen; doch hätte nach meiner überzeugung der wahre Geist
aus einer kleinen so gut als aus einer großen Anstalt hervorblicken
sollen.
Einer ihrer Bischöfe, der gegenwärtig war, ein unmittelbarer Schüler
des Grafen, beschäftigte sich viel mit mir; er sprach vollkommen
Englisch, und weil ich es ein wenig verstand, meinte er, es sei ein
Wink, daß wir zusammengehörten; ich meinte es aber ganz und gar nicht;
sein Umgang konnte mir nicht im geringsten gefallen. Er war ein
Messerschmied, ein geborner Mähre; seine Art zu denken konnte das
Handwerksmäßige nicht verleugnen. Besser verstand ich mich mit dem
Herrn von L***, der Major in französischen Diensten gewesen war; aber
zu der Untertänigkeit, die er gegen seine Vorgesetzten bezeigte,
fühlte ich mich niemals fähig; ja es war mir, als wenn man mir eine
Ohrfeige gäbe, wenn ich die Majorin und andere mehr oder weniger
angesehene Frauen dem Bischof die Hand küssen sah. Indessen wurde
doch eine Reise nach Holland verabredet, die aber, und gewiß zu meinem
Besten, niemals zustande kam.
Meine Schwester war mit einer Tochter niedergekommen, und nun war die
Reihe an uns Frauen, zufrieden zu sein und zu denken, wie sie dereinst
uns ähnlich erzogen werden sollte. Mein Schwager war dagegen sehr
unzufrieden, als in dem Jahr darauf abermals eine Tochter erfolgte; er
wünschte bei seinen großen Gütern Knaben um sich zu sehen, die ihm
einst in der Verwaltung beistehen könnten.
Ich hielt mich bei meiner schwachen Gesundheit still und bei einer
ruhigen Lebensart ziemlich im Gleichgewicht; ich fürchtete den Tod
nicht, ja ich wünschte zu sterben, aber ich fühlte in der Stille, daß
mir Gott Zeit gebe, meine Seele zu untersuchen und ihm immer
näherzukommen. In den vielen schlaflosen Nächten habe ich besonders
etwas empfunden, das ich eben nicht deutlich beschreiben kann.
Es war, als wenn meine Seele ohne Gesellschaft des Körpers dächte; sie
sah den Körper selbst als ein ihr fremdes Wesen an, wie man etwa ein
Kleid ansieht. Sie stellte sich mit einer außerordentlichen
Lebhaftigkeit die vergangenen Zeiten und Begebenheiten vor und fühlte
daraus, was folgen werde. Alle diese Zeiten sind dahin; was folgt,
wird auch dahingehen: der Körper wird wie ein Kleid zerreißen, aber
ich, das wohlbekannte Ich, ich bin.
Diesem großen, erhabenen und tröstlichen Gefühle sowenig als nur
möglich nachzuhängen, lehrte mich ein edler Freund, der sich mir immer
näher verband; es war der Arzt, den ich in dem Hause meines Oheims
hatte kennenlernen und der sich von der Verfassung meines Körpers und
meines Geistes sehr gut unterrichtet hatte; er zeigte mir, wie sehr
diese Empfindungen, wenn wir sie unabhängig von äußern Gegenständen in
uns nähren, uns gewissermaßen aushöhlen und den Grund unseres Daseins
untergraben. "Tätig zu sein", sagte er, "ist des Menschen erste
Bestimmung, und alle Zwischenzeiten, in denen er auszuruhen genötiget
ist, sollte er anwenden, eine deutliche Erkenntnis der äußerlichen
Dinge zu erlangen, die ihm in der Folge abermals seine Tätigkeit
erleichtert."
Da der Freund meine Gewohnheit kannte, meinen eigenen Körper als einen
äußern Gegenstand anzusehn, und da er wußte, daß ich meine
Konstitution, mein übel und die medizinischen Hülfsmittel ziemlich
kannte und ich wirklich durch anhaltende eigene und fremde Leiden ein
halber Arzt geworden war, so leitete er meine Aufmerksamkeit von der
Kenntnis des menschlichen Körpers und der Spezereien auf die übrigen
nachbarlichen Gegenstände der Schöpfung und führte mich wie im
Paradiese umher, und nur zuletzt, wenn ich mein Gleichnis fortsetzen
darf, ließ er mich den in der Abendkühle im Garten wandelnden Schöpfer
aus der Entfernung ahnen.
Wie gerne sah ich nunmehr Gott in der Natur, da ich ihn mit solcher
Gewißheit im Herzen trug; wie interessant war mir das Werk seiner
Hände, und wie dankbar war ich, daß er mich mit dem Atem seines Mundes
hatte beleben wollen! Wir hofften aufs neue mit meiner Schwester auf
einen Knaben, dem mein Schwager so sehnlich entgegensah und dessen
Geburt er leider nicht erlebte. Der wackere Mann starb an den Folgen
eines unglücklichen Sturzes vom Pferde, und meine Schwester folgte ihm,
nachdem sie der Welt einen schönen Knaben gegeben hatte. Ihre vier
hinterlassenen Kinder konnte ich nur mit Wehmut ansehn. So manche
gesunde Person war vor mir, der Kranken, hingegangen; sollte ich nicht
vielleicht von diesen hoffnungsvollen Blüten manche abfallen sehen?
Ich kannte die Welt genug, um zu wissen, unter wie vielen Gefahren ein
Kind, besonders in dem höheren Stande, heraufwächst, und es schien mir,
als wenn sie seit der Zeit meiner Jugend sich für die gegenwärtige
Welt noch vermehrt hätten. Ich fühlte, daß ich bei meiner Schwäche
wenig oder nichts für die Kinder zu tun imstande sei; um desto
erwünschter war mir des Oheims Entschluß, der natürlich aus seiner
Denkungsart entsprang, seine ganze Aufmerksamkeit auf die Erziehung
dieser liebenswürdigen Geschöpfe zu verwenden. Und gewiß, sie
verdienten es in jedem Sinne, sie waren wohlgebildet und versprachen
bei ihrer großen Verschiedenheit sämtlich gutartige und verständige
Menschen zu werden.
Seitdem mein guter Arzt mich aufmerksam gemacht hatte, betrachtete ich
gern die Familienähnlichkeit in Kindern und Verwandten. Mein Vater
hatte sorgfältig die Bilder seiner Vorfahren aufbewahrt, sich selbst
und seine Kinder von leidlichen Meistern malen lassen, auch war meine
Mutter und ihre Verwandten nicht vergessen worden. Wir kannten die
Charaktere der ganzen Familie genau, und da wir sie oft untereinander
verglichen hatten, so suchten wir nun bei den Kindern die
ähnlichkeiten des äußern und Innern wieder auf. Der älteste Sohn
meiner Schwester schien seinem Großvater väterlicher Seite zu gleichen,
von dem ein jugendliches Bild, sehr gut gemalt, in der Sammlung
unseres Oheims aufgestellt war; auch liebte er wie jener, der sich
immer als ein braver Offizier gezeigt hatte, nichts so sehr als das
Gewehr, womit er sich immer, sooft er mich besuchte, beschäftigte.
Denn mein Vater hatte einen sehr schönen Gewehrschrank hinterlassen,
und der Kleine hatte nicht eher Ruhe, bis ich ihm ein paar Pistolen
und eine Jagdflinte schenkte und bis er herausgebracht hatte, wie ein
deutsches Schloß aufzuziehen sei. übrigens war er in seinen Handlungen
und seinem ganzen Wesen nichts weniger als rauh, sondern vielmehr
sanft und verständig.
Die älteste Tochter hatte meine ganze Neigung gefesselt, und es mochte
wohl daher kommen, weil sie mir ähnlich sah und weil sie sich von
allen vieren am meisten zu mir hielt. Aber ich kann wohl sagen, je
genauer ich sie beobachtete, da sie heranwuchs, desto mehr beschämte
sie mich, und ich konnte das Kind nicht ohne Bewunderung, ja ich darf
beinahe sagen, nicht ohne Verehrung ansehn. Man sah nicht leicht eine
edlere Gestalt, ein ruhiger Gemüt und eine immer gleiche, auf keinen
Gegenstand eingeschränkte Tätigkeit. Sie war keinen Augenblick ihres
Lebens unbeschäftigt, und jedes Geschäft ward unter ihren Händen zur
würdigen Handlung. Alles schien ihr gleich, wenn sie nur das
verrichten konnte, was in der Zeit und am Platz war, und ebenso konnte
sie ruhig, ohne Ungeduld bleiben, wenn sich nichts zu tun fand. Diese
Tätigkeit ohne Bedürfnis einer Beschäftigung habe ich in meinem Leben
nicht wieder gesehen. Unnachahmlich war von Jugend auf ihr Betragen
gegen Notleidende und Hülfsbedürftige. Ich gestehe gern, daß ich
niemals das Talent hatte, mir aus der Wohltätigkeit ein Geschäft zu
machen; ich war nicht karg gegen Arme, ja ich gab oft in meinem
Verhältnisse zuviel dahin, aber gewissermaßen kaufte ich mich nur los,
und es mußte mir jemand angeboren sein, wenn er mir meine Sorgfalt
abgewinnen wollte. Gerade das Gegenteil lobe ich an meiner Nichte.
Ich habe sie niemals einem Armen Geld geben sehen, und was sie von mir
zu diesem Endzweck erhielt, verwandelte sie immer erst in das nächste
Bedürfnis. Niemals erschien sie mir liebenswürdiger, als wenn sie
meine Kleider- und Wäschschränke plünderte; immer fand sie etwas, das
ich nicht trug und nicht brauchte, und diese alten Sachen
zusammenzuschneiden und sie irgendeinem zerlumpten Kinde anzupassen
war ihre größte Glückseligkeit.
Die Gesinnungen ihrer Schwester zeigten sich schon anders; sie hatte
vieles von der Mutter, versprach schon frühe sehr zierlich und reizend
zu werden und scheint ihr Versprechen halten zu wollen; sie ist sehr
mit ihrem äußern beschäftigt und wußte sich von früher Zeit an auf
eine in die Augen fallende Weise zu putzen und zu tragen. Ich
erinnere mich noch immer, mit welchem Entzücken sie sich als ein
kleines Kind im Spiegel besah, als ich ihr die schönen Perlen, die mir
meine Mutter hinterlassen hatte und die sie von ungefähr bei mir fand,
umbinden mußte.
Wenn ich diese verschiedenen Neigungen betrachtete, war es mir
angenehm zu denken, wie meine Besitzungen nach meinem Tode unter sie
zerfallen und durch sie wieder lebendig werden würden. Ich sah die
Jagdflinten meines Vaters schon wieder auf dem Rücken des Neffen im
Felde herumwandeln und aus seiner Jagdtasche schon wieder Hühner
herausfallen; ich sah meine sämtliche Garderobe bei der
Osterkonfirmation, lauter kleinen Mädchen angepaßt, aus der Kirche
herauskommen und mit meinen besten Stoffen ein sittsames Bürgermädchen
an ihrem Brauttage geschmückt: denn zu Ausstattung solcher Kinder und
ehrbarer armer Mädchen hatte Natalie eine besondere Neigung, ob sie
gleich, wie ich hier bemerken muß, selbst keine Art von Liebe und,
wenn ich so sagen darf, kein Bedürfnis einer Anhänglichkeit an ein
sichtbares oder unsichtbares Wesen, wie es sich bei mir in meiner
Jugend so lebhaft gezeigt hatte, auf irgendeine Weise merken ließ.
Wenn ich nun dachte, daß die Jüngste an ebendemselben Tage meine
Perlen und Juwelen nach Hofe tragen werde, so sah ich mit Ruhe meine
Besitzungen wie meinen Körper den Elementen wiedergegeben.
Die Kinder wuchsen heran und sind zu meiner Zufriedenheit gesunde,
schöne und wackre Geschöpfe. Ich ertrage es mit Geduld, daß der Oheim
sie von mir entfernt hält, und sehe sie, wenn sie in der Nähe oder
auch wohl gar in der Stadt sind, selten.
Ein wunderbarer Mann, den man für einen französischen Geistlichen hält,
ohne daß man recht von seiner Herkunft unterrichtet ist, hat die
Aufsicht über die sämtlichen Kinder, welche an verschiedenen Orten
erzogen werden und bald hier, bald da in der Kost sind.
Ich konnte anfangs keinen Plan in dieser Erziehung sehn, bis mir mein
Arzt zuletzt eröffnete: der Oheim habe sich durch den Abbe überzeugen
lassen, daß, wenn man an der Erziehung des Menschen etwas tun wolle,
müsse man sehen, wohin seine Neigungen und Wünsche gehen. Sodann
müsse man ihn in die Lage versetzen, jene so bald als möglich zu
befriedigen, diese so bald als möglich zu erreichen, damit der Mensch,
wenn er sich geirret habe, früh genug seinen Irrtum gewahr werde, und
wenn er das getroffen hat, was für ihn paßt, desto eifriger daran
halte und sich desto emsiger fortbilde. Ich wünsche, daß dieser
sonderbare Versuch gelingen möge; bei so guten Naturen ist es
vielleicht möglich.
Aber das, was ich nicht an diesen Erziehern billigen kann, ist, daß
sie alles von den Kindern zu entfernen suchen, was sie zu dem Umgange
mit sich selbst und mit dem unsichtbaren, einzigen treuen Freunde
führen könne. Ja, es verdrießt mich oft von dem Oheim, daß er mich
deshalb für die Kinder für gefährlich hält. Im Praktischen ist doch
kein Mensch tolerant! Denn wer auch versichert, daß er jedem seine
Art und Wesen gerne lassen wolle, sucht doch immer diejenigen von der
Tätigkeit auszuschließen, die nicht so denken wie er.
Diese Art, die Kinder von mir zu entfernen, betrübt mich desto mehr,
je mehr ich von der Realität meines Glaubens überzeugt sein kann.
Warum sollte er nicht einen göttlichen Ursprung, nicht einen
wirklichen Gegenstand haben, da er sich im Praktischen so wirksam
erweiset? Werden wir durchs Praktische doch unseres eigenen Daseins
selbst erst recht gewiß, warum sollten wir uns nicht auch auf ebendem
Wege von jenem Wesen überzeugen können, das uns zu allem Guten die
Hand reicht?
Daß ich immer vorwärts, nie rückwärts gehe, daß meine Handlungen immer
mehr der Idee ähnlich werden, die ich mir von der Vollkommenheit
gemacht habe, daß ich täglich mehr Leichtigkeit fühle, das zu tun, was
ich für recht halte, selbst bei der Schwäche meines Körpers, der mir
so manchen Dienst versagt; läßt sich das alles aus der menschlichen
Natur, deren Verderben ich so tief eingesehen habe, erklären? Für
mich nun einmal nicht.
Ich erinnere mich kaum eines Gebotes; nichts erscheint mir in Gestalt
eines Gesetzes; es ist ein Trieb, der mich leitet und mich immer recht
führet; ich folge mit Freiheit meinen Gesinnungen und weiß sowenig von
Einschränkung als von Reue. Gott sei Dank, daß ich erkenne, wem ich
dieses Glück schuldig bin und daß ich an diese Vorzüge nur mit Demut
denken darf. Denn niemals werde ich in Gefahr kommen, auf mein eignes
Können und Vermögen stolz zu werden, da ich so deutlich erkannt habe,
welch Ungeheuer in jedem menschlichen Busen, wenn eine höhere Kraft
uns nicht bewahrt, sich erzeugen und nähren könne.
Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 6"
von Johann Wolfgang von Goethe.
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The Project Gutenberg eBook of Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 7
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Title: Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 7
Author: Johann Wolfgang von Goethe
Release date: September 1, 2000 [eBook #2341]
Most recently updated: April 3, 2015
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/2341
Credits: This etext was prepared by Michael Pullen
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM MEISTERS LEHRJAHRE — BAND 7 ***
This etext was prepared by Michael Pullen,
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Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 7
Johann Wolfgang von Goethe
Siebentes Buch
Erstes Kapitel
Der Frühling war in seiner völligen Herrlichkeit erschienen; ein
frühzeitiges Gewitter, das den ganzen Tag gedrohet hatte, ging
stürmisch an den Bergen nieder, der Regen zog nach dem Lande, die
Sonne trat wieder in ihrem Glanze hervor, und auf dem grauen Grunde
erschien der herrliche Bogen. Wilhelm ritt ihm entgegen und sah ihn
mit Wehmut an. "Ach!" sagte er zu sich selbst, "erscheinen uns denn
eben die schönsten Farben des Lebens nur auf dunklem Grunde? Und
müssen Tropfen fallen, wenn wir entzückt werden sollen? Ein heiterer
Tag ist wie ein grauer, wenn wir ihn ungerührt ansehen, und was kann
uns rühren als die stille Hoffnung, daß die angeborne Neigung unsers
Herzens nicht ohne Gegenstand bleiben werde? Uns rührt die Erzählung
jeder guten Tat, uns rührt das Anschauen jedes harmonischen
Gegenstandes; wir fühlen dabei, daß wir nicht ganz in der Fremde sind,
wir wähnen einer Heimat näher zu sein, nach der unser Bestes,
Innerstes ungeduldig hinstrebt."
Inzwischen hatte ihn ein Fußgänger eingeholt, der sich zu ihm gesellte,
mit starkem Schritte neben dem Pferde blieb und nach einigen
gleichgültigen Reden zu dem Reiter sagte: "Wenn ich mich nicht irre,
so muß ich Sie irgendwo schon gesehen haben."
"Ich erinnere mich Ihrer auch", versetzte Wilhelm; "haben wir nicht
zusammen eine lustige Wasserfahrt gemacht?"--"Ganz recht!" erwiderte
der andere.
Wilhelm betrachtete ihn genauer und sagte nach einigem Stillschweigen:
"Ich weiß nicht, was für eine Veränderung mit Ihnen vorgegangen sein
mag; damals hielt ich Sie für einen lutherischen Landgeistlichen, und
jetzt sehen Sie mir eher einem katholischen ähnlich."
"Heute betriegen Sie sich wenigstens nicht", sagte der andere, indem
er den Hut abnahm und die Tonsur sehen ließ. "Wo ist denn Ihre
Gesellschaft hingekommen? Sind Sie noch lange bei ihr geblieben?"
"Länger als billig: denn leider wenn ich an jene Zeit zurückdenke, die
ich mit ihr zugebracht habe, so glaube ich in ein unendliches Leere zu
sehen; es ist mir nichts davon übriggeblieben."
"Darin irren Sie sich; alles, was uns begegnet, läßt Spuren zurück,
alles trägt unmerklich zu unserer Bildung bei; doch es ist gefährlich,
sich davon Rechenschaft geben zu wollen. Wir werden dabei entweder
stolz und lässig oder niedergeschlagen und kleinmütig, und eins ist
für die Folge so hinderlich als das andere. Das Sicherste bleibt
immer, nur das Nächste zu tun, was vor uns liegt, und das ist jetzt",
fuhr er mit einem Lächeln fort, "daß wir eilen, ins Quartier zu kommen."
Wilhelm fragte, wie weit noch der Weg nach Lotharios Gut sei, der
andere versetzte, daß es hinter dem Berge liege. "Vielleicht treffe
ich Sie dort an", fuhr er fort, "ich habe nur in der Nachbarschaft
noch etwas zu besorgen. Leben Sie solange wohl!" Und mit diesen
Worten ging er einen steilen Pfad, der schneller über den Berg
hinüberzuführen schien.
"Ja wohl hat er recht!" sagte Wilhelm vor sich, indem er weiterritt.
"An das Nächste soll man denken, und für mich ist wohl jetzt nichts
Näheres als der traurige Auftrag, den ich ausrichten soll. Laß sehen,
ob ich die Rede noch ganz im Gedächtnis habe, die den grausamen Freund
beschämen soll."
Er fing darauf an, sich dieses Kunstwerk vorzusagen; es fehlte ihm
auch nicht eine Silbe, und je mehr ihm sein Gedächtnis zustatten kam,
desto mehr wuchs seine Leidenschaft und sein Mut. Aureliens Leiden
und Tod waren lebhaft vor seiner Seele gegenwärtig.
"Geist meiner Freundin!" rief er aus, "umschwebe mich! und wenn es dir
möglich ist, so gib mir ein Zeichen, daß du besänftigt, daß du
versöhnt seist!"
Unter diesen Worten und Gedanken war er auf die Höhe des Berges
gekommen und sah an dessen Abhang an der andern Seite ein wunderliches
Gebäude liegen, das er sogleich für Lotharios Wohnung hielt. Ein
altes, unregelmäßiges Schloß mit einigen Türmen und Giebeln schien die
erste Anlage dazu gewesen zu sein; allein noch unregelmäßiger waren
die neuen Angebäude, die, teils nah, teils in einiger Entfernung davon
errichtet, mit dem Hauptgebäude durch Galerien und bedeckte Gänge
zusammenhingen. Alle äußere Symmetrie, jedes architektonische Ansehn
schien dem Bedürfnis der innern Bequemlichkeit aufgeopfert zu sein.
Keine Spur von Wall und Graben war zu sehen, ebensowenig als von
künstlichen Gärten und großen Alleen. Ein Gemüse- und Baumgarten
drang bis an die Häuser hinan, und kleine nutzbare Gärten waren selbst
in den Zwischenräumen angelegt. Ein heiteres Dörfchen lag in einiger
Entfernung; Gärten und Felder schienen durchaus in dem besten Zustande.
In seine eignen leidenschaftlichen Betrachtungen vertieft, ritt
Wilhelm weiter, ohne viel über das, was er sah, nachzudenken, stellte
sein Pferd in einem Gasthofe ein und eilte nicht ohne Bewegung nach
dem Schlosse zu.
Ein alter Bedienter empfing ihn an der Türe und berichtete ihm mit
vieler Gutmütigkeit, daß er heute wohl schwerlich vor den Herren
kommen werde; der Herr habe viel Briefe zu schreiben und schon einige
seiner Geschäftsleute abweisen lassen. Wilhelm ward dringender, und
endlich mußte der Alte nachgeben und ihn melden. Er kam zurück und
führte Wilhelmen in einen großen, alten Saal. Dort ersuchte er ihn,
sich zu gedulden, weil der Herr vielleicht noch eine Zeitlang
ausbleiben werde. Wilhelm ging unruhig auf und ab und warf einige
Blicke auf die Ritter und Frauen, deren alte Abbildungen an der Wand
umher hingen, er wiederholte den Anfang seiner Rede, und sie schien
ihm in Gegenwart dieser Harnische und Kragen erst recht am Platz.
Sooft er etwas rauschen hörte, setzte er sich in Positur, um seinen
Gegner mit Würde zu empfangen, ihm erst den Brief zu überreichen und
ihn dann mit den Waffen des Vorwurfs anzufallen.
Mehrmals war er schon getäuscht worden und fing wirklich an,
verdrießlich und verstimmt zu werden, als endlich aus einer Seitentür
ein wohlgebildeter Mann in Stiefeln und einem schlichten überrocke
heraustrat. "Was bringen Sie mir Gutes?" sagte er mit freundlicher
Stimme zu Wilhelmen, "verzeihen Sie, daß ich Sie habe warten lassen."
Er faltete, indem er dieses sprach, einen Brief, den er in der Hand
hielt. Wilhelm, nicht ohne Verlegenheit, überreichte ihm das Blatt
Aureliens und sagte: "Ich bringe die letzten Worte einer Freundin, die
Sie nicht ohne Rührung lesen werden."
Lothario nahm den Brief und ging sogleich in das Zimmer zurück, wo er,
wie Wilhelm recht gut durch die offne Türe sehen konnte, erst noch
einige Briefe siegelte und überschrieb, dann Aureliens Brief eröffnete
und las. Er schien das Blatt einigemal durchgelesen zu haben, und
Wilhelm, obgleich seinem Gefühl nach die pathetische Rede zu dem
natürlichen Empfang nicht recht passen wollte, nahm sich doch zusammen,
ging auf die Schwelle los und wollte seinen Spruch beginnen, als eine
Tapetentüre des Kabinetts sich öffnete und der Geistliche hereintrat.
"Ich erhalte die wunderlichste Depesche von der Welt", rief Lothario
ihm entgegen; "verzeihn Sie mir", fuhr er fort, indem er sich gegen
Wilhelmen wandte, "wenn ich in diesem Augenblicke nicht gestimmt bin,
mich mit Ihnen weiter zu unterhalten. Sie bleiben heute nacht bei uns!
Und Sie sorgen für unsern Gast, Abbe, daß ihm nichts abgeht."
Mit diesen Worten machte er eine Verbeugung gegen Wilhelmen, der
Geistliche nahm unsern Freund bei der Hand, der nicht ohne
Widerstreben folgte.
Stillschweigend gingen sie durch wunderliche Gänge und kamen in ein
gar artiges Zimmer. Der Geistliche führte ihn ein und verließ ihn
ohne weitere Entschuldigung. Bald darauf erschien ein munterer Knabe,
der sich bei Wilhelmen als seine Bedienung ankündigte und das
Abendessen brachte, bei der Aufwartung von der Ordnung des Hauses, wie
man zu frühstücken, zu speisen, zu arbeiten und sich zu vergnügen
pflegte, manches erzählte und besonders zu Lotharios Ruhm gar vieles
vorbrachte.
So angenehm auch der Knabe war, so suchte ihn Wilhelm doch bald
loszuwerden. Er wünschte allein zu sein, denn er fühlte sich in
seiner Lage äußerst gedrückt und beklommen. Er machte sich Vorwürfe,
seinen Vorsatz so schlecht vollführt, seinen Auftrag nur halb
ausgerichtet zu haben. Bald nahm er sich vor, den andern Morgen das
Versäumte nachzuholen, bald ward er gewahr, daß Lotharios Gegenwart
ihn zu ganz andern Gefühlen stimmte. Das Haus, worin er sich befand,
kam ihm auch so wunderbar vor, er wußte sich in seine Lage nicht zu
finden. Er wollte sich ausziehen und öffnete seinen Mantelsack; mit
seinen Nachtsachen brachte er zugleich den Schleier des Geistes hervor,
den Mignon eingepackt hatte. Der Anblick vermehrte seine traurige
Stimmung. ""Flieh! Jüngling, flieh!"" rief er aus, "was soll das
mystische Wort heißen? was fliehen? wohin fliehen? Weit besser hätte
der Geist mir zugerufen: "Kehre in dich selbst zurück!"" Er
betrachtete die englischen Kupfer, die an der Wand in Rahmen hingen;
gleichgültig sah er über die meisten hinweg, endlich fand er auf dem
einen ein unglücklich strandendes Schiff vorgestellt: ein Vater mit
seinen schönen Töchtern erwartete den Tod von den hereindringenden
Wellen. Das eine Frauenzimmer schien ähnlichkeit mit jener Amazone zu
haben; ein unaussprechliches Mitleiden ergriff unsern Freund, er
fühlte ein unwiderstehliches Bedürfnis, seinem Herzen Luft zu machen,
Tränen drangen aus seinem Auge, und er konnte sich nicht wieder
erholen, bis ihn der Schlaf überwältigte.
Sonderbare Traumbilder erschienen ihm gegen Morgen. Er fand sich in
einem Garten, den er als Knabe öfters besucht hatte, und sah mit
Vergnügen die bekannten Alleen, Hecken und Blumenbeete wieder; Mariane
begegnete ihm, er sprach liebevoll mit ihr und ohne Erinnerung
irgendeines vergangenen Mißverhältnisses. Gleich darauf trat sein
Vater zu ihnen, im Hauskleide; und mit vertraulicher Miene, die ihm
selten war, hieß er den Sohn zwei Stühle aus dem Gartenhause holen,
nahm Marianen bei der Hand und führte sie nach einer Laube.
Wilhelm eilte nach dem Gartensaale, fand ihn aber ganz leer, nur sah
er Aurelien an dem entgegengesetzten Fenster stehen; er ging, sie
anzureden, allein sie blieb unverwandt, und ob er sich gleich neben
sie stellte, konnte er doch ihr Gesicht nicht sehen. Er blickte zum
Fenster hinaus und sah in einem fremden Garten viele Menschen
beisammen, von denen er einige sogleich erkannte. Frau Melina saß
unter einem Baum und spielte mit einer Rose, die sie in der Hand hielt;
Laertes stand neben ihr und zählte Gold aus einer Hand in die andere.
Mignon und Felix lagen im Grase, jene ausgestreckt auf dem Rücken,
dieser auf dem Gesichte. Philine trat hervor und klatschte über den
Kindern in die Hände, Mignon blieb unbeweglich, Felix sprang auf und
floh vor Philinen. Erst lachte er im Laufen, als Philine ihn
verfolgte, dann schrie er ängstlich, als der Harfenspieler mit großen,
langsamen Schritten ihm nachging. Das Kind lief grade auf einen Teich
los; Wilhelm eilte ihm nach, aber zu spät, das Kind lag im Wasser!
Wilhelm stand wie eingewurzelt. Nun sah er die schöne Amazone an der
andern Seite des Teichs, sie streckte ihre rechte Hand gegen das Kind
aus und ging am Ufer hin, das Kind durchstrich das Wasser in gerader
Richtung auf den Finger zu und folgte ihr nach, wie sie ging, endlich
reichte sie ihm ihre Hand und zog es aus dem Teiche. Wilhelm war
indessen näher gekommen, das Kind brannte über und über, und es fielen
feurige Tropfen von ihm herab. Wilhelm war noch besorgter, doch die
Amazone nahm schnell einen weißen Schleier vom Haupte und bedeckte das
Kind damit. Das Feuer war sogleich gelöscht. Als sie den Schleier
aufhob, sprangen zwei Knaben hervor, die zusammen mutwillig hin und
her spielten, als Wilhelm mit der Amazone Hand in Hand durch den
Garten ging und in der Entfernung seinen Vater und Marianen in einer
Allee spazieren sah, die mit hohen Bäumen den ganzen Garten zu umgeben
schien. Er richtete seinen Weg auf beide zu und machte mit seiner
schönen Begleiterin den Durchschnitt des Gartens, als auf einmal der
blonde Friedrich ihnen in den Weg trat und sie mit großem Gelächter
und allerlei Possen aufhielt. Sie wollten demungeachtet ihren Weg
weiter fortsetzen; da eilte er weg und lief auf jenes entfernte Paar
zu; der Vater und Mariane schienen vor ihm zu fliehen, er lief nur
desto schneller, und Wilhelm sah jene fast im Fluge durch die Allee
hinschweben. Natur und Neigung forderten ihn auf, jenen zu Hülfe zu
kommen, aber die Hand der Amazone hielt ihn zurück. Wie gern ließ er
sich halten! Mit dieser gemischten Empfindung wachte er auf und fand
sein Zimmer schon von der hellen Sonne erleuchtet.
VII. Buch, 2. Kapitel
Zweites Kapitel
Der Knabe lud Wilhelmen zum Frühstück ein; dieser fand den Abbe schon
im Saale; Lothario, hieß es, sei ausgeritten; der Abbe war nicht sehr
gesprächig und schien eher nachdenklich zu sein; er fragte nach
Aureliens Tode und hörte mit Teilnahme der Erzählung Wilhelms zu.
"Ach!" rief er aus, "wem es lebhaft und gegenwärtig ist, welche
unendliche Operationen Natur und Kunst machen müssen, bis ein
gebildeter Mensch dasteht, wer selbst soviel als möglich an der
Bildung seiner Mitbrüder teilnimmt, der möchte verzweifeln, wenn er
sieht, wie freventlich sich oft der Mensch zerstört und so oft in den
Fall kommt, mit oder ohne Schuld, zerstört zu werden. Wenn ich das
bedenke, so scheint mir das Leben selbst eine so zufällige Gabe, daß
ich jeden loben möchte, der sie nicht höher als billig schätzt."
Er hatte kaum ausgesprochen, als die Türe mit Heftigkeit sich aufriß,
ein junges Frauenzimmer hereinstürzte und den alten Bedienten, der
sich ihr in den Weg stellte, zurückstieß. Sie eilte gerade auf den
Abbe zu und konnte, indem sie ihn beim Arm faßte, vor Weinen und
Schluchzen kaum die wenigen Worte hervorbringen: "Wo ist er? Wo habt
ihr ihn? Es ist eine entsetzliche Verräterei! Gesteht nur! Ich weiß,
was vorgeht! Ich will ihm nach! Ich will wissen, wo er ist."
"Beruhigen Sie sich, mein Kind", sagte der Abbe mit angenommener
Gelassenheit, "kommen Sie auf Ihr Zimmer, Sie sollen alles erfahren,
nur müssen Sie hören können, wenn ich Ihnen erzählen soll." Er bot
ihr die Hand an im Sinne, sie wegzuführen. "Ich werde nicht auf mein
Zimmer gehen", rief sie aus, "ich hasse die Wände, zwischen denen ihr
mich schon so lange gefangenhaltet! Und doch habe ich alles erfahren,
der Obrist hat ihn herausgefordert, er ist hinausgeritten, seinen
Gegner aufzusuchen, und vielleicht jetzt eben in diesem
Augenblicke--es war mir etlichemal, als hörte ich schießen. Lassen
Sie anspannen und fahren Sie mit mir, oder ich fülle das Haus, das
ganze Dorf mit meinem Geschrei."
Sie eilte unter den heftigsten Tränen nach dem Fenster, der Abbe hielt
sie zurück und suchte vergebens, sie zu besänftigen.
Man hörte einen Wagen fahren, sie riß das Fenster auf: "Er ist tot!"
rief sie, "da bringen sie ihn."--"Er steigt aus!" sagte der Abbe.
"Sie sehen, er lebt."--"Er ist verwundet", versetzte sie heftig,
"sonst käm er zu Pferde! Sie führen ihn! Er ist gefährlich verwundet!"
Sie rannte zur Türe hinaus und die Treppe hinunter, der Abbe eilte
ihr nach, und Wilhelm folgte ihnen; er sah, wie die Schöne ihrem
heraufkommenden Geliebten begegnete.
Lothario lehnte sich auf seinen Begleiter, welchen Wilhelm sogleich
für seinen alten Gönner Jarno erkannte, sprach dem trostlosen
Frauenzimmer gar liebreich und freundlich zu, und indem er sich auch
auf sie stützte, kam er die Treppe langsam herauf; er grüßte Wilhelmen
und ward in sein Kabinett geführt.
Nicht lange darauf kam Jarno wieder heraus und trat zu Wilhelmen: "Sie
sind, wie es scheint", sagte er, "prädestiniert, überall Schauspieler
und Theater zu finden; wir sind eben in einem Drama begriffen, das
nicht ganz lustig ist."
"Ich freue mich", versetzte Wilhelm, "Sie in diesem sonderbaren
Augenblicke wiederzufinden; ich bin verwundert, erschrocken, und Ihre
Gegenwart macht mich gleich ruhig und gefaßt. Sagen Sie mir, hat es
Gefahr? Ist der Baron schwer verwundet?"--"Ich glaube nicht",
versetzte Jarno.
Nach einiger Zeit trat der junge Wundarzt aus dem Zimmer. "Nun, was
sagen Sie?" rief ihm Jarno entgegen. "Daß es sehr gefährlich steht",
versetzte dieser und steckte einige Instrumente in seine lederne
Tasche zusammen.
Wilhelm betrachtete das Band, das von der Tasche herunterhing, er
glaubte es zu kennen. Lebhafte, widersprechende Farben, ein seltsames
Muster, Gold und Silber in wunderlichen Figuren zeichneten dieses Band
vor allen Bändern der Welt aus. Wilhelm war überzeugt, die
Instrumententasche des alten Chirurgus vor sich zu sehen, der ihn in
jenem Walde verbunden hatte, und die Hoffnung, nach so langer Zeit
wieder eine Spur seiner Amazone zu finden, schlug wie eine Flamme
durch sein ganzes Wesen.
"Wo haben Sie die Tasche her?" rief er aus. "Wem gehörte sie vor
Ihnen? Ich bitte, sagen Sie mir's."--"Ich habe Sie in einer Auktion
gekauft", versetzte jener; "was kümmert's mich, wem sie angehörte?"
Mit diesen Worten entfernte er sich, und Jarno sagte: "Wenn diesem
jungen Menschen nur ein wahres Wort aus dem Munde ginge."--"So hat er
also diese Tasche nicht erstanden?" versetzte Wilhelm. "Sowenig, als
es Gefahr mit Lothario hat", antwortete Jarno.
Wilhelm stand in ein vielfaches Nachdenken versenkt, als Jarno ihn
fragte, wie es ihm zeither gegangen sei. Wilhelm erzählte seine
Geschichte im allgemeinen, und als er zuletzt von Aureliens Tod und
seiner Botschaft gesprochen hatte, rief jener aus: "Es ist doch
sonderbar, sehr sonderbar!"
Der Abbe trat aus dem Zimmer, winkte Jarno zu, an seiner Statt
hineinzugehen, und sagte zu Wilhelmen: "Der Baron läßt Sie ersuchen,
hierzubleiben, einige Tage die Gesellschaft zu vermehren und zu seiner
Unterhaltung unter diesen Umständen beizutragen. Haben Sie nötig,
etwas an die Ihrigen zu bestellen, so soll Ihr Brief gleich besorgt
werden, und damit Sie diese wunderbare Begebenheit verstehen, von der
Sie Augenzeuge sind, muß ich Ihnen erzählen, was eigentlich kein
Geheimnis ist. Der Baron hatte ein kleines Abenteuer mit einer Dame,
das mehr Aufsehen machte, als billig war, weil sie den Triumph, ihn
einer Nebenbuhlerin entrissen zu haben, allzu lebhaft genießen wollte.
Leider fand er nach einiger Zeit bei ihr nicht die nämliche
Unterhaltung, er vermied sie; allein bei ihrer heftigen Gemütsart war
es ihr unmöglich, ihr Schicksal mit gesetztem Mute zu tragen. Bei
einem Balle gab es einen öffentlichen Bruch, sie glaubte sich äußerst
beleidigt und wünschte gerächt zu werden; kein Ritter fand sich, der
sich ihrer angenommen hätte, bis endlich ihr Mann, von dem sie sich
lange getrennt hatte, die Sache erfuhr und sich ihrer annahm, den
Baron herausforderte und heute verwundete; doch ist der Obrist, wie
ich höre, noch schlimmer dabei gefahren."
Von diesem Augenblicke an ward unser Freund im Hause, als gehöre er
zur Familie, behandelt.
VII. Buch, 3. Kapitel
Drittes Kapitel
Man hatte einigemal dem Kranken vorgelesen; Wilhelm leistete diesen
kleinen Dienst mit Freuden. Lydie kam nicht vom Bette hinweg, ihre
Sorgfalt für den Verwundeten verschlang alle ihre übrige
Aufmerksamkeit, aber heute schien auch Lothario zerstreut, ja er bat,
daß man nicht weiterlesen möchte.
"Ich fühle heute so lebhaft", sagte er, "wie töricht der Mensch seine
Zeit verstreichen läßt! Wie manches habe ich mir vorgenommen, wie
manches durchdacht, und wie zaudert man nicht bei seinen besten
Vorsätzen! Ich habe die Vorschläge über die Veränderungen gelesen,
die ich auf meinen Gütern machen will, und ich kann sagen, ich freue
mich vorzüglich dieserwegen, daß die Kugel keinen gefährlichern Weg
genommen hat."
Lydie sah ihn zärtlich, ja mit Tränen in den Augen an, als wollte sie
fragen, ob denn sie, ob seine Freunde nicht auch Anteil an der
Lebensfreude fordern könnten. Jarno dagegen versetzte: "Veränderungen,
wie Sie vorhaben, werden billig erst von allen Seiten überlegt, bis
man sich dazu entschließt."
"Lange überlegungen", versetzte Lothario, "zeigen gewöhnlich, daß man
den Punkt nicht im Auge hat, von dem die Rede ist, übereilte
Handlungen, daß man ihn gar nicht kennt. Ich übersehe sehr deutlich,
daß ich in vielen Stücken bei der Wirtschaft meiner Güter die Dienste
meiner Landleute nicht entbehren kann und daß ich auf gewissen Rechten
strack und streng halten muß; ich sehe aber auch, daß andere
Befugnisse mir zwar vorteilhaft, aber nicht ganz unentbehrlich sind,
so daß ich davon meinen Leuten auch was gönnen kann. Man verliert
nicht immer, wenn man entbehrt. Nutze ich nicht meine Güter weit
besser als mein Vater? Werde ich meine Einkünfte nicht noch höher
treiben? Und soll ich diesen wachsenden Vorteil allein genießen?
Soll ich dem, der mit mir und für mich arbeitet, nicht auch in dem
Seinigen Vorteile gönnen, die uns erweiterte Kenntnisse, die uns eine
vorrückende Zeit darbietet?"
"Der Mensch ist nun einmal so!" rief Jarno, "und ich tadle mich nicht,
wenn ich mich auch in dieser Eigenheit ertappe; der Mensch begehrt,
alles an sich zu reißen, um nur nach Belieben damit schalten und
walten zu können; das Geld, das er nicht selbst ausgibt, scheint ihm
selten wohl angewendet."
"O ja!" versetzte Lothario, "wir könnten manches vom Kapital entbehren,
wenn wir mit den Interessen weniger willkürlich umgingen."
"Das einzige, was ich zu erinnern habe", sagte Jarno, "und warum ich
nicht raten kann, daß Sie eben jetzt diese Veränderungen machen,
wodurch Sie wenigstens im Augenblicke verlieren, ist, daß Sie selbst
noch Schulden haben, deren Abzahlung Sie einengt. Ich würde raten,
Ihren Plan aufzuschieben, bis Sie völlig im reinen wären."
"Und indessen einer Kugel oder einem Dachziegel zu überlassen, ob er
die Resultate meines Lebens und meiner Tätigkeit auf immer vernichten
wollte! Oh, mein Freund!" fuhr Lothario fort, "das ist ein
Hauptfehler gebildeter Menschen, daß sie alles an eine Idee, wenig
oder nichts an einen Gegenstand wenden mögen. Wozu habe ich Schulden
gemacht? Warum habe ich mich mit meinem Oheim entzweit? meine
Geschwister so lange sich selbst überlassen? als um einer Idee willen.
In Amerika glaubte ich zu wirken, über dem Meere glaubte ich nützlich
und notwendig zu sein; war eine Handlung nicht mit tausend Gefahren
umgeben, so schien sie mir nicht bedeutend, nicht würdig. Wie anders
seh ich jetzt die Dinge, und wie ist mir das Nächste so wert, so teuer
geworden."
"Ich erinnere mich wohl des Briefes", versetzte Jarno, "den ich noch
über das Meer erhielt. Sie schrieben mir: Ich werde zurückkehren und
in meinem Hause, in meinem Baumgarten, mitten unter den Meinigen sagen:
"Hier oder nirgend ist Amerika!""
"Ja, mein Freund, und ich wiederhole noch immer dasselbe, und doch
schelte ich mich zugleich, daß ich hier nicht so tätig wie dort bin.
Zu einer gewissen gleichen, fortdauernden Gegenwart brauchen wir nur
Verstand, und wir werden auch nur zu Verstand, so daß wir das
Außerordentliche, was jeder gleichgültige Tag von uns fordert, nicht
mehr sehen und, wenn wir es erkennen, doch tausend Entschuldigungen
finden, es nicht zu tun. Ein verständiger Mensch ist viel für sich,
aber fürs Ganze ist er wenig."
"Wir wollen", sagte Jarno, "dem Verstande nicht zu nahe treten und
bekennen, daß das Außerordentliche, was geschieht, meistens töricht
ist."
"Ja, und zwar eben deswegen, weil die Menschen das Außerordentliche
außer der Ordnung tun. So gibt mein Schwager sein Vermögen, insofern
er es veräußern kann, der Brüdergemeinde und glaubt seiner Seele Heil
dadurch zu befördern; hätte er einen geringen Teil seiner Einkünfte
aufgeopfert, so hätte er viel glückliche Menschen machen und sich und
ihnen einen Himmel auf Erden schaffen können. Selten sind unsere
Aufopferungen tätig, wir tun gleich Verzicht auf das, was wir weggeben.
Nicht entschlossen, sondern verzweifelt entsagen wir dem, was wir
besitzen. Diese Tage, ich gesteh es, schwebt mir der Graf immer vor
Augen, und ich bin fest entschlossen, das aus überzeugung zu tun, wozu
ihn ein ängstlicher Wahn treibt; ich will meine Genesung nicht
abwarten. Hier sind die Papiere, sie dürfen nur ins reine gebracht
werden. Nehmen Sie den Gerichtshalter dazu, unser Gast hilft Ihnen
auch, Sie wissen so gut als ich, worauf es ankommt, und ich will hier
genesend oder sterbend dabei bleiben und ausrufen: "Hier oder nirgend
ist Herrnhut!""
Als Lydie ihren Freund von Sterben reden hörte, stürzte sie vor seinem
Bette nieder, hing an seinen Armen und weinte bitterlich. Der
Wundarzt kam herein, Jarno gab Wilhelmen die Papiere und nötigte
Lydien, sich zu entfernen.
"Um 's Himmels willen!" rief Wilhelm, als sie in dem Saal allein waren,
"was ist das mit dem Grafen? Welch ein Graf ist das, der sich unter
die Brüdergemeinde begibt?"
"Den Sie sehr wohl kennen", versetzte Jarno. "Sie sind das Gespenst,
das ihn in die Arme der Frömmigkeit jagt, Sie sind der Bösewicht, der
sein artiges Weib in einen Zustand versetzt, in dem sie erträglich
findet, ihrem Manne zu folgen."
"Und sie ist Lotharios Schwester?" rief Wilhelm.
"Nicht anders."
"Und Lothario weiß--?"
"Alles."
"O lassen Sie mich fliehen!" rief Wilhelm aus, "wie kann ich vor ihm
stehen? Was kann er sagen?"
"Daß niemand einen Stein gegen den andern aufheben soll und daß
niemand lange Reden komponieren soll, um die Leute zu beschämen, er
müßte sie denn vor dem Spiegel halten wollen."
"Auch das wissen Sie?"
"Wie manches andere", versetzte Jarno lächelnd; "doch diesmal", fuhr
er fort, "werde ich Sie so leicht nicht wie das vorige Mal loslassen,
und vor meinem Werbesold haben Sie sich auch nicht mehr zu fürchten.
Ich bin kein Soldat mehr, und auch als Soldat hätte ich Ihnen diesen
Argwohn nicht einflößen sollen. Seit der Zeit, daß ich Sie nicht
gesehen habe, hat sich vieles geändert. Nach dem Tode meines Fürsten,
meines einzigen Freundes und Wohltäters, habe ich mich aus der Welt
und aus allen weltlichen Verhältnissen herausgerissen. Ich beförderte
gern, was vernünftig war, verschwieg nicht, wenn ich etwas
abgeschmackt fand, und man hatte immer von meinem unruhigen Kopf und
von meinem bösen Maule zu reden. Das Menschenpack fürchtet sich vor
nichts mehr als vor dem Verstande; vor der Dummheit sollten sie sich
fürchten, wenn sie begriffen, was fürchterlich ist; aber jener ist
unbequem, und man muß ihn beiseite schaffen, diese ist nur verderblich,
und das kann man abwarten. Doch es mag hingehen, ich habe zu leben,
und von meinem Plane sollen Sie weiter hören. Sie sollen teil daran
nehmen, wenn Sie mögen; aber sagen Sie mir, wie ist es Ihnen ergangen?
Ich sehe, ich fühle Ihnen an, auch Sie haben sich verändert. Wie
steht's mit Ihrer alten Grille, etwas Schönes und Gutes in
Gesellschaft von Zigeunern hervorzubringen?"
"Ich bin gestraft genug!" rief Wilhelm aus, "erinnern Sie mich nicht,
woher ich komme und wohin ich gehe. Man spricht viel vom Theater,
aber wer nicht selbst darauf war, kann sich keine Vorstellung davon
machen. Wie völlig diese Menschen mit sich selbst unbekannt sind, wie
sie ihr Geschäft ohne Nachdenken treiben, wie ihre Anforderungen ohne
Grenzen sind, davon hat man keinen Begriff. Nicht allein will jeder
der erste, sondern auch der einzige sein, jeder möchte gerne alle
übrigen ausschließen und sieht nicht, daß er mit ihnen zusammen kaum
etwas leistet; jeder dünkt sich wunderoriginal zu sein und ist unfähig,
sich in etwas zu finden, was außer dem Schlendrian ist; dabei eine
immerwährende Unruhe nach etwas Neuem. Mit welcher Heftigkeit wirken
sie gegeneinander! Und nur die kleinlichste Eigenliebe, der
beschränkteste Eigennutz macht, daß sie sich miteinander verbinden.
Vom wechselseitigen Betragen ist gar die Rede nicht; ein ewiges
Mißtrauen wird durch heimliche Tücke und schändliche Reden unterhalten;
wer nicht liederlich lebt, lebt albern. Jeder macht Anspruch auf die
unbedingteste Achtung, jeder ist empfindlich gegen den mindesten Tadel.
Das hat er selbst alles schon besser gewußt! Und warum hat er denn
immer das Gegenteil getan? Immer bedürftig und immer ohne Zutrauen,
scheint es, als wenn sie sich vor nichts so sehr fürchteten als vor
Vernunft und gutem Geschmack und nichts so sehr zu erhalten suchten
als das Majestätsrecht ihrer persönlichen Willkür."
Wilhelm holte Atem, um seine Litanei noch weiter fortzusetzen, als ein
unmäßiges Gelächter Jarnos ihn unterbrach. "Die armen Schauspieler!"
rief er aus, warf sich in einen Sessel und lachte fort: "die armen,
guten Schauspieler! Wissen Sie denn, mein Freund", fuhr er fort,
nachdem er sich einigermaßen wieder erholt hatte, "daß Sie nicht das
Theater, sondern die Welt beschrieben haben und daß ich Ihnen aus
allen Ständen genug Figuren und Handlungen zu Ihren harten
Pinselstrichen finden wollte? Verzeihen Sie mir, ich muß wieder
lachen, daß Sie glaubten, diese schönen Qualitäten seien nur auf die
Bretter gebannt."
Wilhelm faßte sich, denn wirklich hatte ihn das unbändige und
unzeitige Gelächter Jarnos verdrossen. "Sie können", sagte er, "Ihren
Menschenhaß nicht ganz verbergen, wenn Sie behaupten, daß diese Fehler
allgemein seien."
"Und es zeugt von Ihrer Unbekanntschaft mit der Welt, wenn Sie diese
Erscheinungen dem Theater so hoch anrechnen. Wahrhaftig, ich verzeihe
dem Schauspieler jeden Fehler, der aus dem Selbstbetrug und aus der
Begierde zu gefallen entspringt; denn wenn er sich und andern nicht
etwas scheint, so ist er nichts. Zum Schein ist er berufen, er muß
den augenblicklichen Beifall hochschätzen, denn er erhält keinen
andern Lohn; er muß zu glänzen suchen, denn deswegen steht er da."
"Sie erlauben", versetzte Wilhelm, "daß ich von meiner Seite
wenigstens lächele. Nie hätte ich geglaubt, daß Sie so billig, so
nachsichtig sein könnten."
"Nein, bei Gott! dies ist mein völliger, wohlbedachter Ernst. Alle
Fehler des Menschen verzeih ich dem Schauspieler, keine Fehler des
Schauspielers verzeih ich dem Menschen. Lassen Sie mich meine
Klaglieder hierüber nicht anstimmen, sie würden heftiger klingen als
die Ihrigen."
Der Chirurgus kam aus dem Kabinett, und auf Befragen, wie sich der
Kranke befinde, sagte er mit lebhafter Freundlichkeit: "Recht sehr
wohl, ich hoffe, ihn bald völlig wiederhergestellt zu sehen."
Sogleich eilte er zum Saal hinaus und erwartete Wilhelms Frage nicht,
der schon den Mund öffnete, sich nochmals und dringender nach der
Brieftasche zu erkundigen. Das Verlangen, von seiner Amazone etwas zu
erfahren, gab ihm Vertrauen zu Jarno; er entdeckte ihm seinen Fall und
bat ihn um seine Beihülfe. "Sie wissen so viel", sagte er, "sollten
Sie nicht auch das erfahren können?"
Jarno war einen Augenblick nachdenkend, dann sagte er zu seinem jungen
Freunde: "Seien Sie ruhig, und lassen Sie sich weiter nichts merken,
wir wollen der Schönen schon auf die Spur kommen. Jetzt beunruhigt
mich nur Lotharios Zustand, die Sache steht gefährlich, das sagt mir
die Freundlichkeit und der gute Trost des Wundarztes. Ich hätte
Lydien schon gerne weggeschafft, denn sie nutzt hier gar nichts, aber
ich weiß nicht, wie ich es anfangen soll. Heute abend, hoff ich, soll
unser alter Medikus kommen, und dann wollen wir weiter ratschlagen."
VII. Buch, 4. Kapitel
Viertes Kapitel
Der Medikus kam; es war der gute, alte, kleine Arzt, den wir schon
kennen und dem wir die Mitteilung des interessanten Manuskripts
verdanken. Er besuchte vor allen Dingen den Verwundeten und schien
mit dessen Befinden keinesweges zufrieden. Dann hatte er mit Jarno
eine lange Unterredung, doch ließen sie nichts merken, als sie abends
zu Tische kamen.
Wilhelm begrüßte ihn aufs freundlichste und erkundigte sich nach
seinem Harfenspieler. "Wir haben noch Hoffnung, den Unglücklichen
zurechtezubringen", versetzte der Arzt. "Dieser Mensch war eine
traurige Zugabe zu Ihrem eingeschränkten und wunderlichen Leben",
sagte Jarno. "Wie ist es ihm weiter ergangen? Lassen Sie mich es
wissen."
Nachdem man Jarnos Neugierde befriedigst hatte, fuhr der Arzt fort:
"Nie habe ich ein Gemüt in einer so sonderbaren Lage gesehen. Seit
vielen Jahren hat er an nichts, was außer ihm war, den mindesten
Anteil genommen, ja fast auf nichts gemerkt; bloß in sich gekehrt,
betrachtete er sein hohles, leeres Ich, das ihm als ein unermeßlicher
Abgrund erschien. Wie rührend war es, wenn er von diesem traurigen
Zustande sprach! "Ich sehe nichts vor mir, nichts hinter mir", rief
er aus, "als eine unendliche Nacht, in der ich mich in der
schrecklichsten Einsamkeit befinde; kein Gefühl bleibt mir als das
Gefühl meiner Schuld, die doch auch nur wie ein entferntes,
unförmliches Gespenst sich rückwärts sehen läßt. Doch da ist keine
Höhe, keine Tiefe, kein Vor noch Zurück, kein Wort drückt diesen immer
gleichen Zustand aus. Manchmal ruf ich in der Not dieser
Gleichgültigkeit: 'Ewig! ewig!' mit Heftigkeit aus, und dieses
seltsame, unbegreifliche Wort ist hell und klar gegen die Finsternis
meines Zustandes. Kein Strahl einer Gottheit erscheint mir in dieser
Nacht, ich weine meine Tränen alle mir selbst und um mich selbst.
Nichts ist mir grausamer als Freundschaft und Liebe, denn sie allein
locken mir den Wunsch ab, daß die Erscheinungen, die mich umgeben,
wirklich sein möchten. Aber auch diese beiden Gespenster sind nur aus
dem Abgrunde gestiegen, um mich zu ängstigen und um mir zuletzt auch
das teure Bewußtsein dieses ungeheuren Daseins zu rauben."
Sie sollten ihn hören", fuhr der Arzt fort, "wenn er in vertraulichen
Stunden auf diese Weise sein Herz erleichtert; mit der größten Rührung
habe ich ihm einigemal zugehört. Wenn sich ihm etwas aufdringt, das
ihn nötigt, einen Augenblick zu gestehen, eine Zeit sei vergangen, so
scheint er wie erstaunt, und dann verwirft er wieder die Veränderung
an den Dingen als eine Erscheinung der Erscheinungen. Eines Abends
sang er ein Lied über seine grauen Haare; wir saßen alle um ihn her
und weinten."
"O schaffen Sie es mir!" rief Wilhelm aus.
"Haben Sie denn aber", fragte Jarno, "nichts entdeckt von dem, was er
sein Verbrechen nennt, nicht die Ursache seiner sonderbaren Tracht,
sein Betragen beim Brande, seine Wut gegen das Kind?"
"Nur durch Mutmaßungen können wir seinem Schicksale näherkommen; ihn
unmittelbar zu fragen würde gegen unsere Grundsätze sein. Da wir wohl
merken, daß er katholisch erzogen ist, haben wir geglaubt, ihm durch
eine Beichte Linderung zu verschaffen; aber er entfernt sich auf eine
sonderbare Weise jedesmal, wenn wir ihn dem Geistlichen näher zu
bringen suchen. Daß ich aber Ihren Wunsch, etwas von ihm zu wissen,
nicht ganz unbefriedigt lasse, will ich Ihnen wenigstens unsere
Vermutungen entdecken. Er hat seine Jugend in dem geistlichen Stande
zugebracht; daher scheint er sein langes Gewand und seinen Bart
erhalten zu wollen. Die Freuden der Liebe blieben ihm die größte Zeit
seines Lebens unbekannt. Erst spät mag eine Verirrung mit einem sehr
nahe verwandten Frauenzimmer, es mag ihr Tod, der einem unglücklichen
Geschöpfe das Dasein gab, sein Gehirn völlig zerrüttet haben.
Sein größter Wahn ist, daß er überall Unglück bringe und daß ihm der
Tod durch einen unschuldigen Knaben bevorstehe. Erst fürchtete er
sich vor Mignon, eh er wußte, daß es ein Mädchen war; nun ängstigte
ihn Felix, und da er das Leben bei alle seinem Elend unendlich liebt,
scheint seine Abneigung gegen das Kind daher entstanden zu sein."
"Was haben Sie denn zu seiner Besserung für Hoffnung?" fragte Wilhelm.
"Es geht langsam vorwärts", versetzte der Arzt, "aber doch nicht
zurück. Seine bestimmten Beschäftigungen treibt er fort, und wir
haben ihn gewöhnt, die Zeitungen zu lesen, die er jetzt immer mit
großer Begierde erwartet."
"Ich bin auf seine Lieder neugierig", sagte Jarno.
"Davon werde ich Ihnen verschiedene geben können", sagte der Arzt.
"Der älteste Sohn des Geistlichen, der seinem Vater die Predigten
nachzuschreiben gewohnt ist, hat manche Strophe, ohne von dem Alten
bemerkt zu werden, aufgezeichnet und mehrere Lieder nach und nach
zusammengesetzt."
Den andern Morgen kam Jarno zu Wilhelmen und sagte ihm: "Sie müssen
uns einen Gefallen tun; Lydie muß einige Zeit entfernt werden; ihre
heftige und, ich darf wohl sagen, unbequeme Liebe und Leidenschaft
hindert des Barons Genesung. Seine Wunde verlangt Ruhe und
Gelassenheit, ob sie gleich bei seiner guten Natur nicht gefährlich
ist. Sie haben gesehen, wie ihn Lydie mit stürmischer Sorgfalt,
unbezwinglicher Angst und nie versiegenden Tränen quält, und--genug",
setzte er nach einer Pause mit einem Lächeln hinzu, "der Medikus
verlangt ausdrücklich, daß sie das Haus auf einige Zeit verlassen
solle. Wir haben ihr eingebildet, eine sehr gute Freundin halte sich
in der Nähe auf, verlange sie zu sehen und erwarte sie jeden
Augenblick. Sie hat sich bereden lassen, zu dem Gerichtshalter zu
fahren, der nur zwei Stunden von hier wohnt. Dieser ist unterrichtet
und wird herzlich bedauern, daß Fräulein Therese soeben weggefahren
sei; er wird wahrscheinlich machen, daß man sie noch einholen könne,
Lydie wird ihr nacheilen, und wenn das Glück gut ist, wird sie von
einem Orte zum andern geführt werden. Zuletzt, wenn sie drauf besteht,
wieder umzukehren, darf man ihr nicht widersprechen; man muß die
Nacht zu Hülfe nehmen, der Kutscher ist ein gescheiter Kerl, mit dem
man noch Abrede nehmen muß. Sie setzen sich zu ihr in den Wagen,
unterhalten sie und dirigieren das Abenteuer."
"Sie geben mir einen sonderbaren und bedenklichen Auftrag", versetzte
Wilhelm, "wie ängstlich ist die Gegenwart einer gekränkten treuen
Liebe! Und ich soll selbst dazu das Werkzeug sein? Es ist das erste
Mal in meinem Leben, daß ich jemanden auf diese Weise hintergehe: denn
ich habe immer geglaubt, daß es uns zu weit führen könne, wenn wir
einmal um des Guten und Nützlichen willen zu betriegen anfangen."
"Können wir doch Kinder nicht anders erziehen als auf diese Weise",
versetzte Jarno.
