Opus · 汉斯·雅各布·克里斯托夫·冯·格里美尔斯豪森

痴儿西木传·第一卷

Der abenteuerliche Simplicissimus / The Adventurous Simplicissimus
1668 · 流浪汉小说 / 战争小说

痴儿西木传

底本:Project Gutenberg 德语原文与英语译本;文脉中文导读。
版权:德语原文公版;Project Gutenberg 英译公版;未录入现代中译。

中文导读

《痴儿西木传》把三十年战争写成世界失序后的流浪叙事。主人公的"天真"不是儿童纯洁,而是一种被暴力世界不断改写的生存状态。读它时要留意身份转换:农民、士兵、强盗、富人、病人、隐士不断互换,构成战争社会的荒诞图谱。


德语原文

Das erste Buch

Das erste Kapitel

Diese unsere Zeit, von der man meint, sie sei der Welt Ende, hat all-
und jedermann mit einer sonderbaren Sucht geschlagen. Wer nur soviel
zusammengeraspelt und erschachert hat, daß ihm etliche Heller im Beutel
kützeln, muß sich im Narrenkleid auf die neue Mode tragen, und wen ein
Glücksfall als mannhaft und ehrlich erwiesen, der glaubt rittermäßig,
gleich einer Adelsperson aufziehen zu müssen.

Solchem Narrenvolk mag ich mich nicht gleichstellen, obzwar meine
Abkunft und Auferziehung sich mit der eines Fürsten wohl vergleichen
läßt. Etliche Unterschiede sollen billig vor gering angeschlagen sein.

Mein Knän (dann also nennet man die Väter im Spessart) hatte seinen
Palast sowohl als ein anderer, ja, kein König vermöchte ihn mit
eigenen Händen besser zu bauen. Der war mit Lehm gemalet und anstatt
des unfruchtbaren Schiefers, kalten Bleies und roten Kupfers mit
Stroh bedeckt, darauf das edel Getreid wächst. Des Schlosses Mauern
ließ mein Knän nicht mit gemeinem Feldstein und liederlich gebackenen
Ziegeln aufbauen, sondern aus festem, hundertjährigem Eichenholz, auf
dem -- so man der Eichelmast gedenkt -- Bratwürst und fette Schunken
wachsen. Wo ist ein Monarch, der ihm dergleichen nachtut! Zimmer, Säl
und Gemächer hatte er vom Rauch ganz erschwarzen lassen, nur weil das
die beständigste Farbe der Welt ist und solche Tünche auch mehr Zeit
braucht, als ein Maler zu seinen trefflichsten Kunststücken erheischet.
Die Tapezereien bestunden in dem zärtesten Gewebe, das auf dem
Erdboden gesponnen wird, unzählig kleine Weberinnen hatten sie mit
ihren zierlichen Beinen gewirkt. Dem Sankt Nit-Glas waren die Fenster
geweiht, und edler als das beste und durchsichtigste Glas von Murano
verhüllete sie Leinwand, an der des Baurn und der Weiber redliche
Mühsal hängt. Seinem Adel nach beliebet es meinem Knän zu glauben,
daß alles was durch viel Müh zuweg gebracht würde, auch schätzbar
und desto köstlicher sei, was aber köstlich, das wäre dem Adel am
anständigsten. Pagen, Lakaien und Stallknecht stellten Schaf, Böck und
Säu und jedes ging fein ordentlich in seiner natürlichen Livrei. Sie
warteten mir täglich auf, bis ich sie von der Weid heimtrieb. Rüst-
und Harnischkammer war mit Pflügen, Kärsten, Äxten, Hauen, Schaufeln,
Mist- und Heugabeln genugsam versehen und mein Vater übte sich
täglich in den Waffen. Ochsenanspannen war sein hauptmannschaftliches
Kommando, Mistausführen sein Fortifikationswesen, Ackern sein Feldzug,
Stallausmisten seine adelige Kurzweil und sein Turnierspiel. Damit
rannte er die ganze Weltkugel, soweit er immer reichen konnte, an und
jagte ihr zu allen Erntezeiten eine gute Beute ab. Dieses alles setze
ich hintan und überhebe mich dessen gar nicht, damit niemand Ursache
habe, mich mit den andern neuen Nobilisten auszulachen. Um geliebter
Kürze willen aber dozier ich vor diesmal nichts Ausführliches von
meines Vaters Geschlecht, Stamm und Namen. Meines Knäns Schloß stand an
einem sehr lustigen Ort im Spessart erbaut, allwo die Wölfe einander
gute Nacht geben.

Und rittermäßig wie das ganze Hauswesen war meine Auferziehung. Mit
zehn Lebensjahren hatte ich die Prinzipien in obgemeldeten adeligen
Übungen vollauf begriffen. Mein Knän war vielleicht eines viel zu
hohen Geistes und folgte dahero dem gewöhnlichen Brauch, darnach, wer
vornehm ist, sich billig um Schulpossen nicht viel bekümmert, weil er
seine Leute hat, die derlei Plackschmeißerei abwarten. Ich konnte nicht
über fünf zählen, solches aber gar wohl. Sonst war ich ein trefflicher
Musikus auf der Sackpfeifen. Und was Gottesgelahrtheit anlangt, glich
keiner mir in der ganzen Christenwelt: ich kannte weder Gott noch
Menschen, weder Himmel noch Hölle, nicht Engel noch Teufel, wußte
nichts von Gutem und Bösem, wie unsere ersten Eltern im Paradies, die
in ihrer Unschuld nichts von Krankheit, Tod und Sterben, desto weniger
von der Auferstehung gewußt haben. Also auch ich. Und gleichermaßen
war ich wohlbewandert in Medizin, Juristerei und sonst den Künsten und
Wissenschaften allen. Ich war vollkommen, dann mir war unmüglich zu
wissen, daß ich so gar nichts wußte. O wahrhaft edeles Leben!

Das ander Kapitel

Sonach begabete mich mein Knän mit der herrlichsten Würde nicht
allein seiner Hofhaltung, sondern der ganzen Welt: mit dem Hirtenamt.
Ich mußte die Säu, Ziegen und seine ganze Schafherde hüten, weiden
und vermittels meiner Sackpfeifen vor dem Wolf beschützen. Damals
glich ich wohl dem David, nur hatte ich an seiner Harfen Statt den
Dudelsack. Kein schlimmer Anfang und ein gutes Omen! Von der Welt
Anbeginn seind jeweils hohe Personen Hirten gewesen, wie wir von Abel,
Abraham, Isaak, Jakob und seinen Söhnen und Moise selbst in der hl.
Schrift lesen, da er zuvor seines Schwähers Schafe hüten mußte, eh er
Heerführer und Gesetzgeber von ganz Israel ward. Ja, möchte mir jemand
vorwerfen, das waren Heilige und keine spessarter Baurenbuben, die von
Gott nichts wußten. Dawider muß ich gestehen: Was hat meine damalige
Unschuld dessen zu entgelten? Also aber redet Philo der Jud in seiner
Lebensbeschreibung Moisis vortrefflich: Das Hirtenamt ist Vorbereitung
und Anfang zum Regiment, gleichwie Kriegskünst und Waffenhandwerk
auf der Jagd geübt und angeführt werden. -- Solches alles muß mein
Knän wohl verstanden haben und hat mir also keine geringe Hoffnung zu
künftiger Herrlichkeit gemacht.

Allein ich kannte den Wolf ebensowenig als meine eigene Unwissenheit,
derowegen war mein Vater in seiner Instruktion desto fleißiger:

»Bub, bis flissig! Los die Schof nit ze wit umanander laffen! Un spill
wacker uff der Sackpfiffa, daß der Wolf nit komm und Schada dau! Dann
he is a solcher veirboinigter Schelm und Dieb, der Menscha und Vieha
frißt. Un wann dau awer fahrlässi bist, so will eich dir da Buckel
arauma!«

Ich antwortete mit gleicher Holdseligkeit: »Knäno, sag mir aa, wei der
Wolf seihet? Eich huun noch kan Wolf gesien.«

»Ah, dau grober Eselkopp,« repliziert er hinwider, »dau bleiwest
dein Lewelang a Narr! Gait meich Wunner, was aus dir wera wird. Bist
schun su a grusser Dölpel und weist noch neit, was der Wolf für a
veirfeussiger Schelm is!«

Er gab mir noch mehr Unterweisungen und ward zuletzt unwillig, maßen er
mit einem Gebrümmel fortging, weil er sich bedünken ließ, mein grober
Verstand könnte seine subtilen Unterweisungen nicht fassen.

Da fing ich an mit der Sackpfeife so gut Geschirr zu machen, daß man
den Kroten im Krautgarten mit meinen Schalmeien hätte vergeben mögen.
Daneben sang ich, daß die Mutter oft gesagt, sie besorge, die Hühner
werden dermaleins von dem Gesang sterben. Demnach ich mich vor dem Wolf
sicher genug zu sein bedünkte.

Das dritte Kapitel

Sang also auf ein Zeit ein Lied, das ich von meiner Mutter selbst
gelernet hatte:

Du sehr verachter Baurenstand
Bist doch der beste in dem Land,
Kein Mann dich gnugsam preisen kann,
Wann er dich nur recht siehet an.

Es ist fast alles unter dir,
Ja was die Erde bringt herfür,
Wovon ernähret wird das Land,
Geht dir anfänglich durch die Hand.

Der Kaiser, den uns Gott gegeben,
Uns zu beschützen, muß doch leben
Von deiner Hand, auch der Soldat,
Der dir doch zufügt manchen Schad.

Die Erde wär ganz wild durchaus,
Wann du auf ihr nicht hieltest Haus.
Ganz traurig auf der Welt es stünd,
Wann man kein Bauersmann mehr fünd.

Vom bitterbößen Podagram
Hört man nicht, daß an Bauren kam,
Das doch den Adel bringt in Not
Und manchen Reichen gar in Tod.

Der Hoffart bist du sehr gefeit,
Absonderlich zu dieser Zeit.
Und daß sie auch nicht sei dein Herr,
So gibt dir Gott des Kreuzes mehr.

Ja der Soldaten böser Brauch
Dient gleichwohl dir zum Besten auch,
Daß Hochmut dich nicht nehme ein
Sagt er: dein Hab und Gut ist mein.

Bis hieher und nicht weiter kam ich mit meinem Gesang, dann ich ward
im Augenblick samt meiner Schafherde von einem Trupp Reuter umgeben,
die im Walde verirrt gewesen und durch meine Musik und Geschrei waren
zurecht gebracht worden.

Hoho, dachte ich, dies seind die rechten Kauz! Die vierbeinig Schelmen
und Diebe, davon mein Knän sagte! Dann ich sahe Roß und Mann vor eine
einzige Kreatur an und vermeinete nicht anders, als es müßten Wölfe
sein. Da erdappte mich einer beim Flügel, schleuderte mich so ungestüm
auf ein leer Baurenpferd, daß ich auf der andern Seite wieder herab
und auf meine liebe Sackpfeife fiel, die so jämmerlich aufschrie, als
wollet sie aller Welt Erbarmen bewegen. Half nichts, ich mußte wieder
zu Pferd. Am meisten verdroß mich, daß die Reuter vorgaben, ich hätte
dem Dudelsack im Fallen weh getan, darum er so ketzerlich geschrieen
hätte. Meine Mähre trabet stetig dahin und mir kams seltsam für, daß
ich nicht also auch in einen eisernen Kerl verwandlet wurde.

Sintemalen keiner von denen Reutern ein Schaf hinwegfraß, gedachte ich,
sie seien da, mir die Schafe helfen heimzutreiben, dann geradewegs
eileten sie auf meines Knäns Hof zu. Derowegen sahe ich mich fleißig
um, ob er und meine Mutter uns nicht bald entgegengehen und uns
willkommenheißen wollten. Aber vergebens, mein Knän und die Mutter samt
unserm Ursele hatten die Hintertür getroffen und wollten dieser Gäste
nicht erwarten.

Kurz zuvor wußte ich nichts andres, als daß mein Knän, die Mutter, ich
und das übrige Hausgesind allein auf der Erden seien. Nun aber lernte
ich meinen Herrgott im Himmel kennen. Ich erfuhr gar bald darnach die
Herkunft der Menschen in diese Welt und daß sie wieder heraus müssen.

Ja, ich war nur in Gestalt Mensch, mit Namen ein Christenkind, im
übrigen eine Bestia. Gott, der allmächtige, sahe meine Unschuld mit
barmherzigen Augen an und wählet aus seinen tausenderlei Wegen diesen,
mich zu beidem: zu seiner und meiner Erkanntnus zu bringen.

Vorerst stelleten die Reuter ihre Pferde ein, hernach hatte jeglicher
seine sonderliche Verrichtung, und jede war lauter Untergang und
Verderben. Dann obzwar etliche anfingen zu metzgen, zu sieden und
zu braten, als sollte ein lustig Bankett gehalten werden, so waren
hingegen andere, die durchstürmten das Haus unten und oben, ja das
heimlich Gemach war nicht sicher, gleichsam ob wäre das gölden Fließ
darin verborgen. Andere packten Tuch, Kleidung und Hausrat zusammen,
als wollten sie einen Krempelmarkt anrichten. Was sie aber nicht
mitzunehmen gedachten, ward zerschlagen. Etliche durchstachen Heu
und Stroh mit ihren Degen, andere schütteten die Federn aus den
Bettzüchen und füllten hingegen Speck, Fleisch und sonstiges Gerät
hinein, als seie alsdann besser darauf zu schlafen. Sie schlugen Öfen
und Fensterläden ein, gleich als hätten sie einen ewigen Sommer zu
verkünden. Kupfer- und Zinngeschirr stampften sie zusammen und packten
die gebogenen und verderbten Stücke. Bettladen, Tische, Stühle und
Bänke verbrannten sie, da doch viel Klafter dürr Holz im Hof lag.
Häfen und Schüsseln mußten entzwei. Unsere Magd ward im Stall dermaßen
traktiert, daß sie nicht mehr daraus gehen konnte. Den Knecht legten
sie gebunden auf die Erde, steckten ein Sperrholz in sein Maul und
schütteten ihm einen Melkkübel voll Jauche in Leib. Das nannten sie
den schwedischen Trunk. Zwangen ihn so, etliche von denen Reutern
anderwärts zu führen, allda sie Menschen und Viehe hinwegnahmen und
in unsern Hof brachten. Auch mein Knän, meine Mutter und unser Ursele
waren darunter.

Da schraubten sie die Stein von den Pistolenhähnen ab und anstatt
deren die Baurendaumen auf, folterten die armen Schelme, als wollten
sie Hexen brennen, maßen sie auch einen von den gefangenen Bauren in
Backofen steckten und mit Feuer hinter ihm her waren, unangesehen er
noch nichts bekannt hatte. Einem andern schlangen sie ein Seil um den
Schädel und drehten es mit einem Holzbengel zusammen, daß ihm Blut zu
Mund und Ohren heraussprang. In summa, es hatte jeder seine eigene
Erfindung die Bauren zu peinigen.

Mein Knän war meinem damaligen Bedünken nach der Glücklichste, ohn
Zweifel darum, weil er der Hausvater war. Sie satzten ihn zu einem
Feuer, banden ihn, daß er weder Hände noch Füße regen konnte, rieben
seine Sohlen mit feuchtem Salz, das ihm unser alte Geiß wieder ablecken
und dadurch also kützlen mußte, daß er vor Lachen hätte zerbersten
mögen. (Ich hab Gesellschaft halber vom Herzen mitgelacht.) In solchem
Gelächter bekannte er seine Schuldigkeit und öffnete seinen verborgenen
Schatz, der von Geld, Perlen und Kleinodien reicher war, als man hinter
dem Bauren hätte suchen mögen.

Von den gefangenen Weibern, Mägden und Töchtern vermag ich sonderlich
nichts zu sagen, doch weiß ich wohl, daß man hin und wieder in den
Winkeln erbärmlich schreien hörte. Schätze, es sei der Mutter und dem
Ursele nicht besser gegangen als den andern.

Unter all dem Elend wandte ich den Braten am Spieß und half die Pferde
tränken, dadurch ich zu unserer Magd in den Stall kam. Die sahe
wunderwerklich zerstrobelt aus, ich kannte sie kaum und sie sprach zu
mir mit kränklicher Stimme:

»O Bub, lauf weg, sonst nehmen dich die Reuter mit! Guck, daß du
davonkommst! Du siehest wohl, wie es so übel ...«

Mehres konnte sie nicht sagen.

Das vierte Kapitel

Wohin aber? Dazu war mein Verstand viel zu gering, einen Vorschlag zu
tun; doch ist es mir so weit gelungen, daß ich gegen Abend in Wald
bin entlaufen. Wo nun aber weiter hinaus? -- Die stockfinstre Nacht
bedeuchte meinem finstern Verstand nicht schwarz genug, dahero verbarg
ich mich in ein dickes Gesträuch. Da konnte ich das Geschrei der
getrillten Bauren vernehmen. Allein ich hörete auch der Nachtigallen
lieblichen Gesang, unbekümmert um alle Menschennot. Darum so legte ich
mich auch ohn alle Sorg auf ein Ohr und entschlief.

Als der Morgenstern im Osten herfürflackerte, sahe ich meines Knäns
Haus in voller Flamme stehen, und ich schlich näher, jemand vom Hof
anzutreffen. Gleich ward ich von fünf Reutern erblickt und angeschrieen:

»Jung, kom heröfer oder skall mi de Tüfel halen, ich schiete dik, dat
di de Dampf tom Hals utgat!«

Ich hielt stockstill, das Maul offen. Sie konnten wegen eines Morastes
nicht zu mir gelangen, was sie ohn Zweifel rechtschaffen vexierte.
Lösete einer den Karabiner auf mich, von welchem urplötzlichem Feuer
und unversehenlichem Krach, den mir ein Echo durch vielfältige
Verdoppelung grausamer machte, ich dermaßen erschröckt ward, daß ich
alsobald zur Erde niederfiel. Ich regete vor Angst keine Ader mehr. Die
Reuter ritten ihres Wegs und ließen mich ohn Zweifel vor tot liegen. So
hatte ich jedoch den ganzen Tag das Herz nicht, mich aufzurichten.

Als mich aber die Nacht wieder ergriff, stund ich auf und wanderte,
bis ich im Walde von ferne einen faulen Baum schimmern sahe, kehrete
in neuer Forcht derowegen spornstreichs um und lief so lang, bis ich
wieder einen gleichen Baum erblickte, davon ich gleichfalls floh. Also
trieben mich die gefäuleten Bäum einer zum andern, bis mir zuletzt der
liebe Tag zu Hilfe kam. Aber mein Herz stak voll Angst und Jammer,
die Schenkel voll Müdigkeit, der Magen knurrte, das Maul lechzete,
närrische Einbildungen erfüllten mein Hirn und schwerer Schlaf meine
Augen. Ich ging dannoch fürder, wußte aber nicht wohin: je weiter, je
tiefer von den Menschen hinweg in die Wildnus. Ein unvernünftig Tier
hätt besser aus und ein gewußt. Doch war ich noch so witzig, als mich
abermal die Nacht ereilte, daß ich in einen hohlen Baum kroch, darin zu
schlafen. --

Kaum war ich aber dargesunken, hörte ich eine Stimme:

»O große Liebe, du mein einziger Trost! Meine Hoffnung, du mein
Reichtum, o mein Gott!«

Ganz unverständlich wallte die Stimme weiter, vor deren Seltsamkeit
ich mich entsatzte. Allein es klang herfür, daß Hunger und Durst
gestillet werden sollten, also riet mir mein ohnerträglich Verlangen,
mich auch zu Gast zu laden; fasset ein Herz und kroch hinzu. Da wurde
ich eines großen Mannes gewahr, in langen, schwarzgrauen Haaren, die
ganz verworren auf den Achseln lagen. Er hatte einen wilden Bart, sein
Angesicht war zwar bleich, gelb und mager, aber ziemlich lieblich.
Der lange Rock starrte von tausend aufeinander gesetzten Flicken. Um
Hals und Leib trug er eine schwere eiserne Kette gebunden wie St.
Wilhelmus
. Ich fing an zu zittern wie ein nasser Hund. Was meine Angst
noch mehrete, war ein Krucifix an sechs Schuhe lang, so er an seine
Brust druckte. Ich konnte mich nicht anders entsinnen: ohn Zweifel, das
war der Wolf!

In solcher Angst wischte ich mit meiner Sackpfeifen herfür, ich bließ
zu, stimmte an, ließ mich gewaltig hören, diesen greulichen Wolf zu
vertreiben. Über solch gählinger und ungewöhnlicher Musik an einem so
wilden Ort der Einsiedel anfänglich nicht wenig stutzte, ohn Zweifel
vermeinend, der Teufel wollte ihn wie St. Antonio tribulieren und
seine Andacht stören. Ich retirieret in den Baum, er aber ging mich an,
den Feind des Menschengeschlechts genugsam auszuhöhnen:

»Ha, du bist ein Gesell darzu, die Heiligen ohn göttliche Verhängnus...«

Ich hab mehrers nit verstanden. Vor Grausen und Schröcken sank ich in
Ohnmacht nieder.

Das fünfte Kapitel

Was gestalten mir wieder zu mir selbst verholfen worden, weiß ich
nicht. Als ich mich erholet lag mein Kopf in des Alten Schoß und vorn
war meine Juppe geöffnet. Da ich den Einsiedel so nahe bei mir sahe,
fing ich ein solch grausam Geschrei an, als ob er mir das Herz hätte
aus dem Leibe reißen wollen. Er aber sagte:

»Mein Sohn, schweig, ich tue dir nichts.«

Je mehr er mich aber tröstete und mir liebkoste, je mehr ich schrie:

»Du frißt mich! Du frißt mich! Du bist der Wolf und willst mich
fressen!«

»Eija wohl nein, mein Sohn. Sei zufrieden, ich friß dich nicht!«

Dies Gefecht währete lang. Endlich ließ ich mich soweit weisen, mit ihm
in die Hütte zu gehen. Da war Armut Hofmeisterin, Hunger Koch, Mangel
Küchenmeister. Mein Magen aber ward mit Gemüs und einem Trunk Wasser
gelabet und mein verwirrt Gemüt durch tröstliche Freundlichkeit wieder
aufgerichtet. Der Schlaf befing mich zusehends und der Einsiedel ließ
mir sein Lager, obgleich nur einer darin liegen konnte.

Um Mitternacht erwachte ich und hörte den Alten singen:

Komm, Trost der Nacht, o Nachtigall,
Laß deine Stimm mit Freudenschall
Aufs lieblichste erklingen.
Komm, komm, und lob den Schöpfer dein,
Weil andre Vöglein schlafen sein
Und nicht mehr mögen singen.
  Laß dein Stimmlein
  Laut erschallen, dann vor allen
  Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben!

Obschon ist hin der Sonnenschein,
Und wir im Finstern müssen sein,
So können wir doch singen
Von Gottes Güt und seiner Macht,
Weil uns kann hindern keine Nacht,
Sein Lob zu vollenbringen.
  Drum dein Stimmlein
  Laß erschallen, dann vor allen
  Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.

Echo, der wilde Widerhall,
Will sein bei diesem Freudenschall
Und lässet sich auch hören,
Verweist uns alle Müdigkeit,
Der wir ergeben allezeit,
Lehrt uns den Schlaf betören.
  Drum dein Stimmlein
  Laß erschallen, dann vor allen
  Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.

Die Sterne, so am Himmel stehn,
Sich lassen zum Lob Gottes sehn
Und Ehre ihm beweisen.
Die Eul auch, die nicht singen kann,
Zeigt doch mit ihrem Heulen an,
Daß sie Gott auch tu preisen.
  Drum dein Stimmlein
  Laß erschallen, dann vor allen
  Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.

Nur her, mein liebes Vögelein,
Wir wollen nicht die Fäulsten sein
Und schlafend liegen bleiben.
Vielmehr bis daß die Morgenröt
Erfreuet diese Wälder öd,
In Gottes Lob vertreiben.
  Laß dein Stimmlein
  Laut erschallen, dann vor allen
  Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.

Unter währendem diesem Gesang bedünkte mich wahrhaftig, daß Nachtigall
sowohl als Eule und Echo eingestimmet hätten. Als wann ich je der
Melodei des Morgensterns auf meiner Sackpfeifen gefolget wär, also
trieb es mich, den Alten zu begleiten, da mir diese Harmonie so
lieblich schiene -- doch ich entschlief.

Bei hohem Tag stund der Einsiedel vor mir und sagte:

»Auf, Kleiner und iß! Ich will dir alsdann den Weg weisen, daß du noch
vor Nacht in das nächste Dorf und wieder zu den Leuten kommest.«

Ich fragte ihn: »Was für Dinger? Dorf und Leut?«

»Behüte Gott, weißt du nicht was Dorf und Leute seind? Bist du närrisch
oder gescheit?«

»Nein,« sagte ich, »ich bin meines Knäns Bub.«

Darauf fielen unsere Reden und Gegenreden:

»Wie heißt du?« -- »Bub.« -- »Wie hat dich Vater und Mutter gerufen?«
-- »Ich weiß von kein Vater und Mutter nicht.« -- »Wer hat dir das
Hemd geben?« -- »Ei, mein Meuder.« -- »Wie hieße dich dann dein
Meuder?« -- »Bub, Schelm, ungeschickter Dölpel, Galgenvogel.« -- »Wer
ist deiner Meuder Mann?« -- »Niemand.« -- »Bei wem hat sie des Nachts
geschlafen?« -- »Bei meinem Knän.« -- »Wie heißt der?« -- »Knän.«
-- »Wie hat ihn deine Meuder gerufen?« -- »Knän, auch Meister.« --
»Niemalen anders?« -- »Ja.« -- »Wie dann?« -- »Rülp, grober Bengel,
volle Sau.« -- »Du bist wohl ein unwissender Tropf!« -- »Ei, kennst du
einen andern Namen?« -- »Und was weißt du von unserm Herrgott?« -- »Den
kenn ich wohl.« -- »Also, wie kennst du ihn?« -- »Ja, der ist daheim an
unserer Stubentür gestanden auf dem Gesims. Mein Meuder hat ihn von der
Kirchweih heimgebracht und hingekleibt.« -- »Ach, daß Gott walte! Weißt
du anders nicht? Bist du nie in die Kirche gangen?« -- »Ei ja wohl!
Ich kann wacker klettern und hab als einen ganzen Wams voll Kirschen
gebrockt.«

»Ach gütiger Gott, nun erkenne ich erst, was vor eine große Gnade und
Wohltat es ist, wem du deine Erkanntnus mitteilest, und wie gar nichts
ein Mensch sei, dem du solche nicht gibest. Wüßte ich nur, wo deine
Eltern wohneten, so wollte ich dich gern hinbringen und sie lehren, wie
sie Kinder erziehen sollten.«

»Unser Haus ist verbrannt. Mein Meuder und der Knän, also auch unser
Ursele seind hinweggeloffen und wiederkommen und unser Magd ist krank
im Stall gelegen.«

»Wie ist das geschehen?«

»Ha, es sind so eiserne Männer kommen, die auf Ochsen ohn Hörn gesessen
seind, haben Schaf, Küh' und Säu gestochen. Da bin ich auch weggeloffen
und darnach hat das Haus gebrannt.«

»Wo war dann dein Knän?«

»Sie haben ihn angebunden und unser alte Geiß hat ihm die Füß geleckt,
da hat mein Knän lachen müssen und hat denselben eisernen Männern viel
Weißpfennig geben, groß und klein, hübsche gelbe und sonst glitzerechte
Dinger und Schnüre voll weißer Küglein. Darauf hat unser Ann gesagt,
ich soll auch weglaufen, sonst nehmen mich die Krieger mit.«

»Wo hinaus willst du?«

»Ich weiß Weger nit und will bei dir bleiben.«

»So geh und iß,« sagte der Einsiedel.

Das war unser discurs, unter welchem mich der Alte oft mit
allertiefstem Seufzen anschauete. Weiß nicht, ob es aus Mitleiden
geschahe oder aus Ursach, die ich erst etliche Jahr hernach erfuhr.

Das sechste Kapitel

Ich futterte nach Notdurft, sonach mich der Einsiedel fortgehen hieß.
Da suchte ich meine allerzartesten Worte herfür, daß er mich bei sich
behielte, bis er beschloß meine verdrüßliche Gegenwart zu leiden, darum
daß er mich unterrichtete.

Ich hielt mich wohl, und er fand Gefallen an mir, da ich begierig seine
Unterweisungen hörete und die wachsweiche, und zwar noch glatte Tafel
meines Herzens seine Worte zu fassen sich geschickt erwies.

Er lernete mir vom Fall Luzifers und wie unsere ersten Eltern aus dem
Paradies verstoßen wurden, unterwies mich im Gesetz Moisis und den zehn
Geboten, kam also auf das Leben, Sterben und die Auferstehung unseres
Heilands, zuletzt beschloß er mit dem jüngsten Tag. Sein Leben und sein
Reden waren mir eine immerwährende Predigt und ich gewann solche Liebe
zu seinem Unterricht, daß ich des Nachts nicht davor schlafen konnte.
So lernte ich auch beten. Da ich aber in purer Einfalt verblieben, hat
mich der Einsiedel, weil weder er noch ich meinen rechten Namen gewußt,
SIMPLICIUS benannt.

Wir baueten vor mich eine Hütte gleich der seinen von Holz, Reisern
und Erde, fast formiert wie der Musketierer im Feld ihre Zelten, oder
besser zu sagen, wie die Bauren ihre Rubenlöcher decken, kaum daß ich
aufrecht darin sitzen konnte, so nieder. Mein Bett war von dürrem Laub
und Gras, ebensogroß als die Hütte selbst.

Als ich das erste Mal den Einsiedel in der Bibel lesen sahe, konnte ich
mir nicht einbilden, mit wem er doch ein solch heimlich und, meinem
Bedünken nach, sehr ernstlich Gespräch haben müßte; ich sahe wohl die
Bewegung seiner Lippen, hingegen aber niemand, der mit ihm redete,
und merkte doch an seinen Augen, daß ers mit etwas in selbigem Buch
zu tun hatte. Ich gab Achtung auf das Buch, und nachdem er solches
beigelegt, machte ich mich darhinter, schlugs auf und bekam im ersten
Griff das erste Kapitel des Hiobs und die davor stehende Figur, so
ein feiner Holzschnitt und schön illuminieret war, in die Augen. Ich
fragte dieselbigen Bilder seltsame Sachen, weil mir aber keine Antwort
widerfahren wollte, ward ich ungeduldig und sagte eben, als der
Einsiedel hinter mich schlich:

»Ihr kleine Hudler, habet ihr dann keine Mäuler mehr? Habet ihr nicht
allererst mit meinem Vater lang genug schwätzen können? Ich sehe wohl,
daß ihr auch dem armen Knän da seine Schafe heim treibet und das Haus
angezündet habet. Halt! Halt! Ich will das Feuer noch wohl löschen!«

Damit stund ich auf, Wasser zu holen.

