I
Die kleine Stadt, in der das Institut war, lag an der Grenze von zwei Ländern, und der Fluß, der durch sie hindurchfloss, war die Grenze. Auf der einen Seite erhob sich ein Gebirge, dunkel und von großen Wäldern bedeckt, auf der anderen erstreckte sich eine ebene, fruchtbare Landschaft. Das Institut selbst, ein altes, großerartiges Gebäude, das in einem großen Park lag, war eine der besten Erziehungsanstalten des Landes, und die Söhne der besten Familien wurden dorthin geschickt, um für die militärische oder zivile Laufbahn vorbereitet zu werden.
Es war im Anfange des Wintersemesters. Die Tage waren schon kurz geworden, und wenn man am Nachmittag aus dem Klassenzimmer kam, lag ein feuchter, kühler Nebel über der Parkanlage, der die fernen Bäume wie graue Schatten erscheinen ließ. Törleß ging langsam; er hatte keine Eile, in den Studienraum zurückzukehren, wo seine Kameraden already mit den Vorbereitungen für den nächsten Tag beschäftigt waren.
Er war einer der jüngsten Zöglinge des Instituts, ein blonder, schmächtiger Knabe von sechzehn Jahren, mit großen, nachdenklichen Augen, die oft in einer Weise vor sich hinblickten, als sähen sie etwas, was den anderen verborgen blieb. Er war nicht besonders klug, wenn Klugheit die Fähigkeit bedeutet, sich schnell in den Dingen zurechtzufinden, die man ihm beizubringen versuchte; aber er hatte eine eigene Art, die Dinge ansehen, die manchmal auch die Lehrer verwunderte.
Sein Vater, ein hoher Beamter, hatte ihn in das Institut geschickt, weil es als die beste Anstalt ihrer Art galt, und weil er wollte, daß sein Sohn eine strenge, disziplinierte Erziehung erhielt. Die Mutter Törleß' war eine stille, sanfte Frau, die ihren Sohn sehr liebte und ihn ungern hatte gehen lassen. Sie hatte ihm beim Abschied eine kleine Photographie mitgegeben, die er in einem verborgenen Fach seines Schreibtisches aufbewahrte und die er manchmal, wenn er allein war, hervorholte und betrachtete.
Das Leben im Institut war streng geregelt. Am Morgen um sechs Uhr wurde geweckt, dann war Waschen und Anziehen, um sieben Uhr gemeinsames Frühstück, von acht bis zwölf Uhr Unterricht, dann Mittagessen, von zwei bis fünf Uhr wieder Unterricht, dann Abendessen und von acht Uhr an war Studierzeit. Um zehn Uhr mußte im Schlafzimmer Licht gelöscht sein.
In dieser Umgebung wuchs Törleß heran. Er hatte nicht viele Freunde; er war zu still und zu in sich gekehrt, als daß er leicht hätte Umgang finden können. Aber er war auch nicht unglücklich; er hatte eine Art von innerem Gleichgewicht, das ihn vor den gröbsten Exzessen der Verzweiflung oder der Freude bewahrte.
Es war in dieser Zeit, daß etwas geschah, was Törleß' ganzes Inneres erschüttern und ihn in eine Krise stürzen sollte, von der er erst nach langen, qualvollen Wochen wieder herausfinden sollte.
II
Es begann damit, daß der Zögling Basini, ein schöner, eleganter Knabe aus einer reichen Familie, beim Kartenspiel eine beträchtliche Summe Geld verlor. Basini, der gewohnt war, in Luxus zu leben und sich alles zu verschaffen, was er begehrte, hatte diesen Verlust nicht verschmerzt. Er hatte von einem seiner Kameraden, Reiting, Geld geborgt, um seine Spielschulden zu bezahlen, und als die Zeit kam, das Geld zurückzuzahlen, hatte er es nicht.
Reiting war ein großer, kräftiger Knabe mit einem offenen, fast rohen Gesicht und einem harten, bestimmenden Auftreten. Er war einer der Führer unter den Zöglingen, nicht wegen seiner Klugheit, sondern wegen seiner Entschlossenheit und seiner Fähigkeit, andere zu dominieren. Als Basini ihm das Geld nicht zurückgeben konnte, sah Reiting seine Chance gekommen.
Beineberg, der andere, der in diese Geschichte verwickelt war, war ein ganz anderer Typus. Er war klein, dunkelhaarig, mit schmalen, listigen Augen und einem Gesicht, das immer einen Ausdruck von überlegener Ironie trug. Er war der Sohn eines österreichischen Offiziers und einer indischen Mutter — wenigstens erzählte er das — und er tat so, als besäße er eine geheimnisvolle, östliche Weisheit, die ihm Zugang zu Dingen gab, die den gewöhnlichen Sterblichen verschlossen waren.
Törleß, der mit Beineberg und Reiting in einem Zimmer schlief, wurde Zeuge, wie die beiden beschlossen, Basini wegen seiner Schulden zu bestrafen — und diese Strafe sollte von einer Art sein, die über das Gewöhnliche weit hinausging.
III
Es war in der Nacht, als Törleß zum ersten Mal erfuhr, was mit Basini geschah. Er war im Halbschlaf, als er Stimmen hörte, die aus der Ecke des Zimmers kamen, wo Beinebergs Bett stand. Erst dachte er, es sei ein Traum; dann wurde er ganz wach und hörte deutlich Basinis Stimme, die leise, aber deutlich etwas sagte, was Törleß nicht verstehen konnte.
Törleß lag still und hörte zu. Sein Herz schlug schneller. Er wußte, daß Reiting und Beineberg etwas mit Basini vorhatten — er hatte Bruchstücke von Gesprächen aufgefangen —, aber er hatte sich nicht vorgestellt, daß es so etwas sein könnte.
Er stand leise auf und ging auf Zehenspitzen zu der Ecke. Was er sah, ließ ihn erstarrt stehen. Basini kniete vor Reiting, der auf dem Bett saß, und Beineberg stand daneben und lachte leise. Basini weinte; seine Schultern zitterten, und seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
Törleß konnte nicht verstehen, was gesagt wurde; aber er sah die Gebärden, die Haltungen, die Macht und die Unterwerfung, und etwas in ihm sagte ihm, daß er Zeuge von etwas war, das er nicht begreifen konnte, das aber ungeheuer wichtig war.
Er schlich zurück zu seinem Bett und legte sich hin. Aber er konnte nicht einschlafen. Die Bilder, die er gesehen hatte, tanzten vor seinen Augen, und eine Frage, die er nicht beantworten konnte, brannte in seinem Kopf: Was war das? Was bedeutete das? Warum taten sie das? Und warum konnte er es nicht verstehen?