"Bei Kindern möchte es noch hingehen", sagte Wilhelm, "indem wir sie
so zärtlich lieben und offenbar übersehen; aber bei unsersgleichen,
für die uns nicht immer das Herz so laut um Schonung anruft, möchte es
oft gefährlich werden. Doch glauben Sie nicht", fuhr er nach einem
kurzen Nachdenken fort, "daß ich deswegen diesen Auftrag ablehne. Bei
der Ehrfurcht, die mir Ihr Verstand einflößt, bei der Neigung, die ich
für Ihren trefflichen Freund fühle, bei dem lebhaften Wunsch, seine
Genesung, durch welche Mittel sie auch möglich sei, zu befördern, mag
ich mich gerne selbst vergessen. Es ist nicht genug, daß man sein
Leben für einen Freund wagen könne, man muß auch im Notfall seine
überzeugung für ihn verleugnen. Unsere liebste Leidenschaft, unsere
besten Wünsche sind wir für ihn aufzuopfern schuldig. Ich übernehme
den Auftrag, ob ich gleich schon die Qual voraussehe, die ich von
Lydiens Tränen, von ihrer Verzweiflung werde zu erdulden haben."
"Dagegen erwartet Sie auch keine geringe Belohnung", versetzte Jarno,
"indem Sie Fräulein Theresen kennenlernen, ein Frauenzimmer, wie es
ihrer wenige gibt; sie beschämt hundert Männer, und ich möchte sie
eine wahre Amazone nennen, wenn andere nur als artige Hermaphroditen
in dieser zweideutigen Kleidung herumgehen."
Wilhelm war betroffen, er hoffte in Theresen seine Amazone
wiederzufinden, um so mehr, als Jarno, von dem er einige Auskunft
verlangte, kurz abbrach und sich entfernte.
Die neue, nahe Hoffnung, jene verehrte und geliebte Gestalt
wiederzusehen, brachte in ihm die sonderbarsten Bewegungen hervor. Er
hielt nunmehr den Auftrag, der ihm gegeben worden war, für ein Werk
einer ausdrücklichen Schickung, und der Gedanke, daß er ein armes
Mädchen von dem Gegenstande ihrer aufrichtigsten und heftigsten Liebe
hinterlistig zu entfernen im Begriff war, erschien ihm nur im
Vorübergehen, wie der Schatten eines Vogels über die erleuchtete Erde
wegfliegt.
Der Wagen stand vor der Türe, Lydie zauderte einen Augenblick
hineinzusteigen. "Grüßt Euren Herrn nochmals", sagte sie zu dem alten
Bedienten, "vor Abend bin ich wieder zurück." Tränen standen ihr im
Auge, als sie im Fortfahren sich nochmals umwendete. Sie kehrte sich
darauf zu Wilhelmen, nahm sich zusammen und sagte: "Sie werden an
Fräulein Theresen eine sehr interessante Person finden. Mich wundert,
wie sie in diese Gegend kommt: denn Sie werden wohl wissen, daß sie
und der Baron sich heftig liebten. Ungeachtet der Entfernung war
Lothario oft bei ihr; ich war damals um sie, es schien, als ob sie nur
füreinander leben würden. Auf einmal aber zerschlug sich's, ohne daß
ein Mensch begreifen konnte, warum. Er hatte mich kennenlernen, und
ich leugne nicht, daß ich Theresen herzlich beneidete, daß ich meine
Neigung zu ihm kaum verbarg und daß ich ihn nicht zurückstieß, als er
auf einmal mich statt Theresen zu wählen schien. Sie betrug sich
gegen mich, wie ich es nicht besser wünschen konnte, ob es gleich
beinahe scheinen mußte, als hätte ich ihr einen so werten Liebhaber
geraubt. Aber auch wieviel tausend Tränen und Schmerzen hat mich
diese Liebe schon gekostet! Erst sahen wir uns nur zuweilen am
dritten Orte verstohlen, aber lange konnte ich das Leben nicht
ertragen; nur in seiner Gegenwart war ich glücklich, ganz glücklich!
Fern von ihm hatte ich kein trocknes Auge, keinen ruhigen Pulsschlag.
Einst verzog er mehrere Tage, ich war in Verzweiflung, machte mich auf
den Weg und überraschte ihn hier. Er nahm mich liebevoll auf, und
wäre nicht dieser unglückselige Handel dazwischengekommen, so hätte
ich ein himmlisches Leben geführt; und was ich ausgestanden habe,
seitdem er in Gefahr ist, seitdem er leidet, sag ich nicht, und noch
in diesem Augenblicke mache ich mir lebhafte Vorwürfe, daß ich mich
nur einen Tag von ihm habe entfernen können."
Wilhelm wollte sich eben näher nach Theresen erkundigen, als sie bei
dem Gerichtshalter vorfuhren, der an den Wagen kam und von Herzen
bedauerte, daß Fräulein Therese schon abgefahren sei. Er bot den
Reisenden ein Frühstück an, sagte aber zugleich, der Wagen würde noch
im nächsten Dorfe einzuholen sein. Man entschloß sich nachzufahren,
und der Kutscher säumte nicht; man hatte schon einige Dörfer
zurückgelegt und niemand angetroffen. Lydie bestand nun darauf, man
solle umkehren; der Kutscher fuhr zu, als verstünde er es nicht.
Endlich verlangte sie es mit größter Heftigkeit; Wilhelm rief ihm zu
und gab ihm das verabredete Zeichen. Der Kutscher erwiderte: "Wir
haben nicht nötig, denselben Weg zurückzufahren; ich weiß einen nähern,
der zugleich viel bequemer ist." Er fuhr nun seitwärts durch einen
Wald und über lange Triften weg. Endlich, da kein bekannter Gegenstand
zum Vorschein kam, gestand der Kutscher, er sei unglücklicherweise
irregefahren, wolle sich aber bald wieder zurechtefinden, indem er
dort ein Dorf sehe. Die Nacht kam herbei, und der Kutscher machte
seine Sache so geschickt, daß er überall fragte und nirgends die
Antwort abwartete. So fuhr man die ganze Nacht, Lydie schloß kein
Auge; bei Mondschein fand sie überall ähnlichkeiten, und immer
verschwanden sie wieder. Morgens schienen ihr die Gegenstände bekannt,
aber desto unerwarteter. Der Wagen hielt vor einem kleinen, artig
gebauten Landhause stille; ein Frauenzimmer trat aus der Türe und
öffnete den Schlag. Lydie sah sie starr an, sah sich um, sah sie
wieder an und lag ohnmächtig in Wilhelms Armen.
VII. Buch, 5. Kapitel
Fünftes Kapitel
Wilhelm ward in ein Mansardzimmerchen geführt; das Haus war neu und so
klein, als es beinah nur möglich war, äußerst reinlich und ordentlich.
In Theresen, die ihn und Lydien an der Kutsche empfangen hatte, fand
er seine Amazone nicht, es war ein anderes, ein himmelweit von ihr
unterschiedenes Wesen. Wohlgebaut, ohne groß zu sein, bewegte sie
sich mit viel Lebhaftigkeit, und ihren hellen, blauen, offnen Augen
schien nichts verborgen zu bleiben, was vorging.
Sie trat in Wilhelms Stube und fragte, ob er etwas bedürfe.
"Verzeihen Sie", sagte sie, "daß ich Sie in ein Zimmer logiere, das
der ölgeruch noch unangenehm macht; mein kleines Haus ist eben fertig
geworden, und Sie weihen dieses Stübchen ein, das meinen Gästen
bestimmt ist. Wären Sie nur bei einem angenehmern Anlaß hier! Die
arme Lydie wird uns keine guten Tage machen, und überhaupt müssen Sie
vorliebnehmen; meine Köchin ist mir eben zur ganz unrechten Zeit aus
dem Dienste gelaufen, und ein Knecht hat sich die Hand zerquetscht.
Es täte not, ich verrichtete alles selbst, und am Ende, wenn man sich
darauf einrichtete, müßte es auch gehen. Man ist mit niemand mehr
geplagt als mit den Dienstboten; es will niemand dienen, nicht einmal
sich selbst."
Sie sagte noch manches über verschiedene Gegenstände, überhaupt schien
sie gern zu sprechen. Wilhelm fragte nach Lydien, ob er das gute
Mädchen nicht sehen und sich bei ihr entschuldigen könnte.
"Das wird jetzt nicht bei ihr wirken", versetzte Therese; "die Zeit
entschuldigt, wie sie tröstet, Worte sind in beiden Fällen von wenig
Kraft. Lydie will Sie nicht sehen. "Lassen Sie mir ihn ja nicht vor
die Augen kommen", rief sie, als ich sie verließ, "ich möchte an der
Menschheit verzweifeln! So ein ehrlich Gesicht, so ein offnes
Betragen und diese heimliche Tücke!" Lothario ist ganz bei ihr
entschuldigt, auch sagt er in einem Briefe an das gute Mädchen: "Meine
Freunde beredeten mich, meine Freunde nötigten mich!" Zu diesen
rechnet Lydie Sie auch und verdammt Sie mit den übrigen."
"Sie erzeigt mir zuviel Ehre, indem sie mich schilt", versetzte
Wilhelm, "ich darf an die Freundschaft dieses trefflichen Mannes noch
keinen Anspruch machen und bin diesmal nur ein unschuldiges Werkzeug.
Ich will meine Handlung nicht loben; genug, ich konnte sie tun! Es
war von der Gesundheit, es war von dem Leben eines Mannes die Rede,
den ich höher schätzen muß als irgend jemand, den ich vorher kannte.
O welch ein Mann ist das, Fräulein! und welche Menschen umgeben ihn!
In dieser Gesellschaft hab ich, so darf ich wohl sagen, zum erstenmal
ein Gespräch geführt, zum erstenmal kam mir der eigenste Sinn meiner
Worte aus dem Munde eines andern reichhaltiger, voller und in einem
größern Umfang wieder entgegen; was ich ahnete, ward mir klar, und was
ich meinte, lernte ich anschauen. Leider ward dieser Genuß erst durch
allerlei Sorgen und Grillen, dann durch den unangenehmen Auftrag
unterbrochen. Ich übernahm ihn mit Ergebung: denn ich hielt für
Schuldigkeit, selbst mit Aufopferung meines Gefühls diesem trefflichen
Kreise von Menschen meinen Einstand abzutragen."
Therese hatte unter diesen Worten ihren Gast sehr freundlich angesehen.
"O wie süß ist es", rief sie aus, "seine eigne überzeugung aus einem
fremden Munde zu hören! Wie werden wir erst recht wir selbst, wenn
uns ein anderer vollkommen recht gibt. Auch ich denke über Lothario
vollkommen wie Sie; nicht jedermann läßt ihm Gerechtigkeit widerfahren,
dafür schwärmen aber auch alle die für ihn, die ihn näher kennen, und
das schmerzliche Gefühl, das sich in meinem Herzen zu seinem Andenken
mischt, kann mich nicht abhalten, täglich an ihn zu denken." Ein
Seufzer erweiterte ihre Brust, indem sie dieses sagte, und in ihrem
rechten Auge blinkte eine schöne Träne. "Glauben Sie nicht", fuhr sie
fort, "daß ich so weich, so leicht zu rühren bin! Es ist nur das Auge,
das weint. Ich hatte eine kleine Warze am untern Augenlid, man hat
mir sie glücklich abgebunden, aber das Auge ist seit der Zeit immer
schwach geblieben, der geringste Anlaß drängt mir eine Träne hervor.
Hier saß das Wärzchen, Sie sehen keine Spur mehr davon."
Er sah keine Spur, aber er sah ihr ins Auge, es war klar wie Kristall,
er glaubte bis auf den Grund ihrer Seele zu sehen.
"Wir haben", sagte sie, "nun das Losungswort unserer Verbindung
ausgesprochen; lassen Sie uns so bald als möglich miteinander völlig
bekannt werden. Die Geschichte des Menschen ist sein Charakter. Ich
will Ihnen erzählen, wie es mir ergangen ist; schenken Sie mir ein
gleiches Vertrauen, und lassen Sie uns auch in der Ferne verbunden
bleiben. Die Welt ist so leer, wenn man nur Berge, Flüsse und Städte
darin denkt, aber hie und da jemand zu wissen, der mit uns
übereinstimmt, mit dem wir auch stillschweigend fortleben, das macht
uns dieses Erdenrund erst zu einem bewohnten Garten."
Sie eilte fort und versprach, ihn bald zum Spaziergange abzuholen.
Ihre Gegenwart hatte sehr angenehm auf ihn gewirkt, er wünschte ihr
Verhältnis zu Lothario zu erfahren. Er ward gerufen, sie kam ihm aus
ihrem Zimmer entgegen.
Als sie die enge und beinah steile Treppe einzeln hinuntergehen mußten,
sagte sie: "Das könnte alles weiter und breiter sein, wenn ich auf
das Anerbieten Ihres großmütigen Freundes hätte hören wollen; doch um
seiner wert zu bleiben, muß ich das an mir erhalten, was mich ihm so
wert machte. Wo ist der Verwalter?" fragte sie, indem sie die Treppe
völlig herunterkam. "Sie müssen nicht denken", fuhr sie fort, "daß
ich so reich bin, um einen Verwalter zu brauchen; die wenigen Acker
meines Freigütchens kann ich wohl selbst bestellen. Der Verwalter
gehört meinem neuen Nachbar, der das schöne Gut gekauft hat, das ich
in- und auswendig kenne; der gute alte Mann liegt krank am Podagra,
seine Leute sind in dieser Gegend neu, und ich helfe ihnen gerne sich
einrichten."
Sie machten einen Spaziergang durch äcker, Wiesen und einige
Baumgärten. Therese bedeutete den Verwalter in allem, sie konnte ihm
von jeder Kleinigkeit Rechenschaft geben, und Wilhelm hatte Ursache
genug, sich über ihre Kenntnis, ihre Bestimmtheit und über die
Gewandtheit, wie sie in jedem Falle Mittel anzugeben wußte, zu
verwundern. Sie hielt sich nirgends auf, eilte immer zu den
bedeutenden Punkten, und so war die Sache bald abgetan. "Grüßt Euren
Herrn", sagte sie, als sie den Mann verabschiedete; "ich werde ihn so
bald als möglich besuchen und wünsche vollkommene Besserung. Da
könnte ich nun auch", sagte sie mit Lächeln, als er weg war, "bald
reich und vielhabend werden; denn mein guter Nachbar wäre nicht
abgeneigt, mir seine Hand zu geben."
"Der Alte mit dem Podagra?" rief Wilhelm, "ich wüßte nicht, wie Sie in
Ihren Jahren zu so einem verzweifelten Entschluß kommen könnten.
"--"Ich bin auch gar nicht versucht!" versetzte Therese. "Wohlhabend
ist jeder, der dem, was er besitzt, vorzustehen weiß; vielhabend zu
sein ist eine lästige Sache, wenn man es nicht versteht."
Wilhelm zeigte seine Verwunderung über ihre Wirtschaftskenntnisse.
"Entschiedene Neigung, frühe Gelegenheit, äußerer Antrieb und eine
fortgesetzte Beschäftigung in einer nützlichen Sache machen in der
Welt noch viel mehr möglich", versetzte Therese, "und wenn Sie erst
erfahren werden, was mich dazu belebt hat, so werden Sie sich über das
sonderbar scheinende Talent nicht mehr wundern."
Sie ließ ihn, als sie zu Hause anlangten, in ihrem kleinen Garten, in
welchem er sich kaum herumdrehen konnte; so eng waren die Wege, und so
reichlich war alles bepflanzt. Er mußte lächeln, als er über den Hof
zurückkehrte, denn da lag das Brennholz so akkurat gesägt, gespalten
und geschränkt, als wenn es ein Teil des Gebäudes wäre und immer so
liegenbleiben sollte. Rein standen alle Gefäße an ihren Plätzen, das
Häuschen war weiß und rot angestrichen und lustig anzusehen. Was das
Handwerk hervorbringen kann, das keine schönen Verhältnisse kennt,
aber für Bedürfnis, Dauer und Heiterkeit arbeitet, schien auf dem
Platze vereinigt zu sein. Man brachte ihm das Essen auf sein Zimmer,
und er hatte Zeit genug, Betrachtungen anzustellen. Besonders fiel
ihm auf, daß er nun wieder eine so interessante Person kennenlernte,
die mit Lothario in einem nahen Verhältnisse gestanden hatte. "Billig
ist es", sagte er zu sich selbst, "daß so ein trefflicher Mann auch
treffliche Weiberseelen an sich ziehe! Wie weit verbreitet sich die
Wirkung der Männlichkeit und Würde. Wenn nur andere nicht so sehr
dabei zu kurz kämen! Ja, gestehe dir nur deine Furcht. Wenn du
dereinst deine Amazone wieder antriffst, diese Gestalt aller Gestalten,
du findest sie trotz aller deiner Hoffnungen und Träume zu deiner
Beschämung und Demütigung doch noch am Ende--als seine Braut."
VII. Buch, 6. Kapitel--1
Sechstes Kapitel
Wilhelm hatte einen unruhigen Nachmittag nicht ganz ohne Langeweile
zugebracht, als sich gegen Abend seine Tür öffnete und ein junger,
artiger Jägerbursche mit einem Gruße hereintrat. "Wollen wir nun
spazierengehen?" sagte der junge Mensch, und in dem Augenblicke
erkannte Wilhelm Theresen an ihren schönen Augen.
"Verzeihn Sie mir diese Maskerade", fing sie an, "denn leider ist es
jetzt nur Maskerade. Doch da ich Ihnen einmal von der Zeit erzählen
soll, in der ich mich so gerne in dieser Weste sah, will ich mir auch
jene Tage auf alle Weise vergegenwärtigen. Kommen Sie! selbst der
Platz, an dem wir so oft von unsern Jagden und Spaziergängen ausruhten,
soll dazu beitragen."
Sie gingen, und auf dem Wege sagte Therese zu ihrem Begleiter: "Es ist
nicht billig, daß Sie mich allein reden lassen; schon wissen Sie genug
von mir, und ich weiß noch nicht das mindeste von Ihnen; erzählen Sie
mir indessen etwas von sich, damit ich Mut bekomme, Ihnen auch meine
Geschichte und meine Verhältnisse vorzulegen."--"Leider hab ich",
versetzte Wilhelm, "nichts zu erzählen als Irrtümer auf Irrtümer,
Verirrungen auf Verirrungen, und ich wüßte nicht, wem ich die
Verworrenheiten, in denen ich mich befand und befinde, lieber
verbergen möchte als Ihnen. Ihr Blick und alles, was Sie umgibt, Ihr
ganzes Wesen und Ihr Betragen zeigt mir, daß Sie sich Ihres
vergangenen Lebens freuen können, daß Sie auf einem schönen, reinen
Wege in einer sichern Folge gegangen sind, daß Sie keine Zeit verloren,
daß Sie sich nichts vorzuwerfen haben."
Therese lächelte und versetzte: "Wir müssen abwarten, ob Sie auch noch
so denken, wenn Sie meine Geschichte hören." Sie gingen weiter, und
unter einigen allgemeinen Gesprächen fragte ihn Therese. "Sind Sie
frei?"--"Ich glaube es zu sein", versetzte er, "aber ich wünsche es
nicht."--"Gut!" sagte sie, "das deutet auf einen komplizierten Roman
und zeigt mir, daß Sie auch etwas zu erzählen haben."
Unter diesen Worten stiegen sie den Hügel hinan und lagerten sich bei
einer großen Eiche, die ihren Schatten weit umher verbreitete. "Hier",
sagte Therese, "unter diesem deutschen Baume will ich Ihnen die
Geschichte eines deutschen Mädchens erzählen, hören Sie mich geduldig
an.
Mein Vater war ein wohlhabender Edelmann dieser Provinz, ein heiterer,
klarer, tätiger, wackrer Mann, ein zärtlicher Vater, ein redlicher
Freund, ein trefflicher Wirt, an dem ich nur den einzigen Fehler
kannte, daß er gegen eine Frau zu nachsichtig war, die ihn nicht zu
schätzen wußte. Leider muß ich das von meiner eigenen Mutter sagen!
Ihr Wesen war dem seinigen ganz entgegengesetzt. Sie war rasch,
unbeständig, ohne Neigung weder für ihr Haus noch für mich, ihr
einziges Kind; verschwenderisch, aber schön, geistreich, voller
Talente, das Entzücken eines Zirkels, den sie um sich zu versammeln
wußte. Freilich war ihre Gesellschaft niemals groß oder blieb es
nicht lange. Dieser Zirkel bestand meist aus Männern, denn keine Frau
befand sich wohl neben ihr, und noch weniger konnte sie das Verdienst
irgendeines Weibes dulden. Ich glich meinem Vater an Gestalt und
Gesinnungen. Wie eine junge Ente gleich das Wasser sucht, so waren
von der ersten Jugend an die Küche, die Vorratskammer, die Scheunen
und Böden mein Element. Die Ordnung und Reinlichkeit des Hauses
schien, selbst da ich noch spielte, mein einziger Instinkt, mein
einziges Augenmerk zu sein. Mein Vater freute sich darüber und gab
meinem kindischen Bestreben stufenweise die zweckmäßigsten
Beschäftigungen; meine Mutter dagegen liebte mich nicht und verhehlte
es keinen Augenblick.
Ich wuchs heran, mit den Jahren vermehrte sich meine Tätigkeit und die
Liebe meines Vaters zu mir. Wenn wir allein waren, auf die Felder
gingen, wenn ich ihm die Rechnungen durchsehen half, dann konnte ich
ihm recht anfühlen, wie glücklich er war. Wenn ich ihm in die Augen
sah, so war es, als wenn ich in mich selbst hineinsähe, denn eben die
Augen waren es, die mich ihm vollkommen ähnlich machten. Aber nicht
ebenden Mut, nicht ebenden Ausdruck behielt er in der Gegenwart meiner
Mutter; er entschuldigte mich gelind, wenn sie mich heftig und
ungerecht tadelte; er nahm sich meiner an, nicht als wenn er mich
beschützen, sondern als wenn er meine guten Eigenschaften nur
entschuldigen könnte. So setzte er auch keiner von ihren Neigungen
Hindernisse entgegen; sie fing an, mit größter Leidenschaft sich auf
das Schauspiel zu werfen, ein Theater ward erbauet, an Männern fehlte
es nicht von allen Altern und Gestalten, die sich mit ihr auf der
Bühne darstellten, an Frauen hingegen mangelte es oft. Lydie, ein
artiges Mädchen, das mit mir erzogen worden war und das gleich in
ihrer ersten Jugend reizend zu werden versprach, mußte die zweiten
Rollen übernehmen und eine alte Kammerfrau die Mütter und Tanten
vorstellen, indes meine Mutter sich die ersten Liebhaberinnen,
Heldinnen und Schäferinnen aller Art vorbehielt. Ich kann Ihnen gar
nicht sagen, wie lächerlich mir es vorkam, wenn die Menschen, die ich
alle recht gut kannte, sich verkleidet hatten, da droben standen und
für etwas anders, als sie waren, gehalten sein wollten. Ich sah immer
nur meine Mutter und Lydien, diesen Baron und jenen Sekretär, sie
mochten nun als Fürsten und Grafen oder als Bauern erscheinen, und ich
konnte nicht begreifen, wie sie mir zumuten wollten zu glauben, daß es
ihnen wohl oder wehe sei, daß sie verliebt oder gleichgültig, geizig
oder freigebig seien, da ich doch meist von dem Gegenteile genau
unterrichtet war. Deswegen blieb ich auch sehr selten unter den
Zuschauern; ich putzte ihnen immer die Lichter, damit ich nur etwas zu
tun hatte, besorgte das Abendessen und hatte des andern Morgens, wenn
sie noch lange schliefen, schon ihre Garderobe in Ordnung gebracht,
die sie des Abends gewöhnlich übereinandergeworfen zurückließen.
Meiner Mutter schien diese Tätigkeit ganz recht zu sein, aber ihre
Neigung konnte ich nicht erwerben; sie verachtete mich, und ich weiß
noch recht gut, daß sie mehr als einmal mit Bitterkeit wiederholte:
"Wenn die Mutter so ungewiß sein könnte als der Vater, so würde man
wohl schwerlich diese Magd für meine Tochter halten." Ich leugnete
nicht, daß ihr Betragen mich nach und nach ganz von ihr entfernte, ich
betrachtete ihre Handlungen wie die Handlungen einer fremden Person,
und da ich gewohnt war, wie ein Falke das Gesinde zu beobachten--denn,
im Vorbeigehen gesagt, darauf beruht eigentlich der Grund aller
Haushaltung--so fielen mir natürlich auch die Verhältnisse meiner
Mutter und ihrer Gesellschaft auf. Es ließ sich wohl bemerken, daß
sie nicht alle Männer mit ebendenselben Augen ansah, ich gab schärfer
acht und bemerkte bald, daß Lydie Vertraute war und bei dieser
Gelegenheit selbst mit einer Leidenschaft bekannter wurde, die sie von
ihrer ersten Jugend an so oft vorgestellt hatte. Ich wußte alle ihre
Zusammenkünfte, aber ich schwieg und sagte meinem Vater nichts, den
ich zu betrüben fürchtete; endlich aber ward ich dazu genötigt.
Manches konnten sie nicht unternehmen, ohne das Gesinde zu bestechen.
Dieses fing an, mir zu trotzen, die Anordnungen meines Vaters zu
vernachlässigen und meine Befehle nicht zu vollziehen; die Unordnungen,
die daraus entstanden, waren mir unerträglich, ich entdeckte, ich
klagte alles meinem Vater.
Er hörte mich gelassen an. "Gutes Kind!" sagte er zuletzt mit Lächeln,
"ich weiß alles; sei ruhig, ertrag es mit Geduld, denn es ist nur um
deinetwillen, daß ich es leide."
Ich war nicht ruhig, ich hatte keine Geduld. Ich schalt meinen Vater
im stillen; denn ich glaubte nicht, daß er um irgendeiner Ursache
willen so etwas zu dulden brauche; ich bestand auf der Ordnung, und
ich war entschlossen, die Sache aufs äußerste kommen zu lassen.
Meine Mutter war reich von sich, verzehrte aber doch mehr, als sie
sollte, und dies gab, wie ich wohl merkte, manche Erklärung zwischen
meinen Eltern. Lange war der Sache nicht geholfen, bis die
Leidenschaften meiner Mutter selbst eine Art von Entwickelung
hervorbrachten'
Der erste Liebhaber ward auf eine eklatante Weise ungetreu; das Haus,
die Gegend, ihre Verhältnisse waren ihr zuwider. Sie wollte auf ein
anderes Gut ziehen, da war es ihr zu einsam; sie wollte nach der Stadt,
da galt sie nicht genug. Ich weiß nicht, was alles zwischen ihr und
meinem Vater vorging; genug, er entschloß sich endlich unter
Bedingungen, die ich nicht erfuhr, in eine Reise, die sie nach dem
südlichen Frankreich tun wollte, einzuwilligen.
Wir waren nun frei und lebten wie im Himmel; ja ich glaube, daß mein
Vater nichts verloren hat, wenn er ihre Gegenwart auch schon mit einer
ansehnlichen Summe abkaufte. Alles unnütze Gesinde ward abgeschafft,
und das Glück schien unsere Ordnung zu begünstigen; wir hätten einige
sehr gute Jahre, alles gelang nach Wunsch. Aber leider dauerte dieser
frohe Zustand nicht lange--ganz unvermutet ward mein Vater von einem
Schlagflusse befallen, der ihm die rechte Seite lähmte und den reinen
Gebrauch der Sprache benahm. Man mußte alles erraten, was er
verlangte, denn er brachte nie das Wort hervor, das er im Sinne hatte.
Sehr ängstlich waren mir daher manche Augenblicke, in denen er mit
mir ausdrücklich allein sein wollte; er deutete mit heftiger Gebärde,
daß jedermann sich entfernen sollte, und wenn wir uns allein sahen,
war er nicht imstande, das rechte Wort hervorzubringen. Seine
Ungeduld stieg aufs äußerste, und sein Zustand betrübte mich im
innersten Herzen. Soviel schien mir gewiß, daß er mir etwas zu
vertrauen hatte, das mich besonders anging. Welches Verlangen fühlt
ich nicht, es zu erfahren! Sonst konnt ich ihm alles an den Augen
ansehen; aber jetzt war es vergebens. Selbst seine Augen sprachen
nicht mehr. Nur soviel war mir deutlich: er wollte nichts, er
begehrte nichts, er strebte nur, mir etwas zu entdecken, das ich
leider nicht erfuhr. Sein übel wiederholte sich, er ward bald darauf
ganz untätig und unfähig; und nicht lange, so war er tot.
Ich weiß nicht, wie sich bei mir der Gedanke festgesetzt hatte, daß er
irgendwo einen Schatz niedergelegt habe, den er mir nach seinem Tode
lieber als meiner Mutter gönnen wollte; ich suchte schon bei seinen
Lebzeiten nach, allein ich fand nichts; nach seinem Tode ward alles
versiegelt. Ich schrieb meiner Mutter und bot ihr an, als Verwalter
im Hause zu bleiben; sie schlug es aus, und ich mußte das Gut räumen.
Es kam ein wechselseitiges Testament zum Vorschein, wodurch sie im
Besitz und Genuß von allem und ich, wenigstens ihre ganze Lebenszeit
über, von ihr abhängig blieb. Nun glaubte ich erst recht die Winke
meines Vaters zu verstehn; ich bedauerte ihn, daß er so schwach
gewesen war, auch nach seinem Tode ungerecht gegen mich zu sein. Denn
einige meiner Freunde wollten sogar behaupten, es sei beinah nicht
besser, als ob er mich enterbt hätte, und verlangten, ich sollte das
Testament angreifen, wozu ich mich aber nicht entschließen konnte.
Ich verehrte das Andenken meines Vaters zu sehr; ich vertraute dem
Schicksal, ich vertraute mir selbst.
Ich hatte mit einer Dame in der Nachbarschaft, die große Güter besaß,
immer in gutem Verhältnisse gestanden; sie nahm mich mit Vergnügen auf,
und es ward mir leicht, bald ihrer Haushaltung vorzustehn. Sie lebte
sehr regelmäßig und liebte die Ordnung in allem, und ich half ihr
treulich in dem Kampf mit Verwalter und Gesinde. Ich bin weder geizig
noch mißgünstig, aber wir Weiber bestehn überhaupt viel ernsthafter
als selbst ein Mann darauf, daß nichts verschleudert werde. Jeder
Unterschleif ist uns unerträglich; wir wollen, daß jeder nur genieße,
insofern er dazu berechtigt ist.
Nun war ich wieder in meinem Elemente und trauerte still über den Tod
meines Vaters. Meine Beschützerin war mit mir zufrieden, nur ein
kleiner Umstand störte meine Ruhe. Lydie kam zurück; meine Mutter war
grausam genug, das arme Mädchen abzustoßen, nachdem sie aus dem Grunde
verdorben war. Sie hatte bei meiner Mutter gelernt, Leidenschaften
als Bestimmung anzusehen; sie war gewöhnt, sich in nichts zu mäßigen.
Als sie unvermutet wieder erschien, nahm meine Wohltäterin auch sie
auf; sie wollte mir an die Hand gehn und konnte sich in nichts
schicken.
Um diese Zeit kamen die Verwandten und künftigen Erben meiner Dame oft
ins Haus und belustigten sich mit der Jagd. Auch Lothario war
manchmal mit ihnen; ich bemerkte gar bald, wie sehr er sich vor allen
andern auszeichnete, jedoch ohne die mindeste Beziehung auf mich
selbst. Er war gegen alle höflich, und bald schien Lydie seine
Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich hatte immer zu tun und war
selten bei der Gesellschaft; in seiner Gegenwart sprach ich weniger
als gewöhnlich: denn ich will nicht leugnen, daß eine lebhafte
Unterhaltung von jeher mir die Würze des Lebens war. Ich sprach mit
meinem Vater gern viel über alles, was begegnete. Was man nicht
bespricht, bedenkt man nicht recht. Keinem Menschen hatte ich jemals
lieber zugehört als Lothario, wenn er von seinen Reisen, von seinen
Feldzügen erzählte. Die Welt lag ihm so klar, so offen da wie mir die
Gegend, in der ich gewirtschaftet hatte. Ich hörte nicht etwa die
wunderlichen Schicksale des Abenteurers, die übertriebenen
Halbwahrheiten eines beschränkten Reisenden, der immer nur seine
Person an die Stelle des Landes setzt, wovon er uns ein Bild zu geben
verspricht; er erzählte nicht, er führte uns an die Orte selbst; ich
habe nicht leicht ein so reines Vergnügen empfunden.
Aber unaussprechlich war meine Zufriedenheit, als ich ihn eines Abends
über die Frauen reden hörte. Das Gespräch machte sich ganz natürlich;
einige Damen aus der Nachbarschaft hatten uns besucht und über die
Bildung der Frauen die gewöhnlichen Gespräche geführt. Man sei
ungerecht gegen unser Geschlecht, hieß es, die Männer wollten alle
höhere Kultur für sich behalten, man wolle uns zu keinen
Wissenschaften zulassen, man verlange, daß wir nur Tändelpuppen oder
Haushälterinnen sein sollten. Lothario sprach wenig zu all diesem;
als aber die Gesellschaft kleiner ward, sagte er auch hierüber offen
seine Meinung. "Es ist sonderbar", rief er aus, "daß man es dem Manne
verargt, der eine Frau an die höchste Stelle setzen will, die sie
einzunehmen fähig ist: und welche ist höher als das Regiment des
Hauses? Wenn der Mann sich mit äußern Verhältnissen quält, wenn er
die Besitztümer herbeischaffen und beschützen muß, wenn er sogar an
der Staatsverwaltung Anteil nimmt, überall von Umständen abhängt und,
ich möchte sagen, nichts regiert, indem er zu regieren glaubt, immer
nur politisch sein muß, wo er gern vernünftig wäre, versteckt, wo er
offen, falsch, wo er redlich zu sein wünschte; wenn er um des Zieles
willen, das er nie erreicht, das schönste Ziel, die Harmonie mit sich
selbst, in jedem Augenblicke aufgeben muß; indessen herrscht eine
vernünftige Hausfrau im Innern wirklich und macht einer ganzen Familie
jede Tätigkeit, jede Zufriedenheit möglich. Was ist das höchste Glück
des Menschen, als daß wir das ausführen, was wir als recht und gut
einsehen? daß wir wirklich Herren über die Mittel zu unsern Zwecken
sind? Und wo sollen, wo können unsere nächsten Zwecke liegen als
innerhalb des Hauses? Alle immer wiederkehrenden, unentbehrlichen
Bedürfnisse, wo erwarten wir, wo fordern wir sie als da, wo wir
aufstehn und uns niederlegen, wo Küche und Keller und jede Art von
Vorrat für uns und die Unsrigen immer bereit sein soll? Welche
regelmäßige Tätigkeit wird erfordert, um diese immer wiederkehrende
Ordnung in einer unverrückten, lebendigen Folge durchzuführen! Wie
wenig Männern ist es gegeben, gleichsam als ein Gestirn regelmäßig
wiederzukehren und dem Tage so wie der Nacht vorzustehn! sich ihre
häuslichen Werkzeuge zu bilden, zu pflanzen und zu ernten, zu
verwahren und auszuspenden und den Kreis immer mit Ruhe, Liebe und
Zweckmäßigkeit zu durchwandeln! Hat ein Weib einmal diese innere
Herrschaft ergriffen, so macht sie den Mann, den sie liebt, erst
allein dadurch zum Herrn; ihre Aufmerksamkeit erwirbt alle Kenntnisse,
und ihre Tätigkeit weiß sie alle zu benutzen. So ist sie von niemand
abhängig und verschafft ihrem Manne die wahre Unabhängigkeit, die
häusliche, die innere; das, was er besitzt, sieht er gesichert, das,
was er erwirbt, gut benutzt, und so kann er sein Gemüt nach großen
Gegenständen wenden und, wenn das Glück gut ist, das dem Staate sein,
was seiner Gattin zu Hause so wohl ansteht."
Er machte darauf eine Beschreibung, wie er sich eine Frau wünsche.
Ich ward rot, denn er beschrieb mich, wie ich leibte und lebte. Ich
genoß im stillen meinen Triumph, um so mehr, da ich aus allen
Umständen sah, daß er mich persönlich nicht gemeint hatte, daß er mich
eigentlich nicht kannte. Ich erinnere mich keiner angenehmern
Empfindung in meinem ganzen Leben, als daß ein Mann, den ich so sehr
schätzte, nicht meiner Person, sondern meiner innersten Natur den
Vorzug gab. Welche Belohnung fühlte ich! Welche Aufmunterung war mir
geworden!
Als sie weg waren, sagte meine würdige Freundin lächelnd zu mir:
"Schade, daß die Männer oft denken und reden, was sie doch nicht zur
Ausführung kommen lassen, sonst wäre eine treffliche Partie für meine
liebe Therese geradezu gefunden." Ich scherzte über ihre äußerung und
fügte hinzu, daß zwar der Verstand der Männer sich nach
Haushälterinnen umsehe, daß aber ihr Herz und ihre Einbildungskraft
sich nach andern Eigenschaften sehne und daß wir Haushälterinnen
eigentlich gegen die liebenswürdigen und reizenden Mädchen keinen
Wettstreit aushalten können. Diese Worte sagte ich Lydien zum Gehör:
denn sie verbarg nicht, daß Lothario großen Eindruck auf sie gemacht
habe, und auch er schien bei jedem neuen Besuche immer aufmerksamer
auf sie zu werden. Sie war arm, sie war nicht von Stande, sie konnte
an keine Heirat mit ihm denken; aber sie konnte der Wonne nicht
widerstehen, zu reizen und gereizt zu werden. Ich hatte nie geliebt
und liebte auch jetzt nicht; allein ob es mir schon unendlich angenehm
war zu sehen, wohin meine Natur von einem so verehrten Manne gestellt
und gerechnet werde, will ich doch nicht leugnen, daß ich damit nicht
ganz zufrieden war. Ich wünschte nun auch, daß er mich kennen, daß er
persönlich Anteil an mir nehmen möchte. Es entstand bei mir dieser
Wunsch ohne irgendeinen bestimmten Gedanken, was daraus folgen könnte.
Der größte Dienst, den ich meiner Wohltäterin leistete, war, daß ich
die schönen Waldungen ihrer Güter in Ordnung zu bringen suchte. In
diesen köstlichen Besitzungen, deren großen Wert Zeit und Umstände
immer vermehren, ging es leider nur immer nach dem alten Schlendrian
fort, nirgends war Plan und Ordnung und des Stehlens und des
Unterschleifs kein Ende. Manche Berge standen öde, und einen gleichen
Wuchs hatten nur noch die ältesten Schläge. Ich beging alles selbst
mit einem geschickten Forstmann, ich ließ die Waldungen messen, ich
ließ schlagen, säen, pflanzen, und in kurzer Zeit war alles im Gange.
Ich hatte mir, um leichter zu Pferde fortzukommen und auch zu Fuße
nirgends gehindert zu sein, Mannskleider machen lassen, ich war an
vielen Orten, und man fürchtete mich überall.
VII. Buch, 6. Kapitel--2
Ich hörte, daß die Gesellschaft junger Freunde mit Lothario wieder
ein Jagen angestellt hatte; zum erstenmal in meinem Leben fiel mir's
ein zu scheinen oder, daß ich mir nicht unrecht tue, in den Augen des
trefflichen Mannes für das zu gelten, was ich war. Ich zog meine
Mannskleider an, nahm die Flinte auf den Rücken und ging mit unserm
Jäger hinaus, um die Gesellschaft an der Grenze zu erwarten. Sie kam,
Lothario kannte mich nicht gleich; einer von den Neffen meiner
Wohltäterin stellte mich ihm als einen geschickten Forstmann vor,
scherzte über meine Jugend und trieb sein Spiel zu meinem Lobe so
lange, bis endlich Lothario mich erkannte. Der Neffe sekundierte
meine Absicht, als wenn wir es abgeredet hätten. Umständlich erzählte
er und dankbar, was ich für die Güter der Tante und also auch für ihn
getan hatte.
Lothario hörte mit Aufmerksamkeit zu, unterhielt sich mit mir, fragte
nach allen Verhältnissen der Güter und der Gegend, und ich war froh,
meine Kenntnisse vor ihm ausbreiten zu können; ich bestand in meinem
Examen sehr gut, ich legte ihm einige Vorschläge zu gewissen
Verbesserungen zur Prüfung vor, er billigte sie, erzählte mir ähnliche
Beispiele und verstärkte meine Gründe durch den Zusammenhang, den er
ihnen gab. Meine Zufriedenheit wuchs mit jedem Augenblick. Aber
glücklicherweise wollte ich nur gekannt, wollte nicht geliebt sein:
denn--wir kamen nach Hause, und ich bemerkte mehr als sonst, daß die
Aufmerksamkeit, die er Lydien bezeigte, eine heimliche Neigung zu
verraten schien. Ich hatte meinen Endzweck erreicht und war doch
nicht ruhig; er zeigte von dem Tage an eine wahre Achtung und ein
schönes Vertrauen gegen mich, er redete mich in Gesellschaft
gewöhnlich an, fragte mich um meine Meinung und schien besonders in
Haushaltungssachen das Zutrauen zu mir zu haben, als wenn ich alles
wisse. Seine Teilnahme munterte mich außerordentlich auf; sogar wenn
von allgemeiner Landesökonomie und von Finanzen die Rede war, zog er
mich ins Gespräch, und ich suchte in seiner Abwesenheit mehr
Kenntnisse von der Provinz, ja von dem ganzen Lande zu erlangen. Es
ward mir leicht, denn es wiederholte sich nur im großen, was ich im
kleinen so genau wußte und kannte.
Er kam von dieser Zeit an öfter in unser Haus. Es ward, ich kann wohl
sagen, von allem gesprochen, aber gewissermaßen ward unser Gespräch
zuletzt immer ökonomisch, wenn auch nur im uneigentlichen Sinne. Was
der Mensch durch konsequente Anwendung seiner Kräfte, seiner Zeit,
seines Geldes, selbst durch gering scheinende Mittel für ungeheure
Wirkungen hervorbringen könne, darüber ward viel gesprochen.
Ich widerstand der Neigung nicht, die mich zu ihm zog, und ich fühlte
leider nur zu bald, wie sehr, wie herzlich, wie rein und aufrichtig
meine Liebe war, da ich immer mehr zu bemerken glaubte, daß seine
öftern Besuche Lydien und nicht mir galten. Sie wenigstens war auf
das lebhafteste davon überzeugt; sie machte mich zu ihrer Vertrauten,
und dadurch fand ich mich noch einigermaßen getröstet. Das, was sie
so sehr zu ihrem Vorteil auslegte, fand ich keinesweges bedeutend; von
der Absicht einer ernsthaften, dauernden Verbindung zeigte sich keine
Spur, um so deutlicher sah ich den Hang des leidenschaftlichen
Mädchens, um jeden Preis die Seinige zu werden.
So standen die Sachen, als mich die Frau vom Hause mit einem
unvermuteten Antrag überraschte. "Lothario", sagte sie, "bietet Ihnen
seine Hand an und wünscht Sie in seinem Leben immer zur Seite zu haben."
Sie verbreitete sich über meine Eigenschaften und sagte mir, was
ich so gerne anhörte: daß Lothario überzeugt sei, in mir die Person
gefunden zu haben, die er so lange gewünscht hatte.
Das höchste Glück war nun für mich erreicht: ein Mann verlangte mich,
den ich so sehr schätzte, bei dem und mit dem ich eine völlige, freie,
ausgebreitete, nützliche Wirkung meiner angebornen Neigung, meines
durch übung erworbenen Talents vor mir sah; die Summe meines ganzen
Daseins schien sich ins Unendliche vermehrt zu haben. Ich gab meine
Einwilligung, er kam selbst, er sprach mit mir allein, er reichte mir
seine Hand, er sah mir in die Augen, er umarmte mich und drückte einen
Kuß auf meine Lippen. Es war der erste und letzte. Er vertraute mir
seine ganze Lage, was ihn sein amerikanischer Feldzug gekostet, welche
Schulden er auf seine Güter geladen, wie er sich mit seinem Großoheim
einigermaßen darüber entzweit habe, wie dieser würdige Mann für ihn zu
sorgen denke, aber freilich auf seine eigene Art: er wolle ihm eine
reiche Frau geben, da einem wohldenkenden Manne doch nur mit einer
haushältischen gedient sei; er hoffe durch seine Schwester den Alten
zu bereden. Er legte mir den Zustand seines Vermögens, seine Plane,
seine Aussichten vor und erbat sich meine Mitwirkung. Nur bis zur
Einwilligung seines Oheims sollte es ein Geheimnis bleiben.
Kaum hatte er sich entfernt, so fragte mich Lydie, ob er etwa von ihr
gesprochen habe. Ich sagte nein und machte ihr Langeweile mit
Erzählung von ökonomischen Gegenständen. Sie war unruhig, mißlaunig,
und sein Betragen, als er wiederkam, verbesserte ihren Zustand nicht.
Doch ich sehe, daß die Sonne sich zu ihrem Untergange neigt! Es ist
Ihr Glück, mein Freund, Sie hätten sonst die Geschichte, die ich mir
so gerne selbst erzähle, mit allen ihren kleinen Umständen durchhören
müssen. Lassen Sie mich eilen, wir nahen einer Epoche, bei der nicht
gut zu verweilen ist.
Lothario machte mich mit seiner trefflichen Schwester bekannt, und
diese wußte mich auf eine schickliche Weise beim Oheim einzuführen;
ich gewann den Alten, er willigte in unsre Wünsche, und ich kehrte mit
einer glücklichen Nachricht zu meiner Wohltäterin zurück. Die Sache
war im Hause nun kein Geheimnis mehr, Lydie erfuhr sie, sie glaubte
etwas Unmögliches zu vernehmen. Als sie endlich daran nicht mehr
zweifeln konnte, verschwand sie auf einmal, und man wußte nicht, wohin
sie sich verloren hatte.
Der Tag unserer Verbindung nahte heran; ich hatte ihn schon oft um
sein Bildnis gebeten, und ich erinnerte ihn, eben als er wegreisen
wollte, nochmals an sein Versprechen. "Sie haben vergessen", sagte er,
"mir das Gehäuse zu geben, wohinein Sie es gepaßt wünschen." Es war
so: ich hatte ein Geschenk von einer Freundin, das ich sehr wert hielt.
Von ihren Haaren war ein verzogener Name unter dem äußern Glase
befestigt, inwendig blieb ein leeres Elfenbein, worauf eben ihr Bild
gemalt werden sollte, als sie mir unglücklicherweise durch den Tod
entrissen wurde. Lotharios Neigung beglückte mich in dem Augenblicke,
da ihr Verlust mir noch sehr schmerzhaft war, und ich wünschte die
Lücke, die sie mir in ihrem Geschenk zurückgelassen hatte, durch das
Bild meines Freundes auszufüllen.
Ich eile nach meinem Zimmer, hole mein Schmuckkästchen und eröffne es
in seiner Gegenwart; kaum sieht er hinein, so erblickt er ein
Medaillon mit dem Bilde eines Frauenzimmers, er nimmt es in die Hand,
betrachtet es mit Aufmerksamkeit und fragt hastig: "Wen soll dies
Porträt vorstellen?"--"Meine Mutter", versetzte ich. "Hätt ich doch
geschworen", rief er aus, "es sei das Porträt einer Frau von
Saint-Alban, die ich vor einigen Jahren in der Schweiz antraf."--"Es
ist einerlei Person", versetzte ich lächelnd, "und Sie haben also Ihre
Schwiegermutter, ohne es zu wissen, kennengelernt. Saint-Alban ist
der romantische Name, unter dem meine Mutter reist; sie befindet sich
unter demselben noch gegenwärtig in Frankreich."
"Ich bin der unglücklichste aller Menschen!" rief er aus, indem er das
Bild in das Kästchen zurückwarf, seine Augen mit der Hand bedeckte und
sogleich das Zimmer verließ. Er warf sich auf sein Pferd, ich lief
auf den Balkon und rief ihm nach; er kehrte sich um, warf mir eine
Hand zu; entfernte sich eilig--und ich habe ihn nicht wieder gesehen."
Die Sonne ging unter, Therese sah mit unverwandtem Blicke in die Glut,
und ihre beiden schönen Augen füllten sich mit Tränen.
Therese schwieg und legte auf ihres neuen Freundes Hände ihre Hand; er
küßte sie mit Teilnehmung, sie trocknete ihre Tränen und stand auf.
"Lassen Sie uns zurückgehen", sagte sie, "und für die Unsrigen sorgen!"
Das Gespräch auf dem Wege war nicht lebhaft; sie kamen zur Gartentüre
herein und sahen Lydien auf einer Bank sitzen; sie stand auf, wich
ihnen aus und begab sich ins Haus zurück; sie hatte ein Papier in der
Hand, und zwei kleine Mädchen waren bei ihr. "Ich sehe", sagte
Therese, "sie trägt ihren einzigen Trost, den Brief Lotharios, noch
immer bei sich. Ihr Freund verspricht ihr, daß sie gleich, sobald er
sich wohl befindet, wieder an seiner Seite leben soll; er bittet sie,
so lange ruhig bei mir zu verweilen. An diesen Worten hängt sie, mit
diesen Zeilen tröstet sie sich, aber seine Freunde sind übel bei ihr
angeschrieben."
Indessen waren die beiden Kinder herangekommen, begrüßten Theresen und
gaben ihr Rechenschaft von allem, was in ihrer Abwesenheit im Hause
vorgegangen war. "Sie sehen hier noch einen Teil meiner
Beschäftigung", sagte Therese. "Ich habe mit Lotharios trefflicher
Schwester einen Bund gemacht; wir erziehen eine Anzahl Kinder
gemeinschaftlich: ich bilde die lebhaften und dienstfertigen
Haushälterinnen, und sie übernimmt diejenigen, an denen sich ein
ruhigeres und feineres Talent zeigt; denn es ist billig, daß man auf
jede Weise für das Glück der Männer und der Haushaltung sorge. Wenn
Sie meine edle Freundin kennenlernen, so werden Sie ein neues Leben
anfangen: ihre Schönheit, ihre Güte macht sie der Anbetung einer
ganzen Welt würdig." Wilhelm getraute sich nicht zu sagen, daß er
leider die schöne Gräfin schon kenne und daß ihn sein vorübergehendes
Verhältnis zu ihr auf ewig schmerzen werde: er war sehr zufrieden, daß
Therese das Gespräch nicht fortsetzte und daß ihre Geschäfte sie in
das Haus zurückzugehen nötigten. Er befand sich nun allein, und die
letzte Nachricht, daß die junge, schöne Gräfin auch schon genötigt sei,
durch Wohltätigkeit den Mangel an eignem Glück zu ersetzen, machte
ihn äußerst traurig; er fühlte, daß es bei ihr nur eine Notwendigkeit
war, sich zu zerstreuen und an die Stelle eines frohen Lebensgenusses
die Hoffnung fremder Glückseligkeit zu setzen. Er pries Theresen
glücklich, daß selbst bei jener unerwarteten traurigen Veränderung
keine Veränderung in ihr selbst vorzugehen brauchte. "Wie glücklich
ist der über alles", rief er aus, "der, um sich mit dem Schicksal in
Einigkeit zu setzen, nicht sein ganzes vorhergehendes Leben
wegzuwerfen braucht!"
Therese kam auf sein Zimmer und bat um Verzeihung, daß sie ihn störe.
"Hier in dem Wandschrank", sagte sie, "steht meine ganze Bibliothek;
es sind eher Bücher, die ich nicht wegwerfe, als die ich aufhebe.
Lydie verlangt ein geistliches Buch, es findet sich wohl auch eins und
das andere darunter. Die Menschen, die das ganze Jahr weltlich sind,
bilden sich ein, sie müßten zur Zeit der Not geistlich sein; sie sehen
alles Gute und Sittliche wie eine Arzenei an, die man mit Widerwillen
zu sich nimmt, wenn man sich schlecht befindet; sie sehen in einem
Geistlichen, einem Sittenlehrer nur einen Arzt, den man nicht
geschwind genug aus dem Hause loswerden kann: ich aber gestehe gern,
ich habe vom Sittlichen den Begriff als von einer Diät, die eben
dadurch nur Diät ist, wenn ich sie zur Lebensregel mache, wenn ich sie
das ganze Jahr nicht außer Augen lasse."
Sie suchten unter den Büchern und fanden einige sogenannte
Erbauungsschriften. "Die Zuflucht zu diesen Büchern", sagte Therese,
"hat Lydie von meiner Mutter gelernt: Schauspiele und Romane waren ihr
Leben, solange der Liebhaber treu blieb; seine Entfernung brachte
sogleich diese Bücher wieder in Kredit. Ich kann überhaupt nicht
begreifen", fuhr sie fort, "wie man hat glauben können, daß Gott durch
Bücher und Geschichten zu uns spreche. Wem die Welt nicht unmittelbar
eröffnet, was sie für ein Verhältnis zu ihm hat, wem sein Herz nicht
sagt, was er sich und andern schuldig ist, der wird es wohl schwerlich
aus Büchern erfahren, die eigentlich nur geschickt sind, unsern
Irrtümern Namen zu geben."
Sie ließ Wilhelmen allein, und er brachte seinen Abend mit Revision
der kleinen Bibliothek zu; sie war wirklich bloß durch Zufall
zusammengekommen.
Therese blieb die wenigen Tage, die Wilhelm bei ihr verweilte, sich
immer gleich; sie erzählte ihm die Folgen ihrer Begebenheit in
verschiedenen Absätzen sehr umständlich. Ihrem Gedächtnis war Tag und
Stunde, Platz und Name gegenwärtig, und wir ziehen, was unsern Lesern
zu wissen nötig ist, hier ins Kurze zusammen.
Die Ursache von Lotharios rascher Entfernung ließ sich leider leicht
erklären: er war Theresens Mutter auf ihrer Reise begegnet, ihre Reize
zogen ihn an, sie war nicht karg gegen ihn, und nun entfernte ihn
dieses unglückliche, schnell vorübergegangene Abenteuer von der
Verbindung mit einem Frauenzimmer, das die Natur selbst für ihn
gebildet zu haben schien. Therese blieb in dem reinen Kreise ihrer
Beschäftigung und ihrer Pflicht. Man erfuhr, daß Lydie sich heimlich
in der Nachbarschaft aufgehalten habe. Sie war glücklich, als die
Heirat, obgleich aus unbekannten Ursachen, nicht vollzogen wurde; sie
suchte sich Lothario zu nähern, und es schien, daß er mehr aus
Verzweiflung als aus Neigung, mehr überrascht als mit überlegung, mehr
aus Langerweile als aus Vorsatz ihren Wünschen begegnet sei.
Therese war ruhig darüber, sie machte keine weitern Ansprüche auf ihn,
und selbst wenn er ihr Gatte gewesen wäre, hätte sie vielleicht Mut
genug gehabt, ein solches Verhältnis zu ertragen, wenn es nur ihre
häusliche Ordnung nicht gestört hätte; wenigstens äußerte sie oft, daß
eine Frau, die das Hauswesen recht zusammenhalte, ihrem Manne jede
kleine Phantasie nachsehen und von seiner Rückkehr jederzeit gewiß
sein könne.
Theresens Mutter hatte bald die Angelegenheiten ihres Vermögens in
Unordnung gebracht; ihre Tochter mußte es entgelten, denn sie erhielt
wenig von ihr; die alte Dame, Theresens Beschützerin, starb,
hinterließ ihr das kleine Freigut und ein artiges Kapital zum
Vermächtnis. Therese wußte sich sogleich in den engen Kreis zu finden,
Lothario bot ihr ein besseres Besitztum an, Jarno machte den
Unterhändler, sie schlug es aus. "Ich will", sagte sie, "im kleinen
zeigen, daß ich wert war, das Große mit ihm zu teilen; aber das
behalte ich mir vor, daß, wenn der Zufall mich um meiner oder anderer
willen in Verlegenheit setzt, ich zuerst zu meinem werten Freund ohne
Bedenken die Zuflucht nehmen könne."
Nichts bleibt weniger verborgen und ungenutzt als zweckmäßige
Tätigkeit. Kaum hatte sie sich auf ihrem kleinen Gute eingerichtet,
so suchten die Nachbarn schon ihre nähere Bekanntschaft und ihren Rat,
und der neue Besitzer der angrenzenden Güter gab nicht undeutlich zu
verstehen, daß es nur auf sie ankomme, ob sie seine Hand annehmen und
Erbe des größten Teils seines Vermögens werden wolle. Sie hatte schon
gegen Wilhelmen dieses Verhältnisses erwähnt und scherzte gelegentlich
über Heiraten und Mißheiraten mit ihm.
"Es gibt", sagte sie, "den Menschen nichts mehr zu reden, als wenn
einmal eine Heirat geschieht, die sie nach ihrer Art eine Mißheirat
nennen können, und doch sind die Mißheiraten viel gewöhnlicher als die
Heiraten, denn es sieht leider nach einer kurzen Zeit mit den meisten
Verbindungen gar mißlich aus. Die Vermischung der Stände durch
Heiraten verdienen nur insofern Mißheiraten genannt zu werden, als der
eine Teil an der angebornen, ungewohnten und gleichsam notwendig
gewordenen Existenz des andern keinen Teil nehmen kann. Die
verschiedenen Klassen haben verschiedene Lebensweisen, die sie nicht
miteinander teilen noch verwechseln können, und das ist's, warum
Verbindungen dieser Art besser nicht geschlossen werden; aber
Ausnahmen und recht glückliche Ausnahmen sind möglich. So ist die
Heirat eines jungen Mädchens mit einem bejahrten Manne immer mißlich,
und doch habe ich sie recht gut ausschlagen sehen. Für mich kenne ich
nur eine Mißheirat, wenn ich feiern und repräsentieren müßte; ich
wollte lieber jedem ehrbaren Pächterssohn aus der Nachbarschaft meine
Hand geben."
Wilhelm gedachte nunmehr zurückzukehren und bat seine neue Freundin,
ihm noch ein Abschiedswort bei Lydien zu verschaffen. Das
leidenschaftliche Mädchen ließ sich bewegen, er sagte ihr einige
freundliche Worte, sie versetzte: "Den ersten Schmerz hab ich
überwunden, Lothario wird mir ewig teuer sein; aber seine Freunde
kenne ich, es ist mir leid, daß er so umgeben ist. Der Abbe wäre
fähig, wegen einer Grille die Menschen in Not zu lassen oder sie gar
hineinzustürzen; der Arzt möchte gern alles ins gleiche bringen; Jarno
hat kein Gemüt und Sie--wenigstens keinen Charakter! Fahren Sie nur
so fort, und lassen Sie sich als Werkzeug dieser drei Menschen
brauchen, man wird Ihnen noch manche Exekution auftragen. Lange, mir
ist es recht wohl bekannt, war ihnen meine Gegenwart zuwider; ich
hatte ihr Geheimnis nicht entdeckt, aber ich hatte beobachtet, daß sie
ein Geheimnis verbargen. Wozu diese verschlossenen Zimmer? diese
wunderlichen Gänge? Warum kann niemand zu dem großen Turm gelangen?
Warum verbannten sie mich, sooft sie nur konnten, in meine Stube? Ich
will gestehen, daß Eifersucht zuerst mich auf diese Entdeckung brachte,
ich fürchtete, eine glückliche Nebenbuhlerin sei irgendwo versteckt.
Nun glaube ich das nicht mehr, ich bin überzeugt, daß Lothario mich
liebt, daß er es redlich mit mir meint, aber ebenso gewiß bin ich
überzeugt, daß er von seinen künstlichen und falschen Freunden
betrogen wird. Wenn Sie sich um ihn verdient machen wollen, wenn
Ihnen verziehen werden soll, was Sie an mir verbrochen haben, so
befreien Sie ihn aus den Händen dieser Menschen. Doch was hoffe ich!
überreichen Sie ihm diesen Brief, wiederholen Sie, was er enthält: daß
ich ihn ewig lieben werde, daß ich mich auf sein Wort verlasse. Ach!"
rief sie aus, indem sie aufstand und am Halse Theresens weinte, "er
ist von meinen Feinden umgeben, sie werden ihn zu bereden suchen, daß
ich ihm nichts aufgeopfert habe; oh! der beste Mann mag gerne hören,
daß er jedes Opfer wert ist, ohne dafür dankbar sein zu dürfen."
Wilhelms Abschied von Theresen war heiterer; sie wünschte ihn bald
wiederzusehen. "Sie kennen mich ganz!" sagte sie, "Sie haben mich
immer reden lassen; es ist das nächste Mal Ihre Pflicht, meine
Aufrichtigkeit zu erwidern."