»Wohin, Simplici

»Ei Vater, da sind auch Krieger, die haben Schafe und wollen sie
wegtreiben. Sie habens dem armen Mann da genommen, mit dem du erst
geredet hast. So brennet sein Haus auch schon lichterlohe und wird
verbrennen, wann ich nicht bald lösche.«

Und ich zeigte mit dem Finger, was ich sahe.

»Bleib nur, es ist noch keine Gefahr.«

»Bist du dann blind? Wehre du, daß sie die Schafe nicht forttreiben, so
will ich Wasser holen!«

»Ei, diese Bilder leben nicht, sie seind nur gemacht, uns vorlängst
geschehene Dinge vor Augen zu stellen.«

»Du hast ja erst mit ihnen geredet, warum sollten sie dann nicht
leben?«

Der Einsiedel mußte wider Willen und Gewohnheit lachen.

»Liebes Kind, die Bilder können nicht reden, was aber ihr Tun und Wesen
sei, kann ich aus diesen schwarzen Zeichen sehen. Das nennt man Lesen.«

Ich antwortete: »Wäre ich ein Mensch wie du, so müßte ich auch aus
denen schwarzen Zeilen sehen können, was du kannst. Wie soll ich mich
in dein Gespräch mit ihnen richten?«

»Wohlan, mein Sohn, ich will dich lehren.«

Demnach schrieb er mir ein Alphabet auf einer birkenen Rinden nach dem
Druck formiert, und ich lernte buchstabieren, folgends lesen, endlich
besser schreiben, als der Einsiedel selber konnte, weil ich alles dem
Druck nachmalete. --

Unsere Speise war allerhand Gewächs, Ruben, Kraut, Bohnen, Erbsen, und
wir verschmäheten auch nicht Buchecker, wilde Äpfel, Birn und Kirschen,
ja, die Eicheln machte uns der Hunger oft angenehm. Brotfladen buken
wir in heißer Aschen aus gestoßenem Welschkorn. Im Winter fingen wir
Vögel an Sprinkeln und Stricken, im Frühling bescherete uns Gott Junge
aus den Nestern. Wir behalfen uns mit Schnecken und Fröschen, so war
uns auch mit Reusen und Anglen das Fischen und Krebsen nicht zu wider,
welches alles unser grob Gemüs hinunterconvoieren mußte. Wir hatten
auf ein Zeit ein junges wildes Schweinlein gefangen, welches wir, in
einen Pferch versperret, mit Eicheln und Eckern auferzogen, gemästet
und endlich verzehret, weil mein Einsiedel wußte, daß solches keine
Sünde sein konnte, wann man genießet, was Gott dem ganzen menschlichen
Geschlecht zu diesem End erschaffen. Von Gewürz brauchten wir nichts,
dann wir dörften die Lust zum Trunk nicht erwecken. Die Notdurft an
Salz gab uns ein Pfarrer, der ungefähr drei Meilwegs von uns wohnete.

Des Hausrates war genug vorhanden: Schaufel, Haue, Axt, Beil und ein
eiserner Kochhafen. Das wir von obgemeldtem Pfarrer entlehnet hatten.
Jeder besaß ein stumpfes Messer zu eigen. Wir bedorften weder Schüssel
noch Teller, Löffel, Gabel, Kessel, Pfannen, Rost und Bratspieß. Unser
Hafen war Schüssel zugleich, unsere Hände Gabeln und Löffel. Wollten
wir trinken, so hingen wir das Maul hinein, wie Gideons Kriegsleute.
Von allerhand Gewand, Wolle, Seiden, Baumwolle und Leinen, alles zu
Betten, Tischen und Tapezereien, hatten wir nichts, als wir auf dem
Leibe trugen, weil wir genug zu haben schätzten, wann wir uns vor
Regen und Frost beschützen könnten. Wir hielten keine gewisse Regul
oder Ordnung, außerhalb an Sonn- und Feiertägen, an welchen wir schon
um Mitternacht hinzugehen anfingen, damit wir noch frühe genug, ohn
männliches Vermerken, in des obgemeldten Pfarrherrn Kirche kommen und
dem Gottesdienst abwarten konnten.

Ich lernete in solchem hartem Leben Hunger, Durst, Hitze, Kälte und
große Arbeit überstehen und zuvorderst Gott erkennen und wie man ihm
rechtschaffen dienen sollte, welches das vornehmste war. Zwar wollte
mich mein getreuer Einsiedel ein Mehrers nicht wissen lassen, dann er
hielte davor, es sei einem Christen genug, zu seinem Ziel und Zweck
zu gelangen. Dahero es gekommen, obzwar ich mein Christentum wohl
verstand und die deutsche Sprache so schön redete, als wann sie die
Orthographia selbst ausspräche, daß ich dannoch der Einfältigste
verblieb, gestalten ich, wie ich den Wald verlassen, ein solch elender
Tropf in der Welt war, daß man keinen Hund mit mir aus dem Ofen hätte
locken können.

Das siebente Kapitel

Zwei Jahre ungefähr hatte ich zugebracht und das harte eremitische
Leben kaum gewohnet, als mein bester Freund auf Erden seine Haue nahm,
mir aber die Schaufel gab und mich an der Hand in unsern Garten führete.

»Nun, Simplici, liebes Kind, dieweil gottlob die Zeit vorhanden,
daß ich aus der Welt scheiden, die Schuld der Natur bezahlen und
dich in dieser Welt hinter mir verlassen soll, so habe ich dich auf
dem angetretenen Weg der Tugend stärken und dir einzige Lehren zum
Unterricht geben wollen, wie du dein irdisch Leben anstellen solltest,
damit du gewürdigt werdest das Angesicht Gottes in jenem Leben ewiglich
zu schauen, zumalen ich deines Lebens künftige Begegnüsse beiläufig
sehe und wohl weiß, daß du in dieser Einöde nicht lange verharren
wirst.«

Diese Worte setzten meine Augen ins Wasser, wie hiebevor des Feindes
Erfindung die Stadt Villingen, und sie waren mir so unerträglich, daß
ich sie nicht ertragen konnte.

»Herzliebster Vater, willst du mich allein in diesem wilden Wald
verlassen?«

Mehrers vermochte ich nicht heraus zu bringen, dann meines Herzens
Qual ward aus überfließender Liebe, die ich zu meinem Vater trug,
also heftig, daß ich gleichsam wie tot zu seinen Füßen niedersank.
Er hingegen richtete mich auf, tröstete mich, so gut es Zeit und
Gelegenheit zuließ, und verwiese mich gleichsam fragend:

»Willst du der Ordnung des Allerhöchsten widerstreben? Was unterstehst
du dich, meinem schwachen Leib, der nach Ruhe lechzet, aufzubürden?
Ach nein, mein Sohn, laß mich fahren!«

Und er riete mir getreulich: »Anstatt deines unnützen Geschreies folge
meinen letzten Worten, welche seind, daß du dich je länger je mehr
selbst erkennen sollst. Dann daß die meisten Menschen verdammt werden,
ist Ursache, daß sie nicht gewußt haben, was sie gewesen und was sie
werden müssen. Und hüt dich jederzeit vor böser Gesellschaft, dann
derselben Schädlichkeit ist unaussprechlich. Bleib standhaft vor allen
Dingen. Wer verharret bis ans Ende, der wird selig. So du aber aus
menschlicher Schwachheit fällst, dann stehe durch rechtschaffene Buße
geschwind wieder auf.«

Nachdem mir der sorgfältige, fromme Mann solches vorgehalten, hat er
mit seiner Haue angefangen, sein eigenes Grab zu machen. Ich half, so
gut ich konnte, wie er mir befahl.

»Mein lieber und wahrer, einziger Sohn, wann meine Seele an ihren Ort
gegangen ist, so leiste meinem Leib deine Schuldigkeit und die letzte
Ehre. Scharre mich mit dieser Erde wieder zu, die wir anjetzo aus der
Grube graben.«

Darauf nahm er mich in seine Arme und druckte mich küssend viel härter
an seine Brust, als einem Mann, wie er zu sein schiene, hätte müglich
sein können.

»Liebes Kind, ich befehle dich in Gottes Schutz.«

Ich hingegen konnte nichts anders als klagen und heulen, ich hing mich
an seine Büßerketten und vermeinte ihn damit zu halten.

Er aber sagte: »Laß mich, daß ich sehe, ob mir das Grab lang genug sei.«

Legte demnach die Kette ab samt dem Oberrock und begab sich in das
Grab wie einer, der sich sonst schlafen legen will.

»Ach großer Gott, nun nimm wieder hin die Seele, die du mir gegeben!«

Hierauf beschloß er seine Lippen und Augen sänftiglich. Ich aber
stund da wie ein Stockfisch etlich Stunden, dieweil ich ihn öfters
in dergleichen Verzuckungen gesehen. Da sich aber mein allerliebster
Einsiedel nicht mehr aufrichten wollte, stieg ich zu ihm ins Grab und
fing an ihn zu schütteln, zu küssen und zu liebeln. Aber da war kein
Leben mehr.

Nachdem ich lang mit jämmerlichem Geschrei hin und her geloffen, begann
ich ihn zuzuscharren. Und wann ich kaum sein Angesicht bedeckt hatte,
stieg ich wieder hinunter, entblößte es wieder, damit ichs noch einmal
sehen und küssen konnte.

Das achte Kapitel

Über etliche Tage verfügte ich mich zu obgemeldtem Pfarrer und begehrte
Rat von ihm. Unangesehen er mir nun stark widerraten, länger im Walde
zu verbleiben, bin ich doch tapfer in meines Vorgängers Fußstapfen
getreten, maßen ich den ganzen Sommer tät, was ein frommer Einsiedel
tun soll. Aber gleichwie die Zeit alles ändert, so verringerte sich
auch nach und nach mein Leid, und die scharfe Winterkälte löschte die
innerliche Hitze meines steifen Vorsatzes zugleich aus. Jemehr ich
anfing zu wanken, je träger ward ich in meinem Gebet und ich ließ
mich die Begierde überherrschen, die Welt auch zu beschauen. Demnach
gedachte ich wieder zu dem Pfarrer zu gehen und machte mich seinem Dorf
zu, fand es aber in voller Flamme stehen, dann es eben eine Partei
Reuter ausgeplündert und angezündet hatte. Die Bauren waren teils
niedergemacht, viel verjaget und etliche gefangen, darunter auch der
Pfarrer war. Die Reuter ruckten eben wegfertig aus und führten den
Pfarrer an einem Strick daher. Unterschiedliche schrieen: Schieß den
Schelmen nieder! Andre wollten Geld von ihm. Er hub die Hände auf und
bat um des jüngsten Gerichtes willen um Verschonung und Barmherzigkeit.
Aber einer ritte ihn übern Haufen und versetzte ihm gleich eins an
Kopf, davon er alle vier von sich streckte.

Indem kam ein solcher Schwarm bewehrter Bauren aus dem Wald, als ob
man in ein Wespennest gestochen hätte. Die fingen an so gräulich zu
schreien, so grimmig drein zu setzen und drauf zu schießen, daß mir
alle Haar zu Berg stunden, weil ich noch niemals bei dergleichen
Kirchweih gewesen, dann die spessarter Bauren lassen sich fürwahr so
wenig als andre auf ihrem Mist foppen. Davon rissen die Reuter aus und
schlugen ihre ganze Beute in den Wind.

Diese Kurzweil benahm mir beinahe die Lust, die Welt zu beschauen,
dann meine Wildnus mir anmutiger erschiene. Der Pfarrer lag ganz matt,
schwach und kraftlos, doch hielt er mir vor, daß er nun selbst auf
den Bettel geraten wäre, so hätte ich mich seiner Hilfleistung nichts
zu getrösten. Zog demnach ganz traurig gegen den Wald, gedachte die
Wildnus nimmer zu verlassen und ob es nicht möglich wäre, daß ich ohn
Salz leben und also aller Menschen entbehren könnte. Mich zu bestärken
zog ich meines Einsiedels hinterlassen hären Hemd an und hing seine
Ketten über.

Den andern Tag als ich bei meiner Hütte saß und zugleich neben dem
Gebet gelbe Ruben zu meines Leibes Unterhaltung briet, umringten
mich an fünfzig Musketierer. Zwar sie ob meiner Person Seltsamkeit
erstauneten, so durchstürmten sie doch meine Hütte, suchten, was
da nicht zu finden war, und warfen die Bücher durcheinander, weil
sie ihnen nichts taugten. Endlich sahen sie, als sie mich besser
betrachteten, an meinen Federn, was vor einen schlechten Vogel sie
gefangen hatten, und konnten leicht ihre Rechnung machen; doch
verwunderten sie sich über mein hartes Leben. Ja, der Offizierer ehrte
mich und begehrte gleichsam bittend, ich wolle ihm den Weg aus dem Wald
weisen. Ich widerte mich nicht und führte sie am nächsten Weg dem Dorf
zu.

Ehe wir aber vor den Wald kamen, sahen wir ungefähr zehn Bauren, deren
ein Teil mit Feuerrohren bewehrt, die übrigen aber beschäftigt waren,
etwas einzugraben. Die Musketierer schrieen: Halt! Halt! Jene aber
antworteten mit den Rohren. Wie sie jedoch sahen, daß sie übermannet
waren, gingen sie schnell durch. Die müden Soldaten konnten keinen
ereilen, huben aber an auszugraben. Sie hatten wenig Streich getan, da
hörten sie eine Stimme von unten herauf:

»O, ihr Erzbösewichter, vermeinet ihr wohl, daß der Himmel euer
unchristliche Grausamkeit und Bubenstücke ungestraft hingehen lassen
werde? Nein, eure Unmenschlichkeit soll vergolten werden.«

Hierüber sahen die Soldaten einander an, weil sie nicht wußten, was sie
tun sollten. Etliche vermeinten, sie hätten ein Gespenst. Ich gedachte,
es träume mir. Ihr Offizier hieß sie tapfer zu graben.

Sie kamen auf ein Faß, schlugens auf und fanden einen Kerl darin, der
weder Nasen noch Ohren mehr hatte, gleichwohl noch lebte. Sobald er
sich ein wenig ermunterte, erzählte er: Ihrer sechs seines Regiments,
so auf Fourage gewesen, seien von den Bauren ergriffen worden. Sie
hätten hintereinander stehen müssen, davon die ersten Fünf von einer
Kugel tot geschossen worden seien, ihn aber, den letzten, habe
die Kugel nicht mehr erlanget. Da hätten sie ihm Nase und Ohren
abgeschnitten, zuvor aber ihn gezwungen, daß er ihrer fünfen (salva
venia
) den Hintern lecken müssen. Da er sich so gar geschmähet
gesehen, hätte er ihnen die allerunnützesten Worte gegeben, der
Hoffnung, es würde ihm etwan einer aus Ungeduld eine Kugel schenken,
aber vergebens. Nachdem er sie so erbittert, hätten sie ihn in
gegenwärtig Faß gesteckt und also lebendig begraben, sprechend: Weil er
des Todes so eifrig begehre, wollten sie ihm zum Possen hierin nicht
willfahren.

Indem kam eine andre Partei Soldaten den Wald herauf, sie hatten
obgedachte Bauren angetroffen, fünf davon gefangen, die andern
erschossen. Unter den gefangenen waren vier, denen der übel
zugerichtete Reuter zuvor so schandlich hatte zu Willen sein müssen.
Als nun beide Parteien erkannten einerlei Kriegsvolk zu sein, traten
sie zusammen.

Da sollte man sein blaues Wunder gesehen haben, wie die Bauren getrillt
wurden. Etliche wollten sie zwar in der ersten Furi totschießen,
andere aber sagten: »Nein, man muß die leichtfertigen Vögel zuvor
rechtschaffen quälen und ihnen eintränken, was sie diesem Reuter zu
tun geheißen.« Dahingegen sagte ein anderer: »Dieser Kerl ist nichts
wert, dann wäre er kein Bernheuter gewesen, so hätte er allen redlichen
Soldaten zu Spott solch schändliche Arbeit nicht verrichtet, sondern
wäre tausendmal lieber gestorben.« Endlich ward beschlossen, daß ein
jeder von den sauber gemachten Bauren an zehn Soldaten wett mache,
was er von dem Reuter empfangen, und darzu sagen sollte: ‚Hiermit
lösche ich wieder aus und wische ab die Schande, die sich die Soldaten
einbilden empfangen zu haben, als uns ein Bernheuter tat, wie ich ihnen
tue.’

Darauf schritten sie zur Sache, aber die Bauren waren so halsstarrig,
daß sie weder durch Verheißung des Lebens noch durch Marter dazu
gezwungen werden konnten.

Einer führete den fünften Bauren, an dem der Reuter nicht schandbar
geworden war, etwas beiseits und sagte zu ihm: »Wann du Gott und seine
Heiligen verläugnen wilt, werde ich dich dahin laufen lassen, wohin
du begehrest.« Der Bauer antwortete, er hätte sein Lebtag nichts auf
Heilige gehalten und auch geringe Kundschaft mit Gott selbst gehabt.
Schwur darauf solenniter, daß er Gott nicht kenne. Hierauf jagte ihm
der Soldat eine Kugel an die Stirn, welche aber so viel effektuiert,
als wann die an einen stählernen Berg gangen wäre. Also zuckte er seine
Plempe und rief:

»Holla, bist du solch ein Schelm! Ich habe versprochen, dich laufen
zu lassen, wohin du begehrest, so schicke ich dich nun ins höllische
Reich, weil du nicht in den Himmel wilt!«

Und spaltete ihm damit den Kopf bis an die Zähne.

Indessen banden die andern Soldaten die vier übrigen Bauren mit
Händen und Füßen an einen umgefallenen Baum so artlich, daß sie ihre
Posteriora gerad in die Höhe kehrten. Nachdem sie den Bauren die Hosen
abgezogen, nahmen sie etliche Klafter Lunten, machten Knöpfe daran und
fidelten die armen Schelme also bis Haut und Fleisch ganz von dem Bein
hinweg war. Mich aber ließen sie nach meiner Hütte gehen.

Da ich wieder heim kam, befand ich, daß mein Feuerzeug und ganzer
Hausrat samt allem Vorrat an armseligen Speisen, die ich im Garten
erzogen und auf den künftigen Winter vor mein Maul gesparet hatte, mir
einander fort war. -- Wo nun hinaus?

Überdas lagen mir die Sachen, so ich denselben Tag gehöret und gesehen,
ohn Unterlaß im Sinn. Ich dachte nicht sowohl meiner Erhaltung nach als
der Antipathia, die sich zwischen Soldaten und Bauren enthält. Ich
meinte, es müßten ohnfehlbar zweierlei Menschen in der Welt sein, wilde
und zahme, weil sie einander so grausam verfolgten.

Das neunte Kapitel

In solchen Gedanken entschlief ich vor Unmut und Kälte mit einem
hungrigen Magen.

Da dünkte mich, als wenn sich alle Bäume gähling veränderten. Auf
jedem Gipfel saß ein Kavalier und anstatt der Blätter trugen die Äste
allerhand Kerle. Von solchen hatten etliche lange Spieße, andere
Musketen, kurz Gewehr, Partisanen, Fähnlein, auch Trommeln und Pfeifen,
lustig anzusehen und fein gradweis auseinandergeteilet. Die Wurzel aber
war von ungültigen Leuten, als Handwerkern, Taglöhnern, mehrenteils
Bauren und dergleichen bestanden, welche nichts desto weniger dem Baum
seine Kraft verliehen und erneureten; ja, sie ersetzten den Mangel
der abgefallenen Blätter aus den Ihrigen zum eigenen noch größeren
Verderben. Benebens seufzten sie über diejenigen, so auf dem Baume
saßen, dann die ganze Last des Baums lag auf ihnen und drückte sie
dermaßen, daß ihnen das Geld aus dem Beutel herfürging. So es aber
nicht herfürwollte, striegelten sie die Commissarii mit Besen, die
man militarische Execution nennet, daß ihnen die Seufzer aus dem
Herzen, die Tränen aus den Augen, das Blut aus den Nägeln und das Mark
aus den Beinen herausging.

Also mußten sich die Wurzeln dieser Bäume in lauter Mühseligkeit,
diejenigen aber auf den untersten Ästen in größerer Arbeit und Ungemach
gedulden und durchbringen. Doch waren diese jeweils lustiger, aber auch
trotzig, mehrenteils gottlos und jederzeit eine schwere, unerträgliche
Last der Wurzel.

Hunger und Durst, auch Hitz und Kält,
Arbeit und Armut, wie es fällt,
Gewalttat, Ungerechtigkeit
Treiben die Landsknecht allezeit.

Schlemmen und dämmen, Hunger und Durst, huren und buben, raßlen und
spielen, morden und gemordet werden, tribulieren und wieder getrillet
werden, jagen und gejagt werden, plündern und geplündert werden,
förchten und wieder geförchtet werden, Jammer anstellen und wieder
jämmerlich leiden, in summa nur verderben, beschädigen und verderbt,
beschädigt werden, das war ihr ganzes Tun und Wesen. Und nicht Winter
und Sommer, nicht Regen noch Wind, Berg noch Tal, weder Morast, Gruben,
Meer, Mauer, Feuer noch Wälle, weder Vater noch Mutter, weder Gefahr
ihrer Leiber, Seelen und Gewissen, ja, nicht Verlust des Lebens noch
des Himmels verhinderte sie daran. Sie weberten in ihren Werken emsig
fort, bis sie endlich in Schlachten, Belägerungen, Stürmen, Feldzügen
und den Quartieren selbsten umkamen, verdarben und krepierten. Etliche
wenige, die in ihrem Alter, wann sie nicht wacker geschunden und
gestohlen hatten, Bettler und Landstürzer abgaben.

Zunächst darüber saßen alte Hühnerfänger, die sich etliche Jahre mit
höchster Gefahr auf den untersten Ästen gehalten hatten, sie sahen
etwas reputierlicher aus. Darüber befanden sich noch höhere, die
Wammesklopfer, weil sie die untersten zu kommandieren hatten. Sie
fegten den Pikenieren mit Prügeln und Höllenpotzmarter Rücken und Kopf
und gaben den Musketierern Baumöl.

Darüber hatte des Baumes Stamm einen Absatz, ein glatt Stück ohne Äste
mit seltsamen Seifen der Mißgunst geschmieret. Kein Kerl, er sei dann
vom Adel, konnte da hinaufsteigen, dann der Stamm war glätter poliert
als ein stählerner Spiegel.

Und darüber saßen die mit den Fähnlein, Junge, denen ihre Vettern
hinaufgeholfen, Alte, so auf der silbernen Leiter, die man Schmiralia
nennet, oder mangels anderer hinaufgestiegen waren. Je höher, desto
besser saßen sie.

Wann ein Commissarius daherkam und eine Wanne voll Geld über den Baum
abschüttete, solchen zu erquicken, ließen sie den Untersten soviel
wie nichts zukommen. Dahero pflegten von den Untersten mehr Hungers
zu sterben, als ihrer vom Feind umkamen. So war ein unaufhörliches
Gekrappel und Aufklettern an diesem Baum. Die Untersten hofften der
Oberen Fall, geriet es einem unter zehentausend, so stund er im
verdrüßlichen Alter, daß er besser hinter den Ofen taugte, Äpfel zu
braten, als im Feld vor dem Feind zu liegen. Man nahm dahero anstatt
der alten Soldaten viel lieber Plackschmeißer, Kammerdiener, arme
Edelleute, irgends Vettern und Schmarotzer und Hungerleider, die denen,
so etwas meritiert, das Brot vorm Maul abschnitten und Fähnrich wurden.

Dieses verdroß einen Feldwaibel so sehr, daß er trefflich anfing zu
schmälen. Aber Adelhold sagte:

»Graue Bärte schlagen den Feind nicht, man könnte sonst eine Herde
Böcke zu solchem Geschäft dingen. Sage mir, du alter Krachwadel, ob
nicht edelgeborene Offizierer von der Soldateska besser respektieret
werden, dann die, so zuvor gemeine Knechte gewesen? Ist einem
Baurenbuben, der seinem Vater vom Pfluge entlaufen, besser zu trauen?
Ein rechtschaffener Edelmann, eh er seinem Geschlecht durch Untreue,
Feldflucht oder sonst dergleichen einen Schandfleck anhinge, eh
würde er ehrlich sterben. Und wann schon einer von euch ein guter
Soldat ist, der Pulver riechen und in allen Begebenheiten treffliche
Anschläge geben kann, so ist er darum nicht gleich tüchtig andere zu
kommandieren. Wenn man den Baur über den Edelmann setzte und also
strack zu Herren machte, es stünde nach dem gemeinen Sprichwort nicht
fein:

Es ist kein Schwert, das schärfer schiert,
Als wann der Baur zum Herren wird.

Hingegen aber ist ein junger Hund zum jagen viel freudiger als ein
alter Löw.«

Der Feldwaibel antwortete: »Welcher Narr wollte dann dienen, wann
er nicht hoffen darf, um seine Treue belohnt zu werden? Der Teufel
hole solchen Krieg! Dann gilt es gleich, ob sich einer wohl hält oder
nicht. Ich habe von unserm alten Obristen vielmals gehöret, daß er
keinen Soldaten begehre, der sich nicht festiglich einbilde, durch
Wohlverhalten ein General zu werden.

Die Lampe leucht' dir fein, doch mußt du sie auch laben
Mit fett Olivensaft, die Flamm sonst bald verlischt.
Getreuer Dienst durch Lohn gemehrt wird und erfrischt.
Soldatentapferkeit will Unterhaltung haben.

Ich sehe wohl, die Türen zu Würde und Amt werden uns durch den Adel
verschlossen gehalten. Man setzet den Adel, wann er aus der Schalen
gekrochen, gleich an solche Örter, da wir uns nimmermehr keine Gedanken
hin machen dörfen, wanngleich wir mehr getan haben, als mancher
Nobilist, den man jetzo für einen Obristen vorstellet. Also veraltet
manch wackerer Soldat unter seiner Muskete, der billiger ein Regiment
meritierte.«

Ich wollte dem alten Esel nicht mehr zuhören, der oft die armen
Soldaten prügelte wie die Hunde.

Ich wandte mich wieder gegen die Bäume. Das ganze Land stund deren voll
und ich sahe, wie sie sich bewegten und zusammenstießen. Da prasselten
die Kerl haufenweise herunter, augenblicklich frisch und tot. Und
mich bedauchte alle Bäume wären nur einer, auf dessen Gipfel saße der
Kriegsgott Mars und bedeckte mit des Baumes Ästen ganz Europam.

Da hob sich ein scharfer Nordwind. Unter gewaltigem Gerassel und
Zertrümmerung des Baums höret ich eine Stimme:

Die Steineich, durch den Wind getrieben und verletzet,
Ihr eigen Äst abbricht, sich ins Verderben setzet:
Durch innerlichen Krieg und brüderlichen Streit
Wird alles umgekehrt und folget lauter Leid.

Und ich ward aus dem Schlaf erweckt und sahe mich nur allein in meiner
Hütte.

Dahero fing ich wieder an zu bedenken, was ich immermehr beginnen
sollte. Nichts war mir übrig als noch etliche Bücher, welche hin- und
hergestreut und durch einander geworfen lagen. Als ich solche mit
weinenden Augen auflase, fand ich ungefähr ein Brieflein, das mein
Einsiedel bei seinem Leben noch geschrieben hatte.

‚Lieber Simplici, wenn du dies Brieflein findest, so gehe alsbald
aus dem Wald und errette dich und den Pfarrer aus gegenwärtigen Nöten.
Bedenke und tue ohn Unterlaß nach meinen letzten Reden, so wirst du
bestehen mögen. Vale!’

Ich küßte das Brieflein und das Grab des Einsiedels zu viel tausend
Malen und machte mich auf den Weg, Menschen zu suchen. Den dritten Tag
kam ich nach Gelnhausen auf ein Feld, das lag überall voller Garben,
welche die Bauren, weil sie nach der namhaften Schlacht vor Nördlingen
verjagt worden, nicht hatten einführen können. Da genosse ich gleichsam
eines hochzeitlichen Mahles und sättigte mich mit ausgeriebenem Weizen.

Das zehent Kapitel

Da es tagete, begab ich mich zum nächsten nach Gelnhausen und fand
das Tor offen, zum Teil verbrannt, halber noch mit Mist verschanzt.
Ich konnte keines lebendigen Menschen gewahr werden. Die Gassen hin
und her lagen mit Toten überstreut, deren etliche ganz, etliche aber
bis aufs Hemd ausgezogen waren. Dieser jämmerliche Anblick war mir
ein erschröcklich Spectacul. Kaum zween Steinwürfe weit kam ich in
die Stadt, als ich mich derselben schon sattgesehen hatte. Derowegen
kehrete ich wieder um, ging durch die Aue nebenhin und kam vor die
herrliche Festung Hanau. Aber mich erdappten von deren erster Wacht
gleich zween Musketierer, die mich in ihre Corps de Garde führten.

Meine Kleidung und Gebärden waren genugsam verwunderlich, widerwärtig
und durchaus seltsam: Meine Haare waren in dritthalb Jahren weder
auf griechisch, deutsch, noch französisch abgeschnitten, gekampelt,
noch gekräuselt oder gebüfft worden, sondern sie stunden in ihrer
natürlichen Verwirrung noch mit mehr als jährigem Staub anstatt des
Puders durchstreut. Ich sahe darunter mit meinem bleichen Angesicht
herfür, wie eine Schleiereule, die auf eine Maus spannet. Und weil
meine Haare von Natur kraus waren, hatte es das Ansehen, als wann
ich einen Turban aufgehabt hätte. Der übrige Habit stimmte mit der
Hauptzier überein. Ich trug meines Einsiedels tausendfältig geflickten
Rock und darüber das hären Hemd wie ein Schulterkleid, weil ich
die Ärmel an Strumpfs Statt brauchte und dieselben zu solchem End
herabgetrennt hatte. Der ganze Leib war mit eisernen Ketten hinten
und vorn, fein kreuzweis, wie man St. Wilhelmum zu malen pfleget,
umgürtet, so daß ich fast denen glich, so von den Türken gefangen und
vor ihre Freunde zu betteln im Land umziehen. Meine Füße schlurften
in Holzschuhen und waren krebsrot, als wann ich ein Paar Strümpfe auf
spanisch Leibfarb angehabt oder die Haut mit Fernambuc gefärbt hätte.
Ein Gaukler oder Marktschreier vermochte mich wohl als einen Samojeden
oder Grünländer dargeben, so daß er manchen Narren angetroffen hätte,
der einen Kreuzer an mir versehen konnte. Obzwar ich nach meinem
magern und ausgehungerten Anblick keinem Frauenzimmer oder irgendeines
großen Herrn Hofhaltung entlaufen sein mochte, so ward ich jedoch
unter der Wacht streng examiniert. Und gleichwie sich die Soldaten
an mir vergafften, also betrachtet ich hingegen ihres Offizierers
tollen Aufzug, dem ich Red und Antwort geben mußte. Ich wußte nicht,
ob er Sie oder Er wäre, dann er trug Haare und Bart auf französisch:
zu beiden Seiten hatte er lange Zöpfe wie Pferdeschwänze und sein
Bart war so elend zugerichtet und verstümpelt, daß zwischen Maul und
Nase nur noch etliche wenige Haare kurz davongekommen. Nicht weniger
satzten mich seine weiten Hosen des Geschlechtes halber in nicht
geringe Zweifel, als welche mir vielmehr einen Weiberrock dann ein Paar
Mannshosen vorstelleten. Gewißlich ist es ein Weib, gedachte ich, dann
eine ehrlicher Mann wird seinen Bart wohl nimmermehr so jämmerlich
verketzern lassen. Endlich hielt ich ihn für einen Mann und Weib
zugleich.