Auf seiner Rückreise hatte er Zeit genug, diese neue, helle
Erscheinung lebhaft in der Erinnerung zu betrachten. Welch ein
Zutrauen hatte sie ihm eingeflößt! Er dachte an Mignon und Felix, wie
glücklich die Kinder unter einer solchen Aufsicht werden könnten; dann
dachte er an sich selbst und fühlte, welche Wonne es sein müsse, in
der Nähe eines so ganz klaren menschlichen Wesens zu leben. Als er
sich dem Schloß näherte, fiel ihm der Turm mit den vielen Gängen und
Seitengebäuden mehr als sonst auf; er nahm sich vor, bei der nächsten
Gelegenheit Jarno oder den Abbe darüber zur Rede zu stellen.
VII. Buch, 7. Kapitel
Siebentes Kapitel
Als Wilhelm nach dem Schlosse kam, fand er den edlen Lothario auf dem
Wege der völligen Besserung; der Arzt und der Abbe waren nicht zugegen,
Jarno allein war geblieben. In kurzer Zeit ritt der Genesende schon
wieder aus, bald allein, bald mit seinen Freunden. Sein Gespräch war
ernsthaft und gefällig, seine Unterhaltung belehrend und erquickend;
oft bemerkte man Spuren einer zarten Fühlbarkeit, ob er sie gleich zu
verbergen suchte und, wenn sie sich wider seinen Willen zeigte, beinah
zu mißbilligen schien.
So war er eines Abends still bei Tische, ob er gleich heiter aussah.
"Sie haben heute gewiß ein Abenteuer gehabt", sagte endlich Jarno,
"und zwar ein angenehmes."
"Wie Sie sich auf Ihre Leute verstehen!" versetzte Lothario. "Ja, es
ist mir ein sehr angenehmes Abenteuer begegnet. Zu einer andern Zeit
hätte ich es vielleicht nicht so reizend gefunden als diesmal, da es
mich so empfänglich antraf. Ich ritt gegen Abend jenseit des Wassers
durch die Dörfer, einen Weg, den ich oft genug in frühern Jahren
besucht hatte. Mein körperliches Leiden muß mich mürber gemacht haben,
als ich selbst glaubte: ich fühlte mich weich und bei wieder
auflebenden Kräften wie neugeboren. Alle Gegenstände erschienen mir
in ebendem Lichte, wie ich sie in frühern Jahren gesehen hatte, alle
so lieblich, so anmutig, so reizend, wie sie mir lange nicht
erschienen sind. Ich merkte wohl, daß es Schwachheit war; ich ließ
mir sie aber ganz wohl gefallen, ritt sachte hin, und es wurde mir
ganz begreiflich, wie Menschen eine Krankheit liebgewinnen können,
welche uns zu süßen Empfindungen stimmt. Sie wissen vielleicht, was
mich ehemals so oft diesen Weg führte?"
"Wenn ich mich recht erinnere", versetzte Jarno, "so war es ein
kleiner Liebeshandel, der sich mit der Tochter eines Pachters
entspannen hatte."
"Man dürfte es wohl einen großen nennen", versetzte Lothario; "denn
wir hatten uns beide sehr lieb, recht im Ernste, und auch ziemlich
lange. Zufälligerweise traf heute alles zusammen, mir die ersten
Zeiten unserer Liebe recht lebhaft darzustellen. Die Knaben
schüttelten eben wieder Maikäfer von den Bäumen, und das Laub der
Eschen war eben nicht weiter als an dem Tage, als ich sie zum
erstenmal sah. Nun war es lange, daß ich Margareten nicht gesehen
habe, denn sie ist weit weg verheiratet, nun hörte ich zufällig, sie
sei mit ihren Kindern vor wenigen Wochen gekommen, ihren Vater zu
besuchen."
"So war ja wohl dieser Spazierritt nicht so ganz zufällig?"
"Ich leugne nicht", sagte Lothario, "daß ich sie anzutreffen wünschte.
Als ich nicht weit von dem Wohnhaus war, sah ich ihren Vater vor der
Türe sitzen; ein Kind von ungefähr einem Jahre stand bei ihm. Als ich
mich näherte, sah eine Frauensperson schnell oben zum Fenster heraus,
und als ich gegen die Türe kam, hörte ich jemand die Treppe
herunterspringen. Ich dachte gewiß, sie sei es, und, ich will's nur
gestehen, ich schmeichelte mir, sie habe mich erkannt und sie komme
mir eilig entgegen. Aber wie beschämt war ich, als sie zur Türe
heraussprang, das Kind, dem die Pferde näher kamen, anfaßte und in das
Haus hineintrug. Es war mir eine unangenehme Empfindung, und nur
wurde meine Eitelkeit ein wenig getröstet, als ich, wie sie
hinwegeilte, an ihrem Nacken und an dem freistehenden Ohr eine
merkliche Röte zu sehen glaubte.
Ich hielt still und sprach mit dem Vater und schielte indessen an den
Fenstern herum, ob sie sich nicht hier oder da blicken ließe; allein
ich bemerkte keine Spur von ihr. Fragen wollt ich auch nicht, und so
ritt ich vorbei. Mein Verdruß wurde durch Verwunderung einigermaßen
gemildert: denn ob ich gleich kaum das Gesicht gesehen hatte, so
schien sie mir fast gar nicht verändert, und zehn Jahre sind doch eine
Zeit! ja sie schien mir jünger, ebenso schlank, ebenso leicht auf den
Füßen, der Hals womöglich noch zierlicher als vorher, ihre Wange
ebenso leicht der liebenswürdigen Röte empfänglich, dabei Mutter von
sechs Kindern, vielleicht noch von mehrern. Es paßte diese
Erscheinung so gut in die übrige Zauberwelt, die mich umgab, daß ich
um so mehr mit einem verjüngten Gefühl weiterritt und an dem nächsten
Walde erst umkehrte, als die Sonne im Untergehen war. Sosehr mich
auch der fallende Tau an die Vorschrift des Arztes erinnerte und es
wohl rätlicher gewesen wäre, gerade nach Hause zu kehren, so nahm ich
doch wieder meinen Weg nach der Seite des Pachthofs zurück. Ich
bemerkte, daß ein weibliches Geschöpf in dem Garten auf und nieder
ging, der mit einer leichten Hecke umzogen ist. Ich ritt auf dem
Fußpfade nach der Hecke zu, und ich fand mich eben nicht weit von der
Person, nach der ich verlangte.
Ob mir gleich die Abendsonne in den Augen lag, sah ich doch, daß sie
sich am Zaune beschäftigte, der sie nur leicht bedeckte. Ich glaubte
meine alte Geliebte zu erkennen. Da ich an sie kam, hielt ich still,
nicht ohne Regung des Herzens. Einige hohe Zweige wilder Rosen, die
eine leise Luft hin und her wehte, machten mir ihre Gestalt undeutlich.
Ich redete sie an und fragte, wie sie lebe. Sie antwortete mir mit
halber Stimme: "Ganz wohl". Indes bemerkte ich, daß ein Kind hinter
dem Zaune beschäftigt war, Blumen auszureißen, und nahm die
Gelegenheit, sie zu fragen, wo denn ihre übrigen Kinder seien. "Es
ist nicht mein Kind", sagte sie, "das wäre früh!" und in diesem
Augenblick schickte sich's, daß ich durch die Zweige ihr Gesicht genau
sehen konnte, und ich wußte nicht, was ich zu der Erscheinung sagen
sollte. Es war meine Geliebte und war es nicht. Fast jünger, fast
schöner, als ich sie vor zehen Jahren gekannt hatte. "Sind Sie denn
nicht die Tochter des Pachters?" fragte ich halb verwirrt. "Nein",
sagte sie, "ich bin ihre Muhme."
"Aber Sie gleichen einander so außerordentlich", versetzte ich.
"Das sagt jedermann, der sie vor zehen Jahren gekannt hat."
Ich fuhr fort, sie verschiedenes zu fragen; mein Irrtum war mir
angenehm, ob ich ihn gleich schon entdeckt hatte. Ich konnte mich von
dem lebendigen Bilde voriger Glückseligkeit, das vor mir stand, nicht
losreißen. Das Kind hatte sich indessen von ihr entfernt und war,
Blumen zu suchen, nach dem Teiche gegangen. Sie nahm Abschied und
eilte dem Kinde nach.
Indessen hatte ich doch erfahren, daß meine alte Geliebte noch
wirklich in dem Hause ihres Vaters sei, und indem ich ritt,
beschäftigte ich mich mit Mutmaßungen, ob sie selbst oder die Muhme
das Kind vor den Pferden gesichert habe. Ich wiederholte mir die
ganze Geschichte mehrmals im Sinne, und ich wüßte nicht leicht, daß
irgend etwas angenehmer auf mich gewirkt hätte. Aber ich fühle wohl,
ich bin noch krank, und wir wollen den Doktor bitten, daß er uns von
dem überreste dieser Stimmung erlöse."
Es pflegt in vertraulichen Bekenntnissen anmutiger Liebesbegebenheiten
wie mit Gespenstergeschichten zu gehen: ist nur erst eine erzählt, so
fließen die übrigen von selbst zu.
Unsere kleine Gesellschaft fand in der Rückerinnerung vergangener
Zeiten manchen Stoff dieser Art. Lothario hatte am meisten zu
erzählen. Jarnos Geschichten trugen alle einen eigenen Charakter, und
was Wilhelm zu gestehen hatte, wissen wir schon. Indessen war ihm
bange, daß man ihn an die Geschichte mit der Gräfin erinnern möchte;
allein niemand dachte derselben auch nur auf die entfernteste Weise.
"Es ist wahr", sagte Lothario, "angenehmer kann keine Empfindung in
der Welt sein, als wenn das Herz nach einer gleichgültigen Pause sich
der Liebe zu einem neuen Gegenstande wieder öffnet, und doch wollt ich
diesem Glück für mein Leben entsagt haben, wenn mich das Schicksal mit
Theresen hätte verbinden wollen. Man ist nicht immer Jüngling, und
man sollte nicht immer Kind sein. Dem Manne, der die Welt kennt, der
weiß, was er darin zu tun, was er von ihr zu hoffen hat, was kann ihm
erwünschter sein, als eine Gattin zu finden, die überall mit ihm wirkt
und die ihm alles vorzubereiten weiß, deren Tätigkeit dasjenige
aufnimmt, was die seinige liegenlassen muß, deren Geschäftigkeit sich
nach allen Seiten verbreitet, wenn die seinige nur einen geraden Weg
fortgehen darf. Welchen Himmel hatte ich mir mit Theresen geträumt!
nicht den Himmel eines schwärmerischen Glücks, sondern eines sichern
Lebens auf der Erde: Ordnung im Glück, Mut im Unglück, Sorge für das
Geringste, und eine Seele, fähig, das Größte zu fassen und wieder
fahrenzulassen. Oh! ich sah in ihr gar wohl die Anlagen, deren
Entwickelung wir bewundern, wenn wir in der Geschichte Frauen sehen,
die uns weit vorzüglicher als alle Männer erscheinen: diese Klarheit
über die Umstände, diese Gewandtheit in allen Fällen, diese Sicherheit
im einzelnen, wodurch das Ganze sich immer so gut befindet, ohne daß
sie jemals daran zu denken scheinen. Sie können wohl", fuhr er fort,
indem er sich lächelnd gegen Wilhelmen wendete, "mir verzeihen, wenn
Therese mich Aurelien entführte: mit jener konnte ich ein heitres
Leben hoffen, da bei dieser auch nicht an eine glückliche Stunde zu
denken war."
"Ich leugne nicht", versetzte Wilhelm, "daß ich mit großer Bitterkeit
im Herzen gegen Sie hierhergekommen hin und daß ich mir vorgenommen
hatte, Ihr Betragen gegen Aurelien sehr streng zu tadeln."
"Auch verdient es Tadel", sagte Lothario; "ich hätte meine
Freundschaft zu ihr nicht mit dem Gefühl der Liebe verwechseln sollen,
ich hätte nicht an die Stelle der Achtung, die sie verdiente, eine
Neigung eindrängen sollen, die sie weder erregen noch erhalten konnte.
Ach! sie war nicht liebenswürdig, wenn sie liebte, und das ist das
größte Unglück, das einem Weibe begegnen kann."
"Es sei drum", erwiderte Wilhelm, "wir können nicht immer das
Tadelnswerte vermeiden, nicht vermeiden, daß unsere Gesinnungen und
Handlungen auf eine sonderbare Weise von ihrer natürlichen und guten
Richtung abgelenkt werden; aber gewisse Pflichten sollten wir niemals
aus den Augen setzen. Die Asche der Freundin ruhe sanft; wir wollen,
ohne uns zu schelten und sie zu tadeln, mitleidig Blumen auf ihr Grab
streuen. Aber bei dem Grabe, in welchem die unglückliche Mutter ruht,
lassen Sie mich fragen, warum Sie sich des Kindes nicht annehmen?
eines Sohnes, dessen sich jedermann erfreuen würde und den Sie ganz
und gar zu vernachlässigen scheinen. Wie können Sie bei Ihren reinen
und zarten Gefühlen das Herz eines Vaters gänzlich verleugnen? Sie
haben diese ganze Zeit noch mit keiner Silbe an das köstliche Geschöpf
gedacht, von dessen Anmut so viel zu erzählen wäre."
"Von wem reden Sie?" versetzte Lothario, "ich verstehe Sie nicht."
"Von wem anders als von Ihrem Sohne, dem Sohne Aureliens, dem schönen
Kinde, dem zu seinem Glücke nichts fehlt, als daß ein zärtlicher Vater
sich seiner annimmt?"
"Sie irren sehr, mein Freund", rief Lothario; "Aurelie hatte keinen
Sohn, am wenigsten von mir, ich weiß von keinem Kinde, sonst würde ich
mich dessen mit Freuden annehmen; aber auch im gegenwärtigen Falle
will ich gern das kleine Geschöpf als eine Verlassenschaft von ihr
ansehen und für seine Erziehung sorgen. Hat sie sich denn irgend
etwas merken lassen, daß der Knabe ihr, daß er mir zugehöre?"
"Nicht daß ich mich erinnere, ein ausdrückliches Wort von ihr gehört
zu haben, es war aber einmal so angenommen, und ich habe nicht einen
Augenblick daran gezweifelt."
"Ich kann", fiel Jarno ein, "einigen Aufschluß hierüber geben. Ein
altes Weib, das Sie oft müssen gesehen haben, brachte das Kind zu
Aurelien, sie nahm es mit Leidenschaft auf und hoffte ihre Leiden
durch seine Gegenwart zu lindern: auch hat es ihr manchen vergnügten
Augenblick gemacht."
Wilhelm war durch diese Entdeckung sehr unruhig geworden, er gedachte
der guten Mignon neben dem schönen Felix auf das lebhafteste, er
zeigte seinen Wunsch, die beiden Kinder aus der Lage, in der sie sich
befanden, herauszuziehen.
"Wir wollen damit bald fertig sein", versetzte Lothario. "Das
wunderliche Mädchen übergeben wir Theresen, sie kann unmöglich in
bessere Hände geraten, und was den Knaben betrifft, den, dächt ich,
nähmen Sie selbst zu sich: denn was sogar die Frauen an uns ungebildet
zurücklassen, das bilden die Kinder aus, wenn wir uns mit ihnen
abgeben."
"überhaupt dächte ich", versetzte Jarno, "Sie entsagten kurz und gut
dem Theater, zu dem Sie doch einmal kein Talent haben."
Wilhelm war betroffen; er mußte sich zusammennehmen, denn Jarnos harte
Worte hatten seine Eigenliebe nicht wenig verletzt. "Wenn Sie mich
davon überzeugen", versetzte er mit gezwungenem Lächeln, "so werden
Sie mir einen Dienst erweisen, ob es gleich nur ein trauriger Dienst
ist, wenn man uns aus einem Lieblingstraume aufschüttelt."
"Ohne viel weiter darüber zu reden", versetzte Jarno, "möchte ich Sie
nur antreiben, erst die Kinder zu holen; das übrige wird sich schon
geben."
"Ich bin bereit dazu", versetzte Wilhelm, "ich bin unruhig und
neugierig, ob ich nicht von dem Schicksal des Knaben etwas Näheres
entdecken kann; ich verlange das Mädchen wiederzusehen, das sich mit
so vieler Eigenheit an mich angeschlossen hat."
Man ward einig, daß er bald abreisen sollte.
Den andern Tag hatte er sich dazu vorbereitet, das Pferd war gesattelt,
nur wollte er noch von Lothario Abschied nehmen. Als die Eßzeit
herbeikam, setzte man sich wie gewöhnlich zu Tische, ohne auf den
Hausherrn zu warten; er kam erst spät und setzte sich zu ihnen.
"Ich wollte wetten", sagte Jarno, "Sie haben heute Ihr zärtliches Herz
wieder auf die Probe gestellt, Sie haben der Begierde nicht
widerstehen können, Ihre ehemalige Geliebte wiederzusehen."
"Erraten!" versetzte Lothario.
"Lassen Sie uns hören", sagte Jarno, "wie ist es abgelaufen? Ich bin
äußerst neugierig."
"Ich leugne nicht", versetzte Lothario, "daß mir das Abenteuer mehr
als billig auf dem Herzen lag; ich faßte daher den Entschluß, nochmals
hinzureiten und die Person wirklich zu sehen, deren verjüngtes Bild
mir eine so angenehme Illusion gemacht hatte. Ich stieg schon in
einiger Entfernung vom Hause ab und ließ die Pferde beiseite führen,
um die Kinder nicht zu stören, die vor dem Tore spielten. Ich ging in
das Haus, und von ungefähr kam sie mir entgegen, denn sie war es
selbst, und ich erkannte sie ungeachtet der großen Veränderung wieder.
Sie war stärker geworden und schien größer zu sein; ihre Anmut
blickte durch ein gesetztes Wesen hindurch, und ihre Munterkeit war in
ein stilles Nachdenken übergegangen. Ihr Kopf, den sie sonst so
leicht und frei trug, hing ein wenig gesenkt, und leise Falten waren
über ihre Stirne gezogen.
Sie schlug die Augen nieder, als sie mich sah, aber keine Röte
verkündigte eine innere Bewegung des Herzens. Ich reichte ihr die
Hand, sie gab mir die ihrige; ich fragte nach ihrem Manne, er war
abwesend; nach ihren Kindern, sie trat an die Türe und rief sie herbei,
alle kamen und versammelten sich um sie. Es ist nichts reizender,
als eine Mutter zu sehen mit einem Kinde auf dem Arme, und nichts
ehrwürdiger als eine Mutter unter vielen Kindern. Ich fragte nach den
Namen der Kleinen, um doch nur etwas zu sagen; sie bat mich,
hineinzutreten und auf ihren Vater zu warten. Ich nahm es an; sie
führte mich in die Stube, wo ich beinahe noch alles auf dem alten
Platze fand, und--sonderbar! die schöne Muhme, ihr Ebenbild, saß auf
ebendem Schemel hinter dem Spinnrocken, wo ich meine Geliebte in
ebender Gestalt so oft gefunden hatte. Ein kleines Mädchen, das
seiner Mutter vollkommen glich, war uns nachgefolgt, und so stand ich
in der sonderbarsten Gegenwart, zwischen der Vergangenheit und Zukunft,
wie in einem Orangenwalde, wo in einem kleinen Bezirk Blüten und
Früchte stufenweis nebeneinander leben. Die Muhme ging hinaus, einige
Erfrischung zu holen, ich gab dem ehemals so geliebten Geschöpfe die
Hand und sagte zu ihr: "Ich habe eine rechte Freude, Sie wiederzusehen.
"--"Sie sind sehr gut, mir das zu sagen", versetzte sie; "aber auch
ich kann Ihnen versichern, daß ich eine unaussprechliche Freude habe.
Wie oft habe ich mir gewünscht, Sie nur noch einmal in meinem Leben
wiederzusehen; ich habe es in Augenblicken gewünscht, die ich für
meine letzten hielt." Sie sagte das mit einer gesetzten Stimme, ohne
Rührung, mit jener Natürlichkeit, die mich ehemals so sehr an ihr
entzückte. Die Muhme kam wieder, ihr Vater dazu--und ich überlasse
euch zu denken, mit welchem Herzen ich blieb und mit welchem ich mich
entfernte."
VII. Buch, 8. Kapitel--1
Achtes Kapitel
Wilhelm hatte auf seinem Wege nach der Stadt die edlen weiblichen
Geschöpfe, die er kannte und von denen er gehört hatte, im Sinne; ihre
sonderbaren Schicksale, die wenig Erfreuliches enthielten, waren ihm
schmerzlich gegenwärtig. "Ach!" rief er aus, "arme Mariane! was werde
ich noch von dir erfahren müssen? Und dich, herrliche Amazone, edler
Schutzgeist, dem ich so viel schuldig bin, dem ich überall zu begegnen
hoffe und den ich leider nirgends finde, in welchen traurigen
Umständen treff ich dich vielleicht, wenn du mir einst wieder
begegnest!"
In der Stadt war niemand von seinen Bekannten zu Hause; er eilte auf
das Theater, er glaubte sie in der Probe zu finden; alles war still,
das Haus schien leer, doch sah er einen Laden offen. Als er auf die
Bühne kam, fand er Aureliens alte Dienerin beschäftigt, Leinwand zu
einer neuen Dekoration zusammenzunähen; es fiel nur so viel Licht
herein, als nötig war, ihre Arbeit zu erhellen. Felix und Mignon
saßen neben ihr auf der Erde; beide hielten ein Buch, und indem Mignon
laut las, sagte ihr Felix alle Worte nach, als wenn er die Buchstaben
kennte, als wenn er auch zu lesen verstünde.
Die Kinder sprangen auf und begrüßten den Ankommenden: er umarmte sie
aufs zärtlichste und führte sie näher zu der Alten. "Bist du es",
sagte er zu ihr mit Ernst, "die dieses Kind Aurelien zugeführt hatte?"
Sie sah von ihrer Arbeit auf und wendete ihr Gesicht zu ihm; er sah
sie in vollem Lichte, erschrak, trat einige Schritte zurück; es war
die alte Barbara.
"Wo ist Mariane?" rief er aus. "Weit von hier", versetzte die Alte.
"Und Felix?"
"Ist der Sohn dieses unglücklichen, nur allzu zärtlich liebenden
Mädchens. Möchten Sie niemals empfinden, was Sie uns gekostet haben!
Möchte der Schatz, den ich Ihnen überliefere, Sie so glücklich machen,
als er uns unglücklich gemacht hat!"
Sie stand auf, um wegzugehen. Wilhelm hielt sie fest. "Ich denke
Ihnen nicht zu entlaufen", sagte sie, "lassen Sie mich ein Dokument
holen, das Sie erfreuen und schmerzen wird." Sie entfernte sich, und
Wilhelm sah den Knaben mit einer ängstlichen Freude an; er durfte sich
das Kind noch nicht zueignen. "Er ist dein", rief Mignon, "er ist
dein!" und drückte das Kind an Wilhelms Knie.
Die Alte kam und überreichte ihm einen Brief. "Hier sind Marianens
letzte Worte", sagte sie.
"Sie ist tot!" rief er aus.
"Tot!" sagte die Alte; "möchte ich Ihnen doch alle Vorwürfe ersparen
können."
überrascht und verwirrt erbrach Wilhelm den Brief; er hatte aber kaum
die ersten Worte gelesen, als ihn ein bittrer Schmerz ergriff; er ließ
den Brief fallen, stürzte auf eine Rasenbank und blieb eine Zeitlang
liegen. Mignon bemühte sich um ihn. Indessen hatte Felix den Brief
aufgehoben und zerrte seine Gespielin so lange, bis diese nachgab und
zu ihm kniete und ihm vorlas. Felix wiederholte die Worte, und
Wilhelm war genötigt, sie zweimal zu hören. "Wenn dieses Blatt jemals
zu dir kommt, so bedaure deine unglückliche Geliebte, deine Liebe hat
ihr den Tod gegeben. Der Knabe, dessen Geburt ich nur wenige Tage
überlebe, ist dein; ich sterbe dir treu, sosehr der Schein auch gegen
mich sprechen mag; mit dir verlor ich alles, was mich an das Leben
fesselte. Ich sterbe zufrieden, da man mir versichert, das Kind sei
gesund und werde leben. Höre die alte Barbara, verzeih ihr, leb wohl
und vergiß mich nicht!"
Welch ein schmerzlicher und noch zu seinem Troste halb rätselhafter
Brief! dessen Inhalt ihm erst recht fühlbar ward, da ihn die Kinder
stockend und stammelnd vortrugen und wiederholten.
"Da haben Sie es nun!" rief die Alte, ohne abzuwarten, bis er sich
erholt hatte; "danken Sie dem Himmel, daß nach dem Verluste eines so
guten Mädchens Ihnen noch so ein vortreffliches Kind übrigbleibt.
Nichts wird Ihrem Schmerze gleichen, wenn Sie vernehmen, wie das gute
Mädchen Ihnen bis ans Ende treu geblieben, wie unglücklich sie
geworden ist und was sie Ihnen alles aufgeopfert hat."
"Laß mich den Becher des Jammers und der Freuden", rief Wilhelm aus,
"auf einmal trinken! überzeuge mich, ja überrede mich nur, daß sie ein
gutes Mädchen war, daß sie meine Achtung wie meine Liebe verdiente,
und überlaß mich dann meinen Schmerzen über ihren unersetzlichen
Verlust."
"Es ist jetzt nicht Zeit", versetzte die Alte, "ich habe zu tun und
wünschte nicht, daß man uns beisammen fände. Lassen Sie es ein
Geheimnis sein, daß Felix Ihnen angehört; ich hätte über meine
bisherige Verstellung zuviel Vorwürfe von der Gesellschaft zu erwarten.
Mignon verrät uns nicht, sie ist gut und verschwiegen."
"Ich wußte es lange und sagte nichts", versetzte Mignon. "Wie ist es
möglich?" rief die Alte. "Woher?" fiel Wilhelm ein.
"Der Geist hat mir's gesagt."
"Wie? wo?"
"Im Gewölbe, da der Alte das Messer zog, rief mir's zu: "Rufe seinen
Vater!" und da fielst du mir ein."
"Wer rief denn?"
"Ich weiß nicht, im Herzen, im Kopfe, ich war so angst, ich zitterte,
ich betete, da rief's, und ich verstand's."
Wilhelm drückte sie an sein Herz, empfahl ihr Felix und entfernte sich.
Er bemerkte erst zuletzt, daß sie viel blässer und magerer geworden
war, als er sie verlassen hatte. Madame Melina fand er von seinen
Bekannten zuerst; sie begrüßte ihn aufs freundlichste. "Oh! daß Sie
doch alles", rief sie aus, "bei uns finden möchten, wie Sie wünschten!"
"Ich zweifle daran", sagte Wilhelm, "und erwartete es nicht. Gestehen
Sie es nur, man hat alle Anstalten gemacht, mich entbehren zu können."
"Warum sind Sie auch weggegangen?" versetzte die Freundin.
"Man kann die Erfahrung nicht früh genug machen, wie entbehrlich man
in der Welt ist. Welche wichtige Personen glauben wir zu sein! Wir
denken allein den Kreis zu beleben, in welchem wir wirken; in unserer
Abwesenheit muß, bilden wir uns ein, Leben, Nahrung und Atem stocken,
und die Lücke, die entsteht, wird kaum bemerkt, sie füllt sich so
geschwind wieder aus, ja sie wird oft nur der Platz, wo nicht für
etwas Besseres, doch für etwas Angenehmeres."
"Und die Leiden unserer Freunde bringen wir nicht in Anschlag?"
"Auch unsere Freunde tun wohl, wenn sie sich bald finden, wenn sie
sich sagen: "Da, wo du bist, da, wo du bleibst, wirke, was du kannst,
sei tätig und gefällig, und laß dir die Gegenwart heiter sein"."
Bei näherer Erkundigung fand Wilhelm, was er vermutet hatte: die Oper
war eingerichtet und zog die ganze Aufmerksamkeit des Publikums an
sich. Seine Rollen waren inzwischen durch Laertes und Horatio besetzt
worden, und beide lockten den Zuschauern einen weit lebhaftern Beifall
ab, als er jemals hatte erlangen können.
Laertes trat herein, und Madame Melina rief aus: "Sehn Sie hier diesen
glücklichen Menschen, der bald ein Kapitalist oder Gott weiß was
werden wird!" Wilhelm umarmte ihn und fühlte ein vortrefflich feines
Tuch an seinem Rocke; seine übrige Kleidung war einfach, aber alles
vom besten Zeuge.
"Lösen Sie mir das Rätsel!" rief Wilhelm aus.
"Es ist noch Zeit genug", versetzte Laertes, "um zu erfahren, daß mir
mein Hin- und Herlaufen nunmehr bezahlt wird, daß ein Patron eines
großen Handelshauses von meiner Unruhe, meinen Kenntnissen und
Bekanntschaften Vorteil zieht und mir einen Teil davon abläßt; ich
wollte viel drum geben, wenn ich mir dabei auch Zutrauen gegen die
Weiber ermäkeln könnte: denn es ist eine hübsche Nichte im Hause, und
ich merke wohl, wenn ich wollte, könnte ich bald ein gemachter Mann
sein."
"Sie wissen wohl noch nicht", sagte Madame Melina, "daß sich indessen
auch unter uns eine Heirat gemacht hat? Serlo ist wirklich mit der
schönen Elmire öffentlich getraut, da der Vater ihre heimliche
Vertraulichkeit nicht gutheißen wollte."
So unterhielten sie sich über manches, was sich in seiner Abwesenheit
zugetragen hatte, und er konnte gar wohl bemerken, daß er, dem Geist
und dem Sinne der Gesellschaft nach, wirklich längst verabschiedet war.
Mit Ungeduld erwartete er die Alte, die ihm tief in der Nacht ihren
sonderbaren Besuch angekündigt hatte. Sie wollte kommen, wenn alles
schlief, und verlangte solche Vorbereitungen, eben als wenn das
jüngste Mädchen sich zu einem Geliebten schleichen wollte. Er las
indes Marianens Brief wohl hundertmal durch, las mit unaussprechlichem
Entzücken das Wort Treue von ihrer geliebten Hand und mit Entsetzen
die Ankündigung ihres Todes, dessen Annäherung sie nicht zu fürchten
schien.
Mitternacht war vorbei, als etwas an der halboffnen Türe rauschte und
die Alte mit einem Körbchen hereintrat. "Ich soll Euch", sagte sie,
"die Geschichte unserer Leiden erzählen, und ich muß erwarten, daß Ihr
ungerührt dabeisitzt, daß Ihr nur, um Eure Neugierde zu befriedigen,
mich so sorgsam erwartet und daß Ihr Euch jetzt wie damals in Eure
kalte Eigenliebe hüllet, wenn uns das Herz bricht. Aber seht her! so
brachte ich an jenem glücklichen Abend die Champagnerflasche hervor,
so stellte ich drei Gläser auf den Tisch, und so fingt Ihr an, uns mit
gutmütigen Kindergeschichten zu täuschen und einzuschläfern, wie ich
Euch jetzt mit traurigen Wahrheiten aufklären und wach erhalten muß."
Wilhelm wußte nicht, was er sagen sollte, als die Alte wirklich den
Stöpsel springen ließ und die drei Gläser vollschenkte.
"Trinkt!" rief sie, nachdem sie ihr schäumendes Glas schnell
ausgeleert hatte, "trinkt, eh der Geist verraucht! Dieses dritte Glas
soll zum Andenken meiner unglücklichen Freundin ungenossen verschäumen.
Wie rot waren ihre Lippen, als sie Euch damals Bescheid tat! Ach!
und nun auf ewig verblaßt und erstarrt!"
"Sibylle! Furie!" rief Wilhelm aus, indem er aufsprang und mit der
Faust auf den Tisch schlug, "welch ein böser Geist besitzt und treibt
dich? Für wen hältst du mich, daß du denkst, die einfachste
Geschichte von Marianens Tod und Leiden werde mich nicht empfindlich
genug kränken, daß du noch solche höllische Kunstgriffe brauchst, um
meine Marter zu schärfen? Geht deine unersättliche Völlerei so weit,
daß du beim Totenmahle schwelgen mußt, so trink und rede! Ich habe
dich von jeher verabscheut, und noch kann ich mir Marianen nicht
unschuldig denken, wenn ich dich, ihre Gesellschafterin, nur ansehe."
"Gemach, mein Herr!" versetzte die Alte, "Sie werden mich nicht aus
meiner Fassung bringen. Sie sind uns noch sehr verschuldet, und von
einem Schuldner läßt man sich nicht übel begegnen. Aber Sie haben
recht, auch meine einfachste Erzählung ist Strafe genug für Sie. So
hören Sie denn den Kampf und den Sieg Marianens, um die Ihrige zu
bleiben."
"Die Meinige?" rief Wilhelm aus, "welch ein Märchen willst du
beginnen?"
"Unterbrechen Sie mich nicht", fiel sie ein, "hören Sie mich, und dann
glauben Sie, was Sie wollen, es ist ohnedies jetzt ganz einerlei.
Haben Sie nicht am letzten Abend, als Sie bei uns waren, ein Billett
gefunden und mitgenommen?"
"Ich fand das Blatt erst, als ich es mitgenommen hatte; es war in das
Halstuch verwickelt, das ich aus inbrünstiger Liebe ergriff und zu mir
steckte."
"Was enthielt das Papier?"
"Die Aussichten eines verdrießlichen Liebhabers, in der nächsten Nacht
besser als gestern aufgenommen zu werden. Und daß man ihm Wort
gehalten hat, habe ich mit eignen Augen gesehen, denn er schlich früh
vor Tage aus eurem Hause hinweg."
"Sie können ihn gesehen haben; aber was bei uns vorging, wie traurig
Mariane diese Nacht, wie verdrießlich ich sie zubrachte, das werden
Sie erst jetzt erfahren. Ich will ganz aufrichtig sein, weder leugnen
noch beschönigen, daß ich Marianen beredete, sich einem gewissen
Norberg zu ergeben; sie folgte, ja ich kann sagen, sie gehorchte mir
mit Widerwillen. Er war reich, er schien verliebt, und ich hoffte, er
werde beständig sein. Gleich darauf mußte er eine Reise machen, und
Mariane lernte Sie kennen. Was hatte ich da nicht auszustehen! was zu
hindern! was zu erdulden! "Oh!" rief sie manchmal, "hättest du meiner
Jugend, meiner Unschuld nur noch vier Wochen geschont, so hätte ich
einen würdigen Gegenstand meiner Liebe gefunden, ich wäre seiner
würdig gewesen, und die Liebe hätte das mit einem ruhigen Bewußtsein
geben dürfen, was ich jetzt wider Willen verkauft habe." Sie überließ
sich ganz ihrer Neigung, und ich darf nicht fragen, ob Sie glücklich
waren. Ich hatte eine uneingeschränkte Gewalt über ihren Verstand,
denn ich kannte alle Mittel, ihre kleinen Neigungen zu befriedigen;
ich hatte keine Macht über ihr Herz, denn niemals billigte sie, was
ich für sie tat, wozu ich sie bewegte, wenn ihr Herz widersprach: nur
der unbezwinglichen Not gab sie nach, und die Not erschien ihr bald
sehr drückend. In den ersten Zeiten ihrer Jugend hatte es ihr an
nichts gemangelt; ihre Familie verlor durch eine Verwickelung von
Umständen ihr Vermögen, das arme Mädchen war an mancherlei Bedürfnisse
gewöhnt, und ihrem kleinen Gemüt waren gewisse gute Grundsätze
eingeprägt, die sie unruhig machten, ohne ihr viel zu helfen. Sie
hatte nicht die mindeste Gewandtheit in weltlichen Dingen, sie war
unschuldig im eigentlichen Sinne; sie hatte keinen Begriff, daß man
kaufen könne, ohne zu bezahlen; vor nichts war ihr mehr bange, als
wenn sie schuldig war; sie hätte immer lieber gegeben als genommen,
und nur eine solche Lage machte es möglich, daß sie genötigt ward,
sich selbst hinzugeben, um eine Menge kleiner Schulden loszuwerden."
VII. Buch, 8. Kapitel--2
"Und hättest du", fuhr Wilhelm auf, "sie nicht retten können?"
"O ja", versetzte die Alte, "mit Hunger und Not, mit Kummer und
Entbehrung, und darauf war ich niemals eingerichtet."
"Abscheuliche, niederträchtige Kupplerin! so hast du das unglückliche
Geschöpf geopfert? so hast du sie deiner Kehle, deinem unersättlichen
Heißhunger hingegeben?"
"Ihr tätet besser, Euch zu mäßigen und mit Schimpfreden innezuhalten",
versetzte die Alte. "Wenn Ihr schimpfen wollt, so geht in Eure großen,
vornehmen Häuser, da werdet Ihr Mütter finden, die recht ängstlich
besorgt sind, wie sie für ein liebenswürdiges, himmlisches Mädchen den
allerabscheulichsten Menschen auffinden wollen, wenn er nur zugleich
der reichste ist. Seht das arme Geschöpf vor seinem Schicksale
zittern und beben und nirgends Trost finden, als bis ihr irgendeine
erfahrne Freundin begreiflich macht, daß sie durch den Ehestand das
Recht erwerbe, über ihr Herz und ihre Person nach Gefallen disponieren
zu können."
"Schweig!" rief Wilhelm, "glaubst du denn, daß ein Verbrechen durch
das andere entschuldigt werden könne? Erzähle, ohne weitere
Anmerkungen zu machen!"
"So hören Sie, ohne mich zu tadeln! Mariane ward wider meinen Willen
die Ihre. Bei diesem Abenteuer habe ich mir wenigstens nichts
vorzuwerfen. Norberg kam zurück, er eilte, Marianen zu sehen, die ihn
kalt und verdrießlich aufnahm und ihm nicht einen Kuß erlaubte. Ich
brauchte meine ganze Kunst, um ihr Betragen zu entschuldigen; ich ließ
ihn merken, daß ein Beichtvater ihr das Gewissen geschärft habe und
daß man ein Gewissen, solange es spricht, respektieren müsse. Ich
brachte ihn dahin, daß er ging, und versprach ihm, mein Bestes zu tun.
Er war reich und roh, aber er hatte einen Grund von Gutmütigkeit und
liebte Marianen auf das äußerste. Er versprach mir Geduld, und ich
arbeitete desto lebhafter, um ihn nicht zu sehr zu prüfen. Ich hatte
mit Marianen einen harten Stand; ich überredete sie, ja ich kann sagen,
ich zwang sie endlich durch die Drohung, daß ich sie verlassen würde,
an ihren Liebhaber zu schreiben und ihn auf die Nacht einzuladen. Sie
kamen und rafften zufälligerweise seine Antwort in dem Halstuch auf.
Ihre unvermutete Gegenwart hatte mir ein böses Spiel gemacht. Kaum
waren Sie weg, so ging die Qual von neuem an; sie schwur, daß sie
Ihnen nicht untreu werden könne, und war so leidenschaftlich, so außer
sich, daß sie mir ein herzliches Mitleid ablockte. Ich versprach ihr
endlich, daß ich auch diese Nacht Norbergen beruhigen und ihn unter
allerlei Vorwänden entfernen wollte; ich bat sie, zu Bette zu gehen,
allein sie schien mir nicht zu trauen: sie blieb angezogen und schlief
zuletzt, bewegt und ausgeweint, wie sie war, in ihren Kleidern ein.
Norberg kam; ich suchte ihn abzuhalten, ich stellte ihm ihre
Gewissensbisse, ihre Reue mit den schwärzesten Farben vor; er wünschte
sie nur zu sehen, und ich ging in das Zimmer, um sie vorzubereiten; er
schritt mir nach, und wir traten beide zu gleicher Zeit vor ihr Bette.
Sie erwachte, sprang mit Wut auf und entriß sich unsern Armen; sie
beschwur und bat, sie flehte, drohte und versicherte, daß sie nicht
nachgeben würde. Sie war unvorsichtig genug, über ihre wahre
Leidenschaft einige Worte fallenzulassen, die der arme Norberg im
geistlichen Sinne deuten mußte. Endlich verließ er sie, und sie
schloß sich ein. Ich behielt ihn noch lange bei mir und sprach mit
ihm über ihren Zustand, daß sie guter Hoffnung sei und daß man das
arme Mädchen schonen müsse. Er fühlte sich so stolz auf seine
Vaterschaft, er freute sich so sehr auf einen Knaben, daß er alles
einging, was sie von ihm verlangte, und daß er versprach, lieber
einige Zeit zu verreisen, als seine Geliebte zu ängstigen und ihr
durch diese Gemütsbewegungen zu schaden. Mit diesen Gesinnungen
schlich er morgens früh von mir weg, und Sie, mein Herr, wenn Sie
Schildwache gestanden haben, so hätte es zu Ihrer Glückseligkeit
nichts weiter bedurft, als in den Busen Ihres Nebenbuhlers zu sehen,
den Sie so begünstigt, so glücklich hielten und dessen Erscheinung Sie
zur Verzweiflung brachte."
"Redest du wahr?" sagte Wilhelm.
"So wahr", sagte die Alte, "als ich noch hoffe, Sie zur Verzweiflung
zu bringen.
Ja gewiß, Sie würden verzweifeln, wenn ich Ihnen das Bild unsers
nächsten Morgens recht lebhaft darstellen könnte. Wie heiter wachte
sie auf! wie freundlich rief sie mich herein! wie lebhaft dankte sie
mir! wie herzlich drückte sie mich an ihren Busen! "Nun", sagte sie,
indem sie lächelnd vor den Spiegel trat, "darf ich mich wieder an mir
selbst, mich an meiner Gestalt freuen, da ich wieder mir, da ich
meinem einzig geliebten Freund angehöre. Wie ist es so süß,
überwunden zu haben! welch eine himmlische Empfindung ist es, seinem
Herzen zu folgen! Wie dank ich dir, daß du dich meiner angenommen,
daß du deine Klugheit, deinen Verstand auch einmal zu meinem Vorteil
angewendet hast! Steh mir bei, und ersinne, was mich ganz glücklich
machen kann!"
Ich gab ihr nach, ich wollte sie nicht reizen, ich schmeichelte ihrer
Hoffnung, und sie liebkoste mich auf das anmutigste. Entfernte sie
sich einen Augenblick vom Fenster, so mußte ich Wache stehen: denn Sie
sollten nun ein für allemal vorbeigehen, man wollte Sie wenigstens
sehen; so ging der ganze Tag unruhig hin. Nachts zur gewöhnlichen
Stunde erwarteten wir Sie ganz gewiß. Ich paßte schon an der Treppe,
die Zeit ward mir lang, ich ging wieder zu ihr hinein. Ich fand sie
zu meiner Verwunderung in ihrer Offizierstracht, sie sah unglaublich
heiter und reizend aus. "Verdien ich nicht", sagte sie, "heute in
Mannstracht zu erscheinen? Habe ich mich nicht brav gehalten? Mein
Geliebter soll mich heute wie das erstemal sehen, ich will ihn so
zärtlich und mit mehr Freiheit an mein Herz drücken als damals: denn
bin ich jetzt nicht viel mehr die Seine als damals, da mich ein edler
Entschluß noch nicht frei gemacht hatte? Aber", fügte sie nach
einigem Nachdenken hinzu, "noch hab ich nicht ganz gewonnen, noch muß
ich erst das äußerste wagen, um seiner wert, um seines Besitzes gewiß
zu sein; ich muß ihm alles entdecken, meinen ganzen Zustand offenbaren
und ihm alsdann überlassen, ob er mich behalten oder verstoßen will.
Diese Szene bereite ich ihm, bereite ich mir zu; und wäre sein Gefühl
mich zu verstoßen fähig, so würde ich alsdann ganz wieder mir selbst
angehören, ich würde in meiner Strafe meinen Trost finden und alles
erdulden, was das Schicksal mir auferlegen wollte."
Mit diesen Gesinnungen, mit diesen Hoffnungen, mein Herr, erwartete
Sie das liebenswürdige Mädchen; Sie kamen nicht. Oh! wie soll ich den
Zustand des Wartens und Hoffens beschreiben? Ich sehe dich noch vor
mir, mit welcher Liebe, mit welcher Inbrunst du von dem Manne sprachst,
dessen Grausamkeit du noch nicht erfahren hattest!"
"Gute, liebe Barbara!" rief Wilhelm, indem er aufsprang und die Alte
bei der Hand faßte, "es ist nun genug der Verstellung, genug der
Vorbereitung! Dein gleichgültiger, dein ruhiger, dein zufriedner Ton
hat dich verraten. Gib mir Marianen wieder! Sie lebt, sie ist in der
Nähe. Nicht umsonst hast du diese späte, einsame Stunde zu deinem
Besuche gewählt, nicht umsonst hast du mich durch diese entzückende
Erzählung vorbereitet. Wo hast du sie? Wo verbirgst du sie? Ich
glaube dir alles, ich verspreche dir alles zu glauben, wenn du mir sie
zeigst, wenn du sie meinen Armen wiedergibst. Ihren Schatten habe ich
schon im Fluge gesehen, laß mich sie wieder in meine Arme fassen! Ich
will vor ihr auf den Knien liegen, ich will sie um Vergebung bitten,
ich will ihr zu ihrem Kampfe, zu ihrem Siege über sich und dich Glück
wünschen, ich will ihr meinen Felix zuführen. Komm! Wo hast du sie
versteckt? Laß sie, laß mich nicht länger in Ungewißheit! Dein
Endzweck ist erreicht. Wo hast du sie verborgen? Komm, daß ich sie
mit diesem Licht beleuchte! daß ich wieder ihr holdes Angesicht sehe!"
Er hatte die Alte vom Stuhl aufgezogen, sie sah ihn starr an, die
Tränen stürzten ihr aus den Augen, und ein ungeheurer Schmerz ergriff
sie. "Welch ein unglücklicher Irrtum", rief sie aus, "läßt Sie noch
einen Augenblick hoffen!--Ja, ich habe sie verborgen, aber unter die
Erde; weder das Licht der Sonne noch eine vertrauliche Kerze wird ihr
holdes Angesicht jemals wieder erleuchten. Führen Sie den guten Felix
an ihr Grab, und sagen Sie ihm: "Da liegt deine Mutter, die dein Vater
ungehört verdammt hat." Das liebe Herz schlägt nicht mehr vor
Ungeduld, Sie zu sehen, nicht etwa in einer benachbarten Kammer wartet
sie auf den Ausgang meiner Erzählung oder meines Märchens; die dunkle
Kammer hat sie aufgenommen, wohin kein Bräutigam folgt, woraus man
keinem Geliebten entgegengeht."
Sie warf sich auf die Erde an einem Stuhle nieder und weinte
bitterlich; Wilhelm war zum erstenmal völlig überzeugt, daß Mariane
tot sei; er befand sich in einem traurigen Zustande. Die Alte
richtete sich auf. "Ich habe Ihnen weiter nichts zu sagen", rief sie
und warf ein Paket auf den Tisch. "Hier diese Briefschaften mögen
völlig Ihre Grausamkeit beschämen; lesen Sie diese Blätter mit
trocknen Augen durch, wenn es Ihnen möglich ist." Sie schlich leise
fort, und Wilhelm hatte diese Nacht das Herz nicht, die Brieftasche zu
öffnen, er hatte sie selbst Marianen geschenkt, er wußte, daß sie
jedes Blättchen, das sie von ihm erhalten hatte, sorgfältig darin
aufhob. Den andern Morgen vermochte er es über sich; er löste das
Band, und es fielen ihm kleine Zettelchen, mit Bleistift von seiner
eigenen Hand geschrieben, entgegen und riefen ihm jede Situation von
dem ersten Tage ihrer anmutigen Bekanntschaft bis zu dem letzten ihrer
grausamen Trennung wieder herbei. Allein nicht ohne die lebhaftesten
Schmerzen durchlas er eine kleine Sammlung von Billetten, die an ihn
geschrieben waren und die, wie er aus dem Inhalt sah, von Wernern
waren zurückgewiesen worden.
"Keines meiner Blätter hat bis zu dir durchdringen können, mein Bitten
und Flehen hat dich nicht erreicht; hast du selbst diese grausamen
Befehle gegeben? Soll ich dich nie wiedersehen? Noch einmal versuch
ich es, ich bitte dich: komm, o komm! ich verlange dich nicht zu
behalten, wenn ich dich nur noch einmal an mein Herz drücken kann."
"Wenn ich sonst bei dir saß, deine Hände hielt, dir in die Augen sah
und mit vollem Herzen der Liebe und des Zutrauens zu dir sagte:
"Lieber, lieber, guter Mann!" das hörtest du so gern, ich mußt es dir
so oft wiederholen, ich wiederhole es noch einmal--Lieber, lieber,
guter Mann! sei gut, wie du warst, komm und laß mich nicht in meinem
Elende verderben!"
"Du hältst mich für schuldig, ich bin es auch, aber nicht, wie du
denkst. Komm, damit ich nur den einzigen Trost habe, von dir ganz
gekannt zu sein, es gehe mir nachher, wie es wolle."
"Nicht um meinetwillen allein, auch um dein selbst willen fleh ich
dich an zu kommen. Ich fühle die unerträglichen Schmerzen, die du
leidest, indem du mich fliehst; komm, daß unsere Trennung weniger
grausam werde! Ich war vielleicht nie deiner würdig als eben in dem
Augenblick, da du mich in ein grenzenloses Elend zurückstößest."
"Bei allem, was heilig ist, bei allem, was ein menschliches Herz
rühren kann, ruf ich dich an! Es ist um eine Seele, es ist um ein
Leben zu tun, um zwei Leben, von denen dir eins ewig teuer sein muß.
Dein Argwohn wird auch das nicht glauben, und doch werde ich es in der
Stunde des Todes aussprechen: das Kind, das ich unter dem Herzen trage,
ist dein. Seitdem ich dich liebe, hat kein anderer mir auch nur die
Hand gedrückt; o daß deine Liebe, daß deine Rechtschaffenheit die
Gefährten meiner Jugend gewesen wären!"
"Du willst mich nicht hören? So muß ich denn zuletzt wohl verstummen,
aber diese Blätter sollen nicht untergehen, vielleicht können sie noch
zu dir sprechen, wenn das Leichentuch schon meine Lippe bedeckt und
wenn die Stimme deiner Reue nicht mehr zu meinem Ohre reichen kann.
Durch mein trauriges Leben bis an den letzten Augenblick wird das mein
einziger Trost sein: daß ich ohne Schuld gegen dich war, wenn ich mich
auch nicht unschuldig nennen durfte."
Wilhelm konnte nicht weiter; er überließ sich ganz seinem Schmerz,
aber noch mehr war er bedrängt, als Laertes hereintrat, dem er seine
Empfindungen zu verbergen suchte. Dieser brachte einen Beutel mit
Dukaten hervor, zählte und rechnete und versicherte Wilhelmen: es sei
nichts Schöneres in der Welt, als wenn man eben auf dem Wege sei,
reich zu werden; es könne uns auch alsdann nichts stören oder abhalten.
Wilhelm erinnerte sich seines Traums und lächelte; aber zugleich
gedachte er auch mit Schaudern: daß in jenem Traumgesichte Mariane ihn
verlassen, um seinem verstorbenen Vater zu folgen, und daß beide
zuletzt wie Geister schwebend sich um den Garten bewegt hatten.
Laertes riß ihn aus seinem Nachdenken und führte ihn auf ein
Kaffeehaus, wo sich sogleich mehrere Personen um ihn versammelten, die
ihn sonst gern auf dem Theater gesehen hatten; sie freuten sich seiner
Gegenwart, bedauerten aber, daß er, wie sie hörten, die Bühne
verlassen wolle; sie sprachen so bestimmt und vernünftig von ihm und
seinem Spiele, von dem Grade seines Talents, von ihren Hoffnungen, daß
Wilhelm nicht ohne Rührung zuletzt ausrief: "O wie unendlich wert wäre
mir diese Teilnahme vor wenig Monaten gewesen! Wie belehrend und wie
erfreuend! Niemals hätte ich mein Gemüt so ganz von der Bühne
abgewendet, und niemals wäre ich so weit gekommen, am Publiko zu
verzweifeln."
"Dazu sollte es überhaupt nicht kommen", sagte ein ältlicher Mann, der
hervortrat; "das Publikum ist groß, wahrer Verstand und wahres Gefühl
sind nicht so selten, als man glaubt; nur muß der Künstler niemals
einen unbedingten Beifall für das, was er hervorbringt, verlangen:
denn eben der unbedingte ist am wenigsten wert, und den bedingten
wollen die Herren nicht gerne. Ich weiß wohl, im Leben wie in der
Kunst muß man mit sich zu Rate gehen, wenn man etwas tun und
hervorbringen soll; wenn es aber getan und vollendet ist, so darf man
mit Aufmerksamkeit nur viele hören, und man kann sich mit einiger
übung aus diesen vielen Stimmen gar bald ein ganzes Urteil
zusammensetzen: denn diejenigen, die uns diese Mühe ersparen könnten,
halten sich meist stille genug."
"Das sollten sie eben nicht", sagte Wilhelm. "Ich habe so oft gehört,
daß Menschen, die selbst über gute Werke schwiegen, doch beklagten und
bedauerten, daß geschwiegen wird."
"So wollen wir heute laut werden", rief ein junger Mann, "Sie müssen
mit uns speisen, und wir wollen alles einholen, was wir Ihnen und
manchmal der guten Aurelie schuldig geblieben sind."
Wilhelm lehnte die Einladung ab und begab sich zu Madame Melina, die
er wegen der Kinder sprechen wollte, indem er sie von ihr wegzunehmen
gedachte.
VII. Buch, 8. Kapitel--3
Das Geheimnis der Alten war nicht zum besten bei ihm verwahrt. Er
verriet sich, als er den schönen Felix wieder ansichtig ward. "O mein
Kind!" rief er aus, "mein liebes Kind!" Er hub ihn auf und drückte
ihn an sein Herz. "Vater! was hast du mir mitgebracht?" rief das Kind.
Mignon sah beide an, als wenn sie warnen wollte, sich nicht zu
verraten.
"Was ist das für eine neue Erscheinung?" sagte Madame Melina. Man
suchte die Kinder beiseite zu bringen, und Wilhelm, der der Alten das
strengste Geheimnis nicht schuldig zu sein glaubte, entdeckte seiner
Freundin das ganze Verhältnis. Madame Melina sah ihn lächelnd an. "O
über die leichtgläubigen Männer!" rief sie aus, "wenn nur etwas auf
ihrem Wege ist, so kann man es ihnen sehr leicht aufbürden; aber dafür
sehen sie sich auch ein andermal weder rechts noch links um und wissen
nichts zu schätzen, als was sie vorher mit dem Stempel einer
willkürlichen Leidenschaft bezeichnet haben." Sie konnte einen
Seufzer nicht unterdrücken, und wenn Wilhelm nicht ganz blind gewesen
wäre, so hätte er eine nie ganz besiegte Neigung in ihrem Betragen
erkennen müssen.
Er sprach nunmehr mit ihr von den Kindern, wie er Felix bei sich zu
behalten und Mignon auf das Land zu tun gedächte. Frau Melina, ob sie
sich gleich ungerne von beiden zugleich trennte, fand doch den
Vorschlag gut, ja notwendig. Felix verwilderte bei ihr, und Mignon
schien einer freien Luft und anderer Verhältnisse zu bedürfen; das
gute Kind war kränklich und konnte sich nicht erholen.
"Lassen Sie sich nicht irren", fuhr Madame Melina fort, "daß ich
einige Zweifel, ob Ihnen der Knabe wirklich zugehöre, leichtsinnig
geäußert habe. Der Alten ist freilich wenig zu trauen, doch wer
Unwahrheit zu seinem Nutzen ersinnt, kann auch einmal wahr reden, wenn
ihm die Wahrheiten nützlich scheinen. Aurelien hatte die Alte
vorgespiegelt, Felix sei ein Sohn Lotharios, und die Eigenheit haben
wir Weiber, daß wir die Kinder unserer Liebhaber recht herzlich lieben,
wenn wir schon die Mutter nicht kennen oder sie von Herzen hassen."
Felix kam hereingesprungen, sie drückte ihn an sich, mit einer
Lebhaftigkeit, die ihr sonst nicht gewöhnlich war.
Wilhelm eilte nach Hause und bestellte die Alte, die ihn, jedoch nicht
eher als in der Dämmerung, zu besuchen versprach; er empfing sie
verdrießlich und sagte zu ihr: "Es ist nichts Schändlichers in der
Welt, als sich auf Lügen und Märchen einzurichten! Schon hast du viel
Böses damit gestiftet, und jetzt, da dein Wort das Glück meines Lebens
entscheiden könnte, jetzt steh ich zweifelhaft und wage nicht, das
Kind in meine Arme zu schließen, dessen ungetrübter Besitz mich
äußerst glücklich machen würde. Ich kann dich, schändliche Kreatur,
nicht ohne Haß und Verachtung ansehen."
"Euer Betragen kommt mir, wenn ich aufrichtig reden soll", versetzte
die Alte, "ganz unerträglich vor. Und wenn's nun Euer Sohn nicht wäre,
so ist es das schönste, angenehmste Kind von der Welt, das man gern
für jeden Preis kaufen möchte, um es nur immer um sich zu haben. Ist
es nicht wert, daß Ihr Euch seiner annehmt? Verdiene ich für meine
Sorgfalt, für meine Mühe mit ihm nicht einen kleinen Unterhalt für
mein künftiges Leben? Oh! ihr Herren, denen nichts abgeht, ihr habt
gut von Wahrheit und Geradheit reden; aber wie eine arme Kreatur,
deren geringstem Bedürfnis nichts entgegenkommt, die in ihren
Verlegenheiten keinen Freund, keinen Rat, keine Hülfe sieht, wie die
sich durch die selbstischen Menschen durchdrücken und im stillen
darben muß--davon würde manches zu sagen sein, wenn ihr hören wolltet
und könntet. Haben Sie Marianens Briefe gelesen? Es sind dieselben,
die sie zu jener unglücklichen Zeit schrieb. Vergebens suchte ich
mich Ihnen zu nähern, vergebens Ihnen diese Blätter zuzustellen; Ihr
grausamer Schwager hatte Sie so umlagert, daß alle List und Klugheit
vergebens war, und zuletzt, als er mir und Marianen mit dem Gefängnis
drohte, mußte ich wohl alle Hoffnung aufgeben. Trifft nicht alles mit
dem überein, was ich erzählt habe? Und setzt nicht Norbergs Brief die
ganze Geschichte außer allen Zweifel?"
"Was für ein Brief?" fragte Wilhelm.
"Haben Sie ihn nicht in der Brieftasche gefunden?" versetzte die Alte.
"Ich habe noch nicht alles durchlesen."
"Geben Sie nur die Brieftasche her; auf dieses Dokument kommt alles an.
Norbergs unglückliches Billett hat die traurige Verwirrung gemacht,
ein anderes von seiner Hand mag auch den Knoten lösen, insofern am
Faden noch etwas gelegen ist." Sie nahm ein Blatt aus der Brieftasche,
Wilhelm erkannte jene verhaßte Hand, er nahm sich zusammen und las:
"Sag mir nur, Mädchen, wie vermagst du das über mich? Hätt ich doch
nicht geglaubt, daß eine Göttin selbst mich zum seufzenden Liebhaber
umschaffen könnte. Anstatt mir mit offenen Armen entgegenzueilen,
ziehst du dich zurück; man hätte es wahrhaftig für Abscheu nehmen
können, wie du dich betrugst. Ist's erlaubt, daß ich die Nacht mit
der alten Barbara auf einem Koffer in einer Kammer zubringen mußte?
Und mein geliebtes Mädchen war nur zwei Türen davon. Es ist zu toll,
sag ich dir! Ich habe versprochen, dir einige Bedenkzeit zu lassen,
nicht gleich in dich zu dringen, und ich möchte rasend werden über
jede verlorne Viertelstunde. Habe ich dir nicht geschenkt, was ich
wußte und konnte? Zweifelst du noch an meiner Liebe? Was willst du
haben? sag es mir! Es soll dir an nichts fehlen. Ich wollte, der
Pfaffe müßte verstummen und verblinden, der dir solches Zeug in den
Kopf gesetzt hat. Mußtest du auch gerade an so einen kommen! Es gibt
so viele, die jungen Leuten etwas nachzusehen wissen. Genug, ich sage
dir, es muß anders werden, in ein paar Tagen muß ich Antwort wissen,
denn ich gehe bald wieder weg, und wenn du nicht wieder freundlich und
gefällig bist, so sollst du mich nicht wiedersehen..."
In dieser Art ging der Brief noch lange fort, drehte sich zu Wilhelms
schmerzlicher Zufriedenheit immer um denselben Punkt herum und zeugte
für die Wahrheit der Geschichte, die er von Barbara vernommen hatte.
Ein zweites Blatt bewies deutlich, daß Mariane auch in der Folge nicht
nachgegeben hatte, und Wilhelm vernahm aus diesen und mehreren
Papieren nicht ohne tiefen Schmerz die Geschichte des unglücklichen
Mädchens bis zur Stunde ihres Todes.
Die Alte hatte den rohen Menschen nach und nach zahm gemacht, indem
sie ihm den Tod Marianens meldete und ihm den Glauben ließ, als wenn
Felix sein Sohn sei; er hatte ihr einigemal Geld geschickt, das sie
aber für sich behielt, da sie Aurelien die Sorge für des Kindes
Erziehung aufgeschwatzt hatte. Aber leider dauerte dieser heimliche
Erwerb nicht lange. Norberg hatte durch ein wildes Leben den größten
Teil seines Vermögens verzehrt und wiederholte Liebesgeschichten sein
Herz gegen seinen ersten, eingebildeten Sohn verhärtet.
So wahrscheinlich das alles lautete und so schön es zusammentraf,
traute Wilhelm doch noch nicht, sich der Freude zu überlassen; er
schien sich vor einem Geschenke zu fürchten, das ihm ein böser Genius
darreichte.
"Ihre Zweifelsucht", sagte die Alte, die seine Gemütsstimmung erriet,
"kann nur die Zeit heilen. Sehen Sie das Kind als ein fremdes an, und
geben Sie desto genauer auf ihn acht, bemerken Sie seine Gaben, seine
Natur, seine Fähigkeiten, und wenn Sie nicht nach und nach sich selbst
wiedererkennen, so müssen Sie schlechte Augen haben. Denn das
versichre ich Sie, wenn ich ein Mann wäre, mir sollte niemand ein Kind
unterschieben; aber es ist ein Glück für die Weiber, daß die Männer in
diesen Fällen nicht so scharfsichtig sind."
Nach allem diesen setzte sich Wilhelm mit der Alten auseinander; er
wollte den Felix mit sich nehmen, sie sollte Mignon zu Theresen
bringen und hernach eine kleine Pension, die er ihr versprach, wo sie
wollte, verzehren.
Er ließ Mignon rufen, um sie auf diese Veränderung vorzubereiten.
"Meister!" sagte sie, "behalte mich bei dir, es wird mir wohltun und
weh."
Er stellte ihr vor, daß sie nun herangewachsen sei und daß doch etwas
für ihre weitere Bildung getan werden müsse. "Ich bin gebildet genug",
versetzte sie, "um zu lieben und zu trauern."
Er machte sie auf ihre Gesundheit aufmerksam, daß sie eine anhaltende
Sorgfalt und die Leitung eines geschickten Arztes bedürfe. "Warum
soll man für mich sorgen", sagte sie, "da so viel zu sorgen ist?"
Nachdem er sich viele Mühe gegeben, sie zu überzeugen, daß er sie
jetzt nicht mit sich nehmen könne, daß er sie zu Personen bringen
wolle, wo er sie öfters sehen werde, schien sie von alledem nichts
gehört zu haben. "Du willst mich nicht bei dir?" sagte sie.
"Vielleicht ist es besser, schicke mich zum alten Harfenspieler, der
arme Mann ist so allein."
Wilhelm suchte ihr begreiflich zu machen, daß der Alte gut aufgehoben
sei. "Ich sehne mich jede Stunde nach ihm", versetzte das Kind.
"Ich habe aber nicht bemerkt", sagte Wilhelm, "daß du ihm so geneigt
seist, als er noch mit uns lebte."
"Ich fürchtete mich vor ihm, wenn er wachte; ich konnte nur seine
Augen nicht sehen, aber wenn er schlief, setzte ich mich gern zu ihm,
ich wehrte ihm die Fliegen und konnte mich nicht satt an ihm sehen.
Oh! er hat mir in schrecklichen Augenblicken beigestanden, es weiß
niemand, was ich ihm schuldig bin. Hätt ich nur den Weg gewußt, ich
wäre schon zu ihm gelaufen."
Wilhelm stellte ihr die Umstände weitläufig vor und sagte: sie sei so
ein vernünftiges Kind, sie möchte doch auch diesmal seinen Wünschen
folgen. "Die Vernunft ist grausam", versetzte sie, "das Herz ist
besser. Ich will hingehen, wohin du willst, aber laß mir deinen Felix!"
Nach vielem Hin- und Widerreden war sie immer auf ihrem Sinne
geblieben, und Wilhelm mußte sich zuletzt entschließen, die beiden
Kinder der Alten zu übergeben und sie zusammen an Fräulein Therese zu
schicken. Es ward ihm das um so leichter, als er sich noch immer
fürchtete, den schönen Felix sich als seinen Sohn zuzueignen. Er nahm
ihn auf den Arm und trug ihn herum; das Kind mochte gern vor den
Spiegel gehoben sein, und ohne sich es zu gestehen, trug Wilhelm ihn
gern vor den Spiegel und suchte dort ähnlichkeiten zwischen sich und
dem Kinde auszuspähen. Ward es ihm dann einen Augenblick recht
wahrscheinlich, so drückte er den Knaben an seine Brust, aber auf
einmal, erschreckt durch den Gedanken, daß er sich betriegen könne,
setzte er das Kind nieder und ließ es hinlaufen. "Oh!" rief er aus,
"wenn ich mir dieses unschätzbare Gut zueignen könnte und es würde mir
dann entrissen, so wäre ich der unglücklichste aller Menschen!"
Die Kinder waren weggefahren, und Wilhelm wollte nun seinen förmlichen
Abschied vom Theater nehmen, als er fühlte, daß er schon abgeschieden
sei und nur zu gehen brauchte. Mariane war nicht mehr, seine zwei
Schutzgeister hatten sich entfernt, und seine Gedanken eilten ihnen
nach. Der schöne Knabe schwebte wie eine reizende ungewisse
Erscheinung vor seiner Einbildungskraft, er sah ihn an Theresens Hand
durch Felder und Wälder laufen, in der freien Luft und neben einer
freien und heitern Begleiterin sich bilden; Therese war ihm noch viel
werter geworden, seitdem er das Kind in ihrer Gesellschaft dachte.
Selbst als Zuschauer im Theater erinnerte er sich ihrer mit Lächeln;
beinahe war er in ihrem Falle, die Vorstellungen machten ihm keine
Illusion mehr.
Serlo und Melina waren äußerst höflich gegen ihn, sobald sie merkten,
daß er an seinen vorigen Platz keinen weitern Anspruch machte. Ein
Teil des Publikums wünschte ihn nochmals auftreten zu sehen; es wäre
ihm unmöglich gewesen, und bei der Gesellschaft wünschte es niemand
als allenfalls Frau Melina.
Er nahm nun wirklich Abschied von dieser Freundin, er war gerührt und
sagte: "Wenn doch der Mensch sich nicht vermessen wollte, irgend etwas
für die Zukunft zu versprechen! Das Geringste vermag er nicht zu
halten, geschweige wenn sein Vorsatz von Bedeutung ist. Wie schäme
ich mich, wenn ich denke, was ich Ihnen allen zusammen in jener
unglücklichen Nacht versprach, da wir beraubt, krank, verletzt und
verwundet in eine elende Schenke zusammengedrängt waren. Wie erhöhte
damals das Unglück meinen Mut, und welchen Schatz glaubte ich in
meinem guten Willen zu finden; nun ist aus allem dem nichts, gar
nichts geworden! Ich verlasse Sie als Ihr Schuldner, und mein Glück
ist, daß man mein Versprechen nicht mehr achtete, als es wert war, und
daß niemand mich jemals deshalb gemahnt hat."
"Sein Sie nicht ungerecht gegen sich selbst", versetzte Frau Melina;
"wenn niemand erkennt, was Sie für uns getan hatten, so werde ich es
nicht verkennen: denn unser ganzer Zustand wäre völlig anders, wenn
wir Sie nicht besessen hätten. Geht es doch unsern Vorsätzen wie
unsern Wünschen. Sie sehen sich gar nicht mehr ähnlich, wenn sie
ausgeführt, wenn sie erfüllt sind, und wir glauben nichts getan,
nichts erlangt zu haben."
"Sie werden", versetzte Wilhelm, "durch Ihre freundschaftliche
Auslegung mein Gewissen nicht beruhigen, und ich werde mir immer als
Ihr Schuldner vorkommen."
"Es ist auch wohl möglich, daß Sie es sind", versetzte Madame Melina,
"nur nicht auf die Art, wie Sie es denken. Wir rechnen uns zur
Schande, ein Versprechen nicht zu erfüllen, das wir mit dem Munde
getan haben. Oh, mein Freund, ein guter Mensch verspricht durch seine
Gegenwart nur immer zuviel! Das Vertrauen, das er hervorlockt, die
Neigung, die er einflößt, die Hoffnungen, die er erregt, sind
unendlich; er wird und bleibt ein Schuldner, ohne es zu wissen. Leben
Sie wohl! Wenn unsere äußeren Umstände sich unter Ihrer Leitung recht
glücklich hergestellt haben, so entsteht in meinem Innern durch Ihren
Abschied eine Lücke, die sich so leicht nicht wieder ausfüllen wird."
Wilhelm schrieb vor seiner Abreise aus der Stadt noch einen
weitläufigen Brief an Wernern. Sie hatten zwar einige Briefe
gewechselt, aber weil sie nicht einig werden konnten, hörten sie
zuletzt auf zu schreiben. Nun hatte sich Wilhelm wieder genähert, er
war im Begriff, dasjenige zu tun, was jener so sehr wünschte, er
konnte sagen: "Ich verlasse das Theater und verbinde mich mit Männern,
deren Umgang mich in jedem Sinne zu einer reinen und sichern Tätigkeit
führen muß." Er erkundigte sich nach seinem Vermögen, und es schien
ihm nunmehr sonderbar, daß er so lange sich nicht darum bekümmert
hatte. Er wußte nicht, daß es die Art aller der Menschen sei, denen
an ihrer innern Bildung viel gelegen ist, daß sie die äußeren
Verhältnisse ganz und gar vernachlässigen. Wilhelm hatte sich in
diesem Falle befunden; er schien nunmehr zum erstenmal zu merken, daß
er äußerer Hülfsmittel bedürfe, um nachhaltig zu wirken. Er reiste
fort mit einem ganz andern Sinn als das erstemal; die Aussichten, die
sich ihm zeigten, waren reizend, und er hoffte auf seinem Wege etwas
Frohes zu erleben.
VII. Buch, 9. Kapitel
Neuntes Kapitel
Als er nach Lotharios Gut zurückkam, fand er eine große Veränderung.
Jarno kam ihm entgegen mit der Nachricht, daß der Oheim gestorben, daß
Lothario hingegangen sei, die hinterlassenen Güter in Besitz zu nehmen.
"Sie kommen eben zur rechten Zeit", sagte er, "um mir und dem Abbe
beizustehn. Lothario hat uns den Handel um wichtige Güter in unserer
Nachbarschaft aufgetragen; es war schon lange vorbereitet, und nun
finden wir Geld und Kredit eben zur rechten Stunde. Das einzige war
dabei bedenklich, daß ein auswärtiges Handelshaus auch schon auf
dieselben Güter Absicht hatte; nun sind wir kurz und gut entschlossen,
mit jenem gemeine Sache zu machen, denn sonst hätten wir uns ohne Not
und Vernunft hinaufgetrieben. Wir haben, so scheint es, mit einem
klugen Manne zu tun. Nun machen wir Kalküls und Anschläge; auch muß
ökonomisch überlegt werden, wie wir die Güter teilen können, so daß
jeder ein schönes Besitztum erhält." Es wurden Wilhelmen die Papiere
vorgelegt, man besah die Felder, Wiesen, Schlösser, und obgleich Jarno
und der Abbe die Sache sehr gut zu verstehen schienen, so wünschte
Wilhelm doch, daß Fräulein Therese von der Gesellschaft sein möchte.
Sie brachten mehrere Tage mit diesen Arbeiten zu, und Wilhelm hatte
kaum Zeit, seine Abenteuer und seine zweifelhafte Vaterschaft den
Freunden zu erzählen, die eine ihm so wichtige Begebenheit
gleichgültig und leichtsinnig behandelten.
Er hatte bemerkt, daß sie manchmal in vertrauten Gesprächen, bei
Tische und auf Spaziergängen, auf einmal innehielten, ihren Worten
eine andere Wendung gaben und dadurch wenigstens anzeigten, daß sie
unter sich manches abzutun hatten, das ihm verborgen sei. Er
erinnerte sich an das, was Lydie gesagt hatte, und glaubte um so mehr
daran, als eine ganze Seite des Schlosses vor ihm immer unzugänglich
gewesen war. Zu gewissen Galerien und besonders zu dem alten Turm,
den er von außen recht gut kannte, hatte er bisher vergebens Weg und
Eingang gesucht.
Eines Abends sagte Jarno zu ihm: "Wir können Sie nun so sicher als den
Unsern ansehen, daß es unbillig wäre, wenn wir Sie nicht tiefer in
unsere Geheimnisse einführten. Es ist gut, daß der Mensch, der erst
in die Welt tritt, viel von sich halte, daß er sich viele Vorzüge zu
erwerben denke, daß er alles möglich zu machen suche; aber wenn seine
Bildung auf einem gewissen Grade steht, dann ist es vorteilhaft, wenn
er sich in einer größern Masse verlieren lernt, wenn er lernt, um
anderer willen zu leben und seiner selbst in einer pflichtmäßigen
Tätigkeit zu vergessen. Da lernt er erst sich selbst kennen, denn das
Handeln eigentlich vergleicht uns mit andern. Sie sollen bald
erfahren, welch eine kleine Welt sich in Ihrer Nähe befindet und wie
gut Sie in dieser kleinen Welt gekannt sind; morgen früh vor
Sonnenaufgang sein Sie angezogen und bereit."
Jarno kam zur bestimmten Stunde und führte ihn durch bekannte und
unbekannte Zimmer des Schlosses, dann durch einige Galerien, und sie
gelangten endlich vor eine große, alte Türe, die stark mit Eisen
beschlagen war. Jarno pochte, die Türe tat sich ein wenig auf, so daß
eben ein Mensch hineinschlüpfen konnte. Jarno schob Wilhelmen hinein,
ohne ihm zu folgen. Dieser fand sich in einem dunkeln und engen
Behältnisse, es war finster um ihn, und als er einen Schritt vorwärts
gehen wollte, stieß er schon wider. Eine nicht ganz unbekannte Stimme
rief ihm zu: "Tritt herein!", und nun bemerkte er erst, daß die Seiten
des Raums, in dem er sich befand, nur mit Teppichen behangen waren,
durch welche ein schwaches Licht hindurchschimmerte. "Tritt herein!"
rief es nochmals; er hob den Teppich auf und trat hinein.
Der Saal, in dem er sich nunmehr befand, schien ehemals eine Kapelle
gewesen zu sein; anstatt des Altars stand ein großer Tisch auf einigen
Stufen, mit einem grünen Teppich behangen, darüber schien ein
zugezogener Vorhang ein Gemälde zu bedecken; an den Seiten waren schön
gearbeitete Schränke, mit feinen Drahtgittern verschlossen, wie man
sie in Bibliotheken zu sehen pflegt, nur sah er anstatt der Bücher
viele Rollen aufgestellt. Niemand befand sich in dem Saal; die
aufgehende Sonne fiel durch die farbigen Fenster Wilhelmen grade
entgegen und begrüßte ihn freundlich.
"Setze dich!" rief eine Stimme, die von dem Altar her zu tönen schien.
Wilhelm setzte sich auf einen kleinen Armstuhl, der wider den
Verschlag des Eingangs stand; es war kein anderer Sitz im ganzen
Zimmer, er mußte sich darein ergeben, ob ihn schon die Morgensonne
blendete; der Sessel stand fest, er konnte nur die Hand vor die Augen
halten.
Indem eröffnete sich mit einem kleinen Geräusche der Vorhang über dem
Altar und zeigte innerhalb eines Rahmens eine leere, dunkle öffnung.
Es trat ein Mann hervor in gewöhnlicher Kleidung, der ihn begrüßte und
zu ihm sagte: "Sollten Sie mich nicht wiedererkennen? Sollten Sie
unter andern Dingen, die Sie wissen möchten, nicht auch zu erfahren
wünschen, wo die Kunstsammlung Ihres Großvaters sich gegenwärtig
befindet? Erinnern Sie sich des Gemäldes nicht mehr, das Ihnen so
reizend war? Wo mag der kranke Königssohn wohl jetzo schmachten?"
Wilhelm erkannte leicht den Fremden, der in jener bedeutenden Nacht
sich mit ihm im Gasthause unterhalten hatte. "Vielleicht", fuhr
dieser fort, "können wir jetzt über Schicksal und Charakter eher einig
werden."
Wilhelm wollte eben antworten, als der Vorhang sich wieder rasch
zusammenzog. "Sonderbar!" sagte er bei sich selbst, "sollten
zufällige Ereignisse einen Zusammenhang haben? Und das, was wir
Schicksal nennen, sollte es bloß Zufall sein? Wo mag sich meines
Großvaters Sammlung befinden? Und warum erinnert man mich in diesen
feierlichen Augenblicken daran?"
Er hatte nicht Zeit, weiterzudenken, denn der Vorhang öffnete sich
wieder, und ein Mann stand vor seinen Augen, den er sogleich für den
Landgeistlichen erkannte, der mit ihm und der lustigen Gesellschaft
jene Wasserfahrt gemacht hatte; er glich dem Abbe, ob er gleich nicht
dieselbe Person schien. Mit einem heitern Gesichte und einem würdigen
Ausdruck fing der Mann an: "Nicht vor Irrtum zu bewahren ist die
Pflicht des Menschenerziehers, sondern den Irrenden zu leiten, ja ihn
seinen Irrtum aus vollen Bechern ausschlürfen zu lassen, das ist
Weisheit der Lehrer. Wer seinen Irrtum nur kostet, hält lange damit
haus, er freuet sich dessen als eines seltenen Glücks, aber wer ihn
ganz erschöpft, der muß ihn kennenlernen, wenn er nicht wahnsinnig ist."
Der Vorhang schloß sich abermals, und Wilhelm hatte Zeit
nachzudenken. "Von welchem Irrtum kann der Mann sprechen?" sagte er
zu sich selbst, "als von dem, der mich mein ganzes Leben verfolgt hat,
daß ich da Bildung suchte, wo keine zu finden war, daß ich mir
einbildete, ein Talent erwerben zu können, zu dem ich nicht die
geringste Anlage hatte."
Der Vorhang riß sich schneller auf, ein Offizier trat hervor und sagte
nur im Vorbeigehen: "Lernen Sie die Menschen kennen, zu denen man
Zutrauen haben kann!" Der Vorhang schloß sich, und Wilhelm brauchte
sich nicht lange zu besinnen, um diesen Offizier für denjenigen zu
erkennen, der ihn in des Grafen Park umarmt hatte und schuld gewesen
war, daß er Jarno für einen Werber hielt. Wie dieser hierhergekommen
und wer er sei, war Wilhelmen völlig ein Rätsel. "Wenn so viele
Menschen an dir teilnahmen, deinen Lebensweg kannten und wußten, was
darauf zu tun sei, warum führten sie dich nicht strenger? warum nicht
ernster? warum begünstigten sie deine Spiele, anstatt dich davon
wegzuführen?"
"Rechte nicht mit uns!" rief eine Stimme. "Du bist gerettet und auf
dem Wege zum Ziel. Du wirst keine deiner Torheiten bereuen und keine
zurückwünschen, kein glücklicheres Schicksal kann einem Menschen
werden." Der Vorhang riß sich voneinander, und in voller Rüstung
stand der alte König von Dänemark in dem Raume. "Ich bin der Geist
deines Vaters", sagte das Bildnis, "und scheide getrost, da meine
Wünsche für dich, mehr als ich sie selbst begriff, erfüllt sind.
Steile Gegenden lassen sich nur durch Umwege erklimmen, auf der Ebene
führen gerade Wege von einem Ort zum andern. Lebe wohl, und gedenke
mein, wenn du genießest, was ich dir vorbereitet habe."
Wilhelm war äußerst betroffen, er glaubte die Stimme seines Vaters zu
hören, und doch war sie es auch nicht; er befand sich durch die
Gegenwart und die Erinnerung in der verworrensten Lage.
Nicht lange konnte er nachdenken, als der Abbe hervortrat und sich
hinter den grünen Tisch stellte. "Treten Sie herbei!" rief er seinem
verwunderten Freunde zu. Er trat herbei und stieg die Stufen hinan.
Auf dem Teppiche lag eine kleine Rolle. "Hier ist Ihr Lehrbrief",
sagte der Abbe, "beherzigen Sie ihn, er ist von wichtigem Inhalt."
Wilhelm nahm ihn auf, öffnete ihn und las:
Lehrbrief
Die Kunst ist lang, das Leben kurz, das Urteil schwierig, die
Gelegenheit flüchtig. Handeln ist leicht, Denken schwer; nach dem
Gedanken handeln unbequem. Aller Anfang ist heiter, die Schwelle ist
der Platz der Erwartung. Der Knabe staunt, der Eindruck bestimmt ihn,
er lernt spielend, der Ernst überrascht ihn. Die Nachahmung ist uns
angeboren, das Nachzuahmende wird nicht leicht erkannt. Selten wird
das Treffliche gefunden, seltner geschätzt. Die Höhe reizt uns, nicht
die Stufen; den Gipfel im Auge, wandeln wir gerne auf der Ebene. Nur
ein Teil der Kunst kann gelehrt werden, der Künstler braucht sie ganz.
Wer sie halb kennt, ist immer irre und redet viel; wer sie ganz
besitzt, mag nur tun und redet selten oder spät. Jene haben keine
Geheimnisse und keine Kraft, ihre Lehre ist wie gebackenes Brot
schmackhaft und sättigend für einen Tag; aber Mehl kann man nicht säen,
und die Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden. Die Worte sind
gut, sie sind aber nicht das Beste. Das Beste wird nicht deutlich
durch Worte. Der Geist, aus dem wir handeln, ist das Höchste. Die
Handlung wird nur vom Geiste begriffen und wieder dargestellt.
Niemand weiß, was er tut, wenn er recht handelt; aber des Unrechten
sind wir uns immer bewußt. Wer bloß mit Zeichen wirkt, ist ein Pedant,
ein Heuchler oder ein Pfuscher. Es sind ihrer viel, und es wird
ihnen wohl zusammen. Ihr Geschwätz hält den Schüler zurück, und ihre
beharrliche Mittelmäßigkeit ängstigt die Besten. Des echten Künstlers
Lehre schließt den Sinn auf; denn wo die Worte fehlen, spricht die Tat.
Der echte Schüler lernt aus dem Bekannten das Unbekannte entwickeln
und nähert sich dem Meister.
"Genug!" rief der Abbe, "das übrige zu seiner Zeit. Jetzt sehen Sie
sich in jenen Schränken um!"
Wilhelm ging hin und las die Aufschriften der Rollen. Er fand mit
Verwunderung Lotharios Lehrjahre, Jarnos Lehrjahre und seine eignen
Lehrjahre daselbst aufgestellt, unter vielen andern, deren Namen ihm
unbekannt waren.
"Darf ich hoffen, in diese Rollen einen Blick zu werfen?"
"Es ist für Sie nunmehr in diesem Zimmer nichts verschlossen."
"Darf ich eine Frage tun?"
"Ohne Bedenken! und Sie können entscheidende Antwort erwarten, wenn es
eine Angelegenheit betrifft, die Ihnen zunächst am Herzen liegt und am
Herzen liegen soll."
"Gut denn! Ihr sonderbaren und weisen Menschen, deren Blick in so
viel Geheimnisse dringt, könnt ihr mir sagen, ob Felix wirklich mein
Sohn sei?"
"Heil Ihnen über diese Frage!" rief der Abbe, indem er vor Freuden die
Hände zusammenschlug, "Felix ist Ihr Sohn! Bei dem Heiligsten, was
unter uns verborgen liegt, schwör ich Ihnen: Felix ist Ihr Sohn! und
der Gesinnung nach war seine abgeschiedne Mutter Ihrer nicht unwert.
Empfangen Sie das liebliche Kind aus unserer Hand, kehren Sie sich um,
und wagen Sie es, glücklich zu sein!"
Wilhelm hörte ein Geräusch hinter sich, er kehrte sich um und sah ein
Kindergesicht schalkhaft durch die Teppiche des Eingangs hervorgucken:
es war Felix. Der Knabe versteckte sich sogleich scherzend, als er
gesehen wurde. "Komm hervor!" rief der Abbe. Er kam gelaufen, sein
Vater stürzte ihm entgegen, nahm ihn in die Arme und drückte ihn an
sein Herz. "Ja, ich fühl's", rief er aus, "du bist mein! Welche Gabe
des Himmels habe ich meinen Freunden zu verdanken! Wo kommst du her,
mein Kind, gerade in diesem Augenblick?"
"Fragen Sie nicht", sagte der Abbe. "Heil dir, junger Mann! deine
Lehrjahre sind vorüber; die Natur hat dich losgesprochen."
Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 7"
von Johann Wolfgang von Goethe.
*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM MEISTERS LEHRJAHRE — BAND 7 ***
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Title: Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 8
Author: Johann Wolfgang von Goethe
Release date: September 1, 2000 [eBook #2342]
Most recently updated: April 3, 2015
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/2342
Credits: This etext was prepared by Michael Pullen
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WILHELM MEISTERS LEHRJAHRE — BAND 8 ***
This etext was prepared by Michael Pullen,
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Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 8
Johann Wolfgang von Goethe
Achtes Buch
Erstes Kapitel
Felix war in den Garten gesprungen, Wilhelm folgte ihm mit Entzücken,
der schönste Morgen zeigte jeden Gegenstand mit neuen Reizen, und
Wilhelm genoß den heitersten Augenblick. Felix war neu in der freien
und herrlichen Welt, und sein Vater nicht viel bekannter mit den
Gegenständen, nach denen der Kleine wiederholt und unermüdet fragte.
Sie gesellten sich endlich zum Gärtner, der die Namen und den Gebrauch
mancher Pflanzen hererzählen mußte; Wilhelm sah die Natur durch ein
neues Organ, und die Neugierde, die Wißbegierde des Kindes ließen ihn
erst fühlen, welch ein schwaches Interesse er an den Dingen außer sich
genommen hatte, wie wenig er kannte und wußte. An diesem Tage, dem
vergnügtesten seines Lebens, schien auch seine eigne Bildung erst
anzufangen; er fühlte die Notwendigkeit, sich zu belehren, indem er zu
lehren aufgefordert ward.
Jarno und der Abbe hatten sich nicht wieder sehen lassen; abends kamen
sie und brachten einen Fremden mit. Wilhelm ging ihm mit Erstaunen
entgegen, er traute seinen Augen nicht: es war Werner, der gleichfalls
einen Augenblick anstand, ihn anzuerkennen. Beide umarmten sich aufs
zärtlichste, und beide konnten nicht verbergen, daß sie sich
wechselsweise verändert fanden. Werner behauptete, sein Freund sei
größer, stärker, gerader, in seinem Wesen gebildeter und in seinem
Betragen angenehmer geworden. "Etwas von seiner alten Treuherzigkeit
vermiß ich", setzte er hinzu. "Sie wird sich auch schon wieder zeigen,
wenn wir uns nur von der ersten Verwunderung erholt haben", sagte
Wilhelm.
Es fehlte viel, daß Werner einen gleich vorteilhaften Eindruck auf
Wilhelmen gemacht hätte. Der gute Mann schien eher zurück- als
vorwärtsgegangen zu sein. Er war viel magerer als ehemals, sein
spitzes Gesicht schien feiner, seine Nase länger zu sein, seine Stirn
und sein Scheitel waren von Haaren entblößt, seine Stimme hell, heftig
und schreiend, und seine eingedrückte Brust, seine verfallenden
Schultern, seine farblosen Wangen ließen keinen Zweifel übrig, daß ein
arbeitsamer Hypochondrist gegenwärtig sei.
Wilhelm war bescheiden genug, um sich über diese große Veränderung
sehr mäßig zu erklären, da der andere hingegen seiner
freundschaftlichen Freude völligen Lauf ließ. "Wahrhaftig!" rief er
aus, "wenn du deine Zeit schlecht angewendet und, wie ich vermute,
nichts gewonnen hast, so bist du doch indessen ein Persönchen geworden,
das sein Glück machen kann und muß; verschlendere und verschleudere
nur auch das nicht wieder: du sollst mir mit dieser Figur eine reiche
und schöne Erbin erkaufen."--"Du wirst doch", versetzte Wilhelm
lächelnd, "deinen Charakter nicht verleugnen! Kaum findest du nach
langer Zeit deinen Freund wieder, so siehst du ihn schon als eine Ware,
als einen Gegenstand deiner Spekulation an, mit dem sich etwas
gewinnen läßt."
Jarno und der Abbe schienen über diese Erkennung keinesweges
verwundert und ließen beide Freunde sich nach Belieben über das
Vergangene und Gegenwärtige ausbreiten. Werner ging um seinen Freund
herum, drehte ihn hin und her, so daß er ihn fast verlegen machte.
"Nein! nein!" rief er aus, "so was ist mir noch nicht vorgekommen, und
doch weiß ich wohl, daß ich mich nicht betriege. Deine Augen sind
tiefer, deine Stirn ist breiter, deine Nase feiner und dein Mund
liebreicher geworden. Seht nur einmal, wie er steht! wie das alles
paßt und zusammenhängt! Wie doch das Faulenzen gedeihet! Ich armer
Teufel dagegen"--er besah sich im Spiegel--"wenn ich diese Zeit her
nicht recht viel Geld gewonnen hätte, so wäre doch auch gar nichts an
mir."
Werner hatte Wilhelms letzten Brief nicht empfangen; ihre Handlung war
das fremde Haus, mit welchem Lothario die Güter in Gemeinschaft zu
kaufen die Absicht hatte. Dieses Geschäft führte Wernern hierher; er
hatte keine Gedanken, Wilhelmen auf seinem Wege zu finden. Der
Gerichtshalter kam, die Papiere wurden vorgelegt, und Werner fand die
Vorschläge billig. "Wenn Sie es mit diesem jungen Manne, wie es
scheint, gut meinen", sagte er, "so sorgen Sie selbst dafür, daß unser
Teil nicht verkürzt werde; es soll von meinem Freunde abhängen, ob er
das Gut annehmen und einen Teil seines Vermögens daran wenden will."
Jarno und der Abbe versicherten, daß es dieser Erinnerung nicht
bedürfe. Man hatte die Sache kaum im allgemeinen verhandelt, als
Werner sich nach einer Partie L'hombre sehnte, wozu sich denn auch
gleich der Abbe und Jarno mit hinsetzten; er war es nun einmal so
gewohnt, er konnte des Abends ohne Spiel nicht leben.
Als die beiden Freunde nach Tische allein waren, befragten und
besprachen sie sich sehr lebhaft über alles, was sie sich mitzuteilen
wünschten. Wilhelm rühmte seine Lage und das Glück seiner Aufnahme
unter so trefflichen Menschen. Werner dagegen schüttelte den Kopf und
sagte: "Man sollte doch auch nichts glauben, als was man mit Augen
sieht! Mehr als ein dienstfertiger Freund hat mir versichert, du
lebtest mit einem liederlichen jungen Edelmann, führtest ihm
Schauspielerinnen zu, hälfest ihm sein Geld durchbringen und seiest
schuld, daß er mit seinen sämtlichen Anverwandten gespannt sei."--"Es
würde mich um meinet- und um der guten Menschen willen verdrießen, daß
wir so verkannt werden", versetzte Wilhelm, "wenn mich nicht meine
theatralische Laufbahn mit jeder übeln Nachrede versöhnt hätte. Wie
sollten die Menschen unsere Handlungen beurteilen, die ihnen nur
einzeln und abgerissen erscheinen, wovon sie das wenigste sehen, weil
Gutes und Böses im verborgenen geschieht und eine gleichgültige
Erscheinung meistens nur an den Tag kommt. Bringt man ihnen doch
Schauspieler und Schauspielerinnen auf erhöhte Bretter, zündet von
allen Seiten Licht an, das ganze Werk ist in wenig Stunden
abgeschlossen, und doch weiß selten jemand eigentlich, was er daraus
machen soll."
Nun ging es an ein Fragen nach der Familie, nach den Jugendfreunden
und der Vaterstadt. Werner erzählte mit großer Hast alles, was sich
verändert hatte und was noch bestand und geschah. "Die Frauen im
Hause", sagte er, "Sind vergnügt und glücklich, es fehlt nie an Geld.
Die eine Hälfte der Zeit bringen sie zu, sich zu putzen, und die
andere Hälfte, sich geputzt sehen zu lassen. Haushälterisch sind sie
soviel, als billig ist. Meine Kinder lassen sich zu gescheiten Jungen
an. Ich sehe sie im Geiste schon sitzen und schreiben und rechnen,
laufen, handeln und trödeln; einem jeden soll so bald als möglich ein
eignes Gewerbe eingerichtet werden, und was unser Vermögen betrifft,
daran sollst du deine Lust sehen. Wenn wir mit den Gütern in Ordnung
sind, mußt du gleich mit nach Hause: denn es sieht doch aus, als wenn
du mit einiger Vernunft in die menschlichen Unternehmungen eingreifen
könntest. Deine neuen Freunde sollen gepriesen sein, da sie dich auf
den rechten Weg gebracht haben. Ich bin ein närrischer Teufel und
merke erst, wie lieb ich dich habe, da ich mich nicht satt an dir
sehen kann, daß du so wohl und so gut aussiehst. Das ist doch noch
eine andere Gestalt als das Porträt, das du einmal an die Schwester
schicktest und worüber im Hause großer Streit war. Mutter und Tochter
fanden den jungen Herrn allerliebst mit offnem Halse, halbfreier Brust,
großer Krause, herumhängendem Haar, rundem Hut, kurzem Westchen und
schlotternden langen Hosen, indessen ich behauptete, das Kostüm sei
nur noch zwei Finger breit vom Hanswurst. Nun siehst du doch aus wie
ein Mensch, nur fehlt der Zopf, in den ich deine Haare einzubinden
bitte, sonst hält man dich denn doch einmal unterwegs als Juden an und
fordert Zoll und Geleite von dir."
Felix war indessen in die Stube gekommen und hatte sich, als man auf
ihn nicht achtete, aufs Kanapee gelegt und war eingeschlafen. "Was
ist das für ein Wurm?" fragte Werner. Wilhelm hatte in dem
Augenblicke den Mut nicht, die Wahrheit zu sagen, noch Lust, eine doch
immer zweideutige Geschichte einem Manne zu erzählen, der von Natur
nichts weniger als gläubig war.
Die ganze Gesellschaft begab sich nunmehr auf die Güter, um sie zu
besehen und den Handel abzuschließen. Wilhelm ließ seinen Felix nicht
von der Seite und freute sich um des Knaben willen recht lebhaft des
Besitzes, dem man entgegensah. Die Lüsternheit des Kindes nach den
Kirschen und Beeren, die bald reif werden sollten, erinnerte ihn an
die Zeit seiner Jugend und an die vielfache Pflicht des Vaters, den
Seinigen den Genuß vorzubereiten, zu verschaffen und zu erhalten. Mit
welchem Interesse betrachtete er die Baumschulen und die Gebäude! Wie
lebhaft sann er darauf, das Vernachlässigte wiederherzustellen und das
Verfallene zu erneuern! Er sah die Welt nicht mehr wie ein Zugvogel
an, ein Gebäude nicht mehr für eine geschwind zusammengestellte Laube,
die vertrocknet, ehe man sie verläßt. Alles, was er anzulegen
gedachte, sollte dem Knaben entgegenwachsen, und alles, was er
herstellte, sollte eine Dauer auf einige Geschlechter haben. In
diesem Sinne waren seine Lehrjahre geendigt, und mit dem Gefühl des
Vaters hatte er auch alle Tugenden eines Bürgers erworben. Er fühlte
es, und seiner Freude konnte nichts gleichen. "O der unnötigen
Strenge der Moral!" rief er aus, "da die Natur uns auf ihre liebliche
Weise zu allem bildet, was wir sein sollen. O der seltsamen
Anforderungen der bürgerlichen Gesellschaft, die uns erst verwirrt und
mißleitet und dann mehr als die Natur selbst von uns fordert! Wehe
jeder Art von Bildung, welche die wirksamsten Mittel wahrer Bildung
zerstört und uns auf das Ende hinweist, anstatt uns auf dem Wege
selbst zu beglücken!"
So manches er auch in seinem Leben schon gesehen hatte, so schien ihm
doch die menschliche Natur erst durch die Beobachtung des Kindes
deutlich zu werden. Das Theater war ihm, wie die Welt, nur als eine
Menge ausgeschütteter Würfel vorgekommen, deren jeder einzeln auf
seiner Oberfläche bald mehr, bald weniger bedeutet und die allenfalls
zusammengezählt eine Summe machen. Hier im Kinde lag ihm, konnte man
sagen, ein einzelner Würfel vor, auf dessen vielfachen Seiten der Wert
und der Unwert der menschlichen Natur so deutlich eingegraben war.
Das Verlangen des Kindes nach Unterscheidung wuchs mit jedem Tage. Da
es einmal erfahren hatte, daß die Dinge Namen haben, so wollte es auch
den Namen von allem hören; es glaubte nicht anders, sein Vater müsse
alles wissen, quälte ihn oft mit Fragen und gab ihm Anlaß, sich nach
Gegenständen zu erkundigen, denen er sonst wenig Aufmerksamkeit
gewidmet hatte. Auch der eingeborne Trieb, die Herkunft und das Ende
der Dinge zu erfahren, zeigte sich frühe bei dem Knaben. Wenn er
fragte, wo der Wind herkomme und wo die Flamme hinkomme, war dem Vater
seine eigene Beschränkung erst recht lebendig; er wünschte zu erfahren,
wie weit sich der Mensch mit seinen Gedanken wagen und wovon er
hoffen dürfe sich und andern jemals Rechenschaft zu geben. Die
Heftigkeit des Kindes, wenn es irgendeinem lebendigen Wesen Unrecht
geschehen sah, erfreute den Vater höchlich als das Zeichen eines
trefflichen Gemüts. Das Kind schlug heftig nach dem Küchenmädchen,
das einige Tauben abgeschnitten hatte. Dieser schöne Begriff wurde
denn freilich bald wieder zerstört, als er den Knaben fand, der ohne
Barmherzigkeit Frösche totschlug und Schmetterlinge zerrupfte. Es
erinnerte ihn dieser Zug an so viele Menschen, die höchst gerecht
erscheinen, wenn sie ohne Leidenschaft sind und die Handlungen anderer
beobachten.
Dieses angenehme Gefühl, daß der Knabe so einen schönen und wahren
Einfluß auf sein Dasein habe, ward einen Augenblick gestört, als
Wilhelm in kurzem bemerkte, daß wirklich der Knabe mehr ihn als er den
Knaben erziehe. Er hatte an dem Kinde nichts auszusetzen, er war
nicht imstande, ihm eine Richtung zu geben, die es nicht selbst nahm,
und sogar die Unarten, gegen die Aurelie so viel gearbeitet hatte,
waren, so schien es, nach dem Tode dieser Freundin alle wieder in ihre
alten Rechte getreten. Noch machte das Kind die Türe niemals hinter
sich zu, noch wollte er seinen Teller nicht abessen, und sein Behagen
war niemals größer, als wenn man ihm nachsah, daß er den Bissen
unmittelbar aus der Schüssel nehmen, das volle Glas stehenlassen und
aus der Flasche trinken konnte. So war er auch ganz allerliebst, wenn
er sich mit einem Buche in die Ecke setzte und sehr ernsthaft sagte:
"Ich muß das gelehrte Zeug studieren!", ob er gleich die Buchstaben
noch lange weder unterscheiden konnte noch wollte.
Bedachte nun Wilhelm, wie wenig er bisher für das Kind getan hatte,
wie wenig er zu tun fähig sei, so entstand eine Unruhe in ihm, die
sein ganzes Glück aufzuwiegen imstande war. "Sind wir Männer denn",
sagte er zu sich, "so selbstisch geboren, daß wir unmöglich für ein
Wesen außer uns Sorge tragen können? Bin ich mit dem Knaben nicht
eben auf dem Wege, auf dem ich mit Mignon war? Ich zog das liebe Kind
an, seine Gegenwart ergötzte mich, und dabei hab ich es aufs
grausamste vernachlässigt. Was tat ich zu seiner Bildung, nach der es
so sehr strebte? Nichts! Ich überließ es sich selbst und allen
Zufälligkeiten, denen es in einer ungebildeten Gesellschaft nur
ausgesetzt sein konnte; und dann für diesen Knaben, der dir so
merkwürdig war, ehe er dir so wert sein konnte, hat dich denn dein
Herz geheißen, auch nur jemals das geringste für ihn zu tun? Es ist
nicht mehr Zeit, daß du deine eigenen Jahre und die Jahre anderer
vergeudest; nimm dich zusammen, und denke, was du für dich und die
guten Geschöpfe zu tun hast, welche Natur und Neigung so fest an dich
knüpfte."
Eigentlich war dieses Selbstgespräch nur eine Einleitung, sich zu
bekennen, daß er schon gedacht, gesorgt, gesucht und gewählt hatte; er
konnte nicht länger zögern, sich es selbst zu gestehen. Nach oft
vergebens wiederholtem Schmerz über den Verlust Marianens fühlte er
nur zu deutlich, daß er eine Mutter für den Knaben suchen müsse und
daß er sie nicht sichrer als in Theresen finden werde. Er kannte
dieses vortreffliche Frauenzimmer ganz. Eine solche Gattin und
Gehülfin schien die einzige zu sein, der man sich und die Seinen
anvertrauen könnte. Ihre edle Neigung zu Lothario machte ihm keine
Bedenklichkeit. Sie waren durch ein sonderbares Schicksal auf ewig
getrennt, Therese hielt sich für frei und hatte von einer Heirat zwar
mit Gleichgültigkeit, doch als von einer Sache gesprochen, die sich
von selbst versteht.
Nachdem er lange mit sich zu Rate gegangen war, nahm er sich vor, ihr
von sich zu sagen, soviel er nur wußte. Sie sollte ihn kennenlernen,
wie er sie kannte, und er fing nun an, seine eigene Geschichte
durchzudenken; sie schien ihm an Begebenheiten so leer und im ganzen
jedes Bekenntnis so wenig zu seinem Vorteil, daß er mehr als einmal
von dem Vorsatz abzustehn im Begriff war. Endlich entschloß er sich,
die Rolle seiner Lehrjahre aus dem Turme von Jarno zu verlangen;
dieser sagte: "Es ist eben zur rechten Zeit", und Wilhelm erhielt sie.
Es ist eine schauderhafte Empfindung, wenn ein edler Mensch mit
Bewußtsein auf dem Punkte steht, wo er über sich selbst aufgeklärt
werden soll. Alle übergänge sind Krisen, und ist eine Krise nicht
Krankheit? Wie ungern tritt man nach einer Krankheit vor den Spiegel!
Die Besserung fühlt man, und man sieht nur die Wirkung des
vergangenen übels. Wilhelm war indessen vorbereitet genug, die
Umstände hatten schon lebhaft zu ihm gesprochen, seine Freunde hatten
ihn eben nicht geschont, und wenn er gleich das Pergament mit einiger
Hast aufrollte, so ward er doch immer ruhiger, je weiter er las. Er
fand die umständliche Geschichte seines Lebens in großen, scharfen
Zügen geschildert; weder einzelne Begebenheiten noch beschränkte
Empfindungen verwirrten seinen Blick, allgemeine liebevolle
Betrachtungen gaben ihm Fingerzeige, ohne ihn zu beschämen, und er sah
zum erstenmal sein Bild außer sich, zwar nicht wie im Spiegel ein
zweites Selbst, sondern wie im Porträt ein anderes Selbst: man bekennt
sich zwar nicht zu allen Zügen, aber man freut sich, daß ein denkender
Geist uns so hat fassen, ein großes Talent uns so hat darstellen
wollen, daß ein Bild von dem, was wir waren, noch besteht und daß es
länger als wir selbst dauern kann.
Wilhelm beschäftigte sich nunmehr, indem alle Umstände durch dies
Manuskript in sein Gedächtnis zurückkamen, die Geschichte seines
Lebens für Theresen aufzusetzen, und er schämte sich fast, daß er
gegen ihre großen Tugenden nichts aufzustellen hatte, was eine
zweckmäßige Tätigkeit beweisen konnte. So umständlich er in dem
Aufsatze war, so kurz faßte er sich in dem Briefe, den er an sie
schrieb; er bat sie um ihre Freundschaft, um ihre Liebe, wenn's
möglich wäre; er bot ihr seine Hand an und bat sie um baldige
Entscheidung.
Nach einigem innerlichen Streit, ob er diese wichtige Sache noch erst
mit seinen Freunden, mit Jarno und dem Abbe, beraten solle, entschied
er sich zu schweigen. Er war zu fest entschlossen, die Sache war für
ihn zu wichtig, als daß er sie noch hätte dem Urteil des
vernünftigsten und besten Mannes unterwerfen mögen; ja sogar brauchte
er die Vorsicht, seinen Brief auf der nächsten Post selbst zu
bestellen. Vielleicht hatte ihm der Gedanke, daß er in so vielen
Umständen seines Lebens, in denen er frei und im verborgenen zu
handeln glaubte, beobachtet, ja sogar geleitet worden war, wie ihm aus
der geschriebenen Rolle nicht undeutlich erschien, eine Art von
unangenehmer Empfindung gegeben, und nun wollte er wenigstens zu
Theresens Herzen rein vom Herzen reden und ihrer Entschließung und
Entscheidung sein Schicksal schuldig sein, und so machte er sich kein
Gewissen, seine Wächter und Aufseher in diesem wichtigen Punkte
wenigstens zu umgehen.
VIII. Buch, 2. Kapitel--1
Zweites Kapitel
Kaum war der Brief abgesendet, als Lothario zurückkam. Jedermann
freuete sich, die vorbereiteten wichtigen Geschäfte abgeschlossen und
bald geendigt zu sehen, und Wilhelm erwartete mit Verlangen, wie so
viele Fäden teils neu geknüpft, teils aufgelöst und nun sein eignes
Verhältnis auf die Zukunft bestimmt werden sollte. Lothario begrüßte
sie alle aufs beste; er war völlig wiederhergestellt und heiter, er
hatte das Ansehen eines Mannes, der weiß, was er tun soll, und dem in
allem, was er tun will, nichts im Wege steht.
Wilhelm konnte ihm seinen herzlichen Gruß nicht zurückgeben. "Dies
ist", mußte er zu sich selbst sagen, "der Freund, der Geliebte, der
Bräutigam Theresens, an dessen Statt du dich einzudrängen denkst.
Glaubst du denn jemals einen solchen Eindruck auszulöschen oder zu
verbannen?" Wäre der Brief noch nicht fort gewesen, er hätte
vielleicht nicht gewagt, ihn abzusenden. Glücklicherweise war der
Wurf schon getan, vielleicht war Therese schon entschieden, nur die
Entfernung deckte noch eine glückliche Vollendung mit ihrem Schleier.
Gewinn und Verlust mußten sich bald entscheiden. Er suchte sich durch
alle diese Betrachtungen zu beruhigen, und doch waren die Bewegungen
seines Herzens beinahe fieberhaft. Nur wenig Aufmerksamkeit konnte er
auf das wichtige Geschäft wenden, woran gewissermaßen das Schicksal
seines ganzen Vermögens hing. Ach! wie unbedeutend erscheint dem
Menschen in leidenschaftlichen Augenblicken alles, was ihn umgibt,
alles, was ihm angehört!
Zu seinem Glücke behandelte Lothario die Sache groß, und Werner mit
Leichtigkeit. Dieser hatte bei seiner heftigen Begierde zum Erwerb
eine lebhafte Freude über den schönen Besitz, der ihm oder vielmehr
seinem Freunde werden sollte. Lothario von seiner Seite schien ganz
andere Betrachtungen zu machen. "Ich kann mich nicht sowohl über
einen Besitz freuen", sagte er, "als über die Rechtmäßigkeit desselben."
"Nun, beim Himmel!" rief Werner, "wird denn dieser unser Besitz nicht
rechtmäßig genug?"
"Nicht ganz!" versetzte Lothario.
"Geben wir denn nicht unser bares Geld dafür?"
"Recht gut!" sagte Lothario, "auch werden Sie dasjenige, was ich zu
erinnern habe, vielleicht für einen leeren Skrupel halten. Mir kommt
kein Besitz ganz rechtmäßig, ganz rein vor, als der dem Staate seinen
schuldigen Teil abträgt."
"Wie?" sagte Werner, "so wollten Sie also lieber, daß unsere frei
gekauften Güter steuerbar wären?"
"Ja", versetzte Lothario, "bis auf einen gewissen Grad: denn durch
diese Gleichheit mit allen übrigen Besitzungen entsteht ganz allein
die Sicherheit des Besitzes. Was hat der Bauer in den neuern Zeiten,
wo so viele Begriffe schwankend werden, für einen Hauptanlaß, den
Besitz des Edelmanns für weniger gegründet anzusehen als den seinigen?
Nur den, daß jener nicht belastet ist und auf ihn lastet."
"Wie wird es aber mit den Zinsen unseres Kapitals aussehen?" versetzte
Werner.
"Um nichts schlimmer!" sagte Lothario, "wenn uns der Staat gegen eine
billige, regelmäßige Abgabe das Lehns-Hokuspokus erlassen und uns mit
unsern Gütern nach Belieben zu schalten erlauben wollte, daß wir sie
nicht in so großen Massen zusammenhalten müßten, daß wir sie unter
unsere Kinder gleicher verteilen könnten, um alle in eine lebhafte,
freie Tätigkeit zu versetzen, statt ihnen nur die beschränkten und
beschränkenden Vorrechte zu hinterlassen, welche zu genießen wir immer
die Geister unserer Vorfahren hervorrufen müssen. Wieviel glücklicher
wären Männer und Frauen, wenn sie mit freien Augen umhergehen und bald
ein würdiges Mädchen, bald einen trefflichen Jüngling ohne andere
Rücksichten durch ihre Wahl erheben könnten. Der Staat würde mehr,
vielleicht bessere Bürger haben und nicht so oft um Köpfe und Hände
verlegen sein."
"Ich kann Sie versichern", sagte Werner, "daß ich in meinem Leben nie
an den Staat gedacht habe; meine Abgaben, Zölle und Geleite habe ich
nur so bezahlt, weil es einmal hergebracht ist."
"Nun", sagte Lothario, "ich hoffe Sie noch zum guten Patrioten zu
machen: denn wie der nur ein guter Vater ist, der bei Tische erst
seinen Kindern vorlegt, so ist der nur ein guter Bürger, der vor allen
andern Ausgaben das, was er dem Staate zu entrichten hat, zurücklegt."
Durch solche allgemeine Betrachtungen wurden ihre besondern Geschäfte
nicht aufgehalten, vielmehr beschleunigt. Als sie ziemlich damit
zustande waren, sagte Lothario zu Wilhelmen: "Ich muß Sie nun an einen
Ort schicken, wo Sie nötiger sind als hier: meine Schwester läßt Sie
ersuchen, so bald als möglich zu ihr zu kommen; die arme Mignon
scheint sich zu verzehren, und man glaubt, Ihre Gegenwart könnte
vielleicht noch dem übel Einhalt tun. Meine Schwester schickte mir
dieses Billett noch nach, woraus Sie sehen können, wieviel ihr daran
gelegen ist." Lothario überreichte ihm ein Blättchen. Wilhelm, der
schon in der größten Verlegenheit zugehört hatte, erkannte sogleich an
diesen flüchtigen Bleistiftzügen die Hand der Gräfin und wußte nicht,
was er antworten sollte.
"Nehmen Sie Felix mit", sagte Lothario, "damit die Kinder sich
untereinander aufheitern. Sie müßten morgen früh beizeiten weg; der
Wagen meiner Schwester, in welchem meine Leute hergefahren sind, ist
noch hier, ich gebe Ihnen Pferde bis auf halben Weg, dann nehmen Sie
Post. Leben Sie recht wohl und richten viele Grüße von mir aus.
Sagen Sie dabei meiner Schwester, ich werde sie bald wiedersehen, und
sie soll sich überhaupt auf einige Gäste vorbereiten. Der Freund
unseres Großoheims, der Marchese Cipriani, ist auf dem Wege,
hierherzukommen; er hoffte, den alten Mann noch am Leben anzutreffen,
und sie wollten sich zusammen an der Erinnerung früherer Verhältnisse
ergötzen und sich ihrer gemeinsamen Kunstliebhaberei erfreuen. Der
Marchese war viel jünger als mein Oheim und verdankte ihm den besten
Teil seiner Bildung; wir müssen alles aufbieten, um einigermaßen die
Lücke auszufüllen, die er finden wird, und das wird am besten durch
eine größere Gesellschaft geschehen."
Lothario ging darauf mit dem Abbe in sein Zimmer, Jarno war vorher
weggeritten; Wilhelm eilte auf seine Stube; er hatte niemand, dem er
sich vertrauen, niemand, durch den er einen Schritt, vor dem er sich
so sehr fürchtete, hätte abwenden können. Der kleine Diener kam und
ersuchte ihn einzupacken, weil sie noch diese Nacht aufbinden wollten,
um mit Anbruch des Tages wegzufahren. Wilhelm wußte nicht, was er tun
sollte; endlich rief er aus: "Du willst nur machen, daß du aus diesem
Hause kommst; unterweges überlegst du, was zu tun ist, und bleibst
allenfalls auf der Hälfte des Weges liegen, schickst einen Boten
zurück, schreibst, was du dir nicht zu sagen getraust, und dann mag
werden, was will." Ungeachtet dieses Entschlusses brachte er eine
schlaflose Nacht zu; nur ein Blick auf den so schön ruhenden Felix gab
ihm einige Erquickung. "Oh!" rief er aus, "wer weiß, was noch für
Prüfungen auf mich warten, wer weiß, wie sehr mich begangene Fehler
noch quälen, wie oft mir gute und vernünftige Plane für die Zukunft
mißlingen sollen; aber diesen Schatz, den ich einmal besitze, erhalte
mir, du erbittliches oder unerbittliches Schicksal! Wäre es möglich,
daß dieser beste Teil von mir selbst vor mir zerstört, daß dieses Herz
von meinem Herzen gerissen werden könnte, so lebe wohl, Verstand und
Vernunft, lebe wohl, jede Sorgfalt und Vorsicht, verschwinde, du Trieb
zur Erhaltung! Alles, was uns vom Tiere unterscheidet, verliere sich!
Und wenn es nicht erlaubt ist, seine traurigen Tage freiwillig zu
endigen, so hebe ein frühzeitiger Wahnsinn das Bewußtsein auf, ehe der
Tod, der es auf immer zerstört, die lange Nacht herbeiführt!"
Er faßte den Knaben in seine Arme, küßte ihn, drückte ihn an sich und
benetzte ihn mit reichlichen Tränen. Das Kind wachte auf; sein helles
Auge, sein freundlicher Blick rührten den Vater aufs innigste.
"Welche Szene steht mir bevor", rief er aus, "wenn ich dich der
schönen, unglücklichen Gräfin vorstellen soll, wenn sie dich an ihren
Busen drückt, den dein Vater so tief verletzt hat! Muß ich nicht
fürchten, sie stößt dich wieder von sich mit einem Schrei, sobald
deine Berührung ihren wahren oder eingebildeten Schmerz erneuert!"
Der Kutscher ließ ihm nicht Zeit, weiter zu denken oder zu wählen, er
nötigte ihn vor Tage in den Wagen; nun wickelte er seinen Felix wohl
ein, der Morgen war kalt, aber heiter, das Kind sah zum erstenmal in
seinem Leben die Sonne aufgehn. Sein Erstaunen über den ersten
feurigen Blick, über die wachsende Gewalt des Lichts, seine Freude und
seine wunderlichen Bemerkungen erfreuten den Vater und ließen ihn
einen Blick in das Herz tun, vor welchem die Sonne wie über einem
reinen, stillen See emporsteigt und schwebt.
In einer kleinen Stadt spannte der Kutscher aus und ritt zurück.
Wilhelm nahm sogleich ein Zimmer in Besitz und fragte sich nun, ob er
bleiben oder vorwärts gehen solle. In dieser Unentschlossenheit wagte
er das Blättchen wieder hervorzunehmen, das er bisher nochmals
anzusehen nicht getraut hatte; es enthielt folgende Worte: "Schicke
mir deinen jungen Freund ja bald; Mignon hat sich diese beiden letzten
Tage eher verschlimmert. So traurig diese Gelegenheit ist, so soll
mich's doch freuen, ihn kennenzulernen."
Die letzten Worte hatte Wilhelm beim ersten Blick nicht bemerkt. Er
erschrak darüber und war sogleich entschieden, daß er nicht gehen
wollte. "Wie?" rief er aus, "Lothario, der das Verhältnis weiß, hat
ihr nicht eröffnet, wer ich bin? Sie erwartet nicht mit gesetztem
Gemüt einen Bekannten, den sie lieber nicht wiedersähe, sie erwartet
einen Fremden, und ich trete hinein! Ich sehe sie zurückschaudern,
ich sehe sie erröten! Nein, es ist mir unmöglich, dieser Szene
entgegenzusehen." Soeben wurden die Pferde herausgeführt und
eingespannt; Wilhelm war entschlossen, abzupacken und hierzubleiben.
Er war in der größten Bewegung. Als er ein Mädchen zur Treppe
heraufkommen hörte, die ihm anzeigen wollte, daß alles fertig sei,
sann er geschwind auf eine Ursache, die ihn hierzubleiben nötigte, und
seine Augen ruhten ohne Aufmerksamkeit auf dem Billett, das er in der
Hand hielt. "Um Gottes willen!" rief er aus, "was ist das? Das ist
nicht die Hand der Gräfin, es ist die Hand der Amazone!"
VIII. Buch, 2. Kapitel--2
Das Mädchen trat herein, bat ihn herunterzukommen und führte Felix
mit sich fort. "Ist es möglich?" rief er aus, "ist es wahr? Was soll
ich tun? Bleiben und abwarten und aufklären? oder eilen? eilen und
mich einer Entwicklung entgegenstürzen? Du bist auf dem Wege zu ihr
und kannst zaudern? Diesen Abend sollst du sie sehen und willst dich
freiwillig ins Gefängnis einsperren? Es ist ihre Hand, ja sie ist's!
Diese Hand beruft dich, ihr Wagen ist angespannt, dich zu ihr zu
führen; nun löst sich das Rätsel: Lothario hat zwei Schwestern. Er
weiß mein Verhältnis zu der einen; wieviel ich der andern schuldig bin,
ist ihm unbekannt. Auch sie weiß nicht, daß der verwundete Vagabund,
der ihr, wo nicht sein Leben, doch seine Gesundheit verdankt, in dem
Hause ihres Bruders so unverdient gütig aufgenommen worden ist."
Felix, der sich unten im Wagen schaukelte, rief: "Vater, komm! o komm!
sieh die schönen Wolken, die schönen Farben!"--"Ja, ich komme", rief
Wilhelm, indem er die Treppe hinuntersprang, "und alle Erscheinungen
des Himmels, die du gutes Kind noch sehr bewunderst, sind nichts gegen
den Anblick, den ich erwarte."
Im Wagen sitzend, rief er nun alle Verhältnisse in sein Gedächtnis
zurück. "So ist also auch diese Natalie die Freundin Theresens! welch
eine Entdeckung, welche Hoffnung und welche Aussichten! Wie seltsam,
daß die Furcht, von der einen Schwester reden zu hören, mir das Dasein
der andern ganz und gar verbergen konnte!" Mit welcher Freude sah er
seinen Felix an; er hoffte für den Knaben wie für sich die beste
Aufnahme.
Der Abend kam heran, die Sonne war untergegangen, der Weg nicht der
beste, der Postillon fuhr langsam, Felix war eingeschlafen, und neue
Sorgen und Zweifel stiegen in dem Busen unseres Freundes auf. "Von
welchem Wahn, von welchen Einfällen wirst du beherrscht!" sagte er zu
sich selbst, "eine ungewisse ähnlichkeit der Handschrift macht dich
auf einmal sicher und gibt dir Gelegenheit, das wunderbarste Märchen
auszudenken." Er nahm das Billett wieder vor, und bei dem abgehenden
Tageslicht glaubte er wieder die Handschrift der Gräfin zu erkennen;
seine Augen wollten im einzelnen nicht wiederfinden, was ihm sein Herz
im ganzen auf einmal gesagt hatte. "So ziehen dich denn doch diese
Pferde zu einer schrecklichen Szene! Wer weiß, ob sie dich nicht in
wenig Stunden schon wieder zurückführen werden? Und wenn du sie nur
noch allein anträfest; aber vielleicht ist ihr Gemahl gegenwärtig,
vielleicht die Baronesse! Wie verändert werde ich sie finden! Werde
ich vor ihr auf den Füßen stehen können?"