Dieser weibische Mann ließ mich überall besuchen, fand aber nichts bei
mir als ein Büchlein von Birkenrinden, darin ich meine täglichen Gebete
geschrieben und auch meines frommen Einsiedels Zettlein, so er mir zum
Valete hinterlassen, liegen hatte. Solches nahm er mir. Ich fiel vor
ihm nieder, fasste ihn um beide Knie und sagte:

»Mein lieber Hermaphrodit, laß mir doch mein Gebetbüchlein!«

»Du Narr,« antwortete er, »wer Teufel hat dir gesagt, daß ich Hermann
heiß!«

Befahl darauf zweien Soldaten mich mitsamt dem Büchlein, dann der Geck
konnte nicht lesen, zum Gubernator zu bringen. Und jedermann lief zu,
als wenn ein Meerwunder zur Schau geführet würde.

Der Gubernator fragte mich, wo ich herkäme. Ich antwortete: »Ich
weiß es nicht.« Er fragte weiter: »Wo willst du dann hin?« Meine
Antwort war: »Ich weiß es nicht.« -- »Was Teufel weißt du dann? Was
ist deine Hantierung?« Ich kunnt nur sagen: »Ich weiß es nicht.« --
»Wo bist du zuhaus?« Als ich nun wiederum antwortete, ich wüßte es
nicht, veränderte er seine Mienen, weiß nicht, ob es aus Zorn oder
Verwunderung geschahe. Dieweil aber jedermann das Böse zu argwöhnen
pfleget, zumal auch der Feind nahe war, der in voriger Nacht Gelnhausen
eingenommen und ein Regiment Dragoner darin zu Schanden gemacht hatte,
hielt mich der Gubernator für einen Kundschafter. Die Wachtsoldaten
gaben Bericht, daß anders nichts bei mir wäre gefunden worden, als
gegenwärtiges Büchlein, darin er alsbald ein paar Zeilen las und
fragte, wer mir das Büchlein gegeben hätte. Ich antwortete, es wäre von
Anfang mein Eigen und von mir selbst gemacht und überschrieben.

»Warum eben auf birkenen Rinden?«

»Weil sich die Rinden von andern Bäumen nicht darzu schicken.«

»Du Flegel, ich frage, warum du nicht auf Papier geschrieben hast.«

»Wir haben keins mehr im Wald gehabt.«

»Wo, in welchem Wald?«

Ich antwortete wieder auf meinem alten Schrot, ich wüßte es nicht.
Da wandte sich der Gubernator zu etlichen Offizierern, die ihm eben
aufwarteten: »Entweder ist dieser ein Erzschelm oder gar ein Narr.« Und
indem er redete, blätterte er in meinem Büchlein so stark herum, daß
des Einsiedel Briefchen herausfallen mußte. Solches ließ er aufheben,
ich aber entfärbte mich darüber, weil ichs vor meinen höchsten Schatz
und Heiligtum hielt, daher der Gubernator noch größeren Argwohn
schöpfte. Er las den Brief und sagte: »Ich kenne einmal diese Hand und
weiß, daß sie von einem wohlbekannten Kriegsoffizier ist geschrieben
worden, ich kann mich aber nicht entsinnen von welchem.«

So kam ihm auch der Inhalt seltsam und unverständlich vor.

»Dies ist ohn Zweifel,« erkläret er, »eine abgeredte Sprache, die sonst
niemand verstehet. Wie heißt du?«

»Simplicius

»Ja, ja, du bist eben der rechte Kauz. Fort, daß man ihn alsobald an
Hand und Fuß in Eisen schließe!«

Also wanderten die beiden Soldaten mit mir nach meiner neuen Herberge,
dem Stockhaus, und überantworteten mich dem Gewaltiger, der mich mit
Ketten an Händen und Füßen zierete, gleichsam als hätte ich nicht genug
an mir getragen.

Dieser Willkomm war der Welt noch zu lieblich, dann es kamen Henker und
Steckenknechte mit erschröcklichen Folterungsinstrumenten, die meinen
elenden Zustand allererst grausam machten.

»Ach Gott,« sagte ich zu mir, »wie geschiehet dir so recht! O, du
unglückseliger Simplici! Dahin bringet dich deine Undankbarkeit:
Siehe Gott hatte dich kaum zu seiner Erkanntnus und in seine Dienste
gebracht, so laufst du hingegen aus seinen Diensten. O blinder Ploch,
du hast dieselben verlassen, deinen schändlichen Begierden genug zu
tun und die Welt zu sehen! Jetzt fahre hin und empfahe den Lohn deiner
gehabten eitelen Gedanken und vermessenen Torheit!«

Indessen näherten wir uns dem Diebsturm, und als die Not am größten, da
war die Hilfe Gottes am nähesten: dann als ich mit den Schergen samt
einer großen Menge vorm Gefängnus stund, zu warten bis es aufgemachet,
wollte mein Pfarrer (dann er lag zunächst dabei auch im Arrest) sehen,
was da vorhanden wäre. Er sahe mich und rief überlaut: »O Simplici,
bist du es!«

Da hub ich beide Hände auf und schrie: »O Vater! O Vater!«

Er fragte mich, was ich getan hätte. Ich antwortete, ich wüßte es
nicht. Als er aber den Umstand vernahm, bat er, man wollte mit mir
inhalten, bis er meine Beschaffenheit dem Herrn Gubernator berichtet
hätte, dann solches würde verhüten, daß er sich an uns beiden
vergreife.

Das elfte Kapitel

Es wurde erlaubt, und über eine halbe Stunde ward ich auch geholt
und in die Gesindestube gesetzet, allwo sich schon zween Schneider,
ein Schuster mit Schuhen, ein Kaufmann mit Hüten und Strümpfen und
ein anderer mit allerhand Gewand eingestellt hatten, damit ich ehist
gekleidet würde. Folgends erschien ein Feldscherer mit scharfer Lauge
und wohlriechender Seife und eben als dieser seine Kunst an mir üben
wollte, kam ein anderer Befehl, welcher mich greulich erschreckte: Ich
sollte meinen Habit wieder anziehen. War aber nicht böß gemeint, dann
es kam ein Maler mit seinen Werkzeugen daher, nämlich mit Minien und
Zinober zu meinen Augenlidern, mit Lack, Endig und Lasur zu meinen
Korallenlippen, mit Auripigmentum, Rausch-schütt und Bleigelb zu meinen
weißen Zähnen, die ich vor Hunger bleckte, mit Kienruß, Kohlschwärz
und Umbra zu meinen blonden Haaren, mit Bleiweiß zu meinen gräßlichen
Augen und mit sonst vielerlei Farben zu meinem wetterfarbigen Rock,
auch hatte er eine ganze Hand voll Pensel. Dieser fing an, mich zu
beschauen, abzureißen, zu untermalen, seinen Kopf über die Seite zu
hängen, um seine Arbeit gegen meine Gestalt genau zu betrachten, und
änderte so lange, bis er endlich ein natürliches Muster entworfen
hatte, wie Simplicius eins war. Alsdann dorfte allererst der
Feldscherer über mich herwischen, derselbe zwackte mir den Kopf und
richtete wohl anderthalb Stund an meinen Haaren, folgends schnitt er
sie ab auf die damalige Mode, dann ich hatte Haar übrig. Nachgehends
satzte er mich in ein Badstüblein und säuberte meinen ausgehungerten
Leib von mehr als drei- und vierjähriger Unlust. Kaum war er fertig,
da brachte man mir ein weißes Hemd, Schuhe und Strümpfe samt einem
Überschlag und Kragen, auch Hut und Feder. Die Hosen waren gar schön
ausgemacht und überall mit Galaunen verbrämt. Die Schneider arbeiteten
noch auf die Eil am Wams. Der Koch stellte sich mit einem kräftigen
Süpplein ein und die Kellerin mit einem Trunk. Da saß mein Herr
Simplicius wie ein junger Graf zum besten accommodiert. Ich glaube
schwerlich, daß ich mein Lebtag ein einzig Mal eine größere Wollust
empfunden als eben damals. Mein Waldkleid samt Ketten und allem Zugehör
ward in die Kunstkammer zu andern raren Sachen und Antiquitäten getan,
daneben mein Bildnus.

Nach dem Nachtessen ward ich in ein Bette geleget, dergleichen ich nie
gekannt. Aber mein Bauch knurrte und murrte die ganze Nacht hindurch,
daß ich nicht schlafen konnte, weil er entweder nicht wußte, was gut
war, oder weil er sich über die anmütigen, neuen Speisen verwunderte.
Ich blieb aber liegen, bis die liebe Sonne wieder leuchtete.

Denselben Morgen gab mir der Gubernator einen Leibschützen, der mich zu
meinem Pfarrer brachte. In dessen Museo satzten wir uns und er ließ
mich vernehmen:

»Lieber Simplici, der Einsiedel, den du im Walde angetroffen und
bis zu seinem Tode Gesellschaft geleistet hast, ist nicht allein
des hießigen Gouverneurs Schwager, sondern auch im Krieg sein
Beförderer und wertester Freund gewesen, wie dem Gubernator mir zu
erzählen beliebet. Ihm ist von Jugend auf weder an Tapferkeit noch an
Gottseligkeit niemals nichts abgegangen, welche beiden Tugenden man
zwar selten bei einander zu finden pflegt. Sein geistlicher Sinn und
widerwärtige Begegnüsse hemmten endlich den Lauf seiner weltlichen
Glückseligkeit, daß er Adel und ansehnliche Güter verschmähete und
hintan setzte und sein Dichten und Trachten fortan nur nach einem
erbärmlichen, eremitischen Leben gerichtet war. -- Ich will dir aber
auch nicht verhalten, wie er in den Spessart zu solchem Einsiedlerleben
gekommen sei.

Die zweite Nacht hernach, als die blutige Schlacht von Höchst verloren
worden, kam er einzig und allein vor meinen Pfarrhof, als ich eben mit
meinem Weib und Kindern gegen den Morgen entschlafen war, weil wir
wegen des Lärmens im Land, beides: der Flüchtigen und Nachjagenden, die
vorige und auch selbige halbe Nacht durch und durch gewachet hatten.
Er klopfte erst sittig an, folgends ungestüm genug, bis er mich und
mein schlaftrunkenes Gesind erweckte. Nach wenig Wortwechseln, welches
beiderseits gar bescheiden fiel, ward ihm die Tür geöffnet, und ich
sahe den Kavalier vom Pferde steigen. Sein kostbarlich Kleid war
ebenso sehr mit seiner Feinde Blut besprengt als mit Gold und Silber
verbrämt. Er besänftigte Forcht und Schrecken, indem er seinen bloßen
Degen einsteckte, und ich sprach ihn seiner schönen Person und des
herrlichen Ansehens halber vor den Mansfelder selbst an. Er aber sagte,
er sei denselben vor diesmal nur in der Unglückseligkeit nicht allein
zu vergleichen, sondern auch vorzuziehen. Drei Dinge beklagte er: Seine
verlorene, hochschwangere Gemahlin, die verlorene Schlacht und, daß er
nicht vor das Evangelium sein Leben zu lassen das Glück gehabt hätte.
Ich wollte ihn trösten, sahe aber bald, daß seine Großmütigkeit keines
Trostes bedurfte. Er begehrte ein Soldatenbett von frischem Stroh.

Das erste am folgenden Morgen war, daß er mir sein Pferd schenkte
und sein Gold samt etlichen köstlichen Ringen unter meine Frau,
Kinder und Gesinde austeilete. Ich trug Bedenken, so große Verehrung
anzunehmen. Er aber sagte, er wollte mich vor Gefahr des Argwohns mit
seiner eigenen Handschrift versichern, ja er begehrte sogar sein Hemd,
geschweige seine Kleider aus meinem Pfarrhof nicht zu tragen. Ich
wehrete mit Händen und Füßen, was ich konnte, weil solches Vorhaben
zumal nach dem Papsttum schmäcke (dann er eröffnete unumwunden, ein
Eremit zu werden) mit Erinnerung, daß er dem Evangelio mehr mit
seinem Degen würde dienen können. Aber vergeblich. Ich mußte ihn mit
denjenigen Büchern und Hausrat montieren, die du bei ihm gefunden,
und er ließ sich einen Rock aus der wollenen Decke machen, darunter
er dieselbe Nacht auf dem Stroh geschlafen. So mußte ich auch meine
Wagenketten mit ihm um eine göldene, daran er seiner Liebsten
Conterfait trug vertauschen.

Nachdem nun neulich die Schlacht vor Nördlingen verloren, habe ich mich
hierher in Sicherheit geflehnet, weil ich ohn das schon meine besten
Sachen hier hatte. Als mir die baren Geldmittel aufgehen wollten, nahm
ich drei Ringe und obgemeldte göldene Kette mit samt dem anhangenden
Conterfait und trugs zum Juden, solches zu versilbern. Der hat es aber
der Köstlichkeit und schönen Arbeit wegen dem Gubernator käuflich
angetragen, welcher das Wappen, maßen ein Petschierring darunter
war, und das Conterfait erkannt, nach mir geschickt und mich befragt
hat. Ich wiese des Einsiedlers Handschrift oder Übergabsbrief auf
und erzählte, wie er gelebet und gestorben. Er wollte solches nicht
glauben, sondern kündete mir den Arrest an, bis er die Wahrheit am Orte
ergründet und dich hierher gebracht hätte. Da ist mir nun durch dich,
indem du mich erkannt, insonderheit aber durch das Brieflein, so in
deinem Gebetbuch gefunden ward, ein trefflichs Zeugnis gegeben worden.
Als will er dir und mir wegen seines Schwagers selig Gutes tun, du
darfst dich jetzt nur resolviern, was du wilt, daß er dir tun soll.«

Ich antwortete, es gälte mir gleich.

Der Pfarrer zögerte mich auf seinem Losament bis zehn Uhr, eh er mit
mir zum Gubernator ging, damit er bei demselben zu mittags Gast sein
könne. Dann es war damals Hanau blockiert und eine solche klemme
Zeit bei dem gemeinen Mann, bevor aber den Flüchtlingen in selbiger
Festung, daß auch etliche, die sich etwas einbildeten, die angefrorenen
Rubschälen auf den Gassen, so die Reichen etwa hinwarfen, aufzuheben
nicht verschmäheten. Es glückte dem Pfarrer auch sowohl, daß er
neben dem Gubernator selbst über der Tafel zu sitzen kam. Ich aber
wartete auf mit einem Teller in der Hand, wie mich der Hofmeister
anwiese, in welches ich mich zu schicken wußte wie ein Esel ins
Schachspiel. Aber der Pfarrer ersatzte allein mit seiner Zunge, was die
Ungeschicklichkeit meines Leibes nicht vermochte. Er erzählte meine
Auferziehung in der Wildnus und wie ich dahero wohl vor entschuldigt zu
halten, meine Treue, die ich dem Einsiedel erwiesen und unser hartes
Leben, weiters daß der Einsiedel all seine Freude an mir gehabt, weil
ich seiner Liebsten von Angesicht so ähnlich sei. Er rühmte meine
Beständigkeit und unveränderlichen Willen. In summa er konnte nicht
genugsam aussprechen, wie der Einsiedel mich ihm mit ernstlicher
Inbrünstigkeit kurz vor seinem Tod rekommendieret.

Dies kützelte mich dermaßen in Ohren, daß mich bedünkte, ich hätte
schon Ergötzlichkeit genug vor alles empfangen, das ich je bei dem
Einsiedel ausgestanden. Der Gubernator fragte, ob sein seliger Schwager
nicht gewußt hätte, daß er derzeit in Hanau kommandiere. »Freilich,«
antwortete der Pfarrer, »ich habe es ihm selbst gesagt. Er hat es aber
zwar mit einem fröhlichen Gesicht und kleinem Lächlen, jedannoch so
kaltsinnig angehört, daß ich mich über des Mannes Beständigkeit und
festen Vorsatz verwundern muß.«

Dem Gubernator, der sonst kein weichherzig Weibergemüt hatte, stunden
die Augen voll Wasser, da er sagte:

»Hätte ich gewußt, daß er noch im Leben, so wollte ich ihn auch wider
Willen haben holen lassen, damit ich ihm seine Guttaten hätte erwidern
können. Als will ich anstatt seiner seinen Simplicium versorgen.
Ach, der redliche Kavalier hat wohl Ursache gehabt, seine schwangere
Gemahlin zu beklagen, dann sie ist von einer Partei kaiserlicher Reuter
im Spessart gefangen worden. Ich habe einen Trompeter zum Gegenteil
geschickt, meine Schwester zu ranzionieren, habe aber nichts erfahren,
als daß meine Schwester denen Reutern im Spessart verloren gegangen
sei, da sie von etlichen Bauren zertrennt worden.«

Ich ward also des Gubernators Page und ein solcher Kerl, den die Leute,
sonderlich die Bauren, bereits Herr Jung nannten.

Das zwölfte Kapitel

Damals war bei mir nichts schätzbarliches als ein rein Gewissen. Ich
kannte von den Lastern nichts anderes, als daß ich sie etwan nennen
gehört oder davon gelesen hatte, und wann ich deren eines wirklich
begehen sahe, wars mir eine erschröckliche und seltene Sache. Herr
Gott, wie wunderte ich mich anfänglich, wann ich das Gesetz und
Evangelium samt den getreuen Warnungen Christi betrachtete und hingegen
derjenigen Werke ansahe, die sich vor seine Jünger und Nachfolger
ausgaben! Ich fand eitel Heuchelei und unzählbare Torheiten bei allen
Weltmenschen, daß ich verzweifelte, ob ich Christen vor mir hätte oder
nicht. Also hatte ich wohl tausenderlei Grillen und seltsame Gedanken
in meinem Gemüt und geriet in schwere Anfechtung wegen des Befehles
Christi: Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet.

Nächst der Hoffart und dem Geiz samt deren ehrbaren Anhängen waren
Fressen und Saufen, Huren und Buben bei den Vermüglichen eine tägliche
Übung. Aus ihrer Gottlosigkeit und dem heiligen Willen Gottes machten
sie nur einen Scherz. Zum Exempel hörete ich einsmals einen Ehebrecher,
der seiner Tat noch gerühmet sein wollte: »Es tuts dem geduldigen
Hanrei genug, daß er meinetwegen ein Paar Hörner trägt. Ich habs mehr
dem Mann zu Leid als der Frau zu Lieb getan, damit ich mich an ihm
rächen möchte.«

»O, kahle Rache,« antwortete ein ehrbar Gemüt, »dadurch man sein
eigen Gewissen beflecket und den schändlichen Namen eines Ehebrechers
überkommt!«

»Was Ehebrecher,« antwortete der mit Gelächter, »ich bin darum kein
Ehebrecher, wannschon ich diese Ehe ein wenig gebogen habe. Dies
seind Ehebrecher, wovon das sechst Gebot saget, daß keiner einem
andern in Garten steigen und die Kirschen eher brechen solle als der
Eigentumsherr.«

Und er nannte nach seinem Teufelskatechismo den gütigen Gott einen
Ehebrecher, weil er Mann und Weib durch den Tod von einander trennet.

Ich sagte, wiewohl er ein Offizierer war, aus übrigem Eifer und Verdruß
zu ihm: »Meinst du nicht, daß du dich mit diesen gottlosen Worten mehr
versündigest, als mit dem Ehebruch selbst?«

Er aber antwortete: »Du Mauskopf, soll ich dir ein paar Ohrfeigen
geben?«

Und ich vermerkte bald, daß jeder Weltmensch einen besonderen Nebengott
hatte, ja, etliche hatten wohl mehr als die alten und neuen Heiden
selbsten. Einige hatten den ihren in den Geldkisten, andere in der
Reputation, noch andere in ihrem Kopf, so ihnen Gott ein gesund Gehirn
verliehen, also daß sie einzige Künste und Wissenschaften zu fassen
geschickt waren. Auch gab es viel, deren Gott ihr eigener Bauch war,
welchem sie täglich zu allen Mahlzeiten opferten, und wann solcher
sich unwillig erzeigte, so machten die elenden Menschen einen Gott aus
dem Medico und suchten ihres Leibes Aufenthalt in der Apotheke, aus
welcher sie zwar öfters zum Tod befördert wurden. Manche Narren machten
Göttinnen aus glatten Metzen, sie nannten sie mit andern Namen und
beteten sie Tag und Nacht an mit tausend Seufzen und Liedern. Hingegen
waren Weibsbilder, die hatten ihre eigene Schönheit vor ihren Gott
aufgeworfen. Sie brachten ihr Opfer mit Schminke, Salben, Wassern,
Pulvern und sonst Schmiersel genug. Ich sahe Leute, die wohlgelegene
Häuser vor Götter hielten, und ich kannte einen Kerl, der konnte in
etlichen Jahren vor dem Tabackhandel nicht recht schlafen, weil er
demselben sein Herz, Sinne und Gedanken geschenkt hatte. Aber der
Phantast starb und fuhr dahin wie der Tabakrauch selbst. Ein anderer
Gesell, als bei einer Gesellschaft erzählet ward, wie jeder sich in dem
greulichen Hunger und teueren Zeiten ernährt und durchgebracht, sagte
mit deutschen Worten: Die Schnecken und Frösche seien sein Herrgott
gewesen.

Ich kam einsmals mit einem vornehmen Herrn in eine Kunstkammer, darin
schöne Raritäten waren. Unter den Gemälden gefiel mir nichts besser als
ein Ecce-Homo wegen seiner erbärmlichen Darstellung, mit welcher es
die Anschauenden gleichsam zum Mitleiden verzuckte. Darneben hing eine
papierene Karte, in China gemalt, darauf stunden der Chineser Götter
in ihrer Majestät sitzend, deren teils wie die Teufel gestaltet waren.
Der Herr im Haus fragte mich, welches Stück in seiner Kunstkammer
mir am besten gefiele. Ich deutete auf besagtes Ecce-Homo. Er aber
sagte ich irre mich, der Chineser Gemält wäre rarer und dahero auch
köstlicher, er wolle es nicht um zehen solcher Ecce-Homo manglen.
Ich antwortete: »Herr ist Euer Herz wie Euer Mund?« Er sagte: »Ich
versehe michs.« Darauf ich: »So ist auch Eures Herzens Gott derjenige,
dessen Conterfait Ihr mit dem Mund bekennet, das Köstlichste zu sein.«
»Phantast,« rief er, »ich aestimiere die Rarität!«

So sehr wurden nun diese Abgötter nicht geehret, als hingegen die wahre
Göttliche Majestät verachtet. Christus spricht: ‚Liebet eure Feinde,
segnet die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, bittet für
die, so euch beleidigen und verfolgen, aufdaß ihr Kinder seid eures
Vaters im Himmel. Dann so ihr liebet, die euch lieben, was werdet ihr
für einen Lohn haben? Tun solches nicht auch die Zöllner? Und so ihr
euch nur zu eueren Brüdern freundlich zeiget, was tut ihr Sonderlichs?
Tun nicht die Zöllner also auch?’

Aber ich fand nicht allein niemand, der diesem Befehl Christi
nachzukommen begehrte, sondern jeder tät gerade das Widerspiel.

Es hieß: viel Schwäger, viel Knebelspieße. Und nirgends fand ich mehr
Neid, Haß, Mißgunst, Hader und Zank als zwischen Brüdern und Schwestern
und andern angeborenen Freunden, sonderlich wann ihnen ein Erbe zu
teilen zugefallen. Wo die größte Liebe und Treue sein sollte, fand ich
höchste Untreue und den gewaltigsten Haß. Herren schunden ihre getreuen
Diener, und solche wurden an ihren frommen Herren zu Schelmen. Den
continuierlichen Zank vermerkte ich zwischen vielen Eheleuten. Mancher
Tyrann hielt sein ehrlich Weib ärger als einen Hund, und manch lose
Vettel ihren frommen Mann vor einen Narren und Esel. Die Handelsleute
und Handwerker rannten mit dem Judenspieß gleichsam um die Wette und
sogen durch allerhand Fünde und Vorteil dem Baursmann seinen sauren
Schweiß ab. Hingegen waren teils Bauren so gottlos, andere Leute, wann
die nicht rechtschaffen genug mit Boßheit durchtrieben waren, oder wohl
gar ihren Herren selbst, unter Schein der Einfalt zu begaunern.

Ich sahe einsmals einen Soldaten einem andern eine dichte Maulschelle
geben und bildete mir ein, der Geschlagene würde den andern Backen
auch darbieten. Aber ich irrte, dann der Beleidigte zog vom Leder und
versatzte dem Täter eins vor den Kopf.

Ich sagte: »Ach Freund, was machst du!«

Er antwortete: »Da wäre einer ein Bernheuter! Ich will mich, schlag
mich der Donner und hol mich der Teufel, selbst rächen oder das Leben
nicht haben! Hei, müßte doch einer ein Schelm sein, der sich so
coujonieren ließe!«

Das Lärmen zwischen den zweien Duellanten vergrößerte sich, weilen
beiderseits Beiständer auch in die Haare kamen. Da bliebs bei geringen
Kinderschwüren nicht. Die heiligen Sakramente mußten nicht nur
siebenfach, sondern auch mit hunderttausenden soviel Tonnen, Galeeren
und Stadtgräben voll heraus, also daß mir alle Haare zu Berg stunden.

Zum allerschröcklichsten kam es mir vor, wann ich etliche Großsprecher
sich ihrer Boßheit, Sünden, Schande und Laster rühmen hörte. Da vernahm
ich zu unterschiedlichen Zeiten:

»Potz Blut, wie haben wir gestern gesoffen! Ich habe mich in einem Tag
wohl dreimal vollgesoffen und eben soviel Mal gekotzt!«

»Potz Stern, wie haben wir die Bauren, die Schelmen, tribuliert!«

»Potz Strahl, wie haben wir Beuten gemacht!«

»Potz hundert Gift, wie haben wir einen Spaß mit den Weibern und Mägden
gehabt!«

»Ich habe ihn darniedergehauen, als wenn ihn der Hagel hätte darnieder
geschlagen.«

»Ich habe ihn geschossen, daß er das Weiße über sich kehrte.«

»Ich habe ihn so artlich über den Tölpel geworfen, daß ihn der Teufel
hätte holen mögen. -- Ich habe ihm den Stein gestoßen, daß er den Hals
hätte brechen mögen.«

In Gottes Namen sündigten sie, was wohl zu erbarmen ist: »Wir wollen in
Gottesnamen auf Partei, plündern, niedermachen, in Brand stecken.«

Wann ich so etwas hörete und sahe und, wie meine Gewohnheit war, mit
der Hl. Schrift hervorwischte, so hielten mich die Leute vor einen
Narren und ich ward ausgelachet, daß ich endlich auch unwillig wurde
und mir vorsatzte, gar zu schweigen.

Als ich demnach vermeinete, ich hätte Ursach zu zweifeln, ob ich unter
Christen wäre oder nicht, ging ich zu dem Pfarrer mit der Bitte, er
wolle mir doch aus dem Traum helfen. Der Pfarrer antwortete: »Freilich
sind sie Christen und wollte ich dir nicht raten, daß du sie anderst
nennen solltest. Dessen verwundere dich nicht. Wann die Apostel selbst
anjetzo auferstehen und in die Welt kommen sollten, sie würden jeder
männiglich vor Narren gehalten sein. Was du siehest und hörest ist eine
allgemeine Sache und nur Kinderspiel dagegen, was sonsten so heimlich,
als offentlich und mit Gewalt wider Gott und den Menschen vorgeht.
Laß dich das nicht ärgern. Du wirst wenig Christen finden, wie dein
Einsiedel einer gewesen ist.«

Indem führet man etliche Gefangene über den Platz und wir beschaueten
sie auch. Da vernahm ich eine neue Mode einander zu grüßen und zu
bewillkommnen, dann einer unserer Guarnison kannte einen Gefangenen. Zu
dem ging er, gab ihm die Hand und druckete sie vor lauter Freude und
Treuherzigkeit, dabei er sagte: »Daß dich der Hagel erschlage, lebst du
noch, Bruder? Potz Fickerment, wie führt uns der Teufel hier zusammen!
Ich habe, schlag mich der Donner vorlängst gemeinet, du wärest gehängt
worden!«

Darauf antwortete der andere: »Potz Blitz Bruder, bist dus oder bist
dus nicht? Daß dich der Teufel hole, wie bist du hierher gekommen? Ich
hätte mein Lebtag nicht vermeinet, daß ich dich wieder antreffen würde,
sondern habe gedacht, der Teufel hätte dich vorlängst hingeführet!«

Und als sie von einander gingen, sagte einer zum andern:

»Strick zu, Strick zu, morgen kommen wir vielleicht zusammen, dann
wollen wir brav mit einander saufen!«

Ich verwunderte mich und ging, dem Gubernator aufzuwarten, dann ich
hatte gewisse Zeiten Erlaubnus, die Stadt zu beschauen, weil mein Herr
von meiner Einfalt Wind hatte und gedachte, solche würde sich legen,
wann ich herumterminierte und von andern gehobelt und gerülpt würde.

Das dreizehnte Kapitel

Meines Herren Gunst mehrete sich täglich, weil ich nicht allein seiner
Schwester je länger, je gleicher sahe, sondern auch ihm selbsten,
indem die guten Speisen und faulen Täge mich glatthärig machten. Wer
etwas mit dem Gubernator zu tun hatte, erzeigte sich mir günstig,
und sonderlich mochte mich der Secretarius wohl leiden, indem mir
derselbe rechnen lernen mußte.

Er war erst von den Studien gekommen und stak noch voller Schulpossen,
die ihm zu Zeiten ein Ansehen gaben, als wann er einen Sparren zu viel
oder zu wenig gehabt hätte. Er überredete mich oft, schwarz sei weiß
und weiß sei schwarz, dahero kam es, daß ich ihm in der Erste alles und
aufs letzte gar nichts mehr glaubte.