Nur eine schwache Hoffnung, daß er seiner Amazone entgegengehe, konnte
manchmal durch die trüben Vorstellungen durchblicken. Es war Nacht
geworden, der Wagen rasselte in einen Hof hinein und hielt still; ein
Bedienter mit einer Wachsfackel trat aus einem prächtigen Portal
hervor und kam die breiten Stufen hinunter bis an den Wagen. "Sie
werden schon lange erwartet", sagte er, indem er das Leder aufschlug.
Wilhelm, nachdem er ausgestiegen war, nahm den schlafenden Felix auf
den Arm, und der erste Bediente rief zu einem zweiten, der mit einem
Lichte in der Türe stand: "Führe den Herrn gleich zur Baronesse."
Blitzschnell fuhr Wilhelmen durch die Seele: "Welch ein Glück! Es sei
vorsätzlich oder zufällig, die Baronesse ist hier! Ich soll sie
zuerst sehen! Wahrscheinlich schläft die Gräfin schon! Ihr guten
Geister, helft, daß der Augenblick der größten Verlegenheit leidlich
vorübergehe!"
Er trat in das Haus und fand sich an dem ernsthaftesten, seinem
Gefühle nach dem heiligsten Orte, den er je betreten hatte. Eine
herabhängende blendende Laterne erleuchtete eine breite, sanfte Treppe,
die ihm entgegenstand und sich oben beim Umwenden in zwei Teile
teilte. Marmorne Statuen und Büsten standen auf Piedestalen und in
Nischen geordnet; einige schienen ihm bekannt. Jugendeindrücke
verlöschen nicht, auch in ihren kleinsten Teilen. Er erkannte eine
Muse, die seinem Großvater gehört hatte, zwar nicht an ihrer Gestalt
und an ihrem Wert, doch an einem restaurierten Arme und an den
neueingesetzten Stücken des Gewandes. Es war, als wenn er ein Märchen
erlebte. Das Kind ward ihm schwer; er zauderte auf den Stufen und
kniete nieder, als ob er es bequemer fassen wollte. Eigentlich aber
bedurfte er einer augenblicklichen Erholung. Er konnte kaum sich
wieder aufheben. Der vorleuchtende Bediente wollte ihm das Kind
abnehmen, er konnte es nicht von sich lassen. Darauf trat er in den
Vorsaal, und zu seinem noch größern Erstaunen erblickte er das
wohlbekannte Bild vom kranken Königssohn an der Wand. Er hatte kaum
Zeit, einen Blick darauf zu werfen, der Bediente nötigte ihn durch ein
paar Zimmer in ein Kabinett. Dort, hinter einem Lichtschirme, der sie
beschattete, saß ein Frauenzimmer und las. "O daß sie es wäre!" sagte
er zu sich selbst in diesem entscheidenden Augenblick. Er setzte das
Kind nieder, das aufzuwachen schien, und dachte sich der Dame zu
nähern, aber das Kind sank schlaftrunken zusammen, das Frauenzimmer
stand auf und kam ihm entgegen. Die Amazone war's! Er konnte sich
nicht halten, stürzte auf seine Knie und rief aus: "Sie ist's!" Er
faßte ihre Hand und küßte sie mit unendlichem Entzücken. Das Kind lag
zwischen ihnen beiden auf dem Teppich und schlief sanft.
Felix ward auf das Kanapee gebracht, Natalie setzte sich zu ihm, sie
hieß Wilhelmen auf den Sessel sitzen, der zunächst dabeistand. Sie
bot ihm einige Erfrischungen an, die er ausschlug, indem er nur
beschäftigt war, sich zu versichern, daß sie es sei, und ihre durch
den Lichtschirm beschatteten Züge genau wiederzusehen und sicher
wiederzuerkennen. Sie erzählte ihm von Mignons Krankheit im
allgemeinen, daß das Kind von wenigen tiefen Empfindungen nach und
nach aufgezehrt werde, daß es bei seiner großen Reizbarkeit, die es
verberge, von einem Krampf an seinem armen Herzen oft heftig und
gefährlich leide, daß dieses erste Organ des Lebens bei unvermuteten
Gemütsbewegungen manchmal plötzlich stillestehe und keine Spur der
heilsamen Lebensregung in dem Busen des guten Kindes gefühlt werden
könne. Sei dieser ängstliche Krampf vorbei, so äußere sich die Kraft
der Natur wieder in gewaltsamen Pulsen und ängstige das Kind nunmehr
durch übermaß, wie es vorher durch Mangel gelitten habe.
Wilhelm erinnerte sich einer solchen krampfhaften Szene, und Natalie
bezog sich auf den Arzt, der weiter mit ihm über die Sache sprechen
und die Ursache, warum man den Freund und Wohltäter des Kindes
gegenwärtig herbeigerufen, umständlicher vorlegen würde. "Eine
sonderbare Veränderung", fuhr Natalie fort, "werden Sie an ihr finden;
sie geht nunmehr in Frauenkleidern, vor denen sie sonst einen so
großen Abscheu zu haben schien."
"Wie haben Sie das erreicht?" fragte Wilhelm.
"Wenn es wünschenswert war, so sind wir es nur dem Zufall schuldig.
Hören Sie, wie es zugegangen ist. Sie wissen vielleicht, daß ich
immer eine Anzahl junger Mädchen um mich habe, deren Gesinnungen ich,
indem sie neben mir aufwachsen, zum Guten und Rechten zu bilden
wünsche. Aus meinem Munde hören sie nichts, als was ich selber für
wahr halte, doch kann ich und will ich nicht hindern, daß sie nicht
auch von andern manches vernehmen, was als Irrtum, als Vorurteil in
der Welt gäng und gäbe ist. Fragen sie mich darüber, so suche ich,
soviel nur möglich ist, jene fremden, ungehörigen Begriffe irgendwo an
einen richtigen anzuknüpfen, um sie dadurch, wo nicht nützlich, doch
unschädlich zu machen. Schon seit einiger Zeit hatten meine Mädchen
aus dem Munde der Bauerkinder gar manches von Engeln, vom Knechte
Ruprecht, vom Heiligen Christe vernommen, die zu gewissen Zeiten in
Person erscheinen, gute Kinder beschenken und unartige bestrafen
sollten. Sie hatten eine Vermutung, daß es verkleidete Personen sein
müßten, worin ich sie denn auch bestärkte und, ohne mich viel auf
Deutungen einzulassen, mir vornahm, ihnen bei der ersten Gelegenheit
ein solches Schauspiel zu geben. Es fand sich eben, daß der
Geburtstag von Zwillingsschwestern, die sich immer sehr gut betragen
hatten, nahe war; ich versprach, daß ihnen diesmal ein Engel die
kleinen Geschenke bringen sollte, die sie so wohl verdient hätten.
Sie waren äußerst gespannt auf diese Erscheinung. Ich hatte mir
Mignon zu dieser Rolle ausgesucht, und sie ward an dem bestimmten Tage
in ein langes, leichtes, weißes Gewand anständig gekleidet. Es fehlte
nicht an einem goldenen Gürtel um die Brust und an einem gleichen
Diadem in den Haaren. Anfangs wollte ich die Flügel weglassen, doch
bestanden die Frauenzimmer, die sie anputzten, auf ein Paar großer
goldner Schwingen, an denen sie recht ihre Kunst zeigen wollten. So
trat, mit einer Lilie in der einen Hand und mit einem Körbchen in der
andern, die wundersame Erscheinung in die Mitte der Mädchen und
überraschte mich selbst. "Da kommt der Engel!" sagte ich. Die Kinder
traten alle wie zurück; endlich riefen sie aus: "Es ist Mignon!" und
getrauten sich doch nicht, dem wundersamen Bilde näher zu treten.
"Hier sind eure Gaben", sagte sie und reichte das Körbchen hin. Man
versammelte sich um sie, man betrachtete, man befühlte, man befragte
sie.
"Bist du ein Engel?" fragte das eine Kind.
"Ich wollte, ich wär es", versetzte Mignon.
"Warum trägst du eine Lilie?"
"So rein und offen sollte mein Herz sein, dann wär ich glücklich."
"Wie ist's mit den Flügeln? Laß sie sehen!"
"Sie stellen schönere vor, die noch nicht entfaltet sind."
Und so antwortete sie bedeutend auf jede unschuldige, leichte Frage.
Als die Neugierde der kleinen Gesellschaft befriedigt war und der
Eindruck dieser Erscheinung stumpf zu werden anfing, wollte man sie
wieder auskleiden. Sie verwehrte es, nahm ihre Zither, setzte sich
hier auf diesen hohen Schreibtisch hinauf und sang ein Lied mit
unglaublicher Anmut:
So laßt mich scheinen, bis ich werde;
Zieht mir das weiße Kleid nicht aus!
Ich eile von der schönen Erde
Hinab in jenes feste Haus.
Dort ruh ich eine kleine Stille,
Dann öffnet sich der frische Blick,
Ich lasse dann die reine Hülle,
Den Gürtel und den Kranz zurück.
Und jene himmlischen Gestalten,
Sie fragen nicht nach Mann und Weib,
Und keine Kleider, keine Falten
Umgeben den verklärten Leib.
Zwar lebt ich ohne Sorg und Mühe,
Doch fühlt ich tiefen Schmerz genung;
Vor Kummer altert ich zu frühe;
Macht mich auf ewig wieder jung!
Ich entschloß mich sogleich", fuhr Natalie fort, "ihr das Kleid zu
lassen und ihr noch einige der Art anzuschaffen, in denen sie nun auch
geht und in denen, wie es mir scheint, ihr Wesen einen ganz andern
Ausdruck hat."
Da es schon spät war, entließ Natalie den Ankömmling, der nicht ohne
einige Bangigkeit sich von ihr trennte. "Ist sie verheiratet oder
nicht?" dachte er bei sich selbst. Er hatte gefürchtet, sooft sich
etwas regte, eine Türe möchte sich auftun und der Gemahl hereintreten.
Der Bediente, der ihn in sein Zimmer einließ, entfernte sich
schneller, als er Mut gefaßt hatte, nach diesem Verhältnis zu fragen.
Die Unruhe hielt ihn noch eine Zeitlang wach, und er beschäftigte sich,
das Bild der Amazone mit dem Bilde seiner neuen, gegenwärtigen
Freundin zu vergleichen. Sie wollten noch nicht miteinander
zusammenfließen; jenes hatte er sich gleichsam geschaffen, und dieses
schien fast ihn umschaffen zu wollen.
VIII. Buch, 3. Kapitel--1
Drittes Kapitel
Den andern Morgen, da noch alles still und ruhig war, ging er, sich im
Hause umzusehen. Es war die reinste, schönste, würdigste Baukunst,
die er gesehen hatte. "Ist doch wahre Kunst", rief er aus, "wie gute
Gesellschaft: sie nötigt uns auf die angenehmste Weise, das Maß zu
erkennen, nach dem und zu dem unser Innerstes gebildet ist."
Unglaublich angenehm war der Eindruck, den die Statuen und Büsten
seines Großvaters auf ihn machten. Mit Verlangen eilte er dem Bilde
vom kranken Königssohn entgegen, und noch immer fand er es reizend und
rührend. Der Bediente öffnete ihm verschiedene andere Zimmer; er fand
eine Bibliothek, eine Naturaliensammlung, ein physikalisches Kabinett.
Er fühlte sich so fremd vor allen diesen Gegenständen. Felix war
indessen erwacht und ihm nachgesprungen; der Gedanke, wie und wann er
Theresens Brief erhalten werde, machte ihm Sorge; er fürchtete sich
vor dem Anblick Mignons, gewissermaßen vor dem Anblick Nataliens. Wie
ungleich war sein gegenwärtiger Zustand mit jenen Augenblicken, als er
den Brief an Theresen gesiegelt hatte und mit frohem Mut sich ganz
einem so edlen Wesen hingab.
Natalie ließ ihn zum Frühstück einladen. Er trat in ein Zimmer, in
welchem verschiedene reinlich gekleidete Mädchen, alle, wie es schien,
unter zehn Jahren, einen Tisch zurechtemachten, indem eine ältliche
Person verschiedene Arten von Getränken hereinbrachte.
Wilhelm beschaute ein Bild, das über dem Kanapee hing, mit
Aufmerksamkeit, er mußte es für das Bild Nataliens erkennen, sowenig
es ihm genugtun wollte. Natalie trat herein, und die ähnlichkeit
schien ganz zu verschwinden. Zu seinem Troste hatte es ein
Ordenskreuz an der Brust, und er sah ein gleiches an der Brust
Nataliens.
"Ich habe das Porträt hier angesehen", sagte er zu ihr, "und mich
verwundert, wie ein Maler zugleich so wahr und so falsch sein kann.
Das Bild gleicht Ihnen im allgemeinen recht sehr gut, und doch sind es
weder Ihre Züge noch Ihr Charakter."
"Es ist vielmehr zu verwundern", versetzte Natalie, "daß es so viel
ähnlichkeit hat; denn es ist gar mein Bild nicht; es ist das Bild
einer Tante, die mir noch in ihrem Alter glich, da ich erst ein Kind
war. Es ist gemalt, als sie ungefähr meine Jahre hatte, und beim
ersten Anblick glaubt jedermann mich zu sehen. Sie hätten diese
treffliche Person kennen sollen. Ich bin ihr so viel schuldig. Eine
sehr schwache Gesundheit, vielleicht zuviel Beschäftigung mit sich
selbst und dabei eine sittliche und religiöse ängstlichkeit ließen sie
das der Welt nicht sein, was sie unter andern Umständen hätte werden
können. Sie war ein Licht, das nur wenigen Freunden und mir besonders
leuchtete."
"Wäre es möglich", versetzte Wilhelm, der sich einen Augenblick
besonnen hatte, indem nun auf einmal so vielerlei Umstände ihm
zusammentreffend erschienen, "wäre es möglich, daß jene schöne,
herrliche Seele, deren stille Bekenntnisse auch mir mitgeteilt worden
sind, Ihre Tante sei?"
"Sie haben das Heft gelesen?" fragte Natalie.
"Ja!" versetzte Wilhelm, "mit der größten Teilnahme und nicht ohne
Wirkung auf mein ganzes Leben. Was mir am meisten aus dieser Schrift
entgegenleuchtete, war, ich möchte so sagen, die Reinlichkeit des
Daseins, nicht allein ihrer selbst, sondern auch alles dessen, was sie
umgab, diese Selbständigkeit ihrer Natur und die Unmöglichkeit, etwas
in sich aufzunehmen, was mit der edlen, liebevollen Stimmung nicht
harmonisch war."
"So sind Sie", versetzte Natalie, "billiger, ja ich darf wohl sagen,
gerechter gegen diese schöne Natur als manche anderen, denen man auch
dieses Manuskript mitgeteilt hat. Jeder gebildete Mensch weiß, wie
sehr er an sich und andern mit einer gewissen Roheit zu kämpfen hat,
wieviel ihn seine Bildung kostet und wie sehr er doch in gewissen
Fällen nur an sich selbst denkt und vergißt, was er andern schuldig
ist. Wie oft macht der gute Mensch sich Vorwürfe, daß er nicht zart
genug gehandelt habe; und doch, wenn nun eine schöne Natur sich allzu
zart, sich allzu gewissenhaft bildet, ja, wenn man will, sich
überbildet, für diese scheint keine Duldung, keine Nachsicht in der
Welt zu sein. Dennoch sind die Menschen dieser Art außer uns, was die
Ideale im Innern sind, Vorbilder, nicht zum Nachahmen, sondern zum
Nachstreben. Man lacht über die Reinlichkeit der Holländerinnen, aber
wäre Freundin Therese, was sie ist, wenn ihr nicht eine ähnliche Idee
in ihrem Hauswesen immer vorschwebte?"
"So finde ich also", rief Wilhelm aus, "in Theresens Freundin jene
Natalie vor mir, an welcher das Herz jener köstlichen Verwandten hing,
jene Natalie, die von Jugend an so teilnehmend, so liebevoll und
hilfreich war! Nur aus einem solchen Geschlecht konnte eine solche
Natur entstehen! Welch eine Aussicht eröffnet sich vor mir, da ich
auf einmal Ihre Voreltern und den ganzen Kreis, dem Sie angehören,
überschaue."
"Ja!" versetzte Natalie, "Sie könnten in einem gewissen Sinne nicht
besser von uns unterrichtet sein als durch den Aufsatz unserer Tante;
freilich hat ihre Neigung zu mir sie zuviel Gutes von dem Kinde sagen
lassen. Wenn man von einem Kinde redet, spricht man niemals den
Gegenstand, immer nur seine Hoffnungen aus."
Wilhelm hatte indessen schnell überdacht, daß er nun auch von
Lotharios Herkunft und früher Jugend unterrichtet sei; die schöne
Gräfin erschien ihm als Kind mit den Perlen ihrer Tante um den Hals;
auch er war diesen Perlen so nahe gewesen, als ihre zarten,
liebevollen Lippen sich zu den seinigen herunterneigten; er suchte
diese schönen Erinnerungen durch andere Gedanken zu entfernen. Er
lief die Bekanntschaften durch, die ihm jene Schrift verschafft hatte.
"So bin ich denn", rief er aus, "in dem Hause des würdigen Oheims!
Es ist kein Haus, es ist ein Tempel, und Sie sind die würdige
Priesterin, ja der Genius selbst; ich werde mich des Eindrucks von
gestern abend zeitlebens erinnern, als ich hereintrat und die alten
Kunstbilder der frühsten Jugend wieder vor mir standen. Ich erinnerte
mich der mitleidigen Marmorbilder in Mignons Lied; aber diese Bilder
hatten über mich nicht zu trauern, sie sahen mich mit hohem Ernst an
und schlossen meine früheste Zeit unmittelbar an diesen Augenblick.
Diesen unsern alten Familienschatz, diese Lebensfreude meines
Großvaters finde ich hier zwischen so vielen andern würdigen
Kunstwerken aufgestellt, und mich, den die Natur zum Liebling dieses
guten alten Mannes gemacht hatte, mich Unwürdigen finde ich nun auch
hier, o Gott! in welchen Verbindungen, in welcher Gesellschaft!"
Die weibliche Jugend hatte nach und nach das Zimmer verlassen, um
ihren kleinen Beschäftigungen nachzugehn. Wilhelm, der mit Natalien
allein geblieben war, mußte ihr seine letzten Worte deutlicher
erklären. Die Entdeckung, daß ein schätzbarer Teil der aufgestellten
Kunstwerke seinem Großvater angehört hatte, gab eine sehr heitere,
gesellige Stimmung. So wie er durch jenes Manuskript mit dem Hause
bekannt worden war, so fand er sich nun auch gleichsam in seinem
Erbteile wieder. Nun wünschte er Mignon zu sehen; die Freundin bat
ihn, sich noch so lange zu gedulden, bis der Arzt, der in die
Nachbarschaft gerufen worden, wieder zurückkäme. Man kann leicht
denken, daß es derselbe kleine, tätige Mann war, den wir schon kennen
und dessen auch die "Bekenntnisse einer schönen Seele" erwähnten.
"Da ich mich", fuhr Wilhelm fort, "mitten in jenem Familienkreis
befinde, so ist ja wohl der Abbe, dessen jene Schrift erwähnt, auch
der wunderbare, unerklärliche Mann, den ich in dem Hause Ihres Bruders
nach den seltsamsten Ereignissen wiedergefunden habe? Vielleicht
geben Sie mir einige nähere Aufschlüsse über ihn?"
Natalie versetzte: "über ihn wäre vieles zu sagen; wovon ich am
genauesten unterrichtet bin, ist der Einfluß, den er auf unsere
Erziehung gehabt hat. Er war, wenigstens eine Zeitlang, überzeugt,
daß die Erziehung sich nur an die Neigung anschließen müsse; wie er
jetzt denkt, kann ich nicht sagen. Er behauptete: das Erste und
Letzte am Menschen sei Tätigkeit, und man könne nichts tun, ohne die
Anlage dazu zu haben, ohne den Instinkt, der uns dazu treibe. "Man
gibt zu", pflegte er zu sagen, "daß Poeten geboren werden, man gibt es
bei allen Künsten zu, weil man muß und weil jene Wirkungen der
menschlichen Natur kaum scheinbar nachgeäfft werden können; aber wenn
man es genau betrachtet, so wird jede, auch nur die geringste
Fähigkeit uns angeboren, und es gibt keine unbestimmte Fähigkeit. Nur
unsere zweideutige, zerstreute Erziehung macht die Menschen ungewiß;
sie erregt Wünsche, statt Triebe zu beleben, und anstatt den
wirklichen Anlagen aufzuhelfen, richtet sie das Streben nach
Gegenständen, die so oft mit der Natur, die sich nach ihnen bemüht,
nicht übereinstimmen. Ein Kind, ein junger Mensch, die auf ihrem
eigenen Wege irregehen, sind mir lieber als manche, die auf fremdem
Wege recht wandeln. Finden jene, entweder durch sich selbst oder
durch Anleitung, den rechten Weg, das ist den, der ihrer Natur gemäß
ist, so werden sie ihn nie verlassen, anstatt daß diese jeden
Augenblick in Gefahr sind, ein fremdes Joch abzuschütteln und sich
einer unbedingten Freiheit zu übergeben.""
"Es ist sonderbar", sagte Wilhelm, "daß dieser merkwürdige Mann auch
an mir teilgenommen und mich, wie es scheint, nach seiner Weise, wo
nicht geleitet, doch wenigstens eine Zeitlang in meinen Irrtümern
gestärkt hat. Wie er es künftig verantworten will, daß er in
Verbindung mit mehreren mich gleichsam zum besten hatte, muß ich wohl
mit Geduld erwarten."
"Ich habe mich nicht über diese Grille, wenn sie eine ist, zu
beklagen", sagte Natalie; "denn ich bin freilich unter meinen
Geschwistern am besten dabei gefahren. Auch seh ich nicht, wie mein
Bruder Lothario hätte schöner ausgebildet werden können; nur hätte
vielleicht meine gute Schwester, die Gräfin, anders behandelt werden
sollen, vielleicht hätte man ihrer Natur etwas mehr Ernst und Stärke
einflößen können. Was aus Bruder Friedrich werden soll, läßt sich gar
nicht denken; ich fürchte, er wird das Opfer dieser pädagogischen
Versuche werden."
"Sie haben noch einen Bruder?" rief Wilhelm.
"Ja!" versetzte Natalie, "und zwar eine sehr lustige, leichtfertige
Natur, und da man ihn nicht abgehalten hatte, in der Welt
herumzufahren, so weiß ich nicht, was aus diesem losen, lockern Wesen
werden soll. Ich habe ihn seit langer Zeit nicht gesehen. Das
einzige beruhigt mich, daß der Abbe und überhaupt die Gesellschaft
meines Bruders jederzeit unterrichtet sind, wo er sich aufhält und was
er treibt."
Wilhelm war eben im Begriff, Nataliens Gedanken sowohl über diese
Paradoxen zu erforschen als auch über die geheimnisvolle Gesellschaft
von ihr Aufschlüsse zu begehren, als der Medikus hereintrat und nach
dem ersten Willkommen sogleich von Mignons Zustande zu sprechen anfing.
Natalie, die darauf den Felix bei der Hand nahm, sagte, sie wolle ihn
zu Mignon führen und das Kind auf die Erscheinung seines Freundes
vorbereiten.
Der Arzt war nunmehr mit Wilhelm allein und fuhr fort: "Ich habe Ihnen
wunderbare Dinge zu erzählen, die Sie kaum vermuten. Natalie läßt uns
Raum, damit wir freier von Dingen sprechen können, die, ob ich sie
gleich nur durch sie selbst erfahren konnte, doch in ihrer Gegenwart
so frei nicht abgehandelt werden dürften. Die sonderbare Natur des
guten Kindes, von dem jetzt die Rede ist, besteht beinah nur aus einer
tiefen Sehnsucht; das Verlangen, ihr Vaterland wiederzusehen, und das
Verlangen nach Ihnen, mein Freund, ist, möchte ich fast sagen, das
einzige Irdische an ihr; beides greift nur in eine unendliche Ferne,
beide Gegenstände liegen unerreichbar vor diesem einzigen Gemüt. Sie
mag in der Gegend von Mailand zu Hause sein und ist in sehr früher
Jugend durch eine Gesellschaft Seiltänzer ihren Eltern entführt worden.
Näheres kann man von ihr nicht erfahren, teils weil sie zu jung war,
um Ort und Namen genau angeben zu können, besonders aber weil sie
einen Schwur getan hat, keinem lebendigen Menschen ihre Wohnung und
Herkunft näher zu bezeichnen. Denn eben jene Leute, die sie in der
Irre fanden und denen sie ihre Wohnung so genau beschrieb mit so
dringenden Bitten, sie nach Hause zu führen, nahmen sie nur desto
eiliger mit sich fort und scherzten nachts in der Herberge, da sie
glaubten, das Kind schlafe schon, über den guten Fang und beteuerten,
daß es den Weg zurück nicht wieder finden sollte. Da überfiel das
arme Geschöpf eine gräßliche Verzweiflung, in der ihm zuletzt die
Mutter Gottes erschien und es versicherte, daß sie sich seiner
annehmen wolle. Es schwur darauf bei sich selbst einen heiligen Eid,
daß sie künftig niemand mehr vertrauen, niemand ihre Geschichte
erzählen und in der Hoffnung einer unmittelbaren göttlichen Hülfe
leben und sterben wolle. Selbst dieses, was ich Ihnen hier erzähle,
hat sie Natalien nicht ausdrücklich vertraut; unsere werte Freundin
hat es aus einzelnen äußerungen, aus Liedern und kindlichen
Unbesonnenheiten, die gerade das verraten, was sie verschweigen wollen,
zusammengereiht."
Wilhelm konnte sich nunmehr manches Lied, manches Wort dieses guten
Kindes erklären. Er bat seinen Freund aufs dringendste, ihm ja nichts
vorzuenthalten, was ihm von den sonderbaren Gesängen und Bekenntnissen
des einzigen Wesens bekannt worden sei.
"Oh!" sagte der Arzt, "bereiten Sie sich auf ein sonderbares
Bekenntnis, auf eine Geschichte, an der Sie, ohne sich zu erinnern,
viel Anteil haben, die, wie ich fürchte, für Tod und Leben dieses
guten Geschöpfs entscheidend ist."
"Lassen Sie mich hören", versetzte Wilhelm, "ich bin äußerst
ungeduldig."
VIII. Buch, 3. Kapitel--2
"Erinnern Sie sich", sagte der Arzt, "eines geheimen, nächtlichen,
weiblichen Besuchs nach der Aufführung des "Hamlets"?"
"Ja, ich erinnere mich dessen wohl!" rief Wilhelm beschämt, "aber ich
glaubte nicht, in diesem Augenblick daran erinnert zu werden."
"Wissen Sie, wer es war?"
"Nein! Sie erschrecken mich! Um's Himmels willen doch nicht Mignon?
Wer war's? Sagen Sie mir's!"
"Ich weiß es selbst nicht."
"Also nicht Mignon?"
"Nein, gewiß nicht! aber Mignon war im Begriff, sich zu Ihnen zu
schleichen, und mußte aus einem Winkel mit Entsetzen sehen, daß eine
Nebenbuhlerin ihr zuvorkam."
"Eine Nebenbuhlerin!" rief Wilhelm aus. "Reden Sie weiter, Sie
verwirren mich ganz und gar."
"Sein Sie froh", sagte der Arzt, "daß Sie diese Resultate so schnell
von mir erfahren können. Natalie und ich, die wir doch nur einen
entferntern Anteil nehmen, wir waren genug gequält, bis wir den
verworrenen Zustand dieses guten Wesens, dem wir zu helfen wünschten,
nur so deutlich einsehen konnten. Durch leichtsinnige Reden Philinens
und der andern Mädchen, durch ein gewisses Liedchen aufmerksam gemacht,
war ihr der Gedanke so reizend geworden, eine Nacht bei dem Geliebten
zuzubringen, ohne daß sie dabei etwas weiter als eine vertrauliche,
glückliche Ruhe zu denken wußte. Die Neigung für Sie, mein Freund,
war in dem guten Herzen schon lebhaft und gewaltsam, in Ihren Armen
hatte das gute Kind schon von manchem Schmerz ausgeruht, sie wünschte
sich nun dieses Glück in seiner ganzen Fülle. Bald nahm sie sich vor,
Sie freundlich darum zu bitten, bald hielt sie ein heimlicher Schauder
wieder davon zurück. Endlich gab ihr der lustige Abend und die
Stimmung des häufig genossenen Weins den Mut, das Wagestück zu
versuchen und sich jene Nacht bei Ihnen einzuschleichen. Schon war
sie vorausgelaufen, um sich in der unverschlossenen Stube zu verbergen,
allein als sie eben die Treppe hinaufgekommen war, hörte sie ein
Geräusch; sie verbarg sich und sah ein weißes, weibliches Wesen in Ihr
Zimmer schleichen. Sie kamen selbst bald darauf, und sie hörte den
großen Riegel zuschieben.
Mignon empfand unerhörte Qual, alle die heftigen Empfindungen einer
leidenschaftlichen Eifersucht mischten sich zu dem unbekannten
Verlangen einer dunkeln Begierde und griffen die halbentwickelte Natur
gewaltsam an. Ihr Herz, das bisher vor Sehnsucht und Erwartung
lebhaft geschlagen hatte, fing auf einmal an zu stocken und drückte
wie eine bleierne Last ihren Busen, sie konnte nicht zu Atem kommen,
sie wußte sich nicht zu helfen, sie hörte die Harfe des Alten, eilte
zu ihm unter das Dach und brachte die Nacht zu seinen Füßen unter
entsetzlichen Zuckungen hin."
Der Arzt hielt einen Augenblick inne, und da Wilhelm stilleschwieg,
fuhr er fort: "Natalie hat mir versichert, es habe sie in ihrem Leben
nichts so erschreckt und angegriffen als der Zustand des Kindes bei
dieser Erzählung; ja unsere edle Freundin machte sich Vorwürfe, daß
sie durch ihre Fragen und Anleitungen diese Bekenntnisse hervorgelockt
und durch die Erinnerung die lebhaften Schmerzen des guten Mädchens so
grausam erneuert habe.
"Das gute Geschöpf", so erzählte mir Natalie, "war kaum auf diesem
Punkte seiner Erzählung oder vielmehr seiner Antworten auf meine
steigenden Fragen, als es auf einmal vor mir niederstürzte und, mit
der Hand am Busen, über den wiederkehrenden Schmerz jener
schrecklichen Nacht sich beklagte. Es wand sich wie ein Wurm an der
Erde, und ich mußte alle meine Fassung zusammennehmen, um die Mittel,
die mir für Geist und Körper unter diesen Umständen bekannt waren, zu
denken und anzuwenden.""
"Sie setzen mich in eine bängliche Lage", rief Wilhelm, "indem Sie
mich eben im Augenblicke, da ich das liebe Geschöpf wiedersehen soll,
mein vielfaches Unrecht gegen dasselbe so lebhaft fühlen lassen. Soll
ich sie sehen, warum nehmen Sie mir den Mut, ihr mit Freiheit
entgegenzutreten? Und soll ich Ihnen gestehen: da ihr Gemüt so
gestimmt ist, so seh ich nicht ein, was meine Gegenwart helfen soll?
Sind Sie als Arzt überzeugt, daß jene doppelte Sehnsucht ihre Natur so
weit untergraben hat, daß sie sich vom Leben abzuscheiden droht, warum
soll ich durch meine Gegenwart ihre Schmerzen erneuern und vielleicht
ihr Ende beschleunigen?"
"Mein Freund!" versetzte der Arzt, "wo wir nicht helfen können, sind
wir doch schuldig zu lindern, und wie sehr die Gegenwart eines
geliebten Gegenstandes der Einbildungskraft ihre zerstörende Gewalt
nimmt und die Sehnsucht in ein ruhiges Schauen verwandelt, davon habe
ich die wichtigsten Beispiele. Alles mit Maß und Ziel! Denn ebenso
kann die Gegenwart eine verlöschende Leidenschaft wieder anfachen.
Sehen Sie das gute Kind, betragen Sie sich freundlich, und lassen Sie
uns abwarten, was daraus entsteht."
Natalie kam eben zurück und verlangte, daß Wilhelm ihr zu Mignon
folgen sollte. "Sie scheint mit Felix ganz glücklich zu sein und wird
den Freund, hoffe ich, gut empfangen." Wilhelm folgte nicht ohne
einiges Widerstreben; er war tief gerührt von dem, was er vernommen
hatte, und fürchtete eine leidenschaftliche Szene. Als er hereintrat,
ergab sich gerade das Gegenteil.
Mignon im langen weißen Frauengewande, teils mit lockigen, teils
aufgebundenen reichen braunen Haaren, saß, hatte Felix auf dem Schoße
und drückte ihn an ihr Herz; sie sah völlig aus wie ein abgeschiedner
Geist, und der Knabe wie das Leben selbst; es schien, als wenn Himmel
und Erde sich umarmten. Sie reichte Wilhelmen lächelnd die Hand und
sagte: "Ich danke dir, daß du mir das Kind wiederbringst; sie hatten
ihn, Gott weiß wie, entführt, und ich konnte nicht leben zeither.
Solange mein Herz auf der Erde noch etwas bedarf, soll dieser die
Lücke ausfüllen."
Die Ruhe, womit Mignon ihren Freund empfangen hatte, versetzte die
Gesellschaft in große Zufriedenheit. Der Arzt verlangte, daß Wilhelm
sie öfters sehen und daß man sie sowohl körperlich als geistig im
Gleichgewicht erhalten sollte. Er selbst entfernte sich und versprach,
in kurzer Zeit wiederzukommen.
Wilhelm konnte nun Natalien in ihrem Kreise beobachten: man hätte sich
nichts Besseres gewünscht, als neben ihr zu leben. Ihre Gegenwart
hatte den reinsten Einfluß auf junge Mädchen und Frauenzimmer von
verschiedenem Alter, die teils in ihrem Hause wohnten, teils aus der
Nachbarschaft sie mehr oder weniger zu besuchen kamen.
"Der Gang Ihres Lebens", sagte Wilhelm einmal zu ihr, "ist wohl immer
sehr gleich gewesen? Denn die Schilderung, die Ihre Tante von Ihnen
als Kind macht, scheint, wenn ich nicht irre, noch immer zu passen.
Sie haben sich, man fühlt es Ihnen wohl an, nie verwirrt. Sie waren
nie genötigt, einen Schritt zurück zu tun."
"Das bin ich meinem Oheim und dem Abbe schuldig", versetzte Natalie,
"die meine Eigenheiten so gut zu beurteilen wußten. Ich erinnere mich
von Jugend an kaum eines lebhaftern Eindrucks, als daß ich überall die
Bedürfnisse der Menschen sah und ein unüberwindliches Verlangen
empfand, sie auszugleichen. Das Kind, das noch nicht auf seinen Füßen
stehen konnte, der Alte, der sich nicht mehr auf den seinigen erhielt,
das Verlangen einer reichen Familie nach Kindern, die Unfähigkeit
einer armen, die ihrigen zu erhalten, jedes stille Verlangen nach
einem Gewerbe, den Trieb zu einem Talente, die Anlagen zu hundert
kleinen, notwendigen Fähigkeiten, diese überall zu entdecken, schien
mein Auge von der Natur bestimmt. Ich sah, worauf mich niemand
aufmerksam gemacht hatte; ich schien aber auch nur geboren, um das zu
sehen. Die Reize der leblosen Natur, für die so viele Menschen
äußerst empfänglich sind, hatten keine Wirkung auf mich, beinah noch
weniger die Reize der Kunst; meine angenehmste Empfindung war und ist
es noch, wenn sich mir ein Mangel, ein Bedürfnis in der Welt
darstellte, sogleich im Geiste einen Ersatz, ein Mittel, eine Hülfe
aufzufinden.
Sah ich einen Armen in Lumpen, so fielen mir die überflüssigen Kleider
ein, die ich in den Schränken der Meinigen hatte hängen sehen; sah ich
Kinder, die sich ohne Sorgfalt und ohne Pflege verzehrten, so
erinnerte ich mich dieser oder jener Frau, der ich, bei Reichtum und
Bequemlichkeit, Langeweile abgemerkt hatte; sah ich viele Menschen in
einem engen Raume eingesperrt, so dachte ich, sie müßten in die großen
Zimmer mancher Häuser und Paläste einquartiert werden. Diese Art zu
sehen war bei mir ganz natürlich, ohne die mindeste Reflexion, so daß
ich darüber als Kind das wunderlichste Zeug von der Welt machte und
mehr als einmal durch die sonderbarsten Anträge die Menschen in
Verlegenheit setzte. Noch eine Eigenheit war es, daß ich das Geld nur
mit Mühe und spät als ein Mittel, die Bedürfnisse zu befriedigen,
ansehen konnte; alle meine Wohltaten bestanden in Naturalien, und ich
weiß, daß oft genug über mich gelacht worden ist. Nur der Abbe schien
mich zu verstehen, er kam mir überall entgegen, er machte mich mit mir
selbst, mit diesen Wünschen und Neigungen bekannt und lehrte mich sie
zweckmäßig befriedigen."
"Haben Sie denn", fragte Wilhelm, "bei der Erziehung Ihrer kleinen
weiblichen Welt auch die Grundsätze jener sonderbaren Männer
angenommen? lassen Sie denn auch jede Natur sich selbst ausbilden?
lassen Sie denn auch die Ihrigen suchen und irren, Mißgriffe tun, sich
glücklich am Ziele finden oder unglücklich in die Irre verlieren?"
"Nein!" sagte Natalie, "diese Art, mit Menschen zu handeln, würde ganz
gegen meine Gesinnungen sein. Wer nicht im Augenblick hilft, scheint
mir nie zu helfen; wer nicht im Augenblicke Rat gibt, nie zu raten.
Ebenso nötig scheint es mir, gewisse Gesetze auszusprechen und den
Kindern einzuschärfen, die dem Leben einen gewissen Halt geben. Ja,
ich möchte beinah behaupten: es sei besser, nach Regeln zu irren, als
zu irren, wenn uns die Willkür unserer Natur hin und her treibt; und
wie ich die Menschen sehe, scheint mir in ihrer Natur immer eine Lücke
zu bleiben, die nur durch ein entschieden ausgesprochenes Gesetz
ausgefüllt werden kann."
"So ist also Ihre Handlungsweise", sagte Wilhelm, "völlig von jener
verschieden, welche unsere Freunde beobachten?"
"Ja!" versetzte Natalie, "Sie können aber hieraus die unglaubliche
Toleranz jener Männer sehen, daß sie eben auch mich auf meinem Wege,
gerade deswegen, weil es mein Weg ist, keinesweges stören, sondern mir
in allem, was ich nur wünschen kann, entgegenkommen."
Einen umständlichern Bericht, wie Natalie mit ihren Kindern verfuhr,
versparen wir auf eine andere Gelegenheit.
Mignon verlangte oft, in der Gesellschaft zu sein, und man vergönnte
es ihr um so lieber, als sie sich nach und nach wieder an Wilhelmen zu
gewöhnen, ihr Herz gegen ihn aufzuschließen und überhaupt heiterer und
lebenslustiger zu werden schien. Sie hing sich beim Spazierengehen,
da sie leicht müde ward, gern an seinen Arm. "Nun", sagte sie,
"Mignon klettert und springt nicht mehr, und doch fühlt sie noch immer
die Begierde, über die Gipfel der Berge wegzuspazieren, von einem
Hause aufs andere, von einem Baume auf den andern zu schreiten. Wie
beneidenswert sind die Vögel, besonders wenn sie so artig und
vertraulich ihre Nester bauen."
Es ward nun bald zur Gewohnheit, daß Mignon ihren Freund mehr als
einmal in den Garten lud. War dieser beschäftigt oder nicht zu finden,
so mußte Felix die Stelle vertreten, und wenn das gute Mädchen in
manchen Augenblicken ganz von der Erde los schien, so hielt sie sich
in andern gleichsam wieder fest an Vater und Sohn und schien eine
Trennung von diesen mehr als alles zu fürchten.
Natalie schien nachdenklich. "Wir haben gewünscht, durch Ihre
Gegenwart", sagte sie, "das arme gute Herz wieder aufzuschließen; ob
wir wohlgetan haben, weiß ich nicht." Sie schwieg und schien zu
erwarten, daß Wilhelm etwas sagen sollte. Auch fiel ihm ein, daß
durch seine Verbindung mit Theresen Mignon unter den gegenwärtigen
Umständen aufs äußerste gekränkt werden müsse, allein er getraute sich
in seiner Ungewißheit nichts von diesem Vorhaben zu sprechen, er
vermutete nicht, daß Natalie davon unterrichtet sei.
Ebensowenig konnte er mit Freiheit des Geistes die Unterredung
verfolgen, wenn seine edle Freundin von ihrer Schwester sprach, ihre
guten Eigenschaften rühmte und ihren Zustand bedauerte. Er war nicht
wenig verlegen, als Natalie ihm ankündigte, daß er die Gräfin bald
hier sehen werde. "Ihr Gemahl", sagte sie, "hat nun keinen andern
Sinn, als den abgeschiedenen Grafen in der Gemeinde zu ersetzen, durch
Einsicht und Tätigkeit diese große Anstalt zu unterstützen und weiter
aufzubauen. Er kommt mit ihr zu uns, um eine Art von Abschied zu
nehmen; er wird nachher die verschiedenen Orte besuchen, wo die
Gemeinde sich niedergelassen hat; man scheint ihn nach seinen Wünschen
zu behandeln, und fast glaub ich, er wagt mit meiner armen Schwester
eine Reise nach Amerika, um ja seinem Vorgänger recht ähnlich zu
werden; und da er einmal schon beinah überzeugt ist, daß ihm nicht
viel fehle, ein Heiliger zu sein, so mag ihm der Wunsch manchmal vor
der Seele schweben, womöglich zuletzt auch noch als Märtyrer zu
glänzen."
VIII. Buch, 4. Kapitel
Viertes Kapitel
Oft genug hatte man bisher von Fräulein Therese gesprochen, oft genug
ihrer im Vorbeigehen erwähnt, und fast jedesmal war Wilhelm im Begriff,
seiner neuen Freundin zu bekennen, daß er jenem trefflichen
Frauenzimmer sein Herz und seine Hand angeboten habe. Ein gewisses
Gefühl, das er sich nicht erklären konnte, hielt ihn zurück; er
zauderte so lange, bis endlich Natalie selbst mit dem himmlischen,
bescheidnen, heitern Lächeln, das man an ihr zu sehen gewohnt war, zu
ihm sagte: "So muß ich denn doch zuletzt das Stillschweigen brechen
und mich in Ihr Vertrauen gewaltsam eindrängen! Warum machen Sie mir
ein Geheimnis, mein Freund, aus einer Angelegenheit, die Ihnen so
wichtig ist und die mich selbst so nahe angeht? Sie haben meiner
Freundin Ihre Hand angeboten; ich mische mich nicht ohne Beruf in
diese Sache, hier ist meine Legitimation! hier ist der Brief, den sie
Ihnen schreibt, den sie durch mich Ihnen sendet."
"Einen Brief von Theresen!" rief er aus.
"Ja, mein Herr! und Ihr Schicksal ist entschieden, Sie sind glücklich.
Lassen Sie mich Ihnen und meiner Freundin Glück wünschen."
Wilhelm verstummte und sah vor sich hin. Natalie sah ihn an; sie
bemerkte, daß er blaß ward. "Ihre Freude ist stark", fuhr sie fort,
"sie nimmt die Gestalt des Schreckens an, sie raubt Ihnen die Sprache.
Mein Anteil ist darum nicht weniger herzlich, weil er mich noch zum
Worte kommen läßt. Ich hoffe, Sie werden dankbar sein, denn ich darf
Ihnen sagen: mein Einfluß auf Theresens Entschließung war nicht gering;
sie fragte mich um Rat, und sonderbarerweise waren Sie eben hier, ich
konnte die wenigen Zweifel, die meine Freundin noch hegte, glücklich
besiegen, die Boten gingen lebhaft hin und wider; hier ist ihr
Entschluß! hier ist die Entwickelung! Und nun sollen Sie alle ihre
Briefe lesen, Sie sollen in das schöne Herz Ihrer Braut einen freien,
reinen Blick tun."
Wilhelm entfaltete das Blatt, das sie ihm unversiegelt überreichte; es
enthielt die freundlichen Worte:
"Ich bin die Ihre, wie ich bin und wie Sie mich kennen. Ich nenne Sie
den Meinen, wie Sie sind und wie ich Sie kenne. Was an uns selbst,
was an unsern Verhältnissen der Ehestand verändert, werden wir durch
Vernunft, frohen Mut und guten Willen zu übertragen wissen. Da uns
keine Leidenschaft, sondern Neigung und Zutrauen zusammenführt, so
wagen wir weniger als tausend andere. Sie verzeihen mir gewiß, wenn
ich mich manchmal meines alten Freundes herzlich erinnere; dafür will
ich Ihren Sohn als Mutter an meinen Busen drücken. Wollen Sie mein
kleines Haus sogleich mit mir teilen, so sind Sie Herr und Meister,
indessen wird der Gutskauf abgeschlossen. Ich wünschte, daß dort
keine neue Einrichtung ohne mich gemacht würde, um sogleich zu zeigen,
daß ich das Zutrauen verdiene, das Sie mir schenken. Leben Sie wohl,
lieber, lieber Freund! geliebter Bräutigam, verehrter Gatte! Therese
drückt Sie an ihre Brust mit Hoffnung und Lebensfreude. Meine
Freundin wird Ihnen mehr, wird Ihnen alles sagen."
Wilhelm, dem dieses Blatt seine Therese wieder völlig vergegenwärtigt
hatte, war auch wieder völlig zu sich selbst gekommen. Unter dem
Lesen wechselten die schnellsten Gedanken in seiner Seele. Mit
Entsetzen fand er lebhafte Spuren einer Neigung gegen Natalien in
seinem Herzen; er schalt sich, er erklärte jeden Gedanken der Art für
Unsinn, er stellte sich Theresen in ihrer ganzen Vollkommenheit vor,
er las den Brief wieder, er ward heiter, oder vielmehr er erholte sich
so weit, daß er heiter scheinen konnte. Natalie legte ihm die
gewechselten Briefe vor, aus denen wir einige Stellen ausziehen wollen.
Nachdem Therese ihren Bräutigam nach ihrer Art geschildert hatte, fuhr
sie fort:
"So stelle ich mir den Mann vor, der mir jetzt seine Hand anbietet.
Wie er von sich selbst denkt, wirst du künftig aus den Papieren sehen,
in welchen er sich mir ganz offen beschreibt; ich bin überzeugt, daß
ich mit ihm glücklich sein werde."
"Was den Stand betrifft, so weißt du, wie ich von jeher drüber gedacht
habe. Einige Menschen fühlen die Mißverhältnisse der äußern Zustände
fürchterlich und können sie nicht übertragen. Ich will niemanden
überzeugen, so wie ich nach meiner überzeugung handeln will. Ich
denke kein Beispiel zu geben, wie ich doch nicht ohne Beispiel handle.
Mich ängstigen nur die innern Mißverhältnisse, ein Gefäß, das sich zu
dem, was es enthalten soll, nicht schickt; viel Prunk und wenig Genuß,
Reichtum und Geiz, Adel und Roheit, Jugend und Pedanterei, Bedürfnis
und Zeremonien, diese Verhältnisse wären's, die mich vernichten
könnten, die Welt mag sie stempeln und schätzen, wie sie will."
"Wenn ich hoffe, daß wir zusammen passen werden, so gründe ich meinen
Ausspruch vorzüglich darauf, daß er dir, liebe Natalie, die ich so
unendlich schätze und verehre, daß er dir ähnlich ist. Ja, er hat von
dir das edle Suchen und Streben nach dem Bessern, wodurch wir das Gute,
das wir zu finden glauben, selbst hervorbringen. Wie oft habe ich
dich nicht im stillen getadelt, daß du diesen oder jenen Menschen
anders behandeltest, daß du in diesem oder jenem Fall dich anders
betrugst, als ich würde getan haben, und doch zeigte der Ausgang meist,
daß du recht hattest. "Wenn wir", sagtest du, "die Menschen nur
nehmen, wie sie sind, so machen wir sie schlechter; wenn wir sie
behandeln, als wären sie, was sie sein sollten, so bringen wir sie
dahin, wohin sie zu bringen sind." Ich kann weder so sehen noch
handeln, das weiß ich recht gut. Einsicht, Ordnung, Zucht, Befehl,
das ist meine Sache. Ich erinnere mich noch wohl, was Jarno sagte:
"Therese dressiert ihre Zöglinge, Natalie bildet sie." Ja, er ging so
weit, daß er mir einst die drei schönen Eigenschaften: Glaube, Liebe
und Hoffnung völlig absprach. "Statt des Glaubens", sagte er, "hat
sie die Einsicht, statt der Liebe die Beharrlichkeit und statt der
Hoffnung das Zutrauen." Auch will ich dir gerne gestehen, eh ich dich
kannte, kannte ich nichts Höheres in der Welt als Klarheit und
Klugheit; nur deine Gegenwart hat mich überzeugt, belebt, überwunden,
und deiner schönen, hohen Seele tret ich gerne den Rang ab. Auch
meinen Freund verehre ich in ebendemselben Sinn; seine
Lebensbeschreibung ist ein ewiges Suchen und Nichtfinden; aber nicht
das leere Suchen, sondern das wunderbare, gutmütige Suchen begabt ihn,
er wähnt, man könne ihm das geben, was nur von ihm kommen kann. So,
meine Liebe, schadet mir auch diesmal meine Klarheit nichts; ich kenne
meinen Gatten besser, als er sich selbst kennt, und ich achte ihn nur
um desto mehr. Ich sehe ihn, aber ich übersehe ihn nicht, und alle
meine Einsicht reicht nicht hin zu ahnen, was er wirken kann. Wenn
ich an ihn denke, vermischt sich sein Bild immer mit dem deinigen, und
ich weiß nicht, wie ich es wert bin, zwei solchen Menschen anzugehören.
Aber ich will es wert sein dadurch, daß ich meine Pflicht tue,
dadurch, daß ich erfülle, was man von mir erwarten und hoffen kann."
"Ob ich Lotharios gedenke? Lebhaft und täglich. Ihn kann ich in der
Gesellschaft, die mich im Geiste umgibt, nicht einen Augenblick missen.
O wie bedaure ich den trefflichen Mann, der durch einen Jugendfehler
mit mir verwandt ist, daß die Natur ihn dir so nahe gewollt hat.
Wahrlich, ein Wesen wie du wäre seiner mehr wert als ich. Dir könnt
ich, dir müßt ich ihn abtreten. Laß uns ihm sein, was nur möglich ist,
bis er eine würdige Gattin findet, und auch dann laß uns zusammen
sein und zusammen bleiben."
"Was werden nun aber unsre Freunde sagen?" begann Natalie.--"Ihr
Bruder weiß nichts davon?"--"Nein! sowenig als die Ihrigen, die Sache
ist diesmal nur unter uns Weibern verhandelt worden. Ich weiß nicht,
was Lydie Theresen für Grillen in den Kopf gesetzt hat; sie scheint
dem Abbe und Jarno zu mißtrauen. Lydie hat ihr gegen gewisse geheime
Verbindungen und Plane, von denen ich wohl im allgemeinen weiß, in die
ich aber niemals einzudringen gedachte, wenigstens einigen Argwohn
eingeflößt, und bei diesem entscheidenden Schritt ihres Lebens wollte
sie niemand als mir einigen Einfluß verstatten. Mit meinem Bruder war
sie schon früher übereingekommen, daß sie sich wechselsweise ihre
Heirat nur melden, sich darüber nicht zu Rate ziehen wollten."
Natalie schrieb nun einen Brief an ihren Bruder, sie lud Wilhelmen ein,
einige Worte dazuzusetzen, Therese hatte sie darum gebeten. Man
wollte eben siegeln, als Jarno sich unvermutet anmelden ließ. Aufs
freundlichste ward er empfangen, auch schien er sehr munter und
scherzhaft und konnte endlich nicht unterlassen, zu sagen: "Eigentlich
komme ich hieher, um Ihnen eine sehr wunderbare, doch angenehme
Nachricht zu bringen; sie betrifft unsere Therese. Sie haben uns
manchmal getadelt, schöne Natalie, daß wir uns um so vieles bekümmern;
nun aber sehen Sie, wie gut es ist, überall seine Spione zu haben.
Raten Sie, und lassen Sie uns einmal Ihre Sagazität sehen!"
Die Selbstgefälligkeit, womit er diese Worte aussprach, die
schalkhafte Miene, womit er Wilhelmen und Natalien ansah, überzeugten
beide, daß ihr Geheimnis entdeckt sei. Natalie antwortete lächelnd:
"Wir sind viel künstlicher, als Sie denken, wir haben die Auflösung
des Rätsels, noch ehe es uns aufgegeben wurde, schon zu Papiere
gebracht."
Sie überreichte ihm mit diesen Worten den Brief an Lothario und war
zufrieden, der kleinen überraschung und Beschämung, die man ihnen
zugedacht hatte, auf diese Weise zu begegnen. Jarno nahm das Blatt
mit einiger Verwunderung, überlief es nur, staunte, ließ es aus der
Hand sinken und sah sie beide mit großen Augen, mit einem Ausdruck der
überraschung, ja des Entsetzens an, den man auf seinem Gesichte nicht
gewohnt war. Er sagte kein Wort.
Wilhelm und Natalie waren nicht wenig betroffen, Jarno ging in der
Stube auf und ab. "Was soll ich sagen?" rief er aus, "oder soll ich's
sagen? Es kann kein Geheimnis bleiben, die Verwirrung ist nicht zu
vermeiden. Also denn Geheimnis gegen Geheimnis! überraschung gegen
überraschung! Therese ist nicht die Tochter ihrer Mutter! Das
Hindernis ist gehoben: ich komme hierher, Sie zu bitten, das edle
Mädchen zu einer Verbindung mit Lothario vorzubereiten."
Jarno sah die Bestürzung der beiden Freunde, welche die Augen zur Erde
niederschlugen. "Dieser Fall ist einer von denen", sagte er, "die
sich in Gesellschaft am schlechtesten ertragen lassen. Was jedes
dabei zu denken hat, denkt es am besten in der Einsamkeit; ich
wenigstens erbitte mir auf eine Stunde Urlaub." Er eilte in den
Garten, Wilhelm folgte ihm mechanisch, aber in der Ferne.
Nach Verlauf einer Stunde fanden sie sich wieder zusammen. Wilhelm
nahm das Wort und sagte: "Sonst, da ich ohne Zweck und Plan leicht, ja
leichtfertig lebte, kamen mir Freundschaft, Liebe, Neigung, Zutrauen
mit offenen Armen entgegen, ja sie drängten sich zu mir; jetzt, da es
Ernst wird, scheint das Schicksal mit mir einen andern Weg zu nehmen.
Der Entschluß, Theresen meine Hand anzubieten, ist vielleicht der
erste, der ganz rein aus mir selbst kommt. Mit überlegung machte ich
meinen Plan, meine Vernunft war völlig damit einig, und durch die
Zusage des trefflichen Mädchens wurden alle meine Hoffnungen erfüllt.
Nun drückt das sonderbarste Geschick meine ausgestreckte Hand nieder.
Therese reicht mir die ihrige von ferne, wie im Traume, ich kann sie
nicht fassen, und das schöne Bild verläßt mich auf ewig. So lebe denn
wohl, du schönes Bild! und ihr Bilder der reichsten Glückseligkeit,
die ihr euch darum her versammelt!"
Er schwieg einen Augenblick still, sah vor sich hin, und Jarno wollte
reden. "Lassen Sie mich noch etwas sagen", fiel Wilhelm ihm ein;
"denn um mein ganzes Geschick wird ja doch diesmal das Los geworfen.
In diesem Augenblick kommt mir der Eindruck zu Hülfe, den Lotharios
Gegenwart beim ersten Anblick mir einprägte und der mir beständig
geblieben ist. Dieser Mann verdient jede Art von Neigung und
Freundschaft, und ohne Aufopferung läßt sich keine Freundschaft denken.
Um seinetwillen war es mir leicht, ein unglückliches Mädchen zu
betören, um seinetwillen soll mir möglich werden, der würdigsten Braut
zu entsagen. Gehen Sie hin, erzählen Sie ihm die sonderbare
Geschichte, und sagen Sie ihm, wozu ich bereit bin."
Jarno versetzte hierauf: "In solchen Fällen, halte ich dafür ist schon
alles getan, wenn man sich nur nicht übereilt. Lassen Sie uns keinen
Schritt ohne Lotharios Einwilligung tun! Ich will zu ihm, erwarten
Sie meine Zurückkunft oder seine Briefe ruhig."
Er ritt weg und hinterließ die beiden Freunde in der größten Wehmut.
Sie hatten Zeit, sich diese Begebenheit auf mehr als eine Weise zu
wiederholen und ihre Bemerkungen darüber zu machen. Nun fiel es ihnen
erst auf, daß sie diese wunderbare Erklärung so gerade von Jarno
angenommen und sich nicht um die nähern Umstände erkundigt hatten. Ja
Wilhelm wollte sogar einigen Zweifel hegen; aber aufs höchste stieg
ihr Erstaunen, ja ihre Verwirrung, als den andern Tag ein Bote von
Theresen ankam, der folgenden sonderbaren Brief an Natalien mitbrachte:
"So seltsam es auch scheinen mag, so muß ich doch meinem vorigen
Briefe sogleich noch einen nachsenden und dich ersuchen, mir meinen
Bräutigam eilig zu schicken. Er soll mein Gatte werden, was man auch
für Plane macht, mir ihn zu rauben. Gib ihm inliegenden Brief! Nur
vor keinem Zeugen, es mag gegenwärtig sein, wer will."
Der Brief an Wilhelmen enthielt folgendes: "Was werden Sie von Ihrer
Therese denken, wenn sie auf einmal leidenschaftlich auf eine
Verbindung dringt, die der ruhigste Verstand nur eingeleitet zu haben
schien? Lassen Sie sich durch nichts abhalten, gleich nach dem
Empfang des Briefes abzureisen. Kommen Sie, lieber, lieber Freund,
nun dreifach Geliebter, da man mir Ihren Besitz rauben oder wenigstens
erschweren will."
"Was ist zu tun?" rief Wilhelm aus, als er diesen Brief gelesen hatte.
"Noch in keinem Fall", versetzte Natalie nach einigem Nachdenken, "hat
mein Herz und mein Verstand so geschwiegen als in diesem; ich wüßte
nichts zu tun, so wie ich nichts zu raten weiß."
"Wäre es möglich?" rief Wilhelm mit Heftigkeit aus, "daß Lothario
selbst nichts davon wüßte, oder wenn er davon weiß, daß er mit uns das
Spiel versteckter Plane wäre? Hat Jarno, indem er unsern Brief
gesehen, das Märchen aus dem Stegreife erfunden? Würde er uns was
anders gesagt haben, wenn wir nicht zu voreilig gewesen wären? Was
kann man wollen? Was für Absichten kann man haben? Was kann Therese
für einen Plan meinen? Ja, es läßt sich nicht leugnen, Lothario ist
von geheimen Wirkungen und Verbindungen umgeben, ich habe selbst
erfahren, daß man tätig ist, daß man sich in einem gewissen Sinne um
die Handlungen, um die Schicksale mehrerer Menschen bekümmert und sie
zu leiten weiß. Von den Endzwecken dieser Geheimnisse verstehe ich
nichts, aber diese neueste Absicht, mir Theresen zu entreißen, sehe
ich nur allzu deutlich. Auf einer Seite malt man mir das mögliche
Glück Lotharios, vielleicht nur zum Scheine, vor; auf der andern sehe
ich meine Geliebte, meine verehrte Braut, die mich an ihr Herz ruft.
Was soll ich tun? Was soll ich unterlassen?"
"Nur ein wenig Geduld!" sagte Natalie, "nur eine kurze Bedenkzeit! In
dieser sonderbaren Verknüpfung weiß ich nur so viel, daß wir das, was
unwiederbringlich ist, nicht übereilen sollen. Gegen ein Märchen,
gegen einen künstlichen Plan stehen Beharrlichkeit und Klugheit uns
bei; es muß sich bald aufklären, ob die Sache wahr oder ob sie
erfunden ist. Hat mein Bruder wirklich Hoffnung, sich mit Theresen zu
verbinden, so wäre es grausam, ihm ein Glück auf ewig zu entreißen in
dem Augenblicke, da es ihm so freundlich erscheint. Lassen Sie uns
nur abwarten, ob er etwas davon weiß, ob er selbst glaubt, ob er
selbst hofft."