Einsmals tadelte ich sein schmierig Tintenfaß, er aber antwortete
solches sei sein bestes Stück in der ganzen Kanzlei, dann daraus lange
er hervor, was er begehre, die schönsten Dukaten, Kleider und in
summa
, was er vermöchte, hätte er nach und nach herausgefischt. Ich
wollte das von einem so kleinen, verächtlichen Ding nicht glauben.
Hingegen sagte er, solches Vermöge der spiritus papyri (also nannte
er die Tinte) und das Tintenfaß würde darum Faß genannt, weil es große
Dinge fasse.

»Wie soll mans herausbringen, sintemal man kaum zween Finger
hineinstecken kann?«

Er antwortete, er hätte einen Arm im Kopf, der solche Arbeit verrichten
müsse und verhoffe sich bald auch eine schöne, reiche Jungfrau
herauszulangen. Wann er Glück hätte, so getraue er auch ein eigen Land
und Leute heraus zu bringen.

Ich mußte mich über diese künstlichen Griffe verwundern und fragte, ob
noch mehr Leute solche Kunst könnten.

»Freilich, alle Kanzler, Doktoren, Secretarii, Prokuratoren oder
Advokaten, Commissarii, Notarii, Kauf- und Handelsherren, so, wann
sie nur fleißig fischen, zu reichen Herren daraus werden.«

Ich meinte so seien die Bauren und andere arbeitsame Leute nicht
witzig, daß sie im Schweiß ihres Angesichtes ihr Brot essen und diese
Kunst nicht auch lernen. Er aber sagte: »Etliche wissen der Kunst
Nutzen nicht, dahero begehren sie solche auch nicht zu lernen; etliche
wolltens gern, mangeln aber des Arms im Kopfe oder anderer Mittel;
etliche lernen die Kunst und haben Arms genug, wissen aber die Griffe
nicht, so die Kunst erfordert, wenn man dadurch will reich werden;
andere wissen und können alles, was dazu gehöret, sie wohnen aber in
der Fehlhalde und haben keine Gelegenheit wie ich, die Kunst zu üben.«

Als wir dergestalt vom Tintenfaß diskurierten, kam mir das Titularbuch
ungefähr in die Hände, darin fand ich mehr Torheiten, als mir bisher
noch nie vor Augen gekommen.

Ich rief: »Alles sind ja Adamskinder und eines Gemächts miteinander,
Staub und Aschen, woher kommt ein so großer Unterschied? Allerheiligst,
Unüberwindlichst, Durchleuchtigst! Sind das nicht göttliche
Eigenschaften? Der ist gnädig, der ander gestreng und was tut das
Geboren dabei? Die heißen Hoch-, Wohl-, Vor-Großgeachte! Was ist das
vor ein närrisch Wort: Vorsichtig! Wem stehen dann die Augen hinten
im Kopf? Es ist viel rühmlicher, wann einer freundlich tituliert
wird. Item wann das Wort Edel an sich selbsten hochschätzbare
Tugenden bedeutet, warum es bei Fürsten und Grafen zwischen hoch und
geboren setzen? Und Wohlgeboren ist eine Lüge, solches möchte eines
jeden Barons Mutter bezeugen, wann man sie fragte, wie es ihr bei der
Entbindung ergangen sei.«

Der Secretarius und ich lacheten gar sehr. Indem entrann mir ein
so grausamer Leibsdunst, daß beide ich und der Secretarius darüber
erschraken.

»Trolle dich, du Sau,« sagte er, »zu den andern Säuen im Stall, mit
denen, du Rülp, besser zustimmen, als mit ehrlichen Leuten konversieren
kannst!«

Und also hatte ich den guten Handel in der Schreibstube, dem gemeinen
Sprüchwort nach, auf einmal verkerbt.

Ich kam unschuldig in das Unglück, dann die ungewöhnlichen Speisen und
Arzneien, die mein eingeschnurrtes Gedärm zurecht bringen sollten,
erregten viel garstige Wetter und Stürm in mir, maßen weder mein
Einsiedel noch mein Knän mich unterrichtet, daß es übel getan sei, wann
man dies Orts der Natur willfahre.

Mein Herr hatte nun einen ausgestochenen Essig zum Pagen neben mir,
dem schenkte ich mein Herz. Aber er eiferte mit mir, wegen der
großen Gunst, die mein Herr zu mir trug. Er besorgte, ich möchte ihm
vielleicht die Schuhe gar austreten und sahe mich heimlich mit Mißgunst
an. Er sann auf Mittel, wie er mir den Stein stoßen möge und mich zu
Fall brächte. Ich aber vertraute ihm alle meine Heimlichkeiten, so alle
auf kindischer Einfalt und Frömmigkeit bestunden.

Einsmals schwätzten wir im Bett vom Wahrsagen, und er versprach mir
solches umsonst zu lernen. Hieße mich darauf den Kopf unter die Decke
tun. Ich gehorchte fleißig und gab auf die Ankunft des Wahrsagegeistes
genaue Achtung. Potz Glück! Desselben Einzug in meine Nase war so
stark, daß ich eilends unter der Decke herfürwischte.

»Was hast du,« fragte der Lehrmeister. Ich antwortete ihm. Da meinte
er: »Du kannst also die Kunst des Wahrsagens am besten.«

Ich nahms vor keinen Schimpf, dann ich hatte damals noch keine Galle
und begehrte allein zu wissen, wie ihm dies so stillschweigend gelungen
sei. Er antwortete: »Du darfst nur das linke Bein lupfen und darneben
heimlich sagen: je pete, je pete, je pete und mithin so stark
gedruckt, als du kannst.«

»Es ist gut,« sagte ich, »man meinet sodann, die Hunde haben die Luft
verfälscht. Ach, hätte ich doch diese Kunst heute in der Schreibstube
gewußt!«

Das vierzehnte Kapitel

Des andern Tags hatte mein Herr seinen Offizierern und andern guten
Freunden eine fürstliche Gasterei angestellt, weil die Unsrigen das
feste Haus Braunfels ohn Verlust eines einzigen Mannes genommen. Da
mußte ich helfen Speisen auftragen, einschenken und mit einem Teller
aufwarten.

Den ersten Tag ward mir ein großer, fetter Kalbskopf (von welchen man
saget, daß sie kein Armer fressen dörfe) aufzutragen eingehändigt.
Weil nun derselbig ziemlich mürb gesotten war, ließ er das eine Aug
weit herauslappen, welches mir ein anmutiger und verführerischer
Anblick war. Und da mich der frische Geruch von der Speckbrühe und
aufgestreutem Ingwer zugleich anreizete, empfand ich einen solchen
Appetit, daß mir das Maul ganz voll Wasser ward: in summa das Aug
lachte meine Augen, meine Nase und meine Zunge zugleich an und bat
gleichsam, ich wollte es doch meinem heißhungrigen Magen einverleiben.
Ich ließ mir nicht lang den Rock zerreißen, sondern folgte den
Begierden. Im Gang hub ich das Aug mit einem Löffel so meisterlich
heraus und schickte es ohn Anstoß so geschwind an seinen Ort, daß
es auch niemand inne ward, bis das Essen auf den Tisch kam und mich
verriet. So mangelte eins von den allerbesten Gliedmaßen dem Kalbskopf.
Mein Herr wollte fürwahr den Spott nicht haben, daß man ihm einen
einäugigen Kalbskopf aufzustellen wagte. Der Koch mußte vor die Tafel
und zuletzt kam das facit über den armen Simplicium heraus. Mein
Herr fragte mit einer schröcklichen Miene, wohin ich mit dem Kalbsaug
gekommen wäre. Geschwind zuckte ich mit meinem Löffel aus dem Sack,
gab dem Kalbskopf den andern Fang und wiese kurz und gut, was man
wissen wollte, maßen ich das ander Aug in einem Hui verschlang.

»Par dieu,« sagte mein Herr, »dieser Akt schmäckt mir besser als zehn
Kälber!«

Etliche Possenreißer, Fuchsschwänzer und Tischräte lobten meine
kluge Erfindung, da ich beide Kalbsaugen zusammenlogiert, als eine
Vorbedeutung künftiger Tapferkeit und unerschrockener Resolution. Also
ich vor diesmal meiner verdieneten Strafe entging. Mein Herr aber
sagte, ich sollte ihm nicht wieder so kommen.

Bei dieser Mahlzeit trat man ganz christlich zur Tafel und sprach das
Tischgebet sehr still und andächtig. Solche Andacht kontinuierte,
solang als man mit den ersten Speisen zu tun hatte, als wann man
in einem Kapuziner-Convent gesessen hätte. Aber kaum hatte jeder
drei- oder viermal »gesegnet Gott« gesagt, ward schon alles lauter.
Je länger, je höher erhub sich nach und nach eines jeden Stimme
ohnbeschreiblich.

Man brachte Gerichte, deswegen »Voressen« genannt, weil sie gewürzt
und vor dem Trunk zu genießen verordnet waren, item Beiessen, weil
sie bei dem Trunk nicht übel schmeckten, allerhand französischer
Potagen und spanischer Ollapotriden zu geschweigen, welche durch
tausendfältige Zubereitung und unzählbare Zusätze dermaßen verpfeffert,
verdümmelt, vermummet, mixiert und zum Trunk gerüstet waren, daß sie
nach ihrer natürlichen Substanz unerkenntlich blieben. Wer weiß, ob die
Zauberin Circe andere Mittel gebraucht hat, des Ulisses Gefährten in
Schweine zu verwandeln? Dann die Gäste fraßen die Gerichte wie Säue,
darauf soffen sie wie Kühe, stellten sich dabei wie Esel und spien wie
die Gerberhunde.

Den edlen Hochheimer, Bacheracher und Klingenberger gossen sie in
kübelmäßigen Gläsern hinunter und brachten einander Trünke zu, die je
länger, je größer wurden, als ob sie um die Wette miteinander stritten.

Bis dahin hatte jeder mit gutem Appetit das Geschirr geleert, nachdem
aber Mägen und Köpfe voll und toll wurden, mußten bei einem Courage,
beim andern Treuherzigkeit, seinem Freunde eins zuzubringen, beim
dritten die deutsche Redlichkeit, ritterlich Bescheid zu tun, den Trunk
fördern. Maßen aber solches der Länge nach auch nicht bestehen konnte,
beschwur je einer den andern bei großer Herren, lieber Freunde oder bei
der Liebsten Gesundheit den Wein maßweis in sich zu schütten, worüber
manchem die Augen übergingen und der Angstschweiß ausbrach, doch mußte
es gesoffen sein. Ja, man machte zuletzt mit Trommeln, Pfeifen und
Saitenspiel ein Lärmen und schoß mit Stücken darzu, ohn Zweifel darum,
dieweil der Wein die Mägen mit Gewalt einnehmen mußte.

Mein Pfarrer war auch bei dieser Gasterei. Ich trat zu ihm und sagte:
»Warum tun die Leute so seltsam? Woher kommt es doch, daß sie so hin
und her dorkeln? Mich dünkt schier, sie sein nicht recht witzig, sie
haben sich alle sattgegessen und getrunken, daß sie schwören bei
Teufelholen, wann sie mehr saufen könnten, und dannoch hören sie nicht
auf sich auszuschoppen! Müssen sie es tun?«

Der Pfarrer flüsterte mir zu: »Liebes Kind, Wein ein, Witz aus. Das ist
noch nichts demgegenüber, was noch kommen soll.«

»Zerbersten dann ihre Bäuche nicht, wann sie immer so unmäßig
einschieben? Können dann ihre Seelen, die Gottes Ebenbild sein, in
solchen Mastschweinkörpern verharren?«

»Halts Maul,« antwortete der Pfarrer, »du dörftest sonst greulich
Pumpes kriegen. Hier ist keine Zeit zu predigen, ich wollt's sonst
besser als du verrichten.«

Ich sahe ferner stillschweigend zu, wie man Speise und Trank mutwillig
verderbte, unangesehen des armen Lazarus, den man damit hätte laben
können in Gestalt vieler vertriebener Flüchtlinge, denen der Hunger aus
den Augen heraus guckte und die vor unsern Türen verschmachteten.

Das fünfzehnte Kapitel

Als ich dergestalt mit einem Teller vor der Tafel aufwartete, und mein
Gemüt von merklichen Gedanken geplagt ward, ließ mich auch mein Bauch
nicht zufrieden. Er knurrte und murrte ohn Unterlaß. Ich gedachte dem
ungeheuern Gerümpel abzuhelfen und mich dabei meiner neuerlernten Kunst
zu bedienen. Lupfete also das Bein, druckte von allen Kräften, was ich
konnte, und wollte heimlich meinen Spruch: je pete -- sagen, aber
das ungeheuere Gespann entwischte wider mein Verhoffen mit greulichem
Bellen. Mir wars einsmals so bang, als wenn ich auf der Leiter am
Galgen gestanden wäre und mir der Henker bereits den Strick hätte
anlegen wollen. In solcher gählingen Angst verwirrt, wurde mein Maul
in diesem urplötzlichen Lärmen rebellisch, und wo es heimlich brummeln
sollte, entfuhr ihm desto grausamer mit erschröcklicher Stimme sein:
je pete.

Hiedurch bekam ich Linderung, dagegen einen ungnädigen Herrn an meinem
Gouverneur. Seine Gäste wurden über diesem unversehenen Knall fast
wieder alle nüchtern, ich aber über die Futtertruhe gespannt und also
gepeitscht, daß ich noch bis auf diese Stund daran gedenke. Solches
waren die ersten Pastonaden, die ich kriegte.

Da brachte man Rauchtäfelein und Kerzen, und die Gäste suchten ihre
Bisemknöpfe und Balsambüchslein, auch sogar ihren Schnupftabak hervor,
aber die besten Aromata wollten schier nichts erklecken.

Wie dies nun überstanden, mußte ich wieder aufwarten wie zuvor. Mein
Pfarrer war auch noch vorhanden und ward zum Trunk genötiget. Er aber
wollte nicht recht daran und sagte, er möchte so viehisch nicht saufen.
Hingegen erwiese ihm ein guter Zechbruder, daß er wie ein Viehe, sie
aber, die andern, wie Menschen söffen.

»Dann eine Vieh säuft nur so viel, als ihm wohl schmäcket und den
Durst löschet, weil es nicht weiß, was gut ist. Uns Menschen aber
beliebt, daß wir uns den Trunk zu Nutz machen und den edlen Rebensaft
einschleichen lassen.«

»Sehr wohl,« sagte der Pfarrer, »es gebühret mir aber das rechte Maß zu
halten.«

»Wohl,« antwortete jener, »ein ehrlicher Mann hält Wort,« und ließ
einen mäßigen Becher einschenken, denselben den Pfarrer zuzuzotteln.
Der hingegen ging durch und ließ den Säufer mit seinem Eimer stehen.

Als der Pfarrer abgeschafft war, ging es drunter und drüber. Es ließe
sich an, als wenn die Gasterei einzig Gelegenheit sein sollte, sich
gegen einander mit Vollsaufen zu rächen, einander in Schande zu bringen
oder sonst einen Possen zu reißen. Wann dergestalt einer expediert
ward, daß er weder sitzen, gehen oder stehen mehr konnte, so hieß es:
»Nun ist es wett! Du hast mirs hiebevor auch so gekocht. Jetzt ist
dirs eingetränkt!« Welcher aber ausdauren und am besten saufen konnte,
wußte sich dessen groß zu machen und dünkte sich kein geringer Kerl
zu sein. Zuletzt dürmelten sie alle herum, als wann sie Bilsensamen
genossen hätten. Einer sang, der ander weinete, einer lachte, der
ander traurete, einer fluchte, der ander betete. Der schrie überlaut:
Courage! -- jener saß stille und friedlich. Einer wollte den Teufel
mit Raufhändeln bannen, ein anderer schlief, der dritte plauderte, daß
keiner ihm zuvorkommen konnte. Da erzählte einer von seiner lieblichen
Buhlerei, der ander von seinen erschröcklichen Kriegstaten. Etliche
redeten von der Kirchen und geistlichen Sachen, andere von Politik
und Reichshändeln. Teils liefen hin und wieder und konnten nirgends
bleiben, teils lagen und vermochten nicht den kleinsten Finger zu
regen. Etliche fraßen wie die Trescher, als hätten sie acht Tage Hunger
gelitten, andere wußten sich dessen zu entledigen, was sie den Tag
eingeschlungen hatten. In summa meine Kunst, darum ich so greulich
zerschlagen worden, nur ein Scherz dargegen zu rechnen war.

Endlich satzte es unten an der Tafel ernstliche Streithändel. Da warf
man einander Gläser, Becher, Schüsseln und Teller an die Köpfe und
schlug mit Fäusten, Stühlen, Stuhlbeinen und Degen, daß endlich der
rote Saft über die Ohren lief. Aber mein Herr stillet den Handel.

Da nun wieder Friede worden, nahmen die Meistersäufer die Spielleute
samt den Frauenzimmern und wanderten in ein ander Haus, dessen Saal
auch einer andern Torheit gewidmet war. Mein Herr ging ihnen nach und
ich folget ihm.

Ich sahe in dem Saal Männer, Weiber und ledige Personen so schnell
untereinander herumhaspeln, daß es schier wimmelte. Sie hatten ein
solch Getrappel und Gejöhl, daß ich vermeinte, sie wären all rasend
worden, dann ich konnte nicht ersinnen, was sie doch mit diesem Wüten
und Toben vorhaben möchten. Ihr Anblick kam mir grausam, förchterlich
und schröcklich vor, daß ich mich entsatzte. Mein Gott, dachte ich,
es hat sie gewißlich eine Unsinnigkeit befallen. Vielleicht möchten
es auch höllische Geister sein, welche dem ganzen menschlichen
Geschlecht durch solch Geläuf und Affenspiel spotteten. Als mein Herr
in den Hausflur kam und zum Saal eingehen wollte, hörete die Wut
eben auf, nur daß sie noch ein Buckens und Duckens mit den Köpfen und
ein Kratzens und Schuhschleifens auf dem Boden machten, als wollten
sie ihre Fußtapfen wieder austilgen. Am Schweiß, der ihnen über die
Gesichter floß, und an ihrem Geschnäuf konnte ich abnehmen, daß sie
sich stark zerarbeitet hatten.

Ich fragte dahero meinen Kameraden, der mir erst kürzlich wahrsagen
gelernet, was solche Wut bedeute. Der berichtete mir, daß die
Anwesenden vereinbart hätten, dem Saal den Boden mit Gewalt
einzutreten. »Warum vermeinst du wohl, daß sie sich sonst so tapfer
tummeln sollten,« sagte er zu mir. »Hast du nicht gesehen, wie sie die
Fenster vor Kurzweile schon ausgeschlagen?«

»Herr Gott, so müssen wir mit zugrunde gehen und samt ihnen Hals und
Bein brechen!«

»Ja,« sagte der Kamerad, »darauf ist's angesehen. Du wirst merken,
wann sie sich in Todesgefahr begeben, daß jeder eine hübsche Frau und
Jungfer erwischt, dann es pfleget denen Paaren, so also zusammenhaltend
fallen, nicht bald wehe zu geschehen.«

Mich überfiel eine solche Todesangst, daß ich nicht wußte, wo ich
bleiben sollte. Als aber die Musikanten sich noch darzu hören ließen
und jeder eine bei der Hand erdappte, ward mirs nicht anderst, als wenn
ich allbereits den Boden eingehen und mir und den andern die Hälse
brechen sähe. Sie fingen an zu gumpen, daß der ganze Bau zitterte, weil
man eben einen drollichten Gassenhauer aufmachte; ich vermeinte im
Todesschröcken das Haus fiele urplötzlich ein. Derowegen erwischte ich
in der allerhöchsten Not eine Dame von hohem Adel und vortrefflichen
Tugenden, mit welcher mein Herr eben konversierte, unversehens beim
Arm wie ein Bär und hielte sie wie eine Klette. Da sie aber zuckte,
spielte ich den Desperat und fing aus Verzweiflung an zu schreien.
Die Musikanten wurden gähling still, die Tänzer und Tänzerinnen hörten
auf und die ehrliche Dame, der ich am Arm hing, befand sich offendiert.

Darauf befahl mein Herr mich zu prügeln und hernach irgendhin
einzusperren, weil ich denselben Tag schon mehr Possen gerissen hatte.
Die Fourierschützen, so dies exequieren sollten, hatten Mitleiden mit
mir, entübrigten mich derohalben der Stöße und sperrten mich unter eine
Stiege in den Gänsstall.

Das andere Buch

Das erste Kapitel

Drei ganzer Stunden, bis das praeludium veneris oder der ehrlich
Tanz geendet hatte, mußte ich im Gansstall sitzen bleiben, eh einer
herzuschlich und an dem Riegel anfing zu rappeln. Ich lausterte
scharf, der Kerl aber machte die Tür nicht allein auf, sondern wischte
auch ebenso geschwind hinein, als ich gern heraußen gewesen wäre,
und schleppte noch darzu ein Weibsbild an der Hand mit sich daher
gleichwie beim Tanz. Weil ich aber vielen seltsamen Abenteuern an
diesem Tag begegnet und mich darein ergeben hatte, fürderhin alles mit
Geduld und Stillschweigen zu ertragen, als schmiegte ich mich zu der
Tür mit Forcht und Zittern, das End erwartend. Gleich darauf erhub
sich zwischen diesen beiden ein Gelispel, woraus ich entnahm, daß
sich der eine Teil über den üblen Geruch des Ortes beklagte, hingegen
der ander Teil hinwiederum tröstete: »Gewißlich, schöne Dame, mir
ist, versichert, vom Herzen leid, daß uns, die Früchte der Liebe zu
genießen, vom mißgünstigen Glück kein ehrlicher Ort gegönnet wird. Aber
ich kann darneben beteuern, daß mir Ihre holdselige Gegenwart diesen
verächtlichen Winkel anmutiger machet, als das lieblichste Paradeis
selbsten.«

Hierauf hörete ich küssen und vermerkte seltsame Posturen, wußte aber
nicht, was es bedeuten sollte, schwieg derowegen noch fürders so still
wie eine Maus. Wie sich aber auch sonst ein possierlich Geräusch erhob
und der Gansstall zu krachen anfing, da wußte ich, das sein zwei von
denen wütenden Leuten, die den Boden helfen eintreten. In der Angst
ums Leben und dem Tode zu entfliehen, wischte ich aus der Tür mit
Mordiogeschrei, warf den Riegel zu und suchte das Haustor.

In meines Herren Quartier war alles still und schlafend, dahero dorfte
ich mich der Schildwache, die vorm Haus stund, nicht nähern, und es war
schon weit nach Mitternacht. So fiel mir ein, ich sollte meine Zuflucht
zu dem Pfarrer nehmen.

Dort kam ich so ungelegen, daß mich die Magd nur mit Unwillen einließ,
ihr Herr aber, der nunmehr fast ausgeschlafen hatte, an dem Gekeife
unser gewahr wurde. Er rief uns beide vor sich ans Bett und hieß mich
niederlegen, da er sahe, daß ich vor Nachtfrost und Müdigkeit ganz
erstarrt war. Ich erwarmet aber kaum, dann da es anfing zu tagen, so
stund der Pfarrer schon vorm Bette, zu vernehmen, wie meine Händel
beschaffen wären. Ich erzählte ihm alles und machte den Anfang bei
der Kunst, die mich mein Kamerad gelehret, und wie sie übel geraten.
Folgendes meldete ich, daß die Gäste, nachdem er hinweg gewesen, ganz
unsinnig wären worden, maßen mein Kamerad mir berichtet, sie wollten
dem Haus den Boden eintreten, item in was vor schröckliche Angst ich
darüber geraten und auf was Weise ich mich vorm Untergang erretten
gewollt, darüber aber in Gänsstall gesperret worden seie. Auch was
ich in denselben von den zweien, so mich wieder erlöst, vernommen und
welcher Gestalt ich sie wieder eingesperret hätte, berichtet ich dem
Pfarrer.

»Simplici,« meinte er, »deine Sachen stehen lausig. Du hattest einen
guten Handel, aber ich besorge, es sei verscherzt. Packe dich nur
geschwind aus dem Bette und trolle dich aus dem Haus, damit ich nicht
samt dir in deines Herren Ungnade komme, wann man dich bei mir findet.«

Also mußte ich zum ersten Mal erfahren, wie wohl einer bei männiglich
daran ist, wann er seines Herren Gunst hat, und wie scheel einer
angesehen wird, wann solche hinket.

In meines Herrn Quartier schlief alles noch steinhart bis auf den
Koch und ein paar Mägde; diese putzten das Zimmer, darin man gestern
gezecht, jener aber rüstete aus den Abschrötlein wieder ein Frühstück
oder vielmehr einen Imbiß zu. Das Zimmer lag hin und wieder voller
zerbrochener so Trink- als Fenstergläser, voll Unflat und großen Lachen
von verschüttetem Wein und Bier, also daß der Boden einer Landkarten
gleich sahe, darin man hat unterschiedliche Meere, Insuln und fußfeste
Länder vor Augen stellen wollen. Es stank viel übler als in meinem
Gänsstall. Derowegen machte ich mich in die Küchen, mit Forcht und
Zittern erwartend, was das Glück, wann mein Herr ausgeschlafen hätte,
ferners in mir würken wollte. Darneben betrachtete ich der Welt Torheit
und Unsinnigkeit, so daß ich damals meines Einsiedlers dörftig und
elend Leben vor glückselig schätzte und ihn und mich wieder in den
früheren Stand wünschte.

Das ander Kapitel

Indessen mußten die Diener hin und wider laufen, die gestrigen Gäste
zum Frühstück einzuholen, unter welchen der Pfarrer zeitlicher als
alle andern erscheinen mußte, weil mein Herr fürderst meinetwegen mit
ihm reden wollte, maßen man ihm berichtet, ich sei aus dem Gänsstall
ausgebrochen, indem ich ein Loch hinter dem Riegel mit dem Messer
geschnitten.

Er fragte ihn ernstlich, ob er mich vor witzig oder vor närrisch
hielte, ob ich so einfältig oder so boßhaftig sei, und erzählete ihm,
wie unehrbarlich ich mich gehalten, was teils von seinen Gästen übel
empfunden und aufgenommen werde, als wäre es ihnen zum Despekt mit
Fleiß so angestellet worden, item, daß ich nun in der Küchen umgehe
wie ein Junker, der nicht mehr aufwarten dörfe. Sein Lebtag sei ihm
kein solcher Possen widerfahren, als ich ihm in Gegenwart so vieler
ehrlicher Leute gerissen. Er wüßte nichts anders mit mir anzufangen,
als daß er mich lasse abprügeln und wieder vor den Teufel hinjagen.

Derweilen sammelten sich die Gäste. Der Pfarrer aber antwortete, wann
ihm der Gouverneur zuzuhören beliebte, so wolle er vom Simplicio eins
und anders erzählen, daraus dessen Unschuld zu ersehen sei und alle
ungleichen Gedanken benommen würden.

Inzwischen akkordierte der tolle Fähnrich aus dem Gänsstall mit mir in
der Küchen, und brachte mich durch Drohworte und einen Taler dahin, daß
ich versprach, reinen Mund zu halten.

Die Tafeln wurden gedeckt und mit Speisen und Leuten besetzt. Wermut-,
Salbei-, Alant-, Quitten- und Zitronenwein mußte neben dem Hippokras
den Säufern ihre Köpfe und Mägen wieder begütigen, dann sie waren
schier alle des Teufels Märtyrer. Ihr erst Gespräch war von ihnen
selbsten: wie sie gestern einander so brav vollgesoffen ... mit
nichten! sie hätten allein gute »Räusche« gehabt, dann keiner säuft
sich mehr voll, sintemal die »Räusche« aufgekommen sind. Als sie aber
von ihren eigenen Torheiten zu reden und zu hören müde waren, mußte
der arme Simplicius herhalten. Der Gouverneur selbst erinnerte den
Pfarrer, die lustigen Sachen zu eröffnen.

Dieser bat zuvörderst, man wolle ihm nicht vor ungut halten, dafern er
Wörter reden müßte, die seiner geistlichen Person übel vermerkt werden
könnten. Fing darauf an zu erzählen, aus was natürlichen Ursachen ich
dem Secretario merkliche Unlust in seiner Kanzlei angerichtet, wie
ich sonach das Wahrsagen gelernet und solches schlimm erprobt, wie
seltsam mir das Tanzen vorgekommen sei und wie ich darüber in den
Gänsstall gelangt wäre. Solches brachte er in einer wohlanständigen Art
vor, daß sich die Gäste trefflich zerlachen mußten. Aber von dem, was
mir im Gänsstall begegnet, wollte er nichts sagen.

Hingegen fragte mich mein Herr, was ich vor so saubere Künste und
Lehren meinem Kameraden gegeben hätte. Ich antwortete: »Nichts«. »So
will ich dein Lehrgelt zahlen,« versprach mein Herr und ließ ihn darauf
über eine Futtertruhe spannen und allerdings karbaitschen.

Er wollte mich ferner meiner Einfalt wegen stimmen, ihn und seinen
Gästen mehr Lust zu machen, dann ich galt mit meinen närrischen
Einfällen selbigen Tags über allen Musikanten. Und er fragte, warum
ich die Stalltür erbrochen. Ich sagte: »Das mag jemand anders getan
haben.« -- »Wer?« -- »Das darf ich niemand sagen.« Mein Herr war aber
ein geschwinder Kopf und sahe wohl, wie man mich Lausen müßte. »Wer hat
dir solches verboten?« -- »Der tolle Fähnrich da.«

Ich merket an jedermanns Gelächter, daß ich mich gewaltig verhauen
haben mußte, und der tolle Fähnrich ward so rot wie eine glühende
Kohlen.

Darauf gebot mein Herr zu reden und fragte: »Was hat der tolle Fähnrich
bei dir im Gänsstall zu tun gehabt?« Ich antwortete: »Er brachte eine
Jungfer mit hinein.«

Darüber erhub sich bei allen Anwesenden ein solch Gelächter, daß mich
mein Herr nicht mehr hören, geschweige etwas weiters fragen konnte.

So brachten etliche mehr Possen auf die Bahn, sunderlich meine
einfältigen Straf- und Mahnreden, daß man schier denselben Imbiß von
nichts, als nur von mir zu reden und zu lachen hatte.

Und das verursachte einen allgemeinen Entschluß zu meinem Untergang:
man sollte mich nur tapfer agieren, so würde ich mit der Zeit einen
raren Narren abgeben, den man auch den größten Potentaten der Welt
verehren und mit dem man die Sterbenden zum Lachen bringen könnte. --

Wie man nun also schlampampte und wieder gut Geschirr machen wollte,
meldete die Wacht einen Commissarium an, der vor dem Tor sei. Das
eingehändiget Schreiben besagte, er wäre von den schwedischen Kronräten
abgeordnet, die Guarnison zu mustern und die Festung zu visitieren.
Solches versalzte allen Spaß und das Freudengelag verlummerte wie ein
Dudelsackzipfel, dem der Blast entgangen. Die Musikanten und Gäste
zerstoben wie Tabakrauch, der nur den Geruch hinter sich läßt. Mein
Herr trollete selbst mit dem Adjutanten, der den Schlüssel trug, samt
einem Ausschuß von der Tagwacht und vielen Windlichtern dem Tor zu, den
Plackschmeißer, wie er ihn nannte, selbst einzulassen. Er wünschte, daß
ihm der Teufel den Hals in tausend Stücke bräche, ehe er in die Festung
käme.

Sobald er ihn aber eingelassen und auf der inneren Fallbrücke
bewillkommnete, fehlte wenig oder gar nichts, daß er ihm nicht
selbst den Steigbügel hielte, seine Devotion zu bezeugen, ja
die Ehrerbietung war augenblicklich zwischen beiden so groß, daß
der Commissarius abstieg und zu Fuß mit meinem Herrn gegen sein
Losament schritt. Da wollte ein jeder zur linken Hand gehen und mehr
dergleichen. Ach, gedachte ich, was vor ein Geist regiert die Menschen,
indem er je einen durch den andern zum Narren machet!

Wir näherten also der Hauptwache und die Schildwacht rufte ihr Wer-da,
wiewohl sie sahe, daß es mein Herr war. Dieser wollte nicht antworten,
sondern dem andern die Ehre lassen, daher stellet sich die Schildwacht
mit Wiederholung ihres Geschreis desto heftiger. Endlich antwortete der
Commissarius: »Der Mann, ders Geld gibt.«

Wie wir bei der Schildwacht vorbeipassierten, und ich so hinten
nachzog, hörete ich den Posten brummen: »Ein Mann ders Geld gibt!
Verlogener Kund! Ein Schindhund, ders Geld nimmt, das bist! Daß dich
der Hagel erschlüge, eh du wieder aus der Stadt kommst!«

Also meinete ich, der fremde Herr mit der sammeten Mutzen müßte ein
Heiliger sein, weil nicht allein keine Flüche an ihm hafteten, sondern
dieweil ihm auch seine Hasser alle Ehre, alles Liebe und alles Gute
erwiesen. Er ward noch diese Nacht fürstlich traktieret, blind
vollgesoffen und in ein herrlich Bette gelegt.

Folgenden Tags ging es bei der Musterung bunt über Eck her. Ich
einfältiger Tropf war selbst geschickt genug, den klugen Commissarium
zu betrügen. Daß ich ihm zu klein vor die Musketen erschiene,
staffieret man mich mit einem entlehnten Kleid und einer Trummel aus.
Mein Herr ließ in die Rolle meinen Namen einschreiben und nannte mich
Simplicius Simplicissimus.

Das dritte Kapitel

Als der Commissarius wieder weg war, ließ mich der Pfarrer heimlich
zu sich in sein Losament kommen und sagte:

»O Simplici, deine Jugend dauert mich und deine Unglückseligkeit
bewegt mich zum Mitleiden. Höre, mein Kind, dein Herr ist entschlossen,
dich aller Vernunft zu berauben und dich zum Narren zu machen, maßen
er bereits ein Kleid vor dich anfertigen läßt. Morgen mußt du in
die Schule, darin du deine Vernunft verlernen sollst. Man wird dich
ohn Zweifel so greulich trillen, daß du ein Phantast werden mußt,
wenn anderst Gott und natürliche Mittel solches nicht verhindern. Um
deines Einsiedlers Frömmigkeit und deiner eigenen Unschuld willen sei
dir mit Rat und notwendigen guten Arzneien beigesprungen. Folge nun
meiner Lehre: Nimm dieses Pulver ein, welches dir Hirn und Gedächtnus
dermaßen stärken wird, daß du, unverletzt deines Verstandes, alles
leicht überwinden magst. Auch schmiere dir mit diesem Balsam Schläfen,
Wirbel und Genick samt den Naslöchern. Beides brauch auf den Abend,
sintemal du keiner Stunde sicher sein wirst. Wann man dich in dieser
verfluchten Kur haben wird, so achte und glaube nicht alles, stelle
dich jedoch, als wenn du alles glaubtest. Wenn du aber das Narrenkleid
anhaben wirst, so komme wieder zu mir, damit ich deiner mit fernerem
Rat pflegen möge. Indessen will ich Gott bitten, daß er deinen Verstand
und Gesundheit erhalten wolle.«

Wie der Pfarrer gesagt, also ging es: Im ersten Schlaf kamen vier Kerl
in schröcklichen Teufelslarven, die sprungen herum wie Gaukler. Einer
hatte einen glühenden Hacken, der andere eine Fackel. Zween aber
wischten über mich her, zogen mich aus dem Bette, tanzten mit mir hin
und her, zwangen mir meine Kleider an Leib. Ich aber verführete ein
jämmerliches Zetergeschrei und ließ die allerforchtsamsten Gebärden
erscheinen. Hierauf verbanden sie mir den Kopf mit einem Handtuch und
führeten mich unterschiedliche Umwege, viel Stiegen auf und ab und
endlich in einen Keller, darin ein großes Feuer brannte. Sie banden
das Handtuch ab und fingen an, mir mit spanischem Wein und Malvasier
zuzutrinken. Ich stellet mich mit allem Fleiß, als wäre ich nun
gestorben und im Abgrund der Hölle.

»Sauf zu! Willtu nicht ein guter Gesell sein, so mußt du in
gegenwärtiges Feuer!«

Die armen Teufeln wollten ihre Sprache und Stimme verquanten, damit
ich sie nicht kennen sollte, ich merkte aber gleich, daß es meines
Herrn Fourierschützen waren. So trank ich mein Teil, sie aber soffen,
weil derlei himmlischer Nectar selten an solche Gesellen kommt.
Da michs aber Zeit zu sein bedünkte, stellete ich mich mit Hin- und
Hertorkeln, wie ichs gesehen hatte, und wollte endlich gar nicht mehr
saufen, sondern schlafen. Sie hingegen jagten und stießen mich mit
ihren Hacken, die sie allezeit im Feuer liegen hatten, in allen Ecken
des Kellers herum. Und wann ich in solcher Hatz niederfiel, so packten
sie mich auf, als wann sie mich ins Feuer werfen wollten. Also ging
mirs wie einem Falken, den man wacht. Ich hätte zwar Trunkenheit und
Schlafes halber ausgedauert, aber sie lösten einander ab. Drei Täge und
zwei Nächte habe ich in diesem raucherichten Keller zugebracht. Der
Kopf fing mir an zu brausen und zu wüten, als ob er zerreißen wollte.
Ich warf mich hin und stellet mich tot. Da legten sie mich in ein
Leinlach und zerplotzten mich so unbarmherzig, daß mir alles Eingeweide
samt der Seele hätte herausfahren mögen. Wovon ich meiner Sinne beraubt
ward und nicht weiß, was sie ferners mit mir gemacht haben.

Als ich zu mir selber kam befand ich mich in einem schönen Saal unter
den Händen dreier alter Weiber, die vor eine treffliche Arznei wider
die unsinnige Liebe hätten dienen mögen, so garstig waren sie. Ich
erkannte wohl, daß die eine unsere Schüsselwäscherin, die andern zwo
aber zweier Fourierschützen Weiber waren. Da stellete ich mich, als
wann ich mich nicht zu regen vermöchte, wie mich dann in Wahrheit auch
nicht tanzerte, als die ehrlichen Alten mich auszogen und mich wie ein
klein Kindlein säuberten. Doch tät mir solches trefflich sanft. Sie
bezeugten unter währender Arbeit große Geduld und Mitleiden, also daß
ich ihnen beinahe offenbaret hätte, wie gut mein Handel noch stünde.
Zum Glück gedachte ich: Nein, Simplici, vertraue keinem alten Weibe!
-- Da sie nun mit mir fertig waren, legten sie mich in ein köstlich
Bette, darin ich ungewiegt entschlummerte. Meines Davorhaltens schliefe
ich in einem Satz länger als vierundzwenzig Stunden. Da ich erwachte
stunden zween schöne, geflügelte Knaben vorm Bette, welche mit weißen
Hemden, taffeten Binden, Perlen, Kleinodien, göldenen Ketten und
andern scheinbarlichen Sachen köstlich gezieret waren. Einer hatte
ein vergöldtes Lavor voller Hippen, Zuckerbrot, Marzipan und anderm
Konfekt, der ander aber einen göldnen Becher in Händen. Diese Engel
wollten mich bereden, daß ich nunmehr im Himmel sei, weil ich das
Fegfeuer so glücklich überstanden. Derohalben sollte ich nur begehren,
was mein Herz wünsche. Mich quälte der Durst, mich verlangete nur nach
einem Trunk, der mir auch mehr als gutwillig gereichet wurde. Es war
aber kein Wein, sondern ein lieblicher Schlaftrunk.

Den andern Tag erwachte ich wiederum (dann sonst schliefe ich noch
heute), befand mich aber nicht mehr im Bette noch im vorigen Saal,
sondern in meinem Gänskerker und überdas trug ich ein Kleid von
Kalbsfellen, daran das rauhe Teil nach auswendig gekehrt war. Die Hosen
waren auf polnisch oder schwäbisch, der Wams auf närrisch gemacht.
Oben am Hals stund eine Kappe wie eine Mönchsgugel, die war mir über
den Kopf gestreift und mit einem Paar großer Eselsohren gezieret. Ich
mußte meines Unsterns selbst lachen, weil ich an Nest und Federn sahe,
was ich vor ein Vogel sein sollte. Ich bedachte mich aufs beste und
satzte mir vor, mich so närrisch zu stellen, als mir immer müglich sei,
darneben mit Geduld zu verharren.

Das vierte Kapitel

Weil ich ein Narr sein sollte, der nicht so witzig ist, von sich selbst
herauszugehen, achtet ich des Loches, das der tolle Fähnrich in die
Tür geschnitten hatte, nicht, sondern blieb und stellte mich als ein
hungrig Kalb, das sich nach der Mutter sehnet. Mein Geplärr ward auch
bald von zween Soldaten gehöret, die darzu bestellt waren. Sie fragten
mich, wer da sei. Ich antwortete: »Ihr Narren, höret ihr dann nicht,
daß ein Kalb da ist?« Sie nahmen mich heraus und verwunderten sich
wie neugeworbene Komödianten, die nicht wohl agieren können, daß ein
Kalb rede. Sie beratschlagten, mich dem Gubernator zu verehren, der
ihnen mehr schenken würde, als der Metzger vor mich bezahlt hätte. Sie
fragten mich, wie demnach mein Handel stünde.

»Liederlich genug,« antwortete ich.

»Warum?«

»Darum, dieweil hier Brauch ist, redliche Kälber in Gänsstall zu
sperren.«

Sie führten mich gegen des Gouverneurs Quartier zu und uns folgte eine
große Schar Buben nach, die ebensowohl als ich, wie Kälber schrien.

Also ward ich dem Gouverneur präsentiert, als ob ich von denen Soldaten
erst auf Partei erbeutet worden wäre. Er versprach mir die beste Sach.
Ich sagte: »Wohl Herr, man muß mich aber in keinen Gänsstall sperren,
dann wir Kälber können solches nicht erdulden, wann wir anders wachsen
und zu einem Stück Hauptviehe werden sollen.«

Er vertröstete mich eines besseren und dünkte sich gar gescheit zu
sein, daß er einen solchen visierlichen Narren aus mir gemachet hätte.
Hingegen gedachte ich: Harre mein, lieber Herr, ich habe die Probe des
Feuers überstanden.

Indem trieb ein geflüchteter Baur sein Viehe zur Tränke. Ich sahe
es und eilete mit einem Kälbergeplärr den Kühen zu, so sich vor mir
ärger entsatzten als vor einem Wolf, ja, sie wurden so schellig und
zerstoben von einander, daß sie der Bauer am selbigen Ort nicht mehr
zusammenbringen konnte. Im Hui war ein Haufen Volk darbei, das der
Gaukelfuhre zusahe. Mein Herr lachte, daß er hätte zerbersten mögen,
und meinte endlich: »Ein Narr macht ihrer hundert!« Ich aber gedachte,
eben du bist derjenige, dem du jetzt wahrsagest.

Gleichwie mich nun jedermann von selbiger Zeit an das Kalb nannte,
also nannte ich hingegen auch einen jeden mit einem besonderen Namen.
In summa mich schätzte männiglich vor einen ohnweisen Toren und ich
hielte jeglichen vor einen gescheiten Narren. Dieser Brauch ist meines
Erachtens in der Welt noch üblich, maßen ein jeder mit seinem Witz
zufrieden und sich einbildet, er sei der Gescheiteste unter allen.

Bei der Mittagsmahlzeit wartete ich auf wie zuvor, brachte aber
daneben seltsame Sachen auf die Bahn, und, als ich essen sollte,
konnte niemand menschliche Speise oder Trank in mich bringen. Ich
wollte kurzum nur Gras haben, was zur selbigen winterlichen Zeit zu
bekommen unmüglich war. So ließ mein Herr zweien kleinen Knaben frische
Kalbfell überstreifen, diese satzte er zu mir und traktierte uns mit
Wintersalat. Ich aber sahe so starr drein, als wann ich mich darüber
verwunderte.

»Jawohl,« sagten sie, weil sie mich so kaltsinnig sahen, »es ist nichts
Neues, daß Kälber Fleisch, Fisch, Käse, Butter und anders fressen. Sie
saufen auch zu Zeiten einen guten Rausch.«

Ich ließ mich desto ehender überreden, als ich hiebevor schon selbst
gesehen, wie teils Menschen säuischer als Schweine, geiler als Böcke,
neidiger als Hunde, unbändiger als Pferde, gröber als Esel, versoffener
als Rinder, gefräßiger als Wölfe, närrischer als Affen und giftiger als
Schlangen und Kroten waren, so dannoch allesamt menschlicher Nahrung
genossen und nur durch die Gestalt von den Tieren unterschieden waren.

Gleichwie meine beiden Schmarotzer mit mir zehreten, also mußten sie
auch mit mir zu Bette, wann mein Herr anders nicht zugeben wollte, daß
ich im Kühestall schliefe. Der grundgütige Gott gab mir so viel Witz
vor meinen Stand, als er einem jeden Menschen zu seiner Selbsterhaltung
verleihet, dannenhero ich erkannte: Doktor hin, Doktor her, was bildet
ihr euch ein, allein witzig zu sein und Hans in allen Gassen. Hinter
den Bergen, da wohnen auch noch Leute.

Gegen Mittag so mußte ich auch in die Stube, weil adelig Frauenzimmer
bei meinem Herren war, den neuen Narren zu hören und zu sehen. Ich
erschiene und stund da wie ein Stummer. Dahero diejenige, so ich
hiebevor beim Tanze erdappet hatte, Ursach nahm zu sagen, sie hätte
gehört, daß dieses Kalb könne reden, nunmehr verspüre sie aber, daß es
nicht wahr sei.

Ich antwortete: »So habe ich vermeint, die Affen können nicht reden,
höre aber wohl, das dem auch nicht so sei.«

»Wie,« sagte mein Herr, »vermeinst du dann, diese Damen seien Affen?«

»Sein sie es nicht,« gab ich entgegen, »so werden sie es bald werden.
Wer weiß wie es fällt, ich habe mich auch nicht versehen, ein Kalb zu
werden, und bins doch.«

Da fragte mein Herr, woran ich sehe, daß diese Damen Affen werden
sollten.

Ich antwortete: »Der Affe trägt seinen Hintern bloß, diese Jungfer
allbereits ihre Brüstlein, dann andre Mägde pflegen sonst solche zu
bedecken.«

»Schlimmer Vogel,« sagte mein Herr, »so redest du? Diese lassen billig
sehen, was sehenswert ist, der Affe aber gehet aus Armut nackend.
Geschwind bringe ein, was du gesündiget hast, oder man wird dich mit
Hunden in den Gänsstall hetzen!«

Hierauf betrachtete ich die Dame so steif und lieblich, als hätte
ich sie heuraten wollen. Endlich sagte ich: »Herr, ich sehe wohl der
Diebsschneider ist an allem schuldig, er hat das Gewand, das oben um
den Hals gehört, unten am Rock stehen lassen, darum schleift es so weit
hinten nach. Man soll dem Hudler die Hand abhauen. Jungfer, schafft
ihn ab, wann er Euch nicht so verschänden soll und sehet, daß ihr
meiner Meuder, des Ursele und der Ann Schneider bekommt, die haben Röck
gehabt, so nicht im Dreck geschlappt wie Eurer.«

Mein Herr fragte, ob dann meines Knäns Ann und Ursele schöner gewesen
als diese Jungfer.

»Ach wohl nein,« sagte ich, »diese Jungfer hat ja Haare so gelb,
als kleine Kindlein die Windlen zeichnen, und sie sein so hübsch
zusammengerollt, als hätte sie auf jeder Seite ein paar Pfund Lichter
oder ein Dutzend Bratwürst hangen. Wie hat sie so eine schöne glatte
Stirn, weißer als ein Totenkopf, der viel Jahr lang im Wetter gehangen.
Jammerschad ist, daß ihre zarte Haut durch den Puder bemackelt wird,
als habe die Jungfer den Erbgrind, der solche Schuppen von sich werfe.
Wie zwitzern doch ihre funkelnden Augen, vor Schwärze klärer als meines
Knäns Ofenloch. Und die zwei Reihen Zähne, so in ihrem Maul stehen,
schimmern so schön, als wann sie aus einem Stück von einer weißen Rübe
geschnitzelt wären worden. O Wunderbild, ich glaube nicht, daß es einem
wehe tut, so du einen damit beißest! Wie ist ihr Hals schier so weiß,
als eine gestandene Sauermilch und ihre Brüstlein sein von gleicher
Farbe und ohn Zweifel so hart, als eine Geißmämm, die von übriger Milch
strotzet. Ach Herr, sehet ihre Hände und Finger so subtil, so lang, so
gelenk, so geschmeidig und so geschickt, damit sie einem in den Sack
greifen können, wann sie fischen wollen. Aber was soll dieses gegen
ihren ganzen Leib, den ich zwar nicht sehen kann. Ist er nicht so zart,
so schmal und anmutig, als wann sie acht ganzer Wochen die schnelle
Katharina gehabt hätte?«

Hierüber erhub sich eine solch Gelächter, daß man mich nicht mehr
hören, noch ich mehr reden konnte. Ging hiemit durch wie ein Holländer
und ließ mich, solang mirs gefiel, von andern vexieren.

Das fünfte Kapitel

Bei allen Mahlzeiten ließ ich mich tapfer gebrauchen, dann ich hatte
mir vorgesatzt, alle Torheiten zu bereden und alle Eitelkeiten zu
bestrafen. Ich rupfte ihre Laster, und wer sichs nicht gefallen ließe,
ward noch darzu ausgelacht.

Der erste, der mir mit Vernunft begegnen wollte, war der Secretarius,
dann ich denselben einen Titulschmied nannte und ihn fragte, wie man
der Menschen ersten Vater titulieret hätte.

»Du redest wie ein Kalb, maßen nach unseren ersten Eltern Leute gelebt,
die durch seltene Tugenden und gute Künste sich und ihr Geschlecht
dergestalt geadelt haben, daß sie übers Gestirn zu den Göttern erhoben
worden. Wärest du ein Mensch, so hättest du die Historien gelesen und
verstündest auch den Unterscheid, sintemalen du aber ein Kalb und
keiner menschlichen Ehre würdig noch fähig, so redest du wie ein dummes
Kalb und gönnest ihnen den Ehrentitul nicht.«

»Ich bin«, antwortete ich, »sowohl ein Mensch gewesen als du und habe
bei meinem Einsiedel auch ziemlich viel gelesen. Sage mir, was sein
vor herrliche Taten begangen und Künst erfunden, die genugsam seien,
ein ganzes Geschlecht von etlich hundert Jahr nach Absterben des
Helden und Künstlers zu adlen? Ist nicht beides: des Helden Stärke
und des Künstlers Weisheit mit hinweggestorben? So aber der Eltern
Qualitäten auf die Kinder überkommen, halt ich davor, daß dein Vater
ein Stockfisch und deine Mutter eine Schneegans gewesen.«

»Ha,« rief der Secretarius, »wann es damit wohl ausgericht sein
wird, wann wir einander schänden, so könnte ich dir vorwerfen, daß dein
Knän ein grober spessarter Bauer gewesen, und daß du dich noch mehr
verringert habest, indem du zum unvernünftigen Kalb geworden bist.«

»Da recht! Das ist, was ich behaupten will, daß der Eltern Tugenden
nicht allerweg auf die Kinder vererbt werden, und dahero die Kinder
ihrer Eltern Tugendtitul auch nicht allerweg würdig sein. Mir zwar ist
es keine Schande, daß ich ein Kalb bin worden, dieweil ich in solchem
Falle dem großmächtigen König Nabuchodonosor nachzufolgen die Ehre
habe.«

»Nun gesetzt, aber nicht zugestanden, du habest recht, so mußt du doch
gestehen, daß diejenigen alles Lobs wert sein, die sich selbst durch
Tugend edel machen. Wann aber -- so folget, daß man die Kinder der
Eltern wegen billig ehre, dann der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.
Wer wollte in Alexandri Magni Nachkömmlingen, wann anders noch
einzige vorhanden wären, ihres alten Ur-Ahnherren herzhafte Tapferkeit
nicht rühmen? Hat er nicht vor dem dreißigsten Jahr die Welt bezwungen,
hat er nicht in einer Schlacht mit den Indiern, da er von den Seinigen
verlassen war, aus Zorn Blut geschwitzet? War er nicht von lauter
Feuerflammen umgeben, daß die Barbaren vor ihm flohen? Bezeugt nicht
Quintus Curtius, daß sein Atem wie Balsam, der Schweiß wie Bisem,
sein toter Leib aber nach köstlicher Spezerei roch? -- Da könnte ich
auch den Julium Cäsarem und Pompeium anführen, deren der eine
fünfzigmal in offener Feldschlacht gestritten und 1152000 Mann erlegt
und totgeschlagen hat, der ander aber hat neben 940 den Meerräubern
abgenommenen Schiffen vom Alpengebürg an bis in das äußerste Hispanien
876 Städte und Flecken eingenommen und überwunden. Ist nicht von dem
Lucio Siccio Dentato, welcher Zunftmeister in Rom war, zu sagen, daß
er in 110 Feldschlachten gestanden und achtmal diejenigen überwunden
hat, die ihn herausgefordert, und daß er 45 Wundmäler an seinem Leib
zeigen konnte. Mit neun Obrist Feldherren ist er in ihren Triumphen
in Rom eingezogen. Wo bleibet der starke Herkules, Theseus und andre,
deren unsterbliches Lob zu beschreiben unmüglich.

Ich will aber die Waffen fahren lassen und mich zu den Künsten wenden.
Was findet sich für Geschicklichkeit am Zeuxis, welcher mit seinen
Schildereien die Vögel in der Luft betrog, item am Apelles, der
eine Venus so natürlich, so ausbündig und mit allen Lineamenten
so subtil und zart dahermalete, daß sich die Junggesellen darein
verliebten. Plutarchus schreibet, daß Archimedes ein großes Schiff
mit Kaufmannswaren über den Markt von Syrakus nur mit einer Hand, an
einem einzigen Seil vermöge seiner Schrauben daher gezogen, welches
200 deinesgleichen Kälber nicht hätten zu tun vermocht. Sollten diese
Meister nicht mit einem besonderen Ehrentitul begabt sein? Und welcher
die edle und der ganzen Welt höchst nutzbare Kunst der Buchdruckerei
erfunden, wer wollte den nicht preisen? Zwar ist wenig daran gelegen,
ob du grobes Kalb solches in deinem unvernünftigen Ochsengehirn fassest
oder nicht! Es geht dir eben wie jenem Hund, der auf einem Haufen Heu
lag und solches dem Ochsen auch nicht gönnte, weil er es selbst nicht
genießen konnte.«

Da ich mich so gehetzt sahe, satzte ich dagegen: »Die herrlichen
Heldentaten wären höchlich zu rühmen, wann sie nicht mit anderer
Menschen Untergang und Schaden vollbracht wären worden. Was ist
das aber vor ein Lob, welches mit so vielem unschuldig vergossenem
Menschenblut besudelt, und was vor ein Adel, der mit so vieler tausend
anderer Menschen Verderben erobert und zuwegen gebracht worden? Und die
Künste, was seinds anders als lauter Vanitäten und Torheiten, dienen
zum Geiz, zur Wollust, zur Üppigkeit. So könnte man der Druckerei
und Schriften auch wohl entbehren, dann der Heilige saget: Die ganze
Welt ist Buchs genug, die Wunder des Schöpfers zu betrachten und die
göttliche Allmacht zu erkennen.«

Mein Herr wollte auch mit mir scherzen und sagte: »Ich merke wohl, weil
du nicht edel zu werden getrauest, verachtest du des Adels Ehrentitul.«
Ich antwortete: »Wann schon ich in dieser Stund an deine Ehrenstell
treten sollte, ich wollte sie doch nicht annehmen.« Mein Herr lachte.
»Das glaub ich, dann dem Ochsen gehöret Haberstroh. Ich meinesteils
acht es für kein Geringes, wann mich das Glück über andere erhebet.«
Ich seufzte und sagte: »Ach, armselige Glückseligkeit! Herr, du bist
der allerelendeste Mensch in ganz Hanau.«

»Wieso, wieso, du Kalb!«

»Wann du nicht weißt oder empfindest, mit wieviel Sorgen und Unruhe du
als Gubernator beladen bist, so verblendet dich allzu große Begierde
der Ehre. Zwar hast du zu befehlen und wer dir unter Augen kommt, muß
dir gehorsamen, aber bist du nicht ihrer aller Knecht? Schaue, du
bist jetzt rund umher mit Feinden umgeben und die Konservation dieser
Festung liegt dir auf dem Hals. Bedörfte es nicht öfters, daß du
selber wie ein gemeiner Knecht Schildwacht stündest? Du mußt um Geld,
Munition, Proviant und, daß dein Volk im Posten erscheine, bedacht
sein und das ganze Land durch stetiges Exequieren und Tribulieren
in Kontribution erhalten. Schickest du die Deinigen zu solchem End
hinaus, so ist Rauben, Plündern, Stehlen, Brennen und Morden ihre beste
Arbeit. Sie haben erst neulich Orb geplündert, Braunfels eingenommen
und Staden in Asche gelegt. Davon haben sie sich zwar Beuten, du dir
aber eine schwere Verantwortung vor Gott gemacht. Und wirst du nicht
Ehr und Reichtum in der Welt lassen und nichts mit dir nehmen als die
Sünde, dadurch du selbige erworben hast? Du verschwendest der Armen
Schweiß und Blut, die jetzt gar verderben und Hungers sterben. Und
dafern anders etwas versäumet wird, das zur Erhaltung deiner Völker
und der Festung hätte observiert werden sollen, so kostet es deinen
Kopf. Sterbe ich jung, so bin ich der Mühseligkeit eines Zugochsens
überhoben, dir aber stellet man auf tausendfältige Weise nach und dein
ganzes Leben ist Sorge und Schlafbrechen, dann du mußt Freunde und
Feinde förchten umb deiner Reputation und deines Kommandos willen. Ich
geschweige, daß dich täglich deine brennenden Begierden quälen, wie du
dir einen noch größeren Namen und Ruhm zu machen, höher in Kriegsämtern
zu steigen, größeren Reichtum zu sammeln, dem Feind eine Tücke zu
beweisen, einen oder den andern Ort zu überrumpeln, in summa fast
alles tun solltest, was andere Leute schädigt, deine Seele verderbt
und der göttlichen Majestät mißfällt. Du aber lässest dich von deinen
Fuchsschwänzern verwöhnen, daß du dich selbst nicht mehr erkennst
und den gefährlichen Weg nicht siehest. Sie hetzen und jagen dich zu
anderer Leute Schaden, ihrem Beutel zu nutz.«

»Du Bernheuter, wer lernet dich so predigen?«

»Sage ich nicht wahr, daß du von deinen Ohrenbläsern und Daumendrehern
dergestalt verderbt seiest, daß dir bereits nicht mehr zu helfen ist?
Aber auch du entgehst dem Tadel nicht. Hast du nicht Exempel genug an
hohen Personen, so vor der Zeit gelebet? Die Lacedämonier schalten an
ihrem Lycurgo, daß er allezeit gesenkten Hauptes daherging, die Römer
verargeten dem Scipioni das Schnarchen und es dünkte sie häßlich zu
sein, daß sich Pompeius nur mit einem Finger kratzte. Des Julii
Cäsaris
spotteten sie, weil er den Gürtel nicht artig und lustig
antrug. Die Uticenser verleumdeten ihren Catonem, weil es zu gierig
auf beiden Backen aß. Die Karthager redeten dem Hannibali übel nach,
weil er immerzu mit der Brust aufgedeckt und bloß daherging. Herr, ich
tausche mit keinem, der vielleicht neben zwölf Fuchsschwänzern und
Schmarotzern tausend so heimliche als öffentliche Feinde hat. Ich sehe
wohl, wie sauer du dirs mußt werden lassen und wieviel Beschwerden du
trägst. Und was wird endlich dein Lohn sein? Sage mir, lieber Herr, was
hast du davon? Wann dus nicht weißt, so laß dirs von dem griechischen
Demosthenes sagen, den die Athener des Landes verwiesen und ins Elend
gejagt haben. Dem Sokrati ist mit Gift vergeben worden. Hannibal
hat elendiglich, in der Welt landflüchtig herumschweifen müssen.
Lykurg ward gesteiniget. Solo wurde verbrannt, nachdem ihm ein Aug
ausgestochen ward. Darum behalte du dein Kommando samt seinem Lohn.
Dann wann alles wohl mit dir abgehet, so bringst du aufs wenigste ein
böses Gewissen davon.«

Das sechste Kapitel

Und währendem meinem Diskurs sahe mich jedermann verwundert an. Mein
Herr aber sagte:

»Ich weiß nicht, was ich an dir habe. Du bedünkest mich vor ein Kalb
viel zu verständig zu sein. Ich vermeine schier, du seiest unter deiner
Kalbshaut mit einer Schalkshaut überzogen.«

Ich stellete mich zornig und rief: »Vermeinet ihr Menschen dann wohl,
wir Tiere seien gar Narren? Das dörft ihr euch wohl nicht einbilden.
Ältere Tiere möchten euch anderst aufschneiden, so sie reden könnten
als ich. Saget mir doch, wer die wilden Waldtauben, Häher, Amseln und
Rebhühner gelehret hat sich mit Lorbeerblättern zu purgieren und die
Turteltäublein und Hühner mit St. Peterskraut? Wer lehret Hunde und
Katzen das betaute Gras fressen, wann sie ihren vollen Bauch reinigen
wollen? Wer den angeschossenen Hirsch seine Zuflucht zur wilden Poley
nehmen? Wer hat das Wieselin unterrichtet, daß es Raute gebrauchen
solle, wann es mit der Feldmaus oder irgendeiner Schlange kämpfen will?
Wer gibt den wilden Schweinen Efeu und den Bären Alraun vor Arznei zu
erkennen? Wer unterweiset die Schwalbe, daß sie ihrer Jungen blöde
Augen mit dem Chelidonio arzneien soll? Wer instruieret die Schlange,
daß sie Fenchel esse, wann sie ihre Haut abstreifen will? Schier dorfte
ich sagen, daß ihr eure Künste und Wissenschaften von uns Tieren
erlernet habt. Aber ihr freßt und sauft euch krank und tot, das tun wir
Tiere nicht. Ein Löw oder Wolf, wann er zu fett werden will, so fastet
er, bis er frisch und gesund wird. Wer aber sagt den Sommervögeln,
wann sie im Frühjahr zu uns kommen, Junge hecken und im Herbste wieder
von dannen in warme Länder ziehen sollen? Leihet ihr Menschen ihnen
vielleicht eueren Kalender oder Seekompaß? Beschauet die mühsame
Spinne, deren Geweb beinahe ein Wunderwerk ist. Sehet ob ihr auch einen
einzigen Knopf in aller ihrer Arbeit finden möget. Welcher Jäger hat
sie gelehrt, das Wildpret zu belaustern? Die alten Philosophi haben
solches ernstlich erwogen und sich nicht geschämet zu fragen und zu
disputieren, ob die Tiere nicht auch Verstand hätten. Gehet hin zu den
Immen und sehet, wie sie Wachs und Honig machen, und alsdann saget mir
euer Meinung wieder.«

Hierauf fielen unterschiedliche Urteile über mich. Der Secretarius
hielt davor, ich sei närrisch, weil ich mich selbsten vor ein
unvernünftig Tier schätze, maßen diejenigen, so einen Sparen zu viel
oder zu wenig hätten und sich jedoch weise zu sein dünkten, die aller
artlichsten und visierlichsten Narren wären. Andere sagten, wann man
mir die Imagination benehme, daß ich ein Kalb sei, so würde ich vor
vernünftig und witzig gelten müssen.