Diesen Gründen ihres Rats kam glücklicherweise ein Brief von Lothario
zu Hülfe: "Ich schicke Jarno nicht wieder zurück", schrieb er; "von
meiner Hand eine Zeile ist dir mehr als die umständlichsten Worte
eines Boten. Ich bin gewiß, daß Therese nicht die Tochter ihrer
Mutter ist, und ich kann die Hoffnung, sie zu besitzen, nicht aufgeben,
bis sie auch überzeugt ist und alsdann zwischen mir und dem Freunde
mit ruhiger überlegung entscheidet. Laß ihn, ich bitte dich, nicht
von deiner Seite! Das Glück, das Leben eines Bruders hängt davon ab.
Ich verspreche dir, diese Ungewißheit soll nicht lange dauern."
"Sie sehen, wie die Sache steht", sagte sie freundlich zu Wilhelmen;
"geben Sie mir Ihr Ehrenwort, nicht aus dem Hause zu gehen."
"Ich gebe es!" rief er aus, indem er ihr die Hand reichte, "ich will
dieses Haus wider Ihren Willen nicht verlassen. Ich danke Gott und
meinem guten Geist, daß ich diesmal geleitet werde, und zwar von Ihnen."
Natalie schrieb Theresen den ganzen Verlauf und erklärte, daß sie
ihren Freund nicht von sich lassen werde; sie schickte zugleich
Lotharios Brief mit.
Therese antwortete: "Ich bin nicht wenig verwundert, daß Lothario
selbst überzeugt ist, denn gegen seine Schwester wird er sich nicht
auf diesen Grad verstellen. Ich bin verdrießlich, sehr verdrießlich.
Es ist besser, ich sage nichts weiter. Am besten ist's, ich komme zu
dir, wenn ich nur erst die arme Lydie untergebracht habe, mit der man
grausam umgeht. Ich fürchte, wir sind alle betrogen und werden so
betrogen, um nie ins klare zu kommen. Wenn der Freund meinen Sinn
hätte, so entschlüpfte er dir doch und würfe sich an das Herz seiner
Therese, die ihm dann niemand entreißen sollte; aber ich fürchte, ich
soll ihn verlieren und Lothario nicht wiedergewinnen. Diesem entreißt
man Lydien, indem man ihm die Hoffnung, mich besitzen zu können, von
weitem zeigt. Ich will nichts weiter sagen, die Verwirrung wird noch
größer werden. Ob nicht indessen die schönsten Verhältnisse so
verschoben, so untergraben und so zerrüttet werden, daß auch dann,
wenn alles im klaren sein wird, doch nicht wieder zu helfen ist, mag
die Zeit lehren. Reißt sich mein Freund nicht los, so komme ich in
wenigen Tagen, um ihn bei dir aufzusuchen und festzuhalten. Du
wunderst dich, wie diese Leidenschaft sich deiner Therese bemächtiget
hat. Es ist keine Leidenschaft, es ist überzeugung, daß, da Lothario
nicht mein werden konnte, dieser neue Freund das Glück meines Lebens
machen wird. Sag ihm das im Namen des kleinen Knaben, der mit ihm
unter der Eiche saß und sich seiner Teilnahme freute! Sag ihm das im
Namen Theresens, die seinem Antrage mit einer herzlichen Offenheit
entgegenkam! Mein erster Traum, wie ich mit Lothario leben würde, ist
weit von meiner Seele weggerückt; der Traum, wie ich mit meinem neuen
Freund zu leben gedachte, steht noch ganz gegenwärtig vor mir. Achtet
man mich so wenig, daß man glaubt, es sei so was Leichtes, diesen mit
jenem aus dem Stegreife wieder umzutauschen?"
"Ich verlasse mich auf Sie", sagte Natalie zu Wilhelmen, indem sie ihm
den Brief Theresens gab; "Sie entfliehen mir nicht. Bedenken Sie, daß
Sie das Glück meines Lebens in Ihrer Hand haben! Mein Dasein ist mit
dem Dasein meines Bruders so innig verbunden und verwurzelt, daß er
keine Schmerzen fühlen kann, die ich nicht empfinde, keine Freude, die
nicht auch mein Glück macht. Ja ich kann wohl sagen, daß ich allein
durch ihn empfunden habe, daß das Herz gerührt und erhoben, daß auf
der Welt Freude, Liebe und ein Gefühl sein kann, das über alles
Bedürfnis hinaus befriedigt."
Sie hielt inne, Wilhelm nahm ihre Hand und rief: "O fahren Sie fort!
Es ist die rechte Zeit zu einem wahren, wechselseitigen Vertrauen; wir
haben nie nötiger gehabt, uns genauer zu kennen."
"Ja, mein Freund!" sagte sie lächelnd mit ihrer ruhigen, sanften,
unbeschreiblichen Hoheit, "es ist vielleicht nicht außer der Zeit,
wenn ich Ihnen sage, daß alles, was uns so manches Buch, was uns die
Welt als Liebe nennt und zeigt, mir immer nur als ein Märchen
erschienen sei."
"Sie haben nicht geliebt?" rief Wilhelm aus.
"Nie oder immer!" versetzte Natalie.
VIII. Buch, 5. Kapitel--1
Fünftes Kapitel
Sie waren unter diesem Gespräch im Garten auf und ab gegangen, Natalie
hatte verschiedene Blumen von seltsamer Gestalt gebrochen, die
Wilhelmen völlig unbekannt waren und nach deren Namen er fragte.
"Sie vermuten wohl nicht", sagte Natalie, "für wen ich diesen Strauß
pflücke? Er ist für meinen Oheim bestimmt, dem wir einen Besuch
machen wollen. Die Sonne scheint eben so lebhaft nach dem Saale der
Vergangenheit, ich muß Sie diesen Augenblick hineinführen, und ich
gehe niemals hin, ohne einige von den Blumen, die mein Oheim besonders
begünstigte, mitzubringen. Er war ein sonderbarer Mann und der
eigensten Eindrücke fähig. Für gewisse Pflanzen und Tiere, für
gewisse Menschen und Gegenden, ja sogar zu einigen Steinarten hatte er
eine entschiedene Neigung, die selten erklärlich war. "Wenn ich
nicht", pflegte er oft zu sagen, "mir von Jugend auf so sehr
widerstanden hätte, wenn ich nicht gestrebt hätte, meinen Verstand ins
Weite und Allgemeine auszubilden, so wäre ich der beschränkteste und
unerträglichste Mensch geworden: denn nichts ist unerträglicher als
abgeschnittene Eigenheit an demjenigen, von dem man eine reine,
gehörige Tätigkeit fordern kann." Und doch mußte er selbst gestehen,
daß ihm gleichsam Leben und Atem ausgehen würde, wenn er sich nicht
von Zeit zu Zeit nachsähe und sich erlaubte, das mit Leidenschaft zu
genießen, was er eben nicht immer loben und entschuldigen konnte.
"Meine Schuld ist es nicht", sagte er, "wenn ich meine Triebe und
meine Vernunft nicht völlig habe in Einstimmung bringen können." Bei
solchen Gelegenheiten pflegte er meist über mich zu scherzen und zu
sagen: Natalien kann man bei Leibesleben seligpreisen, da ihre Natur
nichts fordert, als was die Welt wünscht und braucht.""
Unter diesen Worten waren sie wieder in das Hauptgebäude gelangt. Sie
führte ihn durch einen geräumigen Gang auf eine Türe zu, vor der zwei
Sphinxe von Granit lagen. Die Türe selbst war auf ägyptische Weise
oben ein wenig enger als unten, und ihre ehernen Flügel bereiteten zu
einem ernsthaften, ja zu einem schauerlichen Anblick vor. Wie
angenehm ward man daher überrascht, als diese Erwartung sich in die
reinste Heiterkeit auflöste, indem man in einen Saal trat, in welchem
Kunst und Leben jede Erinnerung an Tod und Grab aufhoben. In die
Wände waren verhältnismäßige Bogen vertieft, in denen größere
Sarkophagen standen; in den Pfeilern dazwischen sah man kleinere
öffnungen, mit Aschenkästchen und Gefäßen geschmückt; die übrigen
Flächen der Wände und des Gewölbes sah man regelmäßig abgeteilt und
zwischen heitern und mannigfaltigen Einfassungen, Kränzen und Zieraten
heitere und bedeutende Gestalten in Feldern von verschiedener Größe
gemalt. Die architektonischen Glieder waren mit dem schönen gelben
Marmor, der ins Rötliche hinüberblickt, bekleidet, hellblaue Streifen
von einer glücklichen chemischen Komposition ahmten den Lasurstein
nach und gaben, indem sie gleichsam in einem Gegensatz das Auge
befriedigten, dem Ganzen Einheit und Verbindung. Alle diese Pracht
und Zierde stellte sich in reinen architektonischen Verhältnissen dar,
und so schien jeder, der hineintrat, über sich selbst erhoben zu sein,
indem er durch die zusammentreffende Kunst erst erfuhr, was der Mensch
sei und was er sein könne.
Der Türe gegenüber sah man auf einem prächtigen Sarkophagen das
Marmorbild eines würdigen Mannes, an ein Polster gelehnt. Er hielt
eine Rolle vor sich und schien mit stiller Aufmerksamkeit
daraufzublicken. Sie war so gerichtet, daß man die Worte, die sie
enthielt, bequem lesen konnte. Es stand darauf: "Gedenke zu leben!"
Natalie, indem sie einen verwelkten Strauß wegnahm, legte den frischen
vor das Bild des Oheims; denn er selbst war in der Figur vorgestellt,
und Wilhelm glaubte sich noch der Züge des alten Herrn zu erinnern,
den er damals im Walde gesehen hatte. "Hier brachten wir manche
Stunde zu", sagte Natalie, "bis dieser Saal fertig war. In seinen
letzten Jahren hatte er einige geschickte Künstler an sich gezogen,
und seine beste Unterhaltung war, die Zeichnungen und Kartone zu
diesen Gemälden aussinnen und bestimmen zu helfen."
Wilhelm konnte sich nicht genug der Gegenstände freuen, die ihn
umgaben. "Welch ein Leben", rief er aus, "in diesem Saale der
Vergangenheit! Man könnte ihn ebensogut den Saal der Gegenwart und
der Zukunft nennen. So war alles, und so wird alles sein! Nichts ist
vergänglich als der eine, der genießt und zuschaut. Hier dieses Bild
der Mutter, die ihr Kind ans Herz drückt, wird viele Generationen
glücklicher Mütter überleben. Nach Jahrhunderten vielleicht erfreut
sich ein Vater dieses bärtigen Mannes, der seinen Ernst ablegt und
sich mit seinem Sohne neckt. So verschämt wird durch alle Zeiten die
Braut sitzen und bei ihren stillen Wünschen noch bedürfen, daß man sie
tröste, daß man ihr zurede; so ungeduldig wird der Bräutigam auf der
Schwelle horchen, ob er hereintreten darf."
Wilhelms Augen schweiften auf unzählige Bilder umher. Vom ersten
frohen Triebe der Kindheit, jedes Glied im Spiele nur zu brauchen und
zu üben, bis zum ruhigen, abgeschiedenen Ernste des Weisen konnte man
in schöner, lebendiger Folge sehen, wie der Mensch keine angeborne
Neigung und Fähigkeit besitzt, ohne sie zu brauchen und zu nutzen.
Von dem ersten zarten Selbstgefühl, wenn das Mädchen verweilt, den
Krug aus dem klaren Wasser wieder heraufzuheben, und indessen ihr Bild
gefällig betrachtet, bis zu jenen hohen Feierlichkeiten, wenn Könige
und Völker zu Zeugen ihrer Verbindungen die Götter am Altare anrufen,
zeigte sich alles bedeutend und kräftig.
Es war eine Welt, es war ein Himmel, der den Beschauenden an dieser
Stätte umgab, und außer den Gedanken, welche jene gebildeten Gestalten
erregten, außer den Empfindungen, welche sie einflößten, schien noch
etwas andres gegenwärtig zu sein, wovon der ganze Mensch sich
angegriffen fühlte. Auch Wilhelm bemerkte es, ohne sich davon
Rechenschaft geben zu können. "Was ist das", rief er aus, "das,
unabhängig von aller Bedeutung, frei von allem Mitgefühl, das uns
menschliche Begebenheiten und Schicksale einflößen, so stark und
zugleich so anmutig auf mich zu wirken vermag? Es spricht aus dem
Ganzen, es spricht aus jedem Teile mich an, ohne daß ich jenes
begreifen, ohne daß ich diese mir besonders zueignen könnte! Welchen
Zauber ahn ich in diesen Flächen, diesen Linien, diesen Höhen und
Breiten, diesen Massen und Farben! Was ist es, das diese Figuren,
auch nur obenhin betrachtet, schon als Zierat so erfreulich macht? Ja,
ich fühle, man könnte hier verweilen, ruhen, alles mit den Augen
fassen, sich glücklich finden und ganz etwas andres fühlen und denken
als das, was vor Augen steht."
Und gewiß, könnten wir beschreiben, wie glücklich alles eingeteilt war,
wie an Ort und Stelle durch Verbindung oder Gegensatz, durch
Einfärbigkeit oder Buntheit alles bestimmt, so und nicht anders
erschien, als es erscheinen sollte, und eine so vollkommene als
deutliche Wirkung hervorbrachte, so würden wir den Leser an einen Ort
versetzen, von dem er sich so bald nicht zu entfernen wünschte.
Vier große marmorne Kandelaber standen in den Ecken des Saals, vier
kleinere in der Mitte um einen sehr schön gearbeiteten Sarkophag, der
seiner Größe nach eine junge Person von mittlerer Gestalt konnte
enthalten haben.
Natalie blieb bei diesem Monumente stehen, und indem sie die Hand
darauflegte, sagte sie: "Mein guter Oheim hatte große Vorliebe zu
diesem Werke des Altertums. Er sagte manchmal: "Nicht allein die
ersten Blüten fallen ab, die ihr da oben in jenen kleinen Räumen
verwahren könnt, sondern auch Früchte, die am Zweige hängend uns noch
lange die schönste Hoffnung geben, indes ein heimlicher Wurm ihre
frühere Reife und ihre Zerstörung vorbereitet." Ich fürchte", fuhr
sie fort, "er hat auf das liebe Mädchen geweissagt, das sich unserer
Pflege nach und nach zu entziehen und zu dieser ruhigen Wohnung zu
neigen scheint."
Als sie im Begriff waren wegzugehn, sagte Natalie: "Ich muß Sie noch
auf etwas aufmerksam machen. Bemerken Sie diese halbrunden öffnungen
in der Höhe auf beiden Seiten! Hier können die Chöre der Sänger
verborgen stehen, und diese ehrnen Zieraten unter dem Gesimse dienen,
die Teppiche zu befestigen, die nach der Verordnung meines Oheims bei
jeder Bestattung aufgehängt werden sollen. Er konnte nicht ohne Musik,
besonders nicht ohne Gesang leben und hatte dabei die Eigenheit, daß
er die Sänger nicht sehen wollte. Er pflegte zu sagen: "Das Theater
verwöhnt uns gar zu sehr, die Musik dient dort nur gleichsam dem Auge,
sie begleitet die Bewegungen, nicht die Empfindungen. Bei Oratorien
und Konzerten stört uns immer die Gestalt des Musikus; die wahre Musik
ist allein fürs Ohr; eine schöne Stimme ist das Allgemeinste, was sich
denken läßt, und indem das eingeschränkte Individuum, das sie
hervorbringt, sich vors Auge stellt, zerstört es den reinen Effekt
jener Allgemeinheit. Ich will jeden sehen, mit dem ich reden soll,
denn es ist ein einzelner Mensch, dessen Gestalt und Charakter die
Rede wert oder unwert macht; hingegen wer mir singt, soll unsichtbar
sein; seine Gestalt soll mich nicht bestechen oder irremachen. Hier
spricht nur ein Organ zum Organe, nicht der Geist zum Geiste, nicht
eine tausendfältige Welt zum Auge, nicht ein Himmel zum Menschen."
Ebenso wollte er auch bei Instrumentalmusiken die Orchester soviel als
möglich versteckt haben, weil man durch die mechanischen Bemühungen
und durch die notdürftigen, immer seltsamen Gebärden der
Instrumentenspieler so sehr zerstreut und verwirrt werde. Er pflegte
daher eine Musik nicht anders als mit zugeschlossenen Augen anzuhören,
um sein ganzes Dasein auf den einzigen, reinen Genuß des Ohrs zu
konzentrieren."
Sie wollten eben den Saal verlassen, als sie die Kinder in dem Gange
heftig laufen und den Felix rufen hörten: "Nein ich! nein ich!"
Mignon warf sich zuerst zur geöffneten Türe herein; sie war außer Atem
und konnte kein Wort sagen; Felix, noch in einiger Entfernung, rief:
"Mutter Therese ist da!" Die Kinder hatten, so schien es, die
Nachricht zu überbringen, einen Wettlauf angestellt. Mignon lag in
Nataliens Armen, ihr Herz pochte gewaltsam.
"Böses Kind", sagte Natalie, "ist dir nicht alle heftige Bewegung
untersagt? Sieh, wie dein Herz schlägt!"
"Laß es brechen!" sagte Mignon mit einem tiefen Seufzer, "es schlägt
schon zu lange."
Man hatte sich von dieser Verwirrung, von dieser Art von Bestürzung
kaum erholt, als Therese hereintrat. Sie flog auf Natalien zu,
umarmte sie und das gute Kind. Dann wendete sie sich zu Wilhelmen,
sah ihn mit ihren klaren Augen an und sagte: "Nun, mein Freund, wie
steht es, Sie haben sich doch nicht irremachen lassen?" Er tat einen
Schritt gegen sie, sie sprang auf ihn zu und hing an seinem Halse. "O
meine Therese!" rief er aus.
"Mein Freund! mein Geliebter! mein Gatte! ja, auf ewig die Deine!"
rief sie unter den lebhaftesten Küssen.
Felix zog sie am Rocke und rief: "Mutter Therese, ich bin auch da!"
Natalie stand und sah vor sich hin; Mignon fuhr auf einmal mit der
linken Hand nach dem Herzen, und indem sie den rechten Arm heftig
ausstreckte, fiel sie mit einem Schrei zu Nataliens Füßen für tot
nieder.
Der Schrecken war groß: keine Bewegung des Herzens noch des Pulses war
zu spüren. Wilhelm nahm sie auf seinen Arm und trug sie eilig hinauf,
der schlotternde Körper hing über seine Schultern. Die Gegenwart des
Arztes gab wenig Trost; er und der junge Wundarzt, den wir schon
kennen, bemühten sich vergebens. Das liebe Geschöpf war nicht ins
Leben zurückzurufen.
Natalie winkte Theresen. Diese nahm ihren Freund bei der Hand und
führte ihn aus dem Zimmer. Er war stumm und ohne Sprache und hatte
den Mut nicht, ihren Augen zu begegnen. So saß er neben ihr auf dem
Kanapee, auf dem er Natalien zuerst angetroffen hatte. Er dachte mit
großer Schnelle eine Reihe von Schicksalen durch, oder vielmehr er
dachte nicht, er ließ das auf seine Seele wirken, was er nicht
entfernen konnte. Es gibt Augenblicke des Lebens, in welchen die
Begebenheiten gleich geflügelten Weberschiffchen vor uns sich hin und
wider bewegen und unaufhaltsam ein Gewebe vollenden, das wir mehr oder
weniger selbst gesponnen und angelegt haben. "Mein Freund!" sagte
Therese; "mein Geliebter!" indem sie das Stillschweigen unterbrach und
ihn bei der Hand nahm, "laß uns diesen Augenblick fest zusammenhalten,
wie wir noch öfters, vielleicht in ähnlichen Fällen, werden zu tun
haben. Dies sind die Ereignisse, welche zu ertragen man zu zweien in
der Welt sein muß. Bedenke, mein Freund, fühle, daß du nicht allein
bist, zeige, daß du deine Therese liebst, zuerst dadurch, daß du deine
Schmerzen ihr mitteilst!" Sie umarmte ihn und schloß ihn sanft an
ihren Busen; er faßte sie in seine Arme und drückte sie mit Heftigkeit
an sich. "Das arme Kind", rief er aus, "suchte in traurigen
Augenblicken Schutz und Zuflucht an meinem unsichern Busen; laß die
Sicherheit des deinigen mir in dieser schrecklichen Stunde zugute
kommen." Sie hielten sich fest umschlossen, er fühlte ihr Herz an
seinem Busen schlagen, aber in seinem Geiste war es öde und leer; nur
die Bilder Mignons und Nataliens schwebten wie Schatten vor seiner
Einbildungskraft.
Natalie trat herein. "Gib uns deinen Segen!" rief Therese, "laß uns
in diesem traurigen Augenblicke von dir verbunden sein." Wilhelm
hatte sein Gesicht an Theresens Halse verborgen; er war glücklich
genug, weinen zu können. Er hörte Natalien nicht kommen, er sah sie
nicht, nur bei dem Klang ihrer Stimme verdoppelten sich seine Tränen.
"Was Gott zusammenfügt, will ich nicht scheiden", sagte Natalie
lächelnd, "aber verbinden kann ich euch nicht und kann nicht loben,
daß Schmerz und Neigung die Erinnerung an meinen Bruder völlig aus
euren Herzen zu verbannen scheint." Wilhelm riß sich bei diesen
Worten aus den Armen Theresens. "Wo wollen Sie hin?" riefen beide
Frauen. "Lassen Sie mich das Kind sehen", rief er aus, "das ich
getötet habe! Das Unglück, das wir mit Augen sehen, ist geringer, als
wenn unsere Einbildungskraft das übel gewaltsam in unser Gemüt
einsenkt; lassen Sie uns den abgeschiedenen Engel sehen! Seine
heitere Miene wird uns sagen, daß ihm wohl ist!" Da die Freundinnen
den bewegten Jüngling nicht abhalten konnten, folgten sie ihm; aber
der gute Arzt, der mit dem Chirurgus ihnen entgegenkam, hielt sie ab,
sich der Verblichenen zu nähern, und sagte: "Halten Sie sich von
diesem traurigen Gegenstande entfernt, und erlauben Sie mir, daß ich
den Resten dieses sonderbaren Wesens, soviel meine Kunst vermag,
einige Dauer gebe. Ich will die schöne Kunst, einen Körper nicht
allein zu balsamieren, sondern ihm auch ein lebendiges Ansehn zu
erhalten, bei diesem geliebten Geschöpfe sogleich anwenden. Da ich
ihren Tod voraussah, habe ich alle Anstalten gemacht, und mit diesem
Gehülfen hier soll mir's gelingen. Erlauben Sie mir nur noch einige
Tage Zeit, und verlangen Sie das liebe Kind nicht wieder zu sehen, bis
wir es in den Saal der Vergangenheit gebracht haben."
Der junge Chirurgus hatte jene merkwürdige Instrumententasche wieder
in Händen. "Von wem kann er sie wohl haben?" fragte Wilhelm den Arzt.
"Ich kenne sie sehr gut", versetzte Natalie, "er hat sie von seinem
Vater, der Sie damals im Walde verband."
"Oh, so habe ich mich nicht geirrt," rief Wilhelm, "ich erkannte das
Band sogleich! Treten Sie mir es ab! Es brachte mich zuerst wieder
auf die Spur von meiner Wohltäterin. Wieviel Wohl und Wehe überdauert
nicht ein solches lebloses Wesen! Bei wieviel Schmerzen war dies Band
nicht schon gegenwärtig, und seine Fäden halten noch immer! Wie
vieler Menschen letzten Augenblick hat es schon begleitet, und seine
Farben sind noch nicht verblichen! Es war gegenwärtig in einem der
schönsten Augenblicke meines Lebens, da ich verwundet auf der Erde lag
und Ihre hülfreiche Gestalt vor mir erschien, als das Kind mit
blutigen Haaren, mit der zärtlichsten Sorgfalt für mein Leben besorgt
war, dessen frühzeitigen Tod wir nun beweinen."
Die Freunde hatten nicht lange Zeit, sich über diese traurige
Begebenheit zu unterhalten und Fräulein Theresen über das Kind und
über die wahrscheinliche Ursache seines unerwarteten Todes aufzuklären;
denn es wurden Fremde gemeldet, die, als sie sich zeigten,
keinesweges fremd waren. Lothario, Jarno, der Abbe traten herein.
Natalie ging ihrem Bruder entgegen; unter den übrigen entstand ein
augenblickliches Stillschweigen. Therese sagte lächelnd zu Lothario:
"Sie glaubten wohl kaum, mich hier zu finden; wenigstens ist es eben
nicht rätlich, daß wir uns in diesem Augenblick aufsuchen; indessen
sein Sie mir nach einer so langen Abwesenheit herzlich gegrüßt."
Lothario reichte ihr die Hand und versetzte: "Wenn wir einmal leiden
und entbehren sollen, so mag es immerhin auch in der Gegenwart des
geliebten, wünschenswerten Gutes geschehen. Ich verlange keinen
Einfluß auf Ihre Entschließung, und mein Vertrauen auf Ihr Herz, auf
Ihren Verstand und reinen Sinn ist noch immer so groß, daß ich Ihnen
mein Schicksal und das Schicksal meines Freundes gerne in die Hand
lege."
Das Gespräch wendete sich sogleich zu allgemeinen, ja man darf sagen,
zu unbedeutenden Gegenständen. Die Gesellschaft trennte sich bald zum
Spazierengehen in einzelne Paare. Natalie war mit Lothario, Therese
mit dem Abbe gegangen, und Wilhelm war mit Jarno auf dem Schlosse
geblieben.
VIII. Buch, 5. Kapitel--2
Die Erscheinung der drei Freunde in dem Augenblick, da Wilhelmen ein
schwerer Schmerz auf der Brust lag, hatte, statt ihn zu zerstreuen,
seine Laune gereizt und verschlimmert; er war verdrießlich und
argwöhnisch und konnte und wollte es nicht verhehlen, als Jarno ihn
über sein mürrisches Stillschweigen zur Rede setzte. "Was braucht's
da weiter?" rief Wilhelm aus. "Lothario kommt mit seinen Beiständen,
und es wäre wunderbar, wenn jene geheimnisvollen Mächte des Turms, die
immer so geschäftig sind, jetzt nicht auf uns wirken und ich weiß
nicht was für einen seltsamen Zweck mit und an uns ausführen sollten.
Soviel ich diese heiligen Männer kenne, scheint es jederzeit ihre
löbliche Absicht, das Verbundene zu trennen und das Getrennte zu
verbinden. Was daraus für ein Gewebe entstehen kann, mag wohl unsern
unheiligen Augen ewig ein Rätsel bleiben."
"Sie sind verdrießlich und bitter", sagte Jarno, "das ist recht schön
und gut. Wenn Sie nur erst einmal recht böse werden, wird es noch
besser sein."
"Dazu kann auch Rat werden", versetzte Wilhelm, "und ich fürchte sehr,
daß man Lust hat, meine angeborne und angebildete Geduld diesmal aufs
äußerste zu reizen."
"So möchte ich Ihnen denn doch", sagte Jarno, "indessen, bis wir sehen,
wo unsere Geschichten hinauswollen, etwas von dem Turme erzählen,
gegen den Sie ein so großes Mißtrauen zu hegen scheinen."
"Es steht bei Ihnen", versetzte Wilhelm, "wenn Sie es auf meine
Zerstreuung hin wagen wollen. Mein Gemüt ist so vielfach beschäftigt,
daß ich nicht weiß, ob es an diesen würdigen Abenteuern den schuldigen
Teil nehmen kann."
"Ich lasse mich", sagte Jarno, "durch Ihre angenehme Stimmung nicht
abschrecken, Sie über diesen Punkt aufzuklären. Sie halten mich für
einen gescheiten Kerl, und Sie sollen mich auch noch für einen
ehrlichen halten, und, was mehr ist, diesmal hab ich Auftrag."--"Ich
wünschte", versetzte Wilhelm, "Sie sprächen aus eigner Bewegung und
aus gutem Willen, mich aufzuklären; und da ich Sie nicht ohne
Mißtrauen hören kann, warum soll ich Sie anhören?"--"Wenn ich jetzt
nichts Besseres zu tun habe", sagte Jarno, "als Märchen zu erzählen,
so haben Sie ja auch wohl Zeit, ihnen einige Aufmerksamkeit zu widmen;
vielleicht sind Sie dazu geneigter, wenn ich Ihnen gleich anfangs sage:
alles, was Sie im Turme gesehen haben, sind eigentlich nur noch
Reliquien von einem jugendlichen Unternehmen, bei dem es anfangs den
meisten Eingeweihten großer Ernst war und über das nun alle
gelegentlich nur lächeln."
"Also mit diesen würdigen Zeichen und Worten spielt man nur!" rief
Wilhelm aus, "man führt uns mit Feierlichkeit an einen Ort, der uns
Ehrfurcht einflößt, man läßt uns die wunderlichsten Erscheinungen
sehen, man gibt uns Rollen voll herrlicher, geheimnisreicher Sprüche,
davon wir freilich das wenigste verstehn, man eröffnet uns, daß wir
bisher Lehrlinge waren, man spricht uns los, und wir sind so klug wie
vorher."--"Haben Sie das Pergament nicht bei der Hand?" fragte Jarno,
"es enthält viel Gutes: denn jene allgemeinen Sprüche sind nicht aus
der Luft gegriffen; freilich scheinen sie demjenigen leer und dunkel,
der sich keiner Erfahrung dabei erinnert. Geben Sie mir den
sogenannten Lehrbrief doch, wenn er in der Nähe ist."--"Gewiß, ganz
nah", versetzte Wilhelm; "so ein Amulett sollte man immer auf der
Brust tragen."--"Nun", sagte Jarno lächelnd, "wer weiß, ob der Inhalt
nicht einmal in Ihrem Kopf und Herzen Platz findet."
Jarno blickte hinein und überlief die erste Hälfte mit den Augen.
"Diese", sagte er, "bezieht sich auf die Ausbildung des Kunstsinnes,
wovon andere sprechen mögen; die zweite handelt vom Leben, und da bin
ich besser zu Hause."
Er fing darauf an, Stellen zu lesen, sprach dazwischen und knüpfte
Anmerkungen und Erzählungen mit ein. "Die Neigung der Jugend zum
Geheimnis, zu Zeremonien und großen Worten ist außerordentlich, und
oft ein Zeichen einer gewissen Tiefe des Charakters. Man will in
diesen Jahren sein ganzes Wesen, wenn auch nur dunkel und unbestimmt,
ergriffen und berührt fühlen. Der Jüngling, der vieles ahnet, glaubt
in einem Geheimnisse viel zu finden, in ein Geheimnis viel legen und
durch dasselbe wirken zu müssen. In diesen Gesinnungen bestärkte der
Abbe eine junge Gesellschaft, teils nach seinen Grundsätzen, teils aus
Neigung und Gewohnheit, da er wohl ehemals mit einer Gesellschaft in
Verbindung stand, die selbst viel im verborgenen gewirkt haben mochte.
Ich konnte mich am wenigsten in dieses Wesen finden. Ich war älter
als die andern, ich hatte von Jugend auf klar gesehen und wünschte in
allen Dingen nichts als Klarheit; ich hatte kein ander Interesse, als
die Welt zu kennen, wie sie war, und steckte mit dieser Liebhaberei
die übrigen besten Gefährten an, und fast hätte darüber unsere ganze
Bildung eine falsche Richtung genommen: denn wir fingen an, nur die
Fehler der andern und ihre Beschränkung zu sehen und uns selbst für
treffliche Wesen zu halten. Der Abbe kam uns zu Hülfe und lehrte uns,
daß man die Menschen nicht beobachten müsse, ohne sich für ihre
Bildung zu interessieren, und daß man sich selbst eigentlich nur in
der Tätigkeit zu beobachten und zu erlauschen imstande sei. Er riet
uns, jene ersten Formen der Gesellschaft beizubehalten; es blieb daher
etwas Gesetzliches in unsern Zusammenkünften, man sah wohl die ersten
mystischen Eindrücke auf die Einrichtung des Ganzen, nachher nahm es,
wie durch ein Gleichnis, die Gestalt eines Handwerks an, das sich bis
zur Kunst erhob. Daher kamen die Benennungen von Lehrlingen, Gehülfen
und Meistern. Wir wollten mit eigenen Augen sehen und uns ein eigenes
Archiv unserer Weltkenntnis bilden; daher entstanden die vielen
Konfessionen, die wir teils selbst schrieben, teils wozu wir andere
veranlaßten und aus denen nachher die "Lehrjahre" zusammengesetzt
wurden. Nicht allen Menschen ist es eigentlich um ihre Bildung zu tun;
viele wünschen nur so ein Hausmittel zum Wohlbefinden, Rezepte zum
Reichtum und zu jeder Art von Glückseligkeit. Alle diese, die nicht
auf ihre Füße gestellt sein wollten, wurden mit Mystifikationen und
anderm Hokuspokus teils aufgehalten, teils beiseite gebracht. Wir
sprachen nach unserer Art nur diejenigen los, die lebhaft fühlten und
deutlich bekannten, wozu sie geboren seien, und die sich genug geübt
hatten, um mit einer gewissen Fröhlichkeit und Leichtigkeit ihren Weg
zu verfolgen."
"So haben Sie sich mit mir sehr übereilt", versetzte Wilhelm; "denn
was ich kann, will oder soll, weiß ich gerade seit jenem Augenblick am
allerwenigsten."--"Wir sind ohne Schuld in diese Verwirrung geraten,
das gute Glück mag uns wieder heraushelfen; indessen hören Sie nur:
"Derjenige, an dem viel zu entwickeln ist, wird später über sich und
die Welt aufgeklärt. Es sind nur wenige, die den Sinn haben und
zugleich zur Tat fähig sind. Der Sinn erweitert, aber lähmt; die Tat
belebt, aber beschränkt.""
"Ich bitte Sie", fiel Wilhelm ein, "lesen Sie mir von diesen
wunderlichen Worten nichts mehr! Diese Phrasen haben mich schon
verwirrt genug gemacht."--"So will ich bei der Erzählung bleiben",
sagte Jarno, indem er die Rolle halb zuwickelte und nur manchmal einen
Blick hinein tat. "Ich selbst habe der Gesellschaft und den Menschen
am wenigsten genutzt; ich bin ein sehr schlechter Lehrmeister, es ist
mir unerträglich zu sehen, wenn jemand ungeschickte Versuche macht,
einem Irrenden muß ich gleich zurufen, und wenn es ein Nachtwandler
wäre, den ich in Gefahr sähe, geradenweges den Hals zu brechen.
Darüber hatte ich nun immer meine Not mit dem Abbe, der behauptet, der
Irrtum könne nur durch das Irren geheilt werden. Auch über Sie haben
wir uns oft gestritten; er hatte Sie besonders in Gunst genommen, und
es will schon etwas heißen, in dem hohen Grade seine Aufmerksamkeit
auf sich zu ziehen. Sie müssen mir nachsagen, daß ich Ihnen, wo ich
Sie antraf, die reine Wahrheit sagte."--"Sie haben mich wenig
geschont", sagte Wilhelm, "und Sie scheinen Ihren Grundsätzen treu zu
bleiben."--"Was ist denn da zu schonen", versetzte Jarno, "wenn ein
junger Mensch von mancherlei guten Anlagen eine ganz falsche Richtung
nimmt?"--"Verzeihen Sie", sagte Wilhelm, "Sie haben mir streng genug
alle Fähigkeit zum Schauspieler abgesprochen; ich gestehe Ihnen, daß,
ob ich gleich dieser Kunst ganz entsagt habe, so kann ich mich doch
unmöglich bei mir selbst dazu für ganz unfähig erklären."--"Und bei
mir", sagte Jarno, "ist es doch so rein entschieden, daß, wer sich nur
selbst spielen kann, kein Schauspieler ist. Wer sich nicht dem Sinn
und der Gestalt nach in viele Gestalten verwandeln kann, verdient
nicht diesen Namen. So haben Sie zum Beispiel den Hamlet und einige
andere Rollen recht gut gespielt, bei denen Ihr Charakter, Ihre
Gestalt und die Stimmung des Augenblicks Ihnen zugute kamen. Das wäre
nun für ein Liebhabertheater und für einen jeden gut genug, der keinen
andern Weg vor sich sähe. "Man soll sich"", fuhr Jarno fort, indem er
auf die Rolle sah, ""vor einem Talente hüten, das man in
Vollkommenheit auszuüben nicht Hoffnung hat. Man mag es darin so weit
bringen, als man will, so wird man doch immer zuletzt, wenn uns einmal
das Verdienst des Meisters klar wird, den Verlust von Zeit und Kräften,
die man auf eine solche Pfuscherei gewendet hat, schmerzlich bedauern.
""
"Lesen Sie nichts!" sagte Wilhelm, "ich bitte Sie inständig, sprechen
Sie fort, erzählen Sie mir, klären Sie mich auf! Und so hat also der
Abbe mir zum Hamlet geholfen, indem er einen Geist
herbeischaffte?"--"Ja, denn er versicherte, daß es der einzige Weg sei,
Sie zu heilen, wenn Sie heilbar wären."--"Und darum ließ er mir den
Schleier zurück und hieß mich fliehen?"--"Ja, er hoffte sogar, mit der
Vorstellung des Hamlets sollte Ihre ganze Lust gebüßt sein. Sie
würden nachher das Theater nicht wieder betreten, behauptete er; ich
glaubte das Gegenteil und behielt recht. Wir stritten noch selbigen
Abend nach der Vorstellung darüber."--"Und Sie haben mich also spielen
sehen?"--"O gewiß!"--"Und wer stellte denn den Geist vor?"--"Das kann
ich selbst nicht sagen; entweder der Abbe oder sein Zwillingsbruder,
doch glaub ich, dieser, denn er ist um ein weniges größer."--"Sie
haben also auch Geheimnisse untereinander?"--"Freunde können und
müssen Geheimnisse voreinander haben; sie sind einander doch kein
Geheimnis."
"Es verwirrt mich schon das Andenken dieser Verworrenheit. Klären Sie
mich über den Mann auf, dem ich so viel schuldig bin und dem ich so
viel Vorwürfe zu machen habe."
"Was ihn uns so schätzbar macht", versetzte Jarno, "was ihm
gewissermaßen die Herrschaft über uns alle erhält, ist der freie und
scharfe Blick, den ihm die Natur über alle Kräfte, die im Menschen nur
wohnen und wovon sich jede in ihrer Art ausbilden läßt, gegeben hat.
Die meisten Menschen, selbst die vorzüglichen, sind nur beschränkt;
jeder schätzt gewisse Eigenschaften an sich und andern; nur die
begünstigt er, nur die will er ausgebildet wissen. Ganz
entgegengesetzt wirkt der Abbe, er hat Sinn für alles, Lust an allem,
es zu erkennen und zu befördern. Da muß ich doch wieder in die Rolle
sehen!" fuhr Jarno fort. ""Nur alle Menschen machen die Menschheit
aus, nur alle Kräfte zusammengenommen die Welt. Diese sind unter sich
oft im Widerstreit, und indem sie sich zu zerstören suchen, hält sie
die Natur zusammen und bringt sie wieder hervor. Von dem geringsten
tierischen Handwerkstriebe bis zur höchsten Ausübung der geistigsten
Kunst, vom Lallen und Jauchzen des Kindes bis zur trefflichsten
äußerung des Redners und Sängers, vom ersten Balgen der Knaben bis zu
den ungeheuren Anstalten, wodurch Länder erhalten und erobert werden,
vom leichtesten Wohlwollen und der flüchtigsten Liebe bis zur
heftigsten Leidenschaft und zum ernstesten Bunde, von dem reinsten
Gefühl der sinnlichen Gegenwart bis zu den leisesten Ahnungen und
Hoffnungen der entferntesten geistigen Zukunft, alles das und weit
mehr liegt im Menschen und muß ausgebildet werden; aber nicht in einem,
sondern in vielen. Jede Anlage ist wichtig, und sie muß entwickelt
werden. Wenn einer nur das Schöne, der andere nur das Nützliche
befördert, so machen beide zusammen erst einen Menschen aus. Das
Nützliche befördert sich selbst, denn die Menge bringt es hervor, und
alle können's nicht entbehren; das Schöne muß befördert werden, denn
wenige stellen's dar, und viele bedürfen's.""
"Halten Sie inne!" rief Wilhelm, "ich habe das alles gelesen."--"Nur
noch einige Zeilen", versetzte Jarno; "hier find ich den Abbe ganz
wieder: "Eine Kraft beherrscht die andere, aber keine kann die andere
bilden; in jeder Anlage liegt auch allein die Kraft, sich zu vollenden;
das verstehen so wenig Menschen, die doch lehren und wirken wollen.
""--"Und ich verstehe es auch nicht", versetzte Wilhelm.--"Sie werden
über diesen Text den Abbe noch oft genug hören, und so lassen Sie uns
nur immer recht deutlich sehen und festhalten, was an uns ist, und was
wir an uns ausbilden können; lassen Sie uns gegen die andern gerecht
sein, denn wir sind nur insofern zu achten, als wir zu schätzen wissen.
"--"Um Gottes willen! keine Sentenzen weiter! Ich fühle, sie sind ein
schlechtes Heilmittel für ein verwundetes Herz. Sagen Sie mir lieber
mit Ihrer grausamen Bestimmtheit, was Sie von mir erwarten und wie und
auf welche Weise Sie mich aufopfern wollen."--"Jeden Verdacht, ich
versichere Sie, werden Sie uns künftig abbitten. Es ist Ihre Sache,
zu prüfen und zu wählen, und die unsere, Ihnen beizustehn. Der Mensch
ist nicht eher glücklich, als bis sein unbedingtes Streben sich selbst
seine Begrenzung bestimmt. Nicht an mich halten Sie sich, sondern an
den Abbe; nicht an sich denken Sie, sondern an das, was Sie umgibt.
Lernen Sie zum Beispiel Lotharios Trefflichkeit einsehen, wie sein
überblick und seine Tätigkeit unzertrennlich miteinander verbunden
sind, wie er immer im Fortschreiten ist, wie er sich ausbreitet und
jeden mit fortreißt. Er führt, wo er auch sei, eine Welt mit sich,
seine Gegenwart belebt und feuert an. Sehen Sie unsern guten Medikus
dagegen! Es scheint gerade die entgegengesetzte Natur zu sein. Wenn
jener nur ins Ganze und auch in die Ferne wirkt, so richtet dieser
seinen hellen Blick nur auf die nächsten Dinge, er verschafft mehr die
Mittel zur Tätigkeit, als daß er die Tätigkeit hervorbrächte und
belebte; sein Handeln sieht einem guten Wirtschaften vollkommen
ähnlich, seine Wirksamkeit ist still, indem er einen jeden in seinem
Kreis befördert; sein Wissen ist ein beständiges Sammeln und
Ausspenden, ein Nehmen und Mitteilen im kleinen. Vielleicht könnte
Lothario in einem Tage zerstören, woran dieser jahrelang gebaut hat;
aber vielleicht teilt auch Lothario in einem Augenblick andern die
Kraft mit, das Zerstörte hundertfältig wiederherzustellen."--"Es ist
ein trauriges Geschäft", sagte Wilhelm, "wenn man über die reinen
Vorzüge der andern in einem Augenblicke denken soll, da man mit sich
selbst uneins ist; solche Betrachtungen stehen dem ruhigen Manne wohl
an, nicht dem, der von Leidenschaft und Ungewißheit bewegt ist.
"--"Ruhig und vernünftig zu betrachten ist zu keiner Zeit schädlich,
und indem wir uns gewöhnen, über die Vorzüge anderer zu denken,
stellen sich die unsern unvermerkt selbst an ihren Platz, und jede
falsche Tätigkeit, wozu uns die Phantasie lockt, wird alsdann gern von
uns aufgegeben. Befreien Sie wo möglich Ihren Geist von allem Argwohn
und aller ängstlichkeit! Dort kommt der Abbe, sein Sie ja freundlich
gegen ihn, bis Sie noch mehr erfahren, wieviel Dank Sie ihm schuldig
sind. Der Schalk! da geht er zwischen Natalien und Theresen; ich
wollte wetten, er denkt sich was aus. So wie er überhaupt gern ein
wenig das Schicksal spielt, so läßt er auch nicht von der Liebhaberei,
manchmal eine Heirat zu stiften."
Wilhelm, dessen leidenschaftliche und verdrießliche Stimmung durch
alle die klugen und guten Worte Jarnos nicht verbessert worden war,
fand höchst undelikat, daß sein Freund gerade in diesem Augenblick
eines solchen Verhältnisses erwähnte, und sagte, zwar lächelnd, doch
nicht ohne Bitterkeit: "Ich dächte, man überließe die Liebhaberei,
Heiraten zu stiften, Personen, die sich liebhaben."
VIII. Buch, 6. Kapitel
Sechstes Kapitel
Die Gesellschaft hatte sich eben wieder begegnet, und unsere Freunde
sahen sich genötigt, das Gespräch abzubrechen. Nicht lange, so ward
ein Kurier gemeldet, der einen Brief in Lotharios eigene Hände
übergeben wollte; der Mann ward vorgeführt, er sah rüstig und tüchtig
aus, seine Livree war sehr reich und geschmackvoll. Wilhelm glaubte
ihn zu kennen, und er irrte sich nicht, es war derselbe Mann, den er
damals Philinen und der vermeinten Mariane nachgeschickt hatte und der
nicht wieder zurückgekommen war. Eben wollte er ihn anreden, als
Lothario, der den Brief gelesen hatte, ernsthaft und fast verdrießlich
fragte: "Wie heißt Sein Herr?"
"Das ist unter allen Fragen", versetzte der Kurier mit Bescheidenheit,
"auf die ich am wenigsten zu antworten weiß; ich hoffe, der Brief wird
das Nötige vermelden; mündlich ist mir nichts aufgetragen."
"Es sei, wie ihm sei", versetzte Lothario mit Lächeln, "da Sein Herr
das Zutrauen zu mir hat, mir so hasenfüßig zu schreiben, so soll er
uns willkommen sein."--"Er wird nicht lange auf sich warten lassen",
versetzte der Kurier mit einer Verbeugung und entfernte sich.
"Vernehmet nur", sagte Lothario",die tolle, abgeschmackte Botschaft.
"Da unter allen Gästen", so schreibt der Unbekannte, "ein guter Humor
der angenehmste Gast sein soll, wenn er sich einstellt, und ich
denselben als Reisegefährten beständig mit mir herumführe, so bin ich
überzeugt, der Besuch, den ich Euer Gnaden und Liebden zugedacht habe,
wird nicht übel vermerkt werden, vielmehr hoffe ich mit der sämtlichen
hohen Familie vollkommener Zufriedenheit anzulangen und gelegentlich
mich wieder zu entfernen, der ich mich, und so weiter, Graf von
Schneckenfuß.""
"Das ist eine neue Familie", sagte der Abbe.
"Es mag ein Vikariatsgraf sein", versetzte Jarno.
"Das Geheimnis ist leicht zu erraten", sagte Natalie; "ich wette, es
ist Bruder Friedrich, der uns schon seit dem Tode des Oheims mit einem
Besuche droht."
"Getroffen, schöne und weise Schwester!" rief jemand aus einem nahen
Busche, und zugleich trat ein angenehmer, heiterer junger Mann hervor;
Wilhelm konnte sich kaum eines Schreies enthalten. "Wie?" rief er,
"unser blonder Schelm, der soll mir auch hier noch erscheinen?"
Friedrich ward aufmerksam, sah Wilhelmen an und rief: "Wahrlich,
weniger erstaunt wär ich gewesen, die berühmten Pyramiden, die doch in
ägypten so fest stehen, oder das Grab des Königs Mausolus, das, wie
man mir versichert hat, gar nicht mehr existiert, hier in dem Garten
meines Oheims zu finden als Euch, meinen alten Freund und vielfachen
Wohltäter. Seid mir besonders und schönstens gegrüßt!"
Nachdem er ringsherum alles bewillkommt und geküßt hatte, sprang er
wieder auf Wilhelmen los und rief: "Haltet mir ihn ja warm, diesen
Helden, Heerführer und dramatischen Philosophen! Ich habe ihn bei
unserer ersten Bekanntschaft schlecht, ja ich darf wohl sagen, mit der
Hechel frisiert, und er hat mir doch nachher eine tüchtige Tracht
Schläge erspart. Er ist großmütig wie Scipio, freigebig wie Alexander,
gelegentlich auch verliebt, doch ohne seine Nebenbuhler zu hassen.
Nicht etwa, daß er seinen Feinden Kohlen aufs Haupt sammelte, welches,
wie man sagt, ein schlechter Dienst sein soll, den man jemanden
erzeigen kann, nein, er schickt vielmehr den Freunden, die ihm sein
Mädchen entführen, gute und treue Diener nach, damit ihr Fuß an keinen
Stein stoße."
In diesem Geschmack fuhr er unaufhaltsam fort, ohne daß jemand ihm
Einhalt zu tun imstande gewesen wäre, und da niemand in dieser Art ihm
erwidern konnte, so behielt er das Wort ziemlich allein. "Verwundert
euch nicht", rief er aus, "über meine große Belesenheit in heiligen
und Profan-Skribenten; ihr sollt erfahren, wie ich zu diesen
Kenntnissen gelangt bin." Man wollte von ihm wissen, wie es ihm gehe,
wo er herkomme; allein er konnte vor lauter Sittensprüchen und alten
Geschichten nicht zur deutlichen Erklärung gelangen.
Natalie sagte leise zu Theresen: "Seine Art von Lustigkeit tut mir
wehe; ich wollte wetten, daß ihm dabei nicht wohl ist."
Da Friedrich außer einigen Späßen, die ihm Jarno erwiderte, keinen
Anklang für seine Possen in der Gesellschaft fand, sagte er: "Es
bleibt mir nichts übrig, als mit der ernsthaften Familie auch
ernsthaft zu werden, und weil mir unter solchen bedenklichen Umständen
sogleich meine sämtliche Sündenlast schwer auf die Seele fällt, so
will ich mich kurz und gut zu einer Generalbeichte entschließen, wovon
ihr aber, meine werten Herrn und Damen, nichts vernehmen sollt.
Dieser edle Freund hier, dem schon einiges von meinem Leben und Tun
bekannt ist, soll es allein erfahren, um so mehr, als er allein
darnach zu fragen einige Ursache hat. Wäret Ihr nicht neugierig zu
wissen", fuhr er gegen Wilhelmen fort, "wie und wo? wer? wann und
warum? wie sieht's mit der Konjugation des griechischen Verbi Phileo,
Philoh und mit den Derivativis dieses allerliebsten Zeitwortes aus?"
Somit nahm er Wilhelmen beim Arme, führte ihn fort, indem er ihn auf
alle Weise drückte und küßte.
Kaum war Friedrich auf Wilhelms Zimmer gekommen, als er im Fenster ein
Pudermesser liegen fand mit der Inschrift: "Gedenke mein". "Ihr hebt
Eure werten Sachen gut auf!" sagte er, "wahrlich, das ist Philinens
Pudermesser, das sie Euch jenen Tag schenkte, als ich Euch so gerauft
hatte. Ich hoffe, Ihr habt des schönen Mädchens fleißig dabei gedacht,
und versichere Euch, sie hat Euch auch nicht vergessen, und wenn ich
nicht jede Spur von Eifersucht schon lange aus meinem Herzen verbannt
hätte, so würde ich Euch nicht ohne Neid ansehen."
"Reden Sie nichts mehr von diesem Geschöpfe", versetzte Wilhelm. "Ich
leugne nicht, daß ich den Eindruck ihrer angenehmen Gegenwart lange
nicht loswerden konnte, aber das war auch alles."
"Pfui! schämt Euch", rief Friedrich, "wer wird eine Geliebte
verleugnen? Und Ihr habt sie so komplett geliebt, als man es nur
wünschen konnte. Es verging kein Tag, daß Ihr dem Mädchen nicht etwas
schenktet, und wenn der Deutsche schenkt, liebt er gewiß. Es blieb
mir nichts übrig, als sie Euch zuletzt wegzuputzen, und dem roten
Offizierchen ist es denn auch endlich geglückt."
"Wie? Sie waren der Offizier, den wir bei Philinen antrafen und mit
dem sie wegreiste?"
"Ja", versetzte Friedrich, "den Sie für Marianen hielten. Wir haben
genug über den Irrtum gelacht."
"Welche Grausamkeit!" rief Wilhelm, "mich in einer solchen Ungewißheit
zu lassen."
"Und noch dazu den Kurier, den Sie uns nachschickten, gleich in
Dienste zu nehmen!" versetzte Friedrich. "Es ist ein tüchtiger Kerl
und ist diese Zeit nicht von unserer Seite gekommen. Und das Mädchen
lieb ich noch immer so rasend wie jemals. Mir hat sie's ganz eigens
angetan, daß ich mich ganz nahezu in einem mythologischen Falle
befinde und alle Tage befürchte, verwandelt zu werden."
"Sagen Sie mir nur", fragte Wilhelm, "wo haben Sie Ihre ausgebreitete
Gelehrsamkeit her? Ich höre mit Verwunderung der seltsamen Manier zu,
die Sie angenommen haben, immer mit Beziehung auf alte Geschichten und
Fabeln zu sprechen."
"Auf die lustigste Weise", sagte Friedrich, "bin ich gelehrt, und zwar
sehr gelehrt worden. Philine ist nun bei mir, wir haben einem Pachter
das alte Schloß eines Rittergutes abgemietet, worin wir wie die
Kobolde aufs lustigste leben. Dort haben wir eine zwar kompendiöse,
aber doch ausgesuchte Bibliothek gefunden, enthaltend eine Bibel in
Folio, "Gottfrieds Chronik", zwei Bände "Theatrum Europaeum", die
"Acerra Philologica", Gryphii Schriften und noch einige minder
wichtige Bücher. Nun hatten wir denn doch, wenn wir ausgetobt hatten,
manchmal Langeweile, wir wollten lesen, und ehe wir's uns versahen,
ward unsere Weile noch länger. Endlich hatte Philine den herrlichen
Einfall, die sämtlichen Bücher auf einem großen Tisch aufzuschlagen,
wir setzten uns gegeneinander und lasen gegeneinander, und immer nur
stellenweise, aus einem Buch wie aus dem andern. Das war nun eine
rechte Lust! Wir glaubten wirklich in guter Gesellschaft zu sein, wo
man für unschicklich hält, irgendeine Materie zu lange fortsetzen oder
wohl gar gründlich erörtern zu wollen; wir glaubten in lebhafter
Gesellschaft zu sein, wo keins das andere zum Wort kommen läßt. Diese
Unterhaltung geben wir uns regelmäßig alle Tage und werden dadurch
nach und nach so gelehrt, daß wir uns selbst darüber verwundern.
Schon finden wir nichts Neues mehr unter der Sonne, zu allem bietet
uns unsere Wissenschaft einen Beleg an. Wir variieren diese Art, uns
zu unterrichten, auf gar vielerlei Weise. Manchmal lesen wir nach
einer alten, verdorbenen Sanduhr, die in einigen Minuten ausgelaufen
ist. Schnell dreht sie das andere herum und fängt aus einem Buche zu
lesen an, und kaum ist wieder der Sand im untern Glase, so beginnt das
andere schon wieder seinen Spruch, und so studieren wir wirklich auf
wahrhaft akademische Weise, nur daß wir kürzere Stunden haben und
unsere Studien äußerst mannigfaltig sind."
"Diese Tollheit begreife ich wohl", sagte Wilhelm, "wenn einmal so ein
lustiges Paar beisammen ist; wie aber das lockere Paar so lange
beisammen bleiben kann, das ist mir nicht so bald begreiflich."
"Das ist", rief Friedrich, "eben das Glück und das Unglück: Philine
darf sich nicht sehen lassen, sie mag sich selbst nicht sehen, sie ist
guter Hoffnung. Unförmlicher und lächerlicher ist nichts in der Welt
als sie. Noch kurz, ehe ich wegging, kam sie zufälligerweise vor den
Spiegel. "Pfui Teufel!" sagte sie und wendete das Gesicht ab, "die
leibhaftige Frau Melina! Das garstige Bild! Man sieht doch ganz
niederträchtig aus!""
"Ich muß gestehen", versetzte Wilhelm lächelnd, "daß es ziemlich
komisch sein mag, euch als Vater und Mutter beisammen zu sehen."
"Es ist ein recht närrischer Streich", sagte Friedrich, "daß ich noch
zuletzt als Vater gelten soll. Sie behauptet's, und die Zeit trifft
auch. Anfangs machte mich der verwünschte Besuch, den sie Euch nach
dem "Hamlet" abgestattet hatte, ein wenig irre."
"Was für ein Besuch?"
"Ihr werdet das Andenken daran doch nicht ganz und gar verschlafen
haben? Das allerliebste, fühlbare Gespenst jener Nacht, wenn Ihr's
noch nicht wißt, war Philine. Die Geschichte war mir freilich eine
harte Mitgift, doch wenn man sich so etwas nicht mag gefallen lassen,
so muß man gar nicht lieben. Die Vaterschaft beruht überhaupt nur auf
der überzeugung; ich bin überzeugt, und also bin ich Vater. Da seht
Ihr, daß ich die Logik auch am rechten Orte zu brauchen weiß. Und
wenn das Kind sich nicht gleich nach der Geburt auf der Stelle zu Tode
lacht, so kann es, wo nicht ein nützlicher, doch angenehmer Weltbürger
werden."
Indessen die Freunde sich auf diese lustige Weise von leichtfertigen
Gegenständen unterhielten, hatte die übrige Gesellschaft ein
ernsthaftes Gespräch angefangen. Kaum hatten Friedrich und Wilhelm
sich entfernt, als der Abbe die Freunde unvermerkt in einen Gartensaal
führte und, als sie Platz genommen hatten, seinen Vortrag begann.
"Wir haben", sagte er, "im allgemeinen behauptet, daß Fräulein Therese
nicht die Tochter ihrer Mutter sei; es ist nötig, daß wir uns hierüber
auch nun im einzelnen erklären. Hier ist die Geschichte, die ich
sodann auf alle Weise zu belegen und zu beweisen mich erbiete.
Frau von *** lebte die ersten Jahre ihres Ehestandes mit ihrem Gemahl
in dem besten Vernehmen, nur hatten sie das Unglück, daß die Kinder,
zu denen einigemal Hoffnung war, tot zur Welt kamen und bei dem
dritten die ärzte der Mutter beinahe den Tod verkündigten und ihn bei
einem folgenden als ganz unvermeidlich weissagten. Man war genötigt,
sich zu entschließen, man wollte das Eheband nicht aufheben, man
befand sich, bürgerlich genommen, zu wohl. Frau von *** suchte in der
Ausbildung ihres Geistes, in einer gewissen Repräsentation, in den
Freuden der Eitelkeit eine Art von Entschädigung für das Mutterglück,
das ihr versagt war. Sie sah ihrem Gemahl mit sehr viel Heiterkeit
nach, als er Neigung zu einem Frauenzimmer faßte, welche die ganze
Haushaltung versah, eine schöne Gestalt und einen sehr soliden
Charakter hatte. Frau von *** bot nach kurzer Zeit einer Einrichtung
selbst die Hände, nach welcher das gute Mädchen sich Theresens Vater
überließ, in der Besorgung des Hauswesens fortfuhr und gegen die Frau
vom Hause fast noch mehr Dienstfertigkeit und Ergebung als vorher
bezeigte.
Nach einiger Zeit erklärte sie sich guter Hoffnung, und die beiden
Eheleute kamen bei dieser Gelegenheit, obwohl aus ganz verschiedenen
Anlässen, auf einerlei Gedanken. Herr von *** wünschte das Kind
seiner Geliebten als sein rechtmäßiges im Hause einzuführen, und Frau
von ***, verdrießlich, daß durch die Indiskretion ihres Arztes ihr
Zustand in der Nachbarschaft hatte verlauten wollen, dachte durch ein
untergeschobenes Kind sich wieder in Ansehn zu setzen und durch eine
solche Nachgiebigkeit ein übergewicht im Hause zu erhalten, das sie
unter den übrigen Umständen zu verlieren fürchtete. Sie war
zurückhaltender als ihr Gemahl, sie merkte ihm seinen Wunsch ab und
wußte, ohne ihm entgegenzugehn, eine Erklärung zu erleichtern. Sie
machte ihre Bedingungen und erhielt fast alles, was sie verlangte, und
so entstand das Testament, worin so wenig für das Kind gesorgt zu sein
schien. Der alte Arzt war gestorben, man wendete sich an einen jungen,
tätigen, gescheiten Mann, er ward gut belohnt, und er konnte selbst
eine Ehre darin suchen, die Unschicklichkeit und übereilung seines
abgeschiedenen Kollegen ins Licht zu setzen und zu verbessern. Die
wahre Mutter willigte nicht ungern ein, man spielte die Verstellung
sehr gut, Therese kam zur Welt und wurde einer Stiefmutter zugeeignet,
indes ihre wahre Mutter ein Opfer dieser Verstellung ward, indem sie
sich zu früh wieder herauswagte, starb und den guten Mann trostlos
hinterließ.