Mein Herr sagte: »Er ist ein Narr, weil er jedem ungescheut die
Wahrheit sagt, hingegen stehen seine klugen Diskursen keinem Narren zu.«

Solches redeten sie auf latein, damit ich's nicht verstehen sollte.

Der tolle Fähnrich aber schloß: »Wat wolts met deesem Kerl sin, hei
hett den Tüfel in Liff, hei ist beseeten. De Tüfel, de kühret ut jehme!«

Dahero nahm mein Herr Ursache, mich zu fragen, sintemal ich dann
nunmehr zu einem Kalb worden wäre, ob ich noch wie vor diesem, gleich
andern Menschen zu beten pflege und in Himmel zu kommen getraue.

»Freilich,« antwortete ich, »ich habe ja meine unsterbliche menschliche
Seele noch, die wird ja, wie du leicht gedenken kannst, nicht in die
Hölle begehren, vornehmlich weil mir's schon einmal so übel darin
ergangen. Ich bin verändert wie vordem Nabuchodonosor und dörfte ich
noch wohl zu einer Zeit wieder zu einem Menschen werden.«

»Das wünsche ich dir,« sagte mein Herr mit einem ziemlichen Seufzen.
Daraus ich leichtlich schließen konnte, daß ihm eine Reue ankommen.
»Aber laß hören, wie pflegst du zu beten?«

Darauf kniete ich nieder, hub Augen und Hände auf gut einsiedlerisch
zum Himmel, und weilen mich meines Herren Reue mit Trost berührte,
konnte ich mich der Tränen nicht enthalten. Betete also mit größter
Andacht das Vaterunser und bat weiters vor meine Freunde und Feinde
und, daß mich Gott in dieser Zeitlichkeit also leben lasse, daß ich der
ewigen Seligkeit würdig werde. Mein Einsiedel hatte mich ein solches
Gebet mit andächtig concipierten Worten gelehret. Hievon etliche
weichherzige Zuseher auch beinahe zu weinen anfingen, ja meinem Herren
selbst stunden die Augen voll Wasser.

Alsbald schickte mein Herr zum Pfarrer, dem erzählte er alles, daß er
besorge, es gehe nicht recht mit mir zu, und daß vielleicht der Teufel
mit unter der Decke läge. Der Pfarrer aber, dem meine Beschaffenheit am
besten bekannt war, meinte, man sollte solches bedacht haben, eh man
mich zum Narren zu machen unterstanden hätte, Menschen seien Ebenbilder
Gottes, mit welchen nicht wie mit Bestien zu scherzen sei. Doch glaube
er nicht an ein Spiel des Bösen, dieweil ich jederzeit inbrünstig zu
Gott bete. Sollte aber solches wider Verhoffen zugelassen werden, so
hätte man es bei Gott schwer zu verantworten, maßen es keine schwerere
Sünde gibt, als einen Menschen der Vernunft zu berauben. Er wisse
aber, daß ich auch hiebevor Witz genug gehabt, mich aber in diese
Welt nicht habe schicken können. Hätte man sich ein wenig geduldet,
so würde ich mich mit der Zeit besser angelassen haben. »Wann man ihm
nur die Einbildung nehmen kann, daß er nicht mehr glaubet, er sei ein
Kalb! Ich habe selbsten einen kranken Baur in meiner Pfarr gehabt,
der klagte mir, daß er auf vier Ohm Wasser im Leib hätte, ich sollet
ihn aufschneiden oder ihn in Rauch hängen lassen, damit dasselbe
herauströckne. Darauf sprach ich ihm zu und überredete ihn, es könne
das Wasser auf eine andere Weise von ihm gebracht werden. Nahm demnach
einen Weinhahn, daran ich einen Darm steckte, das ander End des Darms
band ich an das Spuntloch eines Wasserzubers. Darauf stellet ich mich,
als wann ich ihm den Hahn in den Bauch steckte, welchen er überall mit
Lumpen umwickelt hatte, damit er nicht zerspringen sollte. Ich ließ das
Wasser durch den Hahn hinweglaufen, darüber sich der Tropf herzlich
erfreuete. Er tät nach solcher Verrichtung die Lumpen von sich und
kam in wenigen Tagen wieder allerdings zurecht. Also kann dem guten
Simplicio auch wieder geholfen werden.«

»Dieses alles glaube ich wohl,« sagte mein Herr, »allein es liegt mir
an, daß er zuvor so unwissend gewesen, nun aber ein jeder sein Reden
vor ein Orakul oder Warnung Gottes halten muß.«

»Herr,« sagte der Pfarrer, »dieses kann natürlicher Weise wohl sein,
doch weiß ich, daß er belesen ist, maßen er sowohl als sein Einsiedel
alle meine Bücher durchgangen hat. Obgleich er nun seiner eigenen
Person vergißt, kann er dannoch hervorbringen, was er hiebevor ins
Gehirn gefaßt hat.«

Also satzte der Pfarrer den Gubernator zwischen Forcht und Hoffnung,
das brachte mir gute Tage und ihm einen Zutritt bei meinem Herrn, so
daß er ihn endlich bei der Guarnison zum Kaplan machte.

Von dieser Zeit besaß ich meines Herrn Gnade, Gunst und Liebe
vollkömmlich, nichts manglete mir zu meinem besseren Glück, als daß
ich an einem Kalbskleid zu viel und an Jahren noch zu wenig hatte. So
wollte mich der Pfarrer auch noch nicht witzig haben, weil ihm solches
noch nicht Zeit und seinem Nutzen verträglich zu sein bedünkte.

Demnach aber mein Herr sahe, daß ich Lust zur Musik hatte, ließ er
mich solche lernen und verdingte mich zugleich einem vortrefflichen
Lautenisten, dessen Kunst ich in Bälde ziemlich begriff und ihn um
soviel übertraf, weil ich besser singen konnte. Also dienet ich meinem
Herrn zur Lust, Kurzweile, Ergetzung und Verwunderung. Alle Offizierer
erzeugten mir ihren geneigten Willen, die reichsten Bürger verehreten
mich, Hausgesind und Soldaten wollten mir wohl. Einer schenkte mir
hier, der andere dort, daß ich sie nicht verfuchsschwänzen sollte. Ich
brachte ziemlich Geld zu Wege, welches ich mehrenteils dem Pfarrer
zusteckte. Ich wuchs auf wie ein Narr in Zwiebelland und meine
Leibskräfte nahmen handgreiflich zu. Man sahe mir in Bälde an, daß
ich nicht mehr im Wald mit Wasser, Eicheln, Bucheckern, Wurzeln und
Kräutern mortifizierte, sondern daß mir bei guten Bissen der rheinische
Wein und das hanauische Doppelbier wohl zuschlug. Mein Herr gedachte
mich nach beendeter Belagerung dem Kardinal Richelieu oder Herzog
Bernhard von Weimar zu schenken, dann ohn daß er hoffte, einen großen
Dank mit mir zu verdienen, gab er auch vor, daß mein Anblick ihm schier
unmöglich länger zu ertragen, weil ich seiner Schwester je länger, je
ähnlicher wurde und dies im Narrenhabit.

Der Pfarrer widerriet, dann er hielt davor, die Zeit wäre gekommen,
in welcher er ein Mirakul tun und mich vernünftig machen wollte.
Es sollten andere Knaben in gleichen Kalbsfellen und mit denselben
Zeremonien von einer Person in Gestalt eines Arztes, Propheten oder
Landfahrers aus Tieren zu Menschen gemacht werden. Der Gouverneur ließ
sich solchen Vorschlag belieben, mir aber communicierte der Pfarrer,
was er mit meinem Herrn abgeredet hätte.

Aber das neidische Glück wollte mich so leichtlich nicht meines
Narrenkleides erledigen. Indem die Komödia noch in Händen der Schneider
und Gerber lag, terminierte ich mit etlichen andern Knaben vor der
Festung auf dem Eise herum, da überfiel uns eine Partei Kroaten; die
satzten uns auf gestohlene Baurenpferd und führeten uns davon.

Das siebente Kapitel

Obzwar nun die Hanauer gleich Lärm schlugen, sich zu Pferd heraus
ließen, so mochten sie doch denen Kroaten nichts abgewinnen. Diese
leichte Ware ging sehr vorteilhaftig durch und nahm ihren Weg auf
Büdingen zu, allwo sie fütterten und den Bürgern daselbst die
gefangenen hanauischen reichen Söhnlein wieder zu lösen gaben, auch
ihre gestohlenen Pferde und andere Beute verkauften. Von dannen brachen
sie wieder auf und gingen schnell durch den Büdinger Wald auf Stift
Fulda zu. Sie nahmen unterwegs mit, was sie fortbringen konnten, das
Rauben und Plündern hinderte sie an ihrem schleunigen Fortzug im
geringsten nichts, dann sie konntens machen wie der Teufel, maßen
wir noch denselben Abend im Stift Hirschfeld, allwo sie ihr Quartier
hatten, mit einer großen Beute ankamen. Das ward alles partiert, ich
aber fiel dem Obristen Corpes zu.

Bei diesem Herrn kam mir alles widerwärtig und fast spanisch vor. Die
hanauischen Schleckerbissen hatten sich in schwarzes Brot und mager
Rindfleisch verändert, Wein und Bier war mir zu Wasser geworden, so
schlief ich bei den Pferden. Anstatt Lautenschlagen mußte ich zu Zeiten
gleich andern Jungen untern Tisch kriechen, wie ein Hund heulen und
mich von Sporen stechen lassen. Vor das hanauische Herumterminieren
mußte ich Pferde striegeln. Mein Herr hatte kein Weib, keinen
Pagen, keinen Kammerdiener, keinen Koch, hingegen aber einen Haufen
Reutknechte und Jungen. Er schämete sich nicht, sein Roß zu satteln und
ihm Futter fürzuschütten. Er schlief auf der bloßen Erde und bedeckte
sich mit seinem Pelzrock, daher sahe man oft die Müllerflöhe auf seinen
Kleidern herumwandern, deren er sich im geringsten nicht schämete,
sondern noch darzu lachte, wann ihm jemand einen herablas. Er trug
kurze Haupthaar und einen Schweizerbart, welcher ihm wohl zustatten
kam, weil er zuweilen selbst auf Kundschaft ging. Von den Seinen und
andern, die ihn kannten, ward er geliebt, geehrt und geförchtet.

Dies Leben schmäckte mir ganz nicht, dann wir waren niemals ruhig.
Mit den Burschen konnte ich nicht reden, mußte mich stoßen, plagen,
schlagen und jagen lassen. Die größte Kurzweil, die mein Obrister mit
mir hatte, war, daß ich ihm auf deutsch singen und eins vorblasen
mußte. Ich kriegte alsdann so dichte Ohrfeigen, daß der rote Saft
hernach ging. Zuletzt lernte ich das Kochen und meines Herrn Gewehr
sauber halten, darauf er viel hielt. Das schlug mir so vortrefflich zu,
daß ich endlich seine Gunst erwarb, maßen er mir ein neues Narrenkleid
aus Kalbsfellen mit viel größeren Eselsohren machen ließ. Ich trachtete
Tag und Nacht, wie ich mit guter Manier wieder ausreißen möchte,
vornehmlich weil ich den Frühling wieder erlanget hatte.

Derhalben nahm ich mich an, die Schaf- und Kühkutteln, deren es voll um
unser Quartier lag, fern hinweg zu schleifen, damit sie keinen so üblen
Geruch machten. Solches ließ sich der Obrist gefallen. Zuletzt aber
blieb ich gar aus und entwischte in den nächsten Wald.

Das achte Kapitel

Allein ich war wenig Stunden von den Kroaten hinweg, so erhascheten
mich etliche Schnapphahnen, die mein närrisch Kleid in der finstern
Nacht nicht sahen und mich durch zween von ihnen an einen gewissen Ort
im Walde führen ließen. Als wir dort waren, wollte der eine Kerl kurzum
Geld von mir und legte Handschuh und Feuerrohr nieder, um mich zu
visitieren. Sobald er aber mein haarigs Kleid und die langen Eselsohren
an meiner Kappe begriff, davon helle Funken stoben, fuhr er vor Schröck
ineinander. Solches merkte ich gleich, derowegen striegelte ich mein
Kleid, daß es schimmerte, als wann ich inwendig voller brennenden
Schwefels gestocken wäre. Ich schrie ihn mit schröcklicher Stimme
an: »Ich bin der Teufel und will dir und deinem Gesellen die Hälse
abdrähen!«

Da rannten alle beide durch Stöcke und Stauden, als wann sie
das höllische Feuer gejaget hätte. Ich aber lachte unterdessen
förchterlich, daß es im ganzen Wald erschallete.

Als ich mich abwegs machen wollte, strauchelte ich über das Feuerrohr
und da ich weiterschritte, stieß ich auch an einen Knappsack, daran
unten eine Patronentasche, mit Pulver, Blei und Zugehör wohlversehen,
hing. Das nahm ich alles an mich, weil ich mit dem Geschoß umzugehen
bei den Kroaten wohl gelernet hatte, und verbarg mich unweit davon in
einem dicken Busch.

Sobald der Tag anbrach kam die ganze Partei auf vorbenannten Platz
und suchte das verloren Feuerrohr samt Knappsack. Ich aber hielt mich
stiller als eine Maus.

»Pfui, ihr feige Tropfen,« sagte einer, »daß ihr euch von einem einigen
Kerl erschröcken, verjagen und das Gewehr abnehmen lasset!«

Jedoch der eine schwur, der Teufel solle ihn holen, wann es nicht der
Teufel selbst gewesen sei, er hätte die Hörner und seine rauhe Haut
wohl begriffen. Der Anführer antwortete: »Was meinest du wohl, daß der
Teufel mit deinem Ranzen und Feuerrohr machen wollte. Ich dörfte meinen
Hals verwetten, wo nicht der Kerl beide Stücke mit sich genommen!«

Diesem hielt ein andrer Widerpart und sagte: es könne wohl auch sein,
daß seither etlich Bauren dagewesen wären.

Zuletzt glaubten sie den grausamen Flüchen der beiden, so meine
funkelnde Haut gesehen hatten, daß es der Teufel gewesen sei, und
nahmen ihren Weg weiters.

Ich aber machte den Ranzen auf zu frühstücken und langte mit dem ersten
Griff einen Säckel heraus, in welchen dreihundert und etliche sechzig
Dukaten waren. Viel mehr erfreuete mich aber, daß ich den Sack mit
Proviant wohl gefüllet befand. Also zehrete ich bei einem lustigen
Brünnlein fröhlich zu morgen.

Solang mein Proviant währete, blieb ich im Wald, als aber mein Ranzen
leer worden, jagte mich der Hunger in die Baurenhäuser. Da kroch ich
bei Nacht in Keller und Küchen, nahm, was ich fand, und schleppte es
mit mir dahin, wo es am allerwildesten war. Noch stund der Sommer im
Anfang und ich konnte mit meinem Rohr Feuer machen.

Unter währendem diesem Herumschweifen haben mich unterschiedliche
Baursleute angetroffen, die seind aber allezeit vor mir geflohen. Also
ward ruchbar, der böse Feind wandere wahrhaftig in selbiger Gegend
umher. Derowegen mußte ich sorgen, der Proviant möchte mir ausgehen.
Ich wollte wieder Wurzeln und Kreuter essen, deren war ich aber nicht
mehr gewohnt.

Einsmals hörete ich zween Holzheuer. Ich ging dem Schlag nach, und als
ich sie sahe, nahm ich eine Handvoll Dukaten, schlich nahe zu ihnen,
zeigte ihnen das anziehende Geld und sagte: »Ihr Herren, wann ihr
meiner wartet, so will ich euch die Handvoll Gold schenken.«

Aber sobald sie mich und das Gold sahen, gaben sie Fersengeld und
ließen Schlegel und Keil samt ihrem Käs- und Brotsack liegen. Den nahm
ich, verschlug mich in den Wald und verzweifelte schier, wieder einmal
unter Menschen zu kommen.

Nach langem Hin- und Hersinnen gedachte ich meinen Schatz zu sichern,
derowegen machte ich mir aus meinen Eselsohren zwei Armbinden,
gesellete darein meine hanauischen zu den schnapphahnischen Dukaten und
arrestieret die Armbänder oberhalb den Ellbogen um meine Arme. Sodann
fuhr ich den Bauren wieder ein und holte von ihrem Vorrat, was ich
bedurfte und erschnappen konnte, jedoch so, daß ich niemals wieder an
denselbigen Ort kam.

Als ich zu Ende Mai wieder in einen Baurenhof geschlichen war, kam ich
in die Küche, merkte aber bald, daß noch Leute auf waren. Blieb demnach
mausstill sitzen und wartete. Unterdessen nahm ich einen Spalt gewahr,
den das Küchenschälterlein hatte. Ich schlich hinzu und sahe anstatt
des Lichts eine schweflichte, blaue Flamme auf der Bank stehen, bei
welcher sie Stecken, Besen, Gabeln, Stühl und Bänke schmierten und nach
einander damit zum Fenster hinaus flogen. Ich wunderte mich schröcklich
und empfand großes Grauen, weil ich aber größerer Schröcklichkeiten
gewohnt war, verfügte ich mich, nachdem sie alle abgefahren, in die
Stube und bedachte, wo ich etwas finden sollte. Satzte mich in solchen
Gedanken auf eine Bank rittlings nieder. Ich war aber kaum aufgesessen,
da fuhr ich samt der Bank gleichsam augenblicklich zum Fenster hinaus
und ließ meinen Ranzen und Feuerrohr vor den Schmierlohn und die
künstliche Salben dahinter.

Ich kam in einem Nu zu einer großen Schar Volkes, diese tanzten einen
wunderlichen Tanz, dergleichen ich mein Lebtag nie gesehen. Sie hatten
sich bei den Händen gefaßt und viel Ring ineinander gemacht mit
zusammengekehrten Rücken, also, daß sie die Angesichter hinauswarts
kehrten. Ein Ring tanzte um den andern links, der ander rechts herum
und würblete dermaßen, daß ich nicht sehen konnte, was sie in der Mitte
stehen hatten. Gleich seltsam war die Musik, welche eine wunderliche
Harmoniam abgab. Meine Bank hatte mich bei den Spielleuten
niedergelassen. Die hatten anstatt Flöten, Zwerchpfeifen und Schalmeien
nichts anderes als Nattern, Vipern und Blindschleichen, darauf sie
lustig daherpfiffen. Etliche geigten auf Roßköpfen, andere schlugen
Harfe auf einem Kühgerippe, wie solche auf dem Wasen liegen. Einer
hatte eine Hündin am Arm, deren leierte er am Schwanz und fingerte an
den Dütten. Darunter trompeteten die Teufel durch die Nase, daß es im
ganzen Wald erschallete. Wie der Tanz bald aus war, fing die ganze
höllische Gesellschaft an zu rasen, zu rufen, zu rauschen, zu brausen,
zu wüten und zu toben, als ob sie alle toll wären.

In diesem Lärmen kam ein Kerl auf mich dar und hatte eine ungeheuere
Krote unterm Arm, der waren die Därme ausgezogen und wieder zum Maul
hineingeschoppt.

»Sieh hin, Simplici, ich weiß du bist ein guter Lautenist, laß doch
ein Stückgen hören!«

Ich erschrak, daß ich schier umfiel, weil mich der Kerl mit meinem
Namen nannte. Ich sahe ihn mit seiner Krot steif an und er zog seinen
Nase aus und ein. Endlich stieß er mir vor die Brust, daß ich bald
davon erstickte, derowegen rief ich überlaut zu Gott. Im Hui war es
stockfinster und mir so förchterlich ums Herz, daß ich zu Boden fiel
und wohl hundert Kreuz vor mich machte.

Das neunte Kapitel

Demnach es etliche, und zwar vornehme, gelehrte Leute gibt, die nicht
glauben, daß Hexen und Unholden sein, als zweifele ich nicht, es werden
sich etliche finden, die sagen, Simplicius schneide hier mit dem
großen Messer auf. Mit denen begehre ich nicht zu fechten, dann weil
Aufschneiden jetziger Zeit fast das gemeinste Handwerk ist, als kann
ich nicht leugnen, daß ichs nicht auch könnte.

Welche aber der Hexen Ausfahren leugnen, die sollen sich erinnern,
daß Simon, der Zauberer, welcher vom bösen Geist in die Luft erhoben
ward, auf St. Petri Gebet wieder heruntergefallen. Weiters Nicolaus
Remigius
, ein gelehrter und verständiger Mann, so im Herzogtum
Lothringen nicht nur ein halbes Dutzend Hexen hat verbrennen lassen,
erzählet von Johann von Hembach, daß ihn seine Mutter, die Hexe war,
im sechzehnten Jahr seines Alters mit auf ihre Versammlung genommen.
Majolus setzet zwei Exempel: von einem Knecht, so sich an seine
Frau gehängt, und von einem Ehebrecher, so der Ehebrecherin Büchsen
genommen, sich mit deren Salbe geschmiert und also beide zu der
Zauberer Zusammenkunft kommen sein. So ist auch mehr als genugsam
bekannt, was Gestalt teils Weiber und ledige Dirnen in Böhmen ihre
Beischläfer des Nachts einen weiten Weg auf Böcken zu sich holen
lassen. Was Torquemadus in seinem Hexamerone erzählet, mag bei ihm
gelesen werden. Wie Doktor Faust neben noch andern mehr, die gleichwohl
keine Zauberer waren, durch die Luft gefahren, ist aus seiner Histori
genugsam bekannt.

Mag einer nun meine Geschicht glauben oder nicht, es gilt mir gleich,
doch wer's nicht glauben will, der mag einen andern Weg erfinden, auf
welchen ich aus dem Stift Hirschfeld oder Fulda in so kurzer Zeit ins
Erzstift Magdeburg marschiert sei.

Ich fange meine Histori wieder an und versichere den Leser, daß ich
auf dem Bauch liegen blieb, bis es allerdings heller Tag war, weil ich
nicht das Herz hatte, mich aufzurichten. Etliche Fouragierer weckten
mich auf und nahmen mich in das Läger vor Magdeburg, allda ich einem
Obristen zu Fuß zu teil ward. Dem erzählte ich alles haarklein und wie
ich von denen Kroaten entloffen wäre; von meinen Dukaten schwieg ich
still. Indessen sammlete sich ein Haufen Volks um mich, dann ein Narr
macht tausend Narren. Unter denselben war einer, so das vorige Jahr zu
Hanau gefangen gewesen. »Hoho,« rief er, »dies ist des Kommandanten
Kalb zu Hanau!« Der Obrist fragte ihn, der Kerl aber wußte nichts,
als daß ich wohl auf der Laute schlagen könnte, item daß mich die
Kroaten von des Obrist Corpes Regiment hinweggenommen hätten. Hierauf
schickte die Obristin zu einer andern Obristin, die auf der Lauten
spielen konnte, und ließ um ihre Lauten bitten. Solche ward mir
präsentiert mit Befehl, ich solle mich hören lassen. Ich aber meinte,
daß mein leerer Bauch nicht wohl mit dem dicken, wie die Laute einen
hatte, zusammenstimmen würde. Also bekam ich ziemlich zu kröpfen und
zugleich einen guten Trunk Zerbster Bier. Sodann ließ ich beides, die
Lauten und meine Stimme hören. Darunter redete ich allerlei, so daß ich
mit geringer Mühe die Leute dahin brachte, daß sie glaubten, ich wäre
von derjenigen Qualität, die meine Kleidung vorstellete. Der Obrist
fragte mich, wo ich weiters hinwollte, und da ich antwortete, daß es
mir gleich sei, so machte er mich zu seinem Hofjunker. Er wollte auch
wissen, wo meine Eselsohren wären.

»Ja, wann du wüßtest, wo sie wären,« sagte ich, »so würden sie dir
nicht übel anstehen.«

Ich ward in kurzer Zeit bei den meisten hohen Offizierern sowohl im
kur-sächsischen als im kaiserlichen Läger bekannt, sonderlich bei den
Frauenzimmern, welche meine Kappe, Ärmel und gestutzten Ohren überall
mit seidenen Banden zierten. Was mir aber an Geld geschenkt ward, das
verspendierte ich in Hamburger und Zerbster Bier an gute Gesellen.
Überall, wo ich nur hinkam, hatte ich genug zu schmarotzen.

Als meinem Obristen aber eine eigene Laute vor mich überkam, dann er
gedachte ewig an mir zu haben, da dorft ich nicht mehr in den beiden
Lägern so hin und wieder schwärmen, sondern er stellete mir einen
Hofmeister dar, der mich beobachten und dem ich hingegen gehorsamen
sollte. Dieser war ein Mann nach meinem Herzen, still, verständig,
wohlgelehrt, von guter Konversation und was das gröbste gewesen,
überaus gottesförchtig. Er war vordem eines vornehmen Fürsten Rat
und Beamter, aber von den Schwedischen bis in Grund ruiniert worden.
Er ließ sich bei diesem Obristen vor einen Stallmeister gebrauchen,
indem sein einziger Sohn unter der kur-sächsischen Armee vor einen
Musterschreiber dienete.

In der ersten Woche schon kam er mir hinter die Briefe und erkannte,
daß ich kein solcher Narr war, wie ich mich stellete, wie er dann vom
ersten Tag an aus meinem Angesicht ein anders geurteilet hatte, weil er
sich wohl auf Physiognomiam verstund.

Ich erwachte einsmals um Mitternacht und machte über mein Leben und
seltsame Begegnüssen allerlei Gedanken, knieet neben den Bette nieder
und erzählete danksagungsweise alle Guttaten, die mir mein lieber
Gott erwiesen, und alle Gefahren, daraus er mich errettet. Weil mein
Hofmeister mehr alt als jung war und die ganze Nacht nicht durchgehend
schlafen konnte, hörete er alles, tät aber, als wenn er schliefe und
redete nicht mit mir im Zelt hievon, weil es zu dünne Wände hatte;
wollte auch meiner Unschuld versichert sein.

Bei einer Gelegenheit fand er mich einsmals nach Wunsch an einem
einsamen Ort und sagte:

»Lieber, guter Freund, ich weiß, daß du kein Narr bist, wie du
dich stellest, zumalen auch in diesem elenden Stand nicht zu leben
begehrest. Ich will womüglich mit Rat und Tat bedacht sein, wie dir
etwan zu helfen sein möchte, so du zu mir, als einem ehrlichen Mann,
dein Vertrauen setzen willst.«

Hierauf fiel ich ihm um den Hals und erzeugete mich vor übriger Freude
nicht anders, als wann er ein Prophet gewesen wäre, mich von meiner
Narrenkappe zu erlösen. Nachdem wir auf die Erde gesessen, erzählete
ich ihm mein ganzes Leben. Er beschauete meine Hände und verwunderte
sich über beides: die verwichenen und künftigen seltsamen Zufälle,
so er aus meinen Händen las. Widerriet mir durchaus, daß ich mein
Narrenkleid ablegen sollte, dann er vermittelst Chiromantia sehe, daß
mir mein Fatum ein Gefängnis androhe unter Leibes- und Lebensgefahr. Er
wollte mein treuer Freund und Vater bleiben.

Demnach stunden wir auf und kamen auf den Spielplatz, da man mit
Würfeln turnieret und alle Schwüre mit hundert und tausend Galeeren,
Rennschifflein, Tonnen und Städtgräben voll herausfluchte. Der Platz
war ungefähr so groß als der Alte Markt zu Köln, überall mit Mänteln
überstreut und mit Tischen bestellt, die alle von Spielern umgeben
waren. Jede Gesellschaft hatte drei viereckichte Schelmenbeiner, denen
sie ihr Glück vertraueten. So hatte auch jeder Mantel oder Tisch einen
Schunderer, dessen Amt war zu sehen, daß kein Unrecht geschähe. Die
liehen auch Mäntel, Tische und Würfel her und erschnappten gewöhnlich
das meiste Geld, doch blieb es ihnen nicht, dann sie verspieltens
gemeiniglich wieder oder bekams der Feldscherer, weil ihnen die Köpfe
oft gewaltig geflickt wurden.

Alle vermeineten zu gewinnen, als hätten sie aus einer fremden Tasche
gesetzt, weil aber etlich trafen, etlich fehlten, so donnerten und
flucheten auch etlich und betrogen und wurden gesäbelt; war ein
Gelächter und Zähneaufeinanderbeißen. Etliche begehrten redliche
Würfel, andere führten unvermerkt falsche ein, die wieder andere
hinwegwurfen, mit den Zähnen zerbissen und darüber aus Zorn den
Schunderern die Mäntel zerrissen. Unter den falschen Würfeln befanden
sich Niederländer, die man schleifend rollen mußte, sie hatten spitze
Rücken, drauf sie Fünfer und Sechser trugen. Andere waren oberländisch,
denen mußte man die bayrische Höhe geben, wenn man sie werfen wollte.
Etliche waren aus Hirschhorn, oben leicht und unten schwer, andre
mit Quecksilber oder Blei, aber andere mit zerschnittenen Haaren,
Schwämmen, Spreu und Kohlen gefüttert. Etliche hatten spitze Ecken,
andern waren solche glatt hinweggeschliffen. Teils waren lange Kolben,
teils sahen sie aus wie Schildkrotten. Mit solchen Schelmbeinern
zwackten, laureten, stahlen sie einander ihr Geld ab.

Mein Hofmeister sagte: »Dieses ist der allerärgste und abscheulichste
Ort im ganzen Läger. Wann einer nur den Fuß hierher setzet, so hat
er das zehende Gebot übertreten: du sollst deines nächsten Gut nicht
begehren. So du aber spielest und gewinnst, sonderlich durch Betrug
und falsche Würfel, so übertrittst du das siebend und achte Gebot. Ja,
es kann kommen, daß du auch zum Mörder wirst aus äußerster Not und
Desperation. Ein jeder auf diesem Platze ist in Gefahr, sein Geld und
auch sein Leib, Leben und gar seiner Seelen Seligkeit zu verlieren.«

Ich fragte: »Liebster Herr, warum lassens dann die Vorgesetzten zu?«

Er antwortete: »Ich will nicht sagen darum, dieweil teils Offizierer
selbst mitmachen, sondern es geschiehet, weils die Soldaten nicht
mehr lassen wollen, ja, auch nicht lassen können. Dann wer sich dem
Spielen einmal ergeben, der wird nach und nach, er gewinne oder
verspiele, so verpicht darauf, daß er's weniger lassen kann als den
natürlichen Schlaf. Man siehet etliche die ganze Nacht durch und durch
raßlen und vor das beste Essen und Trinken hineinspielen und sollten
sie auch ohn Hemd davongehen. Es ist zu unterschiedlichen Malen bei
Leib- und Lebensstrafe verboten und auf Befehl der Generalität durch
Rumormeister, Profosen, Henker und Steckenknechte mit gewaffneter Hand
offentlich und mit Gewalt verwehret worden, aber das half alles nichts.
Also daß man, der Heimlichkeit zu wehren, das Spielen wieder offentlich
erlauben und gar diesen eigenen Platz darzu widmen mußte, damit die
Hauptwacht bei der Hand wäre. Ich versichere dich, Simplici, daß ich
willens bin, von dieser Materi ein ganz Buch zu schreiben, sobald ich
wieder bei den Meinigen zur Ruhe komme. Da will ich den Verlust der
edlen Zeit beschreiben, die man mit Spielen unnütz verbringet, nicht
weniger will ich die grausamen Flüche, mit welchen man Gott lästert,
und die Scheltworte erzählen, mit denen einer den andern antastet,
viel schröckliche Exempel und Historien einbringen, die sich bei,
mit und in dem Spielen zutragen. Und will nicht vergessen der Duell
und Totschläge, des Geizes, Zorns, Neides, Eifers, der Falschheit,
des Betrugs und Diebstahls und beides: der Würfel- und Kartenspieler
unsinnige Torheiten mit ihren lebendigen Farben abmalen und vor
Augen stellen, daß jeder Leser ein solch Abscheuen vor dem Spielen
gewinnen soll, als wann er Säumilch gesoffen hätte, welche man den
Spielsüchtigen wider solche ihre Krankheit unwissend eingibt.«

Das zehent Kapitel

Mein Hofmeister ward mir je länger, je holder und ich hingegen wieder
ihm, doch hielten wir unsere Verträulichkeit sehr geheim. Ich agierte
zwar den Narren, brachte aber keine grobe Zotten und Büffelpossen vor,
so daß meine Gaben zwar vielfältig genug, aber jedoch mehr sinnreich
als närrisch fielen.

So gab mir auch meines Herren Schreiber, ein arger Gast und
durchtriebener Schalk, viel Materi an die Hand, dadurch ich auf dem
Wege, den die Narren zu wandeln pflegen, unterhalten ward, indem mich
der Speivogel zu Torheiten überredete, die ich dann nicht allein vor
mich selbsten glaubte, sondern auch anderen mitteilte.

Als ich ihn einsmals fragte, was unseres Regiments Kaplan vor einer
sei, sagte er:

»Er ist der Herr Dicis-et-non-facis, das ist auf deutsch soviel als
ein Kerl, der andern Leuten Weiber gibet und selbst keine nimmt. Er
ist den Dieben spinnefeind, weil sie nicht sagen, was sie tun, er aber
hingegen saget, was er nicht tut. Hingegen sein die Diebe ihm auch
nicht gar so hold, weil sie gemeiniglich gehenkt werden, wann sie mit
ihm in Umgang kommen.«

Da ich nachgehends den guten ehrlichen Pater so nannte, ward er
ausgelacht, ich aber selber gebaumölt.

Ferner überredete er mich, es kämen von den Soldaten keine tapferen
Helden in den Himmel, sondern bloß einfältige Tropfen, Bernheuter
und dergleichen, die sich an ihrem Sold genügen ließen; auch keine
politischen Alamode-Kavaliers und galante Dames, sondern nur geduldige
Job, Siemänner, langweilige Mönche, melancholische Pfaffen,
Betschwestern und allerhand Auswürflinge, die der Welt weder zu sieden
noch zu braten taugen. Er überredete mich auch, daß man zu Zeiten mit
göldenen Kugeln schieße und je kostbarer solche wären, je größeren
Schaden pflegten sie zu tun. Ja, man führet wohl eh ganze Kriegsheere
mitsamt der Artollerei, Munition und Bagage in göldenen Ketten gefangen
daher. Weiters beschwatzete er mich von den Weibern, daß mehr als der
halbe Teil Hosen trügen, obschon man sie nicht sähe, und daß vielen
ihrer Männer Hörner auf den Köpfen gaukelten, als solche ehmals Aktäon
getragen, obschon die Weiber keine Dianen wären. Welches ich ihm alles
glaubte, so ein dummer Narr war ich.

Hingegen brachte mich mein Hofmeister in Kundschaft seines Sohns,
der, wie hiebevor gemeldet, bei der kur-sächsischen Armee ein
Musterschreiber war. Den mochte mein Obrister gern leiden und
war bedacht, ihn von seinem Kapitän loszuhandeln und zu seinem
Regimentssekretär zu machen. Mit ihm, welcher wie sein Vater Ulrich
Herzbruder hieß, machte ich Freundschaft, so daß wir ewige Brüderschaft
zusammen schwuren, kraft deren wir einander in Glück und Unglück, in
Liebe und Leid nimmermehr verlassen wollten. Nichts lag uns härter
an, als wie wir meines Narrenkleides mit Ehren loswerden und einander
rechtschaffen dienen könnten. Allein der alte Herzbruder verwarnte
uns: Wann ich in kurzer Zeit meinen Stand ändere, daß mir solches
ein schweres Gefängnis und Leib- und Lebensgefahr gebären würde. Und
gleicherweise prognostizierte er sich selbst und seinem Sohn einen
großen bevorstehenden Spott.

Kurz nachher merkte ich, daß meines Obristen Schreiber meinen neuen
Bruder schröcklich neidete, weil er vor ihm zu der Sekretariatsstelle
erhoben werden wollte. Ich sahe, wie er zu Zeiten griesgramete, wie ihn
die Mißgunst bedrängte und er in schweren Gedanken allezeit seufzete,
wann der den alten oder den jungen Herzbruder ansahe. Ich kommunizierte
meinem Bruder beides aus getreuer Affektion und tragender Schuldigkeit,
damit er sich vor dem Judas vorsehe. --

Weil es nun Gebrauch im Krieg ist, daß man alte versuchte Soldaten
zu Profosen machet, so hatten wir bei uns einen abgefeumten Erzvogel
und Kernbösewicht, der mehr als vonnöten erfahren war. Ein rechter
Schwarzkünstler, Siebdreher und Teufelsbanner, war er und von sich
selbsten nicht allein so fest als Stahl, sondern ein solcher Geselle,
der andere fest machen und noch darzu ganze Esquadronen Reuter ins Feld
stellen konnte. So gab es Leute, die gern mit diesem Wendenschimpf
umgingen, sonderlich Olivier unser Schreiber, um so mehr, als sich
dessen Neid gegen den jungen Herzbruder vermehrete.

Eben damals ward meine Obristin mit einem jungen Sohn erfreuet und
die Taufsuppe fast fürstlich dargereicht. Der junge Herzbruder
war aufzuwarten ersuchet worden und weil er sich aus Höflichkeit
einstellte, schiene solches dem Olivier die erwünschte Gelegenheit.
Dann, als nun alles vorüber war, manglete meines Obristen großer
vergöldter Becher, welcher noch vorhanden gewesen, da alle fremden
Gäste schon hinweg waren. Hierauf ward der Profos geholt, in der Sache
Rat zu schaffen und das Werk so einzurichten, daß nur dem Obristen
kund wurde, wer der Dieb war, weil noch Offizierer von seinem Regiment
vorhanden, die er nicht gern zu Schanden machen wollte, wann sich
vielleicht einer davon versehen hätte.

Weil sich nun jeder unschuldig wußte, so kamen wir alle lustig in des
Obristen Zelt. Als der Zauberer aber etliche Worte gemurmelt hatte,
sprangen dem einen von uns hier, dem andern dort ein, zwei, drei, auch
mehr Hündlein aus den Hosensäcken, Ärmeln, Stiefeln, Hosenschlitzen,
diese wusselten behend im Zelt hin und wieder herum, daß es ein recht
lustig Spektakul war. Mir aber wurden meine kroatischen Kälberhosen, so
voller junge Hunde gegaukelt, daß ich solche ausziehen, und weil mein
Hemd vorlängst im Walde am Leib verfaulet war, nackend dastehen mußte.
Zuletzt sprang den jungen Herzbruder ein Hündlein mit göldenem Halsband
aus dem Hosenschlitz und das verschlang alle andern Hündlein, ward aber
selbsten je länger, je kleiner, das Halsband nur desto größer, bis es
sich endlich gar in des Obristen Tischbecher verwandelte.

Da sagte der Obrist zu meinem Herzbruder:

»Siehe, du undankbarer Gast, ich habe dich zu meinem Secretario des
morgenden Tages machen wollen. Nun aber hast du mit diesen Diebsstücken
verdient, daß ich dich noch heut aufhängen ließe. Das auch unfehlbar
geschehen sollte, wann ich deinen ehrlichen, alten Vater nicht
verschonete. Geschwind, pack dich aus meinem Läger!«

Mein junger Herzbruder ward nicht gehört. Indem er fortging, ward dem
guten alten Herzbruder ganz ohnmächtig, daß man genug an ihm zu laben
und der Obrist selbst an ihm zu trösten hatte.

Sobald des jungen Herzbruders Kapitän diese Geschichte erfuhr, nahm er
ihm die Musterschreiberstelle und lud ihm eine Picke auf, von welcher
Zeit an er bei männiglich so verachtet ward, daß er sich oft den Tod
wünschete. Sein Vater aber bekümmerte sich dergestalt, daß er in eine
schwere Krankheit fiel und sich auf das Sterben gefaßt machte. Demnach
er sich ohndas prognostizieret, daß er den 26. Julii Leib- und
Lebensgefahr ausstehen müsse, verlangte er von dem Obristen, daß sein
Sohn noch einmal zu ihm kommen dörfte. Ich ward der dritte Mitgesell
ihres Leides. Da sahe ich, daß der Sohn keiner Entschuldigung bedörftig
gegen seinen Vater, der als weiser, tiefsinniger Mann unschwer ermaß,
daß Olivier seinem Sohn hatte das Bad durch den Profosen zurichten
lassen. Aber was vermochte er gegen den Zauberer! Überdies versahe
er sich des Todes und wußte doch nicht geruhiglich zu sterben, weil
er seinen Sohn in solcher Schande hinter sich lassen sollte. Es war,
versichert, dieser beiden Jammer so erbärmlich anzuschauen, daß ich
vom Herzen weinen mußte. Zuletzt beschlossen sie, Gott ihre Sache in
Geduld heimzustellen und auf Mittel zu gedenken, wie sich der junge
Herzbruder von seiner Kompagnia loswürken und anderwärts sein Glück
suchen könnte. Da mangelte es aber am Gelde und ich gedachte meiner
gespickten Eselsohren, fragte derowegen, wieviel sie zu ihrer Notdurft
haben mußten. Der junge Herzbruder meinte, mit hundert Talern aus
seinen Nöten zu kommen. Ich rief: »Hab' ein gut Herz, Bruder, ich will
dir hundert Dukaten geben!« -- »Bist du ein rechter Narr und scherzest
in unserer äußersten Trübseligkeit?«

Ich streifete mein Wams ab und melkete aus dem einen Eselsohr hundert
Dukaten, das Übrige behielt ich und sagte: »Hiemit will ich deinem
kranken Vater aufwarten.«

Da fielen sie mir um den Hals, küßten mich und wußten vor Freuden
nicht, was sie taten, wollten mir auch eine Handschrift zustellen, daß
sie mich um diese Summam samt dem Interesse hinwiederum mit großem
Dank befriedigen wollten, so ich aber nicht annahm, sondern mich in
ihre beständige Freundschaft befahl.

Hierauf wollte der junge Herzbruder verschwören, sich an dem Olivier zu
rächen oder darum zu sterben. Aber sein Vater verbot ihm solches und
versicherte ihn, daß derjenige, der den Olivier totschlüge, wiederum
vom Simplicio den Rest kriegen werde. »Doch,« sagte er, »ich bin
dessen wohl vergewissert, daß ihr beide einander nicht umbringen
werdet, weil keiner von euch durch Waffen umkommen soll.«

Der junge Herzbruder entledigte sich mit dreißig Talern, daß ihm sein
Kapitän einen ehrlichen Abschied gab, verfügte sich mit dem übrigen
Geld und guter Gelegenheit nach Hamburg, montierte sich allda mit zwei
Pferden und ließ sich unter der schwedischen Armee vor einen Freireuter
gebrauchen.

Das elfte Kapitel

Keiner schickte sich besser, dem alten Herzbruder abzuwarten, als ich,
so ward mir auch solches Amt von dem Obristen aufgetragen. Es besserte
sich von Tag zu Tag mit ihm, also daß er noch vor dem 26. Julii fast
wieder überall zu völliger Gesundheit gelangte. Doch wollte er sich
noch inhalten und krank stellen, bis vermeldter Tag, vor welchem er
sich merklich entsatzte, vorbei wäre.

Indessen besuchten ihn allerhand Offizierer von beiden Armeen, die
ihr künftig Glück von ihm wissen wollten, dann weil er ein guter
Mathematicus und Nativitätensteller, benebens auch ein vortrefflicher
Physiognomist und Chiromanticus war, ging seine Aussag selten
fehl. Er nannte sogar den Tag, an welchem die Schlacht vor Wittstock
nachgehends geschahe, sintemal ihm viel zukamen, denen um dieselbige
Zeit, einen gewalttätigen Tod zu erleiden, angedroht war.

Dem falschen Olivier, der sich gar däppisch bei ihm zu machen wußte,
sagte er ausdrücklich, daß er eines gewalttätigen Todes sterben müsse,
und daß ich seinen Tod rächen werde, weswegen mich Olivier folgender
Zeit hochhielt. Auch mein zukünftiges Leben erzählete er mir, welches
ich aber wenig achtete.

Als nun der 26. Julii eingetreten war, vermahnete er mich und einen
Fourierschützen, den mir der Obrist auf sein Begehren denselben Tag
zugegeben hatte, ganz treulich, wir sollten niemand zu ihm ins Zelt
lassen. Er lag allein darin und betete. Da es aber Nachmittag ward,
kam ein Leutenant aus dem Reuterläger dahergeritten, welcher nach des
Obristen Stallmeister fragte. Er ward zu uns und gleich darauf wieder
von uns abgewiesen. Er wollte sich aber nicht abweisen lassen, sondern
bat den Fourierschützen mit untergemischten Verheißungen, ihn vor den
Stallmeister zu lassen, als mit welchem er noch diesen Abend notwendig
reden müßte. Weil aber solches auch nicht helfen wollte, fing er an
zu fluchen, mit Donner und Hagel dreinzukollern und zu sagen, er sei
schon so vielmal dem Stallmeister zu Gefallen geritten und hätte ihn
noch niemals daheim angetroffen, so er nun jetzt einmal vorhanden sei,
so sollte er abermal die Ehre nicht haben, nur ein einzig Wort mit
ihm zu reden? Stieg darauf ab, ließ sich nicht verwehren, das Zelt
selbst aufzuknüpfen, worüber ich ihm in die Hand biß und eine dichte
Maulschelle davor bekam.

Sobald er meinen Alten sahe, sagte er:

»Der Herr sei gebeten, mir zu verzeihen, daß ich die Frechheit
gebrauche, ein Wort mit ihm zu reden.«

»Wohl,« antwortete der Stallmeister, »was beliebt dann dem Herrn?«

»Nichts anders,« sagte der Leutenant, »als daß ich den Herrn bitten
wollte, ob er sich ließe belieben, mir meine Nativität zu stellen.«

Der Stallmeister entgegnete: »Ich will verhoffen, mein hochgeehrter
Herr werde mir vergeben, daß ich demselben vor diesmal meiner Krankheit
halber nicht willfahren kann. Weil diese Arbeit viel Rechnens brauchet,
wirds mein blöder Kopf jetzo nicht verrichten können. Wann er sich aber
bis morgen zu gedulden beliebet, will ich ihm verhoffentlich genugsame
Satisfaction tun.«

»Herr,« sagte hierauf der Leutenant, »Er sage mir nur etwas dieweil aus
der Hand.«

»Mein Herr,« antwortete der alte Herzbruder, »dieselbe Kunst ist gar
mißlich und betrüglich, derowegen bitte ich, der Herr wolle mich damit
soweit verschonen, ich will morgen hergegen alles gern tun, was der
Herr von mir begehret.«

Der Leutenant wollte sich doch nicht abweisen lassen, sondern trat
meinem Vater vors Bette, streckte ihm die Hand dar und sagte:

»Herr, ich bitte nur um ein paar Worte, meines Lebens Ende betreffend
mit Versicherung, wann solches etwas Böses sein sollte, daß ich des
Herren Rede als eine Warnung von Gott annehmen will, um mich desto
besser vorzusehen. Darum bitte ich um Gottes willen, der Herr wolle mir
die Wahrheit nicht verschweigen!«

Der redliche Alte antwortete ihm hierauf kurz und sagte: »Nun wohlan,
so sehe sich der Herr dann wohl vor, damit er nicht in dieser Stunde
noch aufgehängt werde.«

»Was, du alter Schelm,« schrie der Leutenant, »solltest du einen
Kavalier solche Worte vorhalten dörfen!« Zog damit vom Leder und stach
meinen lieben alten Herzbruder im Bette zu Tode.

Ich und der Fourierschütz riefen alsbald Lärmen und Mordio, also daß
alles dem Gewehr zulief. Der Leutenant aber machte sich unverweilet auf
seinen Schnellfuß und wäre auch ohn Zweifel entritten, wann nicht eben
persönlich der Kurfürst von Sachsen mit vielen Pferden vorbei gekommen
wäre und ihn hätte einholen lassen. Als derselbe den Handel vernahm,
wandte er sich zu dem von Hatzfeld, als unserm General, und sagte
nichts andres als dieses:

»Das wäre eine schlechte Disciplin in einem kaiserlichen Läger, wann
auch ein Kranker im Bette vor den Mördern seines Lebens nicht sicher
sein sollte!«

Das war ein scharfer Sentenz und genugsam, den Leutenant um das Leben
zu bringen, gestalt ihn unser General alsbald an seinem allerbesten
Hals aufhängen ließ.

Aus dieser wahrhaftigen Histori ist zu sehen, daß nicht sogleich alle
Wahrsagungen zu verwerfen sein, wie etliche Gecken tun, die gar nichts
glauben können. Allein ich habe oft gewünscht und wünsche es noch, daß
mein lieber alter Herzbruder zu mir geschwiegen hätte. Dann der Mensch
kann sein vorausgesetztes Ziel schwerlich überschreiten, also auch ich
die unglücklichen Fälle, so er mir angezeiget, habe niemals umgehen
können. Was half mir, daß der alte Herzbruder hoch und teuer schwur,
ich wäre von edlen Eltern geboren und erzogen worden, da ich doch von
niemand anders wußte, als von meinen Knän und meiner Meuder! Item was
halfs dem Wallenstein, Herzog von Friedland, daß ihm profezeit ward,
er werde gleichsam mit Saitenspiel zum König gekrönt werden. Weiß man
nicht, wie er zu Eger ist eingewieget worden?

Das zwölfte Kapitel

Meine beiden Herzbrüder hatte ich verloren, das ganze Läger vor
Magdeburg war mir verleidet, ich ward meines Standes so müd und satt,
als wann ich's mit lauter eisernen Kochkesseln gefressen hätte.

Olivier, der Secretarius, welcher nach des alten Herzbruders Tod mein
Hofmeister geworden war, erlaubte mir oft mit den Knechten auf Fourage
zu reuten. Als wir nun einsmals in ein großes Dorf kamen, darin etliche
den Reutern zuständige Bagage logierte, und jeder hin und wider in die
Häuser ging, zu suchen, was etwan mitzunehmen wäre, stahl ich mich auch
hinweg und suchte, ob ich nicht ein altes Baurenkleid finden möchte.
Aber ich mußte mit einem Weiberkleid vorlieb nehmen, zog es an und warf
den Narrenhabit in ein Secret. In diesem Aufzuge ging ich über die
Gasse etlichen Offiziersweibern entgegen und machte enge Schrittlein.
Ich war aber kaum außer Dach, da mich etliche Fouragierer sahen und
besser springen lehrten. Sie schrieen: Halt! Halt! -- ich lief zu den
obgemeldten Offiziererinnen, vor denselben fiel ich auf die Knie und
bat, meine Jungfernschaft vor diesen geilen Buben zu schützen. Da ward
ich von einer Rittmeisterin vor eine Magd angenommen, bei welcher ich
mich auch beholfen, bis Magdeburg von den unseren eingenommen ward.

Die Rittmeisterin war kein Kind mehr, wiewohl sie noch jung war,
und vernarrete sich dermaßen in meinen glatten Spiegel und geraden
Leib, daß sie mir endlich nach lang gehabter Mühe und vergeblicher,
umschweifender Weitläufigkeit nur allzu deutsch zu verstehen gab,
wo sie der Schuh am meisten drucke. Ich aber, damals noch viel zu
gewissenhaft, tät, als wann ichs nicht merkte und ließ keine anderen
Anreizungen erscheinen, als solche daraus man eine fromme Jungfer
urteilen mochte. Der Rittmeister und sein Knecht lagen an derselben
Kränke wie die Rittmeisterin, dahero befahl er seinem Weibe, sie sollte
mich besser kleiden, damit sie sich meines garstigen Baurenkittels
nicht schämen dörfte. Sie tät mehr, als ihr befohlen war, und putzte
mich heraus wie eine franzsche Poppe, welches das Feuer bei allen
dreien noch mehr schürete. Ja, es ward endlich bei ihnen so groß, daß
Herr und Knecht eifrigst von mir begehreten, was ich ihnen nit leisten
konnte und der Frau selbst mit einer schönen Manier verweigerte. Und
weil die Rittmeisterin mich noch endlich zu überwinden verhoffte,
verlegte sie dem Manne alle Pässe und liefe ihm alle Ränke ab, also
daß er vermeinete, er müsse toll und töricht darüber werden. Einsmals
stund der Knecht vor dem Wagen, darin ich alle Nacht schlafen mußte,
klagte mir seine Liebe mit heißen Tränen und bat andächtig um Gnade und
Barmherzigkeit. Ich aber erzeigte mich härter als Stein und gab ihm zu
verstehen, daß ich meine Keuschheit bis in Ehstand bewahren wollte. Da
er mir die Ehe wohl tausendmal anbot, und ich ihm stets versicherte,
daß es unmöglich sei, verzweifelte er endlich gar, dann er zog den
Degen aus, satzte die Spitze an die Brust, den Knopf an den Wagen und
tät nicht anders, als wann er sich jetzt erstechen wollte. Ich sprach
ihm zu und gab ihm Vertröstung auf morgen frühe. So ward er content
und ging schlafen, ich aber wachte desto länger. Und ich befand,
daß meine Sache mit der Zeit nicht gut tun würde. Die Rittmeisterin
ward je länger, je importuner mit ihren Reizungen, der Rittmeister
verwegener mit seinen Zumutungen, der Knecht verzweifelter in seiner
Liebe. Ich mußte oft meiner Frau bei hellem Tage Flöhe fangen, nur
darum, daß ich ihre Alabasterbrüstlein sehen und ihren zarten Leib
genug betasten sollte, welches mir, weil ich auch Fleisch und Blut
hatte, zu ertragen stets schwerer fallen wollte. Ließ mich die Frau
zufrieden, so quälete mich der Rittmeister, und wann ich von diesen
beiden Ruhe haben sollte, so peinigte mich der Knecht. Also kam mich
das Weiberkleid zu tragen viel sauerer an, als meine Narrenkappe. Ich
steckte würklich in derjenigen Gefängnus, auch Leib- und Lebensgefahr,
als mein alter Herzbruder wahrgesaget hatte. Was sollte ich tun? Ich
beschloß endlich, mich dem Knecht zu offenbaren, sobald es Tag würde,
dann ich dachte, seine Liebesregungen werden sich alsdann legen.

Mein Hans ließ es gleich nach Mitternacht tagen, sein Jawort zu holen,
und fing an am Wagen zu rappeln, als ich eben am allerstärksten
schlief. Er rief etwas zu laut: »Sabina, Sabina, ah, mein Schatz,
stehet auf und haltet mir Euer Versprechen!« Also weckte er den
Rittmeister eher als mich, weil der sein Zelt am Wagen stehen hatte.
Ihm ward vor Eifersucht grün und gelb vor den Augen, doch kam er nicht
heraus, sondern stund nur auf zu sehen, wie der Handel liefe. Zuletzt
weckte mich der Knecht. Ich schalt ihn, er aber nötigte mich mit seiner
Importunität, aus dem Wagen zu kommen, oder ihn einzulassen. Wie ich
nun mit meinen aufgestreiften Ärmeln herabstieg, ward mein Hans durch
meine weißen Arme so heftig inflammieret, daß er mich mit Küssen
anfiel. Solches vermochte der Rittmeister nicht zu erdulden, sondern
sprang mit bloßem Degen aus dem Zelt, meinem armen Liebhaber den Fang
zu geben, aber der ging durch und vergaß das Wiederkommen.

»Du Bluthur, ich will dich lernen ...« mehrers konnte der Rittmeister
vor Zorn nicht sagen, sondern schlug auf mich zu, als wann er unsinnig
wäre. Ich fing an zu schreien, darum mußte er aufhören, damit er keinen
Alarm erregte, dann beide Armeen, die sächsische und die kaiserliche,
lagen damals gegeneinander, weil sich die schwedische unter dem Panier
näherte.

Als es nun Tag worden, gab mich mein Herr den Reuterjungen preis, eben
als beide Armeen aufbrachen. Das war nun ein Schwarm von Lumpengesind,
und dahero die Hatz desto größer und erschröcklicher. Sie eileten
mit mir einem Busch zu, ihre viehischen Begierden zu sättigen, wie
dann diese Teufelskinder im Brauch haben, wann ihnen ein Weibsbild
dergestalt übergeben wird. So folgten ihnen auch sonst viel Bursche
nach, die dem elenden Spaß zusahen, unter welchen auch mein Hans war.
Der ließ mich nicht aus den Augen. Er wollte mich mit Gewalt erretten,
und sollte es seinen Kopf kosten. Er bekam Beiständer, weil er sagte,
ich sei seine versprochene Braut. Solches war den Reuterjungen, die ein
besser Recht auf mich zu haben vermeineten, allerdings ungelegen. Da
fing man an Stöße auszuteilen, der Zulauf ward je länger, je größer,
ihr Geschrei lockte den Rumormeister herzu, welcher eben ankam, als
sie mir die Kleider vom Leibe gerissen und gesehen hatten, daß ich
kein Weibsbild war. Seine Gegenwart machte alles stockstill, weil er
mehr geförchtet ward als der Teufel selbst. Er informierte sich der
Sache kurz und nahm mich gefangen, weil es ein ungewöhnlich und fast
argwöhnisch Ding war, daß sich ein Mannsbild in Weiberkleidern sollte
finden lassen.

Ich ward zum General-Auditor geführt, der fing an mich zu examinieren.
Da erzählete ich meine Händel, wie sie waren, es ward mir aber nicht
geglaubt. Auch konnte der General-Auditor nicht wissen, ob er einen
Narren oder einen ausgestochenen Bösewicht vor sich hatte. Frage und
Antwort fiel so artlich und der Handel an sich selbst war seltsam.

Er hieß mich, eine Feder nehmen und schreiben, ob etwa meine
Handschrift bekannt oder doch so beschaffen wäre, daß man etwas daraus
abnehmen möchte. Ich ergriff Papier und Feder geschicklich und fragte,
was ich schreiben sollte. Der General-Auditor, der vielleicht unwillig
war, weil das Examen sich verzog, antwortete.

»Hei, schreib: deine Mutter, die Hur!«

Ich satzte ihm diese Worte hin, und sie machten meinen Handel nur desto
schlimmer, dann der General-Auditor glaubte jetzt erst, daß ich ein
rechter Vogel sei. Er fragte den Profosen, ob man mich visitiert, der
Profos antwortete: nein, dann mich der Rumormeister gleichsam nackend
eingebracht hätte. Aber ach, das half nichts, der Profos mußte mich
besuchen und fand meine beiden Eselsohren mit den Dukaten.

Da hieß es: was bedörfen wir ferner Zeugnus; dieser Verräter hat ohn
Zweifel ein groß Schelmstück zu verrichten. Warum sollte sich sonst
ein Gescheiter in ein Narrenkleid oder ein Mannsbild in Weiberkittel
verstellen, zu was End wäre er sonst mit einem so ansehnlichen Stück
Geld versehen? Saget er nicht selbst, er habe bei dem Gubernator zu
Hanau, dem allerverschlagensten Soldaten in der Welt, lernen auf der
Lauten schlagen? Was mag er sonst bei denselben Spitzköpfen vor listige
Praktiken gesehen haben! Der nächste Weg ist, daß man ihn auf die
Folter bringe!

Wie mir damals zu Mut gewesen, kann sich ein jeder leicht einbilden.

Aber eh man diesen strengen Prozeß mit mir ins Werk satzte, gerieten
die Schweden den Unsrigen in die Haare. Gleich anfänglich kämpften die
Armeen um den Vortel und gleich darauf um das schwere Geschütz, dessen
die Unsrigen stracks verlustig wurden.