Frau von *** hatte indessen ganz ihre Absicht erreicht, sie hatte vor
den Augen der Welt ein liebenswürdiges Kind, mit dem sie übertrieben
parodierte, sie war zugleich eine Nebenbuhlerin losgeworden, deren
Verhältnis sie denn doch mit neidischen Augen ansah und deren Einfluß
sie, für die Zukunft wenigstens, heimlich fürchtete; sie überhäufte
das Kind mit Zärtlichkeit und wußte ihren Gemahl in vertraulichen
Stunden durch eine so lebhafte Teilnahme an seinem Verlust dergestalt
an sich zu ziehen, daß er sich ihr, man kann wohl sagen, ganz ergab,
sein Glück und das Glück seines Kindes in ihre Hände legte und kaum
kurze Zeit vor seinem Tode, und noch gewissermaßen nur durch seine
erwachsene Tochter, wieder Herr im Hause ward. Das war, schöne
Therese, das Geheimnis, das Ihnen Ihr kranker Vater wahrscheinlich so
gern entdeckt hätte, das ist's, was ich Ihnen jetzt, eben da der junge
Freund, der durch die sonderbarste Verknüpfung von der Welt Ihr
Bräutigam geworden ist, in der Gesellschaft fehlt, umständlich
vorlegen wollte. Hier sind die Papiere, die aufs strengste beweisen,
was ich behauptet habe. Sie werden daraus zugleich erfahren, wie
lange ich schon dieser Entdeckung auf der Spur war und wie ich doch
erst jetzt zur Gewißheit kommen konnte; wie ich nicht wagte, meinem
Freund etwas von der Möglichkeit des Glücks zu sagen, da es ihn zu
tief gekränkt haben würde, wenn diese Hoffnung zum zweiten Male
verschwunden wäre. Sie werden Lydiens Argwohn begreifen: denn ich
gestehe gern, daß ich die Neigung unseres Freundes zu diesem guten
Mädchen keineswegs begünstigte, seitdem ich seiner Verbindung mit
Theresen wieder entgegensah."
Niemand erwiderte etwas auf diese Geschichte. Die Frauenzimmer gaben
die Papiere nach einigen Tagen zurück, ohne derselben weiter zu
erwähnen.
Man hatte Mittel genug in der Nähe, die Gesellschaft, wenn sie
beisammen war, zu beschäftigen, auch bot die Gegend so manche Reize
dar, daß man sich gern darin teils einzeln, teils zusammen, zu Pferde,
zu Wagen oder zu Fuße umsah. Jarno richtete bei einer solchen
Gelegenheit seinen Auftrag an Wilhelmen aus, legte ihm die Papiere vor,
schien aber weiter keine Entschließung von ihm zu verlangen.
"In diesem höchst sonderbaren Zustand, in dem ich mich befinde", sagte
Wilhelm darauf, "brauche ich Ihnen nur das zu wiederholen, was ich
sogleich anfangs in Gegenwart Nataliens und gewiß mit einem reinen
Herzen gesagt habe: Lothario und seine Freunde können jede Art von
Entsagung von mir fordern, ich lege Ihnen hiermit alle meine Ansprüche
an Theresen in die Hand, verschaffen Sie mir dagegen meine förmliche
Entlassung. Oh! es bedarf, mein Freund, keines großen Bedenkens, mich
zu entschließen. Schon diese Tage hab ich gefühlt, daß Therese Mühe
hat, nur einen Schein der Lebhaftigkeit, mit der sie mich zuerst hier
begrüßte, zu erhalten. Ihre Neigung ist mir entwendet, oder vielmehr
ich habe sie nie besessen."
"Solche Fälle möchten sich wohl besser nach und nach unter Schweigen
und Erwarten aufklären", versetzte Jarno, "als durch vieles Reden,
wodurch immer eine Art von Verlegenheit und Gärung entsteht."
"Ich dächte vielmehr", sagte Wilhelm, "daß gerade dieser Fall der
ruhigsten und der reinsten Entscheidung fähig sei. Man hat mir so oft
den Vorwurf des Zauderns und der Ungewißheit gemacht; warum will man
jetzt, da ich entschlossen bin, geradezu einen Fehler, den man an mir
tadelte, gegen mich selbst begehn? Gibt sich die Welt nur darum
soviel Mühe, uns zu bilden, um uns fühlen zu lassen, daß sie sich
nicht bilden mag? Ja, gönnen Sie mir recht bald das heitere Gefühl,
ein Mißverhältnis loszuwerden, in das ich mit den reinsten Gesinnungen
von der Welt geraten bin."
Ungeachtet dieser Bitte vergingen einige Tage, in denen er nichts von
dieser Sache hörte, noch auch eine weitere Veränderung an seinen
Freunden bemerkte; die Unterhaltung war vielmehr bloß allgemein und
gleichgültig.
VIII. Buch, 7. Kapitel
Siebentes Kapitel
Einst saßen Natalie, Jarno und Wilhelm zusammen, und Natalie begann:
"Sie sind nachdenklich, Jarno, ich kann es Ihnen schon einige Zeit
abmerken."
"Ich bin es", versetzte der Freund, "und ich sehe ein wichtiges
Geschäft vor mir, das bei uns schon lange vorbereitet ist und jetzt
notwendig angegriffen werden muß. Sie wissen schon etwas im
allgemeinen davon, und ich darf wohl vor unserm jungen Freunde davon
reden, weil es auf ihn ankommen soll, ob er teil daran zu nehmen Lust
hat. Sie werden mich nicht lange mehr sehen, denn ich bin im Begriff,
nach Amerika überzuschiffen."
"Nach Amerika?" versetzte Wilhelm lächelnd; "ein solches Abenteuer
hätte ich nicht von Ihnen erwartet, noch weniger, daß Sie mich zum
Gefährten ausersehen würden."
"Wenn Sie unsern Plan ganz kennen", versetzte Jarno, "so werden Sie
ihm einen bessern Namen geben und vielleicht für ihn eingenommen
werden, Hören Sie mich an! Man darf nur ein wenig mit den Welthändeln
bekannt sein, um zu bemerken, daß uns große Veränderungen bevorstehn
und daß die Besitztümer beinahe nirgends mehr recht sicher sind."
"Ich habe keinen deutlichen Begriff von den Welthändeln", fiel Wilhelm
ein, "und habe mich erst vor kurzem um meine Besitztümer bekümmert.
Vielleicht hätte ich wohlgetan, sie mir noch länger aus dem Sinne zu
schlagen, da ich bemerken muß, daß die Sorge für ihre Erhaltung so
hypochondrisch macht."
"Hören Sie mich aus", sagte Jarno; "die Sorge geziemt dem Alter, damit
die Jugend eine Zeitlang sorglos sein könne. Das Gleichgewicht in den
menschlichen Handlungen kann leider nur durch Gegensätze hergestellt
werden. Es ist gegenwärtig nichts weniger als rätlich, nur an einem
Ort zu besitzen, nur einem Platze sein Geld anzuvertrauen, und es ist
wieder schwer, an vielen Orten Aufsicht darüber zu führen; wir haben
uns deswegen etwas anders ausgedacht: aus unserm alten Turm soll eine
Sozietät ausgehen, die sich in alle Teile der Welt ausbreiten, in die
man aus jedem Teile der Welt eintreten kann. Wir assekurieren uns
untereinander unsere Existenz auf den einzigen Fall, daß eine
Staatsrevolution den einen oder den andern von seinen Besitztümern
völlig vertriebe. Ich gehe nun hinüber nach Amerika, um die guten
Verhältnisse zu benutzen, die sich unser Freund bei seinem dortigen
Aufenthalt gemacht hat. Der Abbe will nach Rußland gehn, und Sie
sollen die Wahl haben, wenn Sie sich an uns anschließen wollen, ob Sie
Lothario in Deutschland beistehn oder mit mir gehen wollen. Ich
dächte, Sie wählten das letzte: denn eine große Reise zu tun ist für
einen jungen Mann äußerst nützlich."
Wilhelm nahm sich zusammen und antwortete: "Der Antrag ist aller
überlegung wert, denn mein Wahlspruch wird doch nächstens sein: "Je
weiter weg, je besser." Sie werden mich, hoffe ich, mit Ihrem Plane
näher bekannt machen. Es kann von meiner Unbekanntschaft mit der Welt
herrühren, mir scheinen aber einer solchen Verbindung sich
unüberwindliche Schwierigkeiten entgegenzusetzen."
"Davon sich die meisten nur dadurch heben werden", versetzte Jarno,
"daß unser bis jetzt nur wenig sind, redliche, gescheite und
entschlossene Leute, die einen gewissen allgemeinen Sinn haben, aus
dem allein der gesellige Sinn entstehen kann."
Friedrich, der bisher nur zugehört hatte, versetzte darauf: "Und wenn
ihr mir ein gutes Wort gebt, gehe ich auch mit."
Jarno schüttelte den Kopf.
"Nun, was habt ihr an mir auszusetzen?" fuhr Friedrich fort. "Bei
einer neuen Kolonie werden auch junge Kolonisten erfordert, und die
bring ich gleich mit; auch lustige Kolonisten, das versichre ich euch.
Und dann wüßte ich noch ein gutes junges Mädchen, das hierhüben nicht
mehr am Platz ist, die süße, reizende Lydie. Wo soll das arme Kind
mit seinem Schmerz und Jammer hin, wenn sie ihn nicht gelegentlich in
die Tiefe des Meeres werfen kann und wenn sich nicht ein braver Mann
ihrer annimmt? Ich dächte, mein Jugendfreund, da Ihr doch im Gange
seid, Verlassene zu trösten, Ihr entschlößt Euch, jeder nähme sein
Mädchen unter den Arm, und wir folgten dem alten Herrn."
Dieser Antrag verdroß Wilhelmen. Er antwortete mit verstellter Ruhe:
"Weiß ich doch nicht einmal, ob sie frei ist, und da ich überhaupt im
Werben nicht glücklich zu sein scheine, so möchte ich einen solchen
Versuch nicht machen."
Natalie sagte darauf: "Bruder Friedrich, du glaubst, weil du für dich
so leichtsinnig handelst, auch für andere gelte deine Gesinnung.
Unser Freund verdient ein weibliches Herz, das ihm ganz angehöre, das
nicht an seiner Seite von fremden Erinnerungen bewegt werde; nur mit
einem höchst vernünftigen und reinen Charakter wie Theresens war ein
Wagestück dieser Art zu raten."
"Was Wagestück!" rief Friedrich, "in der Liebe ist alles Wagestück.
Unter der Laube oder vor dem Altar, mit Umarmungen oder goldenen
Ringen, beim Gesange der Heimchen oder bei Trompeten und Pauken, es
ist alles nur ein Wagestück, und der Zufall tut alles."
"Ich habe immer gesehen", versetzte Natalie, "daß unsere Grundsätze
nur ein Supplement zu unsern Existenzen sind. Wir hängen unsern
Fehlern gar zu gern das Gewand eines gültigen Gesetzes um. Gib nur
acht, welchen Weg dich die Schöne noch führen wird, die dich auf eine
so gewaltsame Weise angezogen hat und festhält."
"Sie ist selbst auf einem sehr guten Wege", versetzte Friedrich, "auf
dem Wege zur Heiligkeit. Es ist freilich ein Umweg, aber desto
lustiger und sichrer; Maria von Magdala ist ihn auch gegangen, und wer
weiß, wieviel andere. überhaupt, Schwester, wenn von Liebe die Rede
ist, solltest du dich gar nicht dreinmischen. Ich glaube, du
heiratest nicht eher, als bis irgendwo eine Braut fehlt, und du gibst
dich alsdann nach deiner gewohnten Gutherzigkeit auch als Supplement
irgendeiner Existenz hin. Also laß uns nur jetzt mit diesem
Seelenverkäufer da unsern Handel schließen und über unsere
Reisegesellschaft einig werden."
"Sie kommen mit Ihren Vorschlägen zu spät", sagte Jarno, "für Lydien
ist gesorgt."
"Und wie?" fragte Friedrich.
"Ich habe ihr selbst meine Hand angeboten", versetzte Jarno.
"Alter Herr", sagte Friedrich, "da macht Ihr einen Streich, zu dem man,
wenn man ihn als ein Substantivum betrachtet, verschiedene Adjektiva,
und folglich, wenn man ihn als Subjekt betrachtet, verschiedene
Prädikate finden könnte."
"Ich muß aufrichtig gestehen", versetzte Natalie, "es ist ein
gefährlicher Versuch, sich ein Mädchen zuzueignen in dem Augenblicke,
da sie aus Liebe zu einem andern verzweifelt."
"Ich habe es gewagt", versetzte Jarno, "sie wird unter einer gewissen
Bedingung mein. Und glauben Sie mir, es ist in der Welt nichts
schätzbarer als ein Herz, das der Liebe und der Leidenschaft fähig ist.
Ob es geliebt habe, ob es noch liebe, darauf kommt es nicht an. Die
Liebe, mit der ein anderer geliebt wird, ist mir beinahe reizender als
die, mit der ich geliebt werden könnte; ich sehe die Kraft, die Gewalt
eines schönen Herzens, ohne daß die Eigenliebe mir den reinen Anblick
trübt."
"Haben Sie Lydien in diesen Tagen schon gesprochen?" versetzte Natalie.
Jarno nickte lächelnd; Natalie schüttelte den Kopf und sagte, indem
sie aufstand: "Ich weiß bald nicht mehr, was ich aus euch machen soll,
aber mich sollt ihr gewiß nicht irremachen."
Sie wollte sich eben entfernen, als der Abbe mit einem Brief in der
Hand hereintrat und zu ihr sagte: "Bleiben Sie! Ich habe hier einen
Vorschlag, bei dem Ihr Rat willkommen sein wird. Der Marchese, der
Freund Ihres verstorbenen Oheims, den wir seit einiger Zeit erwarten,
muß in diesen Tagen hier sein. Er schreibt mir, daß ihm doch die
deutsche Sprache nicht so geläufig sei, als er geglaubt, daß er eines
Gesellschafters bedürfe, der sie vollkommen nebst einigem andern
besitze; da er mehr wünsche, in wissenschaftliche als politische
Verbindungen zu treten, so sei ihm ein solcher Dolmetscher
unentbehrlich. Ich wüßte niemand geschickter dazu als unsern jungen
Freund. Er kennt die Sprache, ist sonst in vielem unterrichtet, und
es wird für ihn selbst ein großer Vorteil sein, in so guter
Gesellschaft und unter so vorteilhaften Umständen Deutschland zu sehen.
Wer sein Vaterland nicht kennt, hat keinen Maßstab für fremde Länder.
Was sagen Sie, meine Freunde? Was sagen Sie, Natalie?"
Niemand wußte gegen den Antrag etwas einzuwenden; Jarno schien seinen
Vorschlag, nach Amerika zu reisen, selbst als kein Hindernis anzusehn,
indem er ohnehin nicht sogleich aufbrechen würde; Natalie schwieg, und
Friedrich führte verschiedene Sprüchwörter über den Nutzen des Reisens
an.
Wilhelm war über diesen neuen Vorschlag im Herzen so entrüstet, daß er
es kaum verbergen konnte. Er sah eine Verabredung, ihn baldmöglichst
loszuwerden, nur gar zu deutlich, und was das Schlimmste war, man ließ
sie so offenbar, so ganz ohne Schonung sehen. Auch der Verdacht, den
Lydie bei ihm erregt, alles, was er selbst erfahren hatte, wurde
wieder aufs neue vor seiner Seele lebendig, und die natürliche Art,
wie Jarno ihm alles ausgelegt hatte, schien ihm auch nur eine
künstliche Darstellung zu sein.
Er nahm sich zusammen und antwortete: "Dieser Antrag verdient
allerdings eine reifliche überlegung."
"Eine geschwinde Entschließung möchte nötig sein", versetzte der Abbe.
"Dazu bin ich jetzt nicht gefaßt", antwortete Wilhelm. "Wir können
die Ankunft des Mannes abwarten und dann sehen, ob wir zusammen passen.
Eine Hauptbedingung aber muß man zum voraus eingehen: daß ich meinen
Felix mitnehmen und ihn überall mit hinführen darf."
"Diese Bedingung wird schwerlich zugestanden werden", versetzte der
Abbe.
"Und ich sehe nicht", rief Wilhelm aus, "warum ich mir von irgendeinem
Menschen sollte Bedingungen vorschreiben lassen und warum ich, wenn
ich einmal mein Vaterland sehen will, einen Italiener zur Gesellschaft
brauche."
"Weil ein junger Mensch", versetzte der Abbe mit einem gewissen
imponierenden Ernste, "immer Ursache hat, sich anzuschließen."
Wilhelm, der wohl merkte, daß er länger an sich zu halten nicht
imstande sei, da sein Zustand nur durch die Gegenwart Nataliens noch
einigermaßen gelindert ward, ließ sich hierauf mit einiger Hast
vernehmen: "Man vergönne mir nur noch kurze Bedenkzeit, und ich
vermute, es wird sich geschwind entscheiden, ob ich Ursache habe, mich
weiter anzuschließen, oder ob nicht vielmehr Herz und Klugheit mir
unwiderstehlich gebieten, mich von so mancherlei Banden loszureißen,
die mir eine ewige, elende Gefangenschaft drohen."
So sprach er mit einem lebhaft bewegten Gemüt. Ein Blick auf Natalien
beruhigte ihn einigermaßen, indem sich in diesem leidenschaftlichen
Augenblick ihre Gestalt und ihr Wert nur desto tiefer bei ihm
eindrückten.
"Ja", sagte er zu sich selbst, indem er sich allein fand, "gestehe dir
nur, du liebst sie, und du fühlst wieder, was es heiße, wenn der
Mensch mit allen Kräften lieben kann. So liebte ich Marianen und ward
so schrecklich an ihr irre; ich liebte Philinen und mußte sie
verachten. Aurelien achtete ich und konnte sie nicht lieben; ich
verehrte Theresen, und die väterliche Liebe nahm die Gestalt einer
Neigung zu ihr an; und jetzt, da in deinem Herzen alle Empfindungen
zusammentreffen, die den Menschen glücklich machen sollten, jetzt bist
du genötigt zu fliehen! Ach! warum muß sich zu diesen Empfindungen,
zu diesen Erkenntnissen das unüberwindliche Verlangen des Besitzes
gesellen? und warum richten ohne Besitz eben diese Empfindungen, diese
überzeugungen jede andere Art von Glückseligkeit völlig zugrunde?
Werde ich künftig der Sonne und der Welt, der Gesellschaft oder
irgendeines Glücksgutes genießen? wirst du nicht immer zu dir sagen:
"Natalie ist nicht da!", und doch wird leider Natalie dir immer
gegenwärtig sein. Schließest du die Augen, so wird sie sich dir
darstellen; öffnest du sie, so wird sie vor allen Gegenständen
hinschweben wie die Erscheinung, die ein blendendes Bild im Auge
zurückläßt. War nicht schon früher die schnell vorübergegangene
Gestalt der Amazone deiner Einbildungskraft immer gegenwärtig? Und du
hattest sie nur gesehen, du kanntest sie nicht. Nun, da du sie kennst,
da du ihr so nahe warst, da sie so vielen Anteil an dir gezeigt hat,
nun sind ihre Eigenschaften so tief in dein Gemüt geprägt als ihr Bild
jemals in deine Sinne. ängstlich ist es, immer zu suchen, aber viel
ängstlicher, gefunden zu haben und verlassen zu müssen. Wornach soll
ich in der Welt nun weiter fragen? wornach soll ich mich weiter
umsehen? Welche Gegend, welche Stadt verwahrt einen Schatz, der
diesem gleich ist? Und ich soll reisen, um nur immer das Geringere zu
finden? Ist denn das Leben bloß, wie eine Rennbahn, wo man sogleich
schnell wieder umkehren muß, wenn man das äußerste Ende erreicht hat?
Und steht das Gute, das Vortreffliche nur wie ein festes, unverrücktes
Ziel da, von dem man sich ebenso schnell mit raschen Pferden wieder
entfernen muß, als man es erreicht zu haben glaubt? anstatt daß jeder
andere, der nach irdischen Waren strebt, sie in den verschiedenen
Himmelsgegenden oder wohl gar auf der Messe und dem Jahrmarkt
anschaffen kann."
"Komm, lieber Knabe!" rief er seinem Sohn entgegen, der eben
dahergesprungen kam, "sei und bleibe du mir alles! Du warst mir zum
Ersatz deiner geliebten Mutter gegeben, du solltest mir die zweite
Mutter ersetzen, die ich dir bestimmt hatte, und nun hast du noch die
größere Lücke auszufüllen. Beschäftige mein Herz, beschäftige meinen
Geist mit deiner Schönheit, deiner Liebenswürdigkeit, deiner
Wißbegierde und deinen Fähigkeiten!"
Der Knabe war mit einem neuen Spielwerke beschäftigt, der Vater suchte
es ihm besser, ordentlicher, zweckmäßiger einzurichten; aber in dem
Augenblicke verlor auch das Kind die Lust daran. "Du bist ein wahrer
Mensch!" rief Wilhelm aus, "komm, mein Sohn! komm, mein Bruder, laß
uns in der Welt zwecklos hinspielen, so gut wir können!"
Sein Entschluß, sich zu entfernen, das Kind mit sich zu nehmen und
sich an den Gegenständen der Welt zu zerstreuen, war nun sein fester
Vorsatz. Er schrieb an Wernern, ersuchte ihn um Geld und Kreditbriefe
und schickte Friedrichs Kurier mit dem geschärften Auftrage weg, bald
wiederzukommen. Sosehr er gegen die übrigen Freunde auch verstimmt
war, so rein blieb sein Verhältnis zu Natalien. Er vertraute ihr
seine Absicht; auch sie nahm für bekannt an, daß er gehen könne und
müsse, und wenn ihn auch gleich diese scheinbare Gleichgültigkeit an
ihr schmerzte, so beruhigte ihn doch ihre gute Art und ihre Gegenwart
vollkommen. Sie riet ihm, verschiedene Städte zu besuchen, um dort
einige ihrer Freunde und Freundinnen kennenzulernen. Der Kurier kam
zurück, brachte, was Wilhelm verlangt hatte, obgleich Werner mit
diesem neuen Ausflug nicht zufrieden zu sein schien. "Meine Hoffnung,
daß du vernünftig werden würdest", schrieb dieser, "ist nun wieder
eine gute Weile hinausgeschoben. Wo schweift ihr nun alle zusammen
herum? und wo bleibt denn das Frauenzimmer, zu dessen wirtschaftlichem
Beistande du mir Hoffnung machtest? Auch die übrigen Freunde sind
nicht gegenwärtig; dem Gerichtshalter und mir ist das ganze Geschäft
aufgewälzt. Ein Glück, daß er eben ein so guter Rechtsmann ist, als
ich ein Finanzmann bin, und daß wir beide etwas zu schleppen gewohnt
sind. Lebe wohl! Deine Ausschweifungen sollen dir verziehen sein, da
doch ohne sie unser Verhältnis in dieser Gegend nicht hätte so gut
werden können."
Was das äußere betraf, hätte er nun immer abreisen können, allein sein
Gemüt war noch durch zwei Hindernisse gebunden. Man wollte ihm ein
für allemal Mignons Körper nicht zeigen als bei den Exequien, welche
der Abbe zu halten gedachte, zu welcher Feierlichkeit noch nicht alles
bereit war. Auch war der Arzt durch einen sonderbaren Brief des
Landgeistlichen abgerufen worden. Es betraf den Harfenspieler, von
dessen Schicksalen Wilhelm näher unterrichtet sein wollte.
In diesem Zustande fand er weder bei Tag noch bei Nacht Ruhe der Seele
oder des Körpers. Wenn alles schlief, ging er in dem Hause hin und
her. Die Gegenwart der alten, bekannten Kunstwerke zog ihn an und
stieß ihn ab. Er konnte nichts, was ihn umgab, weder ergreifen noch
lassen, alles erinnerte ihn an alles, er übersah den ganzen Ring
seines Lebens, nur lag er leider zerbrochen vor ihm und schien sich
auf ewig nicht schließen zu wollen. Diese Kunstwerke, die sein Vater
verkauft hatte, schienen ihm ein Symbol, daß auch er von einem ruhigen
und gründlichen Besitz des Wünschenswerten in der Welt teils
ausgeschlossen, teils desselben durch eigne oder fremde Schuld beraubt
werden sollte. Er verlor sich so weit in diesen sonderbaren und
traurigen Betrachtungen, daß er sich selbst manchmal wie ein Geist
vorkam und, selbst wenn er die Dinge außer sich befühlte und betastete,
sich kaum des Zweifels erwehren konnte, ob er denn auch wirklich lebe
und da sei.
Nur der lebhafte Schmerz, der ihn manchmal ergriff, daß er alles das
Gefundene und Wiedergefundene so freventlich und doch so notwendig
verlassen müsse, nur seine Tränen gaben ihm das Gefühl seines Daseins
wieder. Vergebens rief er sich den glücklichen Zustand, in dem er
sich doch eigentlich befand, vors Gedächtnis. "So ist denn alles
nichts", rief er aus, "wenn das eine fehlt, das dem Menschen alles
übrige wert ist!"
Der Abbe verkündigte der Gesellschaft die Ankunft des Marchese. "Sie
sind zwar, wie es scheint", sagte er zu Wilhelmen, "mit Ihrem Knaben
allein abzureisen entschlossen; lernen Sie jedoch wenigstens diesen
Mann kennen, der Ihnen, wo Sie ihn auch unterwegs antreffen, auf alle
Fälle nützlich sein kann." Der Marchese erschien; es war ein Mann
noch nicht hoch in Jahren, eine von den wohlgestalteten, gefälligen
lombardischen Figuren. Er hatte als Jüngling mit dem Oheim der schon
um vieles älter war, bei der Armee, dann in Geschäften Bekanntschaft
gemacht; sie hatten nachher einen großen Teil von Italien zusammen
durchreist, und die Kunstwerke, die der Marchese hier wiederfand,
waren zum großen Teil in seiner Gegenwart und unter manchen
glücklichen Umständen, deren er sich noch wohl erinnerte, gekauft und
angeschafft worden.
Der Italiener hat überhaupt ein tieferes Gefühl für die hohe Würde der
Kunst als andere Nationen; jeder, der nur irgend etwas treibt, will
Künstler, Meister und Professor heißen und bekennt wenigstens durch
diese Titelsucht, daß es nicht genug sei, nur etwas durch
überlieferung zu erhaschen oder durch übung irgendeine Gewandtheit zu
erlangen; er gesteht, daß jeder vielmehr über das, was er tut, auch
fähig sein solle zu denken, Grundsätze aufzustellen und die Ursachen,
warum dieses oder jenes zu tun sei, sich selbst und andern deutlich zu
machen.
Der Fremde ward gerührt, so schöne Besitztümer ohne den Besitzer
wiederzufinden, und erfreut, den Geist seines Freundes aus den
vortrefflichen Hinterlassenen sprechen zu hören. Sie gingen die
verschiedenen Werke durch und fanden eine große Behaglichkeit, sich
einander verständlich machen zu können. Der Marchese und der Abbe
führten das Wort; Natalie, die sich wieder in die Gegenwart ihres
Oheims versetzt fühlte, wußte sich sehr gut in ihre Meinungen und
Gesinnungen zu finden; Wilhelm mußte sich's in theatralische
Terminologie übersetzen, wenn er etwas davon verstehen wollte. Man
hatte Not, Friedrichs Scherze in Schranken zu halten. Jarno war
selten zugegen.
Bei der Betrachtung, daß vortreffliche Kunstwerke in der neuern Zeit
so selten seien, sagte der Marchese: "Es läßt sich nicht leicht denken
und übersehen, was die Umstände für den Künstler tun müssen, und dann
sind bei dem größten Genie, bei dem entschiedensten Talente noch immer
die Forderungen unendlich, die er an sich selbst zu machen hat,
unsäglich der Fleiß, der zu seiner Ausbildung nötig ist. Wenn nun die
Umstände wenig für ihn tun, wenn er bemerkt, daß die Welt sehr leicht
zu befriedigen ist und selbst nur einen leichten, gefälligen,
behaglichen Schein begehrt, so wäre es zu verwundern, wenn nicht
Bequemlichkeit und Eigenliebe ihn bei dem Mittelmäßigen festhielten;
es wäre seltsam, wenn er nicht lieber für Modewaren Geld und Lob
eintauschen als den rechten Weg wählen sollte, der ihn mehr oder
weniger zu einem kümmerlichen Märtyrertum führt. Deswegen bieten die
Künstler unserer Zeit nur immer an, um niemals zu geben. Sie wollen
immer reizen, um niemals zu befriedigen; alles ist nur angedeutet, und
man findet nirgends Grund noch Ausführung. Man darf aber auch nur
eine Zeitlang ruhig in einer Galerie verweilen und beobachten, nach
welchen Kunstwerken sich die Menge zieht, welche gepriesen und welche
vernachlässigt werden, so hat man wenig Lust an der Gegenwart und für
die Zukunft wenig Hoffnung."
"Ja", versetzte der Abbe, "und so bilden sich Liebhaber und Künstler
wechselsweise; der Liebhaber sucht nur einen allgemeinen, unbestimmten
Genuß; das Kunstwerk soll ihm ungefähr wie ein Naturwerk behagen, und
die Menschen glauben, die Organe, ein Kunstwerk zu genießen, bildeten
sich ebenso von selbst aus wie die Zunge und der Gaum, man urteile
über ein Kunstwerk wie über eine Speise. Sie begreifen nicht, was für
einer andern Kultur es bedarf, um sich zum wahren Kunstgenusse zu
erheben. Das Schwerste finde ich die Art von Absonderung, die der
Mensch in sich selbst bewirken muß, wenn er sich überhaupt bilden will;
deswegen finden wir so viel einseitige Kulturen, wovon doch jede sich
anmaßt, über das Ganze abzusprechen."
"Was Sie da sagen, ist mir nicht ganz deutlich", sagte Jarno, der eben
hinzutrat.
"Auch ist es schwer", versetzte der Abbe, "sich in der Kürze bestimmt
hierüber zu erklären. Ich sage nur soviel: sobald der Mensch an
mannigfaltige Tätigkeit oder mannigfaltigen Genuß Anspruch macht, so
muß er auch fähig sein, mannigfaltige Organe an sich gleichsam
unabhängig voneinander auszubilden. Wer alles und jedes in seiner
ganzen Menschheit tun oder genießen will, wer alles außer sich zu
einer solchen Art von Genuß verknüpfen will, der wird seine Zeit nur
mit einem ewig unbefriedigten Streben hinbringen. Wie schwer ist es,
was so natürlich scheint, eine gute Statue, ein treffliches Gemälde an
und für sich zu beschauen, den Gesang um des Gesangs willen zu
vernehmen, den Schauspieler im Schauspieler zu bewundern, sich eines
Gebäudes um seiner eigenen Harmonie und seiner Dauer willen zu
erfreuen. Nun sieht man aber meist die Menschen entschiedene Werke
der Kunst geradezu behandeln, als wenn es ein weicher Ton wäre. Nach
ihren Neigungen, Meinungen und Grillen soll sich der gebildete Marmor
sogleich wieder ummodeln, das festgemauerte Gebäude sich ausdehnen
oder zusammenziehen, ein Gemälde soll lehren, ein Schauspiel bessern,
und alles soll alles werden. Eigentlich aber, weil die meisten
Menschen selbst formlos sind, weil sie sich und ihrem Wesen selbst
keine Gestalt geben können, so arbeiten sie, den Gegenständen ihre
Gestalt zu nehmen, damit ja alles loser und lockrer Stoff werde, wozu
sie auch gehören. Alles reduzieren sie zuletzt auf den sogenannten
Effekt, alles ist relativ, und so wird auch alles relativ, außer dem
Unsinn und der Abgeschmacktheit, die denn auch ganz absolut regiert."
"Ich verstehe Sie", versetzte Jarno, "oder vielmehr ich sehe wohl ein,
wie das, was Sie sagen, mit den Grundsätzen zusammenhängt, an denen
Sie so festhalten; ich kann es aber mit den armen Teufeln von Menschen
unmöglich so genau nehmen. Ich kenne freilich ihrer genug, die sich
bei den größten Werken der Kunst und der Natur sogleich ihres
armseligsten Bedürfnisses erinnern, ihr Gewissen und ihre Moral mit in
die Oper nehmen, ihre Liebe und Haß vor einem Säulengange nicht
ablegen und das Beste und Größte, was ihnen von außen gebracht werden
kann, in ihrer Vorstellungsart erst möglichst verkleinern müssen, um
es mit ihrem kümmerlichen Wesen nur einigermaßen verbinden zu können."
VIII. Buch, 8. Kapitel
Achtes Kapitel
Am Abend lud der Abbe zu den Exequien Mignons ein. Die Gesellschaft
begab sich in den Saal der Vergangenheit und fand denselben auf das
sonderbarste erhellt und ausgeschmückt. Mit himmelblauen Teppichen
waren die Wände fast von oben bis unten bekleidet, so daß nur Sockel
und Fries hervorschienen. Auf den vier Kandelabern in den Ecken
brannten große Wachsfackeln, und so nach Verhältnis auf den vier
kleinern, die den mittlern Sarkophag umgaben. Neben diesem standen
vier Knaben, himmelblau mit Silber gekleidet, und schienen einer Figur,
die auf dem Sarkophag ruhte, mit breiten Fächern von Straußenfedern
Luft zuzuwehn. Die Gesellschaft setzte sich, und zwei unsichtbare
Chöre fingen mit holdem Gesang an zu fragen: "Wen bringt ihr uns zur
stillen Gesellschaft?" Die vier Kinder antworteten mit lieblicher
Stimme. "Einen müden Gespielen bringen wir euch; laßt ihn unter euch
ruhen, bis das Jauchzen himmlischer Geschwister ihn dereinst wieder
aufweckt."
Chor
Erstling der Jugend in unserm Kreise, sei willkommen! mit Trauer
willkommen! Dir folge kein Knabe, kein Mädchen nach! Nur das Alter
nahe sich willig und gelassen der stillen Halle, und in ernster
Gesellschaft ruhe das liebe, liebe Kind!
Knaben
Ach! wie ungern brachten wir ihn her! Ach! und er soll hier bleiben!
Laßt uns auch bleiben, laßt uns weinen, weinen an seinem Sarge!
Chor
Seht die mächtigen Flügel doch an! seht das leichte, reine Gewand! wie
blinkt die goldene Binde vom Haupt! seht die schöne, die würdige Ruh!
Knaben
Ach! die Flügel heben sie nicht; im leichten Spiele flattert das
Gewand nicht mehr; als wir mit Rosen kränzten ihr Haupt, blickte sie
hold und freundlich nach uns.
Chor
Schaut mit den Augen des Geistes hinan! In euch lebe die bildende
Kraft, die das Schönste, das Höchste hinauf, über die Sterne das Leben
trägt!
Knaben
Aber ach! wir vermissen sie hier, in den Gärten wandelt sie nicht,
sammelt der Wiese Blumen nicht mehr. Laßt uns weinen, wir lassen sie
hier! laßt uns weinen und bei ihr bleiben!
Chor
Kinder! kehret ins Leben zurück! Eure Tränen trockne die frische Luft,
die um das schlängelnde Wasser spielt. Entflieht der Nacht! Tag und
Lust und Dauer ist das Los der Lebendigen.
Knaben
Auf, wir kehren ins Leben zurück. Gebe der Tag uns Arbeit und Lust,
bis der Abend uns Ruhe bringt und der nächtliche Schlaf uns erquickt.
Chor
Kinder! eilet ins Leben hinan! In der Schönheit reinem Gewande
begegn' euch die Liebe mit himmlischem Blick und dem Kranz der
Unsterblichkeit!
Die Knaben waren schon fern, der Abbe stand von seinem Sessel auf und
trat hinter den Sarg. "Es ist die Verordnung", sagte er, "des Mannes,
der diese stille Wohnung bereitet hat, daß jeder neue Ankömmling mit
Feierlichkeit empfangen werden soll. Nach ihm, dem Erbauer dieses
Hauses, dem Errichter dieser Stätte, haben wir zuerst einen jungen
Fremdling hierhergebracht, und so faßt schon dieser kleine Raum zwei
ganz verschiedene Opfer der strengen, willkürlichen und unerbittlichen
Todesgöttin. Nach bestimmten Gesetzen treten wir ins Leben ein, die
Tage sind gezählt, die uns zum Anblicke des Lichts reif machen, aber
für die Lebensdauer ist kein Gesetz. Der schwächste Lebensfaden zieht
sich in unerwartete Länge, und den stärksten zerschneidet gewaltsam
die Schere einer Parze, die sich in Widersprüchen zu gefallen scheint.
Von dem Kinde, das wir hier bestatten, wissen wir wenig zu sagen.
Noch ist uns unbekannt, woher es kam; seine Eltern kennen wir nicht,
und die Zahl seiner Lebensjahre vermuten wir nur. Sein tiefes,
verschlossenes Herz ließ uns seine innersten Angelegenheiten kaum
erraten; nichts war deutlich an ihm, nichts offenbar als die Liebe zu
dem Manne, der es aus den Händen eines Barbaren rettete. Diese
zärtliche Neigung, diese lebhafte Dankbarkeit schien die Flamme zu
sein, die das öl ihres Lebens aufzehrte; die Geschicklichkeit des
Arztes konnte das schöne Leben nicht erhalten, die sorgfältigste
Freundschaft vermochte nicht, es zu fristen. Aber wenn die Kunst den
scheidenden Geist nicht zu fesseln vermochte, so hat sie alle ihre
Mittel angewandt, den Körper zu erhalten und ihn der Vergänglichkeit
zu entziehen. Eine balsamische Masse ist durch alle Adern gedrungen
und färbt nun an der Stelle des Bluts die so früh verbliebenen Wangen.
Treten Sie näher, meine Freunde, und sehen Sie das Wunder der Kunst
und Sorgfalt!"
Er hub den Schleier auf, und das Kind lag in seinen Engelkleidern wie
schlafend in der angenehmsten Stellung. Alle traten herbei und
bewunderten diesen Schein des Lebens. Nur Wilhelm blieb in seinem
Sessel sitzen, er konnte sich nicht fassen; was er empfand, durfte er
nicht denken, und jeder Gedanke schien seine Empfindung zerstören zu
wollen.
Die Rede war um des Marchese willen französisch gesprochen worden.
Dieser trat mit den andern herbei und betrachtete die Gestalt mit
Aufmerksamkeit. Der Abbe fuhr fort: "Mit einem heiligen Vertrauen war
auch dieses gute, gegen die Menschen so verschlossene Herz beständig
zu seinem Gott gewendet. Die Demut, ja eine Neigung, sich äußerlich
zu erniedrigen, schien ihm angeboren. Mit Eifer hing es an der
katholischen Religion, in der es geboren und erzogen war. Oft äußerte
sie den stillen Wunsch, auf geweihtem Boden zu ruhen, und wir haben,
nach den Gebräuchen der Kirche, dieses marmorne Behältnis und die
wenige Erde geweihet, die in ihrem Kopfkissen verborgen ist. Mit
welcher Inbrunst küßte sie in ihren letzten Augenblicken das Bild des
Gekreuzigten, das auf ihren zarten Armen mit vielen hundert Punkten
sehr zierlich abgebildet steht!" Er streifte zugleich, indem er das
sagte, ihren rechten Arm auf, und ein Kruzifix, von verschiedenen
Buchstaben und Zeichen begleitet, sah man blaulich auf der weißen Haut.
Der Marchese betrachtete diese neue Erscheinung ganz in der Nähe. "O
Gott!" rief er aus, indem er sich aufrichtete und seine Hände gen
Himmel hob, "armes Kind! Unglückliche Nichte! Finde ich dich hier
wieder! Welche schmerzliche Freude, dich, auf die wir schon lange
Verzicht getan hatten, diesen guten, lieben Körper, den wir lange im
See einen Raub der Fische glaubten, hier wiederzufinden, zwar tot,
aber erhalten! Ich wohne deiner Bestattung bei, die so herrlich durch
ihr äußeres und noch herrlicher durch die guten Menschen wird, die
dich zu deiner Ruhestätte begleiten. Und wenn ich werde reden können",
sagte er mit gebrochner Stimme, "werde ich ihnen danken."
Die Tränen verhinderten ihn, etwas weiter hervorzubringen. Durch den
Druck einer Feder versenkte der Abbe den Körper in die Tiefe des
Marmors. Vier Jünglinge, bekleidet wie jene Knaben, traten hinter den
Teppichen hervor, hoben den schweren, schön verzierten Deckel auf den
Sarg und fingen zugleich ihren Gesang an.
Die Jünglinge
Wohl verwahrt ist nun der Schatz, das schöne Gebild der Vergangenheit!
hier im Marmor ruht es unverzehrt; auch in euren Herzen lebt es, wirkt
es fort. Schreitet, schreitet ins Leben zurück! Nehmet den heiligen
Ernst mit hinaus, denn der Ernst, der heilige, macht allein das Leben
zur Ewigkeit.
Das unsichtbare Chor fiel in die letzten Worte mit ein, aber niemand
von der Gesellschaft vernahm die stärkenden Worte, jedes war zu sehr
mit den wunderbaren Entdeckungen und seinen eignen Empfindungen
beschäftigt. Der Abbe und Natalie führten den Marchese, Wilhelmen
Therese und Lothario hinaus, und erst als der Gesang ihnen völlig
verhallte, fielen die Schmerzen, die Betrachtungen, die Gedanken, die
Neugierde sie mit aller Gewalt wieder an, und sehnlich wünschten sie
sich in jenes Element wieder zurück.
VIII. Buch, 9. Kapitel--1
Neuntes Kapitel
Der Marchese vermied, von der Sache zu reden, hatte aber heimliche und
lange Gespräche mit dem Abbe. Er erbat sich, wenn die Gesellschaft
beisammen war, öfters Musik; man sorgte gern dafür, weil jedermann
zufrieden war, des Gesprächs überhoben zu sein. So lebte man einige
Zeit fort, als man bemerkte, daß er Anstalt zur Abreise mache. Eines
Tages sagte er zu Wilhelmen: "Ich verlange nicht, die Reste des guten
Kindes zu beunruhigen; es bleibe an dem Orte zurück, wo es geliebt und
gelitten hat, aber seine Freunde müssen mir versprechen, mich in
seinem Vaterlande, an dem Platze zu besuchen, wo das arme Geschöpf
geboren und erzogen wurde; sie müssen die Säulen und Statuen sehen,
von denen ihm noch eine dunkle Idee übriggeblieben ist.
Ich will Sie in die Buchten führen, wo sie so gern die Steinchen
zusammenlas. Sie werden sich, lieber junger Mann, der Dankbarkeit
einer Familie nicht entziehen, die Ihnen so viel schuldig ist. Morgen
reise ich weg. Ich habe dem Abbe die ganze Geschichte vertraut, er
wird sie Ihnen wiedererzählen; er konnte mir verzeihen, wenn mein
Schmerz mich unterbrach, und er wird als ein Dritter die Begebenheiten
mit mehr Zusammenhang vortragen. Wollen Sie mir noch, wie der Abbe
vorschlug, auf meiner Reise durch Deutschland folgen, so sind Sie
willkommen. Lassen Sie Ihren Knaben nicht zurück; bei jeder kleinen
Unbequemlichkeit, die er uns macht, wollen wir uns Ihrer Vorsorge für
meine arme Nichte wieder erinnern."
Noch selbigen Abend ward man durch die Ankunft der Gräfin überrascht.
Wilhelm bebte an allen Gliedern, als sie hereintrat, und sie, obgleich
vorbereitet, hielt sich an ihrer Schwester, die ihr bald einen Stuhl
reichte. Wie sonderbar einfach war ihr Anzug und wie verändert ihre
Gestalt! Wilhelm durfte kaum auf sie hinblicken; sie begrüßte ihn mit
Freundlichkeit, und einige allgemeine Worte konnten ihre Gesinnung und
Empfindungen nicht verbergen. Der Marchese war beizeiten zu Bette
gegangen, und die Gesellschaft hatte noch keine Lust, sich zu trennen;
der Abbe brachte ein Manuskript hervor. "Ich habe", sagte er,
"sogleich die sonderbare Geschichte, wie sie mir anvertraut wurde, zu
Papiere gebracht. Wo man am wenigsten Tinte und Feder sparen soll,
das ist beim Aufzeichnen einzelner Umstände merkwürdiger Begebenheiten."
Man unterrichtete die Gräfin, wovon die Rede sei, und der Abbe las:
"Meinen Vater", sagte der Marchese, "muß ich, soviel Welt ich auch
gesehen habe, immer für einen der wunderbarsten Menschen halten. Sein
Charakter war edel und gerade, seine Ideen weit und man darf sagen
groß; er war streng gegen sich selbst; in allen seinen Planen fand man
eine unbestechliche Folge, an allen seinen Handlungen eine
ununterbrochene Schrittmäßigkeit. So gut sich daher von einer Seite
mit ihm umgehen und ein Geschäft verhandeln ließ, sowenig konnte er um
ebendieser Eigenschaften willen sich in die Welt finden, da er vom
Staate, von seinen Nachbaren, von Kindern und Gesinde die Beobachtung
aller der Gesetze forderte, die er sich selbst auferlegt hatte. Seine
mäßigsten Forderungen wurden übertrieben durch seine Strenge, und er
konnte nie zum Genuß gelangen, weil nichts auf die Weise entstand, wie
er sich's gedacht hatte. Ich habe ihn in dem Augenblicke, da er einen
Palast bauete, einen Garten anlegte, ein großes neues Gut in der
schönsten Lage erwarb, innerlich mit dem ernstesten Ingrimm überzeugt
gesehen, das Schicksal habe ihn verdammt, enthaltsam zu sein und zu
dulden. In seinem äußerlichen beobachtete er die größte Würde; wenn
er scherzte, zeigte er nur die überlegenheit seines Verstandes; es war
ihm unerträglich, getadelt zu werden, und ich habe ihn nur einmal in
meinem Leben ganz außer aller Fassung gesehen, da er hörte, daß man
von einer seiner Anstalten wie von etwas Lächerlichem sprach. In
ebendiesem Geiste hatte er über seine Kinder und sein Vermögen
disponiert. Mein ältester Bruder ward als ein Mann erzogen, der
künftig große Güter zu hoffen hatte; ich sollte den geistlichen Stand
ergreifen und der jüngste Soldat werden. Ich war lebhaft, feurig,
tätig, schnell, zu allen körperlichen übungen geschickt. Der Jüngste
schien zu einer Art von schwärmerischer Ruhe geneigter, den
Wissenschaften, der Musik und der Dichtkunst ergeben. Nur nach dem
härtsten Kampf, nach der völligsten überzeugung der Unmöglichkeit gab
der Vater, wiewohl mit Widerwillen, nach, daß wir unsern Beruf
umtauschen dürften, und ob er gleich jeden von uns beiden zufrieden
sah, so konnte er sich doch nicht drein finden und versicherte, daß
nichts Gutes daraus entstehen werde. Je älter er ward, desto
abgeschnittener fühlte er sich von aller Gesellschaft. Er lebte
zuletzt fast ganz allein. Nur ein alter Freund, der unter den
Deutschen gedient, im Feldzuge seine Frau verloren und eine Tochter
mitgebracht hatte, die ungefähr zehn Jahre alt war, blieb sein
einziger Umgang. Dieser kaufte sich ein artiges Gut in der
Nachbarschaft, sah meinen Vater zu bestimmten Tagen und Stunden der
Woche, in denen er auch manchmal seine Tochter mitbrachte. Er
widersprach meinem Vater niemals, der sich zuletzt völlig an ihn
gewöhnte und ihn als den einzigen erträglichen Gesellschafter duldete,
Nach dem Tode unseres Vaters merkten wir wohl, daß dieser Mann von
unserm Alten trefflich ausgestattet worden war und seine Zeit nicht
umsonst zugebracht hatte; er erweiterte seine Güter, seine Tochter
konnte eine schöne Mitgift erwarten. Das Mädchen wuchs heran und war
von sonderbarer Schönheit; mein älterer Bruder scherzte oft mit mir,
daß ich mich um sie bewerben sollte.
Indessen hatte Bruder Augustin im Kloster seine Jahre in dem
sonderbarsten Zustande zugebracht; er überließ sich ganz dem Genuß
einer heiligen Schwärmerei, jenen halb geistigen, halb physischen
Empfindungen, die, wie sie ihn eine Zeitlang in den dritten Himmel
erhuben, bald darauf in einen Abgrund von Ohnmacht und leeres Elend
versinken ließen. Bei meines Vaters Lebzeiten war an keine
Veränderung zu denken, und was hätte man wünschen oder vorschlagen
sollen? Nach dem Tode unsers Vaters besuchte er uns fleißig; sein
Zustand, der uns im Anfang jammerte, ward nach und nach um vieles
erträglicher, denn die Vernunft hatte gesiegt. Allein je sichrer sie
ihm völlige Zufriedenheit und Heilung auf dem reinen Wege der Natur
versprach, desto lebhafter verlangte er von uns, daß wir ihn von
seinen Gelübden befreien sollten; er gab zu verstehen, daß seine
Absicht auf Sperata, unsere Nachbarin, gerichtet sei.
Mein älterer Bruder hatte zuviel durch die Hätte unseres Vaters
gelitten, als daß er ungerührt bei dem Zustande des jüngsten hätte
bleiben können. Wir sprachen mit dem Beichtvater unserer Familie,
einem alten, würdigen Manne, entdeckten ihm die doppelte Absicht
unseres Bruders und baten ihn, die Sache einzuleiten und zu befördern.
Wider seine Gewohnheit zögerte er, und als endlich unser Bruder in
uns drang und wir die Angelegenheit dem Geistlichen lebhafter
empfahlen, mußte er sich entschließen, uns die sonderbare Geschichte
zu entdecken.
Sperata war unsre Schwester, und zwar sowohl von Vater als Mutter;
Neigung und Sinnlichkeit hatten den Mann in späteren Jahren nochmals
überwältigt, in welchen das Recht der Ehegatten schon verloschen zu
sein scheint; über einen ähnlichen Fall hatte man sich kurz vorher in
der Gegend lustig gemacht, und mein Vater, um sich nicht gleichfalls
dem Lächerlichen auszusetzen, beschloß, diese späte, gesetzmäßige
Frucht der Liebe mit ebender Sorgfalt zu verheimlichen, als man sonst
die frühern zufälligen Früchte der Neigung zu verbergen pflegt.
Unsere Mutter kam heimlich nieder, das Kind wurde aufs Land gebracht,
und der alte Hausfreund, der nebst dem Beichtvater allein um das
Geheimnis wußte, ließ sich leicht bereden, sie für seine Tochter
auszugeben. Der Beichtvater hatte sich nur ausbedungen, im äußersten
Fall das Geheimnis entdecken zu dürfen. Der Vater war gestorben, das
zarte Mädchen lebte unter der Aufsicht einer alten Frau; wir wußten,
daß Gesang und Musik unsern Bruder schon bei ihr eingeführt hatten,
und da er uns wiederholt aufforderte, seine alten Bande zu trennen, um
das neue zu knüpfen, so war es nötig, ihn so bald als möglich von der
Gefahr zu unterrichten, in der er schwebte.
Er sah uns mit wilden, verachtenden Blicken an. "Spart eure
unwahrscheinlichen Märchen", rief er aus, "für Kinder und
leichtgläubige Toren; mir werdet ihr Speraten nicht vom Herzen reißen,
sie ist mein. Verleugnet sogleich euer schreckliches Gespenst, das
mich nur vergebens ängstigen würde. Sperata ist nicht meine Schwester,
sie ist mein Weib!" Er beschrieb uns mit Entzücken, wie ihn das
himmlische Mädchen aus dem Zustande der unnatürlichen Absonderung von
den Menschen in das wahre Leben geführt, wie beide Gemüter gleich
beiden Kehlen zusammenstimmten und wie er alle seine Leiden und
Verirrungen segnete, weil sie ihn von allen Frauen bis dahin entfernt
gehalten und weil er nun ganz und gar sich dem liebenswürdigsten
Mädchen ergeben könne. Wir entsetzten uns über die Entdeckung, uns
jammerte sein Zustand, wir wußten uns nicht zu helfen, er versicherte
uns mit Heftigkeit, daß Sperata ein Kind von ihm im Busen trage.
Unser Beichtvater tat alles, was ihm seine Pflicht eingab, aber
dadurch ward das übel nur schlimmer. Die Verhältnisse der Natur und
der Religion, der sittlichen Rechte und der bürgerlichen Gesetze
wurden von meinem Bruder aufs heftigste durchgefochten. Nichts schien
ihm heilig als das Verhältnis zu Sperata, nichts schien ihm würdig als
der Name Vater und Gattin. "Diese allein", rief er aus, "sind der
Natur gemäß, alles andere sind Grillen und Meinungen. Gab es nicht
edle Völker, die eine Heirat mit der Schwester billigten? Nennt eure
Götter nicht", rief er aus, "ihr braucht die Namen nie, als wenn ihr
uns betören, uns von dem Wege der Natur abführen und die edelsten
Triebe durch schändlichen Zwang zu Verbrechen entstellen wollt. Zur
größten Verwirrung des Geistes, zum schändlichsten Mißbrauche des
Körpers nötigt ihr die Schlachtopfer, die ihr lebendig begrabt.
Ich darf reden, denn ich habe gelitten wie keiner, von der höchsten,
süßesten Fülle der Schwärmerei bis zu den fürchterlichen Wüsten der
Ohnmacht, der Leerheit, der Vernichtung und Verzweiflung, von den
höchsten Ahnungen überirdischer Wesen bis zu dem völligsten Unglauben,
dem Unglauben an mir selbst. Allen diesen entsetzlichen Bodensatz des
am Rande schmeichelnden Kelchs habe ich ausgetrunken, und mein ganzes
Wesen war bis in sein Innerstes vergiftet. Nun, da mich die gütige
Natur durch ihre größten Gaben, durch die Liebe wieder geheilt hat, da
ich an dem Busen eines himmlischen Mädchens wieder fühle, daß ich bin,
daß sie ist, daß wir eins sind, daß aus dieser lebendigen Verbindung
ein Drittes entstehen und uns entgegenlächeln soll, nun eröffnet ihr
die Flammen eurer Höllen, eurer Fegefeuer, die nur eine kranke
Einbildungskraft versengen können, und stellt sie dem lebhaften,
wahren, unzerstörlichen Genuß der reinen Liebe entgegen! Begegnet uns
unter jenen Zypressen, die ihre ernsthaften Gipfel gen Himmel wenden,
besucht uns an jenen Spalieren, wo die Zitronen und Pomeranzen neben
uns blühn, wo die zierliche Myrte uns ihre zarten Blumen darreicht,
und dann wagt es, uns mit euren trüben, grauen, von Menschen
gesponnenen Netzen zu ängstigen!"
So bestand er lange Zeit auf einem hartnäckigen Unglauben unserer
Erzählung, und zuletzt, da wir ihm die Wahrheit derselben beteuerten,
da sie ihm der Beichtvater selbst versicherte, ließ er sich doch
dadurch nicht irremachen, vielmehr rief er aus: "Fragt nicht den
Widerhall eurer Kreuzgänge, nicht euer vermodertes Pergament, nicht
eure verschränkten Grillen und Verordnungen; fragt die Natur und euer
Herz, sie wird euch lehren, vor was ihr zu schaudern habt, sie wird
euch mit dem strengsten Finger zeigen, worüber sie ewig und
unwiderruflich ihren Fluch ausspricht. Seht die Lilien an: entspringt
nicht Gatte und Gattin auf einem Stengel? Verbindet beide nicht die
Blume, die beide gebar, und ist die Lilie nicht das Bild der Unschuld
und ihre geschwisterliche Vereinigung nicht fruchtbar? Wenn die Natur
verabscheut, so spricht sie es laut aus; das Geschöpf, das nicht sein
soll, kann nicht werden; das Geschöpf, das falsch lebt, wird früh
zerstört. Unfruchtbarkeit, kümmerliches Dasein, frühzeitiges
Zerfallen, das sind ihre Flüche, die Kennzeichen ihrer Strenge. Nur
durch unmittelbare Folgen straft sie. Da seht um euch her, und was
verboten, was verflucht ist, wird euch in die Augen fallen. In der
Stille des Klosters und im Geräusche der Welt sind tausend Handlungen
geheiligt und geehrt, auf denen ihr Fluch ruht. Auf bequemen
Müßiggang so gut als überstrengte Arbeit, auf Willkür und überfluß wie
auf Not und Mangel sieht sie mit traurigen Augen nieder, zur Mäßigkeit
ruft sie, wahr sind alle ihre Verhältnisse und ruhig alle ihre
Wirkungen. Wer gelitten hat wie ich, hat das Recht, frei zu sein.
Sperata ist mein; nur der Tod soll mir sie nehmen. Wie ich sie
behalten kann? wie ich glücklich werden kann? das ist eure Sorge!
Jetzt gleich geh ich zu ihr, um mich nicht wieder von ihr zu trennen."
Er wollte nach dem Schiffe, um zu ihr überzusetzen; wir hielten ihn ab
und baten ihn, daß er keinen Schritt tun möchte, der die
schrecklichsten Folgen haben könnte. Er solle überlegen, daß er nicht
in der freien Welt seiner Gedanken und Vorstellungen, sondern in einer
Verfassung lebe, deren Gesetze und Verhältnisse die Unbezwinglichkeit
eines Naturgesetzes angenommen haben. Wir mußten dem Beichtvater
versprechen, daß wir den Bruder nicht aus den Augen, noch weniger aus
dem Schlosse lassen wollten; darauf ging er weg und versprach, in
einigen Tagen wiederzukommen. Was wir vorausgesehen hatten, traf ein;
der Verstand hatte unsern Bruder stark gemacht, aber sein Herz war
weich; die frühern Eindrücke der Religion wurden lebhaft, und die
entsetzlichsten Zweifel bemächtigten sich seiner. Er brachte zwei
fürchterliche Tage und Nächte zu; der Beichtvater kam ihm wieder zu
Hülfe, umsonst! Der ungebundene, freie Verstand sprach ihn los; sein
Gefühl, seine Religion, alle gewohnten Begriffe erklärten ihn für
einen Verbrecher.
Eines Morgens fanden wir sein Zimmer leer, ein Blatt lag auf dem
Tische, worin er uns erklärte, daß er, da wir ihn mit Gewalt
gefangenhielten, berechtigt sei, seine Freiheit zu suchen, er
entfliehe, er gehe zu Sperata, er hoffe, mit ihr zu entkommen, er sei
auf alles gefaßt, wenn man sie trennen wolle.
Wir erschraken nicht wenig, allein der Beichtvater bat uns, ruhig zu
sein. Unser armer Bruder war nahe genug beobachtet worden; die
Schiffer, anstatt ihn überzusetzen, führten ihn in sein Kloster.
Ermüdet von einem vierzigstündigen Wachen, schlief er ein, sobald ihn
der Kahn im Mondenscheine schaukelte, und erwachte nicht früher, als
bis er sich in den Händen seiner geistlichen Brüder sah; er erholte
sich nicht eher, als bis er die Klosterpforte hinter sich zuschlagen
hörte.
Schmerzlich gerührt von dem Schicksal unseres Bruders, machten wir
unserm Beichtvater die lebhaftesten Vorwürfe; allein dieser ehrwürdige
Mann wußte uns bald mit den Gründen des Wundarztes zu überreden, daß
unser Mitleid für den armen Kranken tödlich sei. Er handle nicht aus
eignet Willkür, sondern auf Befehl des Bischofs und des hohen Rates.
Die Absicht war: alles öffentliche ärgernis zu vermeiden und den
traurigen Fall mit dem Schleier einer geheimen Kirchenzucht zu
verdecken. Sperata sollte geschont werden, sie sollte nicht erfahren,
daß ihr Geliebter zugleich ihr Bruder sei. Sie ward einem Geistlichen
anempfohlen, dem sie vorher schon ihren Zustand vertraut hatte. Man
wußte ihre Schwangerschaft und Niederkunft zu verbergen. Sie war als
Mutter in dem kleinen Geschöpfe ganz glücklich. So wie die meisten
unserer Mädchen konnte sie weder schreiben noch Geschriebenes lesen;
sie gab daher dem Pater Aufträge, was er ihrem Geliebten sagen sollte.
Dieser glaubte den frommen Betrug einer säugenden Mutter schuldig zu
sein, er brachte ihr Nachrichten von unserm Bruder, den er niemals sah,
ermahnte sie in seinem Namen zur Ruhe, bat sie, für sich und das Kind
zu sorgen und wegen der Zukunft Gott zu vertrauen.
VIII. Buch, 9. Kapitel--2
Sperata war von Natur zur Religiosität geneigt. Ihr Zustand, ihre
Einsamkeit vermehrten diesen Zug, der Geistliche unterhielt ihn, um
sie nach und nach auf eine ewige Trennung vorzubereiten. Kaum war das
Kind entwöhnt, kaum glaubte er ihren Körper stark genug, die
ängstlichsten Seelenleiden zu ertragen, so fing er an, das Vergehen
ihr mit schrecklichen Farben vorzumalen, das Vergehen, sich einem
Geistlichen ergeben zu haben, das er als eine Art von Sünde gegen die
Natur, als einen Inzest behandelte. Denn er hatte den sonderbaren
Gedanken, ihre Reue jener Reue gleichzumachen, die sie empfunden haben
würde, wenn sie das wahre Verhältnis ihres Fehltritts erfahren hätte.
Er brachte dadurch so viel Jammer und Kummer in ihr Gemüt, er erhöhte
die Idee der Kirche und ihres Oberhauptes so sehr vor ihr, er zeigte
ihr die schrecklichen Folgen für das Heil aller Seelen, wenn man in
solchen Fällen nachgeben und die Straffälligen durch eine rechtmäßige
Verbindung noch gar belohnen wolle; er zeigte ihr, wie heilsam es sei,
einen solchen Fehler in der Zeit abzubüßen und dafür dereinst die
Krone der Herrlichkeit zu erwerben, daß sie endlich wie eine arme
Sünderin ihren Nacken dem Beil willig darreichte und inständig bat,
daß man sie auf ewig von unserm Bruder entfernen möchte. Als man so
viel von ihr erlangt hatte, ließ man ihr, doch unter einer gewissen
Aufsicht, die Freiheit, bald in ihrer Wohnung, bald in dem Kloster zu
sein, je nachdem sie es für gut hielte.
Ihr Kind wuchs heran und zeigte bald eine sonderbare Natur. Es konnte
sehr früh laufen und sich mit aller Geschicklichkeit bewegen, es sang
bald sehr artig und lernte die Zither gleichsam von sich selbst. Nur
mit Worten konnte es sich nicht ausdrücken, und es schien das
Hindernis mehr in seiner Denkungsart als in den Sprachwerkzeugen zu
liegen. Die arme Mutter fühlte indessen ein trauriges Verhältnis zu
dem Kinde; die Behandlung des Geistlichen hatte ihre Vorstellungsart
so verwirrt, daß sie, ohne wahnsinnig zu sein, sich in den seltsamsten
Zuständen befand. Ihr Vergehen schien ihr immer schrecklicher und
straffälliger zu werden; das oft wiederholte Gleichnis des Geistlichen
vom Inzest hatte sich so tief bei ihr eingeprägt, daß sie einen
solchen Abscheu empfand, als wenn ihr das Verhältnis selbst bekannt
gewesen wäre. Der Beichtvater dünkte sich nicht wenig über das
Kunststück, wodurch er das Herz eines unglücklichen Geschöpfes zerriß.
Jämmerlich war es anzusehen, wie die Mutterliebe, die über das Dasein
des Kindes sich so herzlich zu erfreuen geneigt war, mit dem
schrecklichen Gedanken stritt, daß dieses Kind nicht dasein sollte.
Bald stritten diese beiden Gefühle zusammen, bald war der Abscheu über
die Liebe gewaltig.
Man hatte das Kind schon lange von ihr weggenommen und zu guten Leuten
unten am See gegeben, und in der mehrern Freiheit, die es hatte,
zeigte sich bald seine besondre Lust zum Klettern. Die höchsten
Gipfel zu ersteigen, auf den Rändern der Schiffe wegzulaufen und den
Seiltänzern, die sich manchmal in dem Orte sehen ließen, die
wunderlichsten Kunststücke nachzumachen war ein natürlicher Trieb.
Um das alles leichter zu üben, liebte sie, mit den Knaben die Kleider
zu wechseln, und ob es gleich von ihren Pflegeltern höchst unanständig
und unzulässig gehalten wurde, so ließen wir ihr doch soviel als
möglich nachsehen. Ihre wunderlichen Wege und Sprünge führten sie
manchmal weit, sie verirrte sich, sie blieb aus und kam immer wieder.
Meistenteils, wenn sie zurückkehrte, setzte sie sich unter die Säulen
des Portals vor einem Landhause in der Nachbarschaft; man suchte sie
nicht mehr, man erwartete sie. Dort schien sie auf den Stufen
auszuruhen, dann lief sie in den großen Saal, besah die Statuen, und
wenn man sie nicht besonders aufhielt, eilte sie nach Hause.
Zuletzt ward denn doch unser Hoffen getäuscht und unsere Nachsicht
bestraft. Das Kind blieb aus, man fand seinen Hut auf dem Wasser
schwimmen, nicht weit von dem Orte, wo ein Gießbach sich in den See
stürzt. Man vermutete, daß es bei seinem Klettern zwischen den Felsen
verunglückt sei; bei allem Nachforschen konnte man den Körper nicht
finden.
Durch das unvorsichtige Geschwätz ihrer Gesellschafterinnen erfuhr
Sperata bald den Tod ihres Kindes; sie schien ruhig und heiter und gab
nicht undeutlich zu verstehen, sie freue sich, daß Gott das arme
Geschöpf zu sich genommen und so bewahrt habe, ein größeres Unglück zu
erdulden oder zu stiften.
Bei dieser Gelegenheit kamen alle Märchen zur Sprache, die man von
unsern Wassern zu erzählen pflegt. Es hieß: der See müsse alle Jahre
ein unschuldiges Kind haben; er leide keinen toten Körper und werfe
ihn früh oder spät ans Ufer, ja sogar das letzte Knöchelchen, wenn es
zu Grunde gesunken sei, müsse wieder heraus. Man erzählte die
Geschichte einer untröstlichen Mutter, deren Kind im See ertrunken sei
und die Gott und seine Heiligen angerufen habe, ihr nur wenigstens die
Gebeine zum Begräbnis zu gönnen; der nächste Sturm habe den Schädel,
der folgende den Rumpf ans Ufer gebracht, und nachdem alles beisammen
gewesen, habe sie sämtliche Gebeine in einem Tuch zur Kirche getragen,
aber, o Wunder! als sie in den Tempel getreten, sei das Paket immer
schwerer geworden, und endlich, als sie es auf die Stufen des Altars
gelegt, habe das Kind zu schreien angefangen und sich zu jedermanns
Erstaunen aus dem Tuche losgemacht; nur ein Knöchelchen des kleinen
Fingers an der rechten Hand habe gefehlt, welches denn die Mutter
nachher noch sorgfältig aufgesucht und gefunden, das denn auch noch
zum Gedächtnis unter andern Reliquien in der Kirche aufgehoben werde.
Auf die arme Mutter machten diese Geschichten großen Eindruck; ihre
Einbildungskraft fühlte einen neuen Schwung und begünstigte die
Empfindung ihres Herzens. Sie nahm an, daß das Kind nunmehr für sich
und seine Eltern abgebüßt habe, daß Fluch und Strafe, die bisher auf
ihnen geruht, nunmehr gänzlich gehoben sei; daß es nur darauf ankomme,
die Gebeine des Kindes wiederzufinden, um sie nach Rom zu bringen, so
würde das Kind auf den Stufen des großen Altars der Peterskirche
wieder, mit seiner schönen, frischen Haut umgeben, vor dem Volke
dastehn. Es werde mit seinen eignen Augen wieder Vater und Mutter
schauen, und der Papst, von der Einstimmung Gottes und seiner Heiligen
überzeugt, werde unter dem lauten Zuruf des Volks den Eltern die Sünde
vergeben, sie lossprechen und sie verbinden.
Nun waren ihre Augen und ihre Sorgfalt immer nach dem See und dem Ufer
gerichtet. Wenn nachts im Mondglanz sich die Wellen umschlugen,
glaubte sie, jeder blinkende Saum treibe ihr Kind hervor; es mußte zum
Scheine jemand hinablaufen, um es am Ufer aufzufangen.
So war sie auch des Tages unermüdet an den Stellen, wo das kiesige
Ufer flach in die See ging; sie sammelte in ein Körbchen alle Knochen,
die sie fand. Niemand durfte ihr sagen, daß es Tierknochen seien; die
großen begrub sie, die kleinen hub sie auf. In dieser Beschäftigung
lebte sie unablässig fort. Der Geistliche, der durch die unerläßliche
Ausübung seiner Pflicht ihren Zustand verursacht hatte, nahm sich auch
ihrer nun aus allen Kräften an. Durch seinen Einfluß ward sie in der
Gegend für eine Entzückte, nicht für eine Verrückte gehalten; man
stand mit gefalteten Händen, wenn sie vorbeiging, und die Kinder
küßten ihr die Hand.
Ihrer alten Freundin und Begleiterin war von dem Beichtvater die
Schuld, die sie bei der unglücklichen Verbindung beider Personen
gehabt haben mochte, nur unter der Bedingung erlassen, daß sie
unablässig treu ihr ganzes künftiges Leben die Unglückliche begleiten
solle, und sie hat mit einer bewundernswürdigen Geduld und
Gewissenhaftigkeit ihre Pflichten bis zuletzt ausgeübt.
Wir hatten unterdessen unsern Bruder nicht aus den Augen verloren;
weder die ärzte noch die Geistlichkeit seines Klosters wollten uns
erlauben, vor ihm zu erscheinen; allein um uns zu überzeugen, daß es
ihm nach seiner Art wohl gehe, konnten wir ihn, sooft wir wollten, in
dem Garten, in den Kreuzgängen, ja durch ein Fenster an der Decke
seines Zimmers belauschen.
Nach vielen schrecklichen und sonderbaren Epochen, die ich übergehe,
war er in einen seltsamen Zustand der Ruhe des Geistes und der Unruhe
des Körpers geraten. Er saß fast niemals, als wenn er seine Harfe
nahm und darauf spielte, da er sie denn meistens mit Gesang begleitete.
übrigens war er immer in Bewegung und in allem äußerst lenksam und
folgsam, denn alle seine Leidenschaften schienen sich in der einzigen
Furcht des Todes aufgelöst zu haben. Man konnte ihn zu allem in der
Welt bewegen, wenn man ihm mit einer gefährlichen Krankheit oder mit
dem Tode drohte.
Außer dieser Sonderbarkeit, daß er unermüdet im Kloster hin und her
ging und nicht undeutlich zu verstehen gab, daß es noch besser sein
würde, über Berg und Täler so zu wandeln, sprach er auch von einer
Erscheinung, die ihn gewöhnlich ängstigte. Er behauptete nämlich, daß
bei seinem Erwachen zu jeder Stunde der Nacht ein schöner Knabe unten
an seinem Bette stehe und ihm mit einem blanken Messer drohe. Man
versetzte ihn in ein anderes Zimmer, allein er behauptete, auch da und
zuletzt sogar an andern Stellen des Klosters stehe der Knabe im
Hinterhalt. Sein Auf- und Abwandeln ward unruhiger, ja man erinnerte
sich nachher, daß er in der Zeit öfter als sonst an dem Fenster
gestanden und über den See hinübergesehen habe.
Unsere arme Schwester indessen schien von dem einzigen Gedanken, von
der beschränkten Beschäftigung nach und nach aufgerieben zu werden,
und unser Arzt schlug vor, man sollte ihr nach und nach unter ihre
übrigen Gebeine die Knochen eines Kinderskeletts mischen, um dadurch
ihre Hoffnung zu vermehren. Der Versuch war zweifelhaft, doch schien
wenigstens so viel dabei gewonnen, daß man sie, wenn alle Teile
beisammen wären, von dem ewigen Suchen abbringen und ihr zu einer
Reise nach Rom Hoffnung machen könnte.
Es geschah, und ihre Begleiterin vertauschte unmerklich die ihr
anvertrauten kleinen Reste mit den gefundenen, und eine unglaubliche
Wonne verbreitete sich über die arme Kranke, als die Teile sich nach
und nach zusammenfanden und man diejenigen bezeichnen konnte, die noch
fehlten. Sie hatte mit großer Sorgfalt jeden Teil, wo er hingehörte,
mit Fäden und Bändern befestigt; sie hatte, wie man die Körper der
Heiligen zu ehren pflegt, mit Seide und Stickerei die Zwischenräume
ausgefüllt.
So hatte man die Glieder zusammenkommen lassen, es fehlten nur wenige
der äußeren Enden. Eines Morgens, als sie noch schlief und der
Medikus gekommen war, nach ihrem Befinden zu fragen, nahm die Alte die
verehrten Reste aus dem Kästchen weg, das in der Schlafkammer stand,
um dem Arzte zu zeigen, wie sich die gute Kranke beschäftige. Kurz
darauf hörte man sie aus dem Bette springen, sie hob das Tuch auf und
fand das Kästchen leer. Sie warf sich auf ihre Knie; man kam und
hörte ihr freudiges, inbrünstiges Gebet. "Ja! es ist wahr!" rief sie
aus, "es war kein Traum, es ist wirklich! Freuet euch, meine Freunde,
mit mir! Ich habe das gute, schöne Geschöpf wieder lebendig gesehen.
Es stand auf und warf den Schleier von sich, sein Glanz erleuchtete
das Zimmer, seine Schönheit war verklärt, es konnte den Boden nicht
betreten, ob es gleich wollte. Leicht ward es emporgehoben und konnte
mir nicht einmal seine Hand reichen. Da rief es mich zu sich und
zeigte mir den Weg, den ich gehen soll. Ich werde ihm folgen, und
bald folgen, ich fühl es, und es wird mir so leicht ums Herz. Mein
Kummer ist verschwunden, und schon das Anschauen meines
Wiederauferstandenen hat mir einen Vorschmack der himmlischen Freude
gegeben."
Von der Zeit an war ihr ganzes Gemüt mit den heitersten Aussichten
beschäftigt, auf keinen irdischen Gegenstand richtete sie ihre
Aufmerksamkeit mehr, sie genoß nur wenige Speisen, und ihr Geist
machte sich nach und nach von den Banden des Körpers los. Auch fand
man sie zuletzt unvermutet erblaßt und ohne Empfindung, sie öffnete
die Augen nicht wieder, sie war, was wir tot nennen.
Der Ruf ihrer Vision hatte sich bald unter das Volk verbreitet, und
das ehrwürdige Ansehn, das sie in ihrem Leben genoß, verwandelte sich
nach ihrem Tode schnell in den Gedanken, daß man sie sogleich für
selig, ja für heilig halten müsse.
Als man sie zu Grabe bestatten wollte, drängten sich viele Menschen
mit unglaublicher Heftigkeit hinzu, man wollte ihre Hand, man wollte
wenigstens ihr Kleid berühren. In dieser leidenschaftlichen Erhöhung
fühlten verschiedene Kranke die übel nicht, von denen sie sonst
gequält wurden, sie hielten sich für geheilt, sie bekannten's, sie
priesen Gott und seine neue Heilige. Die Geistlichkeit war genötigt,
den Körper in eine Kapelle zu stellen, das Volk verlangte Gelegenheit,
seine Andacht zu verrichten, der Zudrang war unglaublich; die
Bergbewohner, die ohnedies zu lebhaften religiösen Gefühlen gestimmt
sind, drangen aus ihren Tälern herbei; die Andacht, die Wunder, die
Anbetung vermehrten sich mit jedem Tage. Die bischöflichen
Verordnungen, die einen solchen neuen Dienst einschränken und nach und
nach niederschlagen sollten, konnten nicht zur Ausführung gebracht
werden; bei jedem Widerstand war das Volk heftig und gegen jeden
Ungläubigen bereit, in Tätlichkeiten auszubrechen. "Wandelte nicht
auch", riefen sie, "der heilige Borromäus unter unsern Vorfahren?
Erlebte seine Mutter nicht die Wonne seiner Seligsprechung? Hat man
nicht durch jenes große Bildnis auf dem Felsen bei Arona uns seine
geistige Größe sinnlich vergegenwärtigen wollen? Leben die Seinigen
nicht noch unter uns? Und hat Gott nicht zugesagt, unter einem
gläubigen Volke seine Wunder stets zu erneuern?"
Als der Körper nach einigen Tagen keine Zeichen der Fäulnis von sich
gab und eher weißer und gleichsam durchsichtig ward, erhöhte sich das
Zutrauen der Menschen immer mehr, und es zeigten sich unter der Menge
verschiedene Kuren, die der aufmerksame Beobachter selbst nicht
erklären und auch nicht geradezu als Betrug ansprechen konnte. Die
ganze Gegend war in Bewegung, und wer nicht selbst kam, hörte
wenigstens eine Zeitlang von nichts anderem reden.
Das Kloster, worin mein Bruder sich befand, erscholl so gut als die
übrige Gegend von diesen Wundern, und man nahm sich um so weniger in
acht, in seiner Gegenwart davon zu sprechen, als er sonst auf nichts
aufzumerken pflegte und sein Verhältnis niemanden bekannt war.
Diesmal schien er aber mit großer Genauigkeit gehört zu haben; er
führte seine Flucht mit solcher Schlauheit aus, daß niemals jemand hat
begreifen können, wie er aus dem Kloster herausgekommen sei. Man
erfuhr nachher, daß er sich mit einer Anzahl Wallfahrer übersetzen
lassen und daß er die Schiffer, die weiter nichts Verkehrtes an ihm
wahrnahmen, nur um die größte Sorgfalt gebeten, daß das Schiff nicht
umschlagen möchte. Tief in der Nacht kam er in jene Kapelle, wo seine
unglückliche Geliebte von ihrem Leiden ausruhte; nur wenig Andächtige
knieten in den Winkeln, ihre alte Freundin saß zu ihren Häupten, er
trat hinzu und grüßte sie und fragte, wie sich ihre Gebieterin befände.
"Ihr seht es", versetzte diese nicht ohne Verlegenheit. Er blickte
den Leichnam nur von der Seite an. Nach einigem Zaudern nahm er ihre
Hand. Erschreckt von der Kälte, ließ er sie sogleich wieder fahren,
er sah sich unruhig um und sagte zu der Alten: "Ich kann jetzt nicht
bei ihr bleiben, ich habe noch einen sehr weiten Weg zu machen, ich
will aber zur rechten Zeit schon wieder dasein; sag ihr das, wenn sie
aufwacht."
So ging er hinweg, wir wurden nur spät von diesem Vorgange
benachrichtigt, man forschte nach, wo er hingekommen sei, aber
vergebens! Wie er sich durch Berge und Täler durchgearbeitet haben
mag, ist unbegreiflich. Endlich nach langer Zeit fanden wir in
Graubünden eine Spur von ihm wieder, allein zu spät, und sie verlor
sich bald. Wir vermuteten, daß er nach Deutschland sei, allein der
Krieg hatte solche schwache Fußtapfen gänzlich verwischt."
VIII. Buch, 10. Kapitel--1
Zehntes Kapitel
Der Abbe hörte zu lesen auf, und niemand hatte ohne Tränen zugehört.
Die Gräfin brachte ihr Tuch nicht von den Augen; zuletzt stand sie auf
und verließ mit Natalien das Zimmer. Die übrigen schwiegen, und der
Abbe sprach: "Es entsteht nun die Frage, ob man den guten Marchese
soll abreisen lassen, ohne ihm unser Geheimnis zu entdecken. Denn wer
zweifelt wohl einen Augenblick daran, daß Augustin und unser
Harfenspieler eine Person sei? Es ist zu überlegen, was wir tun,
sowohl um des unglücklichen Mannes als der Familie willen. Mein Rat
wäre, nichts zu übereilen, abzuwarten, was uns der Arzt, den wir eben
von dort zurückerwarten, für Nachrichten bringt."
Jedermann war derselben Meinung, und der Abbe fuhr fort: "Eine andere
Frage, die vielleicht schneller abzutun ist, entsteht zu gleicher Zeit.
Der Marchese ist unglaublich gerührt über die Gastfreundschaft, die
seine arme Nichte bei uns, besonders bei unserm jungen Freunde,
gefunden hat. Ich habe ihm die ganze Geschichte umständlich, ja
wiederholt erzählen müssen, und er zeigte seine lebhafteste
Dankbarkeit. "Der junge Mann", sagte er, "hat ausgeschlagen, mit mir
zu reisen, ehe er das Verhältnis kannte, das unter uns besteht. Ich
bin ihm nun kein Fremder mehr, von dessen Art zu sein und von dessen
Laune er etwa nicht gewiß wäre; ich bin sein Verbundener, wenn Sie
wollen sein Verwandter, und da sein Knabe, den er nicht zurücklassen
wollte, erst das Hindernis war, das ihn abhielt, sich zu mir zu
gesellen, so lassen Sie jetzt dieses Kind zum schönern Bande werden,
das uns nur desto fester aneinanderknüpft. über die Verbindlichkeit,
die ich nun schon habe, sei er mir noch auf der Reise nützlich, er
kehre mit mir zurück, mein älterer Bruder wird ihn mit Freuden
empfangen, er verschmähe die Erbschaft seines Pflegekindes nicht: denn
nach einer geheimen Abrede unseres Vaters mit seinem Freunde ist das
Vermögen, das er seiner Tochter zugewendet hatte, wieder an uns
zurückgefallen, und wir wollen dem Wohltäter unserer Nichte gewiß das
nicht vorenthalten, was er verdient hat.""
Therese nahm Wilhelmen bei der Hand und sagte: "Wir erleben abermals
hier so einen schönen Fall, daß uneigennütziges Wohltun die höchsten
und schönsten Zinsen bringt. Folgen Sie diesem sonderbaren Ruf, und
indem Sie sich um den Marchese doppelt verdient machen, eilen Sie
einem schönen Land entgegen, das Ihre Einbildungskraft und Ihr Herz
mehr als einmal an sich gezogen hat."
"Ich überlasse mich ganz meinen Freunden und ihrer Führung", sagte
Wilhelm; "es ist vergebens, in dieser Welt nach eigenem Willen zu
streben. Was ich festzuhalten wünschte, muß ich fahrenlassen, und
eine unverdiente Wohltat drängt sich mir auf."
Mit einem Druck auf Theresens Hand machte Wilhelm die seinige los.
"Ich überlasse Ihnen ganz", sagte er zu dem Abbe, "was Sie über mich
beschließen; wenn ich meinen Felix nicht von mir zu lassen brauche, so
bin ich zufrieden, überall hinzugehn und alles, was man für recht hält,
zu unternehmen."
Auf diese Erklärung entwarf der Abbe sogleich seinen Plan: man solle,
sagte er, den Marchese abreisen lassen; Wilhelm solle die Nachricht
des Arztes abwarten, und alsdann, wenn man überlegt habe, was zu tun
sei, könne Wilhelm mit Felix nachreisen. So bedeutete er auch den
Marchese unter einem Vorwand, daß die Einrichtungen des jungen
Freundes zur Reise ihn nicht abhalten müßten, die Merkwürdigkeiten der
Stadt indessen zu besehn. Der Marchese ging ab, nicht ohne
wiederholte lebhafte Versicherung seiner Dankbarkeit, wovon die
Geschenke, die er zurückließ und die aus Juwelen, geschnittenen
Steinen und gestickten Stoffen bestanden, einen genugsamen Beweis
gaben.
Wilhelm war nun auch völlig reisefertig, und man war um so mehr
verlegen, daß keine Nachrichten von dem Arzt kommen wollten; man
befürchtete, dem armen Harfenspieler möchte ein Unglück begegnet sein,
zu ebender Zeit, als man hoffen konnte, ihn durchaus in einen bessern
Zustand zu versetzen. Man schickte den Kurier fort, der kaum
weggeritten war, als am Abend der Arzt mit einem Fremden hereintrat,
dessen Gestalt und Wesen bedeutend, ernsthaft und auffallend war und
den niemand kannte. Beide Ankömmlinge schwiegen eine Zeitlang still;
endlich ging der Fremde auf Wilhelmen zu, reichte ihm die Hand und
sagte: "Kennen Sie Ihren alten Freund nicht mehr?" Es war die Stimme
des Harfenspielers, aber von seiner Gestalt schien keine Spur
übriggeblieben zu sein. Er war in der gewöhnlichen Tracht eines
Reisenden, reinlich und anständig gekleidet, sein Bart war
verschwunden, seinen Locken sah man einige Kunst an, und was ihn
eigentlich ganz unkenntlich machte, war, daß an seinem bedeutenden
Gesichte die Züge des Alters nicht mehr erschienen. Wilhelm umarmte
ihn mit der lebhaftesten Freude; er ward den andern vorgestellt und
betrug sich sehr vernünftig und wußte nicht, wie bekannt er der
Gesellschaft noch vor kurzem geworden war. "Sie werden Geduld mit
einem Menschen haben", fuhr er mit großer Gelassenheit fort, "der, so
erwachsen er auch aussieht, nach einem langen Leiden erst wie ein
unerfahrnes Kind in die Welt tritt. Diesem wackren Mann bin ich
schuldig, daß ich wieder in einer menschlichen Gesellschaft erscheinen
kann."
Man hieß ihn willkommen, und der Arzt veranlaßte sogleich einen
Spaziergang, um das Gespräch abzubrechen und ins Gleichgültige zu
lenken.
Als man allein war, gab der Arzt folgende Erklärung: "Die Genesung
dieses Mannes ist uns durch den sonderbarsten Zufall geglückt. Wir
hatten ihn lange nach unserer überzeugung moralisch und physisch
behandelt, es ging auch bis auf einen gewissen Grad ganz gut, allein
die Todesfurcht war noch immer groß bei ihm, und seinen Bart und sein
langes Kleid wollte er uns nicht aufopfern; übrigens nahm er mehr teil
an den weltlichen Dingen, und seine Gesänge schienen wie seine
Vorstellungsart wieder dem Leben sich zu nähern. Sie wissen, welch
ein sonderbarer Brief des Geistlichen mich von hier abrief. Ich kam,
ich fand unsern Mann ganz verändert, er hatte freiwillig seinen Bart
hergegeben, er hatte erlaubt, seine Locken in eine hergebrachte Form
zuzuschneiden, er verlangte gewöhnliche Kleider und schien auf einmal
ein anderer Mensch geworden zu sein. Wir waren neugierig, die Ursache
dieser Verwandlung zu ergründen, und wagten doch nicht, uns mit ihm
selbst darüber einzulassen; endlich entdeckten wir zufällig die
sonderbare Bewandtnis. Ein Glas flüssiges Opium fehlte in der
Hausapotheke des Geistlichen, man hielt für nötig, die strengste
Untersuchung anzustellen, jedermann suchte sich des Verdachtes zu
erwehren, es gab unter den Hausgenossen heftige Szenen. Endlich trat
dieser Mann auf und gestand, daß er es besitze; man fragte ihn, ob er
davon genommen habe. Er sagte nein, fuhr aber fort: "Ich danke diesem
Besitz die Wiederkehr meiner Vernunft. Es hängt von euch ab, mir
dieses Fläschchen zu nehmen, und ihr werdet mich ohne Hoffnung in
meinen alten Zustand wieder zurückfallen sehen. Das Gefühl, daß es
wünschenswert sei, die Leiden dieser Erde durch den Tod geendigt zu
sehen, brachte mich zuerst auf den Weg der Genesung; bald darauf
entstand der Gedanke, sie durch einen freiwilligen Tod zu endigen, und
ich nahm in dieser Absicht das Glas hinweg; die Möglichkeit, sogleich
die großen Schmerzen auf ewig aufzuheben, gab mir Kraft, die Schmerzen
zu ertragen, und so habe ich, seitdem ich den Talisman besitze, mich
durch die Nähe des Todes wieder in das Leben zurückgedrängt. Sorgt
nicht", sagte er, "daß ich Gebrauch davon mache, sondern entschließt
euch, als Kenner des menschlichen Herzens, mich, indem ihr mir die
Unabhängigkeit vom Leben zugesteht, erst vom Leben recht abhängig zu
machen." Nach reiflicher überlegung drangen wir nicht weiter in ihn,
und er führt nun in einem festen, geschliffnen Glasfläschchen dieses
Gift als das sonderbarste Gegengift bei sich."
Man unterrichtete den Arzt von allem, was indessen entdeckt worden war,
und man beschloß, gegen Augustin das tiefste Stillschweigen zu
beobachten. Der Abbe nahm sich vor, ihn nicht von seiner Seite zu
lassen und ihn auf dem guten Wege, den er betreten hatte, fortzufahren.
Indessen sollte Wilhelm die Reise durch Deutschland mit dem Marchese
vollenden. Schien es möglich, Augustinen eine Neigung zu seinem
Vaterlande wieder einzuflößen, so wollte man seinen Verwandten den
Zustand entdecken, und Wilhelm sollte ihn den Seinigen wieder zuführen.
Dieser hatte nun alle Anstalten zu seiner Reise gemacht, und wenn es
im Anfang wunderbar schien, daß Augustin sich freute, als er vernahm,
wie sein alter Freund und Wohltäter sich sogleich wieder entfernen
sollte, so entdeckte doch der Abbe bald den Grund dieser seltsamen
Gemütsbewegung. Augustin konnte seine alte Furcht, die er vor Felix
hatte, nicht überwinden und wünschte den Knaben je eher je lieber
entfernt zu sehen.
Nun waren nach und nach so viele Menschen angekommen, daß man sie im
Schloß und in den Seitengebäuden kaum alle unterbringen konnte, um so
mehr, als man nicht gleich anfangs auf den Empfang so vieler Gäste die
Einrichtung gemacht hatte. Man frühstückte, man speiste zusammen und
hätte sich gern beredet, man lebe in einer vergnüglichen
übereinstimmung, wenn schon in der Stille die Gemüter sich
gewissermaßen auseinandersehnten. Therese war manchmal mit Lothario,
noch öfter allein ausgeritten, sie hatte in der Nachbarschaft schon
alle Landwirte und Landwirtinnen kennenlernen; es war ihr
Haushaltungsprinzip, und sie mochte nicht unrecht haben, daß man mit
Nachbarn und Nachbarinnen im besten Vernehmen und immer in einem
ewigen Gefälligkeitswechsel stehen müsse. Von einer Verbindung
zwischen ihr und Lothario schien gar die Rede nicht zu sein, die
beiden Schwestern hatten sich viel zu sagen, der Abbe schien den
Umgang des Harfenspielers zu suchen, Jarno hatte mit dem Arzt öftere
Konferenzen, Friedrich hielt sich an Wilhelmen, und Felix war überall,
wo es ihm gut ging. So vereinigten sich auch meistenteils die Paare
auf dem Spaziergang, indem die Gesellschaft sich trennte, und wenn sie
zusammen sein mußten, so nahm man geschwind seine Zuflucht zur Musik,
um alle zu verbinden, indem man jeden sich selbst wiedergab.
Unversehens vermehrte der Graf die Gesellschaft, seine Gemahlin
abzuholen und, wie es schien, einen feierlichen Abschied von seinen
weltlichen Verwandten zu nehmen. Jarno eilte ihm bis an den Wagen
entgegen, und als der Ankommende fragte, was er für Gesellschaft finde,
so sagte jener in einem Anfall von toller Laune, die ihn immer
ergriff, sobald er den Grafen gewahr ward: "Sie finden den ganzen Adel
der Welt beisammen, Marchesen, Marquis, Mylords und Baronen, es hat
nur noch an einem Grafen gefehlt." So ging man die Treppe hinauf, und
Wilhelm war die erste Person, die ihm im Vorsaal entgegenkam. "Mylord!"
sagte der Graf zu ihm auf Französisch, nachdem er ihn einen
Augenblick betrachtet hatte, "ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft
unvermutet zu erneuern; denn ich müßte mich sehr irren, wenn ich Sie
nicht im Gefolge des Prinzen sollte in meinem Schlosse gesehen haben.
"--"Ich hatte das Glück, Euer Exzellenz damals aufzuwarten", versetzte
Wilhelm, "nur erzeigen Sie mir zuviel Ehre, wenn Sie mich für einen
Engländer, und zwar vom ersten Range halten; ich bin ein Deutscher,
und"--"zwar ein sehr braver junger Mann", fiel Jarno sogleich ein.
Der Graf sah Wilhelmen lächelnd an und wollte eben etwas erwidern, als
die übrige Gesellschaft herbeikam und ihn aufs freundlichste begrüßte.
Man entschuldigte sich, daß man ihm nicht sogleich ein anständiges
Zimmer anweisen könne, und versprach, den nötigen Raum ungesäumt zu
verschaffen.
"Ei ei!" sagte er lächelnd, "ich sehe wohl, daß man dem Zufalle
überlassen hat, den Furierzettel zu machen; mit Vorsicht und
Einrichtung, wie viel ist da nicht möglich! Jetzt bitte ich euch,
rührt mir keinen Pantoffel vom Platze, denn sonst, seh ich wohl, gibt
es eine große Unordnung. Jedermann wird unbequem wohnen, und das soll
niemand um meinetwillen womöglich auch nur eine Stunde. Sie waren
Zeuge", sagte er zu Jarno, "und auch Sie, Mister", indem er sich zu
Wilhelmen wandte, "wie viele Menschen ich damals auf meinem Schlosse
bequem untergebracht habe. Man gebe mir die Liste der Personen und
Bedienten, man zeige mir an, wie jedermann gegenwärtig einquartiert
ist, ich will einen Dislokationsplan machen, daß mit der wenigsten
Bemühung jedermann eine geräumige Wohnung finde und daß noch Platz für
einen Gast bleiben soll, der sich zufälligerweise bei uns einstellen
könnte."
Jarno machte sogleich den Adjutanten des Grafen, verschaffte ihm alle
nötigen Notizen und hatte nach seiner Art den größten Spaß, wenn er
den alten Herrn mitunter irremachen konnte. Dieser gewann aber bald
einen großen Triumph. Die Einrichtung war fertig, er ließ in seiner
Gegenwart die Namen über alle Türen schreiben, und man konnte nicht
leugnen, daß mit wenig Umständen und Veränderungen der Zweck völlig
erreicht war. Auch hatte es Jarno unter anderm so geleitet, daß die
Personen, die in dem gegenwärtigen Augenblick ein Interesse aneinander
nahmen, zusammen wohnten.
Nachdem alles eingerichtet war, sagte der Graf zu Jarno: "Helfen Sie
mir auf die Spur wegen des jungen Mannes, den Sie da Meister nennen
und der ein Deutscher sein soll." Jarno schwieg still, denn er wußte
recht gut, daß der Graf einer von denen Leuten war, die, wenn sie
fragen, eigentlich belehren wollen; auch fuhr dieser, ohne Antwort
abzuwarten, in seiner Rede fort: "Sie hatten mir ihn damals
vorgestellt und im Namen des Prinzen bestens empfohlen. Wenn seine
Mutter auch eine Deutsche war, so hafte ich dafür, daß sein Vater ein
Engländer ist, und zwar von Stande; wer wollte das englische Blut
alles berechnen, das seit dreißig Jahren in deutschen Adern
herumfließt! Ich will weiter nicht darauf dringen, ihr habt immer
solche Familiengeheimnisse; doch mir wird man in solchen Fällen nichts
aufbinden." Darauf erzählte er noch verschiedenes, was damals mit
Wilhelmen auf seinem Schloß vorgegangen sein sollte, wozu Jarno
gleichfalls schwieg, obgleich der Graf ganz irrig war und Wilhelmen
mit einem jungen Engländer in des Prinzen Gefolge mehr als einmal
verwechselte. Der gute Herr hatte in frühern Zeiten ein
vortreffliches Gedächtnis gehabt und war noch immer stolz darauf, sich
der geringsten Umstände seiner Jugend erinnern zu können; nun
bestimmte er aber mit ebender Gewißheit wunderbare Kombinationen und
Fabeln als wahr, die ihm bei zunehmender Schwäche seines Gedächtnisses
seine Einbildungskraft einmal vorgespiegelt hatte. übrigens war er
sehr mild und gefällig geworden, und seine Gegenwart wirkte recht
günstig auf die Gesellschaft. Er verlangte, daß man etwas Nützliches
zusammen lesen sollte, ja sogar gab er manchmal kleine Spiele an, die
er, wo nicht mitspielte, doch mit großer Sorgfalt dirigierte, und da
man sich über seine Herablassung verwundene, sagte er: es sei die
Pflicht eines jeden, der sich in Hauptsachen von der Welt entferne,
daß er in gleichgültigen Dingen sich ihr desto mehr gleichstelle.
Wilhelm hatte unter diesen Spielen mehr als einen bänglichen und
verdrießlichen Augenblick; der leichtsinnige Friedrich ergriff manche
Gelegenheit, um auf eine Neigung Wilhelms gegen Natalien zu deuten.
Wie konnte er darauf fallen? wodurch war er dazu berechtigt? Und
mußte nicht die Gesellschaft glauben, daß, weil beide viel miteinander
umgingen, Wilhelm ihm eine so unvorsichtige und unglückliche Konfidenz
gemacht habe?
Eines Tages waren sie bei einem solchen Scherze heiterer als
gewöhnlich, als Augustin auf einmal zur Türe, die er aufriß, mit
gräßlicher Gebärde hereinstürzte; sein Angesicht war blaß, sein Auge
wild, er schien reden zu wollen, die Sprache versagte ihm. Die
Gesellschaft entsetzte sich, Lothario und Jarno, die eine Rückkehr des
Wahnsinns vermuteten, sprangen auf ihn los und hielten ihn fest.
Stotternd und dumpf, dann heftig und gewaltsam sprach und rief er:
"Nicht mich haltet, eilt! helft! rettet das Kind! Felix ist vergiftet!"
Sie ließen ihn los, er eilte zur Türe hinaus, und voll Entsetzen
drängte sich die Gesellschaft ihm nach. Man rief nach dem Arzte,
Augustin richtete seine Schritte nach dem Zimmer des Abbes, man fand
das Kind, das erschrocken und verlegen schien, als man ihm schon von
weitem zurief: "was hast du angefangen?"
"Lieber Vater!" rief Felix, "ich habe nicht aus der Flasche, ich habe
aus dem Glase getrunken, ich war so durstig."
Augustin schlug die Hände zusammen, rief: "Er ist verloren!", drängte
sich durch die Umstehenden und eilte davon.
Sie fanden ein Glas Mandelmilch auf dem Tische stehen und eine
Karaffine darneben, die über die Hälfte leer war; der Arzt kam, er
erfuhr, was man wußte, und sah mit Entsetzen das wohlbekannte
Fläschchen, worin sich das flüssige Opium befunden hatte, leer auf dem
Tische liegen; er ließ Essig herbeischaffen und rief alle Mittel
seiner Kunst zu Hülfe.
Natalie ließ den Knaben in ein Zimmer bringen, sie bemühte sich
ängstlich um ihn. Der Abbe war fortgerannt, Augustinen aufzusuchen
und einige Aufklärungen von ihm zu erdringen. Ebenso hatte sich der
unglückliche Vater vergebens bemüht und fand, als er zurückkam, auf
allen Gesichtern Bangigkeit und Sorge. Der Arzt hatte indessen die
Mandelmilch im Glase untersucht, es entdeckte sich die stärkste
Beimischung von Opium; das Kind lag auf dem Ruhebette und schien sehr
krank, es bat den Vater, daß man ihm nur nichts mehr einschütten, daß
man es nur nicht mehr quälen möchte. Lothar hatte seine Leute
ausgeschickt und war selbst weggeritten, um der Flucht Augustins auf
die Spur zu kommen. Natalie saß bei dem Kinde, es flüchtete auf ihren
Schoß und bat sie flehentlich um Schutz, flehentlich um ein Stückchen
Zucker, der Essig sei gar zu sauer! Der Arzt gab es zu; man müsse das
Kind, das in der entsetzlichsten Bewegung war, einen Augenblick ruhen
lassen, sagte er; es sei alles Rätliche geschehen, er wolle das
mögliche tun. Der Graf trat mit einigem Unwillen, wie es schien,
herbei, er sah ernst, ja feierlich aus, legte die Hände auf das Kind,
blickte gen Himmel und blieb einige Augenblicke in dieser Stellung.
Wilhelm, der trostlos in einem Sessel lag, sprang auf, warf einen
Blick voll Verzweiflung auf Natalien und ging zur Türe hinaus.
Kurz darauf verließ auch der Graf das Zimmer.
VIII. Buch, 10. Kapitel--2
"Ich begreife nicht", sagte der Arzt nach einiger Pause, "daß sich
auch nicht die geringste Spur eines gefährlichen Zustandes am Kinde
zeigt. Auch nur mit einem Schluck muß es eine ungeheure Dosis Opium
zu sich genommen haben, und nun finde ich an seinem Pulse keine
weitere Bewegung, als die ich meinen Mitteln und der Furcht
zuschreiben kann, in die wir das Kind versetzt haben."
Bald darauf trat Jarno mit der Nachricht herein, daß man Augustin auf
dem Oberboden in seinem Blute gefunden habe, ein Schermesser habe
neben ihm gelegen, wahrscheinlich habe er sich die Kehle abgeschnitten.
Der Arzt eilte fort und begegnete den Leuten, welche den Körper die
Treppe herunterbrachten. Er ward auf ein Bett gelegt und genau
untersucht; der Schnitt war in die Luftröhre gegangen, auf einen
starken Blutverlust war eine Ohnmacht gefolgt, doch ließ sich bald
bemerken, daß noch Leben, daß noch Hoffnung übrig sei. Der Arzt
brachte den Körper in die rechte Lage, fügte die getrennten Teile
zusammen und legte den Verband auf. Die Nacht ging allen schlaflos
und sorgenvoll vorüber. Das Kind wollte sich nicht von Natalien
trennen lassen. Wilhelm saß vor ihr auf einem Schemel; er hatte die
Füße des Knaben auf seinem Schoße, Kopf und Brust lagen auf dem
ihrigen, so teilten sie die angenehme Last und die schmerzlichen
Sorgen und verharrten, bis der Tag anbrach, in der unbequemen und
traurigen Lage; Natalie hatte Wilhelmen ihre Hand gegeben, sie
sprachen kein Wort, sahen auf das Kind und sahen einander an.
Lothario und Jarno saßen am andern Ende des Zimmers und führten ein
sehr bedeutendes Gespräch, das wir gern, wenn uns die Begebenheiten
nicht zu sehr drängten, unsern Lesern hier mitteilen würden. Der
Knabe schlief sanft, erwachte am frühen Morgen ganz heiter, sprang auf
und verlangte ein Butterbrot.
Sobald Augustin sich einigermaßen erholt hatte, suchte man einige
Aufklärung von ihm zu erhalten. Man erfuhr nicht ohne Mühe und nur
nach und nach: daß, als er bei der unglücklichen Dislokation des
Grafen in ein Zimmer mit dem Abbe versetzt worden, er das Manuskript
und darin seine Geschichte gefunden habe; sein Entsetzen sei
ohnegleichen gewesen, und er habe sich nun überzeugt, daß er nicht
länger leben dürfe; sogleich habe er seine gewöhnliche Zuflucht zum
Opium genommen, habe es in ein Glas Mandelmilch geschüttet und habe
doch, als er es an den Mund gesetzt, geschaudert; darauf habe er es
stehenlassen, um nochmals durch den Garten zu laufen und die Welt zu
sehen; bei seiner Zurückkunft habe er das Kind gefunden, eben
beschäftigt, das Glas, woraus es getrunken, wieder vollzugießen.
Man bat den Unglücklichen, ruhig zu sein; er faßte Wilhelmen
krampfhaft bei der Hand. "Ach!" sagte er, "warum habe ich dich nicht
längst verlassen, ich wußte wohl, daß ich den Knaben töten würde und
er mich."--"Der Knabe lebt!" sagte Wilhelm. Der Arzt, der aufmerksam
zugehört hatte, fragte Augustinen, ob alles Getränke vergiftet gewesen.
"Nein!" versetzte er, "nur das Glas."--"So hat durch den
glücklichsten Zufall", rief der Arzt, "das Kind aus der Flasche
getrunken! Ein guter Genius hat seine Hand geführt, daß es nicht nach
dem Tode griff, der so nahe zubereitet stand!"--"Nein! nein!" rief
Wilhelm mit einem Schrei, indem er die Hände vor die Augen hielt, "wie
fürchterlich ist diese Aussage! Ausdrücklich sagte das Kind, daß es
nicht aus der Flasche, sondern aus dem Glase getrunken habe. Seine
Gesundheit ist nur ein Schein, es wird uns unter den Händen wegsterben."
Er eilte fort, der Arzt ging hinunter und fragte, indem er das Kind
liebkoste: "Nicht wahr, Felix, du hast aus der Flasche getrunken und
nicht aus dem Glase?" Das Kind fing an zu weinen. Der Arzt erzählte
Natalien im stillen, wie sich die Sache verhalte; auch sie bemühte
sich vergebens, die Wahrheit von dem Kinde zu erfahren; es weinte nur
heftiger und so lange, bis es einschlief.
Wilhelm wachte bei ihm, die Nacht verging ruhig. Den andern Morgen
fand man Augustinen tot in seinem Bette; er hatte die Aufmerksamkeit
seiner Wärter durch eine scheinbare Ruhe betrogen, den Verband still
aufgelöst und sich verblutet. Natalie ging mit dem Kinde spazieren,
es war munter wie in seinen glücklichsten Tagen. "Du bist doch gut",
sagte Felix zu ihr, "du zankst nicht, du schlägst mich nicht, ich will
dir's nur sagen, ich habe aus der Flasche getrunken! Mutter Aurelie
schlug mich immer auf die Finger, wenn ich nach der Karaffine griff;
der Vater sah so bös aus, ich dachte, er würde mich schlagen."
Mit beflügelten Schritten eilte Natalie zu dem Schlosse; Wilhelm kam
ihr, noch voller Sorgen, entgegen. "Glücklicher Vater!" rief sie laut,
indem sie das Kind aufhob und es ihm in die Arme warf, "da hast du
deinen Sohn! Er hat aus der Flasche getrunken, seine Unart hat ihn
gerettet."
Man erzählte den glücklichen Ausgang dem Grafen, der aber nur mit
lächelnder, stiller, bescheidner Gewißheit zuhörte, mit der man den
Irrtum guter Menschen ertragen mag. Jarno, aufmerksam auf alles,
konnte diesmal eine solche hohe Selbstgenügsamkeit nicht erklären, bis
er endlich nach manchen Umschweifen erfuhr: der Graf sei überzeugt,
das Kind habe wirklich Gift genommen, er habe es aber durch sein Gebet
und durch das Auflegen seiner Hände wunderbar am Leben erhalten. Nun
beschloß er auch sogleich wegzugehn; gepackt war bei ihm alles wie
gewöhnlich in einem Augenblicke, und beim Abschiede faßte die schöne
Gräfin Wilhelms Hand, ehe sie noch die Hand der Schwester losließ,
drückte alle vier Hände zusammen, kehrte sich schnell um und stieg in
den Wagen.
Soviel schreckliche und wunderbare Begebenheiten, die sich eine über
die andere drängten, zu einer ungewohnten Lebensart nötigten und alles
in Unordnung und Verwirrung setzten, hatten eine Art von fieberhafter
Schwingung in das Haus gebracht. Die Stunden des Schlafens und
Wachens, des Essens, Trinkens und geselligen Zusammenseins waren
verrückt und umgekehrt. Außer Theresen war niemand in seinem Gleise
geblieben; die Männer suchten durch geistige Getränke ihre gute Laune
wiederherzustellen, und indem sie sich eine künstliche Stimmung gaben,
entfernten sie die natürliche, die allein uns wahre Heiterkeit und
Tätigkeit gewährt.
Wilhelm war durch die heftigsten Leidenschaften bewegt und zerrüttet,
die unvermuteten und schreckhaften Anfälle hatten sein Innerstes ganz
aus aller Fassung gebracht, einer Leidenschaft zu widerstehn, die sich
des Herzens so gewaltsam bemächtigt hatte. Felix war ihm
wiedergegeben, und doch schien ihm alles zu fehlen; die Briefe von
Wernern mit den Anweisungen waren da, ihm mangelte nichts zu seiner
Reise als der Mut, sich zu entfernen. Alles drängte ihn zu dieser
Reise. Er konnte vermuten, daß Lothario und Therese nur auf seine
Entfernung warteten, um sich trauen zu lassen. Jarno war wider seine
Gewohnheit still, und man hätte beinahe sagen können, er habe etwas
von seiner gewöhnlichen Heiterkeit verloren. Glücklicherweise half
der Arzt unserm Freunde einigermaßen aus der Verlegenheit, indem er
ihn für krank erklärte und ihm Arznei gab.
Die Gesellschaft kam immer abends zusammen, und Friedrich, der
ausgelassene Mensch, der gewöhnlich mehr Wein als billig trank,
bemächtigte sich des Gesprächs und brachte nach seiner Art mit hundert
Zitaten und eulenspiegelhaften Anspielungen die Gesellschaft zum
Lachen und setzte sie auch nicht selten in Verlegenheit, indem er laut
zu denken sich erlaubte.
An die Krankheit seines Freundes schien er gar nicht zu glauben.
Einst, als sie alle beisammen waren, rief er aus: "Wie nennt Ihr das
übel, Doktor, das unsern Freund angefallen hat? Paßt hier keiner von
den dreitausend Namen, mit denen Ihr Eure Unwissenheit ausputzt? An
ähnlichen Beispielen wenigstens hat es nicht gefehlt. Es kommt", fuhr
er mit einem emphatischen Tone fort, "ein solcher Kasus in der
ägyptischen oder babylonischen Geschichte vor."
Die Gesellschaft sah einander an und lächelte.
"Wie hieß der König?" rief er aus und hielt einen Augenblick inne.
"Wenn ihr mir nicht einhelfen wollt", fuhr er fort, "so werde ich mir
selbst zu helfen wissen." Er riß die Türflügel auf und wies nach dem
großen Bilde im Vorsaal. "Wie heißt der Ziegenbart mit der Krone dort,
der sich am Fuße des Bettes um seinen kranken Sohn abhärmt? Wie
heißt die Schöne, die hereintritt und in ihren sittsamen Schelmenaugen
Gift und Gegengift zugleich führt? Wie heißt der Pfuscher von Arzt,
dem erst in diesem Augenblicke ein Licht aufgeht, der das erste Mal in
seinem Leben Gelegenheit findet, ein vernünftiges Rezept zu verordnen,
eine Arznei zu reichen, die aus dem Grunde kuriert und die ebenso
wohlschmeckend als heilsam ist?"
In diesem Tone fuhr er fort zu schwadronieren. Die Gesellschaft nahm
sich so gut als möglich zusammen und verbarg ihre Verlegenheit hinter
einem gezwungenen Lächeln. Eine leichte Röte überzog Nataliens Wangen
und verriet die Bewegungen ihres Herzens. Glücklicherweise ging sie
mit Jarno auf und nieder; als sie an die Türe kam, schritt sie mit
einer klugen Bewegung hinaus, einigemal in dem Vorsaale hin und wider
und ging sodann auf ihr Zimmer.
Die Gesellschaft war still. Friedrich fing an zu tanzen und zu singen:
Oh, ihr werdet Wunder sehn!
Was geschehn ist, ist geschehn,
Was gesagt ist, ist gesagt.
Eh es tagt,
Sollt ihr Wunder sehn.
Therese war Natalien nachgegangen, Friedrich zog den Arzt vor das
große Gemälde, hielt eine lächerliche Lobrede auf die Medizin und
schlich davon.
Lothario hatte bisher in einer Fenstervertiefung gestanden und sah,
ohne sich zu rühren, in den Garten hinunter. Wilhelm war in der
schrecklichsten Lage. Selbst da er sich nun mit seinem Freunde allein
sah, blieb er eine Zeitlang still; er überlief mit flüchtigem Blick
seine Geschichte und sah zuletzt mit Schaudern auf seinen
gegenwärtigen Zustand; endlich sprang er auf und rief: "Bin ich schuld
an dem, was vorgeht, an dem, was mir und Ihnen begegnet, so strafen
Sie mich! Zu meinen übrigen Leiden entziehen Sie mir Ihre
Freundschaft, und lassen Sie mich ohne Trost in die weite Welt
hinausgehen, in der ich mich lange hätte verlieren sollen. Sehen Sie
aber in mir das Opfer einer grausamen, zufälligen Verwicklung, aus der
ich mich herauszuwinden unfähig war, so geben Sie mir die Versicherung
Ihrer Liebe, Ihrer Freundschaft auf eine Reise mit, die ich nicht
länger verschieben darf. Es wird eine Zeit kommen, wo ich Ihnen werde
sagen können, was diese Tage in mir vorgegangen ist. Vielleicht leide
ich eben jetzt diese Strafe, weil ich mich Ihnen nicht früh genug
entdeckte, weil ich gezaudert habe, mich Ihnen ganz zu zeigen, wie ich
bin; Sie hätten mir beigestanden, Sie hätten mir zur rechten Zeit
losgeholfen. Aber- und abermal gehen mir die Augen über mich selbst
auf, immer zu spät und immer umsonst. Wie sehr verdiente ich die
Strafrede Jarnos! Wie glaubte ich sie gefaßt zu haben, wie hoffte ich
sie zu nutzen, ein neues Leben zu gewinnen! Konnte ich's? Sollte
ich's? Vergebens klagen wir Menschen uns selbst, vergebens das
Schicksal an! Wir sind elend und zum Elend bestimmt, und ist es nicht
völlig einerlei, ob eigene Schuld, höherer Einfluß oder Zufall, Tugend
oder Laster, Weisheit oder Wahnsinn uns ins Verderben stürzen? Leben
Sie wohl! Ich werde keinen Augenblick länger in dem Hause verweilen,
in welchem ich das Gastrecht wider meinen Willen so schrecklich
verletzt habe. Die Indiskretion Ihres Bruders ist unverzeihlich, sie
treibt mein Unglück auf den höchsten Grad, sie macht mich verzweifeln."
"Und wenn nun", versetzte Lothario, indem er ihn bei der Hand nahm,
"Ihre Verbindung mit meiner Schwester die geheime Bedingung wäre,
unter welcher sich Therese entschlossen hat, mir ihre Hand zu geben?
Eine solche Entschädigung hat Ihnen das edle Mädchen zugedacht; sie
schwur, daß dieses doppelte Paar an einem Tage zum Altare gehen sollte.
"Sein Verstand hat mich gewählt", sagte sie, "sein Herz fordert
Natalien, und mein Verstand wird seinem Herzen zu Hülfe kommen." Wir
wurden einig, Natalien und Sie zu beobachten; wir machten den Abbe zu
unserm Vertrauten, dem wir versprechen mußten, keinen Schritt zu
dieser Verbindung zu tun, sondern alles seinen Gang gehen zu lassen.
Wir haben es getan. Die Natur hat gewirkt, und der tolle Bruder hat
nur die reife Frucht abgeschüttelt. Lassen Sie uns, da wir einmal so
wunderbar zusammenkommen, nicht ein gemeines Leben führen; lassen Sie
uns zusammen auf eine würdige Weise tätig sein! Unglaublich ist es,
was ein gebildeter Mensch für sich und andere tun kann, wenn er, ohne
herrschen zu wollen, das Gemüt hat, Vormund von vielen zu sein, sie
leitet, dasjenige zur rechten Zeit zu tun, was sie doch alle gerne tun
möchten, und sie zu ihren Zwecken führt, die sie meist recht gut im
Auge haben und nur die Wege dazu verfehlen. Lassen Sie uns hierauf
einen Bund schließen; es ist keine Schwärmerei, es ist eine Idee, die
recht gut ausführbar ist und die öfters, nur nicht immer mit klarem
Bewußtsein, von guten Menschen ausgeführt wird. Meine Schwester
Natalie ist hiervon ein lebhaftes Beispiel. Unerreichbar wird immer
die Handlungsweise bleiben, welche die Natur dieser schönen Seele
vorgeschrieben hat. Ja sie verdient diesen Ehrennamen vor vielen
andern, mehr, wenn ich sagen darf, als unsre edle Tante selbst, die zu
der Zeit, als unser guter Arzt jenes Manuskript so rubrizierte, die
schönste Natur war, die wir in unserm Kreise kannten. Indes hat
Natalie sich entwickelt, und die Menschheit freut sich einer solchen
Erscheinung."
Er wollte weiterreden, aber Friedrich sprang mit großem Geschrei
herein. "Welch einen Kranz verdien ich?" rief er aus, "und wie werdet
ihr mich belohnen? Myrten, Lorbeer, Efeu, Eichenlaub, das frischeste,
das ihr finden könnt, windet zusammen; so viel Verdienste habt ihr in
mir zu krönen. Natalie ist dein! Ich bin der Zauberer, der diesen
Schatz gehoben hat."
"Er schwärmt", sagte Wilhelm, "und ich gehe."
"Hast du Auftrag?" sagte der Baron, indem er Wilhelmen festhielt.
"Aus eigner Macht und Gewalt", versetzte Friedrich, "auch von Gottes
Gnaden, wenn ihr wollt; so war ich Freiersmann, so bin ich jetzt
Gesandter, ich habe an der Türe gehorcht, sie hat sich ganz dem Abbe
entdeckt."
"Unverschämter!" sagte Lothario, "wer heißt dich horchen!"
"Wer heißt sie sich einschließen!" versetzte Friedrich, "ich hörte
alles ganz genau, Natalie war sehr bewegt. In der Nacht, da das Kind
so krank schien und halb auf ihrem Schoße ruhte, als du trostlos vor
ihr saßest und die geliebte Bürde mit ihr teiltest, tat sie das
Gelübde, wenn das Kind stürbe, dir ihre Liebe zu bekennen und dir
selbst die Hand anzubieten; jetzt, da das Kind lebt, warum soll sie
ihre Gesinnung verändern? Was man einmal so verspricht, hält man
unter jeder Bedingung. Nun wird der Pfaffe kommen und wunder denken,
was er für Neuigkeiten bringt."
Der Abbe trat ins Zimmer. "Wir wissen alles!" rief Friedrich ihm
entgegen, "macht es kurz, denn Ihr kommt bloß um der Formalität willen;
zu weiter nichts werden die Herren verlangt."
"Er hat gehorcht", sagte der Baron. "Wie ungezogene" rief der Abbe.
"Nun geschwind", versetzte Friedrich, "wie sieht's mit den Zeremonien
aus? Die lassen sich an den Fingern herzählen; Ihr müßt reisen, die
Einladung des Marchese kommt Euch herrlich zustatten. Seid Ihr nur
einmal über die Alpen, so findet sich zu Hause alles; die Menschen
wissen's Euch Dank, wenn Ihr etwas Wunderliches unternehmt, Ihr
verschafft ihnen eine Unterhaltung, die sie nicht zu bezahlen brauchen.
Es ist eben, als wenn Ihr eine Freiredoute gäbt; es können alle
Stände daran teilnehmen."
"Ihr habt Euch freilich mit solchen Volksfesten schon sehr ums
Publikum verdient gemacht", versetzte der Abbe, "und ich komme, so
scheint es, heute nicht mehr zum Wort."
"Ist nicht alles, wie ich's sage", versetzte Friedrich, "so belehrt
uns eines Bessern. Kommt herüber, kommt herüber! wir müssen sie sehen
und uns freuen."
Lothario umarmte seinen Freund und führte ihn zu der Schwester; sie
kam mit Theresen ihm entgegen, alles schwieg.
"Nicht gezaudert!" rief Friedrich. "In zwei Tagen könnt ihr
reisefertig sein. Wie meint Ihr, Freund", fuhr er fort, indem er sich
zu Wilhelmen wendete, "als wir Bekanntschaft machten, als ich Euch den
schönen Strauß abforderte, wer konnte denken, daß Ihr jemals eine
solche Blume aus meiner Hand empfangen würdet?"
"Erinnern Sie mich nicht in diesem Augenblicke des höchsten Glücks an
jene Zeiten!"
"Deren Ihr Euch nicht schämen sollet, sowenig man sich seiner Abkunft
zu schämen hat. Die Zeiten waren gut, und ich muß lachen, wenn ich
dich ansehe: du kommst mir vor wie Saul, der Sohn Kis', der ausging,
seines Vaters Eselinnen zu suchen, und ein Königreich fand."
"Ich kenne den Wert eines Königreichs nicht", versetzte Wilhelm, "aber
ich weiß, daß ich ein Glück erlangt habe, das ich nicht verdiene und
das ich mit nichts in der Welt vertauschen möchte."
Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 8"
von Johann Wolfgang von Goethe.
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