Unser Profos hielt zwar ziemlich weit mit seinen Leuten und den
Gefangenen hinter der Battaglia, gleichwohl waren wir unserer Brigade
so nahe, daß wir jeden von hinterwärts an den Kleidern erkennen
konnten. Und als eine schwedische Eskadron auf die unsrige traf, waren
wir sowohl als die Fechtenden selbst in Todesgefahr, dann in einem
Augenblick flog die Luft so häufig voller singender Kugeln über uns
her, daß es das Ansehen hatte, als ob die Salve uns zu Gefallen wäre
gegeben worden. Davon duckten sich die Forchtsamen, als ob sie sich in
sich selbst hätten verbergen wollen, diejenigen aber, so Courage hatten
und mehr bei dergleichen Scherz gewesen, ließen solche unverblichen
über sich hinstreichen. Im Treffen selbst suchte jeder seinem Tode
mit Niedermachung des Nächsten, der ihm aufstieß, vor zu kommen. Das
gräuliche Schießen, das Gekläpper der Harnische, das Krachen der
Piken, das Geschrei beider: der Verwundeten und Angreifenden machten
neben den Trompeten, Trommeln und Pfeifen eine erschröckliche Musik.
Da sahe man nichts als einen dicken Rauch und Staub, welcher schien,
als wolle er die Abscheulichkeit der Verwundeten und Toten bedecken.
In demselben hörete man ein jämmerliches Wehklagen der Sterbenden und
ein lustiges Geschrei derjenigen, die noch voller Mut staken. Die
Pferde selbst hatten das Ansehen, als wenn sie zur Verteidigung ihrer
Herren je länger, je frischer würden, so hitzig zeigten sie sich in
dieser Schuldigkeit. Deren sahe man etliche unter ihren Herren tot
darniederfallen, voller Wunden, die sie unverschuldet in getreuem
Dienste empfangen hatten, andere fielen auf ihre Reuter und wurden
so von ihnen getragen, die sie bei Lebzeiten hatten tragen müssen,
wiederum andere, nachdem sie ihrer herzhaften Last, die sie kommandiert
hatte, entladen worden, ließen die Menschen in ihrer Wut und Raserei,
rissen aus und suchten im weiten Feld ihre einstige Freiheit.

Die Erde, die sonst alle Toten deckt, war damals selbst mit Toten
überstreut. Köpfe und Leiber lagen getrennt, etlichen hing in grausamer
und jämmerlicher Weise das Ingeweid heraus, andern war der Kopf
zerschmettert und das Hirn zerspritzt. Da sahe man die entseelten
Leiber ihres eigenen Geblüts beraubet und hingegen Lebendige mit
fremdem Blute begossen. Da lagen abgeschossene Arme, an welchen sich
die Finger noch regten, gleichsam als ob sie wieder in das Gedräng
wollten, hingegen rissen Kerle aus, die noch keinen Tropfen Blut
vergossen hatten. Dort lagen abgelöste Schenkel, die, obwohl der Bürde
ihres Körpers entladen, dennoch viel schwerer geworden waren. Da sahe
man verstümmelte Soldaten um Beförderung ihres Todes, hingegen andere
um Quartier und Verschonung ihres Lebens bitten. Summa summarum da
war nichts anderes als ein elender, jämmerlicher Anblick.

Die schwedischen Sieger trieben die Unsrigen, um sie mit ihrer
schnellen Verfolgung vollends zu zerstreuen. Mein Herr Profos ergriff
die Flucht und nötigte uns, samt ihm durchzugehen. Da jagte der junge
Herzbruder daher mit noch fünf Pferden und grüßte ihn mit einer
Pistole:

»Siehe da, du alter Hund, ist es noch Zeit junge Hündlein zu machen?
Ich will dir deine Mühe bezahlen!«

Aber der Schuß beschädigte den Profosen so wenig wie einen stählernen
Ambos.

»Oho, bist du der Haare,« rief mein Herzbruder, »ich will nicht
vergeblich dir zu Gefallen herkommen sein. Du mußt sterben und wäre dir
deine Seele angewachsen!«

Er befahl darauf einen Musketierer von des Profosen eigener Wacht, ihn
mit der Axt niederzuschlagen.

Ich aber ward erkannt, meiner Ketten und Bande entlediget und auf ein
Pferd gesatzt, das mein Herzbruder durch einen Knecht in Sicherheit
führen ließ.

Das dreizehnte Kapitel

Demnach die sieghaften Überwinder ihre Beuten teilten und ihre Toten
begruben, ermanglete mein Herzbruder, der durch Begierde der Ehre und
Beute sich hatte so weit verhauen, daß er gefangen ward. So erbte mich
sein Rittmeister, bei welchem ich mich vor einen Reuterjungen mußte
gebrauchen lassen.

Gleich hernach ward er zum Obrist-Leutenant befördert, ich aber schlug
ihm in den Quartieren die Lauten, im Marschieren mußte ich ihm den
Küraß nachtragen, welches mir eine beschwerliche Sache war. Dann
obzwar diese Waffen vor feindlichen Püffen schützen, so befand ich
an ihnen ein Widerspiel, indem unter ihrem Schutz auf meinem Leibe
eine Armada oder Heerhauf ausgebrütet ward, die ihren freien Paß und
Tummelplatz behaupteten, sintemal ich mit meinen Händen nicht unter
den Harnisch konnte, einen kleinen Streif unter sie zu tun. Ich hatte
weder Zeit noch Gelegenheit, sie durch Feuer, Wasser oder Gift (maßen
ich wohl wußte was Backöfen und Quecksilber vermöchten) auszurotten
und mußte mich mit ihnen schleppen, meinen Leib und Blut zum besten
geben. Endlich erfand ich eine Kunst, daß ich einen Pelzfleck um den
Ladestecken der Pistole wickelte, wenn ich dann mit dieser Lausangel
unter den Harnisch fuhr, fischte ich sie dutzendweis aus ihrem Vorteil,
es mochte aber wenig erklecken.

Einsmals ward mein Obrist-Leutenant kommandiert eine Cavalcada mit
einer starken Partei in Westfalen zu tun, und wäre er so stark an
Reutern gewesen, als ich an Läusen, so hätte er die ganze Welt
erschröckt, so aber mußte er behutsam gehen. Ich war damals mit meiner
Einquartierung auf höchste kommen und ich getraute meine Pein nicht
länger zu gedulden. Als teils die Reuter fütterten, teils schliefen und
teils Schildwacht hielten, ging ich abseits unter einen Baum, meinen
Feinden eine Schlacht zu liefern. Zu solchem End zog ich den Harnisch
aus, unangesehen andre einen anziehen, wann sie fechten wollen, und
fing ein solches Würgen und Morden an, daß mir gleich beide Schwerter
an den Daumen vom Blut troffen. So oft mir dieses Rencontre zu
Gedächtnus kommt, beißt mich die Haut noch allenthalben. Ich dachte
zwar, ich sollte nicht so wider mein Geblüt wüten, vornehmlich wider so
getreue Diener, die sich mit einem hängen und radbrechen ließen, aber
ich fuhr mit meiner Tyrannei unbarmherzig fort, daß ich nicht gewahrte,
wie die Kaiserlichen meinen Obrist-Leutenant chargierten, bis sie
endlich auch an mich kamen, meine Läus entsatzten und mich selbst
gefangen nahmen. Sie scheueten meine Mannheit gar nicht, mit der ich
kurz zuvor viel Tausend erlegt und den Titul des Schneiders »Sieben auf
einen Streich« überstiegen hatte. Mich kriegte ein Dragoner, und ich
mit ihm meinen sechsten Herrn, weil ich sein Jung sein mußte.

Unsere Wirtin wollte nicht, daß ich sie und ihr ganzes Haus mit meinen
Völkern besetzte, so machte sie ihnen den Prozeß kurz und gut, steckte
meine Lumpen in Backofen und brannte sie so sauber aus wie eine alte
Tabakpfeife.

Hingegen bekam ich ein neues Kreuz auf den Hals, weil mein Herr einer
von denjenigen war, die in Himmel zu kommen sich getrauen. Er ließ
sich glatt am Sold genügen und betrübte im übrigen kein Kind. Seine
ganze Prosperität bestund in dem, was er mit Wachen verdienete und von
seiner wochentlichen Löhnung erkargete. Ich und sein Pferd mußten ihm
sparen helfen. Davon kams, daß ich den trockenen Pumpernickel gewaltig
beißen und mich, wanns wohl ging, mit Dünnbier behelfen mußte. Wollte
ich aber besser futtern, so mußte ich stehlen, aber mit ausdrücklicher
Bescheidenheit, daß er nichts davon innewurde. Seinethalben hätte man
weder Galgen, Esel, Henker, Steckenknechte noch Feldscherer bedörft,
auch keinen Marketender noch Trommelschlager, die den Zapfenstreich tun
müssen. Sein ganzes Tun war fern von Fressen, Saufen, Spielen und allen
Duellen, ward er aber auf Convoi, Partei oder sonst einen Anschlag
kommandiert, so schlenderte er mit dahin, wie ein alt Weib am Stecken.

Ich hatte mich keines Kleides bei ihm zu getrösten, weil er selbst
zerflickt daherging. Sein Pferd war vor Hunger so hinfällig, daß sich
weder Schwede noch Hesse vor seinem dauerhaften Nachjagen zu förchten
hatten. Dieses alles bewegte seinen Hauptmann, ihn ins sogenannte
Paradeis, einem Frauenkloster, auf Salvaguardi zu legen. Dort sollte
er sich begrasen und wieder montieren. Auch hatten die Nonnen um einen
frommen und stillen Kerl gebeten.

»Potz Glück, Simprecht,« sagte er, dann er konnte meinen Namen nicht
behalten, »kommen wir gar in das Paradeis! Wie wollen wir fressen!«
Und wir fanden, was wir begehrten, daß ich in Kürze wieder einen
glatten Balg bekam. Dann da satzte es das fetteste Bier, die besten
westfälischen Schunken und Knackwürste, wohlgeschmack und sehr delikat
Rindfleisch, das man aus dem Salzwasser kochte und kalt zu essen
pflegte. Da lernte ich das schwarze Brot fingersdick mit gesalzener
Butter schmieren und mit Käs belegen, damit es desto besser rutschte,
und wann ich so über einen Hammelskolben kam, der mit Knoblauch
gespickt war, und eine gute Kanne Bier darneben stehen hatte, so
erquickte ich Leib und Seele und vergaß meines ausgestandenen Leides.

Das Glück wollte es wieder wettspielen, da mich ehebevor das Unglück
haufenweis überfallen hatte: dann als mich mein Herr nach Soest
schickte, seine Bagage vollends zu holen, fand ich unterwegs einen Pack
mit etlichen Ellen Scharlach, samt einem Sammetfutter. Das vertauschte
ich zu Soest bei einem Tuchhändler um gemein, grünwullen Tuch zu einem
Kleid samt Ausstaffierung mit dem Geding, mir das Kleid machen zu
lassen. Ich gab ihm auch die silbernen Knöpf und Galaunen vor ein Hemd
und ein Paar neuer Schuhe. Also kehrete ich nagelneu herausgeputzt
wieder ins Paradeis zu meinem Herrn zurück, der gewaltig kollerte, daß
ich ihm den Fund nicht zugebracht, und der Filz schamet sich wohl auch,
daß sein Junge besser gekleidet war als er selbst. Derowegen ritt er
nach Soest, borgte Geld auf seinen wochentlichen Salvaguardi-Sold und
montierte sich damit aufs beste.

Von dieser Zeit an hatten wir das allerfäulste Leben. Das Kloster
war auch von den Hessen, unserm Gegenteil, mit einem Musketier
salvaguadiert, derselb war seines Handwerks ein Kürschner und dahero
nicht allein ein Meistersänger, sondern auch ein trefflicher Fechter.
Damit er seine Kunst nicht vergäße, übte er sich täglich mit mir in
allen Gewehren, wovon ich so fix ward, daß ich mich nicht scheuete ihm
Bescheid zu tun, wann er wollte.

Das Stift vermochte eine eigene Wildbahn und hielt einen eigenen
Jäger. Weil ich nun grün gekleidet war, gesellete ich mich zu ihm
und lernete ihm denselben Herbst und Winter seine Künste ab. Solcher
Ursachen halber nannte mich jedermann »dat Jäjerken«. Mir wurden alle
Wege und Stege bekannt, was ich mir hernach trefflich zu nutz machte.
Bei üblem Wetter las ich allerhand Bücher, die mir der Klosterverwalter
liehe, und da die Klosterfrauen gewahr wurden, daß ich neben meiner
guten Stimme auch auf der Laute und etwas wenigs auf dem Instrument
schlagen konnte, weil ich zudem eine ziemliche Leibsproportion und
schönes Gesicht hatte, hielten sie alle meine Sitten, Wesen, Tun und
Lassen vor adelig und ich mußte unversehens ein sehr beliebter Junker
sein.

Da ward mein Herr abgelöst, was ihn auf das gute Leben so übel bekam,
daß er darüber erkrankte, und weil starkes Fieber darzu schlug, zumalen
noch die alten Mucken, die er sein Lebtag im Kriege aufgefangen,
hinzukamen, machte ers kurz und ward in drei Wochen hernach begraben.
Ich machte ihm die Grabschrift:

Der Schmalhans lieget hier, ein tapferer Soldat,
Der all sein Lebetag kein Blut vergossen hat.

Ich war damals ein frischer, aufgeschossener Jüngling, der seinen
Mann stellen konnte, also ward mir von meinem Hauptmann das Erbe
des Dragoners angeboten, wann ich mich an meines toten Herren Statt
anwerben lassen wollte. Das nahm ich desto lieber an, weil mir bekannt,
daß meines Herren alte Hosen mit ziemlichen Dukaten gespickt waren.

Allein dem Kommandanten zu Soest mangelte ein Kerl, wie ich ihm einer
zu sein dünkte, so unterstund er sich, mich noch zu bekommen, maßen
er meine Jugend vorwandte, und mich vor keinen Mann passieren lassen
wollte. Er schickte nach mir und sagte:

»Hör, Jägerken, du sollt mein Diener sein und meine Pferde warten.«

»Herr, wir sind nicht vor einander. Ich hätte lieber einen Herrn, in
dessen Diensten die Pferde auf mich warten. Ich will Soldat bleiben.«

»Dein Bart ist noch viel zu klein.«

»O nein, ich getraue einen Mann zu bestehen, der achtzig Jahre alt ist.
Der Bart schlägt keinen Mann, sonst würden die Böcke hoch aestimieret
werden.«

»Wann die Courage so gut ist, als das Maulleder, so will ich dich
passieren lassen.«

»Das kann in der nächsten Occasion probiert werden,« gab ich zu
verstehen. Und er ließ mich bleiben.

Hierauf anatomierte ich meines Dragoners Hosen, schaffte mir aus deren
Eingeweid noch ein gut Pferd und das beste Gewehr und ließ mich von
neuem grün kleiden, weil mir der Name Jäger beliebte. Also ritt ich
mit meinem Jungen selbander daher wie ein Edelmann und dünkte mich
fürwahr keine Sau zu sein. Ich war so kühn, meinen Hut mit einem tollen
Federbusch zu zieren wie ein Offizier, daher bekam ich bald Neider und
Mißgönner, und es satzte empfindliche Worte, endlich gar Ohrfeigen. Ich
hatte aber kaum einem oder dreien gewiesen, was ich im Paradies von dem
Kürschner gelernt hatte, da ließ mich nicht allein jedermann zufrieden,
sondern suchte auch meine Freundschaft.

Auf Partei warf ich mich wohl herfür, daß ich in kurzer Zeit bei Freund
und Feind bekannt und so berühmt ward, daß beide Teile viel von mir
hielten. Allermaßen mir die gefährlichsten Anschläge zu verrichten
und ganze Parteien zu kommandieren anvertraut wurden, griff ich bald
zu wie ein Böhme und, wann ich etwas namhaftes erschnappte, gab ich
meinen Offizierern so reich Part davon, daß ich selbig Handwerk auch an
verbotenen Orten treiben dorfte, weil mir überall durchgeholfen ward.

Der General Graf von Götz hatte in Westfalen drei feindliche
Guarnisonen übriggelassen zu Dorsten, Lippstadt und Coesfeld, denen war
ich gewaltig molest, dann ich lag ihnen bald hier, bald dort schier
täglich vor den Toren, und weil ich überall glücklich durchkam, hielten
die Leute von mir, ich könnte mich unsichtbar machen und wäre so fest
wie Stahl. Davon ward ich geförchtet wie die Pestilenz.

Zuletzt kam es dahin: wo nur ein Ort in Kontribution zu setzen war,
mußte ich solches verrichten, wodurch mein Beutel so groß ward als
mein Name. Meine Offizierer und Kameraden liebten ihren Jäger, die
vornehmsten Parteigänger vom Gegenteil entsatzten sich und den Landmann
hielt ich durch Forcht und Liebe auf meiner Seiten, dann ich wußte
meine Widerwärtigen zu strafen und die, so mir nur den geringsten
Dienst täten, reichlich zu belohnen, allermaßen ich beinahe die Hälfte
meiner Beuten verspendierte oder auf Kundschaft auslegte. Derhalben
entging mir keine Partei, kein Convoi, noch eine Reis' aus des
Gegenteils Posten, alsdann ich ihr Vorhaben durchkreuzte und allen
Anschlägen mit Glück begegnete. Darneben erzeigte ich mich gegen meine
Gefangenen überaus diskret, sodaß sie mich oft mehr kosteten als die
Beute wert war, sonderlich unterließ ichs nicht, denen Offizierern,
obschon ich sie nicht kannte, ohn Verletzung meiner Pflicht und
Herrendienste eine Courtoisie zu tun.

Durch solch ein Verhalten wäre ich zeitlich zum Offizier befördert
worden, wann meine Jugend es nicht verhindert hätte. Wer in solchem
Alter ein Fähnlein wollte, mußte ein Guter von Adel sein, zudem mein
Hauptmann an mir mehr als eine melkende Kuhe verloren hätte. Also
brachte ichs allein zum Gefreiten. Ich spekulierte Tag und Nacht, wie
ich etwas anstellen möchte, mich noch größer zu machen und konnte vor
solchem närrischen Nachsinnen oft nicht schlafen.

Das vierzehnte Kapitel

Ich muß ein Stücklein noch erzählen, das mir begegnet, eh ich wieder
von meinen Dragonern kam.

Mein Hauptmann ward mit etlichen fünfzig Mann zu Fuß nach
Recklinghausen kommandiert, einen Anschlag auf eine reiche Karawane
zu machen. Wir mußten uns in den Büschen heimlich halten, so nahm ein
jeder auf acht Tag Proviant zu sich. Demnach aber die Kaufleut, denen
wir aufpaßten, die bestimmte Zeit nicht ankamen, ging uns das Brot aus,
dahero uns der Hunger gewaltig preßte, dann wir dorften nichts rauben,
wir hätten uns damit selbst verraten.

Mein Kamerad, ein lateinischer Handwerksgesell, der erst kürzlich der
Schule entloffen, seufzete vergeblich nach den Gerstensuppen, die
ihm hiebevor seine Eltern zum besten verordnet, er aber verschmähet
und verlassen hatte. Und als er solcher Speisen gedachte, erinnerte
er sich auch seines Schulsacks: »Ach Bruder,« sagte er, »wärs nicht
eine Schande, wann ich nicht so viel Künste erstudiert haben sollte,
mich jetzund zu füttern? Wann ich nur zum Pfaffen in jenes Dorf gehen
dürfte, es sollte ein treffliches Convivium bei ihm setzen!«

Ich überlief die Worte ein wenig, ermaß unsern Zustand und machte einen
Anschlag auf unsern Studenten hin. Der Hauptmann willigte ein.

So wechselte ich meine Kleider mit einem andern und zottelte mit
meinem Studenten in weitem Umschweif, wiewohl das Dorf eine halbe
Stunde vor uns lag, auf die Kirche zu. Das nächste Haus bei ihr
erkannten wir vor des Pfarrers Wohnung, es stund an einer Mauer, die
um den ganzen Pfarrhof ging. Mein Kamerad hatte seine abgeschabten
Studentenkleidlein noch an, ich gab mich vor einen Malergesellen
aus, dann ich dachte diese Kunst im Dorf nicht üben zu müssen. Der
geistliche Herr war höflich, als ihm mein Gesell eine tiefe lateinische
Reverenz gemacht und einen Haufen dahergelogen hatte, was Gestalt ihn
die Soldaten auf der Reise ausgeplündert. Er bot dem Studenten ein
Stück Brot und Butter nebst einem Trunk Bier an, ich aber stellete
mich, als ob ich im Wirtshaus essen wollte und ihn alsdann anrufen,
damit wir noch ein Stück Weges hinter sich legen konnten. Also ging
ich, mich im Dorf umzusehen und hatte auch Glück, daß ich einen Baur
antraf, der seinen Backofen zukleibte, darin er große Pumpernickel
hatte, die vier und zwanzig Stunden sitzen und ausbacken sollten.
Demnach wußte ich genug und machte es beim Wirte kurz.

Da ich auf den Pfarrhof kam, hatte mein Kamerad schon gekröpft und dem
Pfarrer gesagt, daß ich Maler sei, willens meine Kunst in Holland zu
perfectionieren. Der Pfarrer hieße mich sehr willkommen und bat mich,
mit ihm in die Kirche zu gehen, da er mir etliche schadhafte Stück
weisen wolle. Ich mußte folgen, er führte mich durch die Küche, und
während er das Nachtschloß an der starken Eichentür aufmachte, die
auf den Kirchhof ging -- ominorum! -- da sahe ich, daß der schwarze
Himmel seiner Kuchelesse voller Lauten, Flöten und Geigen hing in
Gestalt von Schinken, Knackwürsten und Speckseiten. Trostmütig blicket
ich sie an, weil mich bedünkte, als lachten sie mir und ich erwog, wie
ich sie dem obgemeldten Ofen voll Brot zugesellen möchte. Allein der
Pfarrhof war ummauret, alle Fenster mit Eisengittern genugsam verwahrt
und so lagen auch zween ungeheure Hunde im Hof, welche bei Nacht
gewißlich nicht schlafen würden, wenn man dasjenige stehlen wollte,
daran auch ihnen zu nagen gebühret.

Wie wir nun in die Kirche kamen, von den Gemälden allerhand
diskurierten und mir der Pfarrer etliches auszubessern verdingen
wollte, ich aber Ausflüchte suchte, meinte der Meßner: »Du Kerl, ich
sehe dich eher vor einen verloffenen Soldatenjungen an, als vor einen
Malergesellen!« Ich antwortete: »O du Kerl, gib mir geschwind Pensel
und Farben, so will ich dir im Hui einen Narren gemalet haben, als du
einer bist.«

Der Pfarrer machte ein Gelächter daraus und meinete, es gezieme sich
nicht an einem so heiligen Ort, einander wahr zu sagen. Er ließ uns
beiden noch einen Trunk langen und also dahin ziehen. Ich aber vergaß
mein Herz bei den Knackwürsten.

Um Mitternacht kamen wir wieder ins Dorf und ich hatte sechs gute Kerle
ausgelesen, darunter meinen munteren Knecht Spring-ins-Feld. In aller
Stille huben wir das Brot aus dem Ofen, weil wir einen mithatten,
der Hunde bannen konnte. Da wir nun bei dem Pfarrhof vorüberwollten,
konnte ichs nicht übers Herz bringen, ohne Speck weiter zu passieren.
Ich wußte aber keinen andern Eingang als den Kamin, der sollte vor
diesmal meine Tür sein. Wir brachten Leiter und Seil aus einer Scheuer
zuwege, ich stieg selbander mit Spring-ins-Feld aufs Dach, welches von
Hohlziegeln doppelt belegt und zu meinem Vorhaben sehr bequem gebauet
war. Meine langen Haar wicklete ich zu einem Büschel über dem Kopf
zusammen und ließ mich mit einem End des Seils hinunter zu meinem
geliebten Speck. Band also einen Schinken nach dem andern und eine
Speckseite nach der andern an das Seil, was alles der andere fein
ordentlich zum Dach hinaus fischete und weitergab.

Aber, potz Unstern, da ich allerdings Feierabend gemachet hatte, brach
eine Stange, sodaß Simplicius hart hinunterfiele und das Seil riß,
ehe mich meine Kameraden vom Boden brachten. Ich dachte, Jäger, nun
mußt du eine Hatze ausstehen, in welcher dir selbst das Fell gewaltig
zerrissen wird werden, dann der Pfarrer war erwacht und befahl seiner
Köchin alsbald ein Licht anzuzünden. Sie kam im Hemd zu mir in die
Kuchen, hatte den Rock über der Achsel hangen und stund so nahe neben
mir, daß sie mich damit rührete. Sie griff nach einem Brand und hielt
das Licht daran und fing an zu blasen. Ich aber blies viel stärker zu,
davon das gute Mensch erschrak, daß sie Feuer und Licht fallen ließ und
sich zu ihrem Herrn retirierte.

Ich bedachte mich und wehrete meine Kameraden, die mir zu verstehen
gaben, daß sie das Haus aufstoßen wollten. Allein Spring-ins-Feld
sollte oben bleiben, die andern an das Gewehr. Inzwischen schlug der
Geistliche sich selber ein Licht an, seine Köchin aber erzählete
ihm, daß ein gräulich Gespenst mit zween Köpfen, davor sie meinen
Haarbüschel angesehen, in der Kuchen wäre. Das hörete ich, rieb mir
derowegen mein Angesicht mit Asche, Ruß und Kohlen, daß ich ohn
Zweifel keinem Engel mehr -- wie hiebevor die Klosterfrauen sagten --
gleich sahe und der Meßner mich wohl vor einen geschwinden Maler hätte
passieren lassen. Ich fing an in der Kuchen schröcklich zu poltern und
das Geschirr untereinander zu werfen. Den Kesselring hing ich an den
Hals, den Feuerhaken behielt ich auf den Notfall.

Solches ließ sich der fromme Pfaffe nicht irren, dann er kam mit
seiner Köchin prozessionsweis daher, welche zwei Wachslichter in den
Händen und einen Weihwasserkessel am Arm trug, er selbsten war mit
dem Chorrock bewaffnet samt den Stollen und hatte den Sprengel in der
einen und ein Buch in der andern Hand. Aus demselben fing er an, mich
zu exorcisieren, fragende: »Wer bist du und was willst du?« -- »Ich bin
der Teufel und will dir und deiner Köchin die Hälse umdrähen!«

Da fuhr er eifrig in seinem Exorcismo weiter fort und hielt mir vor,
daß ich weder mit ihm noch mit seiner Köchin nichts zu schaffen hätte,
hieß mich auch mit der allerhöchsten Beschwörung wieder hinfahren, wo
ich herkommen wäre. Ich aber antwortete mit ganz förchterlicher Stimme,
daß solches unmöglich sei, wannschon ich gern wollte. Indessen hatte
Spring-ins-Feld, der ein abgefäumter Erzvogel war und kein Latein
verstund, seine seltsamen Tausendhändel auf dem Dach, dann er hörete,
daß ich mich vor den Teufel ausgab, und mich auch der Geistliche also
hielt. Er wixte wie eine Eule, bellte wie ein Hund, wieherte wie ein
Pferd, blökte wie ein Geißbock, schrie wie ein Esel und ließ sich bald
durch den Kamin hinunter hören wie ein Haufen Katzen, die im Hornung
rammeln, bald wie eine Henne, die legen wollte, dann dieser Kerl konnte
aller Tiere Stimmen nachmachen. Solches ängstigte den Pfarrer und die
Köchin auf das Höchste, ich aber machte mir ein Gewissen, daß ich mich
vor den Teufel beschwören ließe.

Mitten in solchen Ängsten, die uns beiderseits umgaben, ward ich
gewahr, daß das Nachtschloß an der Tür, die auf den Kirchhof ging,
nicht eingeschlagen, sonder der Riegel nur vorgeschoben war. Ich schob
ihn geschwind zurück und wischte hinaus.

Wir liefen in den Busch, weil wir im Dorf nichts mehr zu verrichten
hatten. Dort erquickte sich die ganze Partei an dem, was von uns
gestohlen worden, und bekam kein einziger den Klucksen darvon, so
gesegnete Leute waren wir.

Also lagen wir noch zween Tage an selbigem Ort und erwarteten
diejenigen, denen wir schon so lange aufgepaßt hatten. Wir verloren
keinen einzigen Mann und bekamen dreißig Gefangene. Ich erhielt doppelt
Part, das waren drei schöne Frießländer Hengst mit Kaufmannswaren
beladen, was sie in Eil forttragen mochten. Wir retirierten uns mehrer
Sicherheit halber auf Rehnen.

Daselbst gedachte ich wieder an den Pfaffen, dem ich den Speck
gestohlen hatte, nahm einen Saphir, in einen göldenen Ring gefaßt, aus
meiner Beute und schickte ihn von Rehnen aus durch einen gewissen Boten
mit einem Brieflein an den Geistlichen.

»Wohlehrwürdiger usw. Wann ich dieser Tagen im Wald noch etwas zu
leben gehabt hätte, so wäre kein Ursache gewesen Euer Wohlehrwürden
ihren Speck zu stehlen, wobei Sie vermutlich sehr erschröckt worden.
Ich bezeuge beim Höchsten, daß Sie solche Angst wider meinen Willen
eingenommen, hoffe derowegen um Vergebung. Was den Speck anbelangt,
schicke ich derohalben gegenwärtigen Ring mit Bitte, Euer Wohlehrwürden
belieben damit Vorlieb zu nehmen. Versichere darneben, daß Dieselbe
im übrigen auf alle Begebenheit einen dienstfertigen und getreuen
Diener hat an dem, den dero Meßner vor keinen Maler hält, welcher sonst
genannt wird

                                    der
                                        Jäger.«

Dem Bauren aber schickte die Partei aus gemeiner Beute sechzehen
Reichstaler.

Von Rehnen gingen wir auf Münster und von dar auf Ham und heim nach
Soest in unser Quartier, allwo ich nach einigen Tagen eine Antwort von
dem Pfarrer empfing.

»Edler Jäger usw. Wann derjenige, dem Ihr den Speck gestohlen, hätte
gewußt, daß Ihr ihm in teuflischer Gestalt erscheinen würdet, hätte er
sich nicht so oft gewünscht, den landberufenen Jäger auch zu sehen.
Gleichwie aber das geborgte Fleisch und Brot viel zu teuer bezahlt
worden, also ist auch der eingenommene Schröcken desto leichter zu
verschmerzen, weil er von einer so berühmten Person ist wider ihren
Willen verursachet worden, deren hiemit allerdings verziehen wird, mit
Bitte, dieselbe wolle ein andermal ohne Scheu zusprechen bei dem, der
sich nicht scheut, den Teufel zu beschwören.

                                              ~Vale~!«

Also machte ichs allerorten und überkam dadurch einen großen Ruf.